Georg Philipp Harsdörffer Gedichte Das Maienblümchen Wo des Schattens Fittig schwebet Ob der Auen Sommerkleid, Weinet in der Winterzeit, Was in diesen Triften lebet. Unsrer Nymphen Wangen gießen Thränen, gleich dem Bergkrystall, Und von solcher Zähren Fall Sieht man diese Blum' entsprießen. In dem stolzen Blumengarten Findet man dergleichen nicht, Darum hält dich mein Gedicht Höher, als die andern Arten. Maienblümlein, deine Glocken, Sind zerspaltnen Perlen gleich. Der sich untersteht, entweich', Eins von diesen abzupflocken. Das Veilchen Wann der graue Winter weicht, Und der Silberschnee verbleicht In den träufelnden Auen, Lass' ich auf den falben Matten An der Zäun' und Hecken Schatten Meine Blümelein schauen. Purpurbraun ist mein Gewand, Grün und Gold der Blättlein Rand, Voll herzkühlendem Saft; In den neuen Hirtenkränzen Siehet man Violen glänzen Mit süß duftender Kraft. Wer die Veielblum' betracht', Nimmt der Demuth Bild in Acht Mit viel trefflichen Gaben. Die nun auf der Erden liegen, Sich in Dornenschatten schmiegen, Werden endlich erhaben. Die Lilie Gott hat mein Kleid gesticket Ohn' mein Sorgen, Mit Silber mich beglücket Spat und morgen. Die Lilie, zeptergleich, gestaltet, Hoch über alle Blumen waltet, Mit Pracht geschmücket. Der weise König Salomon Den Lilien weichet, Sein hoher Thron und Königskron' Sich mir nicht gleichet. Weil ihn der Weiber Lust verführet, Ist er nicht, wie ich bin, gezieret, Weiß, rein und schön. Der in erhabnen Würden lebet, Und ist befleckt, In dessen Herz und Munde schwebet, Was ihn ersteckt. 1 Die aber reine Geister haben, In denen sind des Höchsten Gaben Bald aufgeweckt. Fußnoten 1 D.h. erstickt. Der Frühling Der frohe Frühling kömmt heran, Der Schnee dem Klee entweichet; Der Lenz, der bunte Blumenmann, Mit linden Winden häuchet. Die Erd' eröffnet ihre Brust, Mit Saft und Kraft erfüllet; Der zarte West, der Felder Lust, Hat nun den Nord gestillet. Es hat der silberklare Bach Den Harnisch ausgezogen, Es jagt die Fluth der Fluthe nach, Durch bunten Kies gesogen. Das Thauen nun die Auen frischt, Die weiße Wollenheerde Auf neubegrüntem Teppich tischt Und tanzet auf der Erde. Man hört die heisre Turteltaub', Die Schwalb' und Nachtigallen. Das grünlichweiße Blüthenlaub Muß aus den Knospen fallen Und bauen diesen Schattenthron Den Luft- und Feldergästen. Die Rose hebt die Dornenkron' Auf schwachen Stachelästen. Die Sonne wieder stärker scheint Und machet früher wachen. Allein die dürre Rebe weint, Wann Feld und Wälder lachen. Die hochgeschätzte Tulipan, Das Sinnbild auf dem Beete, 1 Zieht ihre fremden Kleider an Und pranget in die Wette. Ach Gott, der du mit so viel Gut Bekrönst des Jahres Zeiten, Laß uns auch mit erfreutem Muth Zum Paradies bereiten, Da wir dich werden für und für, Die höchste Schönheit, finden, Dagegen diese schnöde Zier Ist eitler Staub der Sünden. Fußnoten 1 Tulipae Hortorum Emblemata. Der Sommer Nun kommt, ihr Frommen, laßt uns eilen, Zu schauen dieser Zeiten Gut, Den Reichthum, der nicht lang' kann weilen, Und schnell verrauschet, wie die Fluth. In dieser Welt nichts lang' besteht, Wo ihr Bestand wie Tand vergeht. Der diese Feld' und Wälder bauet, Ist höchstes Lobs und Rühmens werth, Der sie befruchtet und bethauet, Beschützt, erhält und reichlich nährt. Er krönt das Jahr mit seinem Gut Und giebt uns Menschen freien Muth. Es grünt der Wald mit frechen Sprossen, Die Bienlein finden ihre Kost, Die Reben sind hoch aufgeschossen Und machen hoffen guten Most; Man hört der Lerchen hellen Klang Und mancher Nachtigall Gesang. Ein jedes Thier kann sich erfüllen, Allein der Mensch wird nimmer satt: Er plaget sich mit Sorgengrillen, Die er sich selbst geheget hat. Mehr Reisegeld wünscht er sich mit, Wenn er fast thut den letzten Schritt. Wir wollen unsre Werke stellen Auf Gottes Willen, Ehr' und Preis; Sonst wird die Erd' uns zu der Höllen, Die uns kann sein ein Paradeis, Wenn unser Leben englisch ist, Keusch, ohne Sünd' und falsche List. Der Herbst Nun heben an zu klagen die Hügel, That und Feld, Es bringt viel Mißbehagen des rauhen Windes Kält', Es fallen falbe Blätter Und schweben in der Luft; Denn Schnee und Winterwetter Der Nordenstürmer ruft. Die reifen Früchte fallen, wenn man sie nicht nimmt ab, Die alten Menschen wallen hin zu dem alten Grab. Das, was hat zugenommen Bis auf gewisse Zeit, Muß zu dem Ende kommen In dieser Eitelkeit. Wann wir die Aexte sehen den Bäumen angesetzt, So ist es bald geschehen, daß er, dadurch verletzt, Zu der entfärbten Erden Sich neigend bricht und kracht, Und muß er endlich werden Dem Feuer zugebracht. So müssen auch die alle, so sind ohn' gute Frucht, Sich fürchten vor dem Falle, das ist die Menschensucht. Und wie der Baum gefället, So liegt er fort und fort; Der Böse wird gestellet Dort in den Jammerort. So lasset uns bedenken bei dieser Herbsteszeit, Wie alle Ding' erkranken und zu dem Tod bereit. Daß wir noch länger leben, Daß Alles nicht ist aus, Hat Gottes Gnad' gegeben Hier in dem Erdenhaus. Der Winter Der graue Winter hat bereit Mit rauhem Frost und Traurigkeit Die Felder überdecket, So die begrünte Frühlingszeit Erfreulich auferwecket. Die Fluthen sind nun eisenhart, Das Wasser ist fast harnischart, 1 Mit Wollenschnee erweichet, Die Erde mit der Ruhe bahrt, 2 Bis sich die Sonn' erzeiget. Wann unsre Herzen sind erstarrt Und von der Sünde marmorhart, Kann sie das Kreuz erweichen. Des Höchsten Gnad' ist sonnenart, Wenn wir sie nur erreichen. Der kurze Tag, die lange Nacht Hat Manchen viel Verdruß gebracht In Sünd und Lasterleben. Wer hat an seine Seel' gedacht, Die muß in Nöthen schweben? Gerechter Gott in Ewigkeit, Der Du verwandelst Jahr und Zeit, Bleib' nun bei uns in Gnaden. Du Sonne der Gerechtigkeit, Schütz' uns vor allem Schaden! Fußnoten 1 harnischartig. 2 liegt wie auf der Bahre. Lob des Winters Wem behagt Aprillenwetter? Wem des Hundsgestirnes Hitz'? Wem des Herbstes falbe Blätter? Niemand, der nicht sparet Witz. Ich will nun kaltsinnig loben Die begrau'te Winterszeit, Die uns unsre Augen weid't, Und auch billig wird erhoben. Wie ein fast bejahrter Alter Nach der schnellen Monden Flucht, Sitzend bei dem Weinbehalter, Kostet seiner Arbeit Frucht, Hält die Ruhtag' für sein Leben Bis zum vorgesteckten Ziel, Da der grauen Haar' so viel Strahlen großer Klugheit geben: Also pfleget auch zu rasten Aller Jahrszeit Flucht und Eil, Und beginnet recht zu masten An des weißen Winters Seil. Ceres wohnet in den Scheuern, Bacchus bringt den süßen Most, Und Pomona ihre Kost, Sylvan kann beim Feuer feiern. Schauet drauß die weißen Flocken, Wie sie streichen hin und her, Wie sie sich zusammen stocken, Wie sie stürmen überquer! Das ist ein gesundes Wetter, Und man heizt auch tapfer ein, Horchend bei dem firnen Wein Der Musik von einem Bräter. Mich bedünket, daß die Sterne Strahlen baß, wann's Winter ist; Wann das Wasser hartet gerne Wie Kristallstein durch Gefrüst, So muß man das Eis belaufen Mit der Schlittschuh' schnellem Holz; Wie ein Vogel oder Bolz, Rauscht man vorwärts ohn' Verschnaufen. Masken, Fastnacht, Schlittenfahren, Reiten, Tanzen, Fechten üben, Lass' ich unbemeldet fahren, Wie auch auf der Tafel schieben, 1 Und erhebe das Studiren, So uns manche lange Nacht Auch wohl in das Bett gebracht, Daß wir Winterslust recht spüren. Fußnoten 1 D.h. Wie auch die Brettspiele. Ständchen Nun der übermüde Tag Mehr zu wachen nicht vermag, Schleicht der süße Schlaf herein, Legend aller Sorgen Klag' In den finstern Schattenschrein. Alles liegt in sanfter Ruh' Vieler Augen schließet nu Mancher vorverübte Traum, Blühend so dem Morgen zu, Gleich dem edlen Mandelbaum. Wie dann, daß die Liebe wacht, Und mit Schmerzen sich beklagt Ueber Angst und Herzeleid, Bis die Sonne wieder tagt Und sich von dem Meere scheid't? Deutsches Trinklied Nach der Blumen schneller Flucht Prangt die röthlich gelbe Frucht, Und die laubbegrünten Reben Schenken Freudenbecher ein. Ach, es ist der Menschen Leben Weh' und Weinen ohne Wein! In dem kalten Nordenland Ist berühmt das Pelzgewand. Füchse, Marder, Bärenhäute, Zobel, Luchs und Reihenthier, 1 Hitzen selber rauhe Leute, Wie der Wein uns wärmet hier. In dem heißen Südenland Bringt der Sonnenstrahlen Brand Pomeranzen, Oel, Granaten, Pfeben 2 und Salat herfür, Sie zu kühlen, wann sie braten: Uns beliebt der Wein allhier. Von der Donau bis zum Rhein Träget jeder Hügel Wein, Und viel Eichen, zu befassen Solchen süßen Keltersaft. Wer will dann die Deutschen hassen, Wenn sie lieben diese Kraft? Seht, wir folgen der Natur Und betreten ihre Spur, Wenn wir unsre kalten Mägen Nach der sauern Arbeitzeit Hitzen mit dem Winzersegen In beschränkter Fröhlichkeit. Fußnoten 1 D.h. Rennthier. 2 Pepo, eine Art Melone. Die Vögel Flüchtige Vögel, grüßet den Morgen! Wecket der Menschen tägliche Sorgen! Singet und klinget dem Höchsten ein Lied, Welcher uns schenket Segen und Fried'! Danket dem Herren, lobet ihn alle, Stimmet mit gleich erhabenem Schalle! Echo der Thäler gegen euch halle! Nachtigall, führe der Vögelein Reihen! Töne, wann Andere freien im Maien! Schwinge dich höher, liebliche Lerch', Zähle der Hirten fruchtende Pferch'! Spielet dem Herren, danket, psalliret! Jedes Geschöpf die Gnade verspüret, Welche die schönen Zeiten bezieret. Aber wir Menschen pflegen zu nehmen Mancherlei Hab' ohn' Denken und Schämen, Keiner fast Gottes Güte betracht', Was er empfähet, für Schuldigkeit acht'. Lasset uns doch die Vögelein lehren, Welche den Preis des Schöpfers vermehren, Ihrem Gott danken, preisen und ehren. Gespräch einer Jungfrau mit einem dürren Rosenstocke Ach, wer hat von deinem Haupt Deine Rosenkron' genommen? Schau, der Nord hat mich beraubt, Der mit Kält' ist angekommen. Ich beschaute mit Behagen Deine Blüte, Blum' und Blatt. Allen Schmuck, den ich getragen, Diese Zeit geendet hat. Ich betraure deine Zier, Die du pfeilgeschwind verloren. Auch dein End' ruht vor der Thür, Gleich dem Allen, was geboren. Deine Blum', die du getrieben, War grün, gold- und weißlich- roth. Nichts als Dornen sind geblieben, Und die Blum' ist worden Koth. Warum hat die rauhe Zeit Deine Dornen nicht verzehret? Weil die Freude nach dem Leid Mich mit Frühlingskräften mehret. So wirst du nicht kahl verbleiben, Ganz entlaubet, hars 1 und klein? Nein, ich werde Rosen treiben Mit dem linden Lenzenschein. Unterdessen lebst du todt, Und der Schnee muß dich bedecken. Gott wird dich auch nach der Noth Aus der Erden auferwecken. So will ich mich nicht entsetzen, Weil der Tod das Leben giebt. Was verletzet, wird ergötzen, Denn du bist von Gott geliebt. Wohl, so wird auch mein Gebein Grünen an dem jüngsten Tage. Viel mehr Freude wird da sein, Als du jetzo leidest Plage. Also sterb' ich nun erfreuet, Und das Sterben schmerzt mich nicht. Der den Rosenstrauch erneuet, Bringt dich wieder an das Licht. Fußnoten 1 D.h. harsch, hart, rauh. Hoffe, da nichts zu hoffen ist Ein betrübter Schäfersmann, Weidend seine Wollenheerde, Da der Felsen von der Erde Aufstieg, gleichsam himmelan: Als nun seine Schafe tischten, Sieht er aus dem trocknen Stein Wasser triefen felsenein, Davon sich die Augen frischten. Ach, sprach er, in sich entrüst': Hoff', da nichts zu hoffen ist! Nachdem stürmten durch das Gras Wolkenwinde, Donnerblitzen, Als in dieses Felsens Ritzen Eine Turteltaube saß. Wann die schweren Wetter drohen, Suchet jeder Schutz und Hut. Sie war schnell dahin geflohen, Da sich sicher sitzt und ruht. Ach, sprach er, in sich entrüst': Hoff', da nichts zu hoffen ist! Unter nächstem Weidenbaum Trieb er, vor des Wetters Flammen, Seine Heerde bald zusammen, Daß sie alle hatten Raum, Sich zu schützen vor dem Regen. Bald die Winde wurden still, Und die Sonn' ihm kam entgegen, Und er sang zum Schäferspiel: Hoffnung deine Seele frist'! Hoff', da nichts zu hoffen ist! Ach, was, sagt er, nach und nach Denk' ich doch mit Fehlverlangen! Hab' ich denn nicht Trost empfangen Von des Felsens Thränenbach? Von der Taube sonder Gatten, Welche hier in Grüften lebt? Von der Weiden Schutz und Schatten, Der ob meinem Haupte schwebt? Ich hoff', als ein frommer Christ, Da auch nichts zu hoffen ist. Selig sind, die nicht sehen, und doch glauben In den grünlich falben Matten, Unter einer Linde Schatten, Hat ein müder Wandersmann Seine Laute hingeleget, Weil er, von dem Schlaf erreget, Mund und Augen zugethan. Auf den nah geleg'nen Auen Weidet in dem kühlen Thauen Ein darob erstaunter Knab'. Als er nun nichts mehr vernommen, Ist er näher beigekommen, Hinterlassend seinen Stab. Er kniet bei der Laute nieder, Die zuvor so holde Lieder Und den wunderreinen Klang, Diesen Knaben zu bethören, In den Lüften lassen hören Durch den strengen 1 Saitenstrang. Er wollt' dem Gehör nicht trauen, Und mit seinen Augen schauen, Wie des stummen Holzes Stern Könnte sonder Sinn und Leben So beliebte Stimme geben, Wollt' er selber schauen gern. Als er nun nicht mögen sehen, Wie der Klang pflegt zu geschehen, Rühret er die Saiten an. Bald die Laute murmelnd klagte, Und dem Wandersmann ansagte, Was der Hirtenknab' gethan. Sind nicht in des Holzes Krümmen Aller Vögel zarte Stimmen, Die doch niemand hier beschaut? Ich hab' mit dem Ohr vernommen, Daß aus diesem Holze kommen Ein gar wundersüßer Laut. Wie kann aus des Bauches Klüften Etwas tönen in den Lüften, Sag' mir, lieber Wandersmann. Sag' mir, wie kann doch geschehen, Daß ich hier nicht kann ersehen, Was ich hab' gehöret an? Knab', du mußt den Ohren trauen; Was du hörst, ist nicht zu schauen, Dich vergnüge das Gehör. Man muß seinen Sinn betauben, Gottes Wort in Einfalt glauben. Selig ist, der glaubt der Lehr'! Fußnoten 1 D.h. straff angezogen. Der Fischer Ein belobter Fischersmann Hängt des Angels Anbiß an, Etwan ein Gericht zu fangen. Er senkt seines Angels Ruth' In die silberhelle Fluth. Ihm ist mancher Fisch entgangen, Weil sie in des Flusses Krümmen Schauten seine Stricke schwimmen. Nachmals, als der Regenguß Trüb' gemacht den schlanken Fluß, Sah er an dem Angel hangen Von dem stummen Schuppenheer Nach und nach je mehr und mehr, Die er alle hat gefangen, Weil sie in den trüben Fluthen Nicht bemerkt die Angelruthen. Gottes Wort, das höchste Gut, Ist dergleichen Angelruth', Die uns nicht kann leichtlich fangen In der Ruh' und Glückeszeit. Kömmt uns Trübsal, Angst und Leid, Hoffen wir dann mit Verlangen, Uns zu reißen aus dem Mangel Mit dem ankergleichen Angel. Der Phönix Wann der Phönix ist bejahret und nimmt an den Kräften ab, Bauet er von Zimmetrinden für sich selbst ein Flammengrab. Auf des höchsten Berges Spitzen Soll er im Gewürze sitzen, Mit dem schwarzen Trauerkleid angethan, und doch erfreuet, Daß der holden Sonne Glanz ihn durch ihren Brand erneuet, Weil er ihre Flammen liebt, Die ihm todt das Leben giebt. Also soll ein jeder Christ seine Sünden legen ab, Und des alten Adams Fleisch gleichsam tragen in das Grab; In der Trübsal Dornenspitzen Soll er rein und reuig sitzen, So wird ihn der Gnadengeist und die Himmelsglut erfreuen, Daß er sich mit Seel' und Sinn, wie der Phönix, wird erneuen, Weil er eine Flamme liebt, Die des Lebens Leben giebt. Gesprächsbild Was machst du mit dem Stein, sag' mir, o liebes Kind? »Ich probe, welche hart und feuerstriemig sind.« Wählst du sie durch den Schlag an dieses Ankers Spitze? »Der goldnen Fünklein Blitz weist die verborgne Hitze.« Und wenn du welche find'st, die haben keine Flamm'? »Ich werf' und lasse sie dort in dem faulen Schlamm.« Die aber ihre Glut beglauben und erweisen? »Die wähl' ich, und die Prob' ist dieses Ankers Eisen. Nun sag', was denkest du von mir, als einem Kind?« Daß Stein' und Felsenart der Menschen Herzen sind. »Wie gleichet sich hiezu des Ankers Pfeil und Spitze?« Die Hoffnung weist in uns des rechten Glaubens Hitze. »Es sind der Steine viel, die bergen keine Flamm'.« Und diese wirfet man hin in den Höllenschlamm. »Die aber ihre Glut durch solche Probe weisen?« Dieselben fürchten nicht des Todes Senseneisen. Die Muscheln Ich spaziert' an einem Abend an des Meeres flachem Strand, Da viel rauhgefaltne Muscheln lagen auf dem schroffen Sand. Als der Sonnen Purpurglanz fast war in die Fluth verschossen, Haben diese Muschelsöhn' ihre Häuser zugeschlossen. Es ging aus dem güldnen Bette auf die Sonn', als Bräutigam; Bald von ihrer Strahlenhitze neue Kraft der Saft gewann In dem offnen Muschelschloß; und den Strahlen zugekehret, Ward gebuntet ihre Farbe und ihr innrer Kern genähret. Ob uns wohl die Sündennächte schließen eine kurze Zeit, Wird doch unser Durst und Hunger nach der Sonnen Lieblichkeit Nie geschlossen und betäubt. Unsre Herzen kluften offen; Du füllst, o getreuer Gott, die auf deine Gnade hoffen. Der gute Hirt Der Herr ist unser guter Hirt, Führt uns auf fette Heiden, Da unsre Seel' nicht darben wird, Und wohlvergnüget weiden. Es fleußt dabei der helle Bach; Er rufet uns, als Schafen, nach, Wann wir uns schon verirret. Er trägt in seiner treuen Hand Zween ganz ungleiche Stäbe, Der erst' heißt Weh, also genannt, Auf daß das Schäflein lebe, Wann es, entfernet von der Hut, Sich stürzet in der Thäler Flut, Und muß gestrafet werden. Der andre Stab ist Sanft genannt, Damit er uns geleitet, Wann wir des Hirten Stimm' erkannt Und folgen, wie er schreitet. In seinen Hürden er bei Nacht Uns sanft und sicher ruhen macht, Weil er uns selbst bewachet. Getreuer Gott, gieb, daß wir all' Auf deiner Weide bleiben, Und daß uns deiner Stimme Schall Mög' unverhindert treiben. Der Höllen Wolf ist um uns her Und bringt dem armen Schaf Gefähr; Du, Du kannst ihn verjagen! Morgengesang Nun ist die übermüde Nacht In sichrer Ruhe hingebracht, Die Morgenröthe blicket; Der Sonnen Purpurangesicht, Das Aug' der Welt, das Flammenlicht, Der Menschen Sinn erquicket. Schauet, s'thauet Perlenthränen, Zu beschönen Unsre Heiden, Die mit fettem Klee sich kleiden. Es singt der Vogel in der Luft, Daß widerschallt der Thäler Gruft, Dem höchsten Gott zu Ehren, Der allem Fleisch zu rechter Zeit Hat sein begnügtes Mahl bereit', Pflegt alles Heer zu nähren. Felder, Wälder, Was ihr heget, Was sich reget Hier und oben, Soll den Schöpfer stetig loben. Gleichwie der Blumenblättlein Schrein Zertheilt der warme Sonnenschein, Sie gänzlich zu erquicken, So soll auch mein verdüstert Herz Sich öffnen, daß des Geistes Kerz' Kann seinen Schrein durchblicken. Rührend, zierend, Daß es Gaben Möge haben, Die vor allen Gott und Menschen wohlgefallen. Herr, hilf, daß ich auch diesen Tag, Und so lang' ich noch leben mag, Mein Amt getreu verrichte, Daß ich auf deinen Wegen geh', Und aller Sünde müßig steh', All' Eitelkeit vernichte, Und wann kommt dann Tod und Sterben, Laß mich erben Und empfangen, Was die Frommen all' erlangen. Morgenlied Herr Himmels und der Erden, Der du läßt Tage werden, Gott, Vater, Sohn und Geist, Der uns bisher erhalten, Woll' stetig ob uns walten, Und ewig sein gepreist! Wir danken dir von Herzen, Daß du, o Gott, vor Schmerzen, Vor Jammer, Angst und Noth Uns diese Nacht bewahret Und uns gesund gesparet Im Schlaf, dem halben Tod. Die Finsterniß der Sünden Laß mit dem Tag verschwinden, Mach' deine Gnade neu! Weil nun die Hahnen krähen, So lassen wir auch sehen Mit Petro wahre Reu'. Gieb, daß ich diesen Morgen, Die Seele zu versorgen, Des Bösen müßig geh', Und wenn heut' sollte kommen Der Hoffnungstag der Frommen, Vor dir mit Freuden steh'. O Gott, dir ich befehle Den Leib und auch die Seele, Mein' Hab', Sinn und Verstand. Durch deine Gnad' und Güte Mich allezeit behüte Sammt dieser Stadt und Land. Dein' Engel zu mir sende, Daß ihre Hand abwende, Was Seel' und Leib versehrt. Laß meine Sünd' versöhnen, Gleich wie des Thaues Thränen Der Sonnen Glanz verzehrt. Vereinigung mit Gott Ach, milder Gott, begnade mich, Indem ich will erkennen dich, Und deine Wege wallen. Erneu' mein Herz und nimm mich mir; Ich habe mich gelobet hier Allein dir zu gefallen. Dein Will' sei mein Will' für und für, So daß ich mich in dir verlier'. Das gute Werk, das ich vollbring', Ist ein gefügter Kettenring, Von Gottes Gnad' umschlossen. Ich thue nun, so viel ich woll', So thu' ich doch nicht, was ich soll, Die Schwachheit ist verdrossen. Doch nimmt Gott auch den Willen an, Wenn man nur leistet, was man kann. Ich meide Sünd' und Missethat Und thue Gut's, durch deine Gnad', So viel mir Huld erschienen. In deines Willens Heiligkeit Bin ich zu jeder Zeit bereit, Dem Nächsten stets zu dienen, Und traure, daß ich nicht kann sein In dieser Schwachheit engelrein. Wie gerne wollt' ich hinter mir, Was irdisch ist, vergessen hier Und Gott allein anhangen! Wie gerne wollt' ich Gottes Ehr', Und was gemäß ist seiner Lehr', Ohn' allen Ruhm erlangen, Auf daß die höchste Heiligkeit Erleuchte mich zu aller Zeit. Die höchste Stufe, die man kann In diesem Leben treten an, Ist, Gott vereinbar werden. Dann weiß man nichts mehr, als von Gott, Und achtet man für eiteln Spott Die Nichtigkeit der Erden. Das ist der Frommen höchster Ruhm, Vollkommen sein im Christenthum. Sehnsucht nach dem Kreuze Wann die übermüde Nacht Alle Menschen ruhen macht, Schau' ich im versüßten Traum, Als ob mich voll Freud' und Wonne Flügel gleich der Morgensonne Führten an des Kreuzes Baum, Und mich machet mein Verlangen Nagelfest am Kreuze hangen. Mein erhobnes Angesicht Ist zur Dornenkron' gericht', Meine Thränen allzumal Wollen durch die Wolken wallen, Und doch auf die Erden fallen In des Herzens Schmerzenqual. Also machet mein Verlangen Mich fest an dem Kreuze hangen. Alles, was der Welt beliebt, Meinen Muth und Sinn betrübt; Denn mein Aug' ist stets gericht' Zu ihm, der für mich gestorben; Der das Leben hat erworben, Kömmt mir aus dem Sinne nicht. Also machet mein Verlangen Mich mit ihm am Kreuze hangen. Die Demuth Sie ist ihr holder Feind, der sich am kleinsten achtet, Und seinen Nächsten groß; der nicht nach Ehren trachtet, Und zürnet ob dem Lob; Verachtung, Spott und Schand' Ist ihr als eine Straf' der Sünden wohl bekannt. Sie pfleget nimmermehr nach großem Gut zu streben, Und wünscht in ihrem Haus der Schnecke gleich zu leben In stiller Schattenruh'; sie trägt ein schlechtes Kleid, Und weiß nicht, was man nennt Haß, Meuchellist und Neid. Ihr Wort ist ja und nein, begierig, viel zu hören, Sie ehret Jedermann und läßt sich täglich lehren, Bestrafet ihren Sinn, der sich nicht niederneigt Und vor dem höchsten Gott bis zu der Erden beugt. Sprüche, Sinngedichte und Räthsel Mittelstraße Zu viel ist eine Last, zu wenig macht betrübt, Wer zwischen beiden steht, den hat das Glück geliebt. Der Traum, ein Dichter Der Traum ist ein Poet, der gleich dem Maler dichtet, Und unser Sorgenbild gestaltet und vernichtet. Wie Gebet, so Gehör Du betst und weißt nicht, was, du hörst dich selber nicht. Glaub', daß sich Gottes Ohr nach deiner Andacht richt'. Ausgleichung Viel müssen dieser Zeit aus Mangel Hungers sterben, Mehr sind hingegen, so durch Ueberfluß verderben. Demuth und Hoffart Kein Laster ist so groß, das Demuth nicht bedeckt, Und keiner Tugend Lob, das Hoffart nicht befleckt. Die Einfalt Die Einfalt ist bei mir, willst du viel Falten haben, So nimm' ein' Weiberrock, der wird dich wohl begaben. Freude des Geizes Ich halte, daß der Geiz ein' solche Freude bringt, Als wann der Durstige viel Salz mit Wasser trinkt. Das Gebet Ich steige himmelauf, doch ohn' Geleit und Leiter, Ich bin der Kranken Arzt, der Armen Trostbereiter. Der All's verloren hat, verlieret mich doch nicht; Den Sünder söhn' ich aus vor Gottes Strafgericht. Das Hühnlein im Ei Ich leb' und bin noch nicht auf diese Welt gekommen, Doch meiner Mutter Leib vor kurzer Zeit entnommen. Wann ich mein Haus zerbrech', eröffn' ich meine Thür, Was mich bedecken sollt', bedeck' ich noch in mir 1 . Fußnoten 1 Die Federn. Grabschrift der Demuth Weil der Stolz hatt' Ueberhand, Mußt' ich Demuth unterliegen, Und des Undanks Felder pflügen In dem Dienst- und Knechtschaftstand, Ja, der Hoffart hoher Trab Tritt mich noch in meinem Grab. Grabschrift der Mäßigkeit Der Gebrauch im deutschen Land, Schwelgen und Gesundheit trinken, Hat in's Kloster mich gebannt, Da läßt mich der Mönch auch sinken, Daß ich, aller Tugend Zier, Liege längst begraben hier. Ehr', Reh So leicht das Reh entwischt, so schnell entfleucht die Ehr', Und ist sie einmal hin, so kömmt sie selten mehr. Die vier Räder am Wagen Vier Schwestern laufen fort und können sich nicht weilen, Doch keine selber kann die andre übereilen. Sie gehen einen Weg, und weiß doch jedermann, Daß keine dieser vier die andre rühren kann. Das Schiff Wenn man mich rückwärts schaut, so gleich' ich einem Fisch, Verlier' ich meinen Schwanz, so bleibet das Gezisch. Mein Leib heißt rückwärts ich, so dien' ich, wie ich kann. Wer meinen Namen räth, der ist ein Räthselmann. Der Eiszapfen Ich wachse lang und dünn, doch niemals aus der Erden: Kann auch dergleichen Stamm bei uns gefunden werden? Hab' keine Wurzel nicht, spross' aus des Himmels Feld, Mich kennt ein jedes Kind und kauft mich ohne Geld. Das Feuer Kein Mensch auf dieser Welt kann meiner lang' entbehren, Doch kann ich Jedermann verderben und gefähren. Ich esse, was man mir giebt, ohne großen Dank, Und sterbe, wenn man mich will zwingen zum Getrank.