Erstes Buch An die Dichtkunst Gespielin meiner Nebenstunden, Bei der ein Theil der Zeit verschwunden, Die mir, nicht andern, zugehört; O Dichtkunst, die das Leben lindert! Wie manchen Gram hast du vermindert, Wie manche Fröhlichkeit vermehrt! Die Kraft, der Helden Trefflichkeiten Mit tapfern Worten auszubreiten, Verdankt Homer und Maro dir. Die Fähigkeit, von hohen Dingen Den Ewigkeiten vorzusingen, Verliehst du ihnen, und nicht mir. Die Lust, vom Wahn mich zu entfernen, Und deinem Flaccus abzulernen, Wie man durch ächten Witz gefällt; Die Lust, den Alten nachzustreben, Ist mir im Zorn von dir gegeben, Wenn nicht mein Wunsch das Ziel erhält. Zu eitel ist das Lob der Freunde: Uns drohen in der Nachwelt Feinde, Die finden unsre Größe klein. Den jetzt an Liedern reichen Zeiten Empfehl' ich diese Kleinigkeiten: Sie wollen nicht unsterblich sein. Die einunddreißigste Ode des Horaz im ersten Buche. Was mag der Wunsch des Dichters sein, Der den geweihten Phoebus bittet? Und was ruft er ihn an, da er den neuen Wein Aus seiner Opferschale schüttet? Er wird den Reichthum voller Aehren Nicht aus der feisten Flur Sardiniens begehren, Auch nicht um den Besitz der schönen Heerden flehn, Die in Calabriens erhitzten Triften gehn. Kein indisch Elfenbein noch Gold Sind das, warum er Bitten waget, Auch Felder nicht, um die der stumme Liris rollt, Der sie mit stillem Wasser naget. Der, dem ein günstig Glück bei Cales Wein gegeben, Beschneid' und keltre sich die ihm gegönnten Reben! Die güldnen Kelche leer' ein reicher Handelsmann Von Weinen, die sein Tausch in Syrien gewann! Der Götter Liebling sei nur Er! Daß drei- ja viermal alle Jahre Er straffrei und verschont des Atlas breites Meer Mit sichern Frachten überfahre! Mir sind Cichorien, mir sind des Oelbaums Früchte Und leichte Malven stets vergnügende Gerichte. Gib mir, Latonens Sohn, bis zu des Lebens Schluß, Zum Gegenwärtigen Gesundheit und Genuß. Nur etwas wünsch' ich mir dabei, Verweil' ich länger auf der Erde: Daß auch mein Alter noch ein Stand der Ehre sei Und mir zu keinem Vorwurf werde. Alsdann vermindre mir kein Kummer, kein Geschäfte, Und keiner Krankheit Gift die mindern Seelenkräfte, Und, wie der Dichter Kunst mir immer wohlgefiel, So sei der Saiten Scherz auch meines Alters Spiel. Die sechste Ode des Horaz im dritten Buche. Du büßest, unverdient, der Väter Missethaten. Bis du, o sichres Rom, die Tempel wieder baust, Der Götter Wohnungen, die in Verfall gerathen, Auf deren Bildern du noch Rauch und Moder schaust. Durch Ehrfurcht gegen sie hast du das Heft erhalten. Sie gründete den Flor, der dir den Vorzug gibt; Doch sahn die Götter kaum den ersten Dank erkalten, So ward Hesperien durch öftre Noth betrübt. Wir kriegten ohne sie, uneingedenk der Zeichen: Schon zweimal bändigt uns Monaeses und Pacor. Durch größrer Ketten Gold, den Raub von unsern Leichen, Hebt sich der Parther Hals weit stolzer, als zuvor. Bald hätt' Aegyptens Volk, das mit der Seemacht schreckte, Und bald der Dacier, der frech den Wurfpfeil schwenkt, Als alles schwürig war und voller Aufruhr steckte, Die Mauern unsrer Stadt in öden Staub versenkt. Der Zeiten öftre Brut, der Frevel und die Schande, Beschmitzten anfangs bald die Ehen, Haus und Stamm; Und diese Quelle war's, aus der dem Vaterlande, Dem Volke des Quirins, der Strom der Strafen kam. Ein reifes Mädchen lernt der geilsten Griechen Tänze, Der Stellung Wissenschaft, der Glieder Fertigkeit, Und sinnt, voll Ungeduld, in ihrem ersten Lenze, Schon auf ein Meisterstück der frühen Lüsternheit. Sie freit und wagt beim Schmaus vom Mann sich wegzustehlen. Sucht jüngre Buhler auf, mit denen sie entschleicht, Und ihnen, schnell und frech und ohne langes Wählen, Wann sie das Licht entfernt, verbotne Küsse reicht. Doch nein! Sie heißt den Mann, der Schande Hehler, trinken, Steht auf und schmieget sich an eines Fremden Brust; Es mag ein Mäkler ihr, es mag ein Schiffherr winken, Als die Meistbietenden für manche schnöde Lust. Roms tapfre Jugend ist von solchen nicht entsprungen; Nie färbt' ein Meer durch sie der Poener Blut und Fall. Durch Söhne bess'rer Art ward Pyrrhus Heer bezwungen, Der Held Antiochus, der grimme Hannibal. Durch rüstig Bauernvolk, durch manchen Held im Kittel, Der, durch den Feldbau stark, gehärtet durch den Pflug, Nach scharfer Mütter Sinn, noch emsig Scheit und Knüttel Zum Schluß der Arbeit hieb und in die Hütte trug: Bis, wann die Sonne nun den Wagen tiefer lenkte Und an den Bergen sich der spätste Schatten wies, Die süße Stunde kam, die ihm die Ruhe schenkte Und aus dem schweren Joch die müden Rinder ließ. Was mindert nicht die Zeit? Verarten wir nicht immer? Die Römer sind nicht mehr was sie gewesen sind: Die Ahnen waren arg, die Väter wurden schlimmer, Und ärger, als wir selbst, wird Kind und Kindeskind. Telephus, nach der neunzehnten Ode des Horaz im dritten Buche. Du bist gelehrt, mein Telephus! Du weißt und du erzählst, wie manches Jahr verstrichen Vom fast vergeßnen Inachus Bis auf des Codrus Zeit, der, nach des Schicksals Schluß, Beherzt fürs Vaterland verblichen; Du kennst den Stamm des Aeacus: Von ihm nennt niemand uns geschwinder Die Kinder und die Kindeskinder: Und Trojens Göttersitz, um den Scamanderfluß Kennst du die Fliehenden, du kennst die Ueberwinder: O hochgelehrter Telephus! Hingegen hast du mir die Preise Der Chier Weine nie gemeldt, Auch nie den Ort der nächsten Schmäuse; Nicht, wo, noch wann man mir ein warmes Bad bestellt, Wenn ein Peligner Frost die Glieder überfällt. Gib, Schenke, gib vom Saft der Reben! Dem Neumond und der Mitternacht Sei dieser Weihtrunk ausgebracht. Gib noch den dritten Kelch: Es soll Muraena leben, Den sein Verdienst zum Augur macht! Aus jenen Bechern wählt, die euch die besten dünken. Drei- oder neunmal müßt ihr trinken. Der Dichter muß begeistert sein. Er weiß, es sind der Musen neun. Bald wird er den Bedienten winken, Der füll' ihm von dem Dichterwein In den Pocal neun Stutzer ein. Die Huldgöttin, zu der sich zum Vergnügen Die beiden nackten Schwestern fügen, Pflegt Zanklust und Verdruß zu scheun, Und sie erlaubt von solchen Zügen Nicht mehr als drei, euch andre zu erfreun. O daß der Ernst die Flucht erwähle! Mir lob' ich Lust und Raserei. Wie? Stimmt kein Spiel dem Jubel bei? Auf! daß die Flöte der Cybele Sich jetzt mit neuem Hauch beseele! Auf! auf! daß Leyer und Schalmei Die Töne wohlgepaart vermähle, Nicht unsern Freuden länger fehle, Nicht stumm der Wände Zierrath sei! Man sollte sich der Hände schämen, Die langsam sich zur Lust bequemen: Wie haß' ich ihre Zauderei! Streut Rosen aus; lärmt durch die Chöre, Daß unser tobendes Geschrei Des dürren Lycus Neid vermehre! Daß unsre Nachbarin, voll Scheu Vor dieses Alten Schmeichelei, Auf unser wildes Jauchzen höre! Du bist mein Telephus, an vollen Locken reich, Dem heitern Abendstern macht dich dein Anblick gleich, Und Chloe, die dir reift, lockt dich zu zarten Trieben. Erkenne, wie beglückt du bist, Da meine Glycera nicht so gefällig ist, Das Feuer kennt und nährt, das mich schon lange frißt, Und doch nicht eilet, mich zu lieben. Der Tag der Freude Ergebet euch mit freiem Herzen Der jugendlichen Fröhlichkeit: Verschiebet nicht das süße Scherzen, Ihr Freunde, bis ihr älter seid. Euch lockt die Regung holder Triebe; Dieß soll ein Tag der Wollust sein: Auf! ladet hier den Gott der Liebe, Auf! ladet hier die Freuden ein. Umkränzt mit Rosen eure Scheitel (Noch stehen euch die Rosen gut) Und nennet kein Vergnügen eitel, Dem Wein und Liebe Vorschub thut. Was kann das Todtenreich gestatten? Nein! lebend muß man fröhlich sein. Dort herzen wir nur kalte Schatten: Dort trinkt man Wasser, und nicht Wein. Seht! Phyllis kommt: O neues Glücke! Auf! Liebe, zeige deine Kunst, Bereichre hier die schönsten Blicke Mit Sehnsucht und mit Gegengunst. O Phyllis! glaube meiner Lehre: Kein Herz muß unempfindlich sein. Die Sprödigkeit bringt etwas Ehre; Doch kann die Liebe mehr erfreun. Die Macht gereizter Zärtlichkeiten, Der Liebe schmeichelnde Gewalt, Die werden doch dein Herz erbeuten; Und du ergibst dich nicht zu bald. Wir wollen heute dir vor allen Die Lieder und die Wünsche weihn. O könnten Küsse dir gefallen Und deiner Lippen würdig sein! Der Wein, den ich dir überreiche, Ist nicht vom herben Alter schwer. Doch, daß ich dich mit ihm vergleiche, Sei jung und feurig, so wie er. So kann man dich vollkommen nennen: So darf die Jugend uns erfreun, Und ich der Liebe selbst bekennen: Auf Phyllis Küsse schmeckt der Wein. Der Lauf der Welt Unzählich ist der Schmeichler Haufen, Die jeden Großen überlaufen, So lang er sich erhält. Doch gleitet er von seinen Höhen; So kann er bald sich einsam sehen. Das ist der Lauf der Welt. Ein Dürftiger sucht seine Freunde: Doch alle meiden ihn als Feinde; Allein er erbet' Geld. Sogleich erscheinen zehn Bekannten Und zehn entbehrliche Verwandten. Das ist der Lauf der Welt. Ein Schulfuchs hofft mit dürren Gründen Den Beifall aller Welt zu finden: Allein er wird geprellt. Mein Mädchen macht oft falsche Schlüsse: Doch überzeugt sie mich durch Küsse. Das ist der Lauf der Welt. Ein freies Weib von zwanzig Jahren Ist zwar in vielem unerfahren: Doch, was sie sagt, gefällt. Gebt ihr noch zwanzig Jahre drüber: So hört man ihre Tochter lieber. Das ist der Lauf der Welt. Leander stimmet süße Töne, Und singt und seufzet seiner Schöne, Bis ihr das Ohr fast gellt. Allein, eh' er recht ausgesungen, Hat schon ein andrer sie bezwungen. Das ist der Lauf der Welt. Stax sucht am Montag Doris Küsse: Am Dienstag find't er Hindernisse: Am Mittwoch siegt der Held. Am Donnerstag vergehn die Triebe: Am Freitag sucht er neue Liebe. Das ist der Lauf der Welt. Cephise schwört: Sie will ihr Leben Der stillen Einsamkeit ergeben, Und höhnt was sich gesellt. Drauf will sie sich durch Heirath adeln, Und spricht zu allen, die sie tadeln: Das ist der Lauf der Welt. Ein Mädchen voller Weisheitsgründe Hält jeden Kuß für eine Sünde, Bis ihr ein Freund gefällt. Hat dieser sie dann überwunden, So sagt sie selbst in frohen Stunden: Das ist der Lauf der Welt. Wenn junge Wittwen traurig scheinen, Und in dem Mann sich selbst beweinen, So ist es unverstellt. Doch keine sieht den Trauerschleier Mit größrer Lust, als einen Freier. Das ist der Lauf der Welt. Die verliebte Verzweiflung Gewiß! der ist beklagenswerth, Den seine Göttin nicht erhört; Dem alle Seufzer nichts erwerben. Er muß fast immer schlaflos sein, Und weinen, girren, winseln, schrein, Sich martern und dann sterben. Grausame Laura! rief Pedrill, Grausame! die mein Unglück will, Für dich muß ich noch heut' erblassen. Stracks rennet er in vollem Lauf Bis an des Hauses Dach hinauf, Und guckt dort in die Gassen. Bald, als er Essen sah und roch, Befragt' er sich: Wie! leb' ich noch? Und zog ein Messer aus der Scheiden. O Liebe! sagt' er, deiner Wuth Weih' ich den Mordstahl und mein Blut: Und fing an, Brod zu schneiden. Nach glücklich eingenommnem Mahl Erwägt er seine Liebesqual, Und will nunmehr durch Gift erbleichen. Er öffnet eine Flasche Wein, Und läßt, des Giftes voll zu sein, Sich noch die zweite reichen. Hernach verflucht er sein Geschick, Und holet Schemel, Nagel, Strick, Und schwört, nun soll die That geschehen. Doch, ach! was kann betrübter sein! Der Strick ist schwach, der Nagel klein, Der Schemel will nicht stehen. Er wählt noch eine Todesart, Und denkt: Wer sich erstickt, der spart, Und darf für Gift und Strick nicht sorgen. Drauf gähnt er, seufzet, eilt zur Ruh, Kriecht in sein Bett und deckt sich zu, Und schläft bis an den Morgen. Der Wunsch einer Schäferin Dort, wo im Thal die schlanken Erlen stehn, Hielt mich mein Schäfer an, bei jenen frischen Quellen, Und sprach: Gebötest du, mich wieder einzustellen, Du würdest mich für Liebe sterben sehn. Ach Liebe! kostet es auch unser beider Leben; So laß', o laß' ihn doch sich wieder herbegeben! Die Vögel 1730. In diesem Wald, in diesen Gründen Herrscht nichts, als Freiheit, Lust und Ruh. Hier sagen wir der Liebe zu, Im dicksten Schatten uns zu finden: Da find' ich dich, mich findest du. Hier paaren sich Natur und Liebe, Die Jugend und die Fröhlichkeit, Die Lust und die Gelegenheit: Und macht Gelegenheit ja Diebe; So wird der Raub der Lust geweiht. Die Vögel lieben hier und singen. Es liebt der in den Lüften schwebt; Es liebt was kaum der Fittich hebt Und suchet aus dem Nest zu dringen: Weil alles nach der Freiheit strebt. Die Nachtigall in diesen Sträuchen Gleicht durch die süße Stimme dir; In ihrer Scherzlust gleicht sie mir: Und sucht, uns beiden mehr zu gleichen, Die sichern Schatten, so wie wir. Die Lerche steiget in die Höhe. Ihr buhlerischer Lustgesang Verehrt und lobet lebenslang Die freie Liebe, nicht die Ehe; Die stete Wahl, und keinen Zwang. Wie scherzt und hüpfet durch die Felder Die oft gepaarte Wachtelbrut! Die frohen Schläge, die sie thut, Erschallen in die nahen Wälder Und tönen nur von Lust und Muth. Wie buhlen dort die Turteltauben: Wer kann ihr Girren nicht verstehn? Die Liebe macht es doppelt schön, Und will und soll uns auch erlauben, Das Schnäbeln ihnen abzusehn. Der Sperling theilt sein kurzes Leben In Zwitschern und in Lieben ein. Man weiß, er liebet ungemein: Will man sein Singen nicht erheben, So wird er wol zu trösten sein. Noch eh' wir uns von hier entfernen, Nimm jetzt nebst mir doch den Entschluß, Bei jedem Scherz, bei jedem Kuß Den Vögeln etwas abzulernen, Das dir und mir gefallen muß. Mirene Mirene stand an einer Quelle, Bei welcher schöne Veilchen blühn, Und sah um rasche Wasserfälle Die ungezählte Heerde ziehn. Die zählte sie mit wenig Freude, Und sprach: Kaum daß ich's dulden kann; Bei allen Weibchen, die ich weide, Treff' ich nur einen Widder an. Will meine Mutter mich nur hören, Ihr Schafe, so gelob' ich euch, Ich will bald euer Wohl vermehren, Und meines auch vielleicht zugleich. Ich kenne schon aus eignem Triebe, Wie ungerecht das Glück verfährt, Wann es der Jugend und der Liebe Die Freiheit und die Wahl verwehrt. Nichts auf der Welt ist fast verliebter, Als Damon, der sich mir geweiht: Doch auf der Welt ist nichts betrübter, Als seine trockne Zärtlichkeit. Er folgt mir, wo ich geh' und stehe, Und kennet noch nicht meine Brust. Ein solches Leben gleicht der Ehe: Allein, ihm fehlt noch ihre Lust. Er schneidet in die nahen Linden Wol zehnmal meines Namens Zug. Die Mühe kann mich zwar verbinden, Und ihm scheint auch mein Dank genug. Mein Lob erklingt auf seiner Leier; Mich wecket oft sein Saitenspiel: Hingegen wird er nimmer freier, Und ehret mich vielleicht zu viel. Ich ehrt' und liebt' ihn selbst vor Zeiten: Das aber that ich als ein Kind. Nun wachs' ich auf, und gleiche Leuten, Die klüger und erfahrner sind. Wahr ist's: mir hat er sich verschrieben. Soll ich daraus die Folge ziehn: Ich müsse Damon ewig lieben, Und keinen lieben, als nur ihn? Will hier ein Schäfer sich erfreuen: (Mich däucht, ich merk' es ziemlich oft,) So führet er mich zu den Reihen, Und tanzt und küßt mich unverhofft. Ein einz'ger scheint mir zu gefallen. Verräth mir Damon seinen Neid, Ihr Schäfer: ja, so gönn ich allen Den Kuß, den Damon mir verbeut. Der Wettstreit Mein Mädchen und mein Wein, Die wollen sich entzwein. Ob ich den Zwist entscheide, Wird noch die Frage sein. Ich suche mich durch Beide Im Stillen zu erfreun. Sie gibt mir größre Freude: Doch öftre gibt der Wein. An eine Schläferin Erwache, schöne Schläferin, Falls dieser Kuß nicht zu bestrafen: Doch wenn ich dir zu zärtlich bin, Schlaf, oder scheine mir zu schlafen. Die Unschuld, die nur halb erwacht, Wann Lieb' und Wollust sie erregen, Hat öfters manchen Traum vollbracht, Den Spröde sich zu wünschen pflegen. Was du empfindest, ist ein Traum: Doch kann ein Traum so schön betrügen? Gibst du der Liebe selbst nicht Raum: So laß dich dann ihr Bild vergnügen. Die Verschwiegenheit der Phyllis Nein, nein, man fängt mich nicht so bald! Ich sage keinem was ich denke. Ich kenne schon der Schäfer Ränke, Und bin nun sechszehn Sommer alt. Und höre meine Schwester sagen: Man müsse kein Geständniß wagen. Mein Schäfer kennet mich noch nicht. Wie wär' es, wenn ich mich verriethe? O liebt' ich ihn, so wär' es Güte: Und liebt' er mich, so ist es Pflicht. Die Schäferinnen selbst bekennen, Ich sei schon liebenswerth zu nennen. Er stahl so manchen Kuß allhier. Ich weiß allein die Zahl von allen: Ihm aber ist sie halb entfallen; Und dies Geheimniß merk' ich mir. Doch sollt' er nicht von meinen Küssen Nach allem Recht die Anzahl wissen? Er nenn' es immer Gütigkeit, Daß ich bei seinen Heerden weide. Ich nenn' es eine Frühlingsfreude, Und die ist keine Seltenheit. Ja, hieß ich's mehr als ein Vergnügen, So sag' ich's nicht und bin verschwiegen. Ich hab' ihm jüngst ein grünes Band Um Hut und Stab und Arm gebunden. Wie sehr er diese Gunst empfunden, Ist mir nicht gänzlich unbekannt. Er aber hat es nicht erfahren, Warum ich bat, es zu bewahren. Um etwas, Liebe, bitt' ich dich: Laß ihn nicht diesen Busch beschreiten. Du möchtest ihn vielleicht begleiten: Und, wahrlich! dann verrieth ich mich. Doch hast du das dir vorgenommen: So laß ihn ja nicht heute kommen. Die alte und neue Liebe Ihr Heiligen der alten Zeit, Treu', Ehrfurcht und Verschwiegenheit, Und du, o wahre Zärtlichkeit! Ihr lehrtet uns dem Liebreiz fröhnen. Nun ist die Treue nur verstellt, Und die Verschwiegenheit entfällt, Wenn ja die Ehrfurcht Gunst erhält. Wer liebt nicht sich in seinen Schönen? Von seiner Phyllis ferne sein, Ihr dennoch heiße Seufzer weihn, Und diese Seufzer nicht bereun: Das war die Lust des Schäferlebens. Das Seufzen ist uns unbewußt. Man seufzet, aber nur vor Lust, An einer nahen Phyllis Brust, Und seufzet da nicht leicht vergebens. Die Fessel küssen, die man trägt, Die uns ein Mädchen angelegt, Das reizend Mund und Augen regt: Das war die Kunst der ersten Zeiten. Die Fessel und die Knechtschaft fliehn Und, wo nur schöne Wangen blühn, Um schöne Wangen sich bemühn: Das nennt man jetzo Zärtlichkeiten. Durch mehr als jährigen Bestand Verehren, was man artig fand, Und unsre Treu' oft nicht erkannt: Das war den Vätern vorgeschrieben. Erwählen was nur Schönheit schmückt, Genießen was uns oft entzückt, Verlassen was uns sonst beglückt: Das ist der Enkel Art zu lieben. Alcetas an die Alsterschwäne Wie sehr ist euch das Schicksal hold, Ihr Schwäne, die ich fast beneide! Ihr Säufer trinkt so viel ihr wollt, Und bleibt auch dann der Schönen Freude. Ich weiß es, Bacchus schenkte mir Den Epheu, welcher ihm gehöret, Hätt' ich so einen Hals, wie ihr, Den ihr durch Wasser doch entehret. Die Wunder der Liebe Der Liebe Macht ist allgemein, Ihr dient ein jeder Stand auf Erden. Es kann durch sie ein König klein, Ein Schäfer groß und edel werden. Tyrannen raubt sie Stolz und Wuth, Den Helden Lust und Kraft zum Streiten; Der Feigheit gibt sie starken Muth, Der Falschheit wahre Zärtlichkeiten. Der Einfalt schenkt sie den Verstand, Den sie der Klugheit oft entwendet. Ein Grillenfänger wird galant, Wenn sie an ihm den Sieg vollendet. Des strengen Alters Eigensinn Verwandelt sie in Scherz und Lachen, Und diese holde Lehrerin Kann auch die Jugend altklug machen. Ein Spanier vergißt den Rang, Unedlen Schönen liebzukosen: Ein junger Franzmann den Gesang, Den Wahn, das Selbstlob der Franzosen. Wenn jenen Reiz und Schönheit körnt, Entsaget er dem Hochmuthstriebe: Und dieser seufzet und erlernt, Die Freiheit prahle, nicht die Liebe. Sie gibt der deutschen Männlichkeit Die sanfte Schmeichelei beim Küssen, Den Heiligen die Lüsternheit, Und auch den Juden ein Gewissen. Sie fand, so oft sie sich nur wies, Verehrer in den besten Kennern. Nur sie entwarf ein Paradies Den ihr geweihten Muselmännern. Ja! deine siegende Gewalt, O Liebe! wird umsonst bestritten. Dir unterwirft sich Jung und Alt An Höfen und in Schäferhütten. Doch meine Schöne hofft allein Den Reizungen zu widerstehen. O laß sie mir nur günstig sein! Wie wirst du dich gerächet sehen! Zweites Buch An die Freude Freude, Göttin edler Herzen! Höre mich. Laß die Lieder, die hier schallen, Dich vergrößern, dir gefallen: Was hier tönet, tönt durch dich. Muntre Schwester süßer Liebe! Himmelskind! Kraft der Seelen! Halbes Leben! Ach! was kann das Glück uns geben, Wenn man dich nicht auch gewinnt? Stumme Hüter todter Schätze Sind nur reich. Dem, der keinen Schatz bewachet, Sinnreich scherzt und singt und lachet, Ist kein karger König gleich. Gib den Kennern, die dich ehren, Neuen Muth, Neuen Scherz den regen Zungen, Neue Fertigkeit den Jungen, Und den Alten neues Blut. Du erheiterst, holde Freude! Die Vernunft. Flieh', auf ewig, die Gesichter Aller finstern Splitterrichter Und die ganze Heuchlerzunft! Die Helden Der Aerzte Haubt, die sich zu Pferde zeigen, Ein Chiron sprach zum durstigen Achill: Der Thetis sei das Wassertrinken eigen! Ihr Sohn trinkt Wein, wenn er mir folgen will. Ihm folgt' Achill und leerte ganze Schläuche Auf Brüderschaft mit andern Helden aus. Geweihter Wein floß auf Patroclus Leiche, Noch bess'rer Wein floß beim Begräbnißschmaus. War Calchas nicht ein hocherfahrner Zecher Und, halb berauscht, ein Held im Prophezein? Er trank, er rieth, er weissagt' aus dem Becher Und fand, wie wir, die Wahrheit in dem Wein. Was that Ulyß, der, durch ein Abenteuer, Alcinous, zu deinem Jahrschmaus kam? Der weise Mann erwärmte sich am Feuer, Bis man auch ihn an deine Tafel nahm. Als Telemach, den Vater aufzusuchen, Zum Nestor kam und diesen räuchern sah, Sprach Pylos Fürst: Trinkt zu den Opferkuchen Den Priesterwein, aufs Wohl von Ithaca! Kaum hatt' er sich nach Sparta hinbegeben, So red'te dort ihn Menelaus an: Willkommen, Prinz! versucht von unsern Reben! Herrscht väterlich und trinkt als ein Tyrann! Minerva rieth mit warnenden Geberden Dem Telemach die wilde Trinksucht ab, Und trank doch selbst, um nicht erkannt zu werden, Die Stutzer aus, die ihr Atrides gab. Cambyses dankt und opfert dir, o Sonne! Nicht, weil dein Lauf durch Stier und Wage streift; Er nannte dich die Stifterin der Wonne, Nur weil durch dich die edle Traube reift. In Spanien blieb, bei der Liebe Winken, Ein Scipio dem süßen Wein getreu, Und gab gar bald, ihn ungestört zu trinken, Das schönste Kind der Kriegsgefangnen frei. Roms Phocion, das Muster alter Strenge, Auch Cato hat zu seinem Trunk gelacht. Er heiligte, bei der Geschäfte Menge, Den Tag dem Staat und seinem Wein die Nacht. Fürst Hermann trank, wie deutsche Helden pflegen, Wann Land und Hof und auch Thußnelde schlief, Dem Morgenstern aus seinem Helm entgegen, Eh' ihn der Tag in Feld und Lager rief. Die Ritterschaft des Artus zu verbinden, Ersann er selbst Getränke voller Kraft; Die Königin, um gleichfalls zu erfinden, Erfand, beim Spiel, des Königs Hahnreischaft. Was that der Held, der einst mit Haut und Knochen Sechs Pilger fraß, der Fürst Gargantua? Er war kaum halb der Mutter Ohr entkrochen, So rief er schon: Ist nichts zu trinken da? Der Wein 1728. Aus den Reben Fleußt das Leben: Das ist offenbar. Ihr, der Trauben Kenner! Weingelehrte Männer! Macht dies Sprichwort wahr. Niemals glühten Rechabiten, Edler Most, von dir! Aber, Wein-Erfinder, Noah, deine Kinder Zechten so wie wir. Ueberzogen Regenbogen Gleich das Firmament: So ward deiner Freude Mehr als Augenweide, Ihr ward Wein gegönnt. Deinetwegen Kam der Segen, Wuchs der beste Wein. Nach den Wasserfluten Konnte nichts den Guten Größern Trost verleihn. Der schlechte Wein 1729. Wein! den die Bosheit ausgedacht, Des Wassers Ruhm empor zu bringen, Der aus Verzweiflung trunken macht, In dem wir Gift und Tod verschlingen, In dem des Hafens Aufruhr tobt, Den niemand als der Wirth uns lobt, Den Wirth und Wirthin spart: von dir will ich jetzt singen. Ein harter Fluch beschwert das Land, Wo dieser Weinstock aufgeschossen; Es hat in dem bestraften Sand Ein Sohn des Vaters Blut vergossen, Und, falls mich kein Gedicht berückt, So ist der Winzer gleich erstickt, Der seiner Beeren Kost zum ersten Mal genossen. Auf, auf, ihr Keile! zeigt euch bald! Auf, auf, entzündet euch, ihr Blitze! Vereint die rächende Gewalt; Doch trefft nur dieses Weinbergs Spitze, Und macht, daß dieser Theil der Welt, Den diese Pflanze recht verstellt, Nicht ferner Heerlinge so schlimmer Art besitze! Wett-Trunk und Wett-Lauf 1735. Glaub, Anacharsis hatte Recht, Der, weil er sich zuerst bezecht, Begehrte, daß man ihm des Wett-Trunks Preis ertheilte: Was, sprach er, trug nicht der den Lohn Im Wett-Lauf jederzeit davon, Der dessen Ziel zuerst ereilte? Freund, schien der Syracuser Wein Dir gestern gleich zu stark zu sein, Der dich noch eh', als mich, durch seine Kraft erhitzet; So schäme dich der Züge nicht: Du weißt, was Anacharsis spricht, Und was er spricht, ist was dich schützet. Das Dasein Ein dunkler Feind erheiternder Getränke, Ein Philosoph, trat neulich hin Und sprach: Ihr Herren, wißt, ich bin. Glaubt mir, ich bin. Ja, ja! Warum? Weil ich gedenke. Ein Säufer kam und taumelt' ihm entgegen, Und schwur bei seinem Wirth und Wein: Ich trink, o darum muß ich sein. Glaubt mir, ich trink: ich bin. Wer kann mich widerlegen? Die Ursache der Kriege Mein! sage mir, warum die Fürsten fechten? Fragt Görgel den Gevatter Hein. Der lacht und spricht: Wenn sie, wie wir, gedächten; Sie stellten alle Händel ein. Wenn sie, wie wir, nur oft zusammen zechten, Sie würden Freund und Brüder sein. Der ordentliche Hausstand Crispin geht stets berauscht zu Bette, Und öfters, wann der Tag schon graut. Sein Weib, die lächelnde Finette, Lebt mit dem Nachbar recht vertraut. Ihr ganzes Haus- und Wirthschaftswesen Ist ordentlich und auserlesen. Kaum rennt Crispin zum neuen Schmause Und wittert angenehmen Wein: So schleicht sein Weibchen aus dem Hause Und führt den Nachbar selbst hinein. Ihr ganzes Haus- und Wirthschaftswesen Ist ordentlich und auserlesen. Er lobet und beschreibt ihr klüglich Den wohlgenoss'nen Rebensaft: Sie aber rühmt ihm unverzüglich Des Nachbars gute Nachbarschaft. Ihr ganzes Haus- und Wirthschaftswesen Ist ordentlich und auserlesen. Die Nachmittags- und Abendstunden Bringt sie mit ihrem Nachbar zu, Und wann die Nacht sich eingefunden, Befördert sie des Mannes Ruh. Ihr ganzes Haus- und Wirthschaftswesen Ist ordentlich und auserlesen. Der gute Mann weiß nichts vom Neide: Die gute Frau darf sich erfreun. Er gönnt Finetten ihre Freude; Sie gönnt Crispinen seinen Wein. Ihr ganzes Haus- und Wirthschaftswesen Ist ordentlich und auserlesen. Die Weiber, die den Männern fluchen, Wenn sie zu oft zu Weine gehn, Die sollten dieses Haus besuchen Und der Finette Beispiel sehn. Ihr ganzes Haus- und Wirthschaftswesen Ist ordentlich und auserlesen. Den Männern, die auf Weiber schmählen, Wenn sie der Nachbar sittlich macht, O denen kann Crispin erzählen, Der Wein ertränke den Verdacht. Sein ganzes Haus- und Wirthschaftswesen Ist ordentlich und auserlesen. Mezendore Herr Nicolaus Klimm erfand Mehr Länder als ich Reime, So gar ein unterirdisch Land Vernünft'ger Thier' und Bäume. Die Ober- und die Unterwelt Bewunderten den großen Held. Er pranget im Register Der Kaiser und der Küster. Des Landes Name klinget fein, Und schmeichelt recht dem Ohre. Es heißet, (was kann schöner sein?) Es heißet Mezendore. Hier hat das thierische Geschlecht Und jeder Baum das Bürgerrecht, Wenn er, wie sich's gehöret, Die Obrigkeit verehret. Der Löwe bleibet allemal Monarch des ganzen Staates. Die Elephanten trifft die Wahl Zu Gliedern seines Rathes. Ein luftiger Chamäleon Trägt stets das Canzleramt davon, Und was er angefangen, Vollführen Füchs' und Schlangen. Die Ritterschaft bestehet hier Aus Straußen und aus Pfauen. Das Oechslein und das andre Thier Läßt sich als Bürger schauen. Das Schaf, der Hamster und das Schwein Sind Bauern, oder könnten's sein. Die sich dem Lehramt weihen, Sind trockne Papageien. Das Kriegesheer trotzt auf die Treu' Geübter Tigerschaaren, Das leichte Hirschvolk dient dabei Statt streifender Husaren. Die Flotten führt das Wasserpferd, Der Raubfisch mit dem scharfen Schwert, Den Säuger 1 oft begleiten, Hilft ihrer Seemacht streiten. Die Kammer nährt aus weiser Huld Zehn hochbetraute Bären, Den Anlauf jeder alten Schuld Gebietrisch abzuwehren. Der Habicht nimmt die Steuern ein: Den Dohlen muß der Reiche leihn: Zu Pächtern setzt man Raben Von ungemeinen Gaben. Das Richteramt wird hier bestellt Durch Menschen-gleiche Bäume. Die Birke straft die junge Welt, Der Lorbeer schlechte Reime: Und weil hier Frost und Nüchternheit Nur gar zu oft den Dichtern dräut; So heißen sie die Reben Sich und den Vers beleben. Die Gänse schnattern vor Gericht Laut schallende Recesse, Damit der Kauz, als Schreiber, nicht Den kleinsten Satz vergesse. Allein, vor niederm Ding und Recht Erscheinen Elster, Staar und Specht; Die zanken sich und schreien Auf Kosten der Parteien. Allhier sind die Grammatici Streitbare Ziegenböcke; Die dünken sich kein schlechtes Vieh, Das zeigt ihr stolz Geblöcke; Ihr hocherfahrner langer Bart Hegt auch kein Haar gemeiner Art Und ihre Hörner siegen In scharfen Wörterkriegen. Der Unterthanen Unterschied In Thieren, Bäumen, Pflanzen Ist, weil der Staat nach Würden blüht, Einstimmig in dem Ganzen. Was hier ein Amt zu führen hat, Dient sich und auch vielleicht dem Staat; Der scheint bekanntern Reichen Hierinnen fast zu gleichen. Fußnoten 1 Schiffshalter, Schildfisch. Saugt sich an Schiffen und größeren Fischen an ( Echeneis). Die Vorzüge der Thorheit in einem Rund-Gesange. Den Thoren ist ein Glück beschieden, Das vielen klugen Leuten fehlt. Die Herren sind mit sich zufrieden Und haben immer wohl gewählt. Was hilft es auch, nach Weisheit schnappen, Die oft dem Wirbel wehe thut? Den Thoren stehen ihre Kappen So zierlich als ein Doctorhut. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer, als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Der Thor, der allen Leuten glaubet; Der Thor, der keinem Menschen traut; Der, dem die Kargheit nichts erlaubet; Der sich sein Tollhaus fürstlich baut; Der Thor, der jeden Hof verachtet; Der Thor, der nichts, als Höfe, liebt: Ein jeder, wenn er sich betrachtet, Sieht etwas, das ihm Hochmuth gibt. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer, als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Ein Leitstern lichtbedürft'ger Künste, Ein junger Metaphysicus, Webt ein durchsichtiges Gespinnste Und stellt und heftet Schluß an Schluß. So glaubt er dir, o Wolf, zu gleichen, Und hat dennoch, du großer Mann! Von dir nur die Verbindungszeichen, Und sonst nichts, was dir gleichen kann. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer, als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Ein Schnarcher voller Schulgeschwätze Hält sich für einen Kirchenheld, Und gönnet dem Naemanns Krätze, Dem sein Systema nicht gefällt, Doch halt ... Ihr kennt der Eifrer Weise: Ihr Anhang horcht und rächet sich. O singt nicht, oder singt ganz leise; Denn dies Geschlecht ist fürchterlich. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer, als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Nicander wird durch vieles Klügeln So klug als ein geheimer Rath. In ihm kann selbst van Hoey sich spiegeln: Er kennet mehr als einen Staat. Er ist des deutschen Ruhms Vertreter; Und wär' er nicht geheimnißvoll: So lehrt' er euch, ihr Landesväter, Wie jeder von euch herrschen soll. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt; Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Ein Domherr schöpft aus seiner Pfründe Bald rothen und bald weißen Wein. Das scharfe Salz gelehrter Gründe Kann nimmermehr so schmackhaft sein. Er spart sich dem gemeinen Wesen, Und glaubet, was ein Alter schrieb: Den Augen schadet vieles Lesen; Und sein Paar Augen ist ihm lieb. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Die Sprache nach der Kunst zu zäumen Uebt viele Dichter lebenslang. Sie haschen blindlings nach den Reimen Und stimmen ihrer Schellen Klang. Vernunft und Wahrheit, seid gebeten, (Dafern man ja an euch gedenkt) Den stolzen Reimen nachzutreten, Mit welchen uns Ruffin beschenkt. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer, als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Ein Wuchrer, den der Geiz den Schätzen, Den Flüchen und der Hölle weiht, Geneußt auf Erden kein Ergötzen, Als seines Mammons Sicherheit. Er tobet, daß die Fenster klingen, Wenn seiner Habsucht was entgeht: Doch in vergnügter Eintracht singen, Ist ihm ein Scherz, der übel steht. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer, als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Ihr Heuchler, müßt es nicht vergönnen, Daß man euch unempfindlich heißt. Erlaubet uns, euch recht zu kennen, So kennt man euren Lebensgeist. Ihr krümmet seufzend eure Köpfe; Doch euer Welthaß ist verstellt. Ihr seid empfindliche Geschöpfe: Ihr seid nur Thoren vor der Welt. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer, als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Ihr unberufnen Weltbekehrer! Entfernt euch, wo die Freude singt. Seid, euch zur Lust, beredte Lehrer: Nur schweiget, wo dies Glas erklingt. Thut ihr das oft und ohne Zanken, So mindert sich der Thoren Zahl, Und wir besingen, euch zu danken, Der Thorheit Lob nur noch einmal. Der Thorheit unverjährte Rechte Erstrecken sich auf jedes Haubt: Es ist im menschlichen Geschlechte Ihr Anhang größer, als man glaubt. Doch wenn sie nicht Vergnügen brächte: So wär' ihr schon die Macht geraubt. Lob der Zigeuner Uraltes Landvolk, eure Hütten Verschont der Städter Stolz und Neid; Und fehlt es euch an feinen Sitten, So fehlt's euch nicht an Fröhlichkeit, Ihr scherzt auf Gras und unter Zweigen, Ohn' allen Zwang und ohne Zeugen. Ihr übet euch in steten Reisen; Die Welt ist euer Vaterland. Man lobte dies an alten Weisen, Und nur in euch wird's nicht erkannt. Warum? Ihr gleichet nicht den Reichen, Die prächtig durch die Fremde streichen. Zu große Furcht, zu großes Hoffen Macht oft die Klügsten unruhvoll. Euch steht das Buch des Schicksals offen: Ihr weissagt, was geschehen soll. Will man geheime Dinge wissen, So wird man euch befragen müssen. Es wird der Muth euch angeboren: Wer kennt nicht eure Streitbarkeit? Von euch wird keine Schlacht verloren, Als wo ihr übermannet seid. Dann suchet ihr zwar nicht zu fliehen, Doch zierlich euch zurück zu ziehen. Man weiß, ihr zählet wenig Freunde; Allein ihr kennt den Lauf der Welt. Die Größten haben ihre Feinde: Verdiensten wird stets nachgestellt. Wie mancher Römer wird gepriesen, Den die Gewalt, wie euch, verwiesen! Ihr rennet nicht nach hohen Ehren: Ihr wünscht euch nicht an Titeln reich. Kein Zwiespalt in geweihten Lehren, Kein Federkrieg verhetzet euch. Ihr seid (was kann den Vorzug rauben?) Von Einer Farb' und Einem Glauben. Die Verleumdung Stolzer Schönen Grausamkeiten Sind noch immer ungemein. Auch die Spröden unsrer Zeiten Können ewig spröde sein. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Unempfindlichkeit und Tugend Sind der Doris Eigenthum; Beide schmücken ihre Jugend Und die Jugend ihren Ruhm. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Dieser Vorzug lautrer Ehre, Diese Strenge, diese Zucht Stammen aus der Mutter Lehre, Sind nur ihres Beispiels Frucht. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Redet nicht von Scherz und Küssen, Wo ihr Martha kommen seht: Ihr empfindliches Gewissen Hasset, was so weltlich steht. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Liebe kann zwar Huld erwerben; Aber bei Mirenen nicht: Weil sie nimmer ohn' Entfärben Von verliebten Dingen spricht. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Sylvia wird hoch gepriesen: Denn sie hat in kurzer Zeit Zehn Verehrer abgewiesen, Und den eilften hart bedräut. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Edle Freiheit, mein Vergnügen! Singet Chloris tausendmal; Und es ist, sie zu besiegen, Schwerer als die Kaiserwahl. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Tiefgesuchte Weisheitschlüsse Sind Elmirens Zeitvertreib. Der Begriff gemeiner Küsse Reizen kein gelehrtes Weib. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Iris tändelt, scherzt und singet, Höhnt und lacht der Leidenschaft. Was auch sonst ein Herz bezwinget, Hat an ihrem keine Kraft. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Flavia will nichts gestatten, Was den Schein des Paarens hat; Und sie zürnt auf ihren Schatten, Weil er ihr zu sehr sich naht. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. O die Welt kömmt auf die Neige! Auch der Unschuld schont man nicht: Weil der Unschuld oft ein Zeuge Ihrer Lauterkeit gebricht. Dennoch sagt und glaubet man, Daß man sie erbitten kann. Unverdiente Eifersucht Neulich sah man aus den Sträuchen Den verschwiegenen Elpin Heimlich von der Weide schleichen, Heimlich in die Waldung fliehn. Die Begierde, dort zu sehn, Warum dieser Gang geschehn, Trieb Myrtillen, nachzugehn. Ach, Elpin ist zu beneiden! Fiel dem schlauen Schäfer ein: Ja, ihr folgt ihm, süße Freuden! In den lustgewohnten Hain, Wo in jener Schatten Nacht Ihm vielleicht die Hirtin lacht, Die mein Herze sehnend macht. Mitten unter hohen Fichten Traf Myrtill den Flüchtling an, Der bereits in stillem Dichten Voller Liebe saß und sann, Bis ein fertiger Gesang Muthig durch die Lüfte drang Und den Hall zum Nachruf zwang. Muster, sang er, wahrer Güte! Herz, das Treu' und Huld belebt! Gönne mir, daß mein Gemüthe Einsam deinen Werth erhebt. Sag' ich Neidern und der Welt Minder als dein Lob enthält, So vernehm' es Wald und Feld. Mit wie zärtlichem Umfangen Hat dein Arm mich oft ergötzt! Und wie oft hat deine Wangen Mein vergnügter Mund genetzt! Selten hab' ich was begehrt, Das, sobald ich mich erklärt, Du mir nicht mit Lust gewährt. O mit welchen treuen Küssen Drücktest du mich an dein Herz! Auch in eignen Kümmernissen Scherztest du bei meinem Scherz. Nur dein Lächeln und dein Kuß, Die ich stets verehren muß, Stillten allen Ueberdruß. Deine kluge Huld erblicken, Deiner Liebe Regung sehn, Das allein darf mich entzücken, Das allein bleibt wunderschön: Schön in deiner Seltenheit, Schön in meiner Dankbarkeit, Schön auf unsre Lebenszeit. Wahrheit, Zeugin meiner Triebe! Leiste selber die Gewähr. Sage: Für so große Liebe Fällt die Gegenpflicht nicht schwer. Sag' ihr stündlich, daß ihr Bild, Das mein ganzes Herze füllt, Mehr bei mir, als alles, gilt. Eil' ich, wann es Tag will werden, In die heerdenvolle Flur; O so zeigen mir die Heerden Gleiche Wirkung der Natur: Was auch ich von ihr erhielt, Was die Zucht der Lämmer fühlt, Wann sie mit den Schafen spielt. Nein, ich will mich nicht entfernen, Weil mein Abschied sie betrübt; Nein, ich will von ihr erlernen, Wie man unaussprechlich liebt. Ja, ich will dir, kühler Hain! Hiemit ihren Namen weihn, Dieser Fichte Schmuck zu sein. Name, wachse mit den Rinden! Wachse, Denkmal meiner Hand! Werd' auch in entlegnen Gründen Jeder Hirtenschaar bekannt! Name, den ein Vorzug ziert, Den von allen, die er rührt, Keiner mehr, als ich, verspürt. Endlich eilt Elpin zurücke, Da den lauschenden Myrtill Dessen neubesungnes Glücke Oft zur Mißgunst reizen will. Scheelsucht, Ungeduld und Wahn Heißt ihn, sich der Gegend nahn, Wo Elpin den Schnitt gethan. Sein Verdacht aus tausend Sachen Zielte schon auf langen Gram; Doch er selber mußte lachen, Als er zu der Fichte kam: Denn sobald er sie besah, Stand der Name Sylvia, Seines Freundes Mutter, da. Grenzen der Pflicht Aus Beifall und gewohnten Gründen Nur Menschen recht vernünftig finden, Das will die Pflicht: Doch manche Menschen, die wir kennen, Viel klüger, als die Thiere, nennen, Das will sie nicht. Die seltnen Fürsten Götter heißen, Die sich der Menschenhuld befleißen, Das will die Pflicht: Doch die mit Götternamen zieren, Die weibisch oder wild regieren, Das will sie nicht. Nicht widersprechen und sich schmiegen, Wann große Männer prächtig lügen, Das will die Pflicht: Doch glauben, was sie uns erzählen, Doch glauben, wo Beweise fehlen, Das will sie nicht. Der Neuern Kunst und Witz verehren, Zumal, wann sie durch Muster lehren, Das will die Pflicht! Allein den großen Geist der Alten Für unsrer Zeiten Antheil halten, Das will sie nicht. Der Welt das Wasser anzupreisen, Erlaubt man Aerzten oder Weisen, Das will die Pflicht: Allein des Vorrangs dich berauben, Du freudenvoller Saft der Trauben! Das will sie nicht. Die frommen Blicke nicht verschmähen, Wo wir nur Zucht und Unschuld sehen, Das will die Pflicht: Doch deren Vorzugsrecht verkennen, In welchen Lust und Jugend brennen, Das will sie nicht. Die scharfen Mütter nicht belachen, Die schlaue Töchter stets bewachen, Das will die Pflicht: Allein der Töchter List verrathen, Die das thun, was die Mütter thaten, Das will sie nicht. Den Alten, die uns bessern können, Mehr Zehenden an Jahren gönnen, Das will die Pflicht: Allein zu ihrem längern Leben Von unserm eine Stunde geben, Das will sie nicht. Die Aussöhnung Als dein Geschmack nur meine Verse wählte Und ich bei dir noch keinem Witzling wich, Da war gewiß, wann ich sie überzählte, Kein neuer Fürst halb so vergnügt als ich. Als noch dein Neid, o könntest du erröthen! Nicht gar zu frei von meiner Muse sprach, Da setzt' ich mir die gallischen Poeten, Da setzt' ich dir die deutschen Dichter nach. Mir ist es leicht Bewundrer zu erwerben, Und selbst Strophill nimmt mich zum Muster an. Ich will mit Lust, in Elegien, sterben, Wenn ich nur ihn unsterblich machen kann. Mich lobt Gelast, ich lob' auch ihn mit Freuden. Wir nennen uns den Kern gelehrter Welt, Und, so wie du, will ich zweimal verscheiden, Wenn nur mein Tod ihm seinen Ruhm erhält. Wie? wenn Minerv uns wiederum verbände Und ich, den Bund auf ewig einzugehn, Auf's neu' in dir den Geist, die Kenntniß fände, Die ich seitdem nur im Strophill gesehn. Mir schien Gelast der Sonne selbst zu gleichen. Ich fand in dir nur wüste Dunkelheit; Doch da wir uns die Hand von neuem reichen, Bleibt dir mein Witz, selbst wider ihn, geweiht. An den verlornen Schlaf Wo bist du hin, du Tröster in Beschwerde, Mein güldner Schlaf? An dem ich sonst die Größesten der Erde Weit übertraf. Du hast mich oft an Wassern und an Büschen Sanft übereilt, Und konntest mich mit beßrer Rast erfrischen, Als mir vorjetzt der weiche Pfühl ertheilt. Allein bedeckt vom himmlischen Gewölbe Schlief ich dann ein. Die stolze Thems, die Saal und Hamburgs Elbe Kann Zeugin sein. Dort hab' ich oft, in längstvergrünten Jahren, Mich hingelegt, Und hoffnungsreich, in Sorgen unerfahren, Der freien Ruh' um ihren Strand gepflegt. Wie säuselten die Lüfte so gelinde Zu jener Ruh'! Wie spielten mir die Wellen und die Winde Den Schlummer zu! Mich störte nicht der Ehrsucht reger Kummer, Der vielen droht; Ich war, vertieft im angenehmsten Schlummer, Für alle Welt, nur nicht für Phyllis, todt. Sie eilte dort, in jugendlichen Träumen, Mir immer nach; Bald in der Flur, bald unter hohen Bäumen, Bald an dem Bach. Oft stolz im Putz, oft leicht im Schäferkleide, Mit offner Brust, Stets lächelnd hold im Ueberfluß der Freude: Schön von Gestalt, noch schöner durch die Lust. Mein alter Freund, mein Schlaf, erscheine wieder! Wie wünsch ich dich! Du Sohn der Nacht, o breite dein Gefieder Auch über mich! Verlaß dafür den Wuchrer, ihn zu strafen, Den Trug ergötzt: Hingegen laß den wachen Codrus schlafen, Der immer reimt und immer übersetzt. Drittes Buch Aufmunterung zum Vergnügen Erlernt von muntern Herzen Die Kunst beglückt zu scherzen, Die Kunst vergnügt zu sein. Versucht es. Laßt uns singen, Das Alter zu verjüngen, Die Jugend zu erfreun. Macht neue Freundschaftsschlüsse! Ihr Kinder, gebt Euch Küsse! Ihr Väter, gebe Euch Wein! Anacreon In Tejos und in Samos Und in der Stadt Minervens Sang ich von Wein und Liebe, Von Rosen und vom Frühling, Von Freundschaft und von Tänzen; Doch höhnt' ich nicht die Götter, Auch nicht der Götter Diener, Auch nicht der Götter Tempel, Wie hieß ich sonst der Weise? Ihr Dichter voller Jugend, Wollt ihr bei froher Muße Anacreontisch singen: So singt von milden Reben, Von rosenreichen Hecken, Vom Frühling und von Tänzen, Von Freundschaft und von Liebe; Doch höhnet nicht die Gottheit, Auch nicht der Gottheit Diener, Auch nicht der Gottheit Tempel. Verdienet, selbst im Scherzen, Den Namen ächter Weisen. Chloris In jenem zarten Alter, Als ich mit meinem Schäfchen Mich noch zu messen pflegte Und älter war, doch kleiner, Als mein getreues Schäfchen, Da folgt ich schon der Chloris, Wie mir mein treues Schäfchen. Auch schon in jenen Zeiten War sie in meinen Augen Mehr als ein sterblich Mädchen, Und ist noch eine Göttin, Und mir die schönste Göttin, Die jemals sichtbar worden. Einst sagt' ich ihr: ich liebe; Ich liebe dich, o Chloris. Dies war des Herzens Sprache, Dies sagten meine Seufzer; Die kindisch blöde Zunge Ließ Herz und Seufzer reden Und fand sich keine Worte. Doch mich verstand die Schöne Und schenkte mir ein Mäulchen, Ein unvergeßlich Mäulchen. Und sprach zu mir: Du Kleiner, Du kennst noch nicht die Liebe. Seitdem entbrannte Chloris, Jedoch für andre Schäfer. Seitdem fing mancher Schäfer Aus Chloris Augen Feuer. Seitdem kam ich ins Alter, In dem wir Menschen lieben, Wie unsre Väter liebten. Es reiften meine Jahre, Es gab mir jeder Frühling Mehr Zärtlichkeit und Wünsche. Noch jetzt verehr' ich Chloris; Mir aber ist sie spröde Und wünscht nicht zu erfahren, Ob ich die Liebe kenne; Und jener süßen Stunde Und ihres kleinen Schäfers Und ihres holden Kusses Vergißt die stolze Schöne. Nur ich kann ihrer Lippen, Die sie mir lächelnd reichte, Nur ich kann ihres Kusses Und ihrer nicht vergessen. Der Traum Ich schlief in einem Garten, Den Ros' und Myrthe zierten, In dem drei holde Schönen Den habentblößten Busen Mit frischen Blumen krönten, Die jede singend pflückte. Bald gaukelten die Spiele Des Stifters leichter Träume Mir um die Augenlider, Und mich versetzten Morpheus Und Phantasus, sein Bruder, Ans Ufer von Cythere. Der bunte Frühling färbte Die Blumen dieser Insel; Der leichte Zephyr küßte Die Pflanzen dieser Insel; Und sein Gefolge wiegte Die Wipfel dieser Insel. Wie manches Feld von Rosen, Wie mancher Busch von Myrthen War hier der Venus heilig! Der Göttin sanfter Freuden, Der Freuden voller Liebe, Der Liebe voller Jugend. Ich sah die Huldgöttinnen, Geführt vom West und Frühling, Gefolgt von Zärtlichkeiten, Mit Rosen sich umkränzen, Sich Mund und Hände reichen Und ohne Gürtel tanzen Und bei den Tänzen lachen. Hier fand ich auch den Amor, Der seine Flügel sonnte, Die ihm vom Thau befeuchtet Und so betröpfelt waren, Als da er seinen Dichter Anacreon besuchte. Er wollte von mir wissen, Wer von den holden Dreien Bei mir den Vorzug hätte, Als mich von jenen Schönen, Die sich die Blumen pflückten, Die Schönste lächelnd weckte. Die Empfindung des Frühlings Du Schmelz der bunten Wiesen! Du neu-begrünte Flur! Sei stets von mir gepriesen, Du Schmelz der bunten Wiesen! Es schmückt dich und Cephisen Der Lenz und die Natur. Du Schmelz der bunten Wiesen! Du neu-begrünte Flur! Du Stille voller Freuden! Du Reizung süßer Lust! Wie bist du zu beneiden, Du Stille voller Freuden! Du mehrest in uns beiden Die Sehnsucht treuer Brust. Du Stille voller Freuden! Du Reizung süßer Lust! Ihr schnellen Augenblicke! Macht euch des Frühlings werth! Daß euch ein Kuß beglücke, Ihr schnellen Augenblicke! Daß uns der Kuß entzücke, Den uns die Liebe lehrt. Ihr schnellen Augenblicke! Macht euch des Frühlings werth. Die Landlust Geschäfte, Zwang und Grillen, Entweiht nicht diese Trift: Ich finde hier im Stillen Des Unmuths Gegengift. Ihr Schwätzer, die ich meide, Vergeßt mir nachzuziehn: Verfehlt den Sitz der Freude, Verfehlt der Felder Grün. Es webet, wallt und spielet Das Laub um jeden Strauch, Und jede Staude fühlet Des lauen Zephyrs Hauch. Was mir vor Augen schwebet, Gefällt und hüpft und singt; Und alles, alles lebet Und alles scheint verjüngt. Ihr Thäler und ihr Höhen, Die Lust und Sommer schmückt! Euch, ungestört, zu sehen Ist, was mein Herz erquickt. Die Reizung freier Felder Beschämt der Gärten Pracht, Und in die offnen Wälder Wird ohne Zwang gelacht. Die Saat ist aufgeschossen Und reizt der Schnitter Hand. Die blättervollen Sprossen Beschatten Berg und Land. Die Vögel, die wir hören, Genießen ihrer Zeit: Nichts tönt in ihren Chören, Als Scherz und Zärtlichkeit. Wie thront auf Moos und Rasen Der Hirt in stolzer Ruh'! Er sieht die Heerde grasen Und spielt ein Lied dazu. Sein muntres Lied ergötzet Und scheut die Kenner nicht; Natur und Lust ersetzet Was ihm an Kunst gebricht. Aus Dorf und Büschen dringet Der Jugend Kern hervor Und tanzt und stimmt und singet Nach seinem Haberrohr. Den Reihentanz vollenden Die Hirten auf der Hut, Mit treu-vereinten Händen, Mit Sprüngen voller Muth. Wie manche frische Dirne Schminkt sich aus jenem Bach; Und gibt an Brust und Stirne Doch nicht den Schönsten nach. Gesundheit und Vergnügen Belebt ihr Aug' und Herz, Und reizt in ihren Zügen Und lacht in ihrem Scherz. In jährlich neuen Schätzen Zeigt sich des Landmanns Glück, Und Freiheit und Ergötzen Erheitern seinen Blick. Verleumdung, Stolz und Sorgen, Was Städte sklavisch macht, Das schwärzt nicht seinen Morgen, Das drückt nicht seine Nacht. Nichts darf den Weisen binden, Der alle Sinnen übt, Die Anmuth zu empfinden, Die Land und Feld umgibt. Ihm prangt die fette Weide Und die bethaute Flur: Ihm grünet Lust und Freude, Ihm malet die Natur. Das Kind Als mich die Mama Hänschen küssen sah, Strafte sie mich ab. Doch sie lachte ja, Als ihr der Papa Heut' ein Mäulchen gab. Warum lehrt sie mich: Mädchen! mach's wie ich? Sieh, was andre sind. Nun ich solches thu', Schmählt sie noch dazu: Ach ich armes Kind! Schwestern! sagt mir's fein: Ist mir, weil ich klein, Noch kein Kuß vergönnt? Seht! ich wachse schon, Seit des Nachbars Sohn Mich sein Schätzchen nennt. Die Alte Zu meiner Zeit Bestand noch Recht und Billigkeit. Da wurden auch aus Kindern Leute; Da wurden auch aus Jungfern Bräute: Doch alles mit Bescheidenheit. Es ward kein Liebling zum Verräther, Und unsre Jungfern freiten später: Sie reizten nicht der Mütter Neid. O gute Zeit! Zu meiner Zeit Befliß man sich der Heimlichkeit. Genoß der Jüngling ein Vergnügen, So war er dankbar und verschwiegen: Und jetzt entdeckt er's ungescheut. Die Regung mütterlicher Triebe, Der Fürwitz und der Geist der Liebe Fährt oftmals schon ins Flügelkleid. O schlimme Zeit! Zu meiner Zeit Ward Pflicht und Ordnung nicht entweiht. Der Mann ward, wie es sich gebühret, Von einer lieben Frau regieret, Trotz seiner stolzen Männlichkeit! Die Fromme herrschte nur gelinder! Uns blieb der Hut und ihm die Kinder. Das war die Mode weit und breit. O gute Zeit! Zu meiner Zeit War noch in Ehen Einigkeit. Jetzt darf der Mann uns fast gebieten, Uns widersprechen und uns hüten, Wo man mit Freunden sich erfreut. Mit dieser Neuerung im Lande, Mit diesem Fluch im Ehestande Hat ein Komet uns längst bedräut. O schlimme Zeit! Der Jüngling 1728. Mein Mädchen mit dem schwarzen Haare Vollendet heute sechszehn Jahre, Und ich nur achtzehn: Welch' ein Glück! Die Sehnsucht weckt uns jeden Morgen Und die Unwissenheit der Sorgen Versüßt uns jeden Augenblick. Wir wachsen, und mit uns die Triebe: Denn unsrer Jugend gönnt die Liebe Viel Unschuld; aber nicht zu viel. Verstand kömmt freilich nicht vor Jahren; Allein was wir bereits erfahren Ist gleichwol auch kein Kinderspiel. Der Liebreiz, der uns früh verbunden, Beschäftigt unsre frohen Stunden Und bringt dich wieder, güldne Zeit! Zwar lehren wir und lernen beide; Doch unsre Wissenschaft ist Freude, Und unsre Kunst Gefälligkeit. Ich will die besten Blumen pflücken, Euch, Wunder der Natur, zu schmücken; Dich, freies Haar! dich, schöne Brust! Wir wollen, diesen Tag zu feiern, Den allerschönsten Bund erneuern, Den Bund der Jugend und der Lust. Dann soll ein Bad in sichern Flüssen, Auf dieses Bad ein frisches Küssen, Auf frische Küsse frischer Wein, Auf Wein ein Tanz, bei Spiel und Liedern, Mit regen Schwestern, muntern Brüdern: Das alles soll mich heut' erfreun. So fröhlich soll der Tag verstreichen! Ihm soll kein Tag an Freude gleichen. Nichts übertreff' ihn, als die Nacht! Die Zeit erwünschter Finsternisse, Die wacher Schönen stille Küsse Den Müttern unerforschlich macht. Der Alte Ich werde viel älter und Schwermuth und Plage Droht meiner schon sinkenden Hälfte der Tage: Kaum wallet noch weiter mein zögerndes Herz Bei winkenden Freuden, bei lockendem Scherz. Die schmeichelnde Falschheit der lachenden Erben Verheißt mir das Leben und wünschet mein Sterben: Ein fingernder Doctor besalbt mir den Leib: Bald lärmet der Pfarrer, bald predigt mein Weib. Die warnenden Kenner der Wetter und Winde, Die stündlichen Forscher: Wie ich mich befinde? Die thränenden Augen, die keichende Brust Entkräften den Liebreiz, verscheuchen die Lust. Nun soll mich doch einmal mein Leibarzt nicht stören. Verjüngende Freunde, hier trink ich mit Ehren! Weib, Pfarrer und Erben, nur nicht zu genau! Hier frag' ich nicht Pfarrer, nicht Erben, noch Frau. Im Beisein der Alten verstellt sich die Jugend: Sie trinkt nur bei Tropfen, sie durstet vor Tugend; Ich ehrlicher Alter verstelle mich auch, Bezeche den Jüngling und leere den Schlauch. Mein Auge wird heller: wer höret mich keichen? Ich suche der muthigen Jugend zu gleichen; Und will, auch im Alter, bei Freunden und Wein, Kein Tadler der Freuden, kein Sonderling sein. Der verliebte Bauer Rühmt mir des Schulzens Tochter nicht. Nein! Sagt nur, sie ist reich. Im ganzen Dorf ist kein Gesicht Der flinken Hanne gleich. Das Mensch gefällt, auch ungeputzt; Ich sag' es ohne Scheu: Trotz mancher, die in Flittern stutzt; Sie sei auch wer sie sei. Wie frei und weiß ist ihre Stirn Und roth und frisch ihr Mund! Wie glatt der Haarzopf meiner Dirn Und ihre Brust wie rund! Ihr Aug' ist schwarz wie reifer Schlee: Schier komm' ich auf den Wahn, Wann ich ihr lang in's Auge seh, Sie hat mir's angethan. Ihr wißt, wie wir im Rosenmond Die Maien hier gepflanzt; Da ward der Füße nicht geschont, Da hat sich's g'nug getanzt. Des Schaffers Tenne knarrte recht, Wir schäkerten uns satt: Der Hüfner Heins und Hans, der Knecht, Und Hartwig aus der Stadt. Den Vorreihn, Nachbarn, ließ man ihr: Flugs rief sie mich herbei. Beim Element! wie flogen wir Nach Kilians Schalmei. Wann Hanne nur in Schaukeln schwebt, Wie muthig steigt ihr Schwung! Und wann sie sich im Tanzen hebt, Wie schön ist jeder Sprung! Allein beim Kehraus glitschte sie; Doch ich ergriff sie stracks: Und dafür sah ich auch ein Knie, Das war so weiß als Wachs. Des Pfarrers Muthe schimpft' aus Neid Und zwackte mich gar an. Ich sprach: Mensch, laßt mich ungeheit Und kneipt den Leiermann. Mein Liebchen ging mit mir in's Feld: Ich half ihr übern Zaun. Da hab' ich mich nicht mehr verstellt, Sie war bei guter Laun'. Wir lagerten uns drauf ins Gras, Wie Nachbarskinder thun: Doch ich empfand, ich weiß nicht was, Das ließ mich gar nicht ruhn. G'nug, daß sie mich ihr Büschen hieß, Mir Hand und Guschel reicht', Und mir ein saftig Schmätzchen ließ, Dem auch der Most nicht gleicht. Ihr schmunzelt? Denket, was ihr wollt. Glaubt, daß sie euch nur neckt, Und daß ihr nicht erfahren sollt, Was Hannens Mieder deckt. Die Edelfrau ist zart und fein; Mein Mensch ist wohl so schön. Sollt' ich nur ihr Leibeigner sein, Den Dienst woll't ich versehn. Ihr, die ihr gern was Neues wißt, Das euch die Ohren kraut; Hört, was ihr alle wissen müßt: Sie ist schon meine Braut. Der Herr Magister merkt schon was: Bring' ich den Decem hin, So fragt er mich ohn' Unterlaß: Ob ich verplempert bin? Und wann sie in die Kirche tritt, So singt er, glaubt es mir, Noch weniger als sonsten mit, Und schielt und gafft nach ihr. Die Hochzeit soll auch bald geschehn, Noch vor der Ernte Zeit. Da sollt ihr manchen Luftsprung sehn, Der Leib und Seel' erfreut. Die ganze Dorfschaft komme mir, Sie soll willkommen sein: Und ich versprech' euch Kirmißbier Und guten Firnewein. Zemes und Zulima Als noch dein Mund um meine Lippen scherzte, Als nur mein Arm den weißen Hals umfing, Da schien es mir, wann ich dich zärtlich herzte, Daß mich, an Glück, kein Sophi überging. Eh Zulima (du solltest noch erröthen!) In deiner Wahl zuletzt Aminen wich, Da hielte sie die Tochter des Propheten, Fatimen selbst, nicht halb so groß als sich. Nun fesselt mich die schönste der Circassen, Amine nur, ihr Lied und Saitenspiel, Und ohne Furcht möcht' ich für sie erblassen, Entfernt mein Tod nur ihrer Tage Ziel. Ich wußte längst mir Selim zu erwerben, Des Achmets Sohn, den schönsten Muselmann; Mit tausend Lust will ich auch zweimal sterben, Wenn ihm mein Tod das Leben fristen kann. Wie? wenn die Lieb' uns wiederum verbände, Wenn ich, den Bund auf ewig einzugehn, In Zulima das Glück, die Reizung fände, Die ich in dir, Amine, sonst gesehn? Mir strahlt kein Stern so schön als Selims Blicke, Und du bist wild, so wie das schwarze Meer; Und doch ist mir, wenn ich nur dich beglücke, Das Leben süß und auch der Tod nicht schwer. Die Vergötterung 1728. An Phyllis. Holde Phyllis, die Göttinnen (Traue mir die Wahrheit zu) Waren anfangs Schäferinnen Oder Mädchen, so wie du. Eine, die mit blauen Augen Mehr als Männerwitz verband, Konnte zur Minerva taugen Und erwarb den Götterstand. Dichterinnen hießen Musen Und entzückten Herz und Ohr. Reifer Schönen volle Busen Bildete die Ceres vor. Die durch Jugend uns ergötzte Schien, mit Recht, des Tempels werth, Den man ihr, als Heben, setzte, Die der stärkste Held verehrt. Eine ward, in spröder Blässe Und in strenger Häuslichkeit, Hüterin der Feueresse Und die Vesta jener Zeit. Die durch Reiz und Unglücksfälle Sich den Raub der Grobheit sah, Ward in ihres Ehstands Hölle Kläglich zur Proserpina. Majestätische Geberden, Hoheit, die sich nie vergaß, Ließen die zur Juno werden, Die so großen Geist besaß. Krone, Scepter, Wolken, Pfauen Mußten ihren Muth erhöhn; Zum Exempel aller Frauen, Die das Regiment verstehn. Ihr so wohlgepaarten Beide: Schönheit und Empfindlichkeit! Und auch du, o süße Freude! Mund, der lächelnd Lust gebeut; Rosen aufgeblühter Wangen; Schlaue Blicke; lockigt Haar! Ihr nur stellet dem Verlangen Venus oder Phyllis dar. Phyllis! ja, in jenen Zeiten, In der alten Götterwelt, Wären deinen Trefflichkeiten Gleichfalls Opfer angestellt: Gleichfalls würden deinen Wagen Tauben oder Schwäne ziehn, Dich die Liebesgötter tragen Und mit mir nach Paphos fliehn. Der Kuß Wie unvergleichlich ist Die Schöne, die recht küßt! In ihren Küssen steckt Was Tausend Lust erweckt. Den Mund gab die Natur Uns nicht zur Sprache nur: Das, was ihn süßer macht, Ist, daß er küßt und lacht. Ach, überzeuge dich Davon, mein Kind! durch mich Und nimm und gib im Kuß Der Freuden Ueberfluß. Die Freundschaft Du Mutter holder Triebe, O Freundschaft! dir zur Ehre, Dir, Freundschaft, nicht der Liebe, Erschallen unsre Chöre, Und Phyllis stimmt mit ein: Doch sollte das Entzücken Von Phyllis Ton und Blicken Nichts mehr als Freundschaft sein? Elpin Weil nach des Schicksals bestem Schluß Die junge Welt sich lieben muß, So ward Elpin verliebt. Auch er fand, daß es artig sei, Wenn man, bei süßer Schmeichelei, Den Schönen Küsse gibt. Noch hatt' er nur um Pfand geküßt; Was feuerreich im Küssen ist War ihm nur halb bewußt: Doch wann er bei der Chloe stund, Ward er bald roth wie Chloens Mund, Bald weiß wie ihre Brust. Er untersucht sich tausendmal Und spüret Lust und spüret Qual, So oft er sich befragt. Einst, als er seufzt und ihr sich naht, Wird ihm der Kuß, um den er bat, Und auch die Hand versagt. Er flieht und eilet in den Wald Und klagt, in trauriger Gestalt, Den Eichen, was ihn drückt. O wüßt' er, was ihr Herz gewinnt! Doch alles, was sein Witz ersinnt, Wird durch die Furcht erstickt. Nach langen Klagen schläft er ein; Die Liebe will ihm günstig sein, Der er die Träume weiht. Mit ihren Flügeln weckt sie ihn Und spricht: Ich wünsche dir, Elpin, Nur List und Wachsamkeit. Viertes Buch Die Schönheit Wie lieblich ist des heitern Himmels Wonne, Der reine Mond, der hellen Sterne Heer, Aurorens Licht, der Glanz der güldnen Sonne! Und doch ergötzt ein schön Gesicht weit mehr. Der Tropfen Kraft, die Wald und Feld verjüngen, Belebt sie kaum, wie uns ein froher Kuß, Und nimmer kann ein Vogel süßer singen, Als uns ein Mund, den man verehren muß. Eleonor'! auf deren zarten Wangen Der Jugend Blüt' in frischen Rosen lacht, Und Zärtlichkeit, Bewundrung und Verlangen Dir, und nur dir so zeitig eigen macht; Ob Psyche gleich die Liebe selbst regierte, Als sie, mit Recht, des Gottes Göttin hieß; So glaub' ich doch, daß ihn nichts Schöners rührte, Als die Natur in deiner Bildung wies. Dein Auge spielt und deine Locken fliegen Sanft, wie die Luft im Strahl der Sonne wallt; Gefälligkeit und Anmuth und Vergnügen Sind ungetrennt von deinem Aufenthalt. Dir huldigen die Herzen muntrer Jugend, Das Alter selbst beneidet deinen Witz. Es wird, in dir, der angenehmsten Tugend, Und nirgend sonst der angenehmste Sitz. Man schmeichelt mir, daß, in zufriednen Stunden, Eleonor' auch meine Lieder singt, Und manches Wort, das viele nicht empfunden, Durch Ihre Stimm' in aller Herzen dringt, Gewähre mir, den Dichter zu beglücken, Der edler nichts als deinen Beifall fand, Nur einen Blick von deinen schönen Blicken, Nur einen Kuß auf deine weiße Hand. An die Liebe Tochter der Natur, Holde Liebe! Uns vergnügen nur Deine Triebe. Gunst und Gegengunst Geben allen Die beglückte Kunst Zu gefallen. Die erste Liebe O wie viel Leben, wie viel Zeit Hab' ich, als kaum beseelt, verloren, Eh' mich die Gunst der Zärtlichkeit Begeistert und für dich erkohren! Nun mich dein süßer Kuß erfreut, O nun belebt sich meine Zeit! Nun bin ich erst geboren! Der Wink Ist gleich dein Wink verstohlen: So find' ich doch mein Glücke In jedem deiner Blicke, Der meine Hoffnung nährt. Laß ihn oft wiederholen, Dir fehle nur die Stunde, In der von deinem Munde Ein Kuß mir mehr erklärt. Die Verliebten Ihr, deren Witz die Sehnsucht übt Und immer seufzet, harret, liebt, Wie spät erreicht ihr, unbetrübt, Der Liebe Freuden! Furcht, Knechtschaft, Unruh und Verdacht, Der wüste Tag, die öde Nacht Sind, bis die Lieb' euch glücklich macht, Nicht zu vermeiden. Wie groß muß ihr Vergnügen sein! Wie sehr muß ihr Genuß erfreun, Wenn edle Seelen ihre Pein So willig leiden! Hoheit und Liebe Monarch im Reiche stolzer Thoren, Dich, hohes Glück, verehr' ich nicht! Mir ward in Phyllis mehr geboren, Als alles, was dein Tand verspricht. Der Traum der Wachenden, die Ehre, Der Sklavenstand der Eitelkeit, Schließt dein Gefolg' an Höf' und Heere, Bis es der letzte Schlaf befreit. Das Recht, mein Herze zu entzücken Und meiner Wünsche Ziel zu sein, Räum' ich nur einer Phyllis Blicken, Nur Ihrer seltnen Schönheit ein. Wie stolz war ich, Sie zu gewinnen! Auch dieser Ruhm verewigt sich. Beneidet Sie, ihr Königinnen! Und, Könige! beneidet mich. O Phyllis, Seele meiner Lieder! Mich reizt kein himmelhoher Flug. Mich liebest du, dich lieb' ich wieder. Sind wir nicht beide froh genug? An treuer Brust, an treuer Seiten Macht uns die Liebe groß und reich. Ach sei, an wahren Zärtlichkeiten, Unendlich jener Taube gleich! Den Adler sah die Turteltaube, Die in der Stille girrt und liebt, Wie ihn Gewalt und Muth zum Raube In königlichen Thaten übt. Sie sah ihn Sieg und Ehre finden, Dem Kranich stolz entgegen ziehn, Sich heben, kämpfen, überwinden, Und alle Vögel vor ihm fliehn. Sie sprach: Ich will dich nicht beneiden, Sei immer groß und fürchterlich. Geprüfter Liebe süße Freuden! Nur ihr allein beglücket mich. Mir will ich keinen Sieg erwerben, Als den mein Gatte mir gewährt. Mit ihm zu leben und zu sterben Ist alles, was mein Wunsch begehrt. Der Wunsch Du holder Gott der süßsten Lust auf Erden, Der schönsten Göttin schöner Sohn! Komm, lehre mich die Kunst, geliebt zu werden: Die leichte Kunst zu lieben weiß ich schon. Komm ebenfalls und bilde Phyllis Lachen, Cythere! gib ihr Unterricht; Denn Phyllis weiß die Kunst verliebt zu machen; Die leichte Kunst zu lieben weiß sie nicht. Der erste Mai 1732. Der erste Tag im Monat Mai Ist mir der glücklichste von allen. Dich sah ich, und gestand dir frei, Den ersten Tag im Monat Mai, Daß dir mein Herz ergeben sei. Wenn mein Geständniß dir gefallen, So ist der erste Tag im Mai Für mich der glücklichste von allen. Der Frühling Der malerische Lenz kann nichts so sinnreich bilden, Als jene Gegenden von Hainen und Gefilden; Der Anmuth Ueberfluß erquickt dort Aug' und Brust: O Licht der weiten Felder! O Nacht der stillen Wälder! O Vaterland der ersten Lust! Dort läßt sich wiederum, in grünenden Trophäen, Des Winters Untergang, der Flor des Frühlings sehen; Sein schmeichelnder Triumph beglücket jede Flur: Die frohen Lerchen fliegen Und singen von den Siegen Der täglich schöneren Natur. Der Bach, den Eis verschloß und Sonn' und West entsiegeln, In dem sich Luft und Baum und Hirt' und Heerde spiegeln, Befruchtet und erfrischt das aufgelebte Land. Dort läßt sich alles sehen, Was Flaccus in den Höhen Des quellenreichen Tiburs fand. Fast jeder Vogel singt; es schweigen Nord und Klage! Wie schön verbinden sich, zum Muster guter Tage, Die Hoffnung künft'ger Lust, der jetzige Genuß! Ihr stolzen, güldnen Zeiten! Sagt, ob, an Fröhlichkeiten, Auch diese Zeit euch weichen muß. An Reizung kann mir nichts den holden Stunden gleichen, Da bei dem reinen Quell und in belaubten Sträuchen Die alte Freundschaft scherzt, die junge Liebe lacht. Am Morgen keimt die Wonne Und steiget mit der Sonne Und blüht auch in der kühlen Nacht. Es spielen Luft und Laub; es spielen Wind und Bäche; Dort duften Blum' und Gras; hier grünen Berg und Fläche; Das muntre Landvolk tanzt; der Schäfer singt und ruht: Die sichern Schafe weiden, Und allgemeine Freuden Erweitern gleichfalls mir den Muth. Es soll den Wald ein Lied von Phyllis Ruhm erfreuen; Den Frühling will ich ihr und sie dem Frühling weihen. Sie sind einander gleich, an Blüt' und Lieblichkeit. Ihr frohnen meine Triebe, Ihr schwör' ich meine Liebe, Für's erste bis zur Sommerszeit. Die Rose Siehst du jene Rose blühen, Schönste! so erkenne dich: Siehst du Bienen zu ihr fliehen, Phyllis! so gedenk' an mich. Deine Blüte lockt die Triebe Auf den Reichthum der Natur, Und der Jugend süße Liebe Raubt dir nichts, und nährt sich nur. Die Jugend 1730. Sollt' auch ich durch Gram und Leid Meinen Leib verzehren, Und des Lebens Fröhlichkeit, Weil ich leb', entbehren? Freunde, nein! es stehet fest, Meiner Jugend Ueberrest Soll mir Lust gewähren. Quellen tausendfacher Lust: Jugend! Schönheit! Liebe! Ihr erweckt in meiner Brust Schmeichelhafte Triebe. Kein Genuß ergrübelt sich; Ich weiß g'nug, indem ich mich Im Empfinden übe. Hab' ich doch, wie Phyllis küßt, Heute noch erfahren, Phyllis, die so reizend ist Und von achtzehn Jahren, Freundlich, sinnreich, schlau zur Lust, Weiß von Stirne, Hals und Brust, Schwarz von Aug' und Haaren. Der mein Thun zu meistern denkt, Predigt tauben Ohren. Schmähen hat mich nie gekränkt: Wo ist der geboren, Welcher allen wohlgefällt? Und woraus besteht die Welt? Mehrentheils aus Thoren. Wer den Werth der Freiheit kennt, Nimmt aus ihr die Lehre, Daß, was die Natur vergönnt, Unser Wohl vermehre. Rückt das Ende nun heran, O so wird ein freier Mann Andrer Welten Ehre! Der Zorn eines Verliebten Aus Priors Gedichten. Brief und Wink verhießen mir Schon um Zwei die liebste Schöne; Doch der Zeiger ging auf Vier, Und mir fehlte noch Climene. So Geduld als Zeit verstrich Und ich schwur, den Trug zu rächen; Aber endlich wies sie sich, Endlich hielt sie ihr Versprechen. Wie so schön, sagt' ich aus Hohn, Hast du alles wahrgenommen! Nur zwo Stunden wart' ich schon: Konntest du nicht später kommen? Eines Frauenzimmers Uhr Braucht nicht Ziffer, braucht nicht Räder: Schmückt sie Kett' und Siegel nur, Was bedarf sie dann der Feder? Da mein Eifer Raum gewann, Wollt' ich sie noch schärfer lehren; Doch, was lärmst du? hub sie an: Wird man mich denn auch nicht hören? Ach! was hab' ich jetzt vor Schmerz Von der Rosenknosp' erlitten, Die mir, recht bis an das Herz, Von der Brust hinabgeglitten! O wie drückt mich's! Himmel, wie! Hier, hier, in der linken Seite. Sieh nur selbst: mir glaubst du nie; Doch was glaubt ihr klugen Leute! Sie entblößte Hals und Brust, Mir der Knospe Druck zu zeigen: Plötzlich hieß der Sitz der Lust Mich und die Verweise schweigen. Nutzen der Zärtlichkeiten Unmuth und Beschwerden Würden uns auf Erden Unerträglich werden, Unvergeßlich sein: Könnten nicht, zu Zeiten, Treue Zärtlichkeiten Den Verdruß bestreiten, Und das Herz befrein. Lächelt, muntre Schönen, Unsern Ernst zu höhnen; Singt in süßen Tönen; Jeder Ton entzückt! Bürden, die dem Leben Qual und Schwermuth geben, Kann ein Scherz oft heben: Auch ein Scherz beglückt! Land und Volk regieren, Ganze Heere führen, Sich mit Purpur zieren, Hemmt die Sorgen nie. Seht der Hirten Freuden, Die auf sichern Weiden Große nicht beneiden: Wie vergnügt sind die! Mächtigen und Reichen Will kein Schäfer gleichen; Ihrer Vorzugszeichen Lacht der Hirten Zunft. Eintracht, Spiel und Scherzen Schützen ihre Herzen Vor den eitlen Schmerzen Stolzer Unvernunft. Phryne Als Phryne mit der kleinen Hand Noch um der Mutter Busen spielte, Nichts als den keimenden Verstand Und den Beruf der Sinnen fühlte; Da kam ihr schon, an jener Brust, Das erste Lallen erster Lust. Sie hatte kaum das Flügelkleid Und einen bessern Putz empfangen, So scherzten Witz und Freundlichkeit In beiden Grübchen ihrer Wangen; So stiegen aus der zarten Brust Die regen Seufzer junger Lust. O wie beglückt schien ihr das Jahr, Das nun sie in Gesellschaft brachte, Wo sie so oft die Schönste war, So reizend sprach und sang und lachte! Wie wuchsen sie und ihre Brust, Und die Geschwätzigkeit der Lust! Sie ward mit Anstand stolz und frei, Und ihre Blicke pries die Liebe; Der Spiegel und die Schmeichelei Vermehrten täglich ihre Triebe, Und ihr gerieth, bei reifer Brust, Die sanfte Sprache schlauer Lust. Die Oper, das Concert, der Ball Erhitzten ihren Muth zum Scherzen. Nur Phryne wies sich überall Als Meisterin der jungen Herzen, Und faßte, mit belebter Brust, Die ganze Redekunst der Lust. Doch wahre Sehnsucht nimmt sie ein; Die Stolze läßt sich überwinden. Ihr Scherz verstummt, ihr Muth wird klein, Sie lechzt, und kann nicht Worte finden. Denn ach! es wallt in ihrer Brust Das Unaussprechliche der Lust. Das Glück und Melinde Aus einem Sonett des Girolamo Gigli. Ich sahe jüngst das Glück, und durft' ihm kühnlich sagen: Bereue deinen falschen Tand; Dein flatterhafter Unbestand Berechtigt alle Welt zu klagen. Was du am Morgen kaum verliehn, Darfst du am Abend schon entziehn. Das Glück versetzte mir: Wie kurz ist aller Leben! Unendlich ist der Güter Wahl, Unendlich meiner Sklaven Zahl: Sollt' ich nicht jedem etwas geben? Dient, was ich einem nehmen muß, Nicht gleich dem andern zum Genuß? Ich wandte mich darauf zur scherzenden Melinde, Und sprach: Dem Glück steh' alles frei! Wenn ich nur dich, mein Kind, getreu Und mir so hold als schön befinde, Und wenn dein Mund, der mich ergötzt, Nur mich der Küsse würdig schätzt. So wohl belehrt ich sie; doch gab sie ihrem Lehrer Mit Lächeln den Bescheid zurück: Ich bin ja reizend, wie das Glück, Ich habe, wie das Glück, Verehrer; Und warum sollt' ich denn allein Dem Glück im Wechsel ungleich sein? Doris und der Wein O Anblick, der mich fröhlich macht! Mein Weinstock reift, und Doris lacht, Und, mir zur Anmuth, wachsen beide. Ergötzt der Wein ein menschlich Herz, So ist auch seltner Schönen Scherz Der wahren Menschlichkeit ein Grund vollkommner Freude. Was die Empfindung schärft und übt, Was Seelen neue Kräfte gibt, Wird unsre heiße Sehnsucht stillen. Wie reichlich will die mildre Zeit, Die sonst so sparsam uns erfreut, Den tiefsten Kelch der Lust für unsre Lippen füllen. Der Wein, des Kummers Gegengift, Die Liebe, die ihn übertrifft, Die werden zwischen uns sich theilen. Wer mir der Weine Tropfen zählt, Nur der berechnet unverfehlt Die Küsse, die gehäuft zu dir, o Doris! eilen. Weil deine Jugend lernen muß, So laß dich meinen öftern Kuß Die Menge deiner Schätze lehren. Gib seinem treuen Unbestand Stirn, Augen, Wangen, Mund und Hand, Und laß ihn jeden Reiz, der dich erhebt, verehren! Uns klopft ein Vorwitz in der Brust, Der stumme Rath ererbter Lust, Der Liebe Leidenschaft zu kennen. O lerne meine Holdin sein! Ich schwöre dir, bei Most und Wein, Mich soll auch Most und Wein von keiner Doris trennen. Es mögen künftig Wein und Most Des trägen Alters Ernst und Frost Durch feuerreiche Kraft verdringen! Alsdann ertönt für sie mein Lied; Jetzt, da die Jugend noch verzieht, Will ich allein von dir, auch in der Lese, singen. Fünftes Buch An die heutigen Eucratiten Was edle Seelen Wollust nennen, Vermischt mit schnöden Lüsten nicht! Der ächten Freude Werth zu kennen Ist gleichfalls unsers Daseins Pflicht. Ihr fallt oft tiefer, klimmt oft höher, Als die beglückende Natur: Ihr kennt vielleicht Epicuräer; Doch kennt ihr auch den Epicur? Sind nicht der wahren Freude Grenzen Geschmack und Wahl und Artigkeit? Entehrte Scipio mit Tänzen Den Heldenruhm und seine Zeit? Die Liebe, die auch Weise loben, Macht ihre Liebe nicht zu frei: Der Wein, den Plato selbst erhoben, Verführt ihn nicht zur Völlerei. Zu altdeutsch trinken, taumelnd küssen Ist höchstens nur der Wenden Lust: Wie Kluge zu genießen wissen, Verbleibt dem Pöbel unbewußt, Dem Pöbel, der in Gift verkehret, Was unserm Leben Stärkung bringt, Und der die Becher wirklich leeret, Wovon der Dichter doch nur singt. Von welchen Vätern, welchen Müttern Erbt ihr die Einsicht großer Welt? Die Liebe kennt ihr aus den Rittern, Die uns Cervantes dargestellt; Euch heißt der Wein der Unart Zunder, Und fremder Völker Trinklied Tand: O dafür bleib' euch der Burgunder, Lainez und Babet unbekannt! Der Unterschied in Witz und Tugend Ist größer, als man denken kann. Es zeigt die Sprache muntrer Jugend Nicht stets der Jugend Fehler an. Petrarchen, der in Versen herzet, War Laura keine Lesbia; Voiture, der so feurig scherzet, Trank Wasser, wie ein Seneca. Nie ist der Einfalt Urtheil schwächer, Als wann's auf Schriftverfasser geht. Da heißt Sallust kein Ehebrecher: Er lehrt ja streng, als Epictet; Doch Plinius ist zu verdammen: Der hatte Welt und Laster lieb. Wie sehr verdient er Straf' und Flammen, Weil er ein freies Liedchen schrieb! So liebreich und so gründlich denken Die Tadler spielender Vernunft, Und wünschen, um sie einzuschränken, Der ernsten Zeiten Wiederkunft; Der Jahre, da des Gastmahls Länge Den steifen Sitzern Lust gebar, Und wiederholtes Wortgepränge, Was jetzt ein Lied von Carpsern, war. Der Mai Der Nachtigall reizende Lieder Ertönen und locken schon wieder Die fröhlichsten Stunden ins Jahr. Nun singet die steigende Lerche, Nun klappern die reisenden Störche, Nun schwatzet der gaukelnde Staar. Wie munter sind Schäfer und Heerde! Wie lieblich beblümt sich die Erde! Wie lebhaft ist jetzo die Welt! Die Tauben verdoppeln die Küsse, Der Entrich besuchet die Flüsse, Der lustige Sperling sein Feld. Wie gleichet doch Zephyr der Floren! Sie haben sich weislich erkoren, Sie wählen den Wechsel zur Pflicht. Er flattert um Sprossen und Garben; Sie liebet unzählige Farben; Und Eifersucht trennet sie nicht. Nun heben sich Binsen und Keime, Nun kleiden die Blätter die Bäume, Nun schwindet des Winters Gestalt; Nun rauschen lebendige Quellen Und tränken mit spielenden Wellen Die Triften, den Anger, den Wald. Wie buhlerisch, wie so gelinde Erwärmen die westlichen Winde Das Ufer, den Hügel, die Gruft! Die jugendlich scherzende Liebe Empfindet die Reizung der Triebe, Empfindet die schmeichelnde Luft. Nun stellt sich die Dorfschaft in Reihen, Nun rufen euch eure Schalmeien, Ihr stampfenden Tänzer! hervor. Ihr springet auf grünender Wiese, Der Bauerknecht hebet die Liese, In hurtiger Wendung, empor. Nicht fröhlicher, weidlicher, kühner Schwang vormals der braune Sabiner Mit männlicher Freiheit den Hut. O reizet die Städte zum Neide, Ihr Dörfer voll hüpfender Freude! Was gleichet dem Landvolk an Muth? Der Kuckuk Du Rufer zwischen Rohr und Sträuchen, Schrei immer muthig durch den Wald! So lange deine Stimm' erschallt, Wird weder Gras noch Laub verbleichen. Uns spricht der Scheinfreund, so wie du, Allein bei guten Tagen zu. Auch du verschweigst nicht deine Lieder, Vielleicht aus edler Ruhmbegier, Und Echo gibt die Töne dir So schnell als andern Vögeln, wieder. Du thust, was mancher Dichter thut: Du schreist mit Lust und schreist dir gut. Zwar singst du nicht wie Nachtigallen: Doch meldest du, mit gleicher Müh', Des Frühlings Rückkunft, so wie sie, Und auch ein Kuckuk will gefallen. So kann ein Brocks, so will Suffen Des grünen Lenzen Ruhm erhöhn. Du nennest immer deinen Namen; Dein Ausruf handelt nur von dir. In dieser Sorgfalt scheinst du mir Beredten Männern nachzuahmen; Gleichst du dem großen Balbus nicht, Der immer von sich selber spricht? Das Gesellschaftliche 1729. Ihr Freunde, zecht bei freudenvollen Chören! Auf! stimmt ein freies Scherzlied an. Trink' ich so viel, so trink' ich euch zu ehren, Und daß ich heller singen kann. Der Rundtrunk muß der Stimmen Bund beleben, So schmeckt der Wein uns doppelt schön; Und ein Gesetz, nur eines will ich geben: Laßt nicht das Glas zu lange stehn. Ihr Freunde! zecht, wie unsre Väter zechten: Sie waren alt und klug genung, Und manchen Zank, bei dem wir Söhne rechten, Ertränkten sie im Reihentrunk. Sie thaten mehr: Saß nur an ihrer Seite Ein Kind voll holder Freundlichkeit: So gab dem Wein ein Schmätzchen das Geleite; So ward ein Glas dem Kuß geweiht. Wie trostlos war der Zeiten erste Jugend, Als Thyrsis einer Phyllis sang; Und zum Geseufz von Leidenschaft und Tugend Mit ihr nur schwaches Wasser trank! Die Nüchternheit, die Einfalt blöder Liebe, Verlängerten der Schäfer Müh': Wir trinken Wein, befeuren unsre Triebe Und küssen muthiger, als sie. Lockt uns kein Laub in ungewisse Schatten, So baut man Dach und Zimmer an, Die manchem Kuß mehr Sicherheit verstatten, Als Forst und Busch ihm leisten kann. Der süße Reiz der ewig jungen Freude Wird stets durch Lieb' und Wein vermehrt. Wenn ich den Scherz und den Tockayer meide, So sagt: Bin ich der Jugend werth? Wie eisern sind doch ohne dich die Zeiten, O Jugend, holde Führerin! Bereite hier den Sitz der Fröhlichkeiten Und banne Frost und Eigensinn! Gesellt euch! stillt mit angeerbtem Triebe Den Durst nach Küssen und nach Wein. Es eifert schon der Weingott mit der Liebe, Den besten Rausch uns zu verleihn. Doch soll man nicht den ersten Schäfern gleichen? O freilich ja! Folgt ihrer Pflicht: Des Abends Lust, der Nächte Freundschaftszeichen Verrieth ein rechter Schäfer nicht. Burgunder-Wein Damit ich singen lerne, Soll mir der Saft der Reben Jetzt Muth und Töne geben Und neue Kunst verleihn. Mich reizen deine Sterne, Ihr Einfluß wirket Wunder, O feuriger Burgunder, O königlicher Wein! Das Heidelberger Faß 1728. Ihr Freunde! laßt uns altklug werden Und weiser, als die Weisen, sein; Entsaget aller Lust auf Erden; Entsagt den Schönen und dem Wein! Ihr lacht und spitzt den Mund auf Küsse: Ihr lacht und füllt das Deckelglas; Euch meistern keine strengen Schlüsse; Euch lehrt das Heidelberger Faß. Was lehret das? Wir können vieler Ding' entbehren Und dies und jenes nicht begehren; Doch werden wenig Männer sein, Die Weiber hassen und den Wein. Wir Menschen sollen uns gesellen: So lehrt uns täglich Syrbius. Gesellt uns nicht, in tausend Fällen, Des Freundes Wein, der Freundin Kuß? Uns dienen Wein und Zärtlichkeiten, Kein Wasserdurst, kein Weiberhaß. Das zeigt das Beispiel aller Zeiten; Das zeigt das Heidelberger Faß. Was zeiget das? Wir können vieler Ding' entbehren Und dies und jenes nicht begehren; Doch werden wenig Männer sein, Die Weiber hassen und den Wein. Wie strahlt das Feuer schöner Augen! Wie blinkt der helle Rebensaft! Aus Lippen soll man Liebe saugen Und aus dem Weine Heldenkraft. Die Weisheit lehret: Trinkt und liebet! Es liebt' und trank Pythagoras; Und wenn auch der kein Zeugniß gibet, So gibt's das Heidelberger Faß. Wie lautet das? Wir können vieler Ding' entbehren Und dies und jenes nicht begehren; Doch werden wenig Männer sein, Die Weiber hassen und den Wein. Die Schule Durch tiefe Seufzer blöder Lust Erklärte Damis alle Triebe Seiner Liebe; Doch rührt er nicht der Schönen Brust. Es konnt' ihm durch sein Gold ja glücken; Doch spart' er dieses, und verlor: O der Thor! Man muß ihn in die Schule schicken. Ach liebte meine Phyllis mich! Seufzt Damon, seine Zärtlichkeiten Anzudeuten. Und Phyllis sagt: Erkläre dich! Allein, bei ihren süßen Blicken, Bringt Damon weiter nichts hervor; O der Thor! Man muß ihn in die Schule schicken. Am Abend weid' ich bei dem Bach, Mein Polydor! scherzt Adelheide: Wo ich weide, Da, rath' ich, schleiche mir nicht nach. Sie nicht so sträflich zu berücken, Verspricht und hält ihr Polydor: O der Thor! Man muß ihn in die Schule schicken. Ein Schwindel, aber nur zum Spaß, Befiel Dorinen, als ihr Lehrer Und Verehrer, Der steife Cleon bei ihr saß. Unwissend selbst sie zu erquicken, Rief er die Mutter schnell hervor: O der Thor! Man muß ihn in die Schule schicken. Melander, den die Schreibsucht quält, Glaubt, weil der Reim ihm treu verbleibet, Daß er schreibet, Und daß ihm keine Muse fehlt. Auch er kann den Apoll entzücken; Auch er singt mit in seinem Chor: O der Thor! Man muß ihn in die Schule schicken. Ein Witzling liest den Arouet, Und räth ihm, Worte, Reime, Zeilen Mehr zu feilen, Vor allen in dem Mahomet. Wie übt er sich an Meisterstücken! Wie steigt sein leichter Ruhm empor: O der Thor! Man muß ihn in die Schule schicken. Ein Neuling, der verrufen darf, Was Lehrer, die entscheiden können, Wahrheit nennen, Glaubt nichts, als was sein Wahn entwarf. Sein Wahn wird einst die Welt beglücken; Nun denkt sie edler, als zuvor: O der Thor! Man muß ihn in die Schule schicken. Ein Arzt, der sich zum Doctor prahlt, Verläßt Paris, um Deutschlands Kreisen Sich zu weisen, Wagt, martert, würgt, und wird bezahlt. Nur er, den tausend Künste schmücken, Stellt sichtbar den Galenus vor: O der Thor! Man muß ihn in die Schule schicken. Lob unsrer Zeiten Ihr Tadler, schweigt! ich will der Welt Den Vorzug unsrer Zeiten melden. O wißt, wohin mein Blick nur fällt, In jedem Stand' entdeck' ich Helden. Ich will der Menschen Lob besingen Und schenke meiner Lieder Schall Dem tonbegier'gen Wiederhall; Der Plaudrer mag ihn weiter bringen. Du tausendzüngiges Gerücht, Ermüde nie im Ruhm der Zeiten; Verschweige ja von ihnen nicht Die hunderttausend Trefflichkeiten! Der Priester lebt nach seiner Lehre; Der Papst ist noch der Knechte Knecht; Der Feldherr suchet nichts als Recht; Der Handelsherr nur Treu' und Ehre. Nichts übertrifft die starke Zahl Gewissenhafter Advocaten, Die alle Jahre kaum einmal Die Rechte der Partei verrathen. Wer wollte nicht die Aerzte preisen? Stets bleibt's der Kranken Eigenschaft, Daß alle der Recepte Kraft, Lebendig oder todt, beweisen. Wie reich ist die gelehrte Welt An Wissenschaft und großen Geistern! Den Dank, den ihr Bemühn erhält, Darf Momus, unberufen, meistern. Er will sich an Scribenten reiben, Nur weil er selbst kein Lob gewinnt, Und sagt, daß sie zu sittsam sind, Zu spät und viel zu wenig schreiben. Was grünt euch für ein Lorbeerhain, Monarchen, Herrscher, Sieger, Retter! Ach! könntet ihr unsterblich sein, Durchlaucht'ge Fürsten, ihr wär't Götter. Wer kann doch eure Tugend fassen Und eurer Gaben Wechselstreit? Ihr habt nichts als die Dankbarkeit Und die Geduld uns überlassen. Der Staatsmann, der an Würden groß, Doch ungleich größer an Verstande, Sitzt jedem König in dem Schooß Und findet sich in jedem Lande. Regenten wissen zu regieren! Die Kunst zu herrschen lernt sich bald; Denn alles steckt in der Gewalt Der Hände, die den Scepter führen. Der Britte, der die Fremden schätzt, Will einem jeden sich verbinden; Der stille Franzmann übersetzt, Wir muntern Deutschen, wir erfinden. Lobt in Iberiens Provinzen Scherz, Freiheit, Wahrheit, Demuth, Fleiß; Lobt auch der Belgen steten Schweiß Und edlen Umgang mit den Münzen. Wie groß und vielfach ist der Ruhm, Mit dem der Europäer pranget, Der vor der Ehre Heiligthum, Auf so viel Wegen, angelanget! Ich will kein Lob den Türken schenken; Doch lernen sie uns ähnlich sein: Sie künsteln Frieden, trinken Wein Und reden immer wie sie denken. Ist unsre Zeit so vorzugsreich: Was wird denn künftig nicht geschehen? Ihr Enkel, lebt und brüstet euch; Ihr sollt noch größre Wunder sehen. Nur eines bitt' ich von euch allen: Laßt euch (dafern ihr jemals hört, Wie sehr ich unsre Zeit verehrt) Dieß eurer Väter Lob gefallen. Dauer der Scribenten Mein Cleon, Jahr' und Zeiten fliehen; Wie bald sind wir des Moders Raub! Wie bald sind wir und alles Staub, Was wir mit regem Kiel der Dunkelheit entziehen! Vergebens schreiben wir für Welt und Afterwelt, Vergebens werden wir, in Bänden, aufgestellt; Der Motten zahlreich' Heer zernagt mit frechem Zahn Den bestvergüldten Schnitt, den schönsten Saffian. Ja, Cleon! nähmen deine Schriften, Um jede Messe zu erfreun, Auch täglich zwanzig Pressen ein, Sie würden dir dennoch kein stetes Denkmal stiften. Dein stärkster Foliant, der Fluch für den, der schreibt, War Lumpe, ward Papier, wird Kehrig, wird zerstäubt. Ja, der Vergessenheit und der Verwesung Reich Macht Carl dem Großen dich, wie seiner Sprachkunst, gleich. Kein Rang, kein Ruhm kömmt uns zu statten, Der Tod sieht keinen Vorzug an, Und stellt den allergrößten Mann Zum Pöbel der gemeinen Schatten. Er fället ungescheut, der Eitelkeit zum Spott, Den König Galliens, wie den von Yvetot. Doch was sind Könige? Selbst Helden vom Parnaß Sind ihm so fürchterlich, als uns ein Hundibras. Verwahre deiner Weisheit Spuren, Das Werk, das deinen Witz bewährt, Mit Buckeln, die kein Wurm verzehrt, Mit ewigem Metall in Spangen und Clausuren: Auch dieses schützt dich nicht: vielleicht zerstückt es doch Der Schneider leichtes Volk, ein unbeles'ner Koch: Und was entblättern nicht der Haare Kräuselei, Tabak- und Käsekram, Confect und Specerei? So hat Eumolp dies Lied vollendet, Von schreiberischer Eitelkeit, Wie er vermeinte, ganz befreit, Und höhnisch auf den Stolz, der Schriftverfasser blendet. Doch sein Verleger kömmt, sein Tryphon, der ihn rührt, Ihm Lust und Feder schärft, ihn schmeichlerisch verführt. Er wagt ein neues Werk, er grübelt Tag und Nacht, Und schreibet um den Ruhm, den er zuvor belacht. Der Morgen Uns lockt die Morgenröthe In Busch und Wald, Wo schon der Hirten Flöte Ins Land erschallt. Die Lerche steigt und schwirret, Von Lust erregt; Die Taube lacht und girret, Die Wachtel schlägt. Die Hügel und die Weide Stehn aufgehellt, Und Fruchtbarkeit und Freude Beblümt das Feld. Der Schmelz der grünen Flächen Glänzt voller Pracht, Und von den klaren Bächen Entweicht die Nacht. Der Hügel weiße Bürde, Der Schafe Zucht, Drängt sich aus Stall und Hürde Mit froher Flucht. Seht, wie der Mann der Heerde Den Morgen fühlt, Und auf der frischen Erde Den Buhler spielt! Der Jäger macht schon rege Und hetzt das Reh Durch blutbetriefte Wege, Durch Busch und Klee. Sein Hifthorn gibt das Zeichen; Man eilt herbei: Gleich schallt aus allen Sträuchen Das Jagdgeschrei. Doch Phyllis Herz erbebet Bei dieser Lust; Nur Zärtlichkeit belebet Die sanfte Brust. Laß uns die Thäler suchen, Geliebtes Kind, Wo wir von Berg und Buchen Umschlossen sind! Erkenne dich im Bilde Von jener Flur! Sei stets, wie dies Gefilde, Schön durch Natur; Erwünschter als der Morgen, Hold wie sein Strahl; So frei von Stolz und Sorgen Wie dieses Thal! Die Nacht 1731. Willkommen, angenehme Nacht! Verhüll' in deine Schatten Die Freuden, die sich gatten, Und blende, blende den Verdacht! Wann treue Liebe küssen macht; So wird der Kuß der Liebe, So werden ihre Triebe Beglückter durch die stille Nacht. Der schöne Mund, den man verehrt, Bestrafet, zürnt gelinder, Wird zärtlich, küßt geschwinder, Wann nichts die sichern Küsse stört. Ja, ja! die Nacht ist vorzugswerth: Sie dient, und ist verschwiegen, Und liefert dem Vergnügen Den süßen Mund, den man verehrt. Der Tag hat, als ein falscher Freund, Zu oft der Welt erzählet, Was ihr die Nacht verhehlet, Die Liebende nach Wunsch vereint. Du bist der Sorg' und Unruh' feind Und gönnest sie dem Tage, Und widerlegst die Sage: Du, holde Nacht, seist Niemands Freund. Oft schränkt der strenge Tag uns ein; Doch hält in schweren Stunden Uns mancher Tag gebunden, So weiß die Nacht uns zu befrein. Das Glück, vertraut und froh zu sein, Das Glück zufriedner Herzen, Die in der Stille scherzen, Räumt uns der Tag nur selten ein. O Nacht, da nur der Scherz sich regt, Da keine Neider lauschen, Und nur die Küsse rauschen, Wie sinnreich wirst du angelegt! Wie wird der Liebesgott verpflegt, Wann selbst die Huldgöttinnen Auf sein Vergnügen sinnen, Und nichts als Lust und Scherz sich regt. An den Schlaf 1731. Gott der Träume! Freund der Nacht! Stifter sanfter Freuden! Der den Schäfer glücklich macht, Wann ihn Fürsten neiden! Holder Morpheus! säume nicht, Wann die Ruhe mir gebricht, Aug' und Herz zu weiden. Wann ein Eh'mann, voll Verdacht, Seine Gattin quälet, Und aus Eifersucht bei Nacht Ihre Seufzer zählet, Mach' im Schlaf sein Unglück wahr; Zeig' ihm träumend die Gefahr, Die ihm wachend fehlet! Nimm auch jetzt was dir gehört; Nur erlaub' ein Flehen: Warte bis mein Glas geleert! Wohl! es ist geschehen! Komm nunmehr! O komme bald! Eil' und laß mich die Gestalt Meiner Phyllis sehen! Leichen-Carmen 1740. Herr Jost ist todt, der reiche Mann! Wär' er nicht reich gewesen, Wir würden, falls ich rathen kann, Auf Ihn kein Carmen lesen. Sein hocherleuchteter Papa Pflag Ihn oft selbst zu wiegen; Die tugendvolle Frau Mama Erzog Ihn mit Vergnügen. Er war ein rechter Springinsfeld Im ersten bunten Kleide, Und ward daher der jungen Welt Und auch der Muhmen Freude. Nur sieben Jahre war Er alt, Da wußt' Er fast zu lesen; Und hieraus sieht ein jeder bald, Wie klug das Kind gewesen. Man hielte Seiner Jugend zart Wol zehn Informatores; Die lehrten Ihn, nach mancher Art, Die Sprachen und die Mores. Es lernte Jost ohn' Unterlaß, Daß Ihm der Kopf fast rauchte: Kein Mutterkind studirte das, Was es zu wissen brauchte. Da eilt' Er mit der jungen Magd In manche Classen eben, Und führte, mit ihr, unverzagt, Ein exemplarisch Leben. Er glich dem edlen Gartenklee, Der zeitig aufwärts steiget, Und nicht der trägen Aloe, Die späte Blüten zeiget. Doch, weil Er viel zu sinnreich war, Um nur gelehrt zu werden, So riß Ihn bald der Eltern Paar Aus allen Schulbeschwerden. Sie sagten: Sohn! Seid unser Trost! Vermehrt, was wir erworben! Dann seid Ihr nicht der erste Jost, Der reich und stolz verstorben. Sogleich verging Ihm aller Dunst Lateinscher alten Sprüche. Er faßte durch die Rechenkunst Die allerschwersten Brüche. O Einmal Eins! dich sah Er ein, So wie ein rechter Falke. Durch Handlung wirst du glücklich sein, Verkündigt Ihm Herr Halke. Johannes Halke hatte Recht: Wer prophezeit behender? Die ihr mir etwa widersprecht, Lest den Naturkalender! Seht, seht auf unsern Ehrenmann, Den wir so schön begraben; Wer sonst kein Beispiel haben kann, Wird es an diesem haben! Der Wohlerblaßte ging auch, traun! Auf nicht zu lange Reisen; Theils um die Fremde zu beschaun, Theils um Sich ihr zu weisen. In Frankreich war Er ein Baron, In Holland Heer van Josten, Und zeigte Seines Vaters Sohn In Süden, Westen, Osten. Er kannte wirklich weit und breit Geheime Staatsintrigues, Und wußte ganz genau die Zeit Des dreißigjähr'gen Krieges. Herr Jost bewies, als Knabe schon, Bei vier Zusammenkünften, Der Sechste Carl sei nicht ein Sohn Von Kaiser Carl dem Fünften. Er kam zurück und ließ sich sehn, Wo man Ihn sehen sollte. Nun hieß Er jedem klug und schön, Der Ihn so nennen wollte. Doch rieth man Ihm mit gutem Fug, Den ritterlichen Degen, Den Er an Seiner Seite trug, Nur Sonntags anzulegen. Das Werk der Handlung wohlgemuth Ward nun von Ihm begriffen. Ihm träumte nur von Geld und Gut, Von Frachten und von Schiffen. Gelehrte sucht' Er weiter nicht, Als etwa bei Prozessen; Sonst macht' Er ihnen ein Gesicht, Als wollt' Er alle fressen. Der Reich-Entschlafne wollte drauf Sich doppelt reich durch Ehen, Ja Sich und Seinen Lebenslauf In ächten Erben sehen. Madame starb Ihm plötzlich ab, Eh' Er die andre freite; Die dritte, die Sein Geld Ihm gab, Beerdiget Ihn heute. Als Trauermann folgt Sein Herr Sohn Mit ellenlangem Flore; Und vor Ihm singt die Schule schon In dem gewohnten Chore. Der schwarzen Mäntel lange Zahl Begleitet Ihn bei Paaren; Er stirbt, doch nur ein einzig Mal, Die Kosten zu ersparen. Die Alster Befördrer vieler Lustbarkeiten, Du angenehmer Alsterfluß! Du mehrest Hamburgs Seltenheiten Und ihren fröhlichen Genuß. Dir schallen zur Ehre, Du spielende Flut! Die singenden Chöre, Der jauchzende Muth. Der Elbe Schifffahrt macht uns reicher; Die Alster lehrt gesellig sein! Durch jene füllen sich die Speicher; Auf dieser schmeckt der fremde Wein. In treibenden Nachen Schifft Eintracht und Lust, Und Freiheit und Lachen Erleichtern die Brust. Das Ufer ziert ein Gang von Linden, In dem wir holde Schönen sehn, Die dort, wann Tag und Hitze schwinden, Entzückend auf- und niedergehn. Kaum haben vorzeiten Die Nymphen der Jagd, Dianen zur Seiten, So reizend gelacht. O siehst du jemals ohn' Ergötzen, Hammonia! des Walles Pracht, Wann ihn die blauen Wellen netzen Und jeder Frühling schöner macht? Wann jenes Gestade, Das Flora geschmückt, So manche Najade Gefällig erblickt? Ertönt, ihr scherzenden Gesänge, Aus unserm Lustschiff um den Strand! Den steifen Ernst, das Wortgepränge Verweist die Alster auf das Land. Du leeres Gewäsche, Dem Menschenwitz fehlt! O fahr' in die Frösche; Nur uns nicht gequält! Hier lärmt, in Nächten voll Vergnügen, Der Pauken Schlag, des Waldhorns Schall; Hier wirkt, bei Wein und süßen Zügen, Die rege Freiheit überall. Nichts lebet gebunden, Was Freundschaft hier paart. O glückliche Stunden! O liebliche Fahrt! Harvstehude Ich bin ein Freund der Klosterländer, Und gönn' und wünsch' insonderheit Den rechten Kern der Segenspfänder Der jüngferlichen Geistlichkeit. Was Heilige für sich verwalten, Das kann, das wird, das muß gedeihn, Und frommer Schwestern Wohlverhalten Sollt' immer reich an Pfründen sein. Ihr edlen Johanniterinnen, Euch strömen Gut und Ehre zu; Ihr seid ein Muster keuscher Sinnen In Harvstehudens sichrer Ruh'. Wie selten höret ihr die Klagen Der buhlerischen Schmeichelei! Euch drücken keine Landesplagen, Kein Alp und keine Ketzerei. Nichts ist so schön als Harvstehude, Und darum ist es Eurer werth, Wo auch der allerkärgste Jude Den Silberling mit Muth verzehrt. Das schwör' ich bei der alten Linde, In der so mancher Vogel heckt, Die gegen wilde Wirbelwinde Mit neunundneunzig Aesten deckt. Hier gehet in gewölbten Lüften Die Sonne recht gefällig auf, Und lachet den beblümten Triften, Und sieht mit Lust der Alster Lauf. Oft taucht sich hier ein schöner Schwimmer In ihrer Strahlen Wiederschein, Und oftmals heißt ihr erster Schimmer Sogar die Thiere fröhlich sein. Wir steigen bei den schlanken Weiden Aus Arch' und Nachen an den Strand, Und dann begleitet unsre Freuden Lenz oder Sommer auf das Land. Flugs kömmt der aufmerksame Toppe So freundlich und so tiefgeneigt, Als an dem Boberfluß ein Stoppe Den Sättler guten Freunden zeigt. Er selber siehet mit Ergötzen, Daß diese Gegend uns gefällt, Und gibt uns von den besten Schätzen, Die seines Kellers Kluft enthält. Er spricht fast, wie Achill gesprochen: Herr Phoenix, Ajax und Ulyß ... Die Herren setzen sich ... wir kochen, Und reiner Wein erfolgt gewiß. Wo findet man so gute Wirthe, Als an den Helden jener Zeit? Wann sich ein Wandersmann verirrte, So stand für ihn ihr Haus bereit. Hier folgt man täglich dem Exempel Und tränkt und speiset jeden Gast, Und uns macht diesen Comustempel Auch ein Cornaro nicht verhaßt. Man übet hier auf freier Wiese Bald das Gesicht, bald den Geschmack; Oft schallt hier bis zur Zirbeldrüse Ein auserles'ner Dudelsack: Und weil auch für gelehrte Männer Der Thorweg schuldigst offen steht, So kommen hier die Funkenkenner Und sehn die Elektricität. Vielleicht wird jetzt mein Lied gerathen; Ein neuer Anblick gibt ihm Kraft: Der Hügel der Licentiaten, Die Landung einer Hauptmannschaft. Doch wie? Ein Schwätzer kömmt gegangen, Der Lust und Einfall unterbricht. O hätt' ich nur nicht angefangen! Genug! Ich dichte weiter nicht. Der Wein Du brausender und frischer Most, Du gährend Mark der milden Reben, Des Herbstes Ehre, Götterkost! Mein Lied will deinen Ruhm erheben. O feuerreicher Traubensaft! Gib meinen Worten deine Kraft, Laß sie, wie du, ans Herze dringen, Und, weil dein Einfluß und dein Geist Dem Witze Muth und Glück verheißt, Auch mich von deinen Wundern singen. Du bist, o Wein! dem Einfall hold Und weckst den Scherz belebter Flöten. Wie reich sind durch dein trinkbar Gold Die Zungen singender Poeten! Mich däucht, ich sehe den Homer Zu jeder Schlacht, für jedes Heer Sich zechend seine Helden wählen. Dir muß ein Flaccus günstig sein; Ihm schickt Falern und Alba Wein. Wie konnt' es ihm an Liedern fehlen? Nichts übertraf an Streitbarkeit Der Dardaner, der Griechen Schaaren, Die, nur im Weindurst unentzweit, Verehrer des Lyäus waren. Auch unsrer Väter Beispiel lehrt, Wie sehr er Muth und Sieg vermehrt. Ihn trinken Franken und Teutonen, Der Sachsen und der Schwaben Schwarm. Der Wein, der Wein stärkt ihren Arm, Und dieser stürzet Legionen. Tuistons Enkel, deren Ruhm Die ewigen Geschichte melden, Auf! sehet euer Eigenthum, Auf! auf! Gebeine deutscher Helden. Verlaßt die Hügel eurer Gruft, Erhebt euch; suchet Sonn' und Luft! Euch wollen Rhein und Mosel winken. Sie heißen euch nach alter Zeit, Treu', Anschlag, Wahrheit, Tapferkeit In ihrer Trauben Blute trinken. Den Götterdienst, den Kriegesrath Muß oftgeprüfter Wein beleben. Fürst, Barde, Feldherr und Soldat, Wer liebte nicht die edlen Reben? Ja, alles ist der Wein bei euch: Ihr opfert und ihr trinkt zugleich. Dort liegt der Wurfspieß und die Keule. Ihr tanzt um Wodans Blutaltar, Wälzt euch, wo Hertha heilig war, Und taumelt um die Irmensäule. Fürst Hermann ficht und Varus weicht Und sucht vergebens offne Felder; Der Seinen Angst und Flucht durchstreicht Die schwarzen blutbetrieften Wälder. Cherusker, euch hieß Recht und Wein Den Deutschen gleich und muthig sein, Und so muß Romuls Adler beben. Ihr kämpft und rächt das Vaterland, Ihr schlagt und pflanzt mit tapfrer Hand Bald Siegeszeichen, bald auch Reben. O höret! Welch ein Freudenfest Auf jenem traubenvollen Hügel? Man jauchzt und singt, und alles läßt Der Freiheit und der Lust den Zügel. Es ist die Lese. Jeder lärmt Und lacht und schreit und spielt und schwärmt Und läßt sich nichts zu scherzhaft dünken. Die Fässer werden voll geschafft, Die Kelter preßt den süßen Saft Und seufzt, wann manche Wasser trinken. Dort kömmt nach selbstgestimmtem Ton Der Winzer Urban mit Brigitten. Kaum tanzt er vor, so fällt er schon, Der Wein und er sind ausgeglitten. Ha! ruft er und steht wieder auf: Hier tanzt sich's mit zu schnellem Lauf. Ich glaube fast, ich bin gefallen. Er dehnt sich, lacht und zeigt den Gaum Und springt und stampft und kann noch kaum Sein Hoch! mit schwerer Zunge lallen. Wie schwenkt sich Cunz, der Ackerknecht, Mit seiner braunen Adelheide! Gelt, Schätzle, gelt! so tanzt sich's recht, Und das heißt mehr als Kirmeßfreude. Er wischt und stellt sich, und sein Fuß Scharrt bäurisch zu dem kurzen Gruß. Er eilt, sie männlich anzugreifen. Er trinkt auf jeden Tanz ein Glas Und scheinet Stoppeln, Haid' und Gras Mit ihr fast fliegend durchzustreifen. Ein Grübler trinkt, beseufzt sein Leid Und sammelt Flüche, Furcht und Dünste, Und seine Galle prophezeit Pest, Wolkenbruch und Feuersbrünste. Wie, murrt er, trügerischer Wein! Sollst du der Sorgen Tröster sein Und kannst nicht meiner Schwermuth wehren? Du fließest; aber mir zur Last. Ihr Tropfen seid mir nun verhaßt; Ihr alle werdet mir zu Zähren. Spavento füllt sein Glas mit Wein. »Ihr Herren,« spricht er, »laßt uns leben! Geh', Schenke, bringe mehr herein, Doch mußt du alten Festwein geben. Der alte Wein befeurte mich, Als mir bei Hochstädt alles wich, Wo ich des Bassa Roßschweif kürzte, Der, als er blutig mir entlief, Den Nepomuc zu Hilfe rief Und dann sich in die Wolga stürzte.« »Kund und zu wissen sei hiemit, Daß ich auch Mohren übermannte, Und zu Morea, bei Madrit, Den Pontus im Euxin verbrannte. Nun denk' ich an die Heldenzeit; Ich lobe mir nur Tapferkeit. Dies Schwert weicht keinen Hannibalen. Beim Element! es hält sich frisch.« Gleich wetzt er es auf Bank und Tisch, Und Kannen, Licht und Teller fallen. Ein Alter spricht: Was soll dies sein? Du Bluthund! zeige dein Vermögen. Mein Kleid ist hin; es fleckt der Wein. O wäre meine Frau zugegen! Allein ich selbst, ich stehe dir. Du Türkenwürger! komme mir, Machst du mein feines Tuch zunichte? Noch fließt der Wein; noch werd' ich naß. Gevatter, hilf und wirf das Glas Dem Eisenfresser ins Gesichte. Nur immer drauf! Nur unverzagt! »Ihr Furien!« Wie? Darfst du schelten? Das Bankbein her! Zerbläut ihn! Schlagt! Sein Maul soll jedes Wort entgelten. Er flucht und keicht und schreit und schnaubt. »Zum Henker! ist es hier erlaubt, Mit guten Freunden so zu scherzen?« Allein man rächt des Bassa Tod. Spavento fällt und schwört und droht, Den falschen Streich nicht zu verschmerzen. So geht's. Erweckt der Wein den Muth In ungestalten wilden Seelen; So weiß sich in entflammter Wuth Der Thracier nicht zu verhehlen. Die Tobsucht reicht Gefäße her, Da wird die Flasche zum Gewehr, Da wechselt man, statt Kugeln, Krüge. Da stößt das erste Glas alsdann Geselligkeit und Freundschaft an. Und Eris mischt die letzten Züge. Doch tadelt nicht das edle Naß, Verdammet nicht des Weinstocks Gaben, Als müßten Zank und Groll und Haß Durch sie nur größre Nahrung haben. Euch widerleget jenes Paar, Das ganze Jahre zwistig war Und sinnreich in Begünstigungen. Sie stellen alle Klagen ein Und appelliren an den Wein Von Urthel und von Läuterungen. Wie mancher, dem der Wein gefällt, Als wär' er Gift und Rügewasser, Entlarvt, wenn nichts sein Herz verstellt, Den Schalksfreund, Filz und Menschenhasser! Wer Tücke heckt, muß nüchtern sein. Mit Recht flieht Euclio den Wein. Er trinkt und lacht mit halbem Munde Und folgt der Zunft der Kargen nach, Fälscht seinen Wein durch jenen Bach Und rühmt sich nur der Wasserkunde. O warum sucht die fernste Bank Ein Aeltester der Zionsbrüder? Ihm wird sein Most zum Liebestrank, Der Heilige girrt Buhlerlieder. Sein brünstig Aug' erheitert sich, Er liebet mehr als brüderlich Die Schwester, die ihn hier begleitet, Und die er, als ein folgsam Kind, Das seine Führung liebgewinnt, Zum Leiden und zur Stille leitet. Der Wein, der aller Herz erfreut, Gibt den Magistern, die dort zechen, Statt Eintracht und Gefälligkeit, Allein die Lust zu widersprechen. Wie glücklich sehen sie beim Wein Die Fugen der Soriten ein! Der Wein muß nie der Wahrheit schaden. Der Rausch beleuchtet jetzt durch sie Die vorbestimmte Harmonie, Die beste Welt und die Monaden. Weit klüger war Anacreon, Der seinen Most besang und lachte, Der Weinberg war sein Helicon, Wo er, wie Gleim und Ebert, dachte. Die Morgenrosen um sein Haubt, Die Blicke, die sein Herz geraubt, Wie wurden die von ihm erhoben! Oft nahm der Reben Lob ihn ein. Nicht schöner konnten dich, o Wein! Die Götter, die dich tranken, loben. Auch du beseligst ihren Stand. Zeus hält sich keinen Wasserschenken. Es muß ihm Ganymedens Hand Zum Nectar die Pocale schwänken; Die leert er bei dem Götterschmauß Auf jeder Göttin Wohlsein aus. Man hört die Tischmusik der Sphären. Oft reichte Mars ein volles Glas, Wenn ihr Vulcan nur abwärts saß, Der himmlisch-lächelnden Cytheren. Was seh ich? Was entdeckt sich mir? Dort seh ich einen Tempel glänzen, Und wie den Eingang und die Thür Der Epheu und die Reb' umkränzen. Die güldnen Flügel thun sich auf; Ich sehe der Bacchanten Lauf; Ich sehe sie mit ihren Stangen. Sie tanzen, und ihr Lustgeschrei Zeigt, was der Reben Wirkung sei, Die jetzt um ihre Scheiteln hangen. Der Trommeln Schlag, der Cymbeln Klang Durchtönt den Jubel der Mänaden. Es steigt ihr muthiger Gesang, Der Chöre Nachruf einzuladen. Sie rasen, aber nur zur Lust; Sie rasen mit entblößter Brust. Die Locken flattern ungebunden, Wie Ariadnens glänzend Haar Ein Spiel der regen Winde war, Als Bacchus sie am Meer gefunden. O daß kein ungeweihter Schwarm Die Priesterinnen unterbreche! Sie schütteln mit erhabnem Arm Das Erz der runden Klapperbleche. Nun macht ihr liedervoller Mund Des Rebenvaters Größe kund Und was Osir Egypten lehrte; Wie dort, durch seine Milde nur, Die weinbedürftige Natur Durch dessen Bau ihr Ansehn mehrte. Wie er mit fürchterlicher Macht Des Ganges Völker überwunden, Zuerst des stolzen Siegers Pracht, Den reizenden Triumph, erfunden, Und wie ihn, um des Indus Strand, Sein kriegerischer Elephant Durch manch' erfochtnes Reich getragen, Auch wie er, in dem Götterstreit, Mit wahrer Löwen-Tapferkeit Den stärksten Riesen selbst erschlagen. Der Opferbrand wird angeschürt; Die Priester stellen sich in Reihen. Es wird ein Bock herbeigeführt, Den sie mit Mehl und Salz bestreuen; Man rauft aus seiner Stirne Haar Und wirft es auf den Rauchaltar, Läßt Wein auf seine Hörner fließen Und zuckt den Stahl und naht der Glut, Und eilt, das längstverwirkte Blut Des Rebenfeindes zu vergießen. Er zappelt, stirbt und wird zerstückt; Man untersucht die Eingeweide. Herz, Lung' und Leber sind beglückt, Und jedes Zeichen weissagt Freude. Die Schlange, die der Korb bedeckt, In dem ein groß' Geheimniß steckt, Kriecht nun hervor und will sich zeigen. Es kracht der Heiligthümer Sitz! Der Tempel bebt; es strahlt der Blitz; Es donnert links, und alle schweigen. Der krummgehörnte Gott erscheint; Centauren ziehen seinen Wagen; Ein Satyr, der sich froh beweint, Wird ihm von Panen nachgetragen. Das Fichtenlaub, der Eppichstrauch Umschatten seinen Kopf und Bauch: Sein Pardel brüllt, doch nicht zu schrecken; Er wittert noch der Löwin Haut, Die man um Bacchus Schultern schaut, Und die kann ihm nur Lust erwecken. Ein tausendfacher Jubelschall Der Bacchen, Satyren und Faunen Ermüdet nun den Wiederhall Und setzet alles in Erstaunen. So bricht aus tiefer Höhlen Schooß Das Heer der Winde brüllend los, Braust um den Hain, kracht in den Eichen, Zischt durch die Wipfel, schlägt, zertheilt Die Esche, die im Fallen heult, Und rauscht und wirbelt in den Sträuchen. Ich werde neuer Lust gewahr: Nun seh' ich alles sich umkränzen. Es gaukelt dort der Larven Schaar In phrygischen Sicinnistänzen. Lenaeus steigt vom Wagen ab, Er wanket mit dem Thyrsenstab, Und strauchelt überzwerch und lachet. Sein Trinkhorn schäumt vom Rebensaft. Er trinkt mit Aeglen Brüderschaft Und fragt, was ihr Silenus machet. Es kömmt der reitende Silen; Sein Esel hätt' ihn bald verloren. Er schilt und schlägt ihn, heißt ihn gehn, Und zerrt ihm die gesenkten Ohren. Er wirft sich taumelnd hin und her; Ihm wird der trunkne Kopf zu schwer; Er sinkt und torkelt auf die Erde, Und kriecht und wälzt sich um sein Thier: Ihr trägen Faunen! helfet mir, Und setzt mich wiederum zu Pferde. Er fordert stammelnd Chier Wein, Mit schweren Lippen, starren Wangen. Er lacht ihn an: nichts ist so rein; Er will den, der ihn bringt, umfangen. Ha! schreit er, Vater Bacchus, steh! Ich trink', o Evan, Evoe! Nun schließt er sich an seinen Schimmel. Er säuft den Wein in einem Zug. O dieser schmeckt! Für's erste g'nug! Und wirft den leeren Kelch gen Himmel. Will alles sich dem Aug' entziehn? Verschwindet alles in die Lüfte? Der Gott und sein Gefolge fliehn In Schatten, Wolken, Dampf und Düfte. Ja! Bacchus eilt zur Oberwelt; Der Rauchaltar, der Tempel fällt, Und ihn verlieren meine Blicke. Sah ich auch wirklich? Ja! Doch nein! Ein Traum nahm Aug' und Sinnen ein Und läßt mir nur sein Bild zurücke. O wie begeistertest du mich, Wein, der Entzückung Quell und Zunder! Du wiesest mir jetzt sichtbarlich Der Alten fabelhafte Wunder. Du gibst auch nicht der Stille Raum, Und ich enthalte mich noch kaum, Daß ich dein Lob von neuem zeige. Du brausender und frischer Most, Des Herbstes Ehre, Götterkost! Mein Lied ... allein ich trink' und schweige. Ende.