Der Buchstabe Nun. 1. Der gekrönte Fürst der Rosen Ist am Wiesenrand erschienen; Herr, er möge Segen bringen Den Zipressen und Jasminen! Schön ist und so ganz am Platze Dieses König's Thronbesteigen; Jeder wird sich wieder setzen Auf die Stelle die ihm eigen. Gib dem Siegel Dschem's die Kunde Von dem freudenvollen Ende : Denn es band der Namen grösster Ahriman's verruchte Hände. Dieses Haus soll ewig blühen, Denn vom Staube seiner Pforte Trägt die Düfte des Erbarmers Jemen's Wind an alle Orte! Was der Sohn Pěschēnk's geleistet. Wie sein Schwert die Welt bezwungen. Hat in den gesell'gen Kreisen Manches Königsbuch besungen. Deinen Sattel hat des Himmels Schlägel schimmel selbst getragen; Auf den Rennplatz kamst du, Reiter, Sollst nun kühn den Ball auch schlagen! In des Reiches breitem Strome In dein Schwert ein fliessend Wasser: Pflanze dr'um den Baum des Rechtes Und entwurzle seine Hasser! Künftig wird man nicht mehr staunen, Wenn, bei'm Wohlduft deiner Milde, Moschusduft Ĭrēdsch durchwehet, Wie nur sonst Chŏtēn's Gefilde. Deiner freundlichen Geberde Harrt der stille Klausner bange: Nimm die Mütze von dem Haupte Und entschlei're deine Wange! Den Verstand zog ich zu Rathe, Der » Hafis trink' Wein!« mir sagte; Schenke, gib mir Wein! Vertrauen Heischet der um Rath Befragte . Ost! Ersuche doch den Schenken An des Atabeg's Gelage, Dass er jenes gold'nen Bechers Bodensatz mir nicht versage. 2. Will dir jetzt ein Wörtchen sagen, Hör' es an, mein Augenlicht: »Ist dein Glas gefüllt so trinke; Doch verwehr's auch Ander'n nicht!« Alte sprechen aus Erfahrung Und so sprach auch ich zu dir; Dass du alt auch werdest, Knabe, Horche, wenn ich rathe, mir! Den Verständigen schlug in Ketten Nimmer noch der Liebe Hand: Willst du Freundeslocken streicheln, So entsage dem Verstand! Rosenkranz und Kutte bieten Dir die Lust des Rausches nie: Willst du sie erstreben, ford're Von dem Weinverkäufer sie. Sparen darf man bei den Freunden Gut und Leben nimmermehr; Weih' dem Freunde hundert Seelen, Hört auf die Ermahnung er. Auf der Liebe Bahn versuchet Ahriman uns oft; allein Merke dir's, nur Engelkunden Darfst des Herzens Ohr du leih'n! Blatt und Frucht sind ganz verdorben, Und der Freude Ton blieb aus: Harfe, lass die Klage schallen, Pauke, schalle mit Gebraus! Dessen Glas von reinem Weine Leer nie werde, Schenke du, Sende mir, dem Hefentrinker, Einen Blick der Gnade zu! Zieh'st du trunken hin, im Kleide Reich mit Golde ausgelegt, So gelobe nur Ein Küsschen Dem Hafis , der Wollstoff trägt! 3. Mein schlankes Lieb, das freundlich koset, Und das zu spielen pflegt mit Bildern, Hat abgekürzt mir die Geschichten Die meine lange Tugend schildern. Sah'st du, o Herz, als Alter, Tugend! Und selbst Verstand zu Ende gingen, Was mir gethan ward von den Augen, Die stets an der Geliebten hingen? Ich sitze, durch der Augen Wasser Nunmehr an eines Feuers Rande: Dies Wasser war's das mein Geheimniss Verkündet hat durch alle Lande. Ich sagte: »Mit der Gleissnerkutte Will decken ich die Spur der Liebe«: Doch es verrieth mich meine Thräne, Enthüllend die geheimen Triebe. Der Freund ist trunken, und erinnert Sich seiner Trinkgenossen nimmer; Da lob' ich mir den holden Schenken Er tröstet ja die Armen immer. Ich werde – fürcht' ich – meinen Glauben In Baldem als Ruine schauen, Denn des Gebetes Ruhe raubte Der Hochaltar mir deiner Brauen; Und über mich vergiess ich Thränen, Indess ich, gleich der Kerze, lache; Ob wohl auf dich, du Herz von Kiesel, Mein Glüh'n und Schluchzen Eindruck mache? Ich mal' in diesem Augenblicke Ein Bild auf Wasser, durch mein Weinen: Wann wird was ich nur bildlich schaue Als volle Wahrheit mir erscheinen? Und wann, o Herr, fängt jener Ostwind Zu wehen an, er, dessen Lüfte Mein Unternehmen fördern sollen Durch ihre süssen Gnadendüfte? Und da, o Frömmler, durch dein Beten Die Dinge nimmer vorwärts gehen, Halt' ich den nächt'gen Rausch für besser Und mein verliebtes Glüh'n und Flehen. Der Gram verbrannte schon Hafisen , D'rum wolle, Ost, dies offenbaren Dem König, der die Freunde nähret Und schmelzen macht der Feinde Schaaren! 4. So oft ich auch den Ärzten Mein Leiden mitgetheilet, Die Fremdlinge, die armen, Hat Keiner noch geheilet. Des Liebeskästchens Siegel Blieb nimmer unversehret: Nie werde Nebenbuhlern, O Herr, ein Wunsch gewähret! Zur Rose die stets weilet In eines Dornes Krallen Sprich: »Mögest du erröthen Vor holden Nachtigallen!« O Herr, lass mich nicht früher Erliegen dem Geschicke Als auf der Freunde Wange Der Freunde Auge blicke! Woran ich heimlich leide Musst' ich dem Freund erzählen: Unmöglich ist's dem Arzte Sein Leiden zu verhehlen. Soll länger noch, o Prasser, Am Tische, der mit Gaben Besetzt ist deiner Liebe, Ich keinen Antheil haben? Es hielten nicht die Menschen Hafisen für bethöret, Hätt' er auf die Ermahnung Gebildeter gehöret. 5. Du dessen Antlitz, das dem Monde gleichet, Den jungen Lenz der Schönheit in sich schliesst, Und dessen Maal der Mittelpunkt der Anmuth, Und dessen Flaum der Schönheit Schwerpunkt ist Ein wahres Zaubermährchen liegt verborgen In deinem weinberauschten Augenpaar; Es macht in deiner unbeständ'gen Locke Sich der Bestand der Schönheit offenbar. Nie blickte aus dem Sternenhaus der Reize Ein voller Mond so hell wie du hervor, Und schlank wie du ragt' an der Schönheit Strome Noch niemals ein Zipressenbaum empor. Mit hoher Lust erfüllte deine Süsse Den Lebenslauf der Liebenswürdigkeit, Und deine Huld und Lieblichkeit erfüllte Mit Seligkeit der Schönheit frohe Zeit; Und durch die holden Netze deines Haares, Und deines Maales Korn, so süss und zart, Blieb auf der Welt kein Herzensvogel übrig Der deiner Schönheit nicht zur Beute ward. Die Veilchen, die die Lippe dir beschatten, Sind desshalb nur beständig frisch und zart, Weil sie das Wasser ew'gen Lebens trinken Das deiner Schönheit reicher Quell bewahrt; Und immer lässt die Amme des Gemüthes Aus ihrer Seele Mitte, liebewarm, Mit zartem Sinn dir Nahrung angedeihen Und wiegt dich freundlich auf der Schönheit Arm. Dass nimmer er dir Gleiches würde schauen, Das hat Hafis verzweifelnd schon erkannt: Gibt es doch Keinen der sich deiner Wange Vergleichen liesse in der Schönheit Land . 6. Vergnügen wecken Lenz und Rose, Und brechen der Gelübde Macht; Reiss' dir den Kummer aus dem Herzen, Und freue dich der Rosenpracht! Schon kam der Ostwind, und die Knospe Trat in verliebter Schwärmerei Heraus aus ihrem eig'nen Wesen, Und riss sich selbst das Kleid entzwei. Der Treue Pfad zu wandeln lerne, O Herz, vom reinen Wasser nur; Den Gradsinn und die Freiheit suche Nur bei Zipressen auf der Flur. Die Knospenbraut, so schön geschminket, So freundlich lächelnd und so zart, Raubt Glaub' und Herz vor aller Augen, Und thut es auf gar schöne Art. Der liebevollen Sprosser Klage; Der Nachtigallen Wirbelton Erschallt, in Sehnsucht nach der Rose, Aus ihrem Trauerhause schon. Sieh wie des Ostes Hand die Rose Mit krausen Locken rings umflicht, Und wie das Haar der Hyacinthe Sich wiegt auf des Jasmin's Gesicht. Der Zeitgeschichte Überlief'rung Verlange vom Pocal, Hafis , So wie es dich das Wort des Sängers Und das Fětwā des Weisen hiess. 7. Stets zerreiss' ich, gleich der Rose – Weil's an deinen Duft mich mahnt – Mir vom Kragen bis zum Saume An dem Leibe das Gewand. Deinen Leib erblickt' die Rose, Und im Garten schien sie nun Sich das Kleid vom Leib zu reissen, Wie es die Berauschten thun. Schwer entzieh' ich meine Seele Deiner Hand, der Quälerin; Du hingegen, du vermochtest Leicht das Herz mir zu entzieh'n. Auf die Rede schnöder Feinde Wandtest du dich ab vom Freund; Werde nie ein Mensch hienieden Seinem Freunde so zum Feind! Mache nicht dass, herzverbrennend, Meiner Brust ein Seufzerhauch Auf dieselbe Art entsteige Wie dem Schornstein heisser Rauch! Und dein Leib, so zart umhüllet , Gleicht dem Wein im Glaspocal , Und dir ruht das Herz im Busen Wie in Silber harter Stahl. Träufle, Kerze, aus dem Auge Thränen, wie die Wolke thut. Denn schon wurde klar dem Volke Deines Herzens heisse Gluth! Brich das Herz mir nicht in Stücke, Wirf's nicht vor die Füsse gar: Seinen Wohnsitz aufgeschlagen Hat es ja in deinem Haar. Da Hafis sein Herz gebunden An dein Haar, mit treuem Sinn. O so wirf auf gleiche Weise Nicht zu deinen Füssen ihn! 8. Werd' ich zum Staub des Weges den Er wandelt, Ermangelt Er mich abzuschütteln nicht, Und sage ich: »Du sollst das Herz verwenden« Verwendet Er – von mir das Angesicht. Stets zeigt Er Seine holdgefärbte Wange, Der Rose ähnlich, allen Leuten hier, Und sag' ich Ihm: »Du solltest sie verhüllen« Verhüllt Er sie – doch immer nur vor mir; Und sterbe ich vor Ihm, gleich einer Kerze, Lacht meines Gram's Er, wie der Morgen lacht; Und zürn' ich d'rob, so wird sein zartes Wesen Nun gegen mich zum Zorne angefacht. »Blick' hin auf Ihn« – sprach ich zu meinem Auge – »Bis du dich endlich satt an Ihm geseh'n!« Und es erwiederte: »Du scheinst zu wollen Es mög' aus mir ein blut'ger Bach ersteh'n.« Nach meinem Blute dürstet Er; ich aber Nach Seiner Lippe. Wer entscheidet hier? Nehm' ich von Ihm mir das was ich verlange, Wie, oder nimmt Er Rache gar an mir? Ich opferte die Seele Seinem Munde ; O theure Freunde, seht es selbst mit an, Wie wegen eines winzig kleinen Dinges Er nimmer sich mit mir vergleichen kann. Was liegt daran wenn mich, wie einst Ferhaden, Dem Tode weiht ein bitteres Geschick? Es bleibt dafür so manches süsse Mährchen In der Erinnerung von mir zurück. Doch ende nun, Hafis ; denn gibst du ferner Auf diese Art in Liebe Unterricht, Erzählt in jedem Winkelchen die Liebe Ein Zaubermährchen das von mir nur spricht. 9. Weile doch, um Gotteswillen, Bei den Kuttenträgern nicht; Doch den unverständ'gen Zechern Zeige frei dein Angesicht! Denn auf dieser Kutte haftet Gar so viel Unreinigkeit; Doch das off'ne Kleid der Zecher Lebe hoch für alle Zeit! Bist du doch ein zartes Wesen, Und erträgst es nimmermehr, Dass ein Haufe Kuttenträger Dich belaste drückend schwer. Diese ssofi gleichen Männer Hab' ich nie betrübt geseh'n; Doch nur Hefen trinkern möge Reine Lust zur Seite steh'n! Komm und sieh wie die Verruchtheit Dieser Heuchlerrotte schon Bluten macht das Herz der Flasche, Brausen macht das Barbiton! Nun du mich ganz trunken machtest, Setz' dich nicht so nüchtern her; Nun du Süsses mir gegeben, Reich' mir keinen Gifttrank mehr! Öffne das berauschte Auge Und die Lippe, roth wie Wein, Denn schon gährt der Wein aus Sehnsucht Bald mit dir vereint zu sein. Vor Hafisen' s heissem Herzen Nimm gar sorgsam dich in Acht! Seine Brust gleicht einem Topfe Der zum Sude ward gebracht. 10. Gibt es frohere Gedanken Als an Becher und an Wein? Und durch sie möcht' ich ergründen Was das Ende werde sein? Soll das Herz noch lang sich grämen Weil die Tage schnell vergeh'n? Mögen Herz und Tage schwinden! Doch was wird wohl dann gescheh'n? Trinke Wein, nicht Gram, und höre Auf den Rath des Gauklers nicht; Soll man auf die Worte achten Die der nied're Pöbel spricht? Sag' dem kraftberaubten Vogel: »Gräme selbst dich über dich!« »Wird, wer Netze aufgerichtet, Deiner je erbarmen sich?« Klug ist's, wenn du nach Gewünschtem Strebest mit der Mühe Hand: Dass dann Ungewünschtes folge, Ist dir nur zu wohl bekannt. Gestern las der Greis der Schenke Uns dies Räthsel vor; – im Glas War es deutlich eingegraben –: »Welches Ende nimmt wohl das?« Mittels Pauke, Lied und Harfe Ward Hafis durch mich verführt: Welcher Lohn mir, dem Verruf'nen, Für dies Treiben wohl gebührt? 11. Weisst du wohl was Glück man nenne? Das Gesicht des Freundes schau'n; Lieber, als ein König heissen, Bettler sein in seinen Gau'n! Seine Seele aufzugeben Fällt dem Menschen leicht ; allein Trennung von den Seelenfreunden Kann nur schwer erduldbar sein. Herzbeklommen; gleich der Knospe, Eil' ich in den Garten fort, Und das Hemd des guten Rufes Will ich mir zerreissen dort; Will bald, wie der West, der Rose Das Verborg'ne machen kund, Bald des Liebesspiel's Geheimniss Hören aus des Sprossers Mund. Drück' erst auf des Freundes Lippe Einen Kuss, wenn du's vermagst , Weil du sonst im Schmerz der Reue Hand und Lippe dir zernag'st. Nütze die gesell'gen Freuden, Denn wir bleiben vom Moment Wo wir dieses Haus verlassen Von einander stets getrennt. Aus Mănssūr's, des Königs, Sinne Schwand Hafis , behauptest du; Führ', o Herr, des Bettlers Pflege Wieder seinem Sinne zu! 12. Tritt zur Thür herein, erhelle Uns're Nacht durch deinen Strahl, Und mit Wohlgeruch erfülle Dann die Luft im Geistersaal. Seel' und Herz weiht' ich des Lieblings Augenpaar und Augenbrau'n; Komm, o komm die hohen Bogen Und die Fenster anzuschau'n! Trag' ein Stäubchen uns'res Saales, Du des Himmelsgartens Luft, Hin in's Paradies, durchräuchernd Es mit süssem Aloëduft. Schönheitsschimmer fällt als Schleier Vor das Auge des Verstand's: Komm und mach' das Zelt der Sonne Lichter noch durch deinen Glanz! Sterne in der Nacht der Trennung Leuchten und erhellen nicht! Steig' denn du auf's Dach des Schlosses Statt des Mondes Fackellicht! Deiner Reize Macht erkennen Alle Schönen auf der Flur: Blick auf Pinien und Jasmine D'rum mit sprödem Trotze nur. Aufgeblasenheit erzählet Mährchen ohne Unterlass; Thu' indess was deines Amtes, Schenke! giessend Wein in's Glas. Nimmer wag' ich's zu begehren Deiner Liebe bares Geld: Gib mir auf die Zuckerlippe Einen Wechsel ausgestellt! Küsse erst des Glases Lippe ; Gib's dem Trunk'nen in die Hand, Und mit dieser Zartheit würze Das Gehirn du dem Verstand! Räth der Liebe Spiel zu meiden Dir der rechtsgelehrte Mann, Reiche ihm den Becher, sprechend: »Feuchte das Gehirn dir an!« Mögest du durch edle Gaben Und durch Reize immerdar Hoch empor als Kerze ragen In der Trinkgenossen Schaar! Dieser Kopfbund, diese Kutte, Sie beengen mich gar sehr: Durch den Blick, der Ssofis tödtet, Mache mich zum Cālěndēr! Wenn der Liebe Lust genossen Du mit einem Mondgesicht, Dann erlerne und behalte Ein hafisisches Gedicht. 13. Sieh, wenn du Rubinenwein geniessest, Mondesstirnigen in's Angesicht, Und, der Secte Jener widerstrebend; Sieh nur stets auf Dieser Schönheitslicht! Sie verbergen schlau gar manche Schlinge Unter'm abgeflickten Mönchsgewand: Sieh wie diese Träger kurzer Aermel Werke üben einer langen Hand ! Um die reichen Garben beider Welten Neigen sie ihr Haupt zu Boden nicht: Sieh den Stolz und Hochmuth der aus Bettlern, Der aus armen Ährenlesern spricht! Nimmer löst der holde Freund den Knoten Der auf seiner falt'gen Braue ruht: Sieh wie herzbegabte Männer bitten, Und wie spröd die Schaar der Zarten thut! Ist denn Niemand der vom Freundschaftsbunde Die Erzählung mir zu hören gibt? Sieh wie alle Freunde und Genossen Der gehofften Treue Pflicht geübt! Das Gefangenwerden durch die Liebe Gibt mir Mittel mich befreit zu seh'n: Sieh wie Jene auf ihr Heil nur denken Die mit Vorsicht stets zu Werke geh'n! Liebe ist's die, ähnlich einer Feile, Frei von Rost gemacht Hafisens Brust: Sieh wie rein der Spiegel Jener glänzet, Die sich reinen Glaubens sind bewusst. 14. Ein gar zartes Wort will ich nun sprechen: »Sieh das Maal auf jenen Mondeswangen, Sieh wie fest geknüpft Verstand und Seele An den Ketten jenes Haares hangen!« Und ich schalt das Herz, indem ich sagte, Dass sein wildes Schüchternsein nicht tauge; Und es sprach: »O sieh nur jenes Hirschen Halbberauschtes, türkengleiches Auge!« Jener Ring, geformt aus Seinem Haare, Dient zum Schauplatz sanften Morgenwinden: Sieh wie Hunderte von Herzbesitzern, Dort die Seel' an jedes Härchen hingen! Meinen Liebling kennt nicht wer die Sonne Anzubeten nähret das Verlangen: Sieh, o Tadler, doch um Gotteswillen Nicht auf ihre, sieh auf seine Wangen! Bande legte um des Ostes Nacken Sein gelocktes Haar, das Herzen raubet: Sieh das schlaue Spiel das sich der Inder Mit dem luft'gen Wanderer erlaubet! So ein Lieb wie ich's so eifrig suche, Dass ich d'rüber aus mir selber schreite, Schaute Keiner, wird auch Keiner schauen: Sieh dich kühn nur um nach jeder Seite! Reibt Hafis sich an des Altar' s Ecke Das Gesicht, so muss man Recht ihm geben: Sieh, o Tadler! doch um Gotteswillen Jener Braue Wölbung dort sich heben! Himmel, weig're dich nicht zu erfüllen Das was Schah Mănssūr von dir begehret! Sieh die scharfe Klinge seines Schwertes, Und die Kraft die seinen Arm bewehret! 15. Der Monarch der buchsbaumgleichen Schönen, Der Chŏsrěw süss lipp'ger Kinder, er Dessen Wimper stets das Herz durchbrochen Auch dem kühnsten Reihdurchbrecherheer, Warf, indem berauscht vorbei er eilte; Einen Blick mir, dem Děrwīsche, zu, Sprechend: »Aller süssberedten Männer Augenlicht und helle Fackel du! Bis wie lange sollte noch dein Beutel Leer von Gold und blankem Silber sein? Werde erst mein Diener, und die Schönen Mit dem Silberleib sind alle dein! Nied'rer bist du nicht als Sonnenstäubchen: Auf! und wenn du treu geliebet hast, So erhebst du dich im Radeschwunge Zu der Sonne einsamen Palast. Lass die Welt dir nicht zur Stütze dienen, Sondern trinke, hast im Glas du Wein, Auf das Wohl der Reizenden mit Stirnen Wie Sŏhrē und Leibern zart und fein!« Unser Greis, der gern den Becher leeret, – Seiner Seele mög' es wohl ergeh'n! – Sprach: »Vermeide Jene die sich schmählich Einen Bund zu brechen untersteh'n!« Zu dem Oste auf der Tulpenwiese Sprach ich, als der Morgen kaum gegraut: »Wem zum Opfer fielen alle Jene Die im blut'gen Leichentuch man schaut?« »Ich und du, Hafis – so sprach er – wissen Nicht zu deuten dieses Räthsels Sinn: Darum sprich nur vom Rubinenweine Und von Schönen mit dem Silberkinn!« Greife nach dem Saume deines Freundes, Doch dem Feinde hange nimmer an; Werde Gottes Mann; und sicher wandelst Du vorüber selbst an Ahriman. 16. In Moschushyacinthen hülle Das zarte Blatt der Rose ein, Das heisst: Verbirg die holde Wange, Und mach' aus Welten Wüstenei'n! Lass Schweiss vom Angesichte träufeln, Und mach' der Fluren weites Reich Von Rosenwasser überfliessen, Den Flaschen meiner Augen gleich! Erschliesse freundlich die Narcisse Die voll von Schlummer ist und Wein Und schläf're der Narcisse Auge, Das Eifersucht ermattet, ein! Dem Leben eines Menschen ähnlich Ist schnell die Rose auch verblüht: D'rum gib, o Schenke, rasch im Kreise Den Wein herum, der rosig glüht, Und labe dich am Veilchen dufte, Und greife nach des Liebling's Haar , Und blicke auf der Tulpen Farbe , Und Wein verlange immerdar! Wirf auf das Angesicht des Glases Das Auge, wie's das Bläschen thut, Und schliess' vom Bläschen auf die Stützen, Auf welchen dies Gebäude ruht; Und weil die Liebenden zu morden Zum Brauch dir und zur Sitte ward; So leer' ein Gläschen mit den Feinden, Und tadle dann mich streng und hart! Es fleht auf des Gebetes Wege Hafis um des Genusses Glück: Das Fleh'n der herzenskranken Männer, O weise, Herr, es nicht zurück! 17. Morgen ist's; darum, o Schenke, Fülle mir mit Wein ein Glas! Spute dich, denn auch der Himmel Kreiset ohne Unterlass! Lass, bevor die Welt, die schnöde, Gänzlich wird verwüstet sein, Mich auch ganz verwüstet werden Durch den rosenfarben Wein! Aus dem Orient des Bechers Stieg des Weines Sonnenlicht: Willst du des Genusses Früchte, Leiste auf den Schlaf Verzicht! Wenn dereinst aus meinem Thone Krüge formt des Himmels Hand, O dann fülle mir den Schädel Voll mit Weine bis zum Rand! Nein, ich bin kein tugendhafter, Bin kein reuig frommer Mann: Sprich darum nur mit dem Becher Voll von reinem Wein mich an! Eine fromme Handlung übet Wer, Hafis , den Wein verehrt; Auf denn! Einer frommen Handlung Sei dein Vorsatz zugekehrt! 18. Trittst du hin zum Haupte des Erkrankten Bete fromm ein Fātĭhā für ihn, Und erschliess den Mund, denn neues Leben Spendet Todten deines Mund's Rubin! Dem der zum Besuche kam und gehet Wenn zuvor ein Fātĭhā er sprach, Sage du, er zög're noch ein wenig, Denn ich sende schnell den Geist ihm nach. Der ein Arzt du heissest der Erkrankten, O besehe meine Zunge dir, Denn, als Herzenslast, belegt die Zunge Dieser Hauch und Rauch des Busens mir! Mehr als sonnen heiss durchglühte Fieber Mein Gebein, bis dass es endlich schwand; Doch es schwindet mir aus dem Gebeine, Gleich dem Fieber, nicht der Liebe Brand. Deinem Maal gleicht meines Herzens Lage , Denn das Feuer ist ihr Vaterhaus: Krank und schmachtend, deinem Auge gleichend, Sieht darum mein ganzer Körper aus. Lösche denn, durch beider Augen Wasser, Jene Gluth die mir im Innern wühlt, Greife dann den Puls mir, um zu sehen Ob man d'rin ein Lebens zeichen fühlt. Jener der beständig mir die Flasche Sonst gereicht mit lusterfülltem Sinn, Warum trägt er alle Augenblicke Meine Flasche jetzt zum Arzte hin? Mir, Hafis , mir gossen deine Lieder Die Arznei des Lebenswassers ein: Lass den Arzt denn fahren, komm und lese Die Recepte meiner Arzenei'n! 19. Bin's, der durch verliebtes Treiben Ruhm erlangte in der Stadt; Bin's, der durch den Blick auf Böses Nie sein Aug' besudelt hat. Treu bin ich, ertrage Tadel, Und bin wohlgemuth dabei: Denn nach meiner Satzung heisset Menschen quälen – Ketzerei. Zu dem alten Wirthe sprach ich: »Wie gelangt zum Heile man?« Und, den Becher fordernd, sprach er: »Wenn man weislich schweigen kann.« Wesshalb wandle ich beschauend Auf der Erde Blumenland? Deiner Wange Rosen pflücken Will ich mit des Auges Hand. Weinverehrend malt' auf Wasser Desshalb nur mein Bild ich hin, Weil das Bild der Selbstverehrung Ich zu tilgen Willens bin. Auf das Mitleid deiner Locke Baue ich mit Zuversicht: Wenn nicht sie mich angezogen, Nützt mir alles Streben nicht. Liebe zu der Schönen Wangen Lerne von des Freundes Flaum, Denn gar herrlich ist's zu kreisen Rings um Schöner Wangensaum. Hin zur Schenke will die Zügel Lenken ich aus diesem Kreis: Pflicht ist's, nicht auf den zu hören Der da nicht zu handeln weiss. Küsse nur des Liebling's Lippe Und den Weinpocal, Hafis ! Denn der Gleissner Hand zu küssen Wäre Sünde ganz gewiss. 20. Einen besser'n Blick als diesen Schleud're auf der Zecher Chor. Und mit besser'm Schritt als diesem Geh' vorbei am Schenkenthor! Was an Huld mir deine Lippe Freundlich bietet, ist gewiss Ganz vortrefflich; doch ein wenig Bess'res wünscht' ich noch als dies. Jenem, dessen Scharfsinn löset Das verworrene Geschick, Sage du: »In diesem Punkte Wünscht' ich einen besser'n Blick.« Wie? ich gäb' mich nicht vom Herzen Jenem theuren Knaben hin? Nie gebiert ja Mutter Erde Einen besser'n Sohn als ihn. Mein Ermahner sprach: »Nur Kummer Trägt die Kunst der Liebe ein.« Und ich sagte: »Weiser Lehrer! Welche Kunst kann besser sein?« Sag' ich: »Nimm das Glas und drücke Küsse auf des Schenken Mund« O dann höre mich, o Seele! Bess'res thut dir Niemand kund! Zuckerfrüchte trägt Hafisens Schreibe-Rohr; d'rum pflücke sie: Bess'res Obst erblickt dein Auge Wohl in diesem Garten nie! 21. Ich verbrenne, weil du mich verlassen; Wende ab von Grausamkeit den Blick! Trennung ward mein Missgeschick hienieden: Wende ab, o Herr, das Missgeschick! Auf dem grünen Gaul des Firmamentes Glänzet hell der Mond in seinem Lauf; Doch, damit er schnell zu Boden stürze, Schwinge du dich auf dein Pferd hinauf! Tritt, um Glauben und Verstand zu plündern, Aus dem Haus in holder Trunkenheit; Setze schief dir auf das Haupt die Mütze, Und verschiebe auf der Brust das Kleid! Schüttle das gelockte Haar ! ich meine: Trotze selbst den Hyacinthen dreist, Mit dem Rauchfass kreisend um die Wiese Wie um sie das Morgenlüftchen kreist. Du o Licht der Augen der Berauschten! Ich verschmachte in des Harrens Qual: Streichle denn die Harfe, die betrübte, Oder mache kreisen den Pocal! Da der Zeitlauf auf die holde Wange Eine schöne Schrift geschrieben dir, O so wende, Herr, der Bosheit Lettern Ab von Jenem, der so theuer mir! Nur so viel, nicht mehr ist's, was die Schönen Dir, Hafis , bestimmten als dein Loos; Bist du aber nicht damit zufrieden, Änd're denn was das Geschick beschloss. 22. Brich mit Einem holden Blicke Flugs den Markt der Zauberei, Schlage mit dem Wimpernwinke Allen Ruhm Sămīr's entzwei! Weih' den Winden Haupt und Turban Einer ganzen Welt, das heisst: Setz', wie Schöne thun, die Mütze Unternehmend auf und dreist! Sprich zu deinem Lockenhaare: »Sträube dich nicht länger mehr!« Sprich zu deinem Wimpernschwerte: »Schlage das Tirannenheer!« Komm heraus, und über alle Trag' der Schönheit Ball davon; Nimm den Peris ihren Schimmer, Gib den Huris ihren Lohn! Mit den Hirschen deiner Blicke Bändige den Sonnenleu; Brich dem Mūschtěrī den Bogen Mit der Doppelbrau' entzwei! Wenn das Haar der Hyacinthe Duftet durch den Hauch der Luft, So beraub' es allen Werthes Durch des Haares Ambraduft! Wenn, Hafis , der Sprosser prahlet, Dass sein Lied so lieblich klang, So besiege und beschäme Ihn durch persischen Gesang! 23. Es ist mein Herz ein heil'ger Vogel Der nistet auf dem Himmelsthron; Des Körpers Käfich macht ihm bange Und satt ist er der Erde schon; Und fliegt dereinst der Seelenvogel Aus diesem Staubgefäss empor, So wählet er zum zweiten Male Ein Plätzchen sich an jenem Thor; Und fliegt empor der Herzensvogel, So sitzt er auf dem Sidra auf: D'rum wisse, uns'res Falken Stelle Ist nur des Himmelsthrones Knauf. Der Schatten ist's des höchsten Glückes Der auf das Haupt der Erde fällt, Wenn unser Vogel seinen Fittich Ausspreitet über diese Welt; Er hat nur über'm Himmelsrade In beiden Welten seinen Stand; Sein Leib entstammt dem Geisterschachte, Und seine Seele kennt kein Land. Der Ort, wo unser Vogel glänzet, Sind höh're Welten nur allein, So wie ihm Kost und Trank nur bietet Des Paradieses Rosenhain. Hafis , du Wirrer, du der immer Von Einheit nur gesprochen hat, Durchstreiche mit der Einheit Rohre Der Menschen und der Geister Blatt! 24. Bring', o Herr, doch jenen Moschushirschen Wieder auf Chŏtēn's Gebiet, Bringe jene wandelnde Zipresse Wieder auf das Wiesenrieth! Schmeichle sanft mit einem Abendlüftchen Meinem welkgeword'nen Glück, Bringe – sag' ich – die entfloh'ne Seele Wieder in den Leib zurück! Mond und Sonne kommen an am Ziele Auf ein Machtgebot von dir! Bringe meinen vollmondgleichen Liebling Wieder gütig her zu mir! Meine Augen, schon ganz blutig, suchen Den Rubin aus Jemen nur: Bringe, Herr, den glänzendsten der Sterne Wieder heim auf Jemen's Flur! Ohne dich – dies Wort bleibt ausgesprochen – Wünsch' ich nicht zu leben mehr: Bringe – hör' es, du o kund'ger Bote – Wieder eine Nachricht her! Eile, sel'ger Vogel, dessen Spuren Deuten auf der Herrschaft Glück? Bring' das Wort der Krähe und des Raben Wieder dem Ăncā zurück! Jenen, Herr, der in Hafisens Auge Seine stete Heimath fand, Bring' nach seinem Wunsche aus der Fremde Wieder in der Heimath Land! 25. Bēdăchschān ist's, wo aus Steinen Der Rubin zum Vorschein kömmt, Wie der Rokna, gleich dem Zucker, Einem engen Sack entströmt, In Schĭrās tritt allenthalben Schelmisch, hold und wunderlieb Aus dem Thore jedes Hauses Ein gar schöner Herzensdieb. Aus des Richters und des Mufti's, Aus des Scheïch's und Vogtes Haus Kommen unverfälschte Weine, Rosenroth gefärbt, heraus. Wenn Begeist'rung auf der Kanzel Sich mit Gleissnerei verband, Kömmt das Kräutchen Beng zum Vorschein An des Pred'gers Mützenrand. In der Gärten inner'm Raume Tönet durch des Sängers Sang Früh und spät des Sprossers Klage Zu der Harfe sanftem Klang; Und, in einer Stadt wie diese, Tritt Hafis aus seinem Haus, Traurend ob des Freundes Trennung, Ach, und herzbeengt, heraus!