Züricher Bilder Springbrunn Das ist ein lustiger Springbrunn Im Mittagssonnenglanz, Glitzernde Tropfen tanzen Den silbernen Sonnentanz. Viel feuchte, leuchtende Funken – Das schimmert und rieselt und glüht – Der speienden Löwenhäupter Gerunzelte Stirne sprüht. Die Lindenblätter sich neigen Und fangen den spritzenden Tau. Am Becken kühlt und erquickt sich Die müde Taglöhnersfrau. Promenade In dieses grünen Parks Revieren Fließt milder Hauch von Baum zu Baum, Die jungen Mädchen gehn spazieren, Das Leben ist ein Liebestraum. An Tante Marlitt just ergötzt sich Die breite Bonne neben mir, Ein Greis in braunem Schurzfell setzt sich: Evviva Wurst und Lagerbier! Mit sorgenhaft vergrilltem Blicke Spazierstockt ein Rentier daher: »Auf nichts Verlaß! Die Welt voll Tücke! Die Kurse sinken immer mehr.« Ein Dutzend Kinder schlingt den Reigen, Der Springbrunn silberne Funken speit, Die Strahlen sprudeln, springen, steigen – O wunderschöne Jugendzeit. Am Brückenpfeiler dort zerschellen Die Fluten, gurgelnd rauscht es hohl, Ein Weib starrt trostlos in die Wellen Und seufzt: »Wie wär' mir drunten wohl!« Sie flieht den Strom mit leisem Stöhnen, Frech gafft ein Geck ihr ins Gesicht, Die Eisenhämmer drüben dröhnen, Der Qualm verschlingt das Sonnenlicht. »Sechsläuten« Altes Züricher Volksfest zur Feier des Frühlingsanfangs Heut haben sie den Winter verbrannt; In höllischen Flammen stand Der Tannzweighügel. Funken flogen Rosasprühend. Rauchwolken zogen, Schmutzgrau aufwirbelnd. Hoch auf der Stangen Die Puppen wollten nicht Feuer fangen. Aber jetzt ein Knall. Leuchtkugeln stiegen, Die Puppen huben an, sich zu wiegen, Von Glut gekrümmt und gefoltert, Nickten sie stumm sich zu – Lichterloh sind sie heruntergepoltert Und verkohlt im Nu. Um das Freudenfeuer im Kreise Zogen die »Zünfte« nach Ahnenweise, Zwar heut alles nur Spiel und Schein, Muß doch jährlich gezunftet sein. Meistens »bessere« Züricher Herrn, Die da mit Zange und Knieriem marschierten, Unter dem blauen Vergnügungsstern Sich gewerkschaftlich amüsierten. Käseblaß Schneiderlein neben mir, Eben mit Frau und Kind noch gekommen, Lächelte trüb ob der sauberen Zier Dieser fröhlichen Innungsfrommen. Und die »Schneider« schwangen die Scheren, Tanzten wie Ziegenböcke vorbei, Und den Amboß, den zentnerschweren, Schleppten der stattlichen »Schmiede« drei. »Bäcker« in mehlweißen Schürzen, Schulternd mit Brezeln und Brot, »Kaufherrn« mit Safran und Würzen Schlugen den Winter feierlich tot. »Wenn ich an meinem Amboß steh Und hämmre lustig drein« – Rot wehte der Flammberg in die Höh, Becken und Pauken schmetterten ein. Und das neugierige Publikum Bummelt' in hellen Haufen herum. Mädchenaugen noch einmal so keck, Verliebten Mäusen der wahre Speck. Schau! am Bäumchen zu meiner Seiten Lehnten zwei Schwestern – Halleluja! Da soll einen der Teufel nicht reiten – Nektar und Ambrosia! Äste prasselten laut zusammen, Grünlich ringelten sich die Flammen. Zu der fröhlichen Frühlingsmette Schimmerte hell die Alpenkette ... Lenzfrohes Lachen ... Teterete! Bekränzte Nachen tanzten im See ... Und die Züricher kreuzfidel Spritzten ins Feuer der Freuden Öl. Während der Mond aus blauen Fernen Silberglanz auf die Türme goß, Zogen die Zünfte mit Buntlaternen Einzeln herum zu Fuß und zu Roß. Immer von einem Zunfthaus zum andern Mit Musik marschierend im Schritte, Kommen und Holen, Reden und Wandern, Grüßen, Zutrinken nach alter Sitte. Freudenhäuser von vorn bis zuletzt Krabbeldicht alle Türen besetzt. Vier Polizisten leibwachten einen Epileptischen Trunkenbold, Kläglich fing der Mensch an zu weinen, Daß er mit auf die Wache sollt'. Aus allen Schenken Klaviergeklimper: »Ach, ich hab' sie ja nur auf die ...« Lärm und Geschrei. Harmonikaquieken, Gitarrengestümper ... So ging der Winterkehraus vorbei. Juchzer knatterten wie Raketen Durch die ganze geschlagene Nacht, Und von Trommeln und Trompeten Bin ich am Morgen noch aufgewacht. Venezianische Nacht auf dem Zürichsee Die Lampions gaukeln auf dem See, Laut zischen nach unten die sprühenden Garben, Das Glühlicht scheint wie Mondesschnee, Hellt weit die Flut vom hohen Quai, Bengalisch leuchten die Farben, Bis matt sie im Dunkel erstarben. Die Königin der Gondeln naht Langsam auf stolzem Spiegelpfad. Der Buntlaternen zauberisch Tor Spitzt diademisch sich empor. Darunter spielt die Stadtmusik Ein südlich Barkarolenstück. Leuchtkugeln steigen und neigen Ihr schön verscheidendes Haupt, Brandfrösche knattern im Reigen, Das Feuerrad schwirrt und schnaubt. Vom Ütliberg aufschimmert's hell, Mit Blenden grüßt das Kulmhotel. Mattblinkend winken Mond und Sterne Aus meeresdunkelblauer Ferne. Das ganze Ufer schwarzgedrängt Staunt in das rot-blau-grüne Spiel, Die Fahne des Vergnügens schwenkt Frau Neugier hoch am Vorderkiel. Verliebte Leute, Bräute, Greise Genießen laue Luft und Licht, Der eine jauchzt, der summt was leise, Der Dichter schaukelt sein Gedicht. Er ist so farbenlustberauscht, Er schaut in Wundertraum und lauscht, Wie all die kleinen Lichter hüpfen, Leuchtschlangen durcheinander schlüpfen, Wie nach dem Takt der Melodien Sie tanzen, kreisen, suchen, fliehn. Die schwarzen Zuschauer, die flimmernden Nachen, Er sieht sie mit Trauer, er sieht sie mit Lachen – Das springt empor bei japanischem Licht, Geistessprühfeuer bezaubert sie nicht. Aber wir alle freun uns am Schein ... Da schleift hochaufgedonnert pikfein Starrblickende Dirne vorüber, Sie lockt nicht der wellengespiegelte Schein, Zwanzig Fränkli wären ihr lieber. Ihre Hechtaugen spähen nach Beute, Ein günstiger Fangabend heute. Und hinter ihr an der Tochter Arm Tastet ein blinder Mann durch den Schwarm. Die Raketen platzen in seinem Ohr, Er träumt mit dem Auge, das er verlor. Sein Töchterlein muß ihm berichten Von den schönen, bunten Geschichten. Maimarkt Heut ist Jahrmarkt. Von den Buden Wehn knallrote Taschentücher, Abgefeimte Schacherjuden Recken ihre krummen Riecher Geiermäßig mit Geschrei In den lindengrünen Mai. Emmenthaler Käseriesen, Frischer Stiefel Lederduft ... Staub beweißt die jungen Wiesen, Krämerdunst verdickt die Luft. Wachstuch in den grellsten Farben: »Einen Franken für den Rest!« Blumenhüte, Rüschen, Barben – Bärbel, denk aufs Pfingstenfest! Rudolf, Baroneß Vetsera, Farbenblutdruckkatastrophen ... Firuli und Firulera Spielt die Orgel. Spitze Zofen Mit den Kleinen fürnehm eilen, Schrupperfeen gierig weilen. Ein Student zieht durchs Getriebe Mit der schwesterlichen Liebe. Die hat immer was nach hinten, Maiprinz Amor lädt die Flinten. Aus des Busens Knopfsaum wedelt Rotverführerisch ein Zipfel, Da wird auch was eingefädelt, Angebändelt, liebgemädelt ... Wollust weht der Lindenwipfel. Vielliebchen Schweigend in dem Schwarm der Schreier, Schneebleich in der »Blauen Fahne« Mit dem schwarzen Trauerschleier Sitzt die schöne Kurtisane. Leicht den Schleier von den Lippen Schiebt die feierliche Schöne, Vielgeliebte Lippen nippen Bockbier beim Musikgedröhne. Zu des Walzers wilden Takten Zucken zarte, kleine Füße, Auf die feinen, florbeflaggten Wangen perlt des Lächelns Süße. Aber schnell in ihre Grübchen Scheucht sie die Verräter wieder, Ernsthaft, ernsthaft senkt Vielliebchen Jüngferlich die Augenlider ... »Troupe internationale« Mit der seidenschwarzen Flügelhaube, Mit dem offenherzigen Purpurmieder, Eine adlerhafte Turteltaube, Singt sie zündende Revanchelieder. Schluchzend Klagen dringen, Wie sie wühlend klingen! Jauchzend wogt's zum Schluß, Und sie wächst beim Singen, Wächst zum Rachegenius. Voll begleitende Akkorde Wogen noch eine Weile hin ... Gorgo dräut unversöhnt, »Bis, bis!« und »Bravo« dröhnt Der hochstämmigen Elsässerin. – Keck auf das Podium hüpft, die noch eben Still memoriert, Kaum aus dem Kind geschlüpft, aber das Leben Längst schon probiert; Die vollendet blühenden Beine Gibt das flatternde Röckchen frei, Rezitativisch quiekst die Kleine Ihre geriebene Pariserei. – Jetzt die Graziöse wiegt den Kopf Und lächelt links und rechts Mit wundervollem, blondem Zopf Dickmaschigen Geflechts. Sie trägt ein russisch Rosakleid Mit schweren Perlenketten, Ihr Atlasfüßchen weckt den Neid Der bunten Amoretten. Der Schalk springt aus den Augen ihr Und tanzt von Tisch zu Tisch. Wahrhaftig! Jetzo zwinkt sie mir Verflucht verführerisch. – Plump watschelt die fette Ente Krumm vor das Auditor, Vermummt die eminente Zinnobernase vor. Sie mimt den Vetter Trunkenbold, Den alten Korporal, Sein Auge schwimmt, sein Sauflied rollt Und poltert durch den Saal. Plötzlich faßt' er die Fahne, Die rote, mit fester Hand, Stramm Monsieur Antoine, Der Impresario, stand. Schnell rechts die Elegante, Die Pipipepi links, Glut auf die Tasten brannte Die rächerische Sphinx. Revanche, Revanche bis in die Kniee, Alarm, Alarm vom Kopfe bis zur Zeh: » Allons, enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé! « Im Exil Täglich seh' ich jenen jungen Russen mir vorüberwehen, Dessen Augen schmerzbezwungen Düster vor sich niedergehen. Bücher schleppt er unterm Arme, Müd ist seines Ganges Weise, Schleppt die Last von ewigem Harme – Seine Lippen zucken leise. Und der schwarze, kurzgeschorne Bart umflort des Mundes Weh, Traurig grüßt der Leiderkorne Seines Volks Gethsemane. Polizeikosakenknuten Hör' ich auf ihn niedersausen, Dumpfer Klagen finstre Fluten Des Verbannten Ohr umbrausen. Sklaventrägheit fühl' ich lasten Bergesschwer auf seiner Seele, Heißen Zornquell spür' ich hasten Wildaufschäumend nach der Kehle. Eisige Steppenkatakombe Überfriert mich nordlichtklar, Und zerschmetternd platzt die Bombe Auf der Freiheit Blutaltar. Es taut Wahrhaftig, schon zwitschern die Spatzen Von den fließenden Dächern der Stadt, Es zirpen und piepen die Matzen, Sich puddelnd im sonnigen Bad. Das ist ein fröhliches Schmelzen Des schmutzig verwitterten Schnees; Die Damen stolzieren in Pelzen Zur Sommerkonfektionens'. Pensionsgäns kokettieren, Die Madame sieht es ja nicht – Im Rollstuhl fährt spazieren Die pensionierte Gicht. Im See die winzigen Schollen Rieseln und lösen sich los, Blitzende Wellen rollen Dem seligen Lenz in den Schoß. Mich aber will es gemuten So frisch und märzenjung, Meine Schmerzen schmelzen und fluten Ins Meer der Erinnerung. Himmelfahrt Bunte Blumen, grüne Büsche, Burschen, Mädchen Arm in Arm, In der kühlen Morgenfrische Locker schlendernder Frühlingsschwarm. Übernächtige Gesichter, Lange, lange noch nicht matt, Lebenslustiges Gelichter, Lange, lange noch nicht satt. »Heut lieb' ich die Susanne Und morgen die Marianne, Halli, Hallo! Wir leben so – Vom lustigen Berge in die lustige Stadt.« Der da mit ihren zerlockerten Haaren Ist wohl die Unschuld gen Himmel gefahren Heut in dieser selbigen Nacht; Maiennächte sind Liebesschulen, Lieblich ist es im Grünen buhlen, Und kein Wächter der Sitte wacht. In den schwärzlichen Augenringen Kauert schläfrig gebüßte Lust, Tüchtig hat das Feuer gerußt. Aber mit silberreinem Singen Sittige Dirnen vorüberspringen, Maienglöckchen an keuscher Brust. Aus dem offenen Bierhaus dringen, Klingen Schalmei und Harmonika, Klingen Harmonika und Schalmei; Italiener mit lautem Geschrei Feigenkränze zu Häupten schwingen, Brezelweiber schleifen vorbei. Schüchterne Sonnenstrahlen blinken, Schimmerwellen am Waldesrand, Ach, wie herrlich die Wipfel winken, Lichte Buchen im Brautgewand! Und noch ehe mit breitem Strahl Siegreich mich die Sonne bestreicht, Seh' ich in der Tiefe das Tal, Habe des Berges Kulm erreicht. Wolkenspiegelnd und funkenwiegelnd, Perlgrau zittert der See. Dicker Sonnenduft Hüllt die ferne Luft, Tief im Flor versinkt der Firnenschnee. Morgenwanderung Um fünf Uhr früh schritt ich dem Berg entgegen, Die Gaslaternen brannten Sonnenlicht, Der Osten streute seinen blanken Segen Den Mädchen an den Brunnen ins Gesicht. Im Trabe kamen nach der Stadt gefahren Milchleute, die schon nachts zu Wege waren. Da draußen, wo sich's ländlich bald verlor, Stand Bursch und Bäurin schon am Gartentor. Nicht lange bin ich einsam fortgewandelt, Wiewohl der Pfad gleich oben waldwärts bog. 's war Feiertag. Just Arm in Arm gebandelt Ein Mädchenpaar an mir vorüberzog. Sie trugen Riesensträuße in den Händen, Gepflückt an Wiesenbach und Talschluchtwänden, Und sangen Lieder in die helle Flur Von Lieb' und Lust, von Heimat und Natur. »Grüß Gott!« Sie schieden links, ich rechts zum Kamme, Doch ihrem Duo lauscht' ich noch von fern. Das ist ein lieber Zug am Schweizerstamme, Die Lust zum Lied. Sie haben's »grüsli« gern. Jetzt war's verweht. Nun sang es aus den Büschen, Crescendo plätscherte der Quell dazwischen; Er rann noch links vom Wege ziemlich flach, Geräuschvoll schoß er rechts, ein heftiger Bach. Die Kerzentannen spielten mit den Strahlen Der weißen Sonne, die im Tau zersprang Und Farben, wie sie keine Künstler malen, In Perlenketten um die Erlen schlang. Mutwillige Flügler schwirrten walddurchschweifend, Bald mir den Kopf, bald tief die Gräser streifend, Auf einmal aus dem Fichtendunkel schrie Der Kuckuck seine Traummonotonie. Am letzten Abend hatt' es fest geregnet, Auf Dickichtwegen wurd' ich tüchtig naß. Doch hab' ich die Beträuflung gern gesegnet, Dies Frischgefühl – o welche Wonne das! So in dem fetten Humus einzusinken, Die Fruchtbarkeit mit Sohlen aufzutrinken, Zu schlürfen diesen feuchten Sonnenseim – Ein Hochgenuß wie kein Poetenreim. Vorm Adlisberger Forsthaus hielt ich Atzung Mit frischer Milch und saftigem Bauernbrot. Gering war noch der Gäste Frühbesatzung; Ein städtisch Meisterlein mir »Wohlsein« bot. Ein runzlig Häufchen Arbeit, krumm von Sorgen, Nur froh für jetzt: »Gell Sie? Ein prächtiger Morgen! Wenn man das ganze Jahr sich plagt und müht ... 's ist eine Freude, wie das wächst und blüht!« Bald kamen neue durstige Gemüter; Ein Herr mit frühlingslichtem Töchterlein. Sortierten die botanisierten Güter Und aßen Käs' und tranken weißen Wein. Juchhei, das schönste Kind am schönsten Tage! Die Wirkung spürt' ich schon am Herzensschlage, Ein Augenspiel hub an verführerisch, Zitronenfalter tanzten um den Tisch ... Trutzlied Ob ihr mit vollen Backen Trompetet Lug und Neid, In tückischen Attacken Garstige Granaten speit, Ihr Helden von der Feder, Vom kritischen Katheder, Mir sitzt der Schalk im Nacken In Lust und Leid. Ihr seid die alte Meute, Die schwarze Meute ja, Ich aber läute, läute Mein hell Halleluja. Von meinem Fensterbrette Pfeif' ich die Frühlingsmette, Geburtstag feir' ich heute, Was wollt ihr da? Mir wirft die Post der Gaben So viele auf den Tisch: Die »Herzli« sind erhaben, Die Kuchen süß und frisch! Die Freundschaft streut mir Grüße Und Blumen vor die Füße, Die Liebe will mich laben Verschwenderisch. Die Sonne steigt im Osten, Die Amsel ladet hell: »Vom Lichtquell laß uns kosten, Frischauf, frischauf, Gesell! Nach all den toten Tagen Wir mögen's wohl vertragen, Die weichen Veilchen sproßten Am jungen Quell. Und laß dich's nicht verdrießen Und laß dich's nicht gereun, Den Guten auszugießen Gesänge, die dich freun! Die Merker und die Mucker, Das sind die ärmsten Schlucker, Die lieben in Verließen Das Licht zu scheun.« Die ihr mit plumpen Rüsseln Mich schnuppernd untersucht, Mit gelben Himmelsschlüsseln Jag' ich euch in die Flucht. Ihr seid die schwarze Meute, Ich aber läute, läute Und samml' auf Silberschüsseln Goldsaftige Frucht. Hymnus Solang meine Seele noch leuchtet und blüht, Das wonnige Leben, nicht werd' ich es müd! Ich lausche den Rhythmen der rauschenden Welt, Die klangvoll am ewigen Strande zerschellt. Ich weide das Aug' am Geschmeide der Zeit, Das funkelt in dunkler Unendlichkeit, Ich atme der Freiheit Sturmwind, Der die Knechtschaft schüttert zugrund, Ich küsse der Wonne Wangen Mit zitternden Lippen wund. Solange der Geist mir noch fruchtet und trägt, Der Baum meiner Freude, nicht sei er zersägt! Ich sammle der Denker schwergoldene Saat Und mahle den Weizen mit plätscherndem Rad. Ich küre die schönsten Gedanken zum Tanz Und winde der Wahrheit den schwellenden Kranz. Ich grüße das werdende Gute Mit hocherhobener Stirn, Ich feire der reinen Erkenntnis Hellglühende Rosenfirn. Solang meine Seele noch leuchtet und blüht, Solange der Geist mir noch fruchtet und trägt, Das wonnige Leben, nicht werd' ich es müd, Der Baum meiner Freude, nicht sei er zersägt! Angst Wie eine plumpe, graue Hand Liegt heut der Himmel ausgespannt; Die Riesin preßt mich nieder. Der Atem stockt im Busen schier, Erstickt der Mut, ein röchelnd Tier, Erdrosselt Lust und Lieder. Kein Laut, kein Licht, kein Hauch. – Mir graust. O du verfluchte Riesenfaust, Wie lähmst du mir den Nacken! Unheimlich öde, dumpf und starr. Ist das der Tod? Bin ich ein Narr? Wird mich der Wahnsinn packen? Zünd an! Ich muß was lodern sehn! Immergrün Aus dürren Gräsern grüßt mich Immergrün. Rasch her damit und an die Brust gesteckt! Noch einmal sei's gewagt und hoffnungskühn Sei das Gespenst in seine Gruft geschreckt! Nein, werter Freund, der du die Schlinge wirfst Nach meiner Seele sinkendem Genick, Vampir, der meines Geistes Blut du schlürfst, Noch einmal in den Strauß um mein Geschick! Zu Boden riß mich Unnatur der Zeit, Mutter Natur, reck deinen Sohn empor! Verfault, ihr Gräser der Vergangenheit, Und du, neu Leben, quill, o quill hervor! Im Zwielicht Der Tag ist tief im Niedergang, Zwieleuchtet die Tapete ... Wie fremd mir wird, wie erdenbang! Ängstlich klagt des Windes Klang, Wie wenn er Rettung flehte. Die Frau vom grauen Ölbild schaut, Als müßte sie mich verdammen. Ihr sonnensterbend Auge taut Tränen, daß mir glüht und graut ... Schreckhaft zuck' ich zusammen. Leise Klage Tief blutrot sinkt das Weinlaub hin, Lichtnelken nicken scheidend, Der Sommer zittert durch den Sinn, Die Seele fühlt sich leidend. Wenn sich die Seele leidend fühlt, So mag sie leise klagen. Der Sturm, der in die Wurzeln wühlt, Soll er die Krone schlagen? Durch Kron' und Wipfel schleicht es matt, Wie tief zu Tod entmutet. So müde bin ich wie das Blatt, Das dort zu Boden blutet. Schwermut Grau liegt die Luft, der Wind fliegt bang, Der Regen rinnt, den Wald entlang Zieht Seufzerzug, singt Grabgesang ... Nun streut die Schwermut ihre Keime In angstgefurchte Herzen ein, In dunkel abgetönte Reime Verhüllt der Dichter seine Pein. Ach, wer sein Weh zu Rhythmen flicht, Der ist noch lang der Ärmste nicht; Doch wer um Glück und Lust betrogen Die Stirn an Fensterscheiben preßt, Wer grauenschwer hinabgezogen Sich tief und tiefer treiben läßt; Wem Kraft und Wille treu selband In Unkraft und Verzweiflung schwand; Wer schon zu müd, den Feind zu fassen, Der ihn erwürgt, zum Tod gelassen, Verkohlend sich in Asche schiebt Und nicht mehr leuchtet, nicht mehr liebt – Kein Klang reißt die zerstampfte Seele Aus ihrer dumpfen Kerkerhöhle ... Die Luft liegt grau, der Wind fliegt bang, Der Regen spinnt, den Wald entlang Zieht Seufzerzug, singt Grabgesang ... Der Mörser Es ist ein großer Mörser, Drin stoß' ich klein mein Leid, In alle Winde schütt' ich es, Die wirbeln's weltenweit. Wie trommelt dumpf mein Mörser, Wenn meine Seele schreit! Mein Wehe wird zerrieben Im Mörser Ewigkeit. Winter Das ist der bleiche Winter: Eiszapfen in der Hand, Am Wolkenwebstuhl spinnt er Elend und Liebestand. Sein Atem überschauert Mit Schneekristall das Land, In Frost und Nöten kauert Armut am Herdesrand. Auf spiegelblankem Eise Sportlust ist heiß entbrannt, Venus im Pelz zieht Kreise Um ihren Leutenant. Das ist der bleiche Winter: Eiszapfen in der Hand, Am Wolkenwebstuhl spinnt er Elend und Liebestand. Müde Soll ich es einmal sagen, Wie tief ich trostlos bin? Ich hab so viel verkündet Vom Glück, das mir verbündet, Ich darf es fast nicht wagen – Soll ich es einmal sagen, Wie tief ich trostlos bin? Arm, der die Welt umschlossen, Sinkst mir so schläfrig hin. Die Früchte lass' ich fallen, Der Mund zu träg zum Lallen, Die Seele gähnt verdrossen – Arm, der die Welt umschlossen, Sinkst mir so schläfrig hin. Nun treiben alle Tage Gleichgültig ab und zu; Wie trinkt mein Aug' noch Leben? Wo fühl' ich's brausend beben? Kaum dämmert dumpfe Sage – Nun treiben alle Tage Gleichgültig ab und zu. Melancholie Dicker Nebeldunst drückt den See, die Stadt, Wie der blasse Mond lugt die Sonne matt. Nur am Ufer dampft sich die Welle frei, Und der Schwaden rollt trüb und schwer vorbei. Kahle Äste schaun schwarz und hilflos her, Und sie feiern doch grüne Wiederkehr. Wenn der Winter weicht, rieselt's lustig los, Wenn der Frühling kommt, ist die Wonne groß. Meines Lebens Saft nur ist ganz verzehrt, Und kein Lenz ist mehr meiner Kraft beschert. Wie des Dampfers Rauch in den Nebel kriecht, Meiner Seele Hauch in das Nichts versiecht. Müßiggang Heut ging ich müßig Den ganzen Tag, Nun bitter büß' ich Den Mißertrag. Umhergetrieben In Markt und Stadt, Und nichts geblieben, Was Tiefe hat. Ein flaches Tändeln Mit der und der, Ein schwaches Pendeln Die Kreuz und Quer. Bei Büchsenschießen Und Budenschrein Ein halb Verdrießen Und Nichtsgedeihn. Der Schwarm der Grillen Schwirrt stechend um, Mich einzuhüllen Mit Summ und Brumm: »Was gingst du müßig Den langen Tag?« Und bitter büß' ich Den Mißertrag. Bettler Blüten, Früchte, Füll' und Farben, Überfluß der reichen Saat, Schnitterinnen, eure Garben, Wie sie wogend mich umwarben, Als ich Reicher mich genaht! Meine schönen Schnitterinnen, Sonnumleuchtet, blau bekränzt, Trieb für ewig euch von hinnen Mit dem Netz von Riesenspinnen Das umschattende Gespenst? Wüst und leer, wo eure Garben Üppig sich gewölbt im Rund – Blüten, Früchte, Füll' und Farben, Meine reichen Welten starben ... Sterbend zuckt des Bettlers Mund. Windmühle Jüngst, als ich von Bergeshöhen gefahren In die flachen Lande nieder, Eine Windmühle sah ich nach manchen Jahren Zum ersten Male wieder. Sie ragt' auf einem kleinen Hügel – Wie lange sie mein Auge sah! – Sie drehte langsam ihre Flügel Und stand so philosophisch da. Da dacht' ich des ewigen Don Quichotte Und meiner phantastischen Nöte, Da lacht' ich meiner mit spielendem Spotte Und staunt' in die Abendröte. Die Wolken glühten, und golden säumte Sich ihr verlodernder Sonnenschild, Windmühle drehte sich und träumte Von einem meerblauen Saatgefild ... Frau Welt Ein blasiertes Gedicht Frau Welt beschloß, nicht mehr zu sein, Der Fluß der Dinge schafft ihr Pein. Sie grollte: »Allem schlägt die Stunde, Nur ich geh' nimmermehr zugrunde. Was sich auch wandelt für und für, Nur mir winkt keine Ausgangstür. Das ist ein ewiges Geflute – Unheimlich schier wird mir zumute. Wo harrt mein Grab, wo find' ich Ruh? Im Gange bleib' ich immerzu. Ist denn kein Doktor aufzutreiben, Mir Weltarsenik zu verschreiben?« Sie raufte sich ihr Nebelhaar, Das währte zehn Millionen Jahr. Sie biß sich auf die Himmelslippen, Sie schlug sich auf die Höllenrippen, Indes sie: »Weh, Welt! Weh, Welt!« sang. Das dauerte Milliarden lang. Wie sie auch aufstieß mit den Füßen, Herr Nichts vermied, sie zu begrüßen. Matt sank aufs Sofa sie zurück: »Ich bin und bleib ein Schelmenstück. Bin schon so gräßlich alt geworden Und darf mich nicht mal selbst vermorden. Reicht keiner den Erlösungstrank, Werd' ich vor Tiefsinn geisteskrank ...« Frau Welt beschloß, zu resignieren Und Schopenhauer zu studieren. Zwischensommer Ich habe den Sommer genossen In selbstgenügsamer Ruh, Den roten Vorhang geschlossen, Drängte die Sonne sich zu. Verstohlen spielten die Strahlen Zum blinkenden Ofenring, Auf rosaroten Sandalen Die Sonne durchs Zimmer ging. So lag ich in stillender Kühle, So lag ich in reifender Rast Auf golddurchwobenem Pfühle Und habe mich selber erfaßt. Ich habe gelauscht und getrunken Meiner Jugend wirbelnden Gischt, Da ist es in schäumenden Funken Noch einmal emporgezischt. All mein verwegenes Wollen, All mein messianischer Mut, Rollen hört' ich und grollen Die glühende Willensflut ... Ich habe den Sommer genossen In selbstgenügsamer Ruh, Den roten Vorhang geschlossen, Drängte die Sonne sich zu. Nun schüttet kristallene Bläue Der Herbst in mein offnes Gemach, Schwebend in eigener Treue Schau' ich der sinkenden Sonne nach. Frühlingsspiel Der Sprengstoff flog. Doch ich flog nicht dabei. Froh fühl' ich nur: von »Jugend« ward ich frei. Erst scheint es Lähmung einen Augenblick, Man wirft den Arm, man schüttelt das Genick, Man springt behutsam über einen Graben Und merkt, man ist noch Herr von seinen Gaben, Setzt sich vergnügt auf einen Stein und denkt: Der klare Wein wird langsam eingeschenkt. O diese Lust, sein Leibliches zu strecken, Von ungefähr sich selber zu entdecken, Den echten Kerl mit seinem Rattenkaiser Von Riesenwünschen, die nun leiser, leiser Und immer leiser pfeifen, flau zu hören, Doch nimmer mein gewitzigt Ohr betören. Ihr schlauer Pfiff aus jeder Tonart zog In Spalt und Schlund mich, und er log, er log! Ich lebe noch. 's ist nicht so schlicht begriffen. Der Rattenpfiff hat mir nun ausgepfiffen. Und ob sie noch so majestätisch prahlen, Bin doch der Herr von meinen Idealen. Und ob sie strahlen noch so souverän, Bin doch der Herr der Banner, die sich blähn, Als wären sie die Weiser meiner Ziele, Und sind doch meiner Finger Frühlingsspiele. Ja, Frühlingsspiel, mit sichrer Hand geübt, Mein Leben sei, wie sich der Tag auch trübt! Nur einem treu im heiter-ernsten Spiele, Nicht Volk, nicht Menschheit, keinem »heiligen Ziele«, Nur mir treu, mir, in dessen Hirn sich zeugt Das Ziel selbst, das so gern sich Knechte beugt ... Frei wie ein Lichtfürst über Meer und Land Mit Sternengold und Hermelingewand. Mein Ça ira Volksführer? Nein! die Toga paßt mir nicht, Um auf dem Markte Politik zu treiben. Ich bilde mich und bilde mein Gedicht, Was meinem Wesen fern liegt, lass' ich bleiben. Aus Mitgefühl sing' ich mein Lied der Not, Mein Menschheitslied aus Höhentrieb der Seele, Doch dem Parteigetriebe bin ich tot – Nun hängt mich auf – empfehle mich, empfehle! Die heißen Geister der Gerechtigkeit Verlockten mich, mit Knütteln dreinzuschlagen, Doch tut es fast mir um das Pathos leid, Wehmütig lernt' ich solchem Strauß entsagen. Ich mag nicht mehr, aus innerster Natur, Und eins mit mir darf ich getrost gestehen: Ich werde fortan nur auf einer Spur, Auf eigner Spur des reinern Daseins gehen. Kein Ehrgeiz jagt mich auf das Podium, Kein Agitator geht an mir verloren, Der Eifersucht des Siegers bin ich stumm, Und für das Bravo hab' ich schlechte Ohren; Das heute dem und morgen jenem schallt, Ja augenblicklich treulos sich verwandelt, Das eben noch Empörerfäuste ballt Und gleich darauf mit Schwätzern schon verhandelt. Hinweg, ihr Stelzen der Vergänglichkeit, Der Überredung aufgeblasne Robe! Man wird so klein, wenn man sich täglich weiht Dem Massenkult der menschlichen Mikrobe. Zu eitel dünkt mich dieses Priesterkleid, Weshalb ich mir den Rock des Weltmanns lobe Und dem Augurendienst der Menschheit fremd Ein Lächeln spare, das mein Herz beklemmt. Versteht mich wohl! Der Menschheit großen Zug Werd' ich mit Sinnen nachzuziehen suchen, Denn ihren sonnenkühnen Adlerflug Verleugnen nur ästhetische Eunuchen. Es steigt empor das menschliche Geschlecht Bedächtigen Schritts die wunderbaren Stufen, Und auch der rohe Bruch von Herr und Knecht Wird einem feinern Formverhältnis rufen. Wo sich des Denkers reiner Eifer müht, Wo Forscherlust lebendige Schlüsse gattet, Wo der verborgne Baum der Weisheit blüht, Dort birg dein Lied, von Einsamkeit beschattet! Was du nur lebst, abseits dem grellen Licht Der augenbeizenden Gewöhnlichkeiten, Was ganz dein eigen, tränke dein Gedicht, Du leite dich, laß sich die andern leiten! Nur frei sein, frei, auch von der »Freiheit« frei, Die vollen Mundes Herrscherlaunen pachtet Und sich mit bettelarmem Marktgeschrei Den größten Kundenkreis zu sichern trachtet. Zeit meiner Ausrufkunst, du bist vorbei, Nach Lauschereinsamkeit die Seele schmachtet ... Zurückgezogen in den Kreis der Kraft Genüg' ich tiefer Dichterleidenschaft. Lebensplan Rein zu genießen begehr' ich mein Leben, Weise durchwandelnd die Tage des Lichts, Meine Gedanken will ich erheben Zu den Wipfeln des Weltgedichts. Saat des Elends begehr' ich zu mindern, Weil sie die Freiheit der Seele mir stört, Tat des Unrechts begehr' ich zu hindern, Weil sie das horchende Herz empört. Blumen zu pflücken ist mein Begehren, Blumen der Liebe, der Kunst und der Flur, Kinder und Enkel will ich es lehren: Folgt der erlösenden Schönheit Spur! An Tomarkin Alter Tomarkin, Gefährte Schwermutvoller Schicksalsstunden, Nun der Seele Flut sich klärte, Nun ich frischen Mut gefunden ... Nach der Wirrnis jener Tage, Drin du hilfreich mich begleitet, Drin verstummt schien selbst die Klage, Die im Lied sich Lust bereitet ... Nimm dies kleine Häuflein Lieder, Das emporhebt seine Flügel, Tau der Nacht noch am Gefieder, Schwebt es über Morgenhügel. Nein, ich will mich nicht ergeben, Nein, ich kann nicht unterliegen, Meine Losung lautet Leben, Meine Losung lautet Siegen! Ruder schon der Hand entsunken, Wollt' ich hoffnungslos verzichten, Lethe hätt' ich schier getrunken, Nicht mehr atmen, nicht mehr dichten ... Schwellen dunkelblaue Trauben, Reifend in Septembersonnen, An mich selber darf ich glauben, Und das Spiel, es wird gewonnen. Kling! ... Kling! ... Meine Seele gibt reinen Ton. Und ich wähnte die Arme Von dem wütenden Harme Wilder Zeiten zerrissen schon. Sing! Meine Seele, den Beichtgesang Wiedergewonnener Fülle! Hebe vom Herzen die Hülle! Heil dir, geläuterter Innenklang! Kling! Meine Seele, dein Leben, Quellendes, frisches Gebild! Blühendes hat sich begeben Auf dem verdorrten Gefild. Durchs Frühlicht Gedenke der dunkleren Tage, Gedenk ihrer nimmer zu sehr, Geh weiter im Frühlicht und wage Noch vieles, vieles mehr! Als du in finsterer Kammer Gefoltert am Boden rangst, Schlug der Verzweiflung Hammer Dein Haupt mit lähmender Angst. Und Tage krochen und Nächte Und Monde trostlos vorbei ... »Erlösung, ewige Mächte!« Klang deiner Seele Schrei. Der Todespokal ist gesunken Aus deiner zuckenden Hand, Des Lebens rettender Funken Langsam emporgebrannt ... Nun denke der dunkleren Tage, Doch denk ihrer nimmer zu sehr! Geh weiter im Frühlicht und wage Noch vieles, vieles mehr! Wandlung Einst sprach das Leid zu mir: du bist verloren, Zu fest umklammert hält dich meine Hand. Du glaubtest dich zur Herrlichkeit erkoren, Nun lähm' ich dir mit Schrecken den Verstand. Einst sprach das Leid zu mir: du bist verloren. O schwere Zeit der finsteren Gewalten, Da ich in Qualen lag, die niemand weiß; Da mich umarmten widrige Gestalten, Und fern versank der Jugend Sehnsuchtspreis ... O schwere Zeit der finsteren Gewalten! Ich taumelte, ich strauchelte, ich stürzte – Frag keiner mich, wohin geriet mein Gram! Als Ekel mir das Mahl des Lebens würzte Und die Verzweiflung mir den Schlummer nahm. Ich taumelte, ich strauchelte, ich stürzte. Wer löst das Rätsel, wie ich auferstanden? Geheime Hände hoben mich empor. Das Leben heilte mich mit neuen Banden, Und alles ward erfüllt, was ich verlor. Wer löst das Rätsel, wie ich auferstanden? Ich bin ein Wundergläubiger geworden, Seit mir so Wunderwirkendes geschah. Das Lied der Kraft mit segnenden Akkorden Umrauschte mich – ein Sieger stand ich da. Ich bin ein Wundergläubiger geworden. Verwandelt ist mein Fühlen und mein Sinnen, Und keiner Wolke Dunst umarm' ich mehr. Das Nichts verlieren und das All gewinnen: Gewaltig ist des Lebens Wiederkehr. Verwandelt ist mein Fühlen und mein Sinnen. Einst sprach das Leid zu mir: du bist verloren. Das Spiel war aus und meine Seele tot. Nun bin ich doch zur Herrlichkeit erkoren, Zur höchsten Wonne ward die tiefste Not. – Einst sprach das Leid zu mir: du bist verloren! Anders So vielem, was mir klang und scholl, Ward meine Seele taub und matt, Ich weiß nicht, ob ich klagen soll, Bin nun des lauten Tones satt. Es wuchs in mir, wer sagt woher, Ein Sinn der stillen Lust empor, Ich mag das Kampfgeschrei nicht mehr Und weiß nicht, ob ich viel verlor. Wie so von ungefähr das kam, Aus einer Dämmerung der Nacht, Aus einem tiefen Seelengram, Daraus ich anders aufgewacht ... Ob mich Gedankenflug geführt Zum Thron der feinen Einsamkeit, Den Ton hab' ich, den Ton verspürt, Der mich vom Lärm des Tags befreit. Ihr wartet wohl auf Trommelschlag? Ich glaube fast, der Tambour fiel, Doch wenn er nicht mehr trommeln mag, Ergibt er sich dem Geigenspiel. Meine Welten Einst, als mein Herz an Schätzen leer, In Lüfte griffen meine Hände, Und Banner trug ich vor mir her, Die schwang ich, daß ich Ruhe fände ... Nun brauch' ich keine Banner mehr. In mir nun trag' ich mein Symbol, Mein Herz ward selbst mir Ziel und Zeichen, Der Prunk der Losung dünkt mir hohl, In meinen Welten ward mir wohl ... Laßt mich in meinen stillen Reichen! Besinnung? Trat ich wohl aus des Lebens Kinderschuhe? Ist Raub geschehn an meiner Leidenschaft? Ist das Besinnung? Ist's Verlust an Kraft, Erschöpfungsarmut oder reiche Ruhe? Ich fühle doch, ich habe kaum verloren, Verwundert bin ich über die Natur, Die mich mit siebenfachem Schwert durchfuhr Und todeswund mich dennoch neu geboren. Einst wilder Strudel, breiter Stromgang heute – Ließ die granitne Finsternis mich frei? Es tobt' und schäumte; – das ist nun vorbei, Ich wurde nicht des grausigen Tunnels Beute. O süßes Licht der ausgedehnten Wiese! Wie rollt sich's quallos unerschüttert fort! Und was die Wellen tragen, Lied und Wort, Rauscht mir dahin wie Klang vom Paradiese ... Frage Nun fragst du wohl und lächelst mild, Dem jungen Selbstbetrug enthoben: War das dein eignes Geistesbild, Das du der Menschheit eingewoben? War das der Seele Hochzeitstraum, Mit dem die Erde du umspanntest, Als du vom Leben nur den Saum Der lichtbeglänzten Schwingen kanntest? Das Feuer deiner Jugend schlang Sich um die Welt im Glutumfassen, Der Sturm, der dir im Haupte sang, Schlug auf das Trommelfell der Massen? Des Selbstgefühles Ozean War Liebesflut dir von Millionen, Dein sehnsuchtsvoller Zukunftswahn Verzweiflung öder Lebenszonen? ... Schattenfroh Meine sonnensatten Augen, Die ihr saugen Mochtet Lichtes nie genug, Seid vom Schatten Ihr gewonnen, Und verronnen Ist der blendende Betrug? Meine schattenfrohen Stunden, Drin umwunden Ward mit kühlem Kranz mein Haupt: Ach, die hohen Musen haben Ihre Gaben Nur verwandelt, nicht geraubt. Friedensgruß Aus tiefer Sommerstille, Von Rosenduft umhaucht, Nun alles Rohe, Schrille In scheuer Ferne untertaucht ... Biet' ich mit frommem Munde Dem Frieden leisen Gruß, Streue Blüten in die Runde, Wo immer segnend weilt sein Fuß. Ihm zum Willkommen trinke Vom Mildesten ich zu ... Ich winke ihm, ich winke Der schaffensheiligen Daseinsruh. Wie aus uralten Träumen Kampfecho klirrt ans Ohr – Kriegesrosse seh' ich schäumen Und wild sich bäumen hoch empor ... Wir sind der Wildheit müde, Des Hasses weh und wund, Ein heiliger Menschenfriede Quillt uns aus tiefstem Herzensgrund. Ich muß ihn leise grüßen Mit frommem Dichtermund, Streue Blüten ihm zu Füßen Rings auf dem weiten Erdenrund. Aus reifer Sommerstille, Von Rosenduft umhaucht, Nun alles Rohe, Schrille In scheuer Ferne untertaucht. Im Morgenschiff Schifflein, frühes Schifflein, sollst mich tragen, Wo die Berge rosig schimmernd ragen, Durch den Flor, der silberdampfend weicht, Morgenleicht! Hinter mir, was dumpf und schwer gelauert, Vor mir, was mich wellenfrisch durchschauert ... Fliege, Schwalbe, neues Leben singt, Lichtbeschwingt! Dank dir, Erde! Willst du dich öffnen, Mein übervolles Herz, Um auszuschütten Deines Segens Last? In dieses goldnen Herbsttags Fülle Lohnt es zu schenken Mit andern Früchten Der Seele Frucht. Gefunden hab' ich Macht in mir selbst, Fest hier auf Erden Nun steht mein Fuß, Und alle Strudel, Drin ich gewirbelt, Sind abgeglitten Von meinem Haupt. Nun mag mir reifen Des Lebens Saat, Die Blitz und Hagel Doch nicht zerstört. Ich darf erwarten Der Ernte Tag: Bin vor der Zeit nicht verdorben. Wer fühlt sich Blume, Wer fühlt sich Fackel, Duftet und glüht In Garten und Welt? O meine unverwelkte Seele, Wes ist die Kraft, Die dich hebt und hält? Und sank auch manches Glaubens Blendwerk Vor deinem glanzbetrogenen Blick, Dein tiefstes Fühlen Lebt unverdunkelt, Stern deiner Sterne Ob allem Geschick. Dich reizt zum Leben Der Seele Wollust, Sich aufzuschließen Nach freier Wahl; Du magst nicht schielen Nach fremden Augen, Dich lockt und leitet Der eigne Strahl. Aus wilden Feuern, Die lodernd sengten, Geglüht sind Ringe, Die dich umziehn. Du bist von kräftigen Kreisen umhütet, Davor die Schrecken Des Daseins fliehn. In blaue Tiefe nun tauche, Mein Auge, sonnenverwandt! Dankbar die Lippe hauche: Erde, segnende Erde, Dich lieb' ich, mütterlich Land.