Alte Fabeln mit neuer Anwendung 1773. 1. Der Hirsch sah sich im Bach: »Wie prächtiges Geweih! – Und ei, Wie dürre Beine! Sind sie auch meine?« Die Jagd klang nach; Nun auf die Beine! Die dürren Läuft' sind sein, Sie retten ihn; sein prächtiges Geweih Hängt im Gesträuch; Der Jäger hat ihn gleich. Verachte nicht Dein armes Sein, Dein Glück! Erhebe nicht den leeren Schein, Dein Unglück! Im Mangel, nicht im Ueberfluß Keimt der Genuß. 2. Der Löwe schlief und fuhr Im Schlaf auf ob dem gräßlichen Geschrei. »Ist Aufruhr In meinem Reich?« Er eilt herbei; 'S war Froschgeschrei. »Was lohnte mir's, die Kreischer zu zerbaxen? Es ist so schöner Tag; laß sie coaxen!« Kunstrichter! Ist im wärmsten Sommerpfuhl Geschrei wie dort Coax auf Euerm Richterstuhl? »Der König Löwe selbst soll's hören!« Ihr könnt ihn auch einmal im Mittagsschlafe stören; Doch seid getrost! er gönnt Euch Euern Pfuhl, Den Richterstuhl. 3. »Die Mäuslein sind zu sehr erschreckt; Sie bleiben, wo sie sind, versteckt, Und ich leid' Hungersnoth! Was gilt's, ich stell' mich todt! Ich kluge Frau Bin schlau.« Frau Katze sprach's und that's genau: Da lag ihr Kopf Und dort ihr langer Schwanz. »Bist doch ein Tropf, Hochweise Frau! Werd auch ein Sack! wir kennen Dich schon ganz.« Hochweise Frau, Jahrhunderts Toleranz! 4. Ein Bauer fand (es wintert' hart) Ein buntes Schlängelein, Von Frost erstarrt. »Das bring' ich nun den Kindern mein!« Und barg es in den Busen 'nein. Das Schlängelein Erwarmte fein, Und stach. Vertrau Du schönen Geistern Dich! Sie lohnen Dich Mit Natternstich. Verräther! Du, mit allen Deinen Musen Warst mir im Busen. 5. Auf einer Wildjagd war der Leu Und Ziege, Kuh und Schaf dabei; Sie theilen. »Theilet gleich!« »Das nehm' ich,« sprach der Leu, »König in meinem Reich! Dies! denn das Meist' hab' ich gethan! Das! will wer's, heb' er's an Mit mir!« »Großmächtigster, wir lassen Alles Dir.« Wozu die viele Müh? Tabakskram und Regie – Wozu die Namen? Geruhen, Sire, Sie, Nehmen's zusammen! 6. Ein altes, blindes Weib lag krank; Die Aerzte docterten sie lang', Und jeder nahm für jeden Gang Ein Stückchen Hausrath mit zum Dank. So ging's ein' Weile hin und her; Das Weib ward seh'nd, das Haus war leer. »Bezahlt uns nun für viele Kunst und Müh!« »Ach!« sagte sie, »Trotz meines neuen Angesichts, Ihr Herrn, seh' ich jetzt – nichts.« Der alte, blinde Mensch liegt krank, Ihr Herren doctert ihn so lang' Mit Syllogismus-Arzenei, Metaphysik, Politik bei, Und nehmt ihm allen Saft und Kraft, Und wo und wie er etwas schafft; Nun sieht er – Himmel, ei! – Kraft Euers neuen Angesichts, Ihr Herrn, sieht er nun – nichts! 7. Ein böser Hund fiel tief In eine Grube, rief Entsetzlich. Sieh, sein Herr hinein, Will helfen ihm. Der Tolle fällt Ihm ins Gebein Und bafft und bellt. Dem Philosophen neuster Art, Das ist, noch ohne Bart, Hilf ihm aus seiner Grube, Der Narrenstube – Er beißt und bellt. 8. Zwei Auerstiere ging der Löw' einst an; Sie standen zwei für einen Mann. Da ward nichts draus; Er ging nach Haus, Bis er sie jeden einzeln fand, Und überwand. Mein Vaterland, Deutschland! 9. Zwei Hirsche flüstern sich ins Ohr; Da streckt der Fuchs in allen Ehren Sein neubegierig Haupt hervor: »Darf ich auch hören?« »Wer will Dir's wehren? Wir haben gar nichts vor.« »Sie flüstern aber!« »Hat nichts zu bedeuten; Wir fürchten uns auf allen Seiten. Da horchet Ohr an Ohr.« Geheimnißvoller Thor! Und ob der wahre Tik Der großen spanischen Geheimniß-Politik Nicht immer Hirschesherz und Unentschlossenheit, Unwissenheit und Bangigkeit, Kurz, allerlei Vom lieben Nichts sei? 10. Der Hirsch wollt' einst ein Elend sein Und dehnt' sich und bekam – Quantsweis das böse Wesen. Wie einst in vielem Bardenkram Ausführlicher zu lesen. 11. Wer mit der Mittagssonne Pracht Sein Lämpchen Licht vermählt, Der dank' es sich, wenn ihm bei Nacht Sein kleines Lämpchen fehlt. Herr Philosoph, von allen Welten trunken Und auf der Seinen hier in öden Koth versunken, Mich dünkt, in Seinem Hirn glühn wunderbare Funken! 12. Ein junger Sklave war zuerst auf wilder See Und schrie und bebt' und wimmerte. »Steckt,« sprach der König, »ihn ins nasse Wellenhaus Und zieht ihn schnell heraus!« Sie thaten's. Stracks war all sein Wimmern aus; Sehr wohl bekam ihm nun sein trocknes Bretterhaus. Wer nie war krank, Weiß kaum für sein Gesundsein Dank. Dem Hungrigen ist Wermuth süß; Der Hölle dünkt die Erde Paradies; Dem Himmel dünkt die Erde Hölle; Dem Satten wird der Honig Ekels Quelle. 13. In jener goldnen Zeit, Da Thier' und Menschen vetterliche Schaaren Und Schwätzer und Gesellen waren, Und Aelterbruder Mensch ihr Vormund weit und breit, Ein Vormund mit Verstand und Lieb' und Treu: Er sah an Jedes Stirn, was in ihm sei, Und lenkt's an seiner Hand, wie Gott die Menschen lenkt, In Jedes eignem Hirn, daß Jeder denkt: »Wie bin ich frei!« Und Weisheit spielet' auf der Erde In Allem, was nur lebt und webt; Der Mensch empfand: »Was lebt und webt, Spricht, handelt mir, damit ich weise werde!« Und er erhebt Vor Allem sich empor und fühlt sich Gottesbild, Mit Vaters Blick und Wort erfüllt; »Daß,« spricht er, »mir die Erde Gehorsam werde, Begabet bin ich mit Verstand.« Stracks fiel sein Blick aufs irdische Gewand, Und wie verhüllt Des Vaters ewige Gewalt In Thiergestalt! »Damit ich,« sprach sein innres Mitgefühl, »Im großen Erdgewühl Mit Thieren Thier, von Allen Bruder werde, Ein Herr und Knecht der Erde!« Sieh, Mensch, der Fabel Ziel Und Amt und Bild: Dein Weisheitblick hat ohne Mitgefühl Sein Loos nur halb erfüllt. 14. Ein frostig Trauerspiel konnt' Geister dort verjagen; Ich kenn' ein wüthiges, das kann den Geist erschlagen. 15. Und sollt' in aller Welt denn auch kein Adler leben, Wer wird sich Eulen drum ergeben? 16. Denk nicht, der kleinste Busch sei, weil er klein ist, leer! Wie, wenn ein Tiger drinnen wär'? 17. Und regneten die Wolken Leben, Kein Weidenbaum wird Dir drum Datteln geben. 18. Ein Regen bringt Dir Blumen hier, Dort Dorn und Disteln für. 19. Das kleine, reine Schaf erwählte Gottes Hand, Unrein verworfen ward der große Elephant. Der kleinste Berg, Zion, Ward Gottes Thron. 20. Die Menschheit ist ein großer Leib voll Glieder; Fühlst Du Dich nicht in Deine Brüder, So fühlt in Dich sich Niemand wieder. 21. Dem, der Dich verehrt mit Grauen, Wolle ja nicht trauen! Weißest Du, warum die Schlange sticht? Weil sie Dich verehrt mit Grauen Und sich fürchtet, daß Dein Fuß ihr nicht Den Kopf zerbricht. 22. »Du singst, Frau Nachtigall (darum gefällst Du mir), Das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen,« So kam der Kuckuk an die Thür Der Sängerin sanft angesprochen. »Und ich darinnen folge Dir! Ich sing' auch kurze Zeit; warum? um schön zu singen. Ich folg' im Singen der Natur; Denn die Natur läßt sich mit Nichten zwingen; So lange sie gebeut, so lange sing' ich nur, Und wenn sie nicht gebeut, so hör' ich auf zu singen; Es möchte mir nicht mehr gelingen.« Ihr Dichterlinge, seid dem weisen Kuckuk hold! Singt nicht so lang' Ihr singen wollt; Macht selten Euch! Natur ist wenig Jahre hold. Soll Kuckukswitz die Welt entzücken, So singt, so lang' Ihr feurig seid, Und öffnet Euch mit Kuckuksmeisterstücken Den Eingang in die frohe Ewigkeit! 23. »O,« sprach die Nachtigall, »Herr Kuckuk, sing' Er nur, So lang' es Ihm beliebt! Er kennt nur eine Spur, Kuckuksnatur!« »Was?« sprach der Dichter, herb ergrimmt; »Und weiß Sie, daß mein Liedlein besser stimmt In schönem Reim und Rhythmus Und immer abgezähltem Fuß? Und Sie – wie man da construiren muß! – Ganz ungleichmäßig, sonder Commata Und Puncta – Ein wahrer Wirbelguß! Drum wird Sie auch mein' Tag' kein auctor classicus! « Schön Dank, Herr Kuckukkritikus! 24. Zerstreute hund- und hirtenlose Heerde, Weh Dir! da brüllt ein Leu. »Wo sind nun unsre Hirten? Ach, wie wir uns verirrten! Der sel'ge Hund, er war so treu Und stark dabei, Und wir ergaben, dumme Heerde, Dem Wolf ihn! Nun vorbei! Da kommt der Leu!« Ihr Deutsche, wo ist Euer Huß Und Sickingen und Hutten blieben? Sind aufgerieben! Der deutschen Freiheit Morgengruß! »Wir wollen unsre Rednerslust, Den Widder, an ihn senden; Er ist von guten Lenden Und breiter Brust Und bellt nicht so und treibt nicht so, Als Hund und Hirte thaten.« Deß seid Ihr wohlberathen, Deß werdet froh! Der Wollen-Cicero Trabt zitternd stolz entgegen Der brüll'nden Majestät. »Da will ich recht, hilft's Gott, mein Exercitium Als Rednerpatriot ablegen In omne saeculi futuri gaudium: ›Heil Dir, o König! Welche Erde Dich nur empfäht, Die weiht Dir Segen! – – Damit ich aber jetzt, o sanfte Majestät, Auf meine Heerde, Deretwegen Ich denn –‹« Löwens Angesicht Macht augenblicks ihn stumm. »Nun, Seine Heerde – Herr Demosthen, und weiter kann Er nicht Im Exercitium? Heraus nur! Seine Heerde Weiht Uns von ferne Segen Und will Uns nicht! Wir aber wollen sie Und geben Uns die Müh Und kommen, Unsern Segen Geruhend Höchst Wir selbst ihr nah vors Angesicht In Gnaden vorzulegen.« Schulciceronen Der neuen Rednerei An Rectorats- und Galatägen, In Redners Munde Heil und Segen, Musik dabei! Und auf Kathederthronen, Ihr Ciceronen, Seid Ihr nicht frei??? »Wend' Er Sich hinter Uns, Ambassadeur!« Und sieht ihn quer Erschrecklich an. Der Bock geht ohn' Beschwer Hinter ihm her. Der Leu schritt weiter hin. »Sieh, wie sie fliehn! Dazu nun, bärt'ger Herr, verschoneten Wir Ihn. Geh Er, und sag Er: Wir belieben, Daß sie sich nicht zerstieben, Und führ Er sie uns her!« Der Bock thut's ohn' Beschwer; Und sagt man, hat er sich hier mehr gebläht, Orator jetzt für Königs Majestät, Als einst für all sein Heer. Demosthenes und Cicero – Man sagt, sie machten's ohngefährlich so! Und Du, Frau Freiheitkaklerin Zu unsrer Zeit, kakl' immerhin! Der Löwe hört Dich nicht, Er spricht Dich nicht! Und wir in jubilo, Wir singen Löwens Angesicht Und sahn es nicht Und sehn es nicht, Wie einst Octavio Sein Freund und Zecher sang Io! Und er versteht uns nicht. Io! io! 25. Je schwächer, je rachsüchtiger! Die Biene flog zum Jupiter: »Der Mensch, o Allgewaltiger, Beraubet mich; Räche mich! Tod sei ihm jeder Stich!« »Der Tod sei Dir!« sprach Jupiter. »Dein Stachel habe Gift! Doch bleib' er, wo er trifft!« Du kleiner Rachsüchtiger Epigrammatiker, Sprich, welches kleine Epigramm, Je mehr es traf, Dir wohl bekam? 26. Ein stolzer Widder, seiner Heerden Schutzherr und Zier, Wollt' auch am Stier Zum Ritter werden. Wie ging's dem schönen Thier? Der Widder ward nachher der zwölfte Karl genannt, Der Stier war König-Elephant, Ein Berg voll Geist, der Erden in sich trug Und jenen Widder schlug. 27. Der Habicht schoß im schönsten Schall Der kleinen Nachtigall Hinab und biß sie todt. »Du schlechter Freund der Virtuosen!« Sprach König Aar. Der aber ward nicht roth: »Was? liebzukosen In Hungersnoth?« Was werden alle Musen neun Und Gott Apollo höchstmit sein, Wenn unsre Kinder Hungers schrein Und unsre Länder darben Und unsre Prasser starben? 28. Wasch Dich immer, schwarzer Mohr! Wirst Du weiß, so klügt der Thor. Du lern immer, dummer Thor! Wirst Du klug, so bleicht der Mohr. 29. Der Fuchs im Bildersaal: »O schönes Angesicht! Wie Schad', daß es nicht spricht!« Der Fuchs im Weibersaal: »O schönes Angesicht! Wie Schade, daß es spricht!« 30. Ein Berg, der kreisete; Die Erde bebete, Die Welt erwartete. Was kam heraus? Ihr wisset's: eine Maus! Wenn Därme voller Blähung sind, Was wird? Ihr sprecht: Prophetenwind. Doch immer was! Ihr aber, Kopf, Der wie ein Berg sich regt Und wie ein Bauch ergrimmt und rührt Und rüttelt Euren Topf Und demonstrirt! Was kommt heraus? Sieh, armer Tropf, Ein Q.E.D., was ich hineingelegt! Wie sich's gebührt, Wohl demonstrirt! 31. Nach Körnern scharrt' der Hahn Und fand ein Perlein. Sah es an: »Was soll ich nun mit Dir? Ein Träberkorn wär' nützer mir!« »Ein trefflich Buch! dem Autor Heil und Gruß! Doch – leider, daß ich's sagen muß! – Für uns Factoren, Des heil'gen Römerreichs Papier-Imperatoren Von wenigem Genuß. Ein Läufer der! – Schreib' Er mir einen Hübner, Herr! Muzelius! ein kritisches Journal!« Sie sangen All' in hoher Zahl: »Muzelius! Muzelius! Journal! Journal! Journal!« 32. »Nun, wie befindt man sich?« »Herr Doctor, wunderlich! In den Gedärmen –« »Ei, recht gut! So muß es gehn! Adieu! gesunden Muth!« – »Und heute, wie befindt man sich?« »Herr Doctor, jämmerlich! Kopfschmerzen! halbe Raserei!« »Ich bleib' dabei: Recht gut! Nur frischen Muth!« – »Und heute?« »Ach, ich kann nicht mehr! Hier! da!« »Er zagt zu sehr, Mein Freund! Das muß so sein!« Sieh, da kam Todespein. Das muß so sein! Der Doctor wiegt' ihn ein. Ihr Philosophen, Doctors Panacee, Wie heißt sie Euch? Theodicee! 33. Zusammen reisten Hund und Hahn; Die Nacht brach an. Der Hahn flog auf den Baum, Hund nahm vorlieb In einer Höhle Raum. Morgen brach an; Da kräht' der Hahn. Schnell schlich der Dieb, Herr Fuchs, heran: »Ihr' Hoheit, darf ich nahn?« »Frag unten,« kräht der Morgensänger Hahn, »Bei meinem Pförtner an!« Hund aus der Höhle Ihm an die Kehle. Ein treuer Hund, ein treuer Hahn, Compan! Am Wipfel oder in der Höhle Nur eine Seele. 34. Eine feine, glatte Maus Suchte sich in stolzer Jugend Eine Braut aus. Und wie jeder Freier begann, Fing sie hoch an: »Meine Braut, sie sei von Tugend, Schöne, Wärme, Wonne! Kurz, sie sei die Jungfrau – Sonne!« Eine Weile blieb sie stehn. »Hör es, hohe Jungfrau Sonne! Doch sie will es nicht verstehn, Ist so stolz, hm! und so warm Dünkt mich ihr im Arm. Laß sie! ich will weiter gehn. Die eben dort vorüberzieht Und ebenso wie ich die stolze Sonne flieht Und, wie ich merke, selbst die Sonne dämpft Und mit ihr kämpft – Sei, hohe Wolke, mir zur Braut In Deinem Schooß vertraut!« Die Wolke öffnet' ihren Schooß Und regnete drauf los. »Die hohe Braut ist naß, Ein leckes Faß!« Kurz, die klug gewaschne Maus Ging in ihr Loch Und sucht' sich eine Mäusin aus Und hat sie noch. Laßt ihn nur, den Brausewind! Er wird werden, was wir sind. Kein Herr Student Thut's minder als auf Präsident, Auf Leibarzt oder Suprint'dent; Zuletzt wird er wo Küster Oder Philister. 35. »Der Musen Liebling, hörest Du Dem Froschgesange zu?« »Ich suchte hier die Nachtigall.« »Hier in dem Fröschequall! Geh in die stille Mitternacht, Wo nur der Mond Am Himmel thront, Und Lieb' und Klage wacht! Da schlägt die Nachtigall Mit Engelschall.« »Ist doch in dem und dem Journal So nichts anitzt für meine Wahl.« »Und suchst Du denn für Deine Wahl Itzt etwas im Journal?« 36. »Die Sprudelbrunnen sollen Steuer geben; Die sanften Quellen fließen frei!« Heil ihm! ihm sei Ein langes Leben, Der so befahl! Die Jungfrauquelle ist das Himmelskind Genie, Das Gottoriginal, Das schenkt und tränkt Und aus sich selbst sich senkt Und fließt so stille. Dort aber jene Gassennymphe, die Aus Bacchusbäuchen fällt Und vor Palästen in Geländern bellt Und rauscht und röchelt – zinset sie! Es ist Monarchens Wille. 37. Der Löwe bat den Stier Zum Mahl. Er stellt sich ein. »Da brennet's hier, Und dort sind Kessel, und nichts drein! Gilt das auch mir?« Er läuft. »Das ist nicht fein,« Spricht Leu, »mein Mahl zu fliehn! Denn, Herr, ich präg's Ihm ein: Ohn' Ihn Ist gar kein Mahl!« und würgt ihn. Viel Dank für hohe Ehre, Die sonder meine Haut – nicht wäre. 38. Ursprung, Beschaffenheit, Zweck und Geschichte der Monarchie. Eine biblische, d.i. wahre Fabel. Ihr Männer, hört, daß Gott Euch höre! Die Bäume wollten sich zur Ehre Ein Königreich. Sie kamen Zum Oelbaum: »Baum, Sei unser König!« »Ich? Soll die Fette von mir weisen, Die Menschen itzt und Götter preisen, Und hingehn und, ein dürres Leben, Ueber den Bäumen schweben?« Sie kamen Zum Feigenbaum: »Sei unser König!« »Ich? Soll die Süße von mir weisen, Die Menschen itzt und Götter preisen, Und hingehn und, ein dürres Leben, Ueber den Bäumen schweben?« Sie wandten sich Zum Weinstock: »Baum, Sei unser König!« »Ich? Soll den Saft mir lassen rauben, Der in meinen vollen Trauben Menschen itzt und Gott entzückt, Tod und Trauer neu erquickt, Soll hingehn und, ein ödes, dürres Leben, Ueber den Bäumen schweben?« Ermüdet gaben Alle sich Dem Dornbusch: »Edler, hoher Baum, Sei unser König Du!« Und kaum Hört' Dornbusch es, so fühlt' er seinen Werth Und sprach, wie folgt: »Weil Ihr denn Mich, Wie Recht ist und wie sich's gebührt, Als Euren König ehrt Und gebet Euch in Meinen Schatten Und weiten Raum, Der Alles ziert Und Alle schützt und nährt, Die ehrfurchtsvoll sich ihm Ergeben hatten, Hinwiederum beweis' Ich Mich König! Geh, Feuerflamm', im Ungestüm Vom Dornbusch aus und beuge dort Die starren Cedern Libanus', Die sich entwurzeln nicht und kommen her Dem Könige zu Fuß!« Und wie's denn ohngefähr Hie oder dort, Spät oder früh In wohlgewählter Monarchie Ergehen muß. 39. »Ich dächt', Herr Fuchs, wir wären Beide,« Sprach König Aar, »gemacht zur Nachbarschaft. Er hat viel List, und ich viel Kraft! Sieht Er, ich wohne Da in der Krone, Und Er hienieden Im Loch in Frieden, Und geht Er aus, Vertrau Er mir nur Auf meine Königstreu (und schwöret Königsschwur) Sein kleines Haus!« Glück zu, Herr Fuchs, zu hoher Nachbarschaft! Er hat viel List, und Der viel Kraft. Vertrau' er nur Dem Schwur! Der Fuchs ist nicht zu Haus; Der König Aar hat keinen Schmaus. »Wir sind von Gottes Gnaden Zu Gast geladen In Nachbar Fuchses Haus Auf junge Füchselein Und speisen ihm in Gnaden Das Nest rein.« Der Vater kommt. »Ach nein! Das kann nicht sein! Sein hoher Schwur! – Und doch, Da frißt er noch! Da liegt noch ihr Gebein! O Jupiter! soll's ungerochen sein?« Verwaister, harre noch! Und nun erwach und sieh! Da fährt er früh Schon zum Altar Des Donnergottes selbst, raubt Flammen Und Fraß zusammen Und bläht sich: »König Aar!« Da weht Ein Sturmwind hinter ihm. Sieh, Aar, Dein Nest in Flammen! Sieh Deine Brut Versenkt, herabgeweht! Es fäht Sie Fuchses Rachen auf und kühlet seine Gluth In junger Adler Blut. Die Fabel, grausam, falsch und schlecht Und sonder Zweifel übertrieben, Ich fand sie alter Hand im neuen Buch geschrieben, Das hieß das Land- und Kirchenrecht! Das Buch war schön gedruckt, Geschrieben war sie schlecht. 40. »Wer unter Allen,« rühmt die Hündin sich, »Träget so kurz, gebiert so schnell als ich?« »Das,« grunzt das Schwein, »Kann sein; Allein Dein' Hündlein Sind Blind.« Herr Autor, wie der Wind Geschwind, Auch Er gebiert zur Messe fein Sein' Hündlein, Nur immer blind. 41. Ein Freigeist trat da zum Altar: »Apoll, was halt' ich dar In meiner Hand? Paar oder unpaar?« »Narr!« Brüllt das Orakel, »sieh!« Die Hand Fiel todt ihm in den Sand. Herr Bayle tritt da zum Altar Des lieben Herrgotts: »Ist's nicht wahr? Frei oder nicht frei. Frei, So bin ich, wie ich sei. Nicht frei, so –« Zwar Die Gottheit schwieg, doch ward sein Kopf so spitz. Herr Bayle hat viel Witz. 42. »Da lacht die wilde Blume, Und was ich mir zum Ruhme Hineingesät, Vergeht.« Freund, was die Mutter Erd' erzieht, Das blüht; Was Du der Aftermutter zwingest auf, Geht drauf. Ihr Regelndichter Und Künsterichter, Seit Ihr seid, Hat nichts Freud'; Verdorrt ist alles Land Durch Eure Hand. 43. Ein Esel dient' beim Gärtner. Da mußt' er Mit Kraut zum Markt, das ward ihm schwer; Er zog zum Töpfer. Der Esel dient' beim Töpfer. Hier schleppt' er Gar Winter durch und Sommer Noch schwerer; Und weh! zerbrach er Ein Töpfchen – armer Esel, Kriegst Prügel. Der Esel zog zum Gerber. »Weh mir! hier schlepp' ich leider Schon Leder meiner Brüder! Komm' nimmer los nun, nimmer. Ich seh', er schielt schon immer Nach meinem Leder.« Professor! große Pension! Nur mit Beding, daß Er mir nie Aus meinem Lande zieh'; Sein Fell steckt mit im Lohn. 44. »Herr Fuchs und Bock, was gilt's, Ihr springet Beide, Ihr durst'gen Herrn, zu diesem Brunn hinab!« Nun unten: »Kühler Trunk! sieh aber, welch ein Grab! Wie nun hinauf?« »Dem kleinen Leide,« Spricht Nachbar Fuchs, »hilft's bald sich ab. Herr Bock, Er leiht mir Seinen Rücken Und Hörner; ich spring' auf Ihm auf Und zieh' Ihn nach. So kommt Er mit hinauf.« Der Hörnerträger thut sich bücken; Fuchs springt und läuft davon den schnellsten, besten Lauf. »Herr Bock, wer hilft Ihm nun hinauf?« Was haben Sie nun für Geduld und Müh, Herr Hahnrei? Hörner haben Sie. Sie standen da so wohlgemuth und blind Und – sind noch, wo Sie sind. 45. Fuchs ging dem König Leu Zum ersten Mal vorbei Und zitterte zur Erden. Zum zweiten Mal, Der Reverenz wollt' keine werden; Er that nicht, was er ihm befahl. Nun noch einmal, Und wollt' am Bart ihm spielen, Mußt's aber fühlen! Herr Witzling, wer ist klein? Wer alle Welt So klein, als Er ist, hält. Kunstrichter, Schwätzer, Komiker, Ist auch ein größer Ding als Er? 46. Der Fuchs hatt' seinen Schwanz verloren. »Hört!« fing er an vor allen Ohren, »Ihr Brüder, hört, was soll der Schwanz? Bin ich ohn' ihn nicht ganz? Seht mich an! sehet Ihr?« »Ja, freilich sehen wir, Du kluges Thier, Woran es Dir gebricht; Sonst riethest Du's auch nicht!« Gehört zur Fabel Poesie? »Nein! denn mir fehlet die.« Gehört zur Fabel Witz? »Ja! denn die mein' ist spitz.« 47. In Wolfes Rachen steckt ein Bein. Chirurgus Kranich fährt hinein Und hat es glücklich schon. »Herr Wolf, mein Feldscheerlohn!« »Den hast Du,« sprach der Wolf, »Du Langhalsschnabel, schon; Denn, Herr, bei meiner Seele, Ihr wart mir in der Kehle.« »Herr Hofmann, Eure Pension Für so viel Sklavendienst; wo ist nun Euer Lohn?« »Freund, rechne mir's genug zum Lohne, Daß ich mit heiler Krone Hier wohne.« 48. »Zu Rhodus sprang ich hoch. Die Insel – glaubt es mir! –« »Ei, Narr, hier Rhodus, springe hier!« Dort unter Sternen machst Du Wind, Und bist auf Erden blind. 49. Ein Froschpfuhl trocknet aus; Die Herren müssen wandern Und finden keinen andern. Sie kommen an ein tiefes Brunnenhaus. »Da wär' ein Schmaus! Laßt uns hinein!« »Du Narr, und wie heraus?« Schlepp immer mit jetzt, kleiner Schwanz Der großen Allianz! 50. Ein Mönch, der Bücher seines Klosters Küster, Kam im Register Auf ein ebräisch Buch, das der Philister, Wie billig, nicht verstand. Er frägt den Prior: »Herr, wie wird das Buch genannt?« »Das ist,« antwortet Der, »denn auch nicht meine Sache; Doch weiß ich, ist's des lieben Gottes Sprache, Die allemal fängt hinten an.« Der Mönch begann: »Hier folgt ein Buch, das ich nicht lesen kann. Es ist, der Prior sagt's, des lieben Gottes Sprache, Die allemal fängt hinten an.« Der Mönch schrieb wahr Und nannt' in seinem Commentar Des lieben Gottes Schrift und Sprache Und Rath und That und gute Sache Weit richtiger als mancher Pfarr Und mancher Narr. 51. »Und ich bin doch Vornehmer noch Als Du, Frau Löwenkönigin!« Und trippelt vor sie hin. »Klein, als ich bin, Vermehre Zu meines Manns und meiner Kleinen Ehre Ich mein Geschlecht doch immerzu Jahrjährlich mehr als Du.« »Frau Hase,« sprach die Königin, »Gebär' Sie Hasen immerhin Und oft und viel und mancherlei Zu aller Hasen Ehre; Was einmal ich gebäre, Ist Leu.« Wie heißen doch, die alle Viertheil Jahr Wie Hasen hecken Und brüllen wie die Löwen gar Und Zähne blecken? Ei, Bibbeltheken! Scharteken! Und wie die semper Augusta- Hasenbrut Dich thut! 52. Zum kranken Huhn kam einst als Pfau Gekleidet Iltis. »Gute Frau, Wie steht's mit Ihr? Schlecht, wie ich seh'! Ist Schade! Vermag ich was kraft meiner Güt' und Gnade –« »Ach, gnäd'ge Frau, Nur eine Gnade! Verzeihen Sie, mir wird so weh, Wenn ich Sie seh'! « »Vertraut nur, Kinder, meinem Gouverneur All Eu'r Beschwer!« »Ach, gnäd'ger Herr, nur Eins beschwert uns sehr, Der Gouverneur!« Man dankt für Gnaden, Wenn man sie hat, Und mehr für Gnaden, Eh man sie hat. Dort ist die stumme Freude Dank, Hier macht die laute Gnade krank. 53. »Bezwungen ist mein Gegner Hahn, Freund olim und Kompan.« So flog der Hahn Zur Zinn' heran Und sang den Sieg der Welt, Als schnell ein Gei'r ihn Am Kamme hält. Du stolzer Narr, siehst immer unter Dich. Schau über Dich! 54. »Was fängst Du an, Du Thor? säufst einen Ocean, Zu jenem Stein zu kommen? Und schlürfest Du ihn denn auf einmal ein, Es ist ein Stein.« Jedoch in Mitte seiner Bahn, Dem Schlürfen und dem Ocean, Barst er zu seinem Frommen. Ein frühes Unglück, Allzeit ein Glück. Es spart Dir späte Reu' Und Schmach dabei. 55. Aus Lessing's Fabeln. Ein reicher Greis trug Tages Hitz' und Last Und tröstet' sich mit Salomo's Ameise. »Durch sie ward ich so weise. Dank Dir, daß Du's gesprochen hast!« Der es gesprochen, Salomo, Stand vor ihm. »So? Durch mich bist Du so weise? Geh noch einmal zu Salomo's Ameise Und iß, was Du erworben hast In Tages Hitz' und Last!« Eroberer und Dichter Und Weis' und Sittenrichter, Wem lehret, dichtet und erobert Ihr? Nicht Euch, nur Ihr. 56. Der Wolf (und grinzte voll Verdruß) Sprach: »Lamm, was trübst Du mir den Fluß?« »Ach, gnäd'ger Herr, es kommt ja mir Das Wasser nur von Dir.« »So hast Du mich vor Tag und Jahr Grausam belogen.« »Nein, fürwahr, Gestrenger Herr! denn damals war Ich noch nicht auf der Welt.« »So siehst Du doch das abgefretzte Feld; Wer hat denn das als Du gethan?« »Und bin ja ohne Zahn!« »Rechthabe!« sprach der Wolf und traf Mit Klauen auf das Schaf. Der Wolf lief fort und lief Und brach ins – – – iv Und fand viel Unrecht sich gethan Und wetzte seinen Zahn Und fand sich – – – So lang' gestohlen Und fand, daß – – – armes Schaf Ihm sein Fahrwasser trübt, Und ward ins Schaf verliebt, Und – gnäd'ge Straf'! – Er fraß das Schaf. 57. Ich will Euch erzählen ein Märlein. Ein Mütterlein Hatt' eine Wunderhenne, treu Und hold. Sie legt' ihr täglich Ein Ei Von Gold. Das Mütterlein freut des Dinges sich. Nun ist es ihr gewöhnlich, Nun will sie täglich Schon zwei, Schon drei. Die Henne bleibt dabei Und legt ihr Ei. »So warte, Thier, Ich will Dich kriegen! Was muß denn ihr Im Hintern, mit Respect zu sagen, liegen? Ohn' allen Zweifel ein Schatz von Gold, Ein Keim zu Gold; Den will ich kriegen.« Sieh, zum Dank Für vielgehabte Müh Im goldnen Eierlegen Schlachtet sie sie Und findet nichts Und hat nun nichts Ihr Leben lang. – – – – erpressen! – – – – fressen – – – – geschicht's! – – – – schlachtet frisch! – – – – Tisch – – – – findet nichts! – – – – hat nichts. 58. Als einst der Hahn noch Phöbusstimme sang, Hört, wie es ihm durch seiner Lieder Klang Gelang! In großer Gänseschaar Schwamm mit der Schwan, Und da es dunkel war (Und man Im Dunkel denn nicht sehen kann), Vergriff sich schon sein Pflegersmann, Und, lieber Schwan, Dir droht Unedler Tod. Der ahnende Prophet begann Sein Sterbelied. Es zieht, es zieht Zwar nicht Den Mond vom Himmel, aber zieht Den Gärtner aus der Nacht. Er sieht Mit klarem Angesicht: »Nein, edler Schwan (und ward des Irrthums roth), Du stirbst nicht Gänsetod.« Wann war das, daß der Schwan sang? Schon lang'. Und, Vetter Hans, Säng' Er auch heut, im Leben und im Sterben Und Brod- und Toderwerben Gölt' Er als Gans.