Bruchstücke von Ghaselen, denen der Endreim fehlt (Mukathaat). 1. Auf die Welt und ihre Güter Lege nicht zu grossen Werth, Weil noch keinem Menschensohne Ihre Treue sie bewährt; Keiner ass in dieser Bude Stachellosen Honigseim, Keiner trug aus diesem Garten Dornenlose Datteln heim; Und wo immer eine Fackel Im Begriff zu leuchten stand, Ward vom Wind sie ausgeblasen, Wenn sie vollends erst gebrannt. Wer mit unbedachtem Sinne Seine Neigung ihr gewährt, Hat, wenn du's genau betrachtest, Seinen eig'nen Feind ernährt. Ein Monarch, der, welterobernd, Sieg' auf Siege hat gehäuft, Und von dessen Heldenschwerte Häufig Menschenblut geträuft; Der mit Eines Angriff's Sturme Einen Reiterschwarm durchbrach, Und mit Eines Wortes Spitze Eines Heeres Herz durchstach; Der die Oberhäupter alle Grundlos in den Kerker stiess, Und die Hälse ihrer Häupter Schuldlos dann berauben liess; Er, durch den erschreckt, die Löwin Um die Frucht des Leibes kam, Wenn sie in der weiten Wüste Seinen Namen nur vernahm, Machte ganz Schĭrās und Tauris Und Ĭrāk sich unterthan: Doch, nachdem er sie erobert, Brach auch seine Stunde an: Jener nämlich, der im Glanze Ihm die Welt erscheinen liess, War es, der mit einer Sonde Ihm das helle Aug' durchstiess. 2. Wein, dies Elixir des Lebens Bringe mir, o Schenke, schnell, Mach' aus meinem Erdenleibe Einer ew'gen Dauer Quell! Auf dem Glase ruht mein Auge, Auf der Hand die Seele hier; Doch du fängst sie nicht – beim Meister! – Gabst du nicht erst jenes mir. Schüttle nicht den Saum, gleich Rosen, Die der Fluren Wind bestrich, Denn an deinem Fuss die Seele Abzuschütteln sehn' ich mich. Sänger, preise auf zweisait'gem Und dreisait'gem Instrument Jenen Mond, dem gleich an Schönheit Niemand einen Zweiten kennt. 3. Ins Verstandesohr rief einem Diener Eine Stimme, die zu warnen liebt, Diese Worte des allein'gen Gottes, Ausser welchem keinen Gott es gibt: »Theurer! der, dem des Geschickes Wille Eine nied're Stellung hat bestimmt, Kömmt fürwahr zu Rang und Würden nimmer, Wenn er auch die Kraft zu Hilfe nimmt; Selbst Sĕmsēm's und selbst Kjĕwsēr's Gewässer, Sie vermögen weiss zu waschen nie Irgend eine Decke des Geschickes, Ist gewebt aus schwarzen Fäden sie.« 4. Weiser Mann, erwarte Grossmuth Nicht von Sejd noch von Ămrū: Keiner weiss von welcher Seite Ihm das Glück erscheint im Nu. Geh' und hab' auf Gott Vertrauen, Was mein Pinsel hat gemalt Zeigte sich – weisst du es nimmer? – In ganz ander'n Farben bald; Ungelobt lohnt Hormus' König Mich, den Fremden, hundertfach; Nichts gab mir, den ich besungen, Der mich kennt, Jesd's hoher Schah. Dies, Hafis, ist Königssitte: Sollst darob gekränkt nicht sein; Gott, der Nahrungsspender, möge Ihnen Glück und Sieg verleih'n! 5. Der heil'ge Geist, des Segens Engel, Der auf smaragd'nem Dome steht, Sprach einst zur Morgenzeit: »O Schöpfer! In ew'ger Macht und Majestät, Verbleibe auf dem Herrscherpfühle, Der Held, der Sieger, Mōhămmēd!« 6. Als Scheïch Ebū Ĭshāk, der König, Das Scepter führte in dem Land, Da waren es fünf Wundermänner, Durch welche Fars in Blüthe stand: Zuerst ein König wie er selber, Der huldvoll Länder hat verschenkt, Und der, die eig'ne Seele nährend, Der Freude Rechte nie gekränkt; Der weise Lehrer dann des Islam's, Mŭdschīdĕddīn, der Scheïch genannt, Den, als den Besten aller Richter Der Himmel selbst hat anerkannt; Der letzte dann der heil'gen Männer, Der fromme Scheïch Ĕmīnĕddīn, Der die verworr'nen Dinge löste Durch seinen segenreichen Sinn; Dann Asd, der Schēhĭnschāh des Wissens, Der, mit des Schreibens Kunst vertraut, Auf seines König's hohen Namen Der Ruheplätze Werk gebaut; Der Edle endlich mit dem Herzen Reich wie das Meer, Hădschī Kăwām, Der aus der Welt den guten Namen Des Gabenspenders mit sich nahm. Sie zogen Alle fort, und liessen Nicht Einen hier, der ihnen glich'; Der Gott der Ehre und des Ruhmes Erbarme ihrer Aller sich! 7. Besäss' der Bettler eine reine Perle Vom Anbeginn, Müsst' um das Pünctchen seines Schamgefühles Ein Kreis sich zieh'n; Und spottete die Sonne nicht der Sterne, Warum geschah's, Dass leer von süssem Weine musste bleiben Ihr gold'nes Glas? Und wollte nicht der hohe Bau der Welten In Trümmer geh'n, So musste er auf einem festern Grunde Als diesem steh'n; Und liebte nicht die Zeit in ihren Werken Nur falschen Schein, So musste sie Ăssāf in Händen halten, Der Münzwardein; Und da das Schicksal keinen Hochgesinntern Als ihn geseh'n, So musst' es eine läng're Lebensdauer Ihm zugesteh'n. 8. Bringe vor das Ohr des Meisters, Du, o zeitenkund'ger Freund, In so einsam stillem Orte, Dass der Ost dort fremd erscheint, Einen holden Scherz zur Sprache, Lächeln machend seinen Mund, Doch mit Feinheit, dass im Herzen Er dir Beifall gebe kund; Und dann wolle nur die Frage An ihn stellen, freundlich hold, Ob es wohl geziemend wäre Forderte ich einen Sold? 9. Um dein Gutes und dein Böses Frage stets nur dich allein: Wesshalb sollte wohl als Richter Dir ein And'rer nöthig sein? Für den Mann, der Gott vertrauet, Übernimmt die Sorge Er, Und von wo er's nicht erwartet Schafft Er ihm die Nahrung her. 10. Aus dem Buche edler Sitten Les' ich einen Vers dir vor, Und die Treue und die Grossmuth Sind der Stoff, den ich erkohr: »Wer den Busen dir zerfleischet Mit erbarmungsloser Wuth, Den beschenke du mit Golde, Wie der reiche Schacht es thut; Lass den Baum, den schattenreichen, Ed'ler als dich selbst nicht sein, Und beschenke den mit Früchten Der nach dir geschnellt den Stein; Lerne endlich von der Muschel, Was die wahre Milde sei, Und beschenke den mit Perlen, Der das Haupt dir schlägt entzwei.« 11. Nützen wohl Paläste, Dome, Kuppeln, Schulen und gelehrter Zwist, Wenn im Herzen nicht das Wissen wohnet, Und das Aug' erblindet ist? Der Palast, vom Richter Jesd's bewohnet, Ist ein Born der Weisheit zwar, Doch es fehlt darin des Blickes Kunde, Und das ist nur allzuwahr. 12. Sprich zum Neider meines Meisters: »Billige das Böse nicht, Weil dir sonst der Lauf der Zeiten Böses nur als Lohn verspricht.« Sprich nicht streitend: »Ich besitze Überschwenglichen Verstand, Und doch gibt der Herrschaft Zügel Nie das Loos mir in die Hand.« Ward die Welt auch reich geschmücket Für die Blicke Dschem's; allein Das Juwel des Wunderbechers Tauschte er um sie nicht ein. Fielen Pfeile auch vom Himmel – Gott bewahre uns davor! – Die den Eingang mir verwehrten In sein hochgeweihtes Thor, Bei den Gnaden, die mir reichlich Mein Hădschī Kăwām erwies! Nie gestattete sein Hochsinn, Selbst wenn es ihm nützte, dies. 13. Es kam vom Paradies, o König, Ein Freudenbote bei mir an, Mit Locken gleich dem Sēlsĕbīle, Wie Huris schön, stolz wie Rĭswān, Von holder Rede, reinen Sinnes, Im schönsten Ebenmaass gebaut, Zart, reizend, jungfräulich an Sitte, Und mit dem Scherze auch vertraut. Ich sprach zu ihm: »Aus welchem Grunde Hast du dich in dies Haus bemüht?« Er sprach: »Dem Könige zu Liebe Der Engeln gleichet an Gemüth.« Nun ist er auf mich ungehalten, Denn ich bin gar ein armer Mann: Ruf' ihn denn du in deine Nähe, Und frag' ihn, was er wollen kann? 14. Soll ich noch lang dies finst're Haus' bewohnen, Der Hoffnung auf den Freund beraubt, Bald mit dem Zahne an den Fingern kauend, Und bald auf's Knie gestützt das Haupt? Seit auf des Löwen Platz der Wolf erschienen, Hat die Geduld ihr End' erreicht; Und seit der Rab' die Psittiche vertrieben, Ward gar schon der Verstand verscheucht, So komm denn du, o Vogel froher Kunde, Mit freud'ger Botschaft vom Geschick: Es bringt vielleicht die Zeit ein Volk uns wieder, Wie es gewesen ist, zurück. 15. Schenke, fülle mir den Becher, Weil der Wirth des Hauses, zart Deinen Wunsch erfüllend, treulich Die Geheimnisse bewahrt! Dieser Ort hier ist ein Himmel, Lass die Lust sich stets erneu'n! Schreibt doch Gott im Paradiese Keinen Knecht in's Schuldbuch ein. Harfenklang stimmt zum Genusse, Und ein Tanzort ist der Saal, Und ein Netz des Schenken Locke, Und ein Korn des Liebling's Maal; Freundlich sind die Freunde alle, Und die Zecher artig fein; Würd'ge weilen an der Spitze Und nur Gute in den Reih'n. Besser wird es nie, o Schenke, Freude sei d'rum deine Wahl; Schöner fügt sich's nie, d'rum ford're, O Hafis, den Weinpocal! 16. Der Himmelsgnade Heer, o Kaiser, Geleitet dich auf deiner Bahn, Auf! Mache, wenn du es beschlossen, Die ganze Welt dir unterthan. Du bist's, der, bei so hohem Range, Der Armuth Lage überwacht, Und der dabei den wachen Herzen Zu dienen freundlich ist bedacht; Und sucht auch diese blaue Kuppel Zu täuschen dich durch Trug und List, Bleibt doch dein Thun so eingerichtet Wie's Gottes heil'ger Wille ist. Wer mit achthalb nur zehn gewonnen Hat nicht sehr vortheilhaft verkehrt; Nein, zehn mit achthalb zu gewinnen Sei dir Gelegenheit gewährt! 17. Du, dessen hocherlauchter Adel Die Habsucht und den Groll verbannt, Und dessen hochbeglücktes Wesen Betrug und Falschheit nie gekannt! Wie ziemt es sich für deine Grösse, Dass du der Gnaden edles Pfand Zurück begehrest von dem Engel, Es legend in des Diwes Hand? 18. Keines Lobes ist bedürftig Dieses herrliche Gedicht: Sucht wohl Jemand einen Führer Bei der Sonne hellem Licht? Voller Beifall sei dem Pinsel Eines Malers dargebracht, Der die Jungfrau der Gedanken Strahlen liess in solcher Pracht. Nichts kann der Verstand ergründen, Was da seiner Schönheit gleicht; Nichts kann das Gemüth erschauen, Was an seine Anmuth reicht. Dies Gedicht, ist es ein Wunder, Ist's erlaubte Zauberei? Sang es eine Geisterstimme, Bracht' es Gabriel herbei? Keiner noch hat ausgesprochen Ein so sinnig zartes Wort, Eine Perle, dieser ähnlich, Ward von Keinem noch durchbohrt. 19. Du, o Monarch, du, o Gerechter, Du Meer an Huld, du Leu an Muth, Du, dessen Ruhme jede Ehre Gebührt als wohlverdientes Gut! Den ganzen Erdkreis hat bezwungen Und üb'rall hin den Sieg gebracht Der Ruf der dich Beglückten preiset, Und deine königliche Macht. Es haben über meine Lage. Dich Geisterstimmen schon belehrt Und dir gesagt, in Nacht und Dunkel Sei meines Tages Licht verkehrt. Was in drei Jahren ich erworben Beim Könige und beim Vesir, Das nahm in einem Augenblicke Der Schlägelspieler »Himmel« mir. Ich habe gestern Nachts im Schlafe Als Traumgebilde mich geseh'n Des Morgens an des Königs Stalle Ganz in geheim Vorübergeh'n; Und, angebunden, Gerste essend, Befand im Stall ein Maulthier sich: Es rüttelte am Futtersacke Und sprach zu mir: »Erkennst du mich?« Da ich mich nicht im Stande fühle Zu deuten dieses Traumgesicht, So thu' denn du es, denn an Scharfsinn Vergleicht sich dir ein Zweiter nicht. 20. Meine Dichtkraft ist des Morgens, Von Betrübniss übermannt Und mit Abscheu auf mich blickend, Schmählich mir davon gerannt. Chōwărēsm und Oxusufer Waren Bilder ihres Wahn's, Und sie floh mit tausend Klagen Aus dem Reiche Sūleīmān's. Fort ist sie, die, wie noch Niemand, Hat des Wortes Geist erkannt, Und ich sah's, indess dem Leibe Schmerzlich sich mein Geist entwand; Und als ich ihr nachgerufen: »Meine alte Freundin du!« Sprach sie hart, ward ungehalten, Floh und weinte laut dazu. Und ich sprach: »Wer führt nun wieder Freundlich ein Gespräch mit mir, Denn der süsse, der beredte Zuckermund entfloh von hier?« Wie so oft hab' ich gebeten: »Fliehe nicht!« Es nützte nichts: Sie erfreut sich ja vom Herrscher Keines freundlichen Gesicht's. Rufe sie zurück, o Kaiser, Durch ein hulderfülltes Wort! Was beginnt nun die Verbrannte? Trieb sie doch der Mangel fort. 21. Sie seh'n und hören nicht, wenn tückisch Das Rad sich gegen sie verschwor, Denn jedes Auge ist erblindet, Und taub geworden jedes Ohr. Gar Viele denen Mond und Sonne Ein reiches Kissen mochte sein, Ruh'n doch zuletzt auf einem Pfühle Geformt aus Thon und Ziegelstein. Was kann ein Panzerhemde frommen, Schiesst seinen Pfeil das Schicksal ab? Was kann ein Schild für Nutzen bieten, Wenn das Geschick Befehle gab? Und machtest du aus Stahl und Eisen Dir eine Mauer um dein Schloss, So stürmt doch schnell, erscheint die Stunde, Der Tod auf deine Pforte los. Die Pforte, die dir Gott eröffnet, Eröffne nicht der Leidenschaft; Die Strasse, die dir Gott gewiesen Durchrenne nicht in wilder Kraft! Sieh auf den vielen Staub des Rades, Betrachte die Natur der Zeit, Und, der Gelüste Teppich lüftend, Zerreisse der Begierde Kleid! 22. Eine Botschaft, also lautend, Sandte gestern mir ein Freund: »Du, aus dessen Rohr ein Tropfen Mir das Schwarz des Auges scheint! Da das Schicksal nach zwei Jahren Wieder dich gebracht nach Haus, Warum kömmst du aus dem Hause Deines Meisters nicht heraus?« Ich entgegnete und sagte: »Halte für entschuldigt mich: Nicht aus Eigensinn und Dünkel Wandle diese Strasse ich: Heimlich ist auf meinem Wege Stets ein Scherge aufgestellt, Der in Händen eine Klagschrift, Einer Natter ähnlich, hält, So dass, wenn des Meisters Schwelle Überschreiten will mein Fuss, Er mich packt und ich dann schmählich In den Kerker wandern muss. Doch mir ist des Meisters Wohnung Eine Burg, ein Zufluchtsort: Athmete nur irgend Jemand Von des Richters Leuten dort, Steht der kräft'ge Arm der Diener Des Vesir's mir hülfreich bei, Und mit Einem Schlage spalte Ich den Schädel ihm entzwei. Doch, wie kann ich also sprechen, Da durch Kief mit Nun vereint, Nur die Ehre ihm zu dienen Als mein wahrer Grund erscheint? Offen sei sein Thor dem Glücke, Und der Himmel von Azur Schmücke mit der Sonne Gürtel Sich zu seinem Dienste nur!« 23. Meiner Dichtung Rosenkandel, Der vom Veilchen Zucker stahl, Neidet der vom Beil Zerhau'ne, Neidet der Kjăbül-ghăsāl. Bitt'res schmecke, wer zu schmähen Sich auf den Nĕbāt erlaubt; Wer des Wassers Süsse läugnet, Sammle Erde auf sein Haupt! Jeder, dem das Licht der Augen Von Geburt an schon gebricht, Freit in seinem ganzen Leben Um ein schönes Liebchen nicht. 24. Wie die Wolke schnell, o Bruder, Fliehet die Gelegenheit: Nütze sie für's theure Leben: Der versäumten folgt das Leid. 25. Am Morgen eines Freitags war es, Am sechsten des Rĕbjūl-ĕwwēl, Dass meinem Herzen sich entzogen Ein Antlitz, wie der Mond so hell; Es war im Jahre siebenhundert Und vier und sechzig seit der Flucht, Dass sich auf mir wie Wasser löste Des Missgeschickes schwere Wucht. Was kann wohl jetzt die Klage frommen, Der Kummer und die Traurigkeit, Da zwecklos und mit eitlem Spiele Vorflossen ist die Lebenszeit? 26. Jene Frucht des Paradieses, Die du, Seele, hielt'st in Händen, Hast du nicht in's Herz gepflanzet, Hast du lassen dir entwenden, Wenn dich Jemand fragen sollte Wann sich zugetragen dieses, Magst du ihm das Räthsel lösen, Sprechend: Frucht des Paradieses. 27. Chălīl, der Bruder – mög' er ruh'n in Frieden! Hat sich, nach neun und fünfzigjähr'gem Leben, Hin nach der Gartenflur Rĭswān's begeben; Gott sei mit dem, was er gewirkt, zufrieden! Chălīl Ă'dīl sollst immerdar du flehen, Und d'raus die Jahrszahl seines Tod's ersehen. 28. Der unsterbliche Erbarmer, Als den Kaiser er gesehen Solche edle Thaten üben, Die da nimmermehr vergehen, Hat erbarmend dessen Seele Abberufen von der Erde, Dass: Unsterblicher Erbarmer Dieses Todes Jahrszahl werde. 29. Es wandte der Ăssāf des Zeitenkreises, Er, Tūrănschāh, der Geist der Welt, Der immerdar nur Körner edler Thaten Gesä't auf dieses Erdenfeld (Als vom Rĕdschēb man ein und zwanzig Tage Und Eine Woche halb gezählt) Von diesem raucherfüllten Aschenherde Sich hin nach einem Rosenfeld. Er, der nur stets für Wahrheit Neigung fühlte, Und immerdar nur Wahrheit sprach, Er weiset dir die Jahrszahl seines Todes In » Paradieses-Neigung « nach. 30. Als sich Bĕhāŭl-hākkŭd-dīn (Gott lass in Frieden ruhen ihn, Ihn, der Ĭmām der gläub'gen Schaar Und Vorstand der Gemeinde war!) Von dieser Erde schwang empor, Las diesen Doppelvers er vor Den Männern, die die Tugend schmückt, Und deren Wissen uns beglückt: »Durch wahre Andacht schwinget man Zu Gottes Nähe sich hinan: So hebe denn den Fuss auch du, Gebricht die Kraft dir nicht dazu.« Auf diese Weise zeigt das Jahr, In welchem er verschieden war, Sich deutlich in den Lettern hier Der Worte: Näh' und Andacht, dir. 31. Ismăīl, der Ruhm des Glaubens, Und der Fürst der Richterschaar, Dessen Rohr ein Redekünstler In der Rechtsgelehrtheit war, Ging am mitter'n Tag der Woche, Des Rĕdschēb's am achten Tag, Fort aus diesem Haus wo, nimmer Zucht und Ordnung herrschen mag. Wiss' es, einen Wohnplatz nahm er Bei'm Erbarmer Gottes sich; Das Erbarmen Gottes frage Um das Jahr wo er verblich. 32. Des Reich's und Glaubens grösster Pfeiler, Derjenige, vor dessen Zelt Der Himmel, ihm den Staub zu küssen, Anbetend hin zu Boden fällt, Stieg, trotz des Glanzes und der Grösse, Die hier im Leben ihn umgab, In unterirdische Gemächer, Im halben Sīlkĭdē, hinab. Dass Niemand mehr in Zukunft möge Auf Grossmuth seine Hoffnung bau'n, Ist in dem Worte: » Grossmuthhoffnung « Die Jahrszahl seines Tod's zu schau'n. 33. Der Lenz ist da: es blüht Narcisse, Tulp' und Rose: Warum verweilst nur du noch in der Erde Schoose? Der Frühlingswolke gleich, will ich so lange weinen Bis aus der Erde Schoos du wieder wirst erscheinen. 34. Wer ist es, der der Majestät Des Sultan's es verkünde, Dass durch der Zeiten Grausamkeit Sich Tugend paart mit Sünde? Des Richters Ehrenteppich hat Ein Säufer eingenommen, Und zu der Herrschaft Würde ist Ein Lotterbub' gekommen. Der Säufer sprach: »Ich bin das Aug', Ich bin der Menschheit Flamme.« Der Lotterbub: »Ich, ein Juwel, Bin aus Darius' Stamme.« D'rum sprich um Gotteswillen doch, O du Assāf der Zeiten, Zum Fürsten (es verbreite sich Sein Glück nach allen Seiten!): »O König, dulde nimmermehr In deiner Herrschaft Tagen, Dass Jener thue, was er will, Der Jeden hat getragen!« 35. Sollst von jenem grünen Korne essen, Denn gar leicht verdau'st du dann gewiss: Wer davon nur einen Gran genossen, Steckt wohl dreissig Vögel an den Spiess. Ein Atom, ein Quentchen jenes Bissens, Das den Ssofi führt in's Weisheitsreich, Schafft dir hundertfach des Rausches Wonne, Macht dich hundertfach Simurghen gleich. 36. Jahr, Vorbedeutung, Reichsschatz und Gesundheit, Stamm und Geschlecht, Glück und des Thrones Ehren, Sie mögen in den Tagen deiner Herrschaft Sich unverändert dir und treu bewähren! Froh sei das Jahr, stets gut die Vorbedeutung, Der Reichsschatz voll, fest die Gesundheit immer; Stark sei der Stamm und das Geschlecht sei ewig, Das Glück gehorsam und der Thron voll Schimmer! 37. Der höchste Vorstand aller Rechtsgelehrten, Der die Versammlung wie ein Licht erhellt, Hădschī Kăwāmĕddīn Hăssān mit Namen, Ein Freund des unbesiegten Herrn der Welt, Hat, nach der Flucht des Bessten der Geschöpfe, Im Jahre siebenhundert fünfzig vier (In's Zwillingszeichen trat bereits die Sonne Und bei der Jungfrau nahm der Mond Quartier) Am sechsten Tag des letzten Frühlingsmonat's (Des Tages Lauf war eben halb vollbracht) An einem Freitag, auf Befehl des Schöpfers, Der über uns mit seiner Gnade wacht, Den Vogel seines Geistes, jenen Huma, Dess' Vaterland der heil'ge Himmel ist, In's Paradies geschwungen aus den Netzen, Die dieses Haus der Leiden in sich schliesst. 38. Wo ist wohl die Gelegenheit Bei'm Wirth mich zu verdingen, Und durch den Rath des greisen Mann's Mein Glück mir zu verjüngen In Schenken hab' ich manches Jahr Mich schon umhergetrieben: D'rum weih' ich ihnen was mir noch Vom Leben ist geblieben. Die Flasche, die der Vogt bei mir Jüngst sah, hat er zerschlagen: So will ich denn den Wein versteckt Nun unter'm Kleide tragen. 39. Es wandte meine weise Denkkraft gestern Mit dieser Frage sich an den Verstand: »O du, begünstigt wie hienieden Keiner Von des barmherz'gen Schöpfers Gnadenhand! Welch' eine Art von Perle ist die Dichtkunst, Die gar so hoch geschätzt wird in der Welt, Dass selbst die Perle dort aus Omman's Meere, Mit ihr verglichen, keinen Werth behält?« Und er entgegnete: »Mich sollst du hören; Doch nimmer hören, wenn ein Andrer spricht: ›Dies Zweckgedicht hat ein N.N. gesungen, Und ein N.N. sang jenes Klinggedicht.‹ Denn, weisst du wohl, wer unter den Gelehrten Für alle Zeiten stehe obenan Durch laut're Wahrheit nur und nur durch Treue Und nicht durch Lügen und durch eitlen Wahn? Der König ist's der Könige der Weisen, Der Kaiser, herrschend in des Wortes Land, Die hohe Zier des Volkes und des Glaubens, Sĕlmān, der Lehrer einer Welt genannt.« 40. Weh, wäre doch der Jugend Ehrenkleid Verbrämet mit dem Saum der Ewigkeit! O Weh', o Leid, o Schmerz, dass diesem Fluss Das Lebenswasser so entrinnen muss! Man reisst sich selbst von Nahverwandten los, Weil es des Himmels Wille so beschloss; Selbst Brüder scheiden. Traun, vereint zu sein, Beschieden ist's den Fārkădān allein. 41. Vermagst du es, o Morgenwind, So trag' auf treuer Liebe Wegen Dem Freund ein holdes Wort von mir, Der heimlich sich verzehrt, entgegen, Und der, in Sehnsucht sterbend, spricht »Dein Fernsein überleb' ich nicht.« 42. Nur durch das Wissen wird der Mensch zum Menschen: Fehlt Wissen ihm, gleicht er dem Thiere nur; Und Thorheit ist das Handeln ohne Wissen, Und Thorheit findet nie der Wahrheit Spur.