Antwort auf Goethe's »Felsweihegesang an Psyche« Nicht des verlebten Tages Zier, O Psyche, keine welke Rose Sei Traueropfer Dir Auf todtem Moose! Welch Opfer! welch Altar! und düster Die Gegend! und ein irrer Götzenpriester, Der diesen Fels erstieg und ungeweiht ihn sang Und frecher Hand ihm ein den Namen zwang Und traurig Opfer Dir befahl! O Psyche, sieh von Fels und Oed' einmal Gen Himmel! Wie er weit Und blau und schön sich wölbt und ohne Maaß und Zahl Umher die Strahlen Gottes streut Und alle Welt umfaßt und weit und breit Hier eine Hütte, dort ein kleines Thal Zu Elyseer Freuden weiht Und läßt den Felsen stehn! Und, Psyche, siehe dort, Wie Vögel hin zu fernen Himmeln ziehn Und finden – Trauerort Und – wohnen ihn! Und lassen aus den Winter toben Und lassen auf den Frühling blühn Und erst ein Laubdach sich um diese Wilde ziehn; Dann kommt mit Loben Des Herrn die Nachtigall Und füllt mit tausend neuem Schall Die schöne Wilde! Busch und Thal, Und Busch und Thal und Mitternacht Ist Lobgesang. – O Du, Dort an den Fels gelehnt, Du seufzend Mädchen, blicke Mit Deinem schwimmenden, zerflossnen Thränenblicke Nicht in die Ferne! Sie ist Nacht, Ist Nebel! Aber Himmelsnacht, O Mädchen, ist dem trüben Menschenblicke Nur Strahlennebel vorgewebet, Ruh Des Auges, daß dort ungesehn Die Palmen blühn. Und wenn Du nahst, und wenn die Nebel fliehn, Und hier der Morgen schön, O Psyche, schön erwacht, Sieh, welch Elysium erwacht! Dort an den Fels gelehnt, Du seufzend Mädchen, höre In Deiner Oede ferne Chöre Der Wehmuthslieb' und Trauersangs Wie süßer Saiten – süßen Klangs Der Thränen, wie, in Thränen Gebadet, dort von fernher fließt Die Lilie und Sehnen Umher ergießt! Wer seid Ihr Töne Der Trauerlustharf'? »Sind die Söhne Des edlen Nordens aus der Höhle Gekommen Ossian's, und sehnen Uns, suchen edle Seele Zu trösten?« An den Fels gelehnt, mein Mädchen geht Und suchet, wo sie weinend steht, Und tröstet ihre Seele! Und singet ihr den Jüngling, der ihr fern Und öder noch, wie! mit ihr lebt, Jetzt ansieht diesen Stern Der Liebe, schwebt Auf Mondstrahl hin – vom einzigen Seeletzten Hügel – im sterbenden, Schon matten Nachtigallensang. Ach! er ermattet mir Zum zweiten Male hier Nun wieder! wird er's abermal? Weissagerin, o Lila (Rosenduft Ist ihre Seel' und Mondesstrahl Aus andrer Welt und Engelthräne!), ruft Umsonst Dich, himmlische Gestalt, Mein Geist, und der dort um Dich wallt, Und Psyche klagend Dir zur Seite? – Ich irr' im matten Nachtigallenstreite, Wohin? in welche Welt? – Und bald – – O meine Psyche, nicht umarme Den wüsten Fels! er hört Dich nicht. Nicht wende Dein Gesicht Zum Nebel, daß der Steinkloß nicht Von einer Thrän' erwarme! Nimm auf das Saitenspiel Der Freud- und Hoffnungen! Wie sind der Saiten viel Und Töne viel auf ihm! und eine Welt Gefühl Des Lebens in ihm! Komm! Sei Gegenwart Der Sängerin des Lebens mir Durchs Leben! Weine nicht! und sieh, Wie, wo noch nichts hier blüht, sich bald ein Knöspchen Rose Voll Hoffnung offenbart! Die sende mir, die send' ich Dir, Das Knöspchen Hoffnungsrose! Dann opfr' ich sie! dann opfre sie Auf schönstem, kühlstem Wäldchenmoose Den Göttern – Psyche, Dir!