Der Buchstabe Schin. 1. Bist du mir ein liebender Gefährte, Musst du Wort mir halten treu und wahr Und im Stübchen, Bad und Rosenhaine Mir Gesellschaft leisten immerdar. Gib die Krause der verwirrten Locke Nimmermehr dem Winde in die Hand; Sage nicht: »Verwirrung möge herrschen Im Gemüth, das Liebe nur empfand!« Wenn an Chiser's Seite dich zu setzen Ein Gefühl der Sehnsucht dich beschlich, Nun, so sei dem Lebenswasser ähnlich Und verbirg vor Alexandern dich! Schmeichlerische Liebespsalmen singen Kann nicht jeder Vogel unbedingt: Komm denn du und sei die junge Rose Dieses Sprossers, der Ghasele singt! Fortzuwandeln auf des Dienstes Pfade, Und der Pflicht der Knechtschaft mich zu weih'n. O gestatt' es mir um Gotteswillen Und du selber sollst mein Sultan sein! Hüte dich und falle ja nicht wieder Mit dem Schwert die heil'ge Beute an, Und empfinde Reue über Alles, Was du meinem Herzen angethan! Bist des Kreises Kerzenlicht; drum habe Eine Zunge nur und nur Ein Herz, Und im Geist des Falters Streben schauend, Lächle freundlich auch im grössten Schmerz! Nur im Augenspiele zeigt vollendet Schönheit sich und Liebenswürdigkeit: Sei daher durch Zärtlichkeit der Blicke Einer von den Selt'nen deiner Zeit! Schweig', Hafis , und ist der Freund auch grausam, So beklage dich darüber nicht: Denn wer hatte staunen dich geheissen, Schautest du ein schönes Angesicht? 2. Du an Gestalt so voll von Anmuth Und Wonne gebend jedem Ort! Es füllt sich mir das Herz mit Wonne , Spricht dein Rubin ein Zuckerwort. An Zartheit gleichet deinem Leibe Das frische Blatt der Rose nur; Vom Haupt zum Fusse bist du Wonne , Zipressen gleich auf Eden's Flur. Süss ist dein Kosen und dein Trotzen, Voll Wohlgeschmack dein Maal und Flaum; Schön ist dein Aug' und deine Braue, Voll Wonne deines Wuchses Baum. Nicht nur mein Phantasiegefilde Füllst du mit Bildern hell und klar, Auch dem Geruchsinn meines Herzens Beut Wonne dein Jasminenhaar. Vor deinem Auge lass mich sterben: – Wenn gleich Gesundheit ihm gebricht. Verwandelt's doch den Schmerz in Wonne , Schaut es dein schönes Angesicht. Wenn auf dem Liebespfad ich nimmer Den Unglücksstrom durchwaten kann. Erfüll' ich mein Gemüth mit Wonne , Denn deine Reize blick' ich an. Droh'n in der Wüste, des Verlangens Gefahren auch an jedem Ort, Dich liebend, schreitet doch voll Wonne Hafis , der Herzberaubte, fort. 3. Stets denkt der Sprosser an ein Mittel, Das ihm der Rose Gunst gewinnt, So wie im Gegentheil die Rose Auf Kränkung nur der Liebe sinnt. Wohl kann nicht Herzensräuber heissen, Wer Liebende dem Tode weiht; Doch Herr und Meister ist zu nennen, Wer mitfühlt eines Dieners Leid. Mit vollem Recht schlägt blut'ge Wellen In seinem Herzen der Rubin: Denn thöricht schätzt man auf dem Markte Die Glaskoralle mehr als ihn. Der Sprosser dankt die Kunst des Sanges Der Rose gnäd'gem Unterricht: Es tönte sonst aus seinem Schnabel Ein solcher Schwall von Liedern nicht. Wohl hundert Herzenskarawanen Zieh'n jenem Vielgereisten nach; Bewahre ihn, wo er auch weile, O Herr, vor jedem Ungemach! Du, der am Dorfe meines Liebchen Vorbei zu wandeln sich erlaubt. Sei auf der Hut, denn seine Mauern Zerschmettern dir gewiss das Haupt! Wenn von des Heiles Glück zu sprechen, O Herz, dir Freude auch gemacht, So ist doch auch die Liebe heilig: Drum lass sie nimmer ausser Acht! Es führt – wenn du dich fern gehalten Von der Begierden eitlem Wahn – Zum Heiligthume ihres Anblick's Dich ohne Zweifel deine Bahn. Der trunk'ne Ssofi , der die Mütze, Schief auf den Kopf sich hat gesetzt, Zerwühlt den Turban sich erst völlig, Trinkt er noch ein paar Gläser jetzt. Das Herz Hafisens , dem dein Anblick Zur freundlichen Gewohnheit ward, Verzärtelt ist's durch Gunst der Liebe: Drum schmähe es nicht allzu hart! 4. Komm zurück, um des beklomm'nen Herzens Seelischer Genoss zu sein, Und in sein verborgenstes Geheimnis Weiht dich der Verbrannte ein! Von dem Wein, den in der Liebe Schenke Feil man bietet Jedermann, Gib mir noch zwei oder drei Pocale, Sei es auch im Rāmăsān! Weil, o weiser Wanderer, du Feuer Auf die Kutte hast geschnellt, Sollst du trachten Oberhaupt zu werden In dem Zecherkreis der Welt! Jenem Freunde, der zu dir einst sagte: »Harrt mein Herz doch immer dein« Sage du: »Sieh da, ich komme eben: Harre wohlbehalten mein!« Lust nach dem Rubin, der Leben spendet, Füllte ach, das Herz mit Blute mir; Trage du, Juwelenschrein der Liebe, Dieses Siegel immerdar an dir! Dass sich nicht auf's Herz Ihm möge setzen Nur ein Stäubchen von Verdruss, Folge du dem Briefe auf der Ferse, Du, o meiner Thränen Fluss! Da Hafis sich nach dem Glase sehnet, Das die ganze Welt uns zeigt, Mach' er den Ăssāf sich eines Fürsten, Der Dschemschiden gleicht, geneigt! 5. Greif' zur Tulpenzeit nach Bechern, Hüte dich vor Heuchelei'n Und geselle dich dem Oste, Wenn dich Rosendüfte freu'n! Trägst du, wie einst Dschem, Verlangen Das Geheimste zu erspäh'n, So geselle dich dem Glase, Das dich lässt das Weltall seh'n! Nimmer sag' ich dir: »Dein Götze Sei durch's ganze Jahr der Wein!« Durch drei Monde magst du trinken Und durch neun enthaltsam sein. Da die alte Pilg'rin: »Liebe« An den Rebensaft dich weist, Nun so trinke Gott vertrauend, Der Erbarmen dir verheisst! Wenn auch alle ird'schen Dinge, Knospen gleich, verschlossen sind, Magst du deine Knoten lösen, Ähnlich einem Frühlingswind. Suche ja bei Niemand Treue: Hörst du aber nicht auf mich, Mühe fruchtlos um Simurghen Und den Stein der Weisen dich! Sei, Hafis , kein Andachtsjünger Jener, die du nimmer kennst Und verkehre nur mit Zechern, Die du deine Priester nennst. 6. Will der Gärtner mit der Rose Durch fünf Tage' Umgang pflegen, Muss er bei der Trennung Dornen Die Geduld des Sprossers hegen. Sollst, o Herz, nicht über Wirren, Wenn Sein Haar dich fesselt, klagen: Fällt in's Netz ein kluger Vogel, Muss er's mit Ergebung tragen. Diese Wange, diese Locke Diene nie dem Blick zum Spiele, Dem das Antlitz des Jasmines Und der Sünbül Haar gefiele! Zecher, die die Welt entzünden, Taugen nicht für die Geschäfte, Denn die Staatsgeschäfte fordern Klugen Rath und Urtheilskräfte. Gottlos ist, wer auf dem Pfade Sich auf Rath und Wissen stützet. Weil ja doch bei hundert Gaben Nur Vertrau'n dem Wand'rer nützet. Jener trunkenen Narzisse Steten Trotz muss es ertragen Dieses wirre Herz, verlangt es Jener Locke nah' zu schlagen. Schenke! Zögerst du noch länger Uns das Glas herum zu reichen? Kömmt die Reihe an Verliebte, Muss sie Kettenringen gleichen. Doch wer ist Hafis , um immer Nur beim Saitenklang zu zechen? Kann ein elender Verliebter Solchen Prunk's sich nicht entbrechen? 7. Heil Schĭrās! Nein, keine Lage Lässt mit seiner sich vergleichen; Lass, o Gott, von dir beschirmet, Nie ein Unglück es erreichen! Unser Rōknăbād vernehme Hundertmal ein: »Gott bewahre!« Denn sein süsses Wasser schenket Chiser's lange Lebensjahre. Wo Dscha'fērăbād sich scheidet Von Mossella's Blumentriften, Kömmt sein Nordwind hergezogen, Reich durchwürzt mit Ambradüften. Komm denn nach Schĭrās und bitte Um des heil'gen Geistes Segen Jene, die in seinen Mauern Jeden Zweig des Wissens pflegen! Selbst Ägyptens Kandelzucker Waget Niemand hier zu nennen, Ohne dass die süssen Schönen Wider ihn in Zorn entbrennen. Hast du irgend eine Kunde, Morgenwind, mir zuzuwehen Von dem schönen, trunk'nen Luli Und von seinem Wohlergehen? Wecke doch aus diesem Schlummer Nimmer mich um Gotteswillen, Denn Sein Traumgebild entzückt mich In der Einsamkeit, der stillen! Wenn nun jener süsse Knabe Auch mein eig'nes Blut vergösse, Herz, so lass es ruhig fliessen, Als ob Muttermilch nur flösse! Wenn, Hafis , vor Seiner Trennung Du dich fürchtetest, so sage, Wesshalb du ihm nimmer danktest Für der Liebe frohe Tage? 8. Ruhe, Kraft und Einsicht gingen An dem Götzen mir verloren Mit dem marmorharten Herzen Und dem Silber in den Ohren; Flink und zart ist dieser Holde, Schafft, wie Peris, Lust und Freude, Ist ein vollmondgleicher Türke Und stolziert in off'nem Kleide; Durch die heisse Gluth der Liebe, Die bei ihm mich überfallen, Muss ich, einem Topfe ähnlich, Immer siedend überwallen; Mein Gemüth wird, gleich dem Hemde, Ruhe wohl erst dann geniessen, Wenn gleich seinem eig'nen Kleide Meine Arme ihn umschliessen. Seine Härte kränkt mich nimmer: Rosen, die nicht auch verwunden So wie Honig ohne Stachel, Hat ja noch kein Mensch gefunden. Selbst auch dann, wenn in Verwesung Mein Gebein schon übergangen. Wird noch immer meine Seele Liebevoll nach Ihm verlangen. Was ich glaube, was ich fühle, Was ich fühle, was ich glaube Wurde Seiner Brust und Schulter, Schulter ach, und Brust zum Raube. Gibt's ein Mittel, gibt's ein Mittel, Das, Hafis , dich hoffen liesse, Liegt's in Seiner Lippen Süsse, Lippen Süsse, Lippen Süsse. 9. Mein Herz erschrack und mir, dem Armen, Ward bis zur Stunde nicht bekannt Was jenem widerspänst'gen Wilde So plötzlich in den Weg gerannt? Besorgt für meinen eig'nen Glauben, Erbeb' ich, gleich dem Weidenblatt: Ein Ketzer hält mein Herz gefangen, Der bogengleiche Brauen hat. Ich nähre immer den Gedanken, Ich sei ein Meer; doch weit gefehlt! Was spukt im Kopfe dieses Tropfens, Der nur Unmögliches sich wählt? Ich preise jene kühne Wimper, Die alles Heil zu Grabe trägt Und der auf ihres Dolches Spitze Das Lebenswasser Wellen schlägt Blut träufelt wohl an tausend Stellen Den Ärzten von des Ärmels Rand. Wenn, um mein wundes Herz zu prüfen, Sie es befühlen mit der Hand. Nur weinend geh' ich in die Schenke, Und stets mit tief gesenktem Haupt, Weil ich mich vor den Thaten schäme, Die ich zu üben mir erlaubt. Das Leben Chiser's ist entschwunden Sammt Alexander's Herrlichkeit: Drum reize nied're Weltlust nimmer Dich armen Mann zu eitlem Streit! Ein Diener bist du, Freund; beklage Dich über deine Freunde nicht; Das Jammern über Viel und Wenig Verletzt der Liebe heil'ge Pflicht. Hafis ! An jenen Gürtel reichet Nicht eines jeden Bettlers Hand: Drum greife du nach einem Schatze, Viel reicher als Kărūn ihn fand. 10. Ein erfahr'ner Mann voll Scharfsinn Sagte gestern heimlich mir: »Nimmer kann des Wirth's Geheimniss Länger man verbergen dir.« Sprach: »Erleicht're dir die Sachen, Denn, wie sich's von selbst versteht, Macht die Welt nur dem Beschwerde, Der das Schwere suchen geht.« Gab mir dann ein Glas, so funkelnd, Dass Sŏhrē im Himmelshaus Sich zum Tanz erhob. Dann sprach er, Zither spielend: »Trinke d'raus!« Horch, o Sohn, auf meine Lehre: Gräme dich um Ird'sches nie; »Diese Worte gleichen Perlen: Kannst du es, so fasse sie! Selbst mit einem blut'gen Herzen Lächle, gleich dem Glas, dein Mund; Stöhne nicht, gleich einer Harfe, Schlägt man dich auch noch so wund! Bis du nicht bekannt geworden, Hörst du nichts von diesem Klang: Denn das Ohr der Ungeweihten Ist kein Ort für Engelssang. In dem Heiligthum der Liebe Trägt man nur die Wahrheit vor: Denn dort müssen alle Glieder Nichts als Auge sein und Ohr. Auf dem Teppich weiser Männer Steht dir Selbstlob übel an: Sprich entweder als ein Kenner, Oder schweige, kluger Mann!« Schenke, gib mir Wein! Erfahren Hat Hafisens Trunkenheit Der Ăssāf des mächt'gen Helden, Der voll Nachsicht gern verzeiht. 11. Zu des Kaisers Zeit, der Nachsicht Übt an Sündern allzumal. Trinkt der Mufti aus dem Becher Und Hafis aus dem Pocal. Von der Zelle Winkel setzte Sich der Ssofi zu dem Fass, Seit er sah, dass auf der Achsel Selbst dem Vogt die Kanne sass. Um des Scheïches und des Richters Judentrunk hab' ich befragt Den bejahrten Weinverkäufer. Als es eben kaum getagt. Und er sprach: »Ich darf nicht sprechen, Magst du eingeweiht auch sein; Halte nur die Zung' im Zaume, Birg' dich und dann trinke Wein!« Schenke! Schon erscheint der Frühling Und kein Weingeld blieb mir mehr: Denke wie mein Herzblut brause, Denn dies grämt mich gar zu sehr, Liebe, gänzliche Verarmung, Jugendzeit und Lenz sind da; Halte mich damit entschuldigt Und verzeih' was ich versah! Wirst du wohl noch länger züngeln, Ähnlich einem Kerzenlicht ? Kam ja doch der Wünsche Falter : Drum, Geliebter, plaudre nicht! Kaiser du des Bild's und Sinnes, Dessen Gleichen nie zuvor Hat geschaut ein Menschenauge, Noch gehört ein Menschenohr! Lebe, bis dein Glück, das junge , Einst die blaue Kutt' empfängt Aus der Hand des alten Himmels, Der mit Lappen sich behängt. 12. Eine Stimme rief des Morgens In mein Ohr dies Freudenwort: »Schah Schědschā' sitzt auf dem Throne, Darum trinke tapfer fort!« Nimmer birgt in einer Ecke Sich der Augenspieler Schaar, Tausend Worte in dem Munde, Aber stumm das Lippenpaar. Nun will ich beim Harfenklange Alles sagen was gescheh'n, Denn, verschwieg' ich's, fühlt' ich wallend Mir den Brusttopf übergeh'n. Lasst uns Hauswein, der da furchtsam Vor dem Vogte ist und bang, Vor des Freundes Antlitz trinken Und bei lautem: »Lebelang!« Gestern trug man aus der Schenke Auf der Achsel den Imām, Der den Teppich des Gebetes Mit auf seiner Achsel nahm. Herz, ich leite dich zum Guten Auf der Bahn die Heil verspricht: Aber prahle nicht mit Sünden, Sei auch stolz auf Tugend nicht! Des Verklärungslichtes Quelle Ist des König's heller Geist; Doch du darfst nur dann ihm nahen Wenn dein Zweck sich rein erweist; Nur mit seines Ruhmes Lobe Soll man dich beschäftigt schau'n, Da selbst Engel ihre Botschaft Seinem Herzensohr vertrau'n. Die geheimen Reichsgeschäfte Kennen Fürsten nur allein: Doch du bist ein Winkelbettler, Musst, Hafis , fein ruhig sein. 13. Ich verlange nach dem bitt'ren Weine, Der den Mann zu Boden wirft mit Kraft, Denn ein Weilchen möcht' ich Ruhe finden Vor der Welt, die nichts als Böses schafft. Bringe Wein, denn vor des Himmels Tücke Fühlt wohl Niemand völlig sicher sich Durch Sŏhrē, des Harfenmädchens, Spiele Und durch seinen Waffenknecht Měrrīh. Auf dem Tisch der nied'ren Erde gibt es Keinen Honig der Zufriedenheit: Wasche, Herz, den Gaum der Lust und Gierde Rein von Herbe und von Bitterkeit! Wirf das Jägernetz Běhrām's bei Seite, Halte hoch den Becher Dschem's empor! Denn es fand, als ich dies Feld durchmessen, Nicht Běhrām und nicht sein Grab sich vor. Auf Derwische seine Blicke heften Kann der Grösse keinen Eintrag thun: Salomon, trotz seiner hohen Würde, Liess die Blicke auf der Ämse ruh'n. Komm, ich lasse dich im reinen Weine Das Geheimniss des Geschickes schau'n; Doch versprich mir es nicht schiefen Seelen Oder blinden Herzen zu vertrau'n. Aus smaragd'nem Glase will ich trinken Einen Wein, so funkelnd wie Rubin, Denn der Frömmler ist des Lebens Schlange, Und dadurch mach' ich erblinden ihn. Zwar des Seelenfreundes Brauenbogen Wendet nimmer von Hafis sich ab; Doch es macht ihn unwillkürlich lachen Dieser Arm, so kraftlos und so schlapp. 14. Pflücke Rosen, Ssofi, und den Dornen Schenke dann das abgeflickte Kleid. Und dem Weine der so lieblich mundet, Schenke diese bitt're Frömmigkeit! Lege Mönchsgebrauch und Klostersitte Auf der klangerfüllten Harfe Bahn, Und dem Weine und dem Trunkenbolde Schenke Rosenkranz und Thāilĭssān! Jene schwere Tugend, die der Schöne Und der Schenke schnöde von sich weist, Schenke du dem Abendwind des Lenzes Der den Ring des Wiesengrund's umkreist! Auf dem Weg, o Herrscher der Verliebten, Überfiel mich kühn des Wein's Rubin: Schenke denn das Blut das ich verwirkte Jenem Brunnen in des Freundes Kinn! Herr, verzeihe wenn zur Zeit der Rosen Sich der Knecht zu sünd'gen unterstand: Schenke Alles was da vorgefallen Der Zipresse an des Baches Rand! Du der auf dem eingeschlag'nen Pfade Deines Wunsches Tränke hast erreicht. Schenke mir ein Tröpfchen dieses Meeres, Mir, dem Armen, der dem Staube gleicht! Und, zum Danke dass sich deinem Auge Nie ein Götzenantlitz noch gezeigt, Schenke mich dem mächtigem Gebieter Der zur Huld und Nachsicht ist geneigt! Weil, o Schenke, sich der hohe Meister Morgenwein zu trinken hat erlaubt, Schenke er das gold'ne Glas Hafisen Der bei Nacht des Schlummers ist beraubt! 15. Ein Bachesrand, ein Stamm des Weidenbaumes Ein holder Freund, ein dichtendes Gemüth, Ein süsser Herzensräuber als Genosse, Ein holder Schenke, der wie Rosen blüht, O du Begünstigter von den Gestirnen, Der du erkennst der flücht'gen Tage Werth, Wohl möge diese Wonne dir bekommen! Ein holdes Leben wurde dir beschert, Wer Liebe fühlt für einen Herzensräuber, Und diese Bürde trägt auf seiner Brust, Der werfe Rautenkraut in's helle Feuer, Denn er erfreut sich hoher Lebenslust. Mit reichem Schmuck jungfräulicher Gedanken Ward des Gemüthes Braut geschmückt von mir, Und ich erhalte von der Zeit Gemälden Vielleicht dereinst ein holdes Bild dafür. Benütze klug die nächtlichen Gespräche, Und nimm den Zoll der Herzenswonne ein: Denn herzerleuchtend ist des Mondes Schimmer, Und hold auch ist der bachdurchströmte Rain. Wein perlet in des Schenken Augenschale, Und Gottes Name leiste Zeugenschaft Dass den Verstand er eben so berausche Wie er dem Haupte holde Schmerzen schafft! Schon ist das Leben sorglos hingeschwunden; Hafis , begleit' uns in das Weinhaus nun, Denn holde Räuber sind daselbst zu finden, Und holde Dinge lehren sie dich thun. 16. Seine Mondeswange ist der Schönheit Und der Anmuth lieblichster Verein: Doch die Liebe fehlet und die Treue: Wolle sie, Allmächt'ger, Ihm verleih'n! Nur ein Kind noch ist mein Herzensräuber Der, zum Spiele blos, mich armen Mann Grausam tödtet, ohne dass ein Urtheil Des Gesetzes ihn bestrafen kann; Darum ist das Beste was ich thue, Mir vor ihm das Herz zu wahren gut : Noch erfuhr er Gutes nie und Böses, Schätzt mein Herz nicht, weiss nicht was er thut. Ja, ein Götze ist's von vierzehn Jahren, Flink und süss, den ich mir auserkohr, Und für den der Mond von vierzehn Tagen Freudig trägt den Sclavenring im Ohr; Milchgeruch entströmet seiner Lippe, Die so süss wie reiner Zucker ist, Wenn auch Blut aus seinem schwarzen Auge, Das so schelmisch blicket, niederfliesst. Jener neuentblühten Rose Spuren Folgt mein Herz beständig nach, o Herr! Doch, wo ist es endlich hingerathen? Läng're Zeit schon seh' ich es nicht mehr. Bricht der Freund der mir das Herz entwendet, Sich so kühn durch's Mitteltreffen Bahn, So vertraut der Kaiser ihm in Eile Eines Waffenträgers Würde an. Dankbar will ich meine Seele opfern Wenn sich jene selt'ne Perle nun In der Muschel von Hafisens Auge Einen Platz erwählt um auszuruh'n. 17. Erprobt hab' ich mein Schicksal In dieser Stadt, mithin Muss fort ich aus dem Wirbel Mit meinem Bündel zieh'n. Weil ich so häufig seufze Und nage an der Hand, Setzt' ich den Leib, wie Rosen, Mir Stück für Stück in Brand. Wie schön hat nicht der Sprosser Gesungen gestern Nacht, Als auf dem Zweig die Rose Ihr Ohr weit aufgemacht: »O Herz, sei frohen Muthes! Den Freund mit rauhem Sinn Setzt das Geschick, zur Strafe, Auch nur auf Rauhes hin. Willst du, die Welt behandle Dich weder weich noch hart, So meide weiche Bande, Und Worte harter Art. Stieg auch die Unglückswoge Empor zum Himmel schon, Des Weisen Glück und Bündel Wird doch nicht nass davon; Und wären die Genüsse Von Dauer, o Hafis , Auf seinem Throne sässe Dschěmschīd noch ganz gewiss.« 18. Eine Stimme rief mir gestern Aus der Schenke Winkel zu: »Was du sündigend verbrochen Wird verzieh'n: d'rum trinke du! Und die göttliche Vergebung Waltet gnädig fort und fort, Und ein Engel überbringet Der Erbarmung Freudenwort. Grösser ist die Gnade Gottes Als die Fülle uns'rer Schuld; Schweige! Kennst du denn die Gründe, Die verborgenen, der Huld?« Trage diese rohe Weisheit In das Haus des Weines hin, Dass ihr Blut in Wallung komme Durch den Wein, roth wie Rubin! Wenn man auch durch keine Mühe Sich mit Ihm vereinen kann, Dennoch wend', o Herz, nach Kräften, Alle deine Mühe d'ran! Meines Freundes Ringellocke Schlinge stets sich um mein Ohr. Und mein Antlitz lieg' im Staube An des Weinverkäufers Thor! Nicht für eine schwere Sünde Gilt Hafisens Trunkenheit Bei des Kaisers Huld, der Fehler Stets zu decken ist bereit; Schah Schědschā's, des Herrn des Glaubens, Dessen mächt'gen Herrscherring Selbst der heiligste der Geister Sclaven gleich in's Ohr sich hing. Fürst des Himmelsthron's, erfülle Seine Wünsche immerdar, Und, wenn böse Blicke drohen, Schütze ihn vor der Gefahr! 19. Jene Rose, jung und lächelnd, Die du, Herr, empfohlen mir, Jedem Neideraug' der Wiese Zu entzieh'n, empfehl' ich dir; Hält sie sich auch hundert Meilen Fern vom Dorf der Treue auf, Bleib' ihr doch von Leib und Seele Fern des Mondes Unglücks lauf . Morgenwind, kömmst du vorüber An Sělmā' s geliebtem Haus, Hoffe ich, du richtest freundlich Einen Gruss ihr von mir aus. Löse jener schwarzen Haare Moschus unbehutsam nie: Theure Herzen wohnen drinnen: D'rum durchwühle nimmer sie. Sprich: »Es hat auf Flaum und Maale Mein getreues Herz ein Recht: D'rum behandle es mit Achtung Dort im Ambra-Haargeflecht!« Wo auf's Wohl man Ihrer Lippe Wein geniesst in froher Lust, Ist der Trunk'ne zu verachten Der sich seiner bleibt bewusst. Man erwirbt am Thor der Schenke Ehr' und Reichthum nimmermehr: Wer von diesem Wasser trinket Wirft ja sein Gepäck in's Meer! Dem, der sich vor Trauer fürchtet, Ist kein Liebesgram erlaubt: Liebchens Mund an meiner Lippe, Liebchens Fuss auf meinem Haupt! Als des Wissens Grundvers pranget Was Hafis sang im Gedicht: Wie entzückend ist sein Odem Und wie lieblich was er spricht! 20. Als Seine Ambralocke Vom Oste ward durchwühlt , Hat Jeder der Gebroch'nen Sich frisch beseelt gefühlt. Wo weilt ein Gleichgestimmter? Gern theilte ich ihm mit Das was durch Seine Trennung Mein armes Herz schon litt. Dem Briefe, den zum Freunde Der Morgenbote trägt, Hab' ich das Blut des Auges Als Siegel aufgelegt. Aus Rosenblättern formte Natur dein Antlitz; doch, Sie birgt, vor dir sich schämend, Sie in der Knospe noch. Stets schläfst du, und die Liebe Kennt Grenzen nimmermehr: Darum sei Gott gepriesen, Denn endlos ist auch er. Der Ca'ba Reiz heischt Nachsicht Vom Pilger der, verbrannt Und aufgeregten Herzens, Die Wüste durchgerannt. Wer bringt vom Herzens-Josef In's Haus der Trauer hier Aus seines Kinnes Brunnen Erwünschte Nachricht mir? Ich lege jene Locke Dem Meister in die Hand : Er wird das Recht mir schaffen Das mir Sein Trug entwand. Ich hörte was der Sprosser Früh auf der Wiese sang: Es war ein Lied Hafisens Von holdem Sinn und Klang. 21. Verwüstet durch den wüsten Freund Erliege ich dem Schmerz: Den Schmerzenspfeil der Wimper drückt Er mir in's wunde Herz; Fängt er das Kreuz des Lockenhaar's Hold zu zerlegen an, Bethöret jener Glaubensfeind Gar manchen Musulman. An dich gebunden ist mein Herz, Von Ander'n bleibt's getrennt: Nicht Fremde noch Verwandte wünscht Wer dich, Geliebter, kennt. O blicke mit der Gnade Blick Mich Herzberaubten an, Weil, fehlt der Beistand deiner Huld, Nichts vorwärts schreiten kann. Des Anmuthsreiches Kaiser du! Bestreue immerhin Das wunde Herz mir mit dem Salz Aus deines Mund's Rubin. Es hat die Garben meiner Ruh' Dem Winde anvertraut Dein trunk'nes Aug' das, lauernd stets. So vor- als rückwärts schaut. Aus jener Honigbüchse leg' Ein Pflaster dem Hafis Auf's Herz das, wie mit Fliet' und Dolch, Die Wimper wund ihm riss. 22. Leer' ich deiner Lippe Becher, Wo verweilt die Klugheit dann? Schau' ich dein berauschtes Auge, Wer dann wohl mich halten kann? Bin dein Sclave ; wolltest aber Du von mir befreien dich, So verkaufe in der Schenke An den Krugverkäufer mich. Hoffend in der Schenke fänd' ich Einen Krug gefüllt mit Wein, Geh' ich, eine Zecherkanne Auf der Achsel, nun hinein. Lust nach deiner Lippe zwinget Den Săkā des Trinkergau's Augenwasser aufzugiessen Vor des Weinverkäufers Haus. Sage mir doch nimmer: »Schweige, Oder zieh' den Athem ein!« Kann man doch nicht: »Schweige!« sagen, Zu dem Vogel in dem Hain. Forsche ich nach deinen Spuren, Die Geduld, wo bleibt sie dann? Spreche ich von deinen Thaten, Wer dann masst Verstand sich an? Seelen mit erstarrtem Herzen Gibt man Wein, gekocht und gahr; Wein ist helle Gluth; es sieden Die Gekochten immerdar. Als man mit des Liebesultan's Ehrenkleid mich angethan, Rief man laut: »Du mög'st es tragen, O Hafis , doch schweigen dann!«