Lied und Leben Läuterung Wo war, wo ist, wo wird sie sein, Die Stunde, wahrem Glück erlesen? Sie ist nicht und sie wird nicht sein, Denn sie ist immer nur gewesen! Wir mäkeln viel, bis sie entrinnt, Sie däucht uns schön, wenn wir sie missen, Und daß wir glücklich waren, wissen Wir erst, wenn wir es nimmer sind. Wo ist der Mann, wann wird er kommen, Den alle Tugendzierden adeln? Steht er dir nah, noch so vollkommen, Doch weißt du dieß und das zu tadeln; Erst wenn er schied und nimmer kehrt, Erglänzen hell dir seine Gaben, Und eines Menschen ganzen Werth Zu kennen, müßt ihr ihn begraben. Was lieb dir, wird dir lieber sein, Noch schmerzlich lieber durch die Ferne; Blick auf! wie schlingt sie glänzend rein Den goldnen Zauber um die Sterne! Sie webt die blaue Schleierluft Um des Gebirges schroffe Zinnen, Daß eingehüllt in weichen Duft Die Härten des Gesteins zerrinnen. Blick nieder, wo von ihrem Gruß Die Friedhofhügel wogend schwellen, Des dunkeln Stromes grüne Wellen, Der so viel Liebes scheiden muß! Sie spülen Makel weg und Fehle, – Und wie ein Schwan beim Wellenschein, Im Drüberflug ahnt deine Seele: Hier bad' ich einst den Fittig rein. Im Schlitten 1. Durch das Schneefeld schießt mein Schlitten Im Geschmeid des Tigerfells, Raschen Flugs vorüber glitten Burg und Weiler, Busch und Fels. Lenz in Blumen, Herbst in Reben, Sommer du im Garbenkranz, Was ist eure Schönheit neben Einem Wintertag in Glanz! Wie versinkt die bunte Kleinheit Vor so schlicht erhabner Pracht! Er vermählt das Weiß der Reinheit Mit dem Hermelin der Macht. Seine Lagerzelte glänzen, Die Gebirge, weit im Kreis; Bis an seines Reiches Grenzen Schimmert nur dieß stolze Weiß. Wald und Strauch in Silberflocken, Welch ein Hofstaat reich und steif! Weiße Schleier auf den Locken Und im Haar des Puders Reif; Zarte Flöre, krause Spitzen Schmücken zierlich das Gewand, Spangen flimmern, Nadeln blitzen, Funkelnd sprüht der Diamant. Wintersonn' in eis'ger Klarheit Streut aufs All ihr kaltes Licht, Rein wie eine goldne Wahrheit, Glänzend zwar, doch wärmend nicht. Sorglich hält die Feuerbolzen Noch im Köcher sie bewacht, Daß nicht allzuschnell geschmolzen Winters Herrlichkeit und Macht. Sein Gesetz ist Ruhn und Schweigen, Das er eisern strenge hält, Und kein Vogel pfeift in Zweigen Und kein Pflüger singt im Feld. In das Mühlrad, das noch rollte, Greift er mit kristallner Hand, Und den Bach, der murmeln wollte, Hält im Fall er festgebannt. Durch die feierliche Runde Geht ein Hauch von Majestät, Der das Lied verbannt vom Munde Und ihn weiht zum Festgebet. Nur der Grund im Schlittengleise Tönt von lieblich leisem Klang, Gleich als tönte unterm Eise Der verbannten Blumen Sang. Auch mein Rößlein läßt nicht schweigen Die Musik im Schellenkranz, Stolzer trägt's sein Haupt zum Reigen, Zierlich wirft's den Fuß im Tanz. Und berauscht vom eignen Klingen Saust's in Trunkenheit dahin, Wie am Kastagnettenschwingen Sich entflammt die Tänzerin. Hier und dort wird von den Tönen Ein entschlummert Echo wach; Schläfrig, mit gutmüth'gem Höhnen Murmelt's das Geläute nach. – Jage, muntres Rößlein, jage! Holst doch nicht mein Sinnen ein, Das enteilt in ferne Tage, Das entflohn in Südens Hain; Wo die Lüfte lauer wallen, Wo die Sonne goldner glänzt, Wo die götterreichen Hallen Frühling schon mit Blumen kränzt. 2. Ja, es ist ein Jahr gerade! Eben um die Winterzeit Schritt ich an Sorrents Gestade, Ganz von Blüthen überschneit. Blüthen vom Orangengarten, Wo man eben Ernte hält, Wo die weiten Körbe warten, Daß die süße Last sie schwellt. Jedes Auge grüßt dich sehnlich, Schöner Baum, der, zwiefach reich, Einer jungen Mutter ähnlich, Trägt im Blühen Frucht zugleich! Muntre Nachbarkinder schnellen Duft'ge Früchte aus dem Laub, Und gleich jungen Sonnenbällen Fliegt und stürzt der goldne Raub. Wenn nach dir solch wildes Benglein Neckend mit dem Goldball zielt, Dünkt's dich schier ein nacktes Englein, Das mit den Gestirnen spielt. Unterm dunkeln Schirm der Aeste Lagern, blumenhaft geschaart, Holde jungfräuliche Gäste, Wie Madonnen schön und zart. Sterngeformte Blüthen fallen Von dem Baum in leisem Tanz, Daß die Häupter zu umwallen Scheint ein lichter Sternenkranz. Oder wehn die ersten Blüthen In den nahen Myrtenreif? Mög' ein Gott ihn mild behüten! Schnell nur blüht, was schnell auch reif. Rosen sind bei Lorberbüschen Aufgeglüht so früh im Jahr, Ungeduldig, sich zu mischen In ein dunkles Lockenhaar. Alles blüht hier um die Wette Lustberauscht im Sonnenschein; Selbst am Meeresbord die Städte Blühn, ein Blüthenkranz von Stein. Ja, das Wölkchen weißen Rauches, Das am Feuerberg sich zeigt, Scheint nur Duft des Frühlingshauches, Der dem Flammenkelch entsteigt. Segel schaukeln sich gleich hellen Wasserlilien auf der See, Und die Fluth gießt im Zerschellen Aufs Gestad nur Blüthenschnee. Wie verwehte Blumen fliegen Silberwolken durch die Luft, Und die Welt scheint sich zu wiegen Ganz in Licht und Glanz und Duft! Doch mein Sehnen und mein Sinnen Ist gar fern im Heimatland, Drüber jetzt sein weißes Linnen Rauher Winter hält gespannt; Wo im Eis die Schlitten gleiten Und die Schelle lustig klingt, Und der Stahlschuh in die Weiten Sich auf ehrnem Fittig schwingt; Wo im Schnee das Haus der Lieben Hegt ein Stübchen traulich still, Wie ein Herz, das warm geblieben, Wenn es ringsum wintern will. – – Doch wo bin ich? Diese Flaume Sind kein Blüthenschnee von dort! Flocken vom Orangenbaume Schmelzen auf der Hand nicht fort. Schüttle von der müden Schwinge Eisgestöber, Blüthenschnee! Sehnsucht geht im ew'gen Ringe, Im Genuß auch lauscht ihr Weh. Herbst Du gehörst zu meinem Leide Du gehörst zu meinem Glück. Dranmor. 1. In meinen späten Tagen Was treibst du, altes Herz? Was will dein tolles Schlagen, Dein wonnevoller Schmerz? Der Maienthau, die Thränen, Die du ins Aug' mir drängst? Was will dieß Frühlingssehnen, Da Herbst es worden längst? Verstummt sind alle Lieder, Die Wälder stehn entlaubt, Schneeflocken rieseln nieder Aufs Feld und auf mein Haupt. Gewölke schwer und bleiern Im kalten Luftrevier, Das Thal in Nebelschleiern, – Mein Herz, wie steht's in dir? Die Sommerfäden wiegen Zerrissen sich im Raum; Mir ist als säh' ich fliegen Von einst den eignen Traum. Die Schwalben mußten wandern Und all mein Hoffen auch, Verblaßt ist mit dem andern Mein Grün im Windeshauch. 2. Natur in ihrer Trauer, Im Welken und Vergehn, Ließ mich mit heil'gem Schauer Ein holdes Räthsel sehn. Vereinsamt noch am Strauche Nur eine Rose hing, Ein Spätling, dessen Hauche Ein duft'ger Zauberring. Sie trotzt dem rauhen Wetter Und hütet, lenzgeweiht, Im Rahmen weicher Blätter Die ganze Rosenzeit. Vergessen an der Hecke Noch eine Traube hing, Die in dem Blattverstecke Dem Keltertod entging. Im Frost noch birgt die Schale Voll Würz' und Süßigkeit Die Gluth vom Sommerstrahle, Das Gold der Sonnenzeit. Was ich da außen sehe, Wie ist's dem innen gleich! Mir wird davon so wehe, So wonnevoll zugleich. Mein Herz, du theilst die Loose Hast Nebel, Frost und Dorn, Hast deine letzte Rose Und deinen Feuerborn. Daß auch dein Lenz nicht fehle Erwacht mein Jugendlied, Auf dem die ganze Seele Zu ihr, zu ihr nur zieht. Begegnung Verschlossen willst du's tragen, Du willst es nie ihr sagen, Wovon dein Herz so wund; Sie wird ja nie dein eigen, Drum hüte männlich Schweigen Den Hort im Seelengrund. Doch da vernimmt dein Lauschen Leis ihres Kleides Rauschen, Den Schritt, dir wohlbekannt, Dieß leichtbeschwingte Schreiten, Wie Fee'n im Mondlicht gleiten, Bis selbst sie vor dir stand. Die Brust wird dir so enge, Der Athem stockt, es dränge Heraus kein Wörtchen klein; Mit Schauern, die beglücken, Mit Gluthen, die erquicken, Durchfiebert's dein Gebein. Es will das Knie sich beugen, Von ihrem Werth zu zeugen, Zu huld'gen ihrer Macht; Die Arme möchten fliegen, Den Liebreiz zu umschmiegen, Doch hältst du strenge Wacht. Wie deine Augen leuchten, Dann wieder mild sich feuchten, Wie dir die Wange glüht! Das Herz muß hörbar schlagen; Wie sich die Pulse jagen, Wie's durch die Adern sprüht! Ein Aufschrei aller Sinne Verräth die stille Minne, Gibt dein Geheimniß kund; Und reden solche Zeugen, Dann spricht mit seinem Schweigen Viel lauter noch dein Mund. Kopf und Herz Ihr Einer Mutter Sprossen, Gefährten Eines Seins, Desselben Heims Genossen, Ei, werdet ihr nie Eins? Du Kopf, der von den Zinnen Die Wacht und Umschau hält, Du Herz, dem traulich innen Ein Stüblein warm bestellt? Es spinnt im obern Raume Der Grübler und Prophet, Und unten singt im Traume Der Schwärmer und Poet. Dem unten wird's zu enge, Gern sprengt' er Deck' und Wand, Ein Stern im Lichtgedränge Hält seinen Blick gebannt. Er kann das Aug' nicht wenden Von diesem Einen Stern, Er langte mit den Händen Zu sich den hellen gern. Der oben sieht die Zeichen Und mahnt mit strengem Sinn: »Was nie du kannst erreichen, Du Thor, laß fahren hin!« Der Spruch sei hoch zu loben, Das Bürschlein unten schwor, Sein Blick doch blieb erhoben Zum Sternlein nach wie vor. Das nimmt der Pred'ger übel Und gießt herab im Groll Auf jenen einen Kübel Der derbsten Weisheit voll. Der unten scheut die Lauge Und duckt den Lockenschopf, Den Stern doch fest im Auge; Das Herz hat seinen Kopf. Der oben muß verzagen; Er theilt wohl gar den Schmerz? Mir ist, ich hör' ihn sagen: Der Kopf hat auch ein Herz. Magie Es hat ein Stern geleuchtet In kalte dunkle Nacht; Da sprühten Funken und Flammen, Die schlugen zur Lohe zusammen, Zum feurigsten Brand entfacht. Es ist ein Hauch geflogen Warm über verödetes Feld; Aufs Neu begann es zu lenzen, Aufblühte in Blumen und Kränzen, In Duft und Wonne die Welt. Es ist ein Ton erklungen, So innig, so rasch und bang; In Liedern begann es zu schwellen Von Nachtigallen und Quellen, Nie hört' ich so lieblichen Klang! Ein Rosenblatt ist gefallen In einen Alpensee; Sein Spiegel begann zu wallen, Die kochenden Wellen zu ballen Im Sturme so wild und jäh. Dieß Alles hab' ich erfahren In meiner seligsten Stund', Als sich zwei rothe Lippen, Ach, nur zu flüchtigem Nippen, Gelegt an meinen Mund. Dahin! Seit du dich von mir gewendet, Weiß ich erst, was du mir warst; All der holde Zauber endet, Und der Wunderring zerbarst. Als des Hauses gute Stunde Kamst und gingst du ein und aus, Fröhlich Wort auf heitrem Munde Führtest du das Glück ins Haus. Wie der Lichtstrahl kamst du, Holde, Der nur leuchten, wärmen mag, Daß von seinem klaren Golde Heller noch der hellste Tag; Wie das Mondlicht kamst du, Süße, Das nur zu verklären strebt Und die lichten Silbergrüße Still in dunkle Stunden webt; Wie ein Lenzhauch, mit Entzücken Füllend Fluren und Gemüth, Der nicht prahlt: ich will beglücken! Der nur kommt – und Alles blüht! – – Was der Götter Gunst verschwendet, Kenn' ich jetzt, des Glückes bar; Seit sie sich von mir gewendet, Weiß ich erst, was sie mir war! Verloren! Ihres Herzens heil'ge Zelle, Ihres Blickes lichter Stern, Ihres Wortes muntre Welle, Mir verloren, fremd und fern! Wißt ihr, wie jetzt dem zu Muthe, Der vom Nordpoleis umfaßt, Einst doch unter Palmen ruhte Als des Tropenhimmels Gast? Könnt ihr dessen Leid ermessen, Der jetzt lechzt im Wüstensand, Einst an Quellen doch gesessen In dem grünsten Alpenland? Könnt ihr fühlen wie der Blinde, Den einst Gottes Welt entzückt, Wenn die mitternächt'ge Binde Jetzt sein lichtlos Auge drückt? Oder wie der Töne Meister, Den einst Wohllaut nur umfloß, Als der tückisch'ste der Geister Ihm der Tonwelt Pforten schloß? Dann zu ahnen mögt ihr wähnen Des verwaisten Herzens Leid, Sein Erinnern, trostlos Sehnen, Seine Todeseinsamkeit. Schließt in Eine eh'rne Klammer Allen Schmerz zusammen ein, Es erreicht nicht seinen Jammer, Es umfaßt nicht seine Pein. Weiße Rose Du herrlichste aller, o weiße Rose, Du zarte und reine, du makellose, Die thaugeschmückt, im Schneegewand, Am Morgenstrahl zum Blühn erstand, Du bebst, weil ein Hauch dich schon entstellt, Dir im Berühren die Krone zerfällt; Es blüht ja so schön, so hold, so rein Nur eine, die heiligste Stunde im Sein. In solcher Stunde, die rasch entfloh, Mich däucht, sah ich dich schon irgendwo; Doch damals umfloß dein lieblich Haupt, Von grünen Myrthenreisern umlaubt, Ein Schleier von Spitzen aus Brabant; Das blendend weiße Atlasgewand Umschlang des Leibes magdlichen Bau, Auch sah ich etwas blinken wie Thau; Du knietest vor einem schmucken Altar, Den Segen sprach ein Mann im Talar, Es flammte von Kerzen und goldenen Ringen Und über dir fächelten Seraphschwingen. Die Stunde war's, die so heilig und hehr Nur einmal kommt und dann nicht mehr, Uns Andern, wie dir, du makellose, Drum herrlichste aller, o weiße Rose. Knospen Sonnenglanz und Rosenduft, Nachtigallgeschmetter! Doch verirrt in Frühlingsluft Flattern dürre Blätter. Haben an den Zweigen lieb Noch vom Herbst gehalten, Doch der jungen Knospen Trieb Drängt vom Platz die alten. Junges Volk bei Tanz und Spiel Jauchzt in grünen Hagen, Doch ich seh' auch ihrer viel Trauerflöre tragen. Denn wie hier in Frühlingsluft Welke Blätter stieben, Sah ihr eigner Lenz zur Gruft Welken theure Lieben. Knospen sind sie selber auch! Ohn' es selbst zu ahnen Drängen sie nach Knospenbrauch Welkes aus den Bahnen. Daß ihr eigner Lebensmai Oben sich entfalte, Daß er blüh' und klinge frei, Muß hinab das Alte! Und wie dürren Laubes dringt Mir durchs Mark ein Knistern, Zu der Seele Tiefen ringt Sein unheimlich Flüstern; Rings von Knospen weich und sacht Fühl' ich leises Drängen; »Lebewohl!« und »Raum gemacht!« Tönt's aus Lenzgesängen. Sonnenglanz und Rosenduft! Nachtigallgeschmetter! Und in solcher Frühlingsluft Irre dürre Blätter! Ja, mein Loos ist ihrem gleich, Da wir erdwärts sinken Während ringsum freudenreich Neue Lenze winken. Sei ihr Trost der meine auch: Daß im Niederwallen Wir gewiegt vom Frühlingshauch Nur in Blüthen fallen!