Schlaf und Erwachen Ins Gebirg' am frühen Tag Schritt ich aus des Weidmanns Hütte, Wo der Freund auf seiner Schütte Noch in tiefem Schlummer lag. Und ich dacht' im Morgenrot: Ruht dem Schlaf anheimgegeben Er nicht lebend ohne Leben? Nicht ein Toter ohne Tod? Liegt vom ird'schen Druck besiegt Willenlos nicht hier die Hülle, Während halbgelöst die Fülle Seines Geists im All sich wiegt? Dennoch braucht's nur meiner Hand Einen Druck, und rasch vereinet Knüpft sich, was so locker scheinet, Zwischen Geist und Leib das Band. Der erloschne Blick wird glühn, Zucken wird der Muskeln jede, Und der Geist in holder Rede Von den stummen Lippen sprühn. In dies Wunder noch versenkt, Trat ich in die Nacht der Eichen, Die, sich wipfelnd, mit den reichen Schatten rings den See beschränkt. Horch, da weht' es, horch, da ging Leis Geräusch im Grün des Haines, Fast als wär's das Atmen eines, Welchen tiefer Schlaf befing. Seltsam sah der See mich an, Wie ein stummes Auge schmachtet, Wenn das kranke Haupt umnachtet Todverwandter Starrheit Bann. Und durch Blume, Laub und Strauch Wob es leise hin und wieder, Wie durch traumgebannte Glieder Ein verlorner Seelenhauch. Ja, ich spürt' im Waldrevier, In der Flut ein ahnend Beben - Hier auch Leben sonder Leben, Tod, doch sonder Tod auch hier. Und mir ward es: Die Natur Schläft , gebannt in ihren Kreisen; Aus dem Traum in dunkeln Weisen Redet ihre Sehnsucht nur. Aber einst erscheint der Tag, Wo das Wunder sich entdecket, Und der Herr zur Sprache wecket, Was in stummen Banden lag. In das Starre wunderbar Wird der Geist sich dann ergießen Und lebendig Leben fließen, Wo nur Bild und Zeichen war. Heilig Feuer muß mit Macht Den besiegten Stoff durchleuchten; Milde Seele glüht im Feuchten, Ros'ge Dämmrung wird die Nacht. Und was dumpfverworren klang, Wie ein Ruf aus dunkeln Träumen, Aus Gestein, aus Well' und Bäumen, Flutet weiter als Gesang. Dann lobpreisend im Azur Ziehn die Stern' als Bruderwesen, Und es jauchzt in Gott genesen Die erlöste Kreatur.