ZEITGENÖSSISCHE DICHTER ÜBERTRAGUNGEN ERSTER TEIL ROSSETTI · SWINBURNE · DOWSON · JACOBSEN · KLOOS · VERWEY · VERHAEREN VORREDE DER ERSTEN AUSGABE In der vorliegenden sammlung sind eine anzahl werke der wichtigsten geister vereinigt denen man das wiedererwachen der dichtung in europa verdankt und die in den früheren jahrgängen der blätter für die kunst zum erstenmal nach deutschland eingeführt wurden. Diese in verschiedenen heften zerstreuten proben sind im laufe der zeit zu büchern angewachsen. Dass sie jezt erscheinen wurde zum teil veranlasst durch den unwillen über die entstellungen die als wiedergabe der verehrten meister bei uns eben sich anbieten: weder die verjährte breite der biedern nachfahren noch der täuschende schwung der hurtigen lehrlinge lassen den neuen geist durchbrechen. Der einsichtige wird die gewerbsmässige vollständigkeit nicht unbedingt einer auslese vorziehen so wenig als das ganze in fälschung dem echten wenn auch kleinen teil. Es könnte erstaunen dass sich hier an die nun bekannten dichter des ältern geschlechts unmittelbar die kaum bekannten jüngeren reihen. Aber wie bei ihrem erscheinen vor längeren jahren von diesen ersten nicht einmal die namen bei uns öffentlich angeführt wurden während sie heute sich einer ziemlichen berühmtheit erfreuen: so können auch jene lezten in einem weiteren jahrzehnt wenigstens dem namen nach in aller munde sein. AUS: DAS HAUS DES LEBENS II DER LIEBE ERLÖSUNG Du flössest meinem munde allzeit ein Der in der liebe stunde fromm entbrennt Der liebe fleisch und blut im sakrament · Ich fühle dir genaht: der odem dein Muss ihres domes tiefster weihrauch sein · Du hast sie stumm empfangen und dir nennt Sie ihren wunsch dass nichts von dir mich trennt Und überm kelche sprachst du: denke mein! O welches glück mir deine huld verleiht Und welchen ruhm der liebe! trittst du vor Den steilen weg zu dem verlassnen tor Zum seufzersee zum ort der traurigkeit Und bist erlöser dort und steigt befreit Mein geist aus banden wenn du winkst empor. III LIEBES-SCHAU Wann · liebe · werd ich dich zumeist gewahr? Wenn meiner augen geister in dem licht Feiern vorm altar deinem angesicht Der liebe dienst · durch dich mir offenbar? Um uns in dunkler stund – wir einsam paar – Wenn enggeküsst durch blasse dämmrung bricht Dein schimmernd antlitz und mit schweigen spricht · Wenn deine seele all mein eigen war? O liebe liebste soll ich nie mehr hier Dich schauen · noch den schatten nur von dir Noch deiner augen bild am frühlingstag: Wie rauschte dann ob lebens finstrem hang Verwelkter hoffnung laub im sturmesdrang Des todes nieverwehendem flügelschlag? IV DER KUSS Welch qualmend leid in tödlichem verzug Und welches tückevollen wechsels bann Dem leib den ruhm · der seele rauben kann Die hochzeitskleider die sie heute trug! Denn sieh! ihr mund in dieser stunden flug Mit meinem solch mittönend spiel begann Wie Orpheus sehnt · als er sie halb gewann · Der darbenden die lezte laute schlug. Ich war ein kind in ihrer hand · ein mann Wenn brust an brust wir schmiegten · wir zu zweit Geist wenn ihr geist durchdringend mich befreit · Gott wenn vorm ganzen lebensatem rann Das lebensblut · an brunst wetteifernd dann In feuer feuer · gier in göttlichkeit. IX DAS GEBURTS-BAND Bemerktet ihr in manchen häusern nie Wie zwei erzeugt im ersten hochzeitsbette Stets halten ihre eigne sanfte kette Vergass sich auch der pflegrin brust und knie. Wol sind mit ihres vaters kindern sie In sinn und tat gutwillig · doch für jeden Der beiden gibt es ein geheimes reden Und birgt ein wort vollkommne harmonie. So · Liebe · als ich dich zuerst gekannt Schien mir: die mir verbundene seele ist Mehr als das leben weiss mit mir verwandt. Du mit mir spross fern dort wo sichs vergisst Und lang mit schau und schall nicht greifbar · bist Als seelen-mitgeburt mir wol bekannt. XXII GEBROCHENE MUSIK Die mutter wenn sie meint dass im gelall Des säuglings sie zuerst ein wort erkannt: Sie rührt sich kaum · die augen abgewandt Mit offnem mund und ohr · dass dieser schall Sie nochmals rufe .. angst- und zweifelvoll Hat so die seele oft gelauscht bis Sang Ein taglang innres wimmern schliesslich klang Und süss musik und süss die träne quoll. Doch jezt – wie oft auch meine seele schon Auf dies gewohnte flüstern horcht – wie ein Verschlossner dumpfer meeresmuschel-ton: Es kommt kein sang · allein die stimme dein · O bitterlich geliebte! und ihr lohn Ist einzig unerlaubten betens pein. XXIV WEIDENWALD I Ich sass mit Amor an des baches hang · Wir neigten uns zum wasser · er und ich · Er sprach kein wort und blickte nicht auf mich · Er rührte nur die laute wo erklang Ein tiefes ding das ihn zu reden zwang. Nur trafen unser beider augen sich In niedrer welle · deren rauschen glich Der teuren stimme und ich weinte bang. Ich weinte und sein aug ward ihrem gleich · Mit seines fusses seiner flügel streich Wischt er den tau durch den das herz mir schwoll. Dann wurden dunkle kreise wallend haar · Als ich mich bückte bot den mund sie dar Und volles küssen mir zur lippe quoll. XXV II Und Amor sang: es war ein sang halblaut Umstrickt von dingen die entwirrbar kaum · So wimmern seelen öd im todesraum Wenn immer noch der neue tag nicht graut. Dann hab ich eine dumpfe schar geschaut Von wesen abseits – eins an jedem baum · Sie alle Sie und ich in trübem traum · Die schatten unsrer tage ohne laut. Sie sahn uns an – gewiss: gekannt zu sein Und wehe seelen waren drunten wo Der unversöhnlich enge kuss entfloh. In eigen-mitleid alle brechend schrein: Ach einmal einmal einmal nur allein! Und Amor sang noch und sein lied klang so: XXVI III Ihr all die ihr im weidenwalde schweift Und schweift mit hohlem weissen antlitz sacht · Nach welchem einsam tiefen fall geschleift · In welcher langen lebenlangen nacht! Eh wieder ihr · die ohne macht ihr streift Nach lezter hoffnung – die ihr ohne macht Nach eurer unvergessnen speise greift · Eh euch · eh wiederum das licht euch lacht! Ach bittre ränfte in dem weidenwald Mit giftblatt bleich · mit blutkraut brennend rot! Ach wenn ein solcher pfühl im leiden bald Die seele betten würde bis sie tot – Eh'r allzeit sie vergessen als dies ding · Dass sie sich fängt in dieser weiden ring. XXVII IV So klangs · und wie sich ros und rose müht Eng zu verwachsen in des windes qual Und so zu bleiben · bis zum späten strahl Die blätter fallen wo der herzfleck glüht – So war der kuss als der sang starb versprüht. Sie sank ertränkt hinab und war so fahl – Fahl wie ihr auge · ob mir je einmal (Obs Amor weiss?) ein wiedersehen blüht! Ich weiss nur das: ich beugte mich und trank In tiefem zug das wasser wo sie sank Und ihre hauche · tränen · all ihr sein. Ich weiss: im beugen fühlt ich Amors haar An meinem halse mitleidvoll · es war Sein und mein haupt in seinem heiligenschein. XXXII EIN DUNKLER TAG Der dunst der mich mit dieser luft umweht Wie regen ist der auf den wandrer schlug. Er weiss nicht: ist ein neuer sturm im zug – Ist es der rest des alten der sich dreht ... Verspricht die stunde neues blumenbeet? Ach · oder ahnt sie nur den tag dess pflug Einst not gesät – die nacht wo du (o trug! O beten!) nicht mehr fülltest mein gebet? Wie struppig war das gras das doch so sanft Da liegt an dieses weges rand gedrückt · Ein spiel der zeit · bis nacht bis schlaf es glätte – So wie ein distelflaum am toten ranft Von einer maid im jugend-herbst gepflückt · Damit sie einst ein weiches brautbett hätte. XXXIII DIE SPITZE DES HÜGELS Es ist der sonne festtag: ihr altar Im breiten westen ruft zum vespersang. Ich bringe – ich verblieb im tal zu lang – Verspätet meine huldigungen dar. Doch dies · erinnr ich wohl · ward ich gewahr Auf meinem wanderzug: ihr antlitz stand Verwandelt an umfranztem himmelsrand · Ein feuerbusch mit blendend hellem haar. Nun da mein fuss die höhe kaum gewinnt Muss ich hinab durch jäher schatten schicht Und irrend wandeln bis die nacht beginnt. Doch weiden darf sich kurz noch mein gesicht Daran: wie gold und silberluft zerrinnt Und lezter vogel fliegt ins lezte licht. XXXIV ÖDER FRÜHLING Das jahr hat rollend neuen lauf vollbracht. Und wie ein mädchen das im kahne fliegt Sich bald nach vorwärts bald nach rückwärts wiegt – Ganz wie der wind es will – und glüht und lacht: So naht mir froh der lenz · doch er entfacht Kein lächeln mehr in mir der machtlos liegt In toten zweigen die der winter biegt. Heut hat kein frühling über mich mehr macht. Im krokus sieh! ist welker flamme grab · Im schneeball schnee · in apfelblüten schmerz Die frucht zu ziehn für falscher schlange scherz. Nein · von den frühlingsblumen wend dich ab Und halt erst wenn am lezten lilienstab Der weisse kelch zerfällt ums goldne herz! XLV DES LEBENS URNE Um lebens urne nicht mit schwachem schritt Wie ihr schlich er – er schob sie mit der hand Bis er nach allen seiten sie verstand: Dort rüstet einer frisch zu grossem ritt · Sein weg führt wüsten ihm und gärten mit · Er lacht der nie in frohem schwarm sich sezt · Er weint der doch nie stillsteht und zulezt · Ein jüngling kronetragend · schweigsam tritt. Die urne füllte er mit wein für blut · Mit blut für tränen · duft für heiss gebet Mit laub das für der liebe grabmal passt Und wollte sie zerbrechen bei der flut · Doch hielt in schicksals namen ein. Sie steht Nun leer bis einst sie seine asche fasst. AUS: SONETTE ZU BILDERN DER WEIN DER CIRCE Schwarzlockig neigt sie überm goldnen wein In goldnem kleid und träufelt schmach und blut In schwarzen tropfen · rings ist duft und glut Um ihren tisch · der goldnen blumen schein. Tritt Helios hier in Hekates verein · O Circe · ihre priesterin! und tut In bann die gäste unter liebeshut? – Dann bricht erbarmungslos die nacht herein · Herrn ihrer stunde kommen sie – vor ihr Die tiere kauern · ihnen gleich vorzeit · Bei denen sie in neuer ähnlichkeit Des nachts antworten wenn das meer dumpf rollt Mit leerem ach vom flutenstrand der gier Wo das zerzauste gras dem meere grollt. AUS: LIEDER UND BALLADEN WIDMUNG Das meer gibt die muscheln der düne · Das land gibt die wasser dem meer – Viele sinds · doch ich gebe kühne Gesänge als erstlinge her · Der wind nehme grünblatt und weissblatt · Ohne früchte geschleuderte schar · Nehme weinblatt und rosblatt und geissblatt Losflatternd vom haar. Die nacht weht sie um mich in herden · Der tag treibt wie träume sie her. Die zeit streut wie schnee sie auf erden Und jagt sie in endloses meer. Bleiche blätter fruchtlos getötet Von flüchtigen jahren bedeckt · Die mit wein die mit blut angerötet Die von tränen befleckt – Die im staub mancher jahre verwittert Die dem kind auf die hand sich gesezt · In stillgrünen plätzen vergittert Gepflückt unter menschen erst jezt – Auf meeren voll wundern · in schluchten · An nördliche felsen gestreift · In inseln wo myrten nicht fruchten Und liebe nicht reift. Ihr töchter von träumen und märchen Die das leben noch immer nicht bannt: Faustina Dolores und Klärchen Julia und Amaranth! Werd ich ewig euch suchen müssen Wenn der schlaf · sei er wahr · sei er schaum · Zu mir kommt euch vergeblich zu küssen – Ihr töchter vom traum? Sie entwichen wie schlaf · wie auf gräsern Der tau alter dämmrungen weicht · So schwach wie ein schatten auf gläsern · Wie ein lied wie ein windzug so leicht. Nach der ebbe wie seewärts die wogen Erfüllt mit der finsternis fliehn: So die singvögel · die mich umflogen Dem blick sich entziehn. Toter jahre gesänge die jagen Auf vernehmlicher worte flug · Lose blätter vom strandwind verschlagen · Unbändiger vögel zug. Schon zur schulzeit mir manche gefielen Die leicht so in ton wie in schwung – Die jüngsten sind brüder von spielen · Die spätsten sind jung. Ist ein schutz während langsam es schwindet · Ist ein ohr für ein fliehendes lied Wie ein mann es zum harfenklang findet · Wie knaben es pfeifen im ried? Ist ein platz in der welt die ihr gründet · Ist ein raum in dem land eurer pracht · Wo nicht wechsel mit schmerz sich verbündet Und tag nicht mit nacht? Ob vom seewind ihr flügel auch zittert · Habt ihr nicht einen raum für sie hier Von grünenden flüssen umgittert In lieblicher lüfte revier? In feldern in turmigen mauern Schutz bei regen und glühendem schein Schönen wünschen und mildem bedauern Und liebe ganz rein? Im lichtland von märchen und farben – Die stunden drehn schattenlos um – Wo das feld voller prächtiger garben Und tönender blumen gesumm · Im wald wo der lenz halb verdüstert Sein sehnend errötend gesicht · Beim quell der für liebende flüstert: Empfangt ihr sie nicht? Der sorge singvögel die gurren Ihr lied wie zum feuer der dunst · Der wünsche sturmvögel die murren Laut-flatternd im winde der brunst · In dem windlauf – legt sich sein wüten – Zu der see fern vom lichte gebraust · Geschüttelt im dunkel wie blüten Nacheinander zerzaust. Ist die welt eurer hand auch an duft reich Und lieblicher hehrer erfüllt · Süss durch kunst mit dem warm-weichen luft-reich Ihrer schwebenden schwingen umhüllt: Lasst sie ein · unbeschwingte · verblasste · Alter liebe zu lieb – altem tag Und empfangt in dem bilder-palaste Dies reime-gelag. Ob die menschliche zeit voll verzichten Die jahre der jugend auch leert · Widersteht doch ein ding dem vernichten: Nie hat wechsel die treue versehrt. Hoffnung stirbt und ihr tod lässt uns wissen · Ihr glück wie ihr leiden entschwand · Eh die zeit – allzerreissend – zerrissen Um freunde das band. Vergehn auch in ein licht die vielen: Ist vom himmel zu hoffen erlaubt – Wenn vor wolken die strahlen auch fielen · Ist die welt auch der sonne beraubt: Sie hat mond und hat schlaf zum bescheide · Sinkt bräutlich und frisch – eine fee – Mit sternen und seewind im kleide Die nacht auf die see. FRAGOLETTA Wie · Liebe · soll man dich verstehn? Der freude sohn gezeugt durchs leid! Willst du gesichtlos sehn? Willst du geschlechtlos gehn Als knab oder maid? Von lippen seltsam träumt ich da · Von wangen wo zweideutig blut Gleich einer rose sah · Gleich einer rose – ja – Die knospend ruht. Welch land erzog dich? welches moos Verbarg dich blume wundersam? O liebes-doppelros – Lockst tauben mit gekos Zu blum und stamm! Ich mag nicht küssen dass mein mund Nicht härter als ein hauch dir droht · Dein süsses leben wund · Dein süsses laub zu grund Fällt blutig tot. Zeig deinen hals wie glanz der firnen Und deiner lippen taubenpaar! Sag: Venus hat nicht dirnen Nicht frauenlockenstirnen In ihrer schar. Süss flache brust · haupt dichtgehaart · Sanft grade hüfte · schlanker fuss · Jungfräulich fremde art – Sind sie nicht allzu zart Zum liebesgruss? Wie grüsst man dich? welch neuer nam – Der alle rührte – rührt dich weib · Dich taub für liebe und scham · Die Liebes-schwester kam Aus gleichem leib? O lieb · des mädchens mund ist kalt Und einfach rot ihr busen spriesst · Ihr haar ist gold und smalt Das immer gleicherfalt Ihr haupt umschliesst. Doch ist dein mund voll feuers und weins – Ich küsse deine brache brust ... So lehnt mein herz an deins · So lehnt dein haupt an meins Zu meiner lust! Die schlange sizt in deinem haar · In aller locken welle und strich Und deines busens blume gar! Dein mund zu hold fürwahr Für kuss und stich ... Mein arm umhüllt dein antlitz gut · Mein mund brennt auf dir wie ein strahl · Und wo mein kuss geruht Springt blumengleich dein blut Zum kusses-mal. Gift das in solcher süsse schleicht! O sterbensmüder taubengruss! Ihr flügel ist zu leicht Und dem des panthers gleicht Der liebe fuss. SAPPHISCHE STROFEN All die nacht durch traf nicht der schlaf mein auglid · Goss nicht tau · entfaltete keine feder · Schloss die lippen fest und metallnen auges Stand er und sah mich. Mir dem wach daliegenden kam ein traumbild Ohne schlummer über das meer · mich rührend · Rührte sanft mir lippe und lid und ich dann · Voll von dem traumbild · Sah wie weiss unsöhnbar die Aphrodite Losen haares ohne sandal am fusse Schien mit glut von westlichen meeressonnen · Sah den gesträubten Fuss · die straffen federn des taubenzuges · Schauend immer · schauend den hals gewendet Rück nach Lesbos · rück zum gebirg worunter Schien Mitylene · Hörte hinter ihr der eroten fliehen Auf den wassern plötzliche donner machend Wie der donner fährt von den stark entspannten Schwingen des sturmwinds. So verliess die göttin ihr heim mit furchtbarm Schall von tritt und donner von schwingen um sie · Während rückwärts singender fraun gelärme Drangen durchs zwielicht. O des sangs · der seligkeit · o der gierde! Die eroten lauschten in tränen · angst-siech Standen die neun musen gekrönt um Phöbus · Furcht lag auf ihnen · Da die zehnte sang: ihnen fremde wunder. O die zehnte Lesbische! alle schwiegen · Keine trug den schall dieses lieds vor weinen · Lorbeer auf lorbeer Dorrten alle kränze · doch ihr ums haupt her Rings um ihre flechten und aschnen schläfen Weiss wie grabschnee · bleicher als gras im sommer · Küsse-verwüstet · Schien ein licht von feuer als ewge krone · Ja fast die unsöhnbare Aphrodite Hielt und weinte fast · so ein sang war der sang. Ja auch bei namen Rief sie: zu mir wende dich · meine Sappho! Doch sie · abgewandt den eroten · sah nicht Tränen statt gelächter der göttin auge Trüben · vernahm nicht Schreckhaft stosshaft schwingen der taubenflügel · Sah nicht · dass der busen der Aphrodite Weinend bebte · sah nicht ihr bebend kleid · ihr Ringen der hände · Sah die Lesbier über zerschlagne lauten Küssend · lippen süsser als lautenstränge · Mund auf mund und hand zwischen hand der trauten · Schöner als männer · Sah allein die lippen und schönen finger · Voll von sang und küssen und kleinem wispern · Voll von tönen · schaute nur unter ihnen Steigen wie vögel Neulings flück · den sichtbaren sang · ein wunder Von vollkommenem ton und liebesunmass · Süss geformt und furchtbar voll donners trug er Schwingen des windes. Dann entzückt und lachend vor liebe streut sie Rosen · hehre rosen von heiliger blüte · Die eroten hüllten sich trüb und drängten Um Aphrodite · Und die musen schwiegen · ins herz getroffen · Götter wurden bleich · so ein sang war der sang · Alle sträubend · alle mit frischem schauder Flüchteten vor ihr ... Alle flohn seit längst und das land ward öde · Voll von brachen frauen und tönen einzig. Jezt vielleicht · wenn winde sich abends legen · Lullend beim taufall · Kehrt zum grauen seestrand die unerlöste Ungeliebte im dämmerlicht ungesehne Schar zurück der klagend verworfnen fraun die Lethe nicht reinigt · Rings umhüllt von tränen und glut und singend · Und das herz des himmels erschüttert pochend Und das herz der erde vor mitleid brechend · Hört sie zu hören. EINE BALLADE VOM TRAUMLAND Ich barg mein herz in ein nest von rosen Weit von dem sonnenweg niederwärts · So weich kann nicht weicher schnee mit ihm kosen – Unter den rosen barg ich mein herz. Was wollt es nicht schlummern? was sollt es nicht weilen Wenn niemals ein blatt von dem rosenbaum schwang? Was liess ihm den schlaf aufflatternd enteilen? Nur eines heimlichen vogels gesang. Lieg still! sprach ich: schwingen des windes ruhten. Das laub dämpft milde den stechenden strahl. Lieg still! denn der wind schläft warm auf den fluten Unstäter wie du ist der wind nicht einmal. Hat dich wie ein dorn ein gedanke getroffen? Verlezt dich noch zögernder hoffnung fang? Was hält deines schlafes lider noch offen? Nur eines heimlichen vogels gesang. Vom grünen land das ein zauber umgreifet Schrieb niemals den namen ein wanderer auf Und süssere frucht als auf bäumen dort reifet Kam niemals auf einem markte zu kauf. Die schwalben des traums ziehn im trüben gefilde · Wie schlaf ist in allen wipfeln der klang · Dort droht in den wäldern kein bellen dem wilde · Nur eines heimlichen vogels gesang. ZUEIGNUNG Im lande der träume ersah ich mein ziel · Dort schlaf ich und hör nichts den sommer lang Von liebe in treue von liebe im spiel – Nur eines heimlichen vogels gesang. LIED Liebe legt ihr schlaflos gesicht Auf dornige rosige schicht · Ihre augen von tränen waren rot · Ihre lippen waren bleich und tot. Und angst mit hohn und gram An ihr bett zu wachen kam · Bis die nacht überwältigt entfloh Und die welt wieder morgen-froh. Und freude kam mit dem tag Und küsst' ihren mund der da lag · Und der wächter gespenstische schar Vom kissen entwichen war. Mit dem frührot ward hell ihr gesicht · Ihre lippen wurden rosig und licht. Herrscht der gram auch durch eine nacht: Am tag hat die lust wieder macht. AUS: VERSE AN EINEN IN BEDLAM Mit zarter hand des Irren hinter rostigen stäben Hat er gewiss auch seine kränze die er reisst und flicht – Duftlose halme stroh · armselige · sie kreuzen Sein enges kerker-weltall wo das dumpfe volk hinstarrt Mitleidig überlegen. O wie sein verzückter blick Mit ihrer stumpfheit eifert! Welcher göttertraum berauscht Sein lang und lächelnd sinnen wie ein zauberwein Und macht dass seine schwermut ist wie die der sterne! Beklagenswerter bruder! ob dich dies ihr mitleid trifft – Bin ich nicht freund von allem was dein hohler blick verspricht? Ein halbes toren-königtum fern denen die da sän und ernten Lebenlang eitelkeit. Besser als erdenblumen Sind deine mondgeküssten rosen · besser als schlaf · als liebe Sternkronige einsamkeit deiner vergessens-stunden. SERAPHITA Erscheine jezt nicht · traumverlorenes angesicht · Mir windverschlagen auf des lebens wilder see – Sei meine fahrt auch voll von finster sturm und weh: Hier – jezt – vereinen oder küssen wir uns nicht! Sonst löscht die laute angst der wasser vor der zeit Das helle leuchten · deines angedenkens stern Der durch die nächte herrscht – bleib von mir fern In deines ruhe-ortes heiterkeit! Doch wenn der sturm am höchsten geht und kracht Zerrissen see und himmel · mond in meiner nacht! Dann neige einmal dem verzweifelten dich dar · Lass deine hand (wenn auch zu spät nun) hilfbereit Noch gleiten auf mein fahles aug und sinkend haar · Eh grosse woge siegt im lezten leeren streit! HEFE Das feuer losch · die wärme ward zu rauch – So endet jeder sang den einer singt. Die hefe bleibt · (erschöpft der goldne wein!) Wie wermut bitter und so scharf wie pein. Mit kraft und hoffen ging die liebe auch Wo trüb vergessen tote dinge schlingt · Und bis ans end ein zug von geistern schleicht: Dies war die liebste · dies ein freund vielleicht. So sitzen wir und warten wunschlos · fahl – Bald fällt der vorhang · bald schliesst das portal · So endet jeder sang den einer singt. AUS: GESAMMELTE GEDICHTE ARABESKE ZU EINER HANDZEICHNUNG MICHELANGELOS (FRAUENPROFIL MIT GESENKTEM KOPF IN DEN UFFIZIEN) Kam die woge ans land? Kam sie ans land und sickerte langsam Rollend mit des kiesels perlen Wieder hinaus in die wogenwelt? Nein! sie bäumte wie ein zelter · Hob empor die weisse brust. Durch die mähne knisterte der schaum Schneeweiss wie des schwanes rücken. Strahlenstaub und regenbogen-nebel Zitterten durch die luft: Hülle geworfen · Hülle gewechselt · Flog auf breiten schwanenschwingen Durch der sonne weisses licht. Ich kenne deinen flug · du flüchtige woge. Doch der goldne tag wird sinken · Wird gehüllt in den dunklen mantel der nacht Müde zur ruhe sich legen · Tau wird in seinem atem glimmen · Blumen um seine glieder sich schliessen Eh du dein ziel erreichst. – Und hast du das goldene gitter erreicht Und streichest still auf gebreiteter schwinge Über des gartens weite gänge · Über die lorbeer- und myrtenwellen · Über der magnolien dunkle krone · Gefolgt von lichten · ruhig blinkenden · Gefolgt von starrenden blumenaugen · Nieder auf heimlich zischende iris · Getragen gewiegt in tränen-milden träumen Von der geranien duft Von der jasminen und tuberosen schweratmendem duft · Getragen zum weissen landhaus Mit den mond-erleuchteten scheiben Mit seiner wache von hohen dunklen · Hohen treuen zipressen: Da vergehst du in ahnungen-angst · Wirst verbrannt von dem bebenden sehnen · Gleitest vor wie ein wehen vom meer · Und du stirbst zwischen weinrebenlaub · Der weinreben sausendem laub Auf des balkones marmorschwelle. Doch des balkonvorhangs seide Wiegt sich langsam in schweren falten Und die goldnen traubenbüschel Von den angstvoll gedrehten ranken Sinken hin in des gartens gras. Glühende nacht! Langsam brennst du über der erde · Der träume seltsam wechselnder rauch Flackert und wirbelt hinweg aus deiner spur. Glühende nacht! Wille wird wachs in deiner weichen hand Und treue ein rohr nur für deines atems stoss! Und was ist klugheit an deinen busen gelehnt? Und was ist unschuld bezaubert von deinem blick Der nicht sieht aber wild saugt Zur sturmflut der adern roten strom · Wie der mond des meeres kaltes wasser saugt? – Glühende nacht! Gewaltige blinde mänade · Hervor durch das dunkel blinken und schäumen Seltsame wogen von seltsamem laut: Der becher klang · Des stahles hurtiger singender klang · Des blutes tropfen · der blutenden röcheln Und voll ausgestossen des wahnsinns brüllen · Gemischt mit der purpurroten gierde heiserem schrei. Aber der seufzer · glühende nacht? Der seufzer der schwillt und stirbt · Stirbt um neu geboren zu werden · Der seufzer · du glühende nacht? Sieh! des vorhangs seidenwellen trennen sich Und eine frau hoch und herrlich Zeichnet sich schwarz ab in der schwarzen luft · Heilige sorge im blick. Sorge für die keine hilfe – Hoffnungslose sorge. – – – – – – – – – – – – – – Stumm und ruhig steht sie auf dem balkon · Hat nicht wort nicht seufzer nicht klage · Zeichnet schwarz sich ab in der schwarzen luft Wie ein schwert im herzen der nacht. IM GARTEN DES SERAIL Rosen senken ihr haupt so schwer Von tau und duft. Pinien schaukeln so schweigsam und matt In schwerer luft. Quellen rollen ihr schweres metall In träger ruh. Minarets schauen in Türken-vertraun Dem himmel zu. Der halbmond spielt in das sanfte blau So sanft hinein Und küsst der lilien und rosen schar · Alle die blumen klein Im garten des serail – Im garten des serail. SEE-STÜCK Hervor aus des haares rabenschwarzen wolken Der augen blinkendes zwillingslicht Strahlend bricht. Des atemzugs wehungen laue und leise Über die klippen der schultern der weissen Sachte gleiten. Indess gegen kleides spitzenküste Schwellend sich wälzen die wogenden brüste Schaumweiss doch stumm. Ach wenn doch klänge Schmelzend weich und Zauberisch mild Hin zu sich tragendes Liebe-klagendes Meerfrauenlied! [Lass frühling kommen wann er will] Lass frühling kommen wann er will · Grünen das grün · Das lied von tausend vögeln tönen Und blumen blühn! Das schönste des schönen Eilet zu flackern Auf fluren und ackern · Quillt in den gärten und birgt sich im walde · Wälzet den duft über welle und halde – Was tut das mir? Mein herz ist nicht blume noch blatt Das am frühling freude hat. Wird ihm sein frühling seltsam und weh Je? – – AUS: VERSE SONETTE I Ich denke immer dein wie an die träume Drin · eine ganze lange selige nacht · Ein niegesehen antlitz uns zu-lacht So unaussprechlich lieb · dass bei dem dämmern Des bleichen morgens noch die tränen strömen Aus halbgeschlossnem aug · bis wir uns sacht Und schweigsam heben · klagevoll bedacht Dass schöne träume nimmer wiederkommen. Denn alles liegt in ewigem schlaf befangen In ewiger nacht auf die kein morgen tagt · Das ganze leben gleicht dem wunder-bangen Schreckvollen traum den einst die nacht verjagt – Doch in dem traum ein traum voll licht und sange: Mein traum so süss begrüsst · so sanft beklagt. II So wie da fern im stillen blauen wehn Und silbern-sachte der halboffne mond Blühte wie fremde blume ohne frucht Um bleich am horizonte zu vergehn: So sah ich einstens – wonne wundersüss – Dein halbverhülltes bildnis vor mir stehn Mit sanftem lächeln und mit seufzen dann Vor den erstaunten augen untergehn. Ich liebe dich wie träume in der nacht Die nach endlosem glücke einiger stunden Bei erster dämmerung für immer flohn · Wie morgenrot und bleiche sternenpracht: Etwas liebes · vermisst und nie gefunden · Wie alles was sehr fern ist und sehr schön. VI Kaum sichtbar wiegen sich auf leichtem hauch Die weissen blüten in der dämmrung · sieh! Wie raschen rauschens vor dem fenster noch Ein einziger allzuspäter vogel flieht. Und ferne dort die zartgefärbte luft Perlmuttergleich wo jeder ton sich bricht Und löst in weichheit .. ruhe – seltne lust · Denn alles ist bei tag so innig nicht · Ein jeder laut der noch von weitem sprach Verstarb · der wind die wolken – alles regt Sich leis und leiser · alles wird so still .. Und ich weiss nicht warum dies herz so schwach Das schon so müd ist immer lauter schlägt · Nur immer lauter und nicht ruhen will. XIII O dass ich hassen muss und nicht vergessen! O dass ich lieben muss und nicht vergehn! Ach Lieb-in-hass muss ich mich selber heissen · Keins kann in mir das andere bestehn. In trüben wünschen war ich hingesessen Um gellen drohens wieder aufzustehn – Ich konnte nie den bittren bissen essen: Weh still zu sein und sehr weit weg zu gehn. Ein hoffen nur · ein einzig süsses meinen · Ein wissen nur – und doch! ich kanns nicht glauben .. Ach dies: dass ruhen unter grünen steinen Ein ewig ruhen ist · in ein betäuben · Und dass die toten nicht im dunkel weinen Ums süsse leben mit den lieben droben. AUS: GESAMMELTE GEDICHTE I SONETTE: VON DER LIEBE DIE FREUNDSCHAFT HEISST I Licht meiner seele! ich sah dich stets von fern Und wusste dass du endlich kämest · laute Die ich vorher noch keinem anvertraute Gehn aus wie bleiche flammen – einen stern Im blau doch einen hellern lieblichern Seh ich in locken ruhen dein gesicht. Geheimnis vielen leids · doch hassens nicht Träumt dir im blick · ich sah es stets von fern. Ich will dich sehn mein licht · so sieh du mich: In einem hauch von glut wodurch jed wort Flammt von den lippen und zusammengleitet Mit anderen in lichter einigkeit – Und jeder träumt in einer glorie fort Und andre glorie geht uns still vorbei. VII Mein gott ist beides: glut und dunkelheit · Schön anzusehen ein wunder zu verstehen · Wie ER ist keiner – doch wenn ich dich sehe Wähn ich dass du ER-selbst auf erden seist. So hab ich meine seele dir geweiht Auf dass in deinen gluten sie vergehe · Sich sanft verzehre ohne lautes wehe · Froh solcher liebe und solcher einigkeit · Wie wenn zwei flammen spielen in der nacht Eine die andre suchend bleicher glühe Und schneller zittre in der andren glanz · Bis beide in der luft aufflammend ganz Vereinigt beben – dann bis in die frühe Brennt eine grosse flamme in stiller pracht. VIII O mann des schmerzes mit der dornenkron! O bleich und blutig antlitz das bei nacht Glost eine bleiche flamme · welche macht Endlosen leidens macht dein bild so schön? Glänzende liebe in einem dunst von hohn · Wie still sind deine lippen und wie sacht Nickst du vom kreuz · wie manchmal leise lacht Gott der Mysterien: Gottes liebster sohn! Flamme der Passion in diesem kalten All! Schönheit von schmerzen auf der dunklen bahn! Wunder von liebe das kein mensch vernahm! Weh mir! ich höre stets den trüben fall Der tropfen bluts · und lang starrt er mich an Mit grosser liebe und endlosem gram. XVIII Wie ein äthiopischer fürst von glühendem strande Die flotte schickt mit schätzen reich beladen: Gold elfenbein und herrliche gewande Als gab und gruss an fürsten fremder lande – Die schiffe prunken längs den blauen pfaden Und eine bunte schar geht aus beim landen · Sklavinnen sklaven mit gebognen händen Knieend zum thron mit schalen und zierraten: So ziehn gedrängt mir der gedanken scharen · Um dich mein fürst und freund gekniet zu grüssen Mit pracht vom edelsten · in mir gefunden. Ich lasse schiff auf schiff hin vor dich fahren Mit reichem sang und liebe dir zu füssen Die schätze häufen die hier unnütz stunden. AUS: DER NEUE GARTEN URSPRÜNGE I Die jahre gehn · ich der erst sieben jahr Von träumen lebte lebte andre sieben Von dingen: beide hab ich ausgeschrieben. Von versebänden schuf ich nur dies paar. Ob weitres sieben mir beschieden war Von taten! damit sich aus meinem leben Auch werk nach traum und dingen möcht ergeben Wie dinge klar wie träume wunderbar. So grünt ein strauch durch dunklen traum der erde Zum stiele stark und steil von schlichter art · Zur knospe die dann still zu nichte werde. Doch treibt er blume und frucht und saat: dann lohnen Lachen und leben ihn der schönstgepaart Sich und den nachwuchs krönt mit blumenkronen. AN JOHANNES ADDENS UND SEINE GATTIN Zweig um mein fenster wo die blumenglocken Schaukeln im grün und wingert der das lohe Spätjahrlaub schlagen fühlt: der rast-unfrohe Gast des verlassnen gartens wo frohlocken Von sonne und lachen eure traubenreihn Erfreut · als die hier wohnen froh da traten – Ich grüss euch: herbstge freunde denket mein Der wieder geht mit mehr als herbst beladen! Greis der mit deinem herbst von grauen haaren Frau die · im schwarzen kaum ein silberhaar · Herbstreife trägt in farbe und gebaren · Herbstsüsse fühlt im herzen klug und wahr: Lebt wohl! ihr habt mir zu der zeit gesprochen · Da all mein schmerz · verborgen · aufgebrochen Still seufzend eine jugend herbeschwor Die ich so liebte · so ungern verlor. Nicht jezt – vor jahren starb die schönre jugend Als je ein mensch im land mit mir erlebte · Die armut – meine not – schien meine tugend · Solang ich fromm nach neuer schönheit strebte · Schmerz war nicht: ohne schönheit · voll vertraun Bald nacht bald glut der schönheit zu erschaun. Doch war mir schmerz und lust nach solchem laufe Der fremden schönheit unerträumte taufe. Kein herbst-schön noch – ich weiss – doch blüht mein sommer Und ich beglückter bin ihm zugekehrt. Ich grüss ihn: bin ich nicht der neue kommer Der seiner wert ist wie er meiner wert? Doch sommer fand noch niemand · nicht sich sagend Dass jezt sein lenz für allezeit verdarb. Die fristen meines lebens überschlagend Seh ich sie alle tot wenn eine starb. Freundlicher herbst und jungheit die voll freude Blüht – so vereint nicht mehr so ganz viel jahre – Jezt hab ich durch euch beide klar erfahren Welch herbst ich wünsche · welchen lenz ich neide. Jezt geh ich hin · bin jezt dem manne gleich Der neugekauften garten zu besuchen Lang zagte · um die pfade nicht zu suchen Des alten in dem ihm so fremden reich – Doch der jezt geht und guten rats ins schloss Den schlüssel steckt · versichert: ohne pein In neuem land ein wanderer zu sein Und freundlich jede blume jeden schoss Grünen zu sehn – der · herr im fremden kreis · Die lebenswunder pflegen soll und schmecken Und · guter gärtner · voll vergnügtem preis Soll rosen blühen sehn an fremden hecken. Nun geh ich hin · ich hab an euch gesehn Dass wer nur liebt mit stätigem gemüte Den herbst und sommer sucht · wie ihre blüte Das kind das träumt dass blüten nie vergehn. Lebt wohl! und kehr ich – seis in einer andern Gestalt zurück (denn alle dinge wandern) Seht dann ob ich getrost den sommer lebe Von seiner frucht euch etwas wiedergebe. NACHT IN DER ALHAMBRA DER DICHTER: Wo ist das plätschern wo das flimmern Damit mein strahl die sonne traf? Zu tiefst und reinst ist dunkles wasser In seinem unterirdischen schlaf. Die hohen gäste sind vorüber – Der schatten legt sich langsam über Und in dem hohen blanken saal Ist durch die schlanken marmorgossen Das lezte wasser weggeflossen In strömen windungsreich und schmal. Und – ist es flüstern · ist es weinen? Sie rauschen · murmeln in den steinen In worten dünn und ohne wahl. Doch stumm sind der fontäne löwen Mit blöden leeren rachen gähnend Wasserlos – Und dunkel wird es in dem hofe Der abendhimmel scheint von oben Und die gestirne schimmern schon. Doch durch die tür wo vor dem düster Bei weiher und bei taxushag Akazien schaukeln · steigt geflüster Als trüber gruss als fremde frag .. DIE STIMME DER ALHAMBRA: Ich grüsse dich · fremdling · sind die tage Verschwunden wo du durch weiten flogst? Bekamst du schätze auf deine frage? Fühltest du nicht was du dir entzogst? DER DICHTER: Horch! durch die nacht ein leises schweben Von ferne der trübsinnige klang Der saite wo das zarte beben Des jungen minners aufwärts drang. DER MINNER: Neige dich · liebste Mit mondscheinarmen Sie mögen mir armem Tröstend sein! Zeig vor dem fenster Dein haupt als Selene – Wie sie · o mein sehnen · Nacht tag lässt sein! Häng aus dem fenster Die hand als Aurora! Sie soll · o Lenora · Mein frührot sein. DER DICHTER: 's ist still! der schall der jungen liebe Steigt kühn und sinkt verschüchtert hin – Was je mich grämte im erdgetriebe War solcher freuden anbeginn: Die liebe die beginnt mit geben · Der traum dem andre göttlich sind · Das herz das arm da steht mit beben Vorm schönen – eigner schönheit kind. Begierde · von den dingen sehend Nur was sie selber nicht berührt – Freimächtiger der als bettler gehend Ein trüb und freudlos leben führt. DER MINNER: Eros · du herrlicher! Wer · o begehrlicher Kennt dich wie wir? Wir sind wir selber nicht · Alles was uns gebricht Liebend gleich dir. Schönheit die unser nicht · Liebe die abhold spricht Huldigen wir. Schönheit füll uns! Liebe hüll uns! Nackt und ledig stehn wir hier. Sein ist verändern: Mach uns zu andern Dass so wir seien! Uns ist das werben süss · Uns auch das sterben süss · Wär je das darben süss An liebe und pein. DER DICHTER: Sein sang klingt kühn. In meinen erdentagen Sang ich ihn auch – nichts konnte mir behagen Als was mich lockte mit langwierigen plagen Und was mir schmeichelte mit kurzem glücke. Wo ist das eine das allzeit entzücke? Das mehr nicht als die erdendinge meinend Von aussen ihnen gleich an werte scheinend Doch innen irdisches mit ewigem einend – Ein SCHOEN das unvergänglich ist .. Sprich · stimme die du hier verborgen bist! DIE STIMME: Such nicht · sterbling · in gedanken Kalt und abgestreift Was im leben euch wird tagen Wenn ihr klüger seid und reift! Warte nur zu diesem morgen! Doch nicht fruchtlos sollst du sorgen. Dir nun geb ich dies symbol: Sieh aus steinen Sich vereinen Dieses fürsten-kapitol: Auf den schroffen Stehn und trotzen Türme mehr als felsenfest · Irdische heere Zückten speere Nie auf stilleres räubernest. Mag ein schloss im erdentreiben Stehn das mehr der erde war: Keins trägt so vermooste zinnen · Reisig über todsgefahr. Mit den bäumen den gewässern Die da brausen die da plätschern Talwärts hin und auf den höhn · Durch ihr dämmern ihre schwüle Wehet kühle Wie kein erdengarten schön .. Doch tritt jezt in die frohen säle Die mit feineren farben malen Als das licht den edelstein! Sieh das spitzenwerk der bögen · Sieh das webwerk an den rahmen Wie um frauenglieder fein! Sind es fische oder vögel? Eckenbilder oder kegel – Was soll diese zeichnung sein? Tier von wasser erde luft · Flut von wasser licht und duft · Was die schlanken linien schwellt · Formen kommen und verschwinden – Irdisches dem Ewigen gesellt. Siehe Jusuf weiser kunst voll Freund des Allah · grosser gunst voll · Dessen lob der stein anstimmt – Liess das vielgestaltige dauern In dem linienspiel der mauern: EINS das nie ein ende nimmt .. DER DICHTER: Die stimme sprachs. Kein zeichen bildet klarer Als dieser bau was geht was ewig webt. Der meister ist sein eigner offenbarer Und auch zugleich von allem was da lebt. Der künstler tut die tat die das Viel-Eine Durchdringe und zu einem sein vereine Das irdisch und doch unvergänglich scheine. DER MINNER: Leb wohl! der morgen macht den himmel gelb – Leb wohl mein lieb · die nachtigall Hört auf – das feld wird fahl. Die nacht hat ganz ihr teil. Leb wohl! die sonne Scheint von der Alhambra krone. Die leiter am balkone Erwartet schon den fuss. Der garten duftet warm betaut. Leb wohl! der himmel blaut! Leb wohl! nochmals ein kuss! Ich fühl um mich die arme dein. So bleib ich diesen langen tag allein – Dann komm ich wieder · süsse lust! Wenn abend duftig graut. MEIN HAUS II Die stille die ich fühle wenn der abend Um mich mein haus und stille dünen steht Und das getick der hänguhr lauter geht – Dringt in mich · heller meinen geist begabend. Die stimme meines geists tickt ungestört Gleich eines wassers brodelndem gesiede · Gleich dieses nimmermüden plaudrers liede Bewegt und spricht was tief in mir sich hört. Dichter! das Sein ist schön – doch merk aufs Werden! In dir ist alles was du rings begehrt. Der schatz der sich in einsamkeit vermehrt Soll seiner zeit vor andren sichtbar werden. Was deine zelle sieht beim gelben licht Wird einmal sich in offner sonne zeigen. – Das haupt · gebogen auf vermorschten zweigen Verliert damit das frohe leben nicht. Wenn deine stimmen aus den toten sprechen · Wenn dein Selbst lauschend einem toten gleicht: Schrick dann nicht sehr wenn · so die nachnacht weicht · Ein lebensschrei aus deinem mund wird brechen. III Mein land hat manche tage graue luft · Am fenster seh ich wie der nebel schwimme – Aus ihrem dampf hör ich der wogen stimme · Um nahen dorfes bäume braut ein duft. Dann hat in mir der nebel sich gehoben: Es recken formen trüb und ungestalt Das haupt empor und eine see träg wallt – Aus tiefen höre ich ein dumpfes toben. Dann ist in mir des volkes seel erregt Das – stets mit leibes-aug durch nebel staunend – Verkündigung aus seelennebeln raunend Im geistes-auge festhält unbewegt · Das nie im blauen All der klaren leiber Der Gottes-schöpfung klaren gang erkennt – Doch stets aus nebel der sich ständig trennt Sein fischervolk und schiff ins meer sah treiben. Die sonne hob sich träg durch dünste hin Die sie zerriss – die flotte in goldnem meer Zog längs der glut bis alles um sie her Dem der es sah gross und verherrlicht schien. So sah mein volk: so sieht sein sohn nach jahren. Das ist die schönheit die er in sich liebt: Ein goldnes land das sich aus nebeln schiebt · Ein goldner sang aus dröhnen dunkler baren. AUS: DER BRENNENDE DORNBUSCH Wir schwärmen wie trunkne: unsre taten Bedachten wir allzulang. Nun wachsen die dunklen herzenssaaten Um uns im wunderdrang. Sie drehn uns das haupt · ihre trübe Betäubung führt uns blind Längs dem rand von mancher grube · Längs schneidend steinigem wind. Wir gehn und horchen: unsre ohren Strengen umsonst sich an. Ists herz · das sich lässt hören Durch pfeifen rings im orkan? STERNE I Folg den verborgnen pfaden Von lust und wehmut! Es grünen dunkle saaten Von tod und demut. Im grünen schimmer Von wald und unter wasser Ist ein gewimmel Von wurzeln: blumen später. Ihre siechend-blanken Gestalten und farben Ihre durchdringend-kranken Traurigen düfte: All das seltsame leben das den tod begehrt Lebt von der fremden erwartung voll in sich gekehrt. III Ich tauche in den tiefen kühlen morgen Wo frischer tau der stirne brausen kühlt. Dieweil der wind vom meer mich stolz umspült Legen sich sacht im herzen alle sorgen Die stürmisch mein bedrängtes herz umfluten · Wie kann der tag so schwer von sorgen sein Und auch die nacht das innre nicht befrein! Doch jezt dringt der verlockten sinne gluten Des morgens tau und kühle gütig an · Zu sehr hat stadt und werk mich aufgerieben. Mein meer durchzog zu mannigfacher kahn – Von jeder furche ist da was geblieben Im tief verborgnen leicht bewegten sand. Komm friede! neu den boden glatt zu streifen. Ich such mit dir das fremde – eigne land. Ich will mich selbst und was ich bin begreifen. Ein stiller sumpf ist wo sich schilfe wiegen Und bäume rauschen um verborgnen ort. Geheimnisvoll sie ihre hauben biegen Und flüstern ihr geheimnis fort. Und wenn die nacht das braune schilf umkleidet Spiegeln sich sterne in dem dunklen moor · Wo sich das wild an seinem raube weidet Mit rotem maul – bricht ein geheul hervor. Ihr kinder spielt an meines weihers ränden – Wisst wol: ich bin kein lamm das sanft-gewollt Die kräuter schert – an euren kleinen händen Das seidne band trägt dran ihrs leiten sollt. Wol sanft und sacht lass ich mich oftmals leiten Und bin von blankem lämmergleichen schein · Doch randgras kauend an den weiherweiden Bespiegle ich was ich noch sonst kann sein. Dann treibt ein traum in meinen nüchtren sinnen Aus weissem wolligem haar sprüht roter strahl. Von den waldpfaden kommen sie die minnen: Heilge prälaten mägde allzumal. Palmzweige tragen die geweihten hände · Geblüm erblüht aus dem entzückten grund. Ihr ruf wirft in den offnen himmel brände Und strahlen fallen krönend um mich rund. Ein dröhnen naht durch dunkle himmelsgränze. Durchs Untre eilt ein tosen schwarz und schwer Und sterne steigen – sonnen ohne glänze – Wunder vom abgrund dringen berstend her. Totstill steh ich: mein Gott! mein Sohn! mein Vater! Weltall im kampf um mich! so sterb ich still. Mein lebenstraum – dem ewigen leben naht er · Erfüllt o Heilger! sei dein sichrer will! Sehn kinder zwischen blumen schlünde springen · Ob ihrem haupt den blauen himmel frei – Was soll ihr herz zu angst und liebe zwingen? Höll Himmel Erde oder wol die drei? O dichterkind! dein herz greift sie zusammen. Des kindes seele schliesst die ewigkeit Still in sich ein · gibt ihrem scheine namen Und weint und kennt drin dinge dieser zeit. AUS: DER KRISTALLZWEIG MICHAEL Er stand im niedergang des abends · gelb Und grün verglühten staunend ums gebäu Das rot und falb am horizont sich hob. Er stand im dunkel des gemachs · das aug Nicht wendend nach dem einzigen fenster · offen Nur einen nu – hoch ob der erd und fern Von mensch und haus · und wie ein mondstrahl schien Aus schwarzer wolk von kleid und haar das antlitz. ›Das Wort! das Wort!‹ – die lippen murmelten. ›Sein wort vom volk das lügt und schwazt gedeutet Als Buch von Lämmern – streitbar wie nicht eins. O kraft von zungen die das volk verstehe! ...‹ Sie hinter ihm wie mondesschein der treibt · Silberne einsamkeit · auf berg und meer – Entfachte kerzen die um Christi bild Huldigend standen und im glanze waren Sie reinste Jungfrau · freud auf heller stirn Streitbar wie keiner Gottes Feldherr: Er! ALBERT VERWEY GEB. 1865 AN FRIEDRICH NIETZSCHE Du warst das leiden das den lebenshunger Doch nicht verlernt · suchtest ob Frau Freund Junger Ob einer dich ansäh als solchen helden Doch keinen fandst du deine kunft zu melden. Dann wurdest dus · kreuzmann und freudenreicher O antichrist ... bereit zu immer gleicher Rückkehr leidvollen lebens ... frohe mär Die Zarathustra bringt dem irdischen heer. Dann fand man dich. Da hüllten dich die zwerge Als priester in ein weiss gewand. Zum berge Sahst du hinan aus deinem wahnsinns-tal Und antwort kam und klang dir allzumal: ›Dionysos der du aus dunklen bruten Entstiegst und bleibst in sommerhellen gluten Dir selber gleich – du herrscher trotz Apoll Mach uns mit deinem blut und wunden voll. Wille der macht gewann wo er sonst niemand War als sich selbst: wir setzen auf dein banner Den Aar · den könig jeden dings das fleucht · Die Schlange · wisserin jeden dings das kreucht. Hasser des mitleids · mann und stock der frauen Und meister deiner selbst · auf den zu bauen Ein höher Sein als auf ein fundament Du jeden hast berufen der dich kennt. Wesen das nochmals sei · Tänzer mit erden! Wir wollen mit dir ein paar ein ewiges werden Wir wollen dein sein deiner gluten voll Wir wollen sein wie du bist trotz Apoll.‹ Der sang klang aus · da traten durch das düster Die zwei gestalten hell durch eignen lüster: Der Lichtgott der den dreiklang herrlich strich · Der Christus · rot von speer- und nagelstich. Der eine sagte: Darstellung des gleichen Das ist mein traum · von mir dem gnadenreichen Allzeit ins endlos ungleiche geschwirrt Das durch den traum allein beseligt wird. Der andre sprach: Liebhaben trotz der wunden Nicht sich · nein jeden – das hab ich erfunden Als so allmenschlich grosse seligkeit Dass ichs euch wünsch – ihr der mein bruder seid. Das dunkel kam · auf dich der einsam sass. Gewann Apollo? Christus? und das maass Von gut und bös regte sich bangensvoll In dir. Du starbst sacht und verlangensvoll. AUS: DIE ABENDE DER SCHREI An ödem teich wo braunes wasser steht Hängt an ein schilfrohr sich ein abendstrahl – Verzweifelt tönt ein schrei · ein vogelschrei – Ein schwacher schrei der fern ersterbend weint. Wie ist er schwach und dünn und scheu und fein · Wie er in traurigkeit sich zieht und wiegt · Wie er sich dehnt und mit dem weg sich senkt Und sich verliert am stummen horizont! Wie seines röchelns takt die stunde schlägt Und wie in seinem kläglich schwanken ton Und seinem hinkend leisen widerhall Die abendschmerzen schüchtern sich beklagen! Manchmal so leise dass man kaum ihn hört Besingt er dennoch ohne unterlass Erloschnen lebens abschied düster zart Die armen toten und den armen tod. Den tod der blumen und den tod der falter Den sanften tod von flügel halm und duft Der fernen klaren flüge die erstarrten Und die gebrochen ruhn in gras und moos. DIE BÄUME Wenn schon die erde feuer- und purpurrot Unter der sterbenden sonne des herbstes flammt So sieht man von einem kreuzweg einsam und fahl Die bäume · die pilger · ins unendliche ziehn. Die pilger wandeln in ihrer betrübnis gross Gedankenvoll langsam und fromm auf den wegen am abend · Die pilger riesenhaft schwer · und lassen ihr laub Von tränen und trauer und bitterkeit sinken. Die pilger wandeln geheimnisvoll dahin · In zweien reihen immer · seit wievielen jahren? Zum himmel immer und seiner verblichenen pracht Und seinem magneten herrisch und unüberwindlich. Die pilger tragen mäntel ganz aus strahlen · Gezackt durch den verscheidenden abendglanz. Sie scheinen wie goldne kleider auf einem weg Dahin gezogen von weihrauch und staub. Die pilger mit ihren wirren und buschigen häuptern Bei ihrem vorüberwallen werden beschaut Von mystischen weilern und frommen dörfern Die im gebet sich beugen und niederknien. DIE MÜHLE (ERSTE FASSUNG) Die mühle dreht im tiefen abend leise Auf einem himmel voll von weh und trauer · Sie dreht und dreht. Ihr hefenfarbnes segel Ist trüb und schwach und ist unendlich müd. Seit früh hat sie die arme wie zur klage Gehoben und gesenkt und wieder nun Entsinken sie in der geschwärzten luft Im vollen schweigen der erstorbnen welt. Ein weher wintertag entschläft in weiten · Die wolken sind des düstren zuges müde Die hecken ziehen ihre schatten ein Die gleise gehn nach toten horizonten. Am feldrand ein paar hütten aus gebälk Sind ganz armselig hin im kreis gelagert · Das kupferlämpchen von der decke hängend Bezieht mit seinem feuer wand und fenster. Und in der ebne und entschlafnen leere Betrachten sie · die kläglichen verstecke · Mit armen augen aus zersplissnen scheiben Der alten mühle drehn und drehn und sterben. ANHANG Die erste ausgabe des mehr germanischen bandes der Zeitgenössischen Dichter erschien bei Georg Bondi 1905 nachdem zahlreiche gedichte schon in den Bl. f. d. K. gedruckt waren deren fundstellen das inhaltsverzeichnis angibt. Neu hinzugekommen sind die noch unveröffentlichte übertragung aus Rossetti: Das Geburtsband (s. 14) · und Verwey: An Friedrich Nietzsche (aus Bl. f. d. K. IX. F.) sowie die im anhange vereinigten übersetzungen aus dem Dänischen (Jacobsen: Irmelin Rose Bl. f. d. K. I. F. 5. B.) und aus dem Holländischen (Bl. f. d. K. III. F. 3. B.: Gorter · und VI. F.: Verwey) – Der Schöne Schein als besonders kennzeichnend für den verfasser. Alles im anhang übersezte ist wol unter aufsicht und mithilfe entstanden · jedoch nicht ganz als eigene arbeit anzusprechen. In den Bl. f. d. k. VI. F. ist die ganze reihe unterzeichnet: S.G. F.G. Sämtliche Verwey-übertragungen erschienen später als sonderheft im verlag der Blätter. Von mitteilung der wenig zahlreichen lesarten wurde abgesehen. Die übertragung des gedichtes von Verwey: Michael (s. 99) erschien erstmalig in den Bl. f. d. K. VII. F. mit der widmung: An D(erleth). Später hat Verwey diese verse durch zusammenstellung mit ganz allgemeinen ihrer persönlichen besonderheit entkleidet. EINLEITENDE SÄTZE BEI DER ERSTEN VERÖFFENTLICHUNG IN DEN BLÄTTERN FÜR DIE KUNST ALGERNON CHARLES SWINBURNE Wir hoffen bald eine grössere sammlung von übertragungen dieses englischen Dichterfürsten zur verfügung zu bekommen ›dem sie vor ein paar tagen den goldenen lorbeerkranz nicht gegeben weil er nichts heiligeres zu tun weiss als auf dem reichen blauen meere mit wachen augen die unsterbliche furche zu suchen aus der die Göttin stieg‹ wie unlängst unser mitarbeiter H.v.H. sich so schön ausgesprochen. (Bl. f. d. K. I. F. 3. B.) JENS P. JACOBSEN Diese wenig gekannten gedichte des grössten modernen dänischen stylisten stehen in der von E. Brandes besorgten auswahl. (Bl. f. d. K. I. F. 5. B.) DANTE GABRIEL ROSSETTI Wir sind erfreut in diesen seiten jezt nicht mehr den grossen englischen Meister zu vermissen der sowol in malerei als in dichtung eine neue zeit begann. (Bl. f. d. K. II. F. 4. B.) WILLEM KLOOS · ALBERT VERWEY · HERMAN GORTER Es fehlte uns bis jezt an dichtungen aus den werken der uns verwandten jungen niederländischen dichter: Willem Kloos Albert Verwey Herman Gorter die im verein mit dem schriftsteller L. van Deyssel bereits einige jahre vor uns in ihrem land die bewegung zu gunsten der wiedererwachten und verinnerlichten kunst begannen. (Bl. f. d. K. III. F. 3. B.) An die verse niederländischer dichter aus dem dritten bande der dritten folge und dem fünften der vierten schliessen wir diese auszüge aus dem gesamten werk von Albert Verwey der aus der ruhmvollen für uns vorbildlichen kunsterhebung der 80er jahre als der wesentliche dichter übrig geblieben. Diese umschreibungen ins hochdeutsche unterscheiden sich von jeder übersetzung aus fremden sprachen · da die annäherung an die urworte sogar in unklingender und unbeholfener form einem vollständigen umguss vorgezogen werden muss. Doch sprechen wir die hoffnung aus es werde die nächste und glorreichste schwester der deutschen dichtung bald so einheimisch dass sie unmittelbar zu verstehen uns allen als pflicht er scheint. (Bl. f. d. K. VI. F.) ERNEST DOWSON Auszüge aus den ›VERSES‹ des hervorragendsten unter den jüngeren englischen dichtern · des freundes und kunstgenossen von Aubrey Beardsley. (Bl. f. d. K. IV. F. 4. B.) JENS P. JACOBSEN IRMELIN ROSE Seht es war einmal ein könig · Viele schätze nannt er sein · Doch des allerbesten name · Wusste man · war Irmelin. Irmelin rose · Irmelin sonne · Irmelin alles was herrlich war. Alle ritterhelme strahlten Ihrer farben muntre pracht · Und ihr name hatte jeden Rhythmus jeden reim in pacht. Irmelin rose · Irmelin sonne · Irmelin alles was herrlich war. Ganze grosse werbescharen Zogen hin zu königs hof · Warben mit gebärden zärtlich · Und mit worten blumenschön. Irmelin rose · Irmelin sonne · Irmelin alles was herrlich ist. Doch prinzessin trieb sie von sich (Ihre brust war kalt wie stahl) Tadelte des einen haltung · Fand des andren rede schal. Irmelin rose · Irmelin sonne · Irmelin alles was herrlich ist. ALBERT VERWEY DER SCHÖNE SCHEIN Kamst du nach haus? seh ich nach soviel jahren · Mein sohn · den schatten von den blonden haaren Die in die augen fallen wie voreinst. Wahrlich! die wunder die in ihnen waren Der traum der deines auges rund verguldet Hebt an. Doch stummheit dess der viel erfahren und erduldet Fasst es zugleich. Kamst du? Mein kind! die erde ist nicht reicher Als herz · das herz und dinge in sich hält. Du warst so reger seher · tapfrer streicher Dass alles dir in hand und augen fällt. Doch blieb das herz kalt · kalt umhängt von deinen Schätzen – wie eine schöne trübe frau Beim ball behängt mit einem strom von steinen Vor herzenskälte sterben will. Dein herz sucht wärme · der das meer durchschwommen Kam als ein kind zurück ins vaterhaus. O sohn! dass wieder dir der trieb gekommen Bracht · herz und geist im leib zugleich nach haus. Sowie ein funke – noch am herd geblieben – Das reisig ansteckt bis die glut bei nacht Die hausgenossen neu belebt (die sacht Und warm sich um das feuer schieben) Und über alt und junge wangen eilt Und – grillige pracht Von glühn und knistern spukend wild – Von fremder mär und sage mild Und stillem plaudern die geräusche teilt Und bricht und heilt – Bis aus dem düstren saal ringsum Nachtklänge als zwerge mit stillem gebrumm Schwärmen den leuchtenden zirkel um – Und einer der zumeist im dunkel sass Und nickte fühlt den kalten strahl Am rücken · schricKt und sagt: ›was ist das? – 's ist schlafzeit‹. Dann gehn sie allzumal – Wie so ein funke vom herd die seel Vom haus ist bis zu dunkler nacht: So schüzt ein zug der wartet und wacht Die seel worein sie einmal geriet. Komm in mein haus! kein schatz · dir je befohlen · Vergeht da in dir wächst was schätze weiht. Kannst du sie nicht auf erden holen Weit und breit? In einem herzenstrieb der jezt erblühe Raumlos Ists leben das die schätze all durchglühe Maasslos. Schönheit soll mit Dir sein · die lezt-erzeugte Von süssem Reiz und reiner Schöpfungs-welt. Ihr sei dein edelster stein als leuchte · Doch eine blume ihm gesellt. Den werker (der im düsteren schacht du grabend Warst) – der dir das höchste gewesen – Soll sie mit lachen ansehn und ihn trabend Durch sommerwiesen jagen mit blumenlesen. Du findest deinen reichtum: städte und land Im bilderbuch vom kind – Die freunde zu denen du dich bekannt Die liebste die du geminnt. Alles soll nichts sein – o glaub meinen worten! Alles soll nichts sein bis du klagend fragst: Lebt ich dafür dass jahre jahre morden Der eine tag den andern jagt? Alles zunichts · auch du · wenn deine hand Das stangengras wie goldne münzen misst Durch deine finger körnt der dünensand · Du selbst das zeitglas deiner lebensfrist · Wenn gras und körner so wie du ihr leben Leben unter lachenden sonnen: Dann wird er in dir sein den du erst neben Dir wähntest da dein leben hier bei mir begonnen Dann wird er in dir sein Der alles in allem führt Dann hat der schöne Schein Dich angerührt. FORTSETZUNG ZU S. 94 Es folgten den dunklen pfaden Vom wald am wasser Edelfrau und bürgersknab: die saaten Der sehnsucht jezt in sich: die blumen später. Die flucht ging längs waldhöhlen Von rettenden strömen verschlagen Durch ein bleich mondlicht. Sie kannten einander – verstohlen Suchten sie voll zagen Einander gesicht. Ihre hände bebten. Es trugen die pferde Sie wege wo ritter und räuber drohten. Die fällte · sie löste er · mit dem schwerte. Sie rannten fürder – ihre herzen wogten. Durch die düstern gebüsche – der strom war fern verborgen – Führten die pferde sie: sie entstiegen eilig Bei einer hütte der lichtung – fern war der morgen Da sie dort blieben – geborgen – Sie voll verlangen Er voll verehrung. Um seinen hals schlug sie den arm: ihre wangen An seinen · erteilte ihr mund ihm süsse belehrung. ›Zu gross o fürstin‹ war sein beben· ›Mir das zum preise: Gab ich euch für meine liebe das leben Auch zum beweise.‹ Bitter ihr lachen: ›zu gross‹. Nicht schlug er die arme Um ihre glieder Dass sie erwarme. Kniet er wie für so fürstliche liebe zu keusch zu nieder? – Schwieg sie? – Doch in ihr brannte Der traum vom abend. Ihr mund für ihre schande Träumte in seinem blute sich labend .... Sie entkamen. In ihrer stadt Für erfundene missetat Stand bei ihm das beil ihn am block zu entleiben. Sie wollte auf bitte und rat (Ihre freunde sein vater dort alle verbleiben) Vor das schwert fiel ihren schleier lösen. Frei soll er ausgehn. Doch in stillen bösen Verliebten blutträumen sass sie auf dem thron und gab kein zeichen. Das haupt fiel: blut strömte: schnell war das bleichen Auf ihren lippen und wangen. Aber den schleier hielten – auch dann – ihre hände umfangen. Längs den verborgenen pfaden Von lust und wehmut Wachsen dunkle saaten Von tod und demut. HERMAN GORTER AUS: MAI Mitten im land steht nun ein heiligtum Mit säulen die ich türmte und ringsum Neigt sich die pappel und die grabzipresse. Viel lilien wachsen · eine rosen-tresse Schlingt sich von jedem schaft herab · ein schwarm Von kindern sizt und singt dort arm an arm Rotwangig auf der schwell mit lautem sange. Die orgel stellt ich an die wand zum klange Und eines mädchens bildnis barg ich drein. Ich war der einzige priester · hatt allein Die wonne · wohnte dort – mit mir niemand. Ganz einsam war ums heiligtum das land· Nachts wacht ich oft in tempelschattens blau · Der tempel badete im meer von tau· Der mond beflog die blaue himmelsbrau Dann zwischen säulen durch ergoss sich tau – MusiK · sind's vögel sind es schmetterlinge Herrauschend mit der tönevollen schwinge? Sind es die sammtenen füsse meiner Mai Die um den tempel geht dass dort die reih Toten-gesichtchen blühender veilchen blickt· Verträumt die ganze blumenmenge nickt .. Vielleicht auch teilt die luft die klänge mit Von wind und blumen-schaukeln und dem schritt Von Mai die um den tempel spielend lief. Ist es die luft nicht die die stimmen rief Aus vogelkehlen? treibt aus ästigem baum Der wind nicht leichte töne und der saum Des kleids rauscht er nicht morgens über die welt? – Musik kommt aus luftbebungen gequellt. Wie schied ich je von dort wo's mich befiel Wie taumel · fern vom aug das licht mir fiel · Mein aug und ohr ward wie der grosse himmel Über dem meer mit all dem wasser-wimmeln Von prismen-farben · von musik-ballonen Aufsteigend aus den fluten und von daunen Gepflückt aus wellenflügeln? wo die nacht Die erde schliesst · den himmel offen-lacht Aus sternen spriessend klaren blicken gleich Doch schweigend überm schwarzen reichen reich Der erde · wo entstieg der blumen duft Mit einem seufzer in der dunklen luft · Wo nachtigallenklage sich ergoss Über der blume die gerad entspross. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – (das bruchstück in den Blättern endigt mit dem Vers: Du blume selbst · und lass hinein mich gehn.)