PILGERFAHRTEN AUFSCHRIFT Also Brach ich auf Und ein Fremdling ward ich Und ich suchte einen Der mit mir trauerte Und keiner War. Widmung Dem Dichter Hugo von Hofmannsthal im Gedenken an die Tage schöner Begeisterung Wien MDCCCXCI SIEDLERGANG So hat ihn nicht ein strahlenpfeil betrogen: Die mit der geissel eng aus eis geflochten Von jedem pfad zu bannen ihn vermochten Die winde lau nun um die stirn ihm bogen. »Du klause manche stunden sei gemieden. In deinen schachten lohnest du mich nimmer Wie blau und rot auf weisser saat ein schimmer. O wie mein sinn entschläft in ihrem frieden« Ihn wirren leis die bunten sonnenmale · Den hellen bäumen folgt er ohne wende Und ohne wissen um ein strenges ende. Da stand er wieder in dem alten tale. »Da tanzen sie mit grellen purpurschleifen. Ein fuss im rain! und schwer ist nur das wählen · Den kalten zunder brachten sie zum schwälen · Ich hasse sie und brenne sie zu greifen. Was aber schau ich nach des hügels kimme! Der treppenbogen mit den lichtgestalten Die edlen schrittes nicht im wege halten. Vor ihrer keine dränge meine stimme. Ich formte früher (emsig lief die rache) Nach meinem hange wuchs und aug und lippe · Im hohne rief ich unter froher sippe: Ist alle schöne so gering? ich lache. Nun gehrt mein gram nach jeder bleichen miene · Um eine braue steh ich nun geblendet · Um eine wimper ist mein geist gewendet · Um einen arm im schmuck der turmaline« Wie wird er heut des leides ort verlassen Sobald die ätherblumen sich betauen? Verschlungen in den tanz der roten frauen Mit unbedacht in lautem jubel prassen? Will er noch einmal missend ihre gabe Zurück wovon er sich am tage trennte: Ins leben seiner treuen pergamente Bis auf dem stillen lager traum ihn labe? [Mühle lass die arme still] Mühle lass die arme still Da die haide ruhen will. Teiche auf den tauwind harren · Ihrer pflegen lichte lanzen Und die kleinen bäume starren Wie getünchte ginsterpflanzen. Weisse kinder schleifen leis Überm see auf blindem eis Nach dem segentag · sie kehren Heim zum dorf in stillgebeten · DIE beim fernen gott der lehren · DIE schon bei dem naherflehten. Kam ein pfiff am grund entlang? Alle lampen flackern bang. War es nicht als ob es riefe? Es empfingen ihre bräute Schwarze knaben aus der tiefe .. Glocke läute glocke läute! [Lauschest du des feuers gesange] Lauschest du des feuers gesange: Lagert sich neben dein knie meine wange · Mit zagen geniesst sie dein zartes warm · Ihre kühne flammende röte Fürderhin mir deine nähe verböte · Ich bin in dem himmel ein sklav dem harm. Legst in mitleid du mir die haare: Einzige lohnung! und oft noch in fahre Verharr ich vor deinem erhabnen stolz? Frommen gleich die trotz ihrem grauen Wieder und wieder beim angelus schauen Zu einer madonna von ebenholz. [Lass deine tränen] Lass deine tränen Um ein weib · Falsch ist dein wähnen · Ruh und bleib! Merk ob am boden Schnee schon taut · Wärmender odem Beete baut! Vor seine feier Juni schliesst Ob ohne schleier Du sie siehst? Lass deine tränen Um ein weib · Falsch ist dein wähnen Ruh und bleib! [Die jugend] Die jugend (So bedäucht es dich) Heischet ein heisses band · Doch tag um tag verblich Wo ich gelassen bei dir ging und stand. Du sprachest! Ich erschrecke fast · Wie! – kann entfachen So viele glut und hast Der leere sang · das kindesfrohe lachen! Und danach (Glaube mir ich litt) Sanft noch dein finger wob · Dein fuss so sanft noch schritt · Erst der verschmähten ward mein volles lob. O schwester! Dir missfällt der ruf? Sei wenn ich scheide Auf nie gewandtem huf Das rätsel ein verlöbnis für uns beide. [In alte lande laden bogenhallen] In alte lande laden bogenhallen Schlanke kolonne Und licht in dem getragne strofen schallen · Dort sog ich sonne Nach einer flucht aus feuchter drachen krallen. Am rand der gärten riss mich eine nadel · Teerose · gelbe rose! Mit sattem schmelz und ohne weissen tadel · Mächtige mildelose · Schon tropfen tau beklömmen ihren adel. Zu früh noch .. will ich mich am wolgeruche Erster veilchen beleben: In heissen häusern ich sie spärlich suche · IHR in die nähe zu schweben Erlös ich freunden duft aus meinem tuche. GESICHTE I Wenn aus der gondel sie zur treppe stieg So liess sie lässig die gewande wallen Und wie nach grollend anerkanntem sieg Des greisen Edlen stütze sich gefallen. Kein sanfter ton verfing in ihrem ohr · Bei festen sass sie eisig in den sälen · Nur an den decken brauner engel chor Verstand es ihr von freuden zu erzählen. In schweren sammet hat sie sich gebauscht · Den ersten hub aus unerhörten frachten Und an dem reichen öle sich berauscht Das neulings ihr die Inderschiffe brachten. Nun hat sie in verhangenem gemach Zu einem ruhmeslosen fant gesprochen: Vermelde man am markte meine schmach · Ich liege vor dir niedrig und gebrochen. II Ich darf so lange nicht am tore lehnen · Zum garten durch das gitter schaun · Ich höre einer flöte fernes sehnen · Im schwarzen lorbeer lacht ein faun. So oft ich dir am roten turm begegne Du lohnest nie mich mit gelindrem tritt · Du weisst nicht wie ich diese stunde segne Und traurig bin da sie entglitt. Ich leugne was ich selber mir verheissen .. Auch wir besitzen einen alten ruhm · Kann ich mein tuch von haar und busen reissen Und büssen mit verfrühtem witwentum? O mög er ahnen meiner lippe gaben – Ich ahnte sie seit er als traum erschien – Die oleander die in duft begraben Und andre leise schmeichelnd wie schasmin. Ich darf so lange nicht am tore lehnen · Zum garten durch das gitter schaun · Ich höre einer flöte fernes sehnen · Im schwarzen lorbeer lacht ein faun. MAHNUNG Du folgst der horde die dich tosend lud Zum thron aus grellem gelbem seidenstoff Und rohem gold das oft von blute troff Inmitten trümmersee und flammensud. Nun weihe jede lust und jeden mord! Dein wille rasend wie der gischt am fels Erfreut sich am verheererischen nord Und spottet klarer luft und klaren quells. Vor deinen schuhen stammelt man den eid · Entführte weiber weinen ihren gram Und eine · wirr im schrecken · ohne scham Zerreisst vor deinem herrenblick ihr kleid. Wie feile kiese bieten sich dir dar Koralle perle demant und smaragd · Die priesterin in züchtigem talar Verneigt sich grüssend: siehe deine magd. Und einsam gibst du dir ein wildes spiel: Wann sich dein haar in niedrer lache nässt · Dein stolz mit wonne in die furchen fiel Die der gemeinen tiere klaue lässt .. War so denn wirklich dein erstritten land? O überhöre jenen lockungschrei Und sag nicht dass dein leid dein führer sei Und wechsel nicht ein würdiges gewand. [Die märkte sind öder und saiten und singende schweigen] Die märkte sind öder und saiten und singende schweigen. Wie hab ich heiss gespäht In kirchen palästen bei festlichem spiel oder reigen Und tränen ausgesät Da sie mir stets entfloh! Auch hier nicht! und doch ich kann mich genau noch entsinnen: Wie winkten mir schon auf der wandrung so lang diese zinnen Und so verheissungsfroh! Ich muss aus der stätte wo keinerlei gnaden mir warden Durch wüsten weiterfliehn · Hinan und hinunter verletzen mich härene karden Und schwellende blätter wie schlangen am boden ziehn. An dieser höhe saum Entdeck ich auf ihrem haupt eine grünende insel · Da steht ein thujabaum · Gebüsche ranken am rande · Von droben wie aus der kindlichen meister pinsel Erstrecken sich türme und brücken und städte und lande · Wie manches neue ziel! Der abend in ockerfarbenem leuchten verfloss · Der kelch einer zeitlose duftete vor er sich schloss Und weisses manna fiel. [Mächtiger traum dem ich zugetraut] Mächtiger traum dem ich zugetraut Dass seine töchter zu treuen gespielen Mehr denn der irdischen eine gefielen: Lange hab ich ihnen zugeschaut. Nächtig verlockende gleissende pfauen · Spender von gierig erwartetem grauen · Morgens lerchen mit heftigem schlag Aber würdig wie der klare tag · Läg im vergnügen an fasslichen tönen Die mir seit monden im munde dröhnen Zu neuer erscheinung ein keim? Kehr ich nun zu wahren auen heim? [Schweige die klage] Schweige die klage! Was auch der neid Zu den gütern beschied. Suche und trage Und über das leid Siege das lied! So will es die lehre. Er tat es in ehre Schon wieder ein jahr. Der ost wie der süd Ein täuscher ihm war Und nun ist er müd. Am fuss einer eiche Da schuf er ein grab Für mantel und stab · Sie wurden zur leiche: Nun rüst ich zur fahrt Von fröhlicher art. Dann brach der damm Verhaltenen quellen · Sein auge ward feucht Er stöhnte .. mir deucht Ich soll auch am stamm Meine leier zerschellen. [Lass der trauer kleid und miene] Lass der trauer kleid und miene Wenn ich neuen trost auch meide: So versankest du im leide Dass er halb ein hohn erschiene. Aber mit dem grimme ringen Wann die menschen froh sich einen Dient es? wann die bronnen springen Ewig mit dem mond zu weinen? Ob ein sturm auch eben tose Und ein lied vom winter pfeife: Sieh es keimt noch manche rose Noch bedarf das korn der reife. Spenden nicht die kühlen finger Leise lust mit ihrem froste?.. Sei verjährter fahrten singer Dass der klangdraht uns nicht roste! [Ihr alten bilder schlummert mit den toten] Ihr alten bilder schlummert mit den toten · Euch zu erwecken mangelt mir die macht · Die wahren auen wurden mir verboten · Nun kost ich an verderbnisvoller pracht. Getroffen von berauschenden gerüchten Erblick ich in dem blauen wiesental Die reiher weiss und rosafarben flüchten Zum nahen see der schläft und glänzt wie stahl. Da schritt sie wie im ebenmass der klänge · Ihr hochgestreckter finger hielt und hob Der bergenden gewänder seidenstränge Die sie bei nacht aus weidenflocken wob. O weises spiel durch diese hüllen ahnen! In meinen sinnen blieben wir ein paar Bevor sie hinter blumigen lianen Zum nahen see hinabgeglitten war. NEUER AUSFAHRTSEGEN Als noch verheissung mich ins ferne schickte · In lichten schlafen ich die braut ersann · Da tatest du mich einen tag in bann An dem ich dich als ihren boten blickte. Da langsam heisse gier nach ihr erstickte · Ich in entsagung frieden fast gewann · Sprich ob es gute fügung heissen kann Wenn nochmal mir dein auge nieder nickte .. Ich schreite durch den dom zum mittelthron · Auf goldnen füssen qualmen harz und santel · Mein sang ist schallend wie zu orgelton · Zur salbung fliess · mein eigen siedend blut! Wo find ich wieder meinen pilgermantel? Wo find ich wieder meinen pilgerhut? [Dass er auf fernem felsenpfade] Dass er auf fernem felsenpfade Sich einsam in dem lichte bade · Dass er dem laub dem wasser lausche Und dass der klage klang verrausche · Dass er in sturmes trieb sich stähle Und heiter sich die heimat wähle! Aber durch wessen verwünschung und welche Tücke gelangt er bei nacht an ein moor? Auf dem leise sich neigenden stengel Ragt aus dem ried eine lilje hervor · Flügel wiegen im milchweissen kelche. Böser engel · verführender engel! Der wandrer wankt im guten wege · Im schilfe ward ein raunen rege · Den langen schattenzug der rüstern Verfolgt er jeder heilung bar · Sein auge flackert irr im düstern · Die winde wirren ihm das haar. [Die frühe sonne küsst noch ohne feuer] Die frühe sonne küsst noch ohne feuer Den kies der langsam seine feuchte gibt Im heim das seiner herrin immer teuer Sobald sie kühlung und den frieden liebt. Sie wandelt aus der blau berankten tür Durch ihre nelken astern und reseden – Ihr haucht auch noch wie vormals für und für: Du bist die königin im blumeneden? – Ihr fliegend band verscheucht die schmetterlinge · Die beiden palmen zucken vor dem wind · Verdrossen wittert sie den stolz der dinge Die nur zum blühen aufgesprossen sind. VERJÄHRTE FAHRTEN I Zwischen wälder über täler Wallten wir mit ernstem wort · Mehrten kindlich mit erröten Unsrer sünden leichte mäler Wollten uns aus unsren nöten Retten an dem gnadenort. Stille hoffnung hehre führung Uns der wege müh versüssten Bis wir o mit welcher rührung Die geweihten türme grüssten! Und wir sanken keines spottes Achtend als der abend mild In den farbenfenstern glomm Auf die fliesen streng und fromm Noch vor keinem muttergottes- Sondern vorm erlöserbild. II Kein tritt kein laut belebt den inselgarten · Er liegt wie der palast im zauberschlaf · Kein wächter hisst die ehrenden standarten · Es floh der fürst der priester und der graf. Denn aus dem flusse blasen fieberdünste · Ein feuer fällt · ein feuer steigt empor Und um der ziergewächse welke künste · Um alle farben spinnt ein grauer flor. Jedoch der Fremde bangt erwartungsvoller · Er geht den pfad am taxushag hinan .. Kein schein von einem blauen sammetkoller Von einem kinderschuh aus saffian? III Wir jagen über weisse steppen · Der trennung weh verschwand im nu · Die raschen räder die uns schleppen Führen ja dem frühling zu. Die nacht voll rollender gedanken · Ich weiss .. und wie nach spätem schlaf Als vor dem licht die nebel sanken Matter schein die scheiben traf · Wo farren gräser junge palmen Ganz aus kristall sich aufgestellt Mit ähren moosen schachtelhalmen · Wundersame pflanzenwelt! [Beträufelt an baum und zaun] Beträufelt an baum und zaun Ein balsam das sprocke holz? Verspäteter sonnen erglühn Die herbstlichen farben verschmolz Rotgelb · gesprenkeltes braun Scharlach und seltsames grün. Wer naht sich dem namenlosen Der fern von der menge sich härmt? In mattblauen kleidern ein kind .. So raschelt ein schüchterner wind So duften sterbende rosen Von scheidenden strahlen erwärmt. An schillernder hecken rand Bei dorrenden laubes geknister Und lichter wipfel sang Führen wir uns bei der hand Wie märchenhafte geschwister Verzückt und mit zagendem gang. DIE SPANGE Ich wollte sie aus kühlem eisen Und wie ein glatter fester streif · Doch war im schacht auf allen gleisen So kein metall zum gusse reif. Nun aber soll sie also sein: Wie eine grosse fremde dolde Geformt aus feuerrotem golde Und reichem blitzendem gestein.