Landschaften mit Staffage Prolog Ein irres Stammeln nur, Ein schüchtern Radebrechen! Wie glückte mir's, Natur, Dein Wesen auszusprechen! Du hältst mich weich im Arm Und neigst dich deinem Kinde; All seinen dunklen Harm Besprichst du ihm gelinde. Ich lausch' empor zu dir, Du Hohe, Milde, Traute, Nachlallend voll Begier Die halbverstandnen Laute; Magst du in Frühlingspracht Der eignen Schönheit staunen, In Sturm und Wetternacht Erhabne Sprüche raunen. Dann wieder lächelst du Und wandelst deine Bahnen, Und ohne Rast und Ruh Folg' ich in dumpfem Ahnen, Beglückt, in wachem Traum Mich dir so nah zu wissen Und deines Kleides Saum, O Mutter, dir zu küssen! Morgen am Ufer (Motiv am Gardasee) Wie der See so lachend ruht! Nicht ein Wellchen siehst du wallen. Gleich smaragdenen Kristallen Hellgeschliffen glänzt die Flut. Bis zum tiefsten Grund hinab Die erstaunten Augen gleiten. Ihre stummen Heimlichkeiten Lauschest du den Fischen ab. Leise atmend ruht dein Herz In der Morgenluft, der lauen, Auch im Busen magst du schauen Wie ein Spiel nur Lust und Schmerz; Während dir zu Häupten sacht Schwirrt im Ulmenbaum die Grille Und der Wohlklang dieser Stille Offnen Augs dich träumen macht. Auf der Höhe Hoch über dem Kloster Da schwebet ein Weih, Aus himmelhohen Lüften Er tut einen Schrei. Dicht unter dem Kloster, Wo der Ölwald sich senkt, Da grünet die Halde, Vom Gießbach getränkt. Da klettern die Ziegen Dem Berg um die Stirn. Einen Ölzweig in Händen Sitzt hütend die Dirn'. Sie schaut in die Ferne Weit über die Schluft; Ihr wehen die Haare In der spielenden Luft. Auf einmal da lacht sie Und tut einen Schrei; Hat nichts zu verkünden, Ruft niemand herbei: Schreit nur, daß die Stille Nicht sprengt ihre Brust, Wie der einsame Vogel Vor himmelhoher Lust. (Toscolano) Abendstimmung Nun versprühn die Strahlengarben, Dämmrung deckt die Höh'n und Tiefen. Todesbleich und aschefarben Sehn herüber die Oliven. Lautlos faltet schon zusammen Jeder Uferwind die Flügel; Der Zypressen dunkle Flammen Züngeln still empor am Hügel. Rings die Welt in falbem Lichte; Aus dem Laub nur dunkelhelle Leuchten noch wie Zauberfrüchte Der Orangen goldne Bälle. Grüßt mir, sanfte Zithertöne, Das Gesicht mit blassen Wangen, Das in mondenklarer Schöne Liebevoll mir aufgegangen! (Saló) In der Bucht Das Ufer ist so morgenstill, Noch kaum ein Fischlein springen will. Am Bänkchen schon, in Rohr und Ried, Ein Wäschermägdlein emsig kniet. O Jugendblut, kaum funfzehn Jahr, Verschlafen noch ihr Augenpaar, Das Röckchen dürftig, hochgeschürzt, Mit Singen sie die Zeit sich kürzt. »Am jüngsten Tag ich aufersteh' Und gleich nach meinem Liebsten seh', Und wenn ich ihn nicht finden kann, Leg' wieder mich zum Schlafen dann. O Herzeleid, du Ewigkeit! Selbander nur ist Seligkeit. Und kommt mein Liebster nicht hinein, Mag nicht im Paradiese sein!« Neuer Wein O Rebenhügel dicht gereiht Voll lachenden Sonnenscheines! Das ist die Zeit der Trunkenheit, Die Zeit des neuen Weines. Ein Mosthauch durch die Lüfte zieht Aus Kellern und Spelunken; Von jeder Kelter schallt ein Lied, Ein jedes Aug' sprüht Funken. Die Wagen schwanken hoch daher Mit vollen Traubenkufen; Das Ochsenpaar ist auch nicht mehr Ganz sicher auf den Hufen. Hast du den langen Storch gesehn? Er naschte vom jungen Weine. Nun kann er nicht mehr grade stehn Wie sonst auf einem Beine. Sogar das mürrische Borstentier Grunzt fröhlich in seiner Klause; Es dünkt sich wie ein König schier Beim üppigen Trebernschmause. Am tollsten lärmt das Spatzengeschlecht, Die Jungen wie die Ältern. Sie haben sich alle stark bezecht Und taumeln um die Keltern. Weg, altes Herz, mit Sorg' und Harm! Gib acht, nur über ein kleines Mitjauchzest du im trunknen Schwarm Das Lob des neuen Weines! (Am Rhein) Am Fluß Weiß um den Kiel die Woge spritzt, Das Frachtschiff fährt zu Berge. An Bord, sein Pfeifchen schmauchend, sitzt In guter Ruh der Ferge. Kein Lüftchen geht, kein Segel weht, Die Ruder sind eingezogen. Am Schleppseil ziehn das Schifflein stät Zwei Pferde gegen die Wogen. Und grüne Wiesen weit und breit – Die hungrigen Tiere keuchen. Sie schaun zur Seit' voll Lüsternheit, Schaum färbt Gebiß und Weichen. Dort auf der Wies' ein alter Gaul Nascht wählig saft'ge Spitzen. Vorzeiten war er auch nicht faul, Jetzt läßt er andre schwitzen. Vielleicht die eignen Söhne sind's, Die schnaufend ziehn vorüber; Doch tut er keinen Augenblinz Des Mitgefühls hinüber. Ein Pferdegreis braucht wahrlich nicht Uns Menschen zu beneiden. Gemütlos frei von jeder Pflicht, Kann er im Grünen weiden. Uns, wenn wir längst um eignen Schmerz Nur mäßig uns erhitzen, Klopft um die Kinder noch das Herz, Die im Examen schwitzen. Am Genfer See Abendlich verglühen still Dort die Berge von Savoyen. Schöner See, noch einmal will Ich an dir mein Herz erfreuen. Während sacht der Bahnzug fährt Auf der Höhe von Lausanne, Nach den Ufern hingekehrt Schwelgt mein Blick in deinem Banne. Vignen grünen tief hinab, Und das Laub der Feige schimmert; Spiegelklares Wellengrab, Leis von Purpur überflimmert. Nun Vevey, du trauter Ort, Schneeweiß, wie die Nuß im Kerne; Montreux' graue Dächer dort, Chillons Zwinger in der Ferne. Meiner Sehnsucht Traumgebiet, Liegst du vor mir duftumschleiert? Zauberwelt, in Sag' und Lied Von Unsterblichen gefeiert! Doch indes ich schau' entzückt, Wie die Höhn mit Gold sich krönen, Sitzen vor sich hin gebückt Zwei von Albions blonden Söhnen. Ihren Murray sehr vertieft Haben sie zur Hand genommen, Ob er's ihnen auch verbrieft, Heut in Bern noch anzukommen. Still empört wend' ich mich ab, Und auf einmal muß ich lachen: Pflegen wir's bis an das Grab Klüger mit dem Glück zu machen? Hast du nie der Gegenwart Gunst so lässig wahrgenommen, Gleich als wär' der Zweck der Fahrt, Überhaupt nur – anzukommen? Aus dem Mansardenfenster Schornsteine, Dächer weit und breit, Trostlose Ziegeleinsamkeit; Ein Kater, der auf Spatzen jagt, Kein grüner Halm – Gott sei's geklagt. Kein Menschenauge blickt herein, Kein lampenschimmernd Fensterlein. Ich bin um jeden Rauch vergnügt, Der kräuselnd einem Schlot entfliegt. Hoch ist's; doch morgen, sprach der Wirt, Wenn Nummer siebzehn reisen wird – – Da sieh! was blitzt vom Süden her? Ihr Götter! mein geliebtes Meer! Der Fund hat mich so froh erschreckt, Als hätt' ich einen Schatz entdeckt. Nun für den schönsten Saal im Haus Tauscht' ich mein Kämmerlein nicht aus. Und dort der Himmel, Stern an Stern, Die niedre Welt wie stumm und fern – Ach, nur ein Blick ins Ew'ge weiht Die ganze arme Menschlichkeit! (Genua) Abend auf der Heide Überm Moorgrund still und schaurig Wie der Tag so rot verglüht! Fern ein Vogel pfeift noch traurig, Heimwehbange, wandermüd. Nun die bleichen Nebel geisten Wie Gespenster heimatlos, Eilen nestwärts all die dreisten Waldestiere klein und groß. Nur der Hirsch, so scheu am Tage, Tritt hervor am Waldeshang, In dem ernsten Aug die Frage: Wird denn dir nicht heimwehbang? Weißt du nicht, daß jetzt in diesen Weiten böser Spuk beginnt? Wagst du's mit den Schattenriesen, Aberwitzig Menschenkind? Sieh, ich selbst, der Fürst der Heide, Ducke schauernd mein Geweih, Stürmt im grauen Zottenkleide Nachts der Nebelwolf vorbei. Schlürfend trinkt er aus den Lachen, Trabt dahin auf dunkler Spur, Und die Föhrenäste krachen, Und es bebt die Kreatur. Wehe, wer ihm kreuzt die Pfade! Eisig pfaucht sein Schlund ihn an. Siehst du? – dort! – daß Gott dir gnade! – – Pfeilschnell flieht der Hirsch vondann. (Aibling) Morgen nach dem Gewitter Der Sturm hat über Nacht gebraust, Wie der wilde Feind im Wald gehaust Mit frechem Hohn und Ungebühr, – Kein Hündlein jagte man vor die Tür. Wie schäumt der Bach so wild geschwellt, Vom Morgenzwielicht bleich erhellt! Er murrt, wie schlecht Gewissen tut; Was treibt dort auf der trüben Flut? Ein schwarzes Klümplein – nur ein Hund; Den riß der Sturm vom festen Grund. Er kläfft' ein Weilchen, ward dann stumm, Ließ alles treiben um und um. Er war noch jung, die Zähne blank, Die dichte Rute schwarz und schwank. Der Jäger wohl im Waldrevier Wird dich nun missen, wackres Tier! Des Weges wankt ein Greis daher, An Holz und Jahren trägt er schwer, Bleibt stehn, wie er das Tier erschaut, Und spricht: »Gibst auch mehr keinen Laut? Ha, dir ist wohl! Nicht alt, nicht krank, Und schon erlöst! Dem Sturm sag Dank. Gut' Nacht! Wollt' auch, 's wär' Schlafenszeit!« So schönen Grabspruch hält der Neid. Alpenfeuer Hinan, dem Gipfelfels Stieg er entgegen. Von seinem Hute troff Der graue Regen. Kaum ließ verdrossen er Die Augen schweifen, Da sollt' ein Sonnenblick Das Herz ihm streifen. Es kam ein Alpenkind Singend gegangen; Der Regen geißelt' ihr Flechten und Wangen. Und sie begegnen sich Auf Weges Mitten, Sind aneinander stumm Vorbeigeschritten. Doch kaum vorüber jetzt, Bleibt jedes stehen, Einmal verstohlen noch Sich umzusehen. Plötzlich entlodert da Ein Fünklein helle: Vier Lippen finden sich Mit Blitzesschnelle. Dann sie ins Tal hinab Und er zum Gipfel – Nun schüttle, Frühlingswind, Die Föhrenwipfel! Gießbäche, flößt zu Tal Geröll und Scheiter: Ein Brand ist angefacht, Der lodert weiter. Bittgang Im Sonnenfeuer lechzt die Flur, Versengt stehn Wälder und Almen, Verschmachten muß die Kreatur, Die Frucht verbrennt an den Halmen. Das Bächlein, das ihr Kühle gesandt, Verlernte fein muntres Rieseln; Es glüht und glastet Julibrand Über den staubigen Kieseln. Ein Bauer stapft entlang dem Rain, Ist einer von den Frommen Und flucht doch still in den Bart hinein; Da sieht er den Pfarrer kommen. Er zieht die Kappe und weist umher: Zugrund geht all der Segen. Hochwürden, das Gescheitste wär', Einen Bittgang tun um Regen. Der Pfarrer nickt: Ein fromm Gebet Tät not. Doch warten wir, Peter, Zwei Täglein noch. Einstweilen steht Zu hoch noch der Barometer. Die Tabaksmühle Dort unter den Weiden das windschiefe Dach, Da treibet ein Mühlrad der rauschende Bach Mit Rasseln und Raunen und lautem Taktak; Der Müller mahlt braunen Bresiltabak. Der beißet wie Pfeffer, durchbeizet die Luft; Weit stäubt aus dem Guckloch der würzige Duft. Die Kühe, die grasen vorbei mit Gebrumm Und schütteln die Nasen, weiß keine, warum. Die Krähen mit Husten umkrächzen das Dach, Es schnauben und prusten die Wellen im Bach. Ich ging durch die Wiesen, im Schilf saß ein Elf, Der hörte mich niesen und kichert': Gott helf! (Aibling) Vogelscheuche Es steht ein Mönch im Felde, Ist nur ein Mönchshabit. Die Stange schwankt im Winde, Die Kutte dreht sich mit. Wart! denkt der fromme Bauer, So schützen wir die Saat; Die Spatzen respektieren Den geistlichen Ornat. Die Spatzen denken: Mönchlein, Dein Beispiel fehlte noch. Ei, säst denn du und erntest, Und Gott ernährt dich doch? Hochsommer Im Föhrenwald wie schwüle! Kein Vogel singt im Feld. Das Reh aus grünen Schatten Sieht träumend in die Welt. Am Waldrand fährt ein Wäglein, Hat eben Raum für Zwei. Der Kutscher, das Pferd und die Peitsche Nicken schläfrig alle drei. Ein altes verstaubtes Leder Ist über den Sitz gespannt, Darunter ducken zwei Leutchen Geschützt vorm Sonnenbrand. Sie schaun sich an verstohlen Und fragen dem Schlaf nichts nach. Sie flüstern und lachen und kosen – Ei sage, was hält sie wach? Kurzes Gedächtnis Lustig vom Gebirg herab Tät' die Schenke winken. Eine trutz'ge Schöne gab Mann und Roß zu trinken. Schönes Kind wie heißest du? Fing ich an zu plaudern. – Non me ne ricordo più, Sprach sie ohne Zaudern. – Daß du schön bist, Hexe du, Daran denkst du immer. – Non me ne ricordo più; Spiegel ging in Trümmer. – Aber wie das Küssen tu', Hast du nicht vergessen? – Non me ne ricordo più; Ist's ein Ding zum Essen? – Ob sie es gelernt im Nu, Geht, sie selbst zu fragen. Non me ne ricordo più! Wird sie freilich sagen. Epilog Nur mit flinkem Stift umschrieben, Angetuscht mit leichten Tönen, Kaum ein Umriß ist geblieben All des farbenkräftig Schönen. Und vorbei noch schattenhafter Wird euch die Staffage gleiten, Ein im Schlendern aufgeraffter Haufe schlichter Menschlichkeiten. Doch des Malers Bild – gleich jenen Schwindet's bald ins Ungewisse. Sollten sich unsterblich wähnen Eines Schattens Schattenrisse?