Lieder aus Italien 1835. Pinie und Tanne Nah des Grenzpfahls kaltem Banne Zwischen deutsch' und wälschen Landen, Eine Pinie, eine Tanne Hart beisammen grünend standen. Wie Vorposten grüner Jäger, Ihren Heeren vor sich wagend, Zweier Reiche Bannerträger, Nords und Südens Fahne tragend; Oder gleich zween Abgesandten, Die mit Friedensgruß und Kränzen Hier sich froh begegnend fanden An der beiden Reiche Grenzen. Pinie sprach: »Durch mich begrüßen Reb' und Nachtigall die Schwestern, Die auf Deutschlands Hügeln sprießen, Singen in den nord'schen Nestern. Apennin, in dessen Locken Ich nur bin ein Blatt des Kranzes, Er entbeut dem alten Brocken Einen Gruß voll Sonnenglanzes! Mögen nach verborg'nen Erzen, Ird'schen Haß und Stolz zu kühlen, Nie in seinem edlen Herzen Menschenhände frevelnd wühlen! Mög' ums Haupt ihm eines hellen, Ew'gen Lenzes Krone glimmen, Und zu Füßen ihm die Quellen Tausend Silberharfen stimmen! Lind um seine Schläfen schmiege Sich ein Traum von alten Tagen, Als sie in des Chaos Wiege Schlummernd noch beisammen lagen!« Tanne drauf: »Von Deutschlands Hainen Grüß' ich Oelbaum, Lorberwälder; Mögen sich die Zwei stets einen So um Stirnen, wie um Felder!« Rhein entbeut dem Po, der Tiber Gruß und Segen, den Geschwistern! Also hört' ich mir vorüber In den Silberbart ihn flüstern: »O daß ihre schönen, bleichen Wellen Menschenblut nie färbe, Nie die schnöde Fracht der Leichen Ihren stolzen Nacken kerbe! Mag nur Rosengluth sie röthen Und Orangenduft berauschen, Daß sie dann, die palmumwehten, Schlummernd schönern Träumen lauschen: Wie wir einst ins Weltmeer steigen, Jubelnd dort zusammenklingen, Hand in Hand den ew'gen Reigen Um die blüh'nde Welt zu schlingen!« So bemühn sich Beid' aufs Beste Ihre Sendung zu vollführen, Während sanft sich ihre Aeste, Wie zum Händedruck, berühren. Schöne Pinie, deine Losung? »Lenz und Friede, Licht und Liebe!« Starke Tanne, deine Losung? »Lenz und Friede, Licht und Liebe!« Reben, die in wilden Keimen Ueppig Stämm' und Aest' umstricken, Schlagen zwischen beiden Bäumen Kühn des Friedens grüne Brücken. Eine Nachtigall schwebt singend Diese Brücken auf und nieder, Tann' und Pinie ganz umschlingend Mit dem Netze süßer Lieder. Horch, da hör' ich Trommeln hallen, Schrecken zittert durch die Bäume! Seh' die Wolke Staubes wallen, Sie verschneit die Frühlingsträume! Meiner Heimat Kriegesmannen Ziehn vorüber und sie pflücken Zweige sich von Pinien, Tannen, Tschako und Standart' zu schmücken. Brüder, zieht mit Gott die Bahnen! Doch aus euch, ihr Zweig', umkeime Ihre Schläfen leis ein Mahnen Eurer Botschaft, eurer Träume. Das Kreuz des Erschlagenen 1. Wieder seh' ein Kreuz ich ragen, – Ach, ich sah schon ihrer viel! – Wo ein Wandersmann, erschlagen, Unterm Dolch des Meuchlers fiel! Nacktes Kreuz, er sah dich sprossen Noch als grünen schlanken Baum, Und von deinem Duft umflossen Schritt er hin im Frühlingstraum. Du allein sahst ihn verbluten, Einsam, fremd und unbekannt Und auf deinen Blüthen ruhten Seine Blick' im Tod gebannt. Und du selbst, gefällt, erschlagen, Hütest jetzt den Schreckensort; Als ein Denkmal mußt du ragen Für so grausen Doppelmord. Nur der Vogel, der im Wipfel Deines Laubs dich preisend sang, Auf des Kreuzes nacktem Gipfel Klagt dein Todtenlied er bang. Und ein Rosenstrauch, als solle Schmücken er dieß kahle Holz, Klimmt hinan und pflanzt die volle Ros' am Kreuzesgiebel stolz. Ein Orangenbaum, als wolle Bergen er dieß Kreuz der Schmach, Hüllt es in das goldfruchtvolle, Silberblüthenreiche Dach. Doch es denken fern die Lieben Noch des Manns, der sie verließ, Als es ihn nach Süd getrieben In dieß Blüthenparadies. Und den Längstverschollnen sehen Sie in blühender Gestalt Fern noch durch die Rosen gehen, Schlummernd ruhn im Lorberwald. 2. Liegst, Italia, du schöne, Nicht auch todt schon manch ein Jahr, Von dem Dolch der eignen Söhne, Von dem Schwert der Fremdenschaar? Drum, Erschlagne, möcht' ich pflanzen Dir ein riesig Kreuz von Stein; Schlicht gehaun müßt's aus dem ganzen Block carrar'schen Marmors sein. Und es dien' zum Sarkophage Apennins Gesteinkoloß, Drauf das Kreuz der Trauer rage Weithin, einsam, weiß und groß! Auf dem höchsten Grat der Hügel, Wo Ein Blick zugleich erschaut Mit des Mittelmeeres Spiegel Adria, die Dogenbraut! Heult dein Leichenlied das eine Der zwei Meere sturmeswild, Mag das zweit' im Widerscheine Wiegen sanft des Kreuzes Bild! Nur der Adler, der in Spalten Einst des Marmorbruchs gehaust, Fliegt empor dann, Rast zu halten Hoch am Kreuze, sturmumbraust. Und die Sonne, die im Osten Blüht als Rosenstrauch hinauf, Klimmt hinan des Kreuzes Pfosten, Schwebt als volle Ros' am Knauf. Und verhüllt die Schmach zu hüten, Neigt sich drauf der Baum der Nacht; Aus der Sterne Silberblüthen Mond, die Goldorange, lacht. Doch wir, die dich lieben, sehen Deine blühende Gestalt Noch in deinen Rosen stehen, Schlummernd ruhn im Lorberwald. Im Batisterio zu Florenz Die ihr nach des Meisters Worten Himmelspforten werth zu sein, Kunstgeformte, ehrne Pforten, Laßt den deutschen Wandrer ein! Düstre, dunkle Taufkapelle, Deiner heil'gen Nacht entfleußt Manch ein Strahl der Himmelshelle, Senkend sich in meinen Geist. Vor mir steht ein greiser Priester, Segen betend für ein Kind, Und des heil'gen Bornes gießt er Auf des Täuflings Stirne lind. Meine Hände möcht' ich legen Auf das Kind, ich fremder Mann, Während längst mein voller Segen Lind und leis sein Haupt umrann; Segen, der wie Frühthaus Fallen Dieses Menschenpflänzchen tränkt Süß und überreich mit Allem, Was ein Leben Schönes denkt! Schließt euch wieder, Himmelspforten, Denn sein Erdenlauf beginnt! Wandernd fort zu fernen Orten, Seh' ich nie dich wieder, Kind! Knab' und Mann wirst du in Jahren, Ungestalt vielleicht und wild; Doch ich werd' es nie erfahren, Ach, ich seh' dich schön und mild! Hunger wird dein Aug' verwildern, Armut bringt vielleicht dir Qual! Ach, in meines Segens Bildern Sitzest du am Freudenmahl! Deiner Mutter Pulse stocken, Dich verräth des Freundes Wort! Ach, nicht hör' ich jene Glocken, Und nicht hör' ich jenes Wort! Und es höhnte dich, dir fluchte, Die du einzig liebst, o Graus! Ach, in meinem Sinn doch suchte Ich die treu'ste Braut dir aus! Bot'st dein Herz, gequält vom Leben, Jung dem eignen Schwerte dar! Ach ich hab' dir doch gegeben Gar so schönes weißes Haar! So vielleicht dem Fluch erlegen, Der dein Erdenloos gebannt, Ahnst du's nie, wie einst der Segen Fromm an deiner Wiege stand; Wie der Mann aus fremder Ferne, Betend über dich gebeugt, Mit des Segens Born dich gerne, Junges Pflänzchen, großgesäugt. Bist der schöne Baum mit nichten, Den er freudig ragen hieß! Darbst an Blüthen, kargst mit Früchten, Die er reich dich tragen ließ! Doch, verarmt an Blüthenschimmer, Und in Stamm und Mark verdorrt, Blühst im Herzen mir noch immer Du dein blühend Leben fort. Fort Belvedere An der Veste Wall und Warten, Die dich zügeln soll, Florenz, Lehnt sich deines Fürsten Garten, Blüthenvoll im sonn'gen Lenz. Doch des Schlummers süße Schlinge Hält die Wacht am Wall umfahn, Rost zerfraß des Kriegers Klinge, Seiner Flinte fehlt der Hahn. Tief wohl schläft er; ihn umdüstert Keine Ahnung der Gefahr. Hört er's nicht, wie's unten flüstert Droh'nd aus der Belag'rer Schaar? Sieht er nicht im Thale blinken Federbüsche aller Art, Hundertfarb'ge Fähnlein winken, Denen, Lenz, dein Heer sich schaart? Und doch blasen aus den Beeten Wie ein Janitscharenchor Tausend blühende Trompeten Schon zum Sturm, zum Sturm empor! Und doch schwebt schon ob der Veste Eine Lerch' als Luftballon, Die vom Feindesheer die beste Kundschaft bringt als dein Spion! Schwert- und Feuerlilie schwingen Waffen hoch im Zornesmuth, Jene scharfe breite Klingen, Diese rothe Luntengluth. Mit den breiten grünen Tatzen Haut der Feigenbaum die Wand; Tausend Blumenknospen platzen, Wie im Peloton entbrannt! Bravo! Wie ein Hagelschauer Schwarzer Flintenkugeln hängt Rings entlang der Veste Mauer Traub' an Traube dicht gedrängt! Goldorangenbomben stecken Allerwärts im Mauernritz; Lenz, du führst gar tapfre Recken, Lenz, du führst gar gut Geschütz! Legst Spaliere und Stacketen Als Sturmleitern an den Wall, In die luft'gen Sprossen treten Deine blüh'nden Stürmer all! Ha, Verrath selbst in der Veste! Helfend reicht am Wallesrand Eine Rose, froh der Gäste, Rasch den Klimmern ihre Hand! Blüthenrank' und Epheu standen Schon am Walle bei der Wacht', Die sie knebelten und banden, Als sie noch zu träumen dacht'. Solchem Sieg zum Ehrenbogen Wölbt aus Silbersäulen hell, Von Demantenstaub umflogen, Sich des Gartens Springequell. Deiner Truppen Banner ragen, Lenz, nun auf den Wellen dort; Ha, wer wagt's, die zu verjagen? O wie stark ist solch ein Fort! Still doch, still! da, dessen Leier Nie von Schmeichelliedern klang, Eben eines Fürsten Feier Unbewußt begeistert sang! Jenes Fürsten Preis und Ehre, Deß Palast dort, duftumweht, Mitten in der Stürmer Heere, Wie die Burg des Lenzes, steht! Der Ritt zur Schule Am Kloster San Lorenzo Ein Bauer leise schellt, Der am verbrämten Zaume Fest seinen Esel hält. Das Thier wiegt auf dem Kopfe Stolz seinen Federschwall, Als wär's in seinem Volke Schier Hof- und Feldmarschall. Es trägt auf seinem Rücken Den Korb von ries'gem Maß, Dazu des Bauers Söhnlein Und Hühnerstall und Faß. Das Kind steckt in der Kutte Just nach des Paters Schnitt, Der aus der Klosterpforte Gar feierlich jetzt tritt. So stehn die Zwei beisammen, Wie Löwenkatz' und Leu, Wie Eidechslein und Kaiman, Wie Goldfischlein und Hai. »Nehmt, Vater, nehmt mein Söhnlein Mild auf in Lehr' und Zucht.« »Mein Sohn, sei uns willkommen! Es findet, wer da sucht!« »Mein Vater, und wer klopfet, Dem wird ja aufgethan; Gern legte sich zu Füßen Euch dieser Puterhahn.« »Mein Sohn, es ist die wahre, Die fromme Furcht des Herrn, Die in der Nacht des Lebens Erglänzt als heller Stern.« »Mein Vater, laßt euch munden Den Trank aus diesem Faß; Orvieto's Fluren quollen Noch nie von süß'rem Naß!« »Mein Sohn, 's ist Nächstenliebe, Die schön das Dasein krönt, Gleichwie die Rebguirlande Dein Schollenfeld verschönt.« »Mein Vater, Artischocken Und Broccoli, wie die In diesem Korb zu Schocken, So schöne saht ihr nie!« »Mein Sohn, es ist die Tugend Der Samen, den wir sä'n; O mag das Herz der Jugend Voll ihrer Saaten stehn!« Auf led'gem Esel trabte Der Bauersmann davon, Der Weisheit Lehre labte Alsbald den zarten Sohn. Fast hört' er den schon klagen: »O arge, böse Zeit! Die Tugend wird gesotten In Kesseln, groß und weit! Und, ach, die Nächstenliebe Verblutet im Kellerverließ! Die Furcht des Herrn, erdrosselt, Brät an dem langen Spieß!« China in Italien Hingekauert an der Straßen Eine Aloe sich dehnt, Wie ein Knäul von Gliedesmaßen, Breit, gemächlich hingelehnt. So im fernen China sitzen Mag ein feister Mandarin, Streckend blanke Nägelspitzen Selbstbehaglich vor sich hin. Eine Pinie sprießt daneben, Neigt auf sie ihr buschig Zelt, Wie sein Sklav' ob Jenem eben Baldachin und Schirmdach hält. Hundert Jahre ziehn die Straße! Und von Sonnenschein welch Meer! Lenzesblüthen, welche Masse! Staub und Wandrer, welch ein Heer! Endlich spürt so seltsam mächtig Aloe ihr Herz bedrängt, Bis ein Schaft, gar schlank und prächtig, Blüthenvoll die Hülle sprengt. Erste Blüthe, helle, blanke, Die den kahlen Schaft umlaubt! Erster blühender Gedanke Um des Mandarinen Haupt! Weh, daß einmal nur in Tagen Des Jahrhunderts blüht dein Gruß! Wehe, daß, wer dich getragen, Auch an dir verscheiden muß! Der gefangene Räuber Von Sabinerbergen nieder Wallt das braune Räuberweib, Schmiegend ihres Knäbleins Glieder Sorglich fest an ihren Leib. Wie sie tritt durch Roma's Pforte, Glocken, Trommeln und Gebet! Ist's ein Fest, ist Markt am Orte? Beides hier gar nahe steht! Feierklänge von Sankt Peter! Dudelsack hier schnarrend grell! Possen reißen heil'ge Väter, Salbung predigt Pulcinell. Affen, Charlatane, Springer, Auf dem Seile Gauklertritt! Jetzt an fremder Bestien Zwinger Lenkt das Räuberweib den Schritt. Ab und auf in wildem Satze Tobt ein Königstiger hier, An den Käfig schlägt die Tatze, Glühend flammt das Aug' dem Thier. »Mutter, warum sperrt das gute, Schöne Thier so fest man ein?« »Kind, weil's durstig lechzt nach Blute, Weil's unbändig, wild im Frei'n.« Ruhig nebendran im Bauer Sitzt ein fremdes Täublein zart, Senkt das Haupt in milder Trauer Ins Gefieder weißbehaart. »Mutter, warum schließt dieß gute, Fromme Vöglein auch man ein? Dieses lechzt doch nicht nach Blute?« »Kind, weil's trägt zwei Flügelein.« Kapitols Steintreppen stiegen Sie empor im Menschenstrom, Wo gesehn nach Kränzen fliegen Seine alte Kraft einst Rom! Wo es jetzt auch seine echte Ungeschwächte, rauhe Kraft, Doch gefahn, in Kerkernächte, Seine Räuber, hingeschafft! Seht dort der Gefangnen Einen Rasch, am Fenster, pfeilgeschwind! Zu ihm hebt das Weib den Kleinen: »Siehe deinen Vater, Kind!« Auf das Kind durch Eisenstangen Blickt der Mann so blaß und mild, Herzt es lachend, ob die Wangen Thränenfluth auch überquillt; Ueberdeckt ihm ganz mit Küssen Zärtlich Wang' und Aeugelein; Und das Kind hat denken müssen Jener Taube, fromm und rein. Nun sie Lebewohl ihm sagen, Sträubt sein Haar sich auf in Wuth, Seine Fäust' ans Gitter schlagen Und sein Auge rollt in Gluth! Doch die Mutter fest umfangend, Flieht das Kind dieß grause Bild; Und gedenken muß es bangend Jenes Königstigers wild. Tasso's Cypressen Wo bei Cypressen hingesunken Ich raste, schauend in den Schooß Der ew'gen Roma, wehmuthtrunken Vom Glöcklein San Onofrio's; Hier saß einst Tasso. Der Cypressen Stand eine nur, sonst war's wie jetzt; Ob mancher Stein hinsank indessen, Nur Thau war's, der dieß Meer genetzt! Wohl rauschte die Cypress' am Hügel Ihm die Cypress' im Herzen wach, Daß, brechend seines Schweigens Siegel, Der kranke Dichter zu sich sprach: »O Menschenleben, Hauch im Winde, Dich überdauert Stein und Thier! Fortlebt der Vater doch im Kinde, Mein Lied, mein Kind, lebt' ich in dir! Komm, Rab' am Baum dort, dem zu Liebe Enterbt ich um manch Jährlein war, Daß ich mein Lied dich plappern übe, So tönt's wohl noch ein hundert Jahr! Dir, weißer Zauberhirsch, durchsausend Den Apennin, schrieb' ich's mit Gold Ins Halsband gern, daß ein Jahrtausend Mit dir es noch die Welt durchrollt! Dir, Stein am Wege, wollt ich's schlagen In deine kalte Menschenbrust, Daß du es tausend Jahre tragen Und aber tausend Jahre mußt! Was ficht mich an? Wo sind die Thaten, Daß ich zu ragen bin gewillt, Dem Baume gleich, hoch über Saaten, Dem Thurm, hoch überm Stadtgefild'? Dem Baum, wie mir, gibt Recht zu ragen Furcht, Vogelsang und Blüthenscherz! Dem Thurm, wie mir, gibt Recht zu ragen Sein tönend heilig Glockenherz! Doch soll mein Lied hier stehn in Steinen, Wo Lieder nicht, nein, Ruhm und That Und der Jahrtausend' Jauchzen, Weinen In Trümmern ruht, versteinte Saat? Wo der Campagna Wüst' ich sehe Und mich's kein Wunder mehr bedünkt, Daß beim Anschaun von solchem Wehe Dem Pflügerarm der Pflug entsinkt? Wo du selbst brachst, in Staub zerfallen, Marmorgewordner Gott, entzwei! Wo aus des Forums Trümmern allen Noch ragen Tempelsäulen drei; Furchtbar, drei Fingern gleich, erhoben Zum Schwur einst der Beständigkeit, Doch die verdorrt noch ragen oben, Weil sie beschworen falschen Eid! Wo, zwar vom Siegesglanz umflossen, Hoch von der Burg San Angelo's Der Engel zückt, in Erz gegossen, Das Flammenschwert noch, blank und bloß; Indeß das Blitzesschwert am Berge Dem größern Seraph: Sturm aufloht, Der fern schon diesem Engelzwerge Aus schwarzer Wolkentoga droht! Wo noch am Weltdom in verklärter Triumphesgluth das Kreuzbild ragt: Der Regen küßt es, – doch verzehrt er! Die Sonne güldet's – doch sie nagt! Ha, lästert nicht dieß Kreuz mein Sprechen? Nicht lästert, der es peitscht, der Wind, Nicht lästert Blitz, der's einst wird brechen, Da doch allbeide Gottes sind! Ich aber glaub', ein Fels im Fallen Er fühlt so süß, wie als er ward! Es träumt der Baum im Niederwallen So süß, wie er da sproßte zart. Fahr' hin, mein Lied, erstirb in Tönen Und flattre fröhlich trümmerwärts! Preis dir, Natur, der ew'gen schönen! Dir schreib ich liebend mich ins Herz!« Und dort von dem Cypressenbaume Pflückt er der zarten Zweiglein acht, Pflanzt sie in Reih' am Hügelsaume, Ist sie zu warten sorgbedacht. Da stehn als luft'ge, grüne Stanze Achtzeilig sie, wie ihm sie klang, Und säuselten im Windestanze Ins Herz mir diesen Wehmuthsang. Die erste Palme Dort ein Palmbaum auf der Höhe Aus dem Klostergarten ragt; Erste Palme, die ich sehe, Bringst du mir den Ost, der tagt? Luftig schwankt wie Pfaugefieder Ihre Kron' am schlanken Schaft Ueberm Rauschen laub'ger Brüder, Stumm, durchsichtig, geisterhaft. In dem Grase schläft am Baume Ein Novize, jung und schön; Hat gelispelt seinem Traume Ostens Wonne aus den Höhn? Denn er sieht in üpp'gem Kleide Sich in Sammt und Golde nun Auf den Kissen weicher Seide Fern in einem Garten ruhn. Blumen, ries'ge, wunderbare, Gaukeln, duften, sprühn um ihn; Liebliche Gazellenpaare Durch die fernen Büsche ziehn. Wundersame Vögel singen Rings so schön, doch unsichtbar: Plätschernde Fontainen springen Aus den Marmorbecken klar. In dem Wellenglanz sich spiegelt Sein Palast in gold'ner Zier; Rosenbüsche sind geflügelt Paradiesesvögel hier. Durch der Palmen Säulenhallen, Schlank sich streckend kuppelan, Stumm in weh'nden Schleiern wallen Schöne Frauen stolz heran. Und die weißen Schleier sinken! Ach, der Augen Flammenschein! Sultanlaunisch will er winken, Denn sie sind ja alle sein! Horch, Geschrei von allen Seiten, Heulen, Jammern ihn erschreckt! Ach, des Klosters Vesperläuten Schrillen Tons hat ihn geweckt! Ei getrost! Zum Chor ist's eben Vom Harem nicht allzuweit! Mönch und Sultan, beide leben In bequemem Faltenkleid! Und noch blickt dein Osten nieder, Deine Palm', am schlanken Schaft Schwankend leis wie Pfaugefieder, Stumm, durchsichtig, geisterhaft. In den pontinischen Sümpfen Feldgrüne, Meeresbläue, Himmelshelle, Mir sonst so lieb, wie grinst ihr hier mich an! Blau ist das Meer, doch trägt die ruh'nde Welle Kein Segel, keinen Nachen, keinen Schwan. Hell ist die Luft, doch eine Glanzeswüste, Durch die kein Vogel singt, kein Wölkchen schwebt; Grün ist das Feld, doch Moor, bis fern zur Küste, Draus sich kein Haus, kein Baum, kein Strauch erhebt. Und nur ein Streif von weißem Nebelrauche Kriecht durch die Mooresöde, lang und weit, Als wälzte fraßesmatt, träg auf dem Bauche Dahin die Schlange sich der Ewigkeit. Sieh, mählich aus dem schwanken Dunstkolosse Entringt sich Form und Bild im Sonnenstrahl, Er wird zum leuchtenden kristallnen Schlosse Mit blankem Silberdach und hohem Saal. Auf diamant'nem Thron saß siegestrunken Der König, – ach, wie hieß er doch? – sein Haupt War an die Brust der Königin gesunken, Vom Kranz war's der Unsterblichkeit umlaubt. Am Throne links rührt' eine goldne Leier Ein Dichter süß, – wie hieß er doch? – der sang: »Unsterblich ist dein Lieben! ihm zur Feier, Fürst, gibt ja mein unsterblich Lied den Klang!« Am Throne rechts, da saß ein weiser Seher, – – Wie hieß er doch? – der schrieb's in Marmor ein: »Unsterblich ist dein Sieg! Es müßte eher Ja mein unsterblich Wort verklungen sein!« Ein Volk, – wie hieß es doch? – das pries unsterblich Den Sänger, Seher und das Fürstenpaar: »Ein Volk, an Glück und Ehren unverderblich Hebt auf dem Schild euch zu den Göttern dar!« Als so den Trank Unsterblichkeit sie tranken In vollem Zug, faßt Trunkenheit sie all', Des Königs Kron', des Dichters Harfe wanken Des Weisen Marmor, Volk und Schloß und Wall! Wo flieh' ich hin, daß nicht kristall'ne Thore, Demant'ne Säulen stürzen auf mich ein? – – Ei, sieh um dich! Im weiten grünen Moore, Am Strand des Meers, stehst du ja ganz allein! Und nur ein Streif von weißem Nebelrauche Kriecht durch die Mooresöde, lang und weit, Als wälzte fraßesmatt, träg auf dem Bauche Dahin die Schlange sich der Ewigkeit. Mola di Gaeta Wenn ich zur See ein Schiffer wäre, Vorbei dieß Ufer könnt' ich nie; Je hell're Luft, je still're Meere, So sich'rer litt ich Schiffbruch hie! Willst du, o Herr, nicht, daß ich strande, Thürm' auf im Sturm den Wogenschwall, Verhüll' in Nebel diese Lande, Gürt' ums Gestad' der Brandung Wall! Denn dieser Sturm von Sonnenlüften, Von Blüthengluth und Lorbeernacht, Von Schmeichelwinden, Frühlingsdüften Ist's, der mich hier noch scheitern macht! Viel tausend Blumenfesseln schwingt es Von jenen Bergen her nach mir, In Lüften rauscht's, aus Büschen singt es: O bleibe hier, o bleibe hier! Maid vom Gebirge, deine Augen, Leitsterne, dran mein Blick gebannt, Sie mochten dießmal eben taugen, Mein Schiff zu locken auf den Strand! Weh, von den glühenden Granaten Geschossen wird es in den Grund! Geentert wird es von Piraten, Den Blüthenranken, kriegrisch bunt. Sie springen an des Bord's Altane Und klettern rings empor in Hast, Die Rose, deine Flaggenfahne, Zu pflanzen auf Kastell und Mast. O laß mich ruhn vor deiner Schwelle, Und schaun aufs weite Meergebiet Und in dein Aug', das liebe, helle, Und singen laut mein Schifferlied, Daß deine Berg' empor es brandet, Als schlüge drüber Wogenklang! Wohl hat noch Keiner, der gestrandet, Gestimmt so fröhlichen Gesang. Zwei Poeten Was des Volks voll Ohrenweide Auf Neapels Molo steht, Um den Mann im Narrenkleide, Himmelwärts sein Aug' verdreht! Wie aus der Tritonen Schlunde Dort am Marktplatz Well' auf Well', Sprudelt aus verzerrtem Munde Plätschernd ihm der Verse Quell: Und wie Brunneneimer fangen Deine Söhne, Lazarus, Seine Ritter, Zaubrer, Schlangen, Feen und Drachen vollen Guß! Doch mein Herz, fast will's ihn neiden, Grüßt ihn Bruder in Apoll! Ist's Ein Quell nicht, der in Beiden, Nur verschiedne Bahnen quoll? Wie die Schönheit seiner Glieder Durch die Lumpen des Gewands, So durch Fetzen seiner Lieder Leuchtet hell des Gottes Glanz. Während auf dem Polsterthrone Seines Munds Hanswurst sich dehnt, Und als echter Lazarone Maccaronensold ersehnt; Seh' ich um die Stirn' ihm rinnen Jovis Wetterleuchten bald, Seine Blick' als Adler minnen Mit dem schönsten Lorbeerwald. Voll von Helden, Wundern, Sagen Sieht er rings die weiße See Gleich dem Buche aufgeschlagen Einer Riesenepopee. Und des Golfs Gestade dehnen Blüthenvoll sich um die Fluth Wie ein Kranz, der, es zu krönen, Auf dem Buch des Meisters ruht. Der Vesuv dort scheint ein Dichter, Ganz von Christi Thrän' erglüht, Dem aus trunknem Mund ein lichter Flammendithyrambus sprüht! Lieder, Bilder, Reim' umklingen Um und um dich, mein Poet, Brauchst vom Blatt nur abzusingen, Was schon rings geschrieben steht. Jedes spröden Reimes Hallen Macht des Meeres Rauschen gut: Doch auch Perlen, dir entfallen, Schnell verschlingt sie, ach, die Fluth! Lauschend hält dich Volk umfangen, Elend in dem hohlen Blick, Hungers Furchen in den Wangen, Last der Knechtschaft im Genick. Um jed' Antlitz um die Wette Breitet Lächeln jetzt sich aus, Das aus seinem Furchenbette Selbst den Hunger wirft hinaus! O wie gut dieß heil'ge Lächeln Dem zerlumpten Bettler steht, Wie vom Mast der Flagge Fächeln Das zerschellte Wrack umweht! Wie von blitzzerspellten Bäumen Noch ein grünes Zweiglein bebt; Wie ob schwarzen Brandesräumen Eine Schwalbe gastlich schwebt! Wie ein spielend Kind am Rücken Einer schlummernden Hyän, Traun, daß fast ich zu erblicken, Orpheus, deine Wunder wähn'! Sinnend senkt mein Aug' sich nieder, Mich berührt des Gottes Hauch! Feiert je ihr, meine Lieder, Solchen Sangtriumph wohl auch? Wenn ich's je bedauern lerne, Daß kein eigner Kranz mich schmückt, Ist es dann, wenn ich ihn gerne Auf ein würd'ger Haupt gedrückt.