AUS: DAS HAUS DES LEBENS II DER LIEBE ERLÖSUNG Du flössest meinem munde allzeit ein Der in der liebe stunde fromm entbrennt Der liebe fleisch und blut im sakrament · Ich fühle dir genaht: der odem dein Muss ihres domes tiefster weihrauch sein · Du hast sie stumm empfangen und dir nennt Sie ihren wunsch dass nichts von dir mich trennt Und überm kelche sprachst du: denke mein! O welches glück mir deine huld verleiht Und welchen ruhm der liebe! trittst du vor Den steilen weg zu dem verlassnen tor Zum seufzersee zum ort der traurigkeit Und bist erlöser dort und steigt befreit Mein geist aus banden wenn du winkst empor. III LIEBES-SCHAU Wann · liebe · werd ich dich zumeist gewahr? Wenn meiner augen geister in dem licht Feiern vorm altar deinem angesicht Der liebe dienst · durch dich mir offenbar? Um uns in dunkler stund – wir einsam paar – Wenn enggeküsst durch blasse dämmrung bricht Dein schimmernd antlitz und mit schweigen spricht · Wenn deine seele all mein eigen war? O liebe liebste soll ich nie mehr hier Dich schauen · noch den schatten nur von dir Noch deiner augen bild am frühlingstag: Wie rauschte dann ob lebens finstrem hang Verwelkter hoffnung laub im sturmesdrang Des todes nieverwehendem flügelschlag? IV DER KUSS Welch qualmend leid in tödlichem verzug Und welches tückevollen wechsels bann Dem leib den ruhm · der seele rauben kann Die hochzeitskleider die sie heute trug! Denn sieh! ihr mund in dieser stunden flug Mit meinem solch mittönend spiel begann Wie Orpheus sehnt · als er sie halb gewann · Der darbenden die lezte laute schlug. Ich war ein kind in ihrer hand · ein mann Wenn brust an brust wir schmiegten · wir zu zweit Geist wenn ihr geist durchdringend mich befreit · Gott wenn vorm ganzen lebensatem rann Das lebensblut · an brunst wetteifernd dann In feuer feuer · gier in göttlichkeit. IX DAS GEBURTS-BAND Bemerktet ihr in manchen häusern nie Wie zwei erzeugt im ersten hochzeitsbette Stets halten ihre eigne sanfte kette Vergass sich auch der pflegrin brust und knie. Wol sind mit ihres vaters kindern sie In sinn und tat gutwillig · doch für jeden Der beiden gibt es ein geheimes reden Und birgt ein wort vollkommne harmonie. So · Liebe · als ich dich zuerst gekannt Schien mir: die mir verbundene seele ist Mehr als das leben weiss mit mir verwandt. Du mit mir spross fern dort wo sichs vergisst Und lang mit schau und schall nicht greifbar · bist Als seelen-mitgeburt mir wol bekannt. XXII GEBROCHENE MUSIK Die mutter wenn sie meint dass im gelall Des säuglings sie zuerst ein wort erkannt: Sie rührt sich kaum · die augen abgewandt Mit offnem mund und ohr · dass dieser schall Sie nochmals rufe .. angst- und zweifelvoll Hat so die seele oft gelauscht bis Sang Ein taglang innres wimmern schliesslich klang Und süss musik und süss die träne quoll. Doch jezt – wie oft auch meine seele schon Auf dies gewohnte flüstern horcht – wie ein Verschlossner dumpfer meeresmuschel-ton: Es kommt kein sang · allein die stimme dein · O bitterlich geliebte! und ihr lohn Ist einzig unerlaubten betens pein. XXIV WEIDENWALD I Ich sass mit Amor an des baches hang · Wir neigten uns zum wasser · er und ich · Er sprach kein wort und blickte nicht auf mich · Er rührte nur die laute wo erklang Ein tiefes ding das ihn zu reden zwang. Nur trafen unser beider augen sich In niedrer welle · deren rauschen glich Der teuren stimme und ich weinte bang. Ich weinte und sein aug ward ihrem gleich · Mit seines fusses seiner flügel streich Wischt er den tau durch den das herz mir schwoll. Dann wurden dunkle kreise wallend haar · Als ich mich bückte bot den mund sie dar Und volles küssen mir zur lippe quoll. XXV II Und Amor sang: es war ein sang halblaut Umstrickt von dingen die entwirrbar kaum · So wimmern seelen öd im todesraum Wenn immer noch der neue tag nicht graut. Dann hab ich eine dumpfe schar geschaut Von wesen abseits – eins an jedem baum · Sie alle Sie und ich in trübem traum · Die schatten unsrer tage ohne laut. Sie sahn uns an – gewiss: gekannt zu sein Und wehe seelen waren drunten wo Der unversöhnlich enge kuss entfloh. In eigen-mitleid alle brechend schrein: Ach einmal einmal einmal nur allein! Und Amor sang noch und sein lied klang so: XXVI III Ihr all die ihr im weidenwalde schweift Und schweift mit hohlem weissen antlitz sacht · Nach welchem einsam tiefen fall geschleift · In welcher langen lebenlangen nacht! Eh wieder ihr · die ohne macht ihr streift Nach lezter hoffnung – die ihr ohne macht Nach eurer unvergessnen speise greift · Eh euch · eh wiederum das licht euch lacht! Ach bittre ränfte in dem weidenwald Mit giftblatt bleich · mit blutkraut brennend rot! Ach wenn ein solcher pfühl im leiden bald Die seele betten würde bis sie tot – Eh'r allzeit sie vergessen als dies ding · Dass sie sich fängt in dieser weiden ring. XXVII IV So klangs · und wie sich ros und rose müht Eng zu verwachsen in des windes qual Und so zu bleiben · bis zum späten strahl Die blätter fallen wo der herzfleck glüht – So war der kuss als der sang starb versprüht. Sie sank ertränkt hinab und war so fahl – Fahl wie ihr auge · ob mir je einmal (Obs Amor weiss?) ein wiedersehen blüht! Ich weiss nur das: ich beugte mich und trank In tiefem zug das wasser wo sie sank Und ihre hauche · tränen · all ihr sein. Ich weiss: im beugen fühlt ich Amors haar An meinem halse mitleidvoll · es war Sein und mein haupt in seinem heiligenschein. XXXII EIN DUNKLER TAG Der dunst der mich mit dieser luft umweht Wie regen ist der auf den wandrer schlug. Er weiss nicht: ist ein neuer sturm im zug – Ist es der rest des alten der sich dreht ... Verspricht die stunde neues blumenbeet? Ach · oder ahnt sie nur den tag dess pflug Einst not gesät – die nacht wo du (o trug! O beten!) nicht mehr fülltest mein gebet? Wie struppig war das gras das doch so sanft Da liegt an dieses weges rand gedrückt · Ein spiel der zeit · bis nacht bis schlaf es glätte – So wie ein distelflaum am toten ranft Von einer maid im jugend-herbst gepflückt · Damit sie einst ein weiches brautbett hätte. XXXIII DIE SPITZE DES HÜGELS Es ist der sonne festtag: ihr altar Im breiten westen ruft zum vespersang. Ich bringe – ich verblieb im tal zu lang – Verspätet meine huldigungen dar. Doch dies · erinnr ich wohl · ward ich gewahr Auf meinem wanderzug: ihr antlitz stand Verwandelt an umfranztem himmelsrand · Ein feuerbusch mit blendend hellem haar. Nun da mein fuss die höhe kaum gewinnt Muss ich hinab durch jäher schatten schicht Und irrend wandeln bis die nacht beginnt. Doch weiden darf sich kurz noch mein gesicht Daran: wie gold und silberluft zerrinnt Und lezter vogel fliegt ins lezte licht. XXXIV ÖDER FRÜHLING Das jahr hat rollend neuen lauf vollbracht. Und wie ein mädchen das im kahne fliegt Sich bald nach vorwärts bald nach rückwärts wiegt – Ganz wie der wind es will – und glüht und lacht: So naht mir froh der lenz · doch er entfacht Kein lächeln mehr in mir der machtlos liegt In toten zweigen die der winter biegt. Heut hat kein frühling über mich mehr macht. Im krokus sieh! ist welker flamme grab · Im schneeball schnee · in apfelblüten schmerz Die frucht zu ziehn für falscher schlange scherz. Nein · von den frühlingsblumen wend dich ab Und halt erst wenn am lezten lilienstab Der weisse kelch zerfällt ums goldne herz! XLV DES LEBENS URNE Um lebens urne nicht mit schwachem schritt Wie ihr schlich er – er schob sie mit der hand Bis er nach allen seiten sie verstand: Dort rüstet einer frisch zu grossem ritt · Sein weg führt wüsten ihm und gärten mit · Er lacht der nie in frohem schwarm sich sezt · Er weint der doch nie stillsteht und zulezt · Ein jüngling kronetragend · schweigsam tritt. Die urne füllte er mit wein für blut · Mit blut für tränen · duft für heiss gebet Mit laub das für der liebe grabmal passt Und wollte sie zerbrechen bei der flut · Doch hielt in schicksals namen ein. Sie steht Nun leer bis einst sie seine asche fasst.