Bilder und Sprüche 1. Was schwingest Du mit Adlersblick Des Straußes schweren Flügel? Sieh Deinen Leib! er sinkt zurück Zum niedern Erdehügel. Der Himmel ist für Deinen Blick, Der Staub für Deinen Flügel. 2. Die Schwimmer Das Leben ist ein stürmisch Meer; Wir schweben hin, wir schweben her, Wir streben schwer durchs Leben! O Thor, so wirf die Bürden schwer, Die Sorgenbürden wirf ins Meer! Wie leichter, nacket sterben! 3. Was weilest Du im Erdgetümmel Unter der Wolke voll Sturm und Blitz? Spann auf die Schwingen! Ueber der Wolke Ist heitrer Himmel, Der Ruhe Sitz. 4. Das nackte Goldgebirge Als wenn auch Armuth, tief verhüllt, Nicht Edles bergen könnte! Sieh, jener Felsen, dürr und wild, Wenn er sein Gold Dir gönnte! 5. Caligula an Alexander's Bild Beschmitzest Du, o Weibermann, Den Heldenstein mit Gold? Dem rauhen Steine sieh es an, Was Du nachahmen sollt. 6. Leben der Götter und Weisen Warum die Götter selig leben? Sie brauchen nicht und können geben! Einst Sokrates im bunten Trödel spricht: »Was Alles darf ich nicht!« 7. Was da braust Der große Strom, wie rauscht er hehr Und tief und prächtig still zum Meer! Der Felsenstrudel, er braust ins Ohr; Denn unten guckt – nur Fels hervor. 8. Mondesgang Und wenn sie neidend hie und dort Dir Schatten würfen vor, Geh ruhig Deines Weges fort, Zum Himmel sieh empor! Die Königin ihr Licht verlor Und – wandelt fort! 9. Statuen Dies Götterbild, man betet's an, Den Künstler man vergißt! In Schriften lebst Du, großer Mann, Den lebend Hunger frißt. 10. Seelenquartier Wie Leib und Seele Sich so verschieden fügt! Die eine liegt In Moderhöhle, Die andre wie ein Engel fliegt. 11. Wenige Spannen drüber Was machst Du nieden im Volke Unter der Wolke Voll Sturm und Blitz? Spann auf die Schwingen! Ueber der Wolke Ist Himmelssitz. 12. Die alte und neue Weisheit Ein kleiner Bart, Und kann so fragen! Und wenn ich Dir nun Alles wollte sagen, Du Bärtlein zart, Wo Du's denn tragen? 13. Räthsel Ein kleines zart Luftvögelein Hat Knochen nicht noch Beinelein, Es schwebt am Himmel sonnenklar, Nährt sich vom Koth der Götter gar Und schwirrt und schwirrt ums blaue Rund Und kommt nicht wieder auf Erdengrund; Denn 's hat, gesagt, nicht Beinelein, Heißt Paradiesesvögelein, Trinkt Thau und lebt so sonder Müh. Ah! Hof-Esprit! 14. Der Witzling, wenn er alt wird Jung stach er witzig, schön umlaubt! Jetzt alt – o hüte Dich! Der Dorn im Winter ist entlaubt Zu starrem, blut'gem Stich. 15. Wahl der Dichtkunst Wirf weg die lydische Flöte, Die Dich verstellt! Und nimm die Laute der Tugend Und nimm die Harfe der Götter! Sie rührt, erhebt, gefällt. 16. Zwei Meinungen Ein trefflich Buch! Voll Höllenfluch! Und fleuchst Du nicht den Baum, wo schön Nur Sodomsäpfel stehn? 17. Deukalion und Zeno Der mächtige Deukalion Warf Menschen sich aus Stein; Und Zeno, edler Göttersohn, Schuf Menschen, freien, zarten Thon, Sich wiederum zu Stein. 18. Literatura Das Reich der Wissenschaft ist Flora's großem Reich, Voll Gras und Kraut und Blumen, gleich. Die kommen da, die bunten Auen Nur höflichst anzuschauen; Der reißt die Faust voll Kraut und Gras Und hat nun – was? Der dürret, presset sehr genau Sich – dürres Heu und Thau; Der Vierte gar possirlich ist, Sogar das Gras er frißt; Der tändelt, und Der spielet gern Mit Farben und Gerüchen, Für Damen und für Herrn Holt sich Bouquette nah und fern, Bis Blümlein all verblichen; Der kränzt sich, eia! selbst sein Haar; Der gräbt sich ein in Blumen gar Und modert in Gerüchen; Viel sind, sehr viel der Herren zwar, Dort, dort kommt eine andre Schaar, Schwirrt fröhlich hin zur Blumenau. Die Morgenröthe lacht; Die holden Bräute stehn im Thau Und duften süße Pracht! Die Bienlein laben sich im Thau, Verschmähen nichts auf weiter Au, Zerstören nichts, gehn gar genau, Sie rauben sanft; der süße Raub Wird Honig und war Blumenstaub. Sie schwirren fort – die Sonn' erwacht! Sieh, wie die Aue lacht! 19. Bei bösen Menschen und bei bösen Hunden scheue Das Schweigen mehr als ihr Geschrei! 20. Den Schrankenläufern steht der Kranz am Ziele, Den Weisheitskämpfern steht der Kranz im Tode. 21. Der Greis Für jeden andern Gott verloren, Leb' ich als Pflanze noch für Floren, Und wenn auch sie mich bald zerstäubt, Weiß ich, die Wurzel bleibt. 22. Stufen Wer lebt und wohl geneußt – die Götter werden ihn Zum frohen Mahle führen; Wer thut und froh entbehrt – die Götter werden ihn Zum Throne führen. 23. Anklagen Ein Thor, der klaget Stets Andre an. Sich selbst anklaget Ein halb schon weiser Mann. Nicht sich, nicht Andre klaget Der Weise an. 24. Wenn ich des Lebens mich nun satt gelebet habe, Der Feige kriecht – der Weise geht zum Grabe. 25. Das Gebet ans Schicksal Ich folge willig, wie Du mich, O Schicksal, wollest leiten; Denn folgt' ich nicht, was würde ich Als Zwang und Gram erbeuten? 26. Das Unsere und Fremde Was nicht in Deiner Macht, O Thor, das wünschest Du; Und was in Deiner Macht, Verlierst Du drüber – Ruh! 27. Das Leben Ein Gastmahl ist Dein Leben. Nimm, was Dir wird gegeben; Was nicht ist da, Was Dir nicht nah, Erbettle nicht, Erwarte, bis es Dir gegeben; Sei froh, und wenn die Nacht anbricht, Dann bange nicht, Steh freudig auf und danke für Dein Leben! 28. Das Gespräch A. Ich trat zu Sokrates in seinen Kerker ein – B. Wo Sokrates, da kann kein Kerker sein. 29. Würgen und Wahrheit sehn Ihr Könige, der König Adler traun Hat starke Klaun! Ihr Könige, der König Adler traun, Er kann auch schaun, zur Sonne kann er schaun! 30. Nachbarsarbeit Ha, trefflich Werk! wie zart und schön! Nur anzusehn, Anrühren nicht; Es bricht! 31. Tempel der Weisen Aegyptens Thierabgötterei Ist längst, o längst vorbei! Den Weisen bauen sie jetzt Tempel, Verehren drinnen zum Exempel – Und was denn? – Ei! Affen und Narren mancherlei. 32. Mit Vielem nichts Hofiret da So reich und kraus! – Heida! Wie nicht auf Mönchenpergament, Das A in bunte Züge rennt Und ist nur A. 33. Autor und Kritikus Der gute Autor nickt doch ein Mit seinem Augenpaar. Und Du, Herr Argus, überfein, Mit hundert Brillen gar, Du schnarchest ein. 34. Dichtkunst Verkehrte Welt! o Tugend, Wo Dein Gewinn? Am Himmel dichten Sie Sternvieh hin, Und unten im Erdenbauch An Pluto's Rauch Elysium! Hum! 35. Alte und neue Allegorie Durch Tugend in der Ehre Tempel! Ja, alter Welt Allegorie. Durch Goldkoth in der Ehre Tempel! So käuen jetzo sie. 36. Maler und Leser Nun, Herr, gebt auch ein Wort dabei! So sind wir mindstens Zwei. 37. Eingang Ich singe nicht für Phönix' letzte Jungen; Mein Schwänchen stirbt, wenn es hat ausgesungen. 38. Die Lebensalter Kindlein, Du genießest noch, Und weißt nicht. Jüngling, und Du hoffest doch, Und hast nicht. Aber, Greis, was soll Dein Streben, Bangen und Beben, Ewig zu leben? 39. Die Gleitbahn Die Wollust ist ein dünnes Eis; Wohl, wer hinüber zu gleiten weiß! 40. Geist und Herz Holde Musen, laßt zur Seiten Euch die Tugenden begleiten! Was der Geist erobert hat, Hat im Herzen Statt. 41. Das Lenken An Ohren faßt man leere Töpfe Und leere Köpfe. 42. Der kleine Fitzli Wie groß will nicht der kleine Fitzli sein! Er steigt auf einen Stuhl: »Heida! bin ich noch klein? Und bald will ich noch größer sein!« Er steigt auf einen Berg Und – ist ein Zwerg. 43. Philosophie Mich zu vergnügen, wie es sei, Sieh, das ist mir Philosophei. Mein Tagewerk ist abgethan, Wenn ich mich meiner Lebensbahn So nach gerade Entlade. 44. Musik Das Leben und die Leyer wird Durch weise Stimmung süß. 45. Schiffahrt Zur guten Schiffahrt brauchst Du Wind und Steuermann; Zum guten Leben dient Dir Glück und die Vernunft. 46. Talare hindern freien Gang, Reichthümer freie Seele. 47. Wie sich bei sanfter Zeit der Schiffer auf Stürme faßt, So fasse Du im Glücke Dich auf Unglück!