VON EINER REISE 1888–89 DIE GLOCKEN Ich hörte euer sonder geläute Es weckte in mir eine sondere freude Es schienen darin bekannte stimmen Wunderbar ineinander zu schwimmen. Als ich schwach war da liess euer klingen Vor reue des herzens saiten zerspringen Und alle stärke es von mir trug In der frage: klingt wahrheit ihr oder trug? Nun fürcht ich euren schall nicht mehr .. Nur weiter nur weiter! es regt mich nicht sehr. Ich höre nichts aus euren tönen Als hoffen vergessen versöhnen. [Ich kam als der winter noch thronte] Ich kam als der winter noch thronte Ich sah vor der sonne ihn weichen Ich sah wie in blühenden reichen Der frühling die sänger lohnte .. Nun seh ich die blätter sich färben Und gehe bevor sie sterben. Du freundlicher strand meinen dank Dass du mich gastlich geborgen Einen langen sommermorgen Halb ernster traum halb spiel und schwank! NOVEMBER-ROSE Sage mir blasse rose dort Was stehst du noch an so trübem ort? Schon senkt sich der herbst am zeitenhebel Schon zieht an den bergen novembernebel. Was bleibst du allein noch blasse rose? Die lezte deiner gefährten und schwestern Fiel tot und zerblättert zur erde gestern Und liegt begraben im mutterschoosse .. Ach mahne mich nicht dass ich mich beeile! Ich warte noch eine kleine weile. Auf eines jünglings grab ich stehe: Er vieler hoffnung und entzücken Wie starb er? warum? Gott es wissen mag! Eh ich verwelke eh ich vergehe Will ich sein frisches grab noch schmücken Am totentag. DIE SCHMIEDE Horch! derselbe laut wie jahrelang Mich quälte im morgendämmern: Geglühten eisens zischender klang Und wuchtiges hauen und hämmern. Wie konnte mir jeder dröhnende hieb Die morgenstunde verbittern! Er höhnte dass unterm joch ich noch blieb In zürnen bald bald in zittern. Und kläglich und schmerzlich rief es dann So oft man da drüben geschmiedet: Jezt hat einen neuen nagel man In das zwangskleid der seele genietet! Wie! hat mich von neuem ein widrig loos In trüben gewässern geentert? O nein derselbe ton ist es bloss Doch zeit und ort sind verändert! Weckt heut mich des eisens und amboss streit So weiss ich dem schmiede verzeihung. Er mahnt mich nicht mehr an die finstere zeit Er schmiedet zum heil zur befreiung. DER SEE In tausend farben schillert der see Er spiegelt das bild auf dem wolkenbau Das die halb schon verborgene fee Hat zaubrisch entrollt: Von lichtgrün zu blau Von purpur zu gold Die farben ineinanderfliessen Im bilde still schimmernd Im spiegel rasch flimmernd. Zur seite stehen die mächtigen riesen Sie schaun in den see Durch dunkle stahlgewande verschönt Mit glänzendem schnee Die trotzigen nacken Und die trotzigen häupter gekrönt. Im hintergrund liegen bleigrau die wogen Und ganz in der ferne des eisgebirgs zacken Von Einem blassen schein überzogen – Die linke dunkelnd Lastend und schwül Die rechte funkelnd In buntem spiel. Darüber ein heiliger friede ruht Der friede der berge der wolken der flut. SEEFAHRT Ich fuhr mit den freunden über den see Der abend neigte sich In dicken flocken flog der schnee Und langsam unser nachen Die dunkle flut durchstrich. Die nebel verhüllten rings das land Kein schein vom himmel schaut Und von dörfern am strand Erklingen die ave-glocken Mit traurig gedämpftem laut. Die küste beendet unsren lauf Wir landen und steigen aus Wir gehen zum kleinen ort hinauf .. Kein mensch lässt sich erblicken Und stumm steht jedes haus. Wir kommen an der kirche vorbei Die türe verschloss nicht ganz – Es tönte darinnen wie litanei .. Wir treten ein in der frommen kreise Die mütter beten den rosenkranz. Die freunde lachen – wir eilen fort. Die zeit ist um! das dunkel droht! Doch mich verlezt ihr spottend wort Bin ich auch nicht viel besser selber – Ich steige sinnend in das boot. UNSER HERD Der abend dunkelt .. im grossen kamin Flackert ein lautes feuer Die dichten rauchwolken aufwärts ziehn An dem geschwärzten gemäuer. Die flamme schlägt um den dicken block Und häufige funken stieben Aus drübergelegtem reiserflock Von dem glühenden hauche getrieben. An ketten ein kessel herunterfällt Drin siedet die brodelnde suppe Indes in der ecke friedlich gesellt Sich lagert der haustiere gruppe. Die wände sind behangen ganz Mit töpfen löffeln und pfannen Hoch oben prangen in goldnem glanz Die kupfernen deckel und kannen. Der fink im bauer piepend singt Im matten lichtes-scheine Und aus der kammer ein lied erklingt: Die mutter wiegt ihre kleine. STIMMUNG In den sternlosen dunkeln himmel Ragen des domes spitzen Die silbernen lampen blitzen. Der menschen schwarzes gewimmel Wogt in dem säulengang Und die weite piazza entlang .. Welch ein fremdes und leichtes treiben! Ich seufze und weiss nicht warum. Für mich ist nicht gut hier bleiben .. Hier ist es zu laut und zu stumm. SONETT NACH PETRARKA Es hob mich der gedanke in ihre kreise Zu ihr nach der hier vergeblich geht mein streben Dort sah ich sie im dritten himmel schweben .. Schön war sie wie nie doch in minder stolzer weise. Sie fasste mich bei der hand und sagte leise: »So michs nicht trügt werden hier vereint wir noch leben .. Ich bins die so grosse kämpfe dir gegeben Und die vor abend beendete ihre reise. Mein glück begreift kein menschlicher verstand: Dich allein erwart ich und meine schöne hülle Die da unten blieb – der anfang deiner liebe« Ach warum schwieg sie und entzog sie ihre hand? Bei solcher liebreicher und keuscher worte fülle War mir als ob ich in dem himmel bliebe. ERSTER FRÜHLINGSTAG Schon hab ich seine nähe gefühlt Schon seinen zauber empfunden Doch das war im süden drunten Wo die sinne nichts andres ahnen Als wärme schönheit und licht. Es schwand der duftige traum .. Ich ward in den norden entrückt Wo grade der kampf begann Des jugendlich schönen gottes Mit dem alten finsteren mann. Der sieg scheint entschieden zu sein. Heut bricht zum erstenmal Des frühlings gewalt auf mich ein Unter dem grünenden dache Im weiten sonnigen park. Heut ist mein erster lenzestag. Gierig trinkt seine wonnen ein herz Das starker regungen bar Zu kleinen lieben sich zwingt Und nach einer grossen vergebens ringt. [Die alte liebe noch] Die alte liebe noch? In ihrer torheit noch und wildheit gleich An lockenden und üppigen bildern reich? Sie ist noch so. Das blumenblättchen deiner hand entflogen An dem ich fromm und ehrfurchtsvoll gesogen? Nein nicht mehr so! Sie ist noch – schlägt noch ihre alten wunden Jedoch das heilige ist daraus entschwunden. KEIM-MONAT Der puls einem pochenden hammer gleicht Und glühender hauch meine lippen bleicht Ein blick ein atem schon wild mich durchrüttelt Ein leises streifen mich fiebrisch schüttelt Ich fühle in allen tiefen ein gähren Mein todesschlaf kann nicht länger währen.