Gustav Falke Mynheer der Tod Meinem Freunde Detlev Freiherrn von Liliencron Lass uns singen, wie wir wollen, Schelten, scherzen, tanzen, tollen, Sind wir uns nicht selbst genug? Frei von allen engen Banden, Unbekümmert, wo wir landen, Wagen wir den kecksten Flug. Mynheer der Tod Der Rittmeister Eine Schwadron am Waldessaum, Schwarze Husaren. Stehn wie der Baum, Die Linke am Sattelknopf. Vergoldet vom letzten Tagesstrahl Pferdehals, blitzender Reiterstahl, Kolpak und Totenkopf. Dreißig Schritte vor der Front Der Rittmeister grell übersonnt, Den Säbel mähnenquer. Tief in die bleiche Stirn gerückt Die Pelzmütze, späht er vorgebückt, Mit Geierblick umher. Links auf leichtem Schimmel dicht Sein Trompeter, ein flachsblond Milchgesicht. Der sieht mit leisem Graun Ihn reglos halten auf dem Fleck, Wie festgewurzelt Mann und Scheck, Ein Bild aus Stein gehaun. Säbelwink! Signal! Tra–a–ab! Trab! Nun jagt der Victoria die Kränze ab, Und wenn sie die Hölle verschanzt. Mit hartem Huf stampft Feld und Frucht Schnellfüßige Siegeseifersucht, Dass Kraut und Scholle tanzt. Hurra! in den Feind! Dragoner sind's. Drauf! Walkt sie, Jungen! Haut sie zu Hauf! Klinge an Klinge blitzt. Der Rittmeister mitten im dichtesten Knaul. Rechts herab, links herab, hoch vom Gaul. Und jeder Hieb, der sitzt. Das ist ein Zerren, Stich und Stoß, Ein Sinken, Stürzen sattellos. Brüllend prallt Wut in Wut. Und wie verzogen sind Staub und Schwall, Geglättet ruhn die Wogen all, Im Sand verrinnt die Flut. Zerrissen Ross und Reiter, weh! Gefallen wie Halme im Sommer jäh, Vorm Siegessichelschlag. Am Boden bügellos Held an Held, Reiterlos rasen die Pferde durchs Feld, Blutrot stirbt der Tag. Nur einer entkam. Ihn trug sein Scheck Mit hastendem Huf aus Schlacht und Schreck. Der Strauß war fast zu heiß! Er schlägt von der Attila Staub sich und Sand Und wischt sich mit der flachen Hand Aus Augen und Stirn den Schweiß. Ein hämisch Grinsen kriecht hervor, Zieht ihm den Mund von Ohr zu Ohr: Heut war's nach meinem Sinn. Dann wendet seinen Gaul im Schritt Und brütet neuen Grausenritt Der Tod still vor sich hin. Die Equipage Ein Spielball seiner scheugewordenen Pferde, Der Vollblutfüchse, die wie furchtgepeitscht Durch Staub und Funken in den heißen Tag Den eierschalenleichten Wagen reißen, Rast über den Weg ein vornehmes Gefährt, Lautlos, auf Gummirädern. Rechts und links, Hier, dort, an jedem Stein droht ihm Zerschellen. Entsetzt ist der Lakai hinabgesprungen. Zurückgesunken liegt, vom Schreck gelähmt, Der Ohnmacht nah, im grünen Plüsch des Fonds Die alte Excellenz. Im Knopfloch prangt Des mäusegrauen Überrocks kokett Die herrlichste, tiefdunkelrote Rose. Das feine schmale Diplomatenantlitz, Bartlos und voller Falten, tausend Runzeln, Gleich einer Walnuss, deckt aschfahle Blässe. Weit aufgerissen heften sich die Augen, Die wasserhellen, klugen alten Augen, Als sähen ein Gespenst sie, auf den Kutscher. Schlaff hängt, wie tot schon, über den Rand des Schlages Die Rechte mit den angstgespreizten Fingern. Dem Greis zur Linken beugt zum Sprung sich vor Ein Mädchen, ein sehr junges, schlankes Ding, Soeben flügge erst, ganz weißgekleidet, Mit brennend rotem Haar, dess schwere Flechten, Zwei breite Flammen, nach den Hüften züngeln, Und alles Blut hat aus den weichen Wangen Die Todesangst ins Herz zurückgejagt. Den kleinsten Fuß im spitzen Atlasschuh Schon auf den Kissen vor sich, mit der Faust, Die pfirsichfarbener Handschuh überstrafft, Des Bockes Eisenstange fest umkrampfend, Stiert wie gebannt auch sie mit starren Augen, Mit süßen Kinderaugen, die das Graun Vergrößert hat, auf Fritz. Mein Gott! Fritz! Fritz! Der dreht den Hals und nickt ihr hämisch zu, Ein grausig Beingesicht ohn' Fleisch und Blut: Fritz blieb zu Haus, Comtesse, heut fahre ich. Der Seidenpinscher mit dem Fell wie Schnee, Der auf dem Vordersitz bequem sich's macht, Hebt ganz verwundert seine klugen Augen. Höchst unklar ist noch immer ihm der Vorgang, Und fragend blickt er bald auf Fritz, bald auf Die junge Herrin. Aus dem Zahngehäge, Dem scharfen, hächelt Fifis rosig Zünglein, Und an dem himmelblauen Halsband zittert Ein Silberglöckchen, dessen Kling und Ping Im Donnerlaut des Hufschlags untergeht. Breitbeinig steht der Tod, weitvorgebeugt, Ein Muschellenker, der sein Wettgespann Um Kranz und Gloria durch die Rennbahn kreist. In harter Knochenfaust die schlaffen Zügel, Und mit der andern weit ausholenden Schwungs Der Peitsche schlangenschmeidige Geißelschnur Den bangen Tieren um die Ohren klatschend, Scheint er ganz Lust, im hellen, harten Blick Des kränzesicheren Sieges Übermut, Und um den Mund, daraus die feste Mauer Des prächtigsten Gebisses blitzt und lacht, Ein schlächterhaft brutales, breites Grinsen. Der Glanzhut mit der farbigen Rosette, Der mählich in den Nacken ihm gerutscht ist, Zeigt halb des Schädels blanke Billardkugel, Und um die dürren Glieder schlampt und schlottert Die kaffeebraune, goldenknöpfige Livree dem Schrecklichen, der gut gelaunt Zu irgend einem seiner Feste sich Die Gäste in der Equipage holt. Die wilde Jagd verschlingt ein Tannenwäldchen. In Staub und Glut der Straße aber liegt Hellschimmernd eine weiße Rosenknospe, Erschlossen kaum, feuchtwarm der zarte Stengel, Als hätt' noch eben eine heiße Hand Die todgeweihte lebensfroh umfasst. Der laue Mittagswind streicht drüber hin, Ein scharlachfarbner eiliger Schmetterling, Sich überhastend, gaukelt leicht vorüber, Kehrt wieder, ruht wie müde eine Weile Matt flügelnd auf dem Blütenbett sich aus, Und nimmt den Weg ins übersonnte Feld Schnittreifen Hafers, das der Friede küsst Und wolkenlose Bläue überdacht. Eine Reisebekanntschaft Ich saß im Schnellzug erster Klasse Vor einigen Tagen ganz allein, Ein still beschaulicher Insasse. Da stieg bei einer Feldstation Ein Herr, zum mindesten ein Baron, Mit stummem Gruße zu mir ein. Und ohne Pfiff und Klinglingling, Ganz lautlos ohne Aufsehn ging Drauf wieder weiter unsre Reise. Mich wunderte die seltne Weise, Dass so auf freiem Feld im Flug Der Eilzug stoppte, nicht genug Und steigerte noch meine Meinung Von dieser vornehmen Erscheinung, Ein Mann von Rang wohl und Gewalt Wie machte sonst der Zug hier Halt. Es war ein schlank gewachsner Mann Mit grauem Kaisermantel an, Und kleinem rundem, weichem Hut, Die Wangen blass, wie ohne Blut, Die Augen schwarz und ernst und tief, Darüber wie ein Buschwall lief Der Brauen eng vereintes Paar, Was, reden alte Weiber wahr, Ja immer auf viel Unglück weist. Mein vis-à-vis schien viel gereist. Ich schloss das gleich aus seinem Wesen, Das war so ohne Federlesen, Als wär' er im Coupee zu Haus, Sah nicht einmal zum Fenster hinaus, Und rauchte schweigend vor sich hin Ein feines Kraut, das mir den Sinn Begehrlich machte. Ob er mir Las vom Gesicht ab die Begier? Gleich bot er mir mit Höflichkeit Auch eine solche Cigarette Und fragte, ob ich Feuer hätte, Und war zu dienen mir bereit. Ich zog den Hut und stellt mich vor, Drauf er jedoch kein Wort verlor Und vornehm nur wie dankend nickte, Was in der Meinung mich bestrickte, Er sei zum wenigsten Baron, Vielleicht wohl gar ein Fürstensohn. Auf jeden Fall war sein Tabak Für einen Fürsten nicht zu schlecht. Fein von Aroma und Geschmack. Behaglich setzt' ich mich zurecht Und schwieg beim Rauch der Cigarette Mit ihrem Spender um die Wette. Doch schließlich fasst' ich Mut und sprach Von dem und jenem, wie mir's lag, Und er wohl höflich Antwort gab, Brach aber stets bald wieder ab. Sein wortkarg Wesen reizte mich. Nun schweigst auch du, gelobte ich, Doch immer, hatten eine Zeit Wir so verbracht in Schweigsamkeit, Zog's wieder mich, ein Wort zu wagen Und vorsichtig ihn auszufragen, Leutselig, aber kurz und knapp, Schnitt er mir bald den Faden ab. Indessen schoss durch Feld und Wald Der Schnellzug ohne Aufenthalt. Vorüberflog im Wirbeltanz Die Welt, blitzblank im Sonnenglanz. Doch so mit dem Baron allein, Wollt' mir die Zeit nicht schnell genug sein. Und halblaut seufzt' ich, finstren Blicks: Ich wollt', wir wären erst in X. Kaum hatt' ich so mir Luft gemacht. Hat mein Baron leis aufgelacht. Gar sonderbar sah er mich an: Sie wollen nach X noch, lieber Mann? Wir werden wohl so weit nicht reisen, Denn gleich wird unser Zug entgleisen. Entsetzt sah ich den Sprecher an. Mein Gott! – da saß der Knochenmann, Und schon verspürt' ich Puff und Stoß, Ein Knirschen, Ächzen, Ach und Krach, Als wär' die ganze Hölle los. Da – schweißgebadet wurd' ich wach Und dankte Gott auf meinen Kissen. Der Kerl hätt' wirklich umgeschmissen! Das Familienalbum Hüstelnd, ganz in sich zusammengesunken, sitzt die alte Dame in dem tiefen, weichgepolsterten Lehnstuhl. Von schwarzem Seidenkleid umhüllt ein kleiner vertrockneter Körper. In schneeweißer Spitzenhaube, deren grell eigelbes Band sich schreiend von dem grünen Plüsch des Sessels abhebt, ein zartes faltenreiches Gesichtchen. Neben der Greisin der Tod, ein älterer gutmütiger Herr mit hellem Beinkleid, schwarzem Tuchrock und goldner Brille. Er hat den rechten Arm auf die Lehne des Sessels gelegt und blättert, leicht vornübergeneigt, mit der Linken langsam, ganz langsam, Blatt für Blatt eines auf dem Schoß der Greisin ruhenden großen Albums um. Es liegt etwas rührend Rücksichtsvolles in der Art des alten Herrn, dessen Erscheinen das kleine Stubenmädchen vorhin mit dem ihr schon geläufigen »Der Herr Doktor« gemeldet hatte. Die alte Dame betitelte ihn dann auch beständig Herr Geheimrat. »Einen Augenblick, Herr Geheimrat. Dieses Bild noch. Meine selige Schwester.« »Hier mein lieber seliger Mann. Sie kannten ihn ja, Herr Geheimrat.« Und gutmütig geduldet sich der alte Herr, bis die Greisin sich satt gesehen. Langsam, ganz langsam, Blatt für Blatt, wendet er um. Nach dem letzten Bild – die Betrachtende kann sich schwer davon trennen, immer kommt sie wieder darauf zurück: »Meine süße Agnes, Herr Geheimrat. Sie musste so jung sterben, kaum achtzehn Jahre. Ein so liebes, begabtes Kind« – nach diesem letzten Bild klappt er leise den silberbeschlagenen Deckel des dicken Buches zu. »Nun ruhen Sie sich aber aus, gnädige Frau.« »Ja, ja, es hat mich doch angegriffen – die Augen – – die Augen – – –« Ein Hüsteln unterbricht das feine Stimmchen. Und die Augen schließend, sich ganz zurücklegend, in sich zusammenfallend, gehorcht sie der empfangenen Mahnung. Wie im ruhigen Schlummer sitzt sie da. Leise, auf den Zehen, geht der alte Herr durch den kleinen Salon. Vor der altmodischen Stutzuhr auf dem niedern Kaminsims bleibt er stehen, zieht seine schwere goldne Taschenuhr und tippt, die Zeit vergleichend, zwei, dreimal sachte, wie spielend mit dem Mittelfinger der rechten Hand auf das Stundenglas der Stutzuhr. Dann nimmt er vom nächsten Stuhl Hut und Handschuhe. In der Thür wendet er sich noch einmal nach der Ruhenden um. Wie befriedigt nickt er, und ein unendlich gutmütiges Lächeln verschönt sein Gesicht. Jagd auf Hochwild Am hellen, sonnigen Mittag sah ich ihn plötzlich auf dem Dach des mir gegenüberliegenden Hauses. Das weiße, glatte, wie polierte Gerippe, flimmernd im grellen Licht, hob sich scharf gegen den blauen Himmel ab. Wie eine Katze schlich er, sich schmiegend, duckend, zögernd, sich vorwärtsschiebend, über die rotbraunen Schieferplatten. Eine Rückenkrümmung, ein schlangenschmeidiges Aufrichten, ein zielsicherer, gieriger Sprung – und fort flog der Sperling. Ganz deutlich hatte ich den rasselnden Zusammenschlag der beinernen Hände hören können. Wie er jetzt dastand: baff, enttäuscht, beschämt. Ich sah nie ein so dummes Gesicht. Der geprellte Tod. Der Radfahrer Ein köstlicher Sommertag. In Hemdsärmeln – der Hitze wegen trug ich den Rock an meinem Gangstöckerl, wie der Bayer sagt, auf der Schulter – schlenderte ich auf der Landstraße hin, seelenvergnügt. Von jeher: Je heißer mich die Sonne bescheint, um so fröhlicher werd' ich. Aus dem noch frischen Grün der die Felder von der Straße abgrenzenden hohen Knicks – nur die vorderen Büsche bedeckte bis zur halben Höhe der weiße Staub des Weges – leuchteten und dufteten hin und wieder die blassblauen Traubenbüschel der Syringen, schimmerten die zartfarbigen Blüten des Rotdorns. Auf den Feldern das grüne Gewoge der Saaten, da heraus und drüber das Quinkilieren der Lerchen. Von näher und ferner gelegenen Weideplätzen das Brüllen der Kühe. Und über allem der strahlende, wolkenlose Junihimmel. Nur wenigen Leuten begegnete ich. Es waren: ein Bauer mit einer Fuhre Dünger, gleich darauf der Landbriefträger mit hochrotem, schweißbeperltem Gesicht. Eine Viertelstunde später: eine braunwangige, dralle Bauerndirne. Die vollen bloßen Arme stramm in die Hüften gestemmt, trug sie an der wuchtenden, umhalsenden Tracht zwei rote mit blitzenden Messingreifen umlegte Milcheimer. »Go'n Dag.« »Goden Dag ok, lütt Dirn.« Sie lachte übers ganze Gesicht, auf dem es wie ein Abglanz des reichlich mit Öl oder Butter getränkten strohblonden Haares lag. Dicht vor mir bog sie in einen schmalen Seitenweg ein, der nach irgend einem versteckt liegenden Hof oder einer Kate führen mochte. Wie ich sie liebe, diese schmalen Seitenwege, die sich irgendwo ins Ungewisse, Märchenhafte zu verlieren scheinen. An dieses Mädchen noch denkend, höre ich auf einmal hinter mir ein surrendes, sausendes Geräusch. Dann, ehe ich mich noch umgesehen, das bekannte Glockensignal der Radfahrer. Und schon braust er heran, einen eleganten Bogen um mich beschreibend, ein schlanker, schneidiger Sportsman. Einige Schritte vor mir zügelt er, bewundernswert, mit einem Ruck sein Stahltier und zieht die Mütze: »Bin ich auf dem rechten Weg nach Schwinkuhl?« Kaum hatte ich artig bejaht, erkannte ich auch schon den Frager. Es war der Tod. Mit verbindlichem Lächeln nickte er mir Dank und sauste davon. Zitternd, wie gelähmt, starrte ich ihm nach. Da die Landstraße hier eine weite Straße in schnurgerader Richtung lief, konnte ich ihn lange verfolgen. Wie ein Pfeil raste er dahin. Plötzlich – eine scharfe Biegung nach rechts, hart an den Graben heran, und bevor ich zur Bewunderung dieser gewagten Kurve kam, oder war sie ungewollt, sah ich ihn stürzen, Rad und Reiter sich überschlagen. War er an einen Chausseestein geraten? Ich fand das Rad in völlig verbogenem, beschädigtem Zustand im Wege liegen, drum herum, nach allen Richtungen zerstreut, unzählige Knochen und Knöchelchen, ein ganzes Gerippe, zerspellt, zersplittert. Auf dem Rand des Grabens aber saß, dumm glotzend, und sich die hohe kahle Stirn reibend, der Kritiker des allgemeinen deutschen Bier- und Intelligenzblattes, Herr Dr. Skatmann-Kannegießer. »Nicht mal hier hat man sein' Ruh',« brummte er mich an. Ich war wirklich in Verlegenheit. Sollte ich ihn umarmen, weil er den Tod zu Fall gebracht hatte, oder sollte ich mich und meine hunderttausend deutschen Mitdichter bedauern, dass ein Mann mit einem so dicken Schädel – – aber was war das? Wo soeben der Tod den Tod fand – welch ein Wunder! Belebte sich der Staub? Hier, da, dort – welch ein Knospen, Sprießen, Wachsen. Ein Wald voll Blüten um mich, berauschende Düfte, zitternde freudeschluchzende Töne, Leben, Leben, tausendfach sich vertausendfachendes Leben mich umdrängend, überdrängend. Mir schwanden die Sinne.... Vermischte Gedichte Strandidyll Auf dem Rücken im warmen Sand Nie ein schöneres Lager ich fand. Murmelnde, kichernde Wellen zu Füßen, Oben im Wind ein Lispeln und Grüßen Schwankender Halme und leises Gesumm Sammelnder Bienen, sonst Stille ringsum. Ja, ringsum! Nur selten, bald ferne, bald nahebei Ein Möwenschrei. Durch das halbgeöffnete Lid Blinzelt das Auge hinüber zum Ried. Blendendes, zitterndes Sonnengegleiße; Schmetterlingsspiele. Blaue und weiße Kinder der Stunde. Nun löst aus der Schar Sich ein bläulich geflügeltes Paar, Liebespaar! Das schaukelt und gaukelt und flügelt und giebt Sich sehr verliebt. Plötzlich, ei fällt denn der Himmel ein? Weitet sich, breitet sich bläulicher Schein. Lässt sich das zärtliche Pärchen nieder Frech mir gerad' auf die Augenlider? Aber schon merk' ich's am salzigen Geruch, Und schon fühl' ich's am derben Tuch, Schürzentuch, Und hör es am Lachen, die Grete, die Katz, Beschlich ihren Schatz. Seit an Seit und Hand in Hand, Schäferstündchen am stillen Strand. Schmeichelnder Wind und schäkernde Wellen; Faltergeschwirr im zitternden, hellen Sonnengeflirr überm Dünenhang; Irgendwoher ein verwehter Klang, Glockenklang, Und Hundegebell und das klägliche Muh Einer einsamen Kuh. Auf dem Friedhof Kirchenschatten, Dämmernacht Breitverzweigter Linden, Kreuz und Kranz so überdacht Und umspielt von Winden. Glockenklang und Drosselschlag, Hügel still an Hügel, Drüber wiegt ein Sommertag Sich auf goldnem Flügel. Am Bahnübergang An der Barriere zum Halt gezwungen Lief mein Blick längs den Eisenschienen. Pustend und schnaubend aus feurigen Lungen, Raste der eiserne Renner heran. Funken schwärmten gleich zornigen Bienen. Rasselnd folgte der Wagen dann Endlose Kette nach, wie der lange Wälzende Leib einer Riesenschlange. Wie der Zug so vorübergesaust, Griff er ans Herz mir mit rascher Faust: Stehst hier und gaffst, komm mit, komm mit! Bis ans Ende der Welt sind nur drei Schritt. Und ich sah ihn verschwinden, weit, weit, Sah die Welt in lachender Herrlichkeit, Der Berge Kronen, der Thäler Grün, Versteckte Dörfer, die Felder im Blühn. Sah Städte und Ströme in sausendem Flug, Bis des Oceans Atem entgegen mir schlug. Und das Herz ward mir weit, und das Herz ward mir weit! Auffahrend streckt ich im Sehnsuchtsdrang Die Arme nach dem entrollenden Klang Des Länderläufers im Eisenkleid. Da ächzt und krächzt die Barriere empor, Und der bis ans Ende der Welt sich verlor, Findet sofort mit gelindem Schreck Sich wieder auf dem alten Fleck. Sieht auf der andern Seite der Schienen Ein blondes Kind mit Unschuldsmienen, Ein menschgewordenes Sonnenstrahlchen, Irgend ein Mienchen oder ein Malchen. Das lacht mit hellen Augen heraus Aus dem modischen Hut, groß wie ein Haus. Trippelt die Kleine übers Geleise, Streif' ich das Kleid ihr zufallsweise, Seh' ihr ins Auge so obenhin, Lacht eine ganze Welt darin. Lange noch nach dem reizenden Kind Sah ich mir fast die Augen blind, Brach mir vom nächsten Busch einen Raub, Ein Zweiglein mit erstem Frühlingslaub. Sorgsam barg ich's im Taschenbuch. Oft Soll's mich erinnern, wie unverhofft Sich das Dirnlein ein Herz einfing, Das schon auf Reiseschuhen ging. Auf der Strasse Einsamkeit bot ihren Gruß Heute mir im Lärm der Gassen, Wie verzaubert hielt mein Fuß, Mensch und Tier vorbei zu lassen. Braune Haide, schwarzer Wald; Feld und Welt so still, so stille. Fernhin jeder Laut verhallt, Nur im Grase zirpt die Grille. Überm niedern Heckenzaun Lacht die Muse froherschrocken: Kommst du? Um die Wangen braun Schüttern ihr die schwarzen Locken. Plötzlich Schelten roh und breit: »Herr, so wahrt Euch doch, zum Henker!« Schnell ein Sprung, und höchste Zeit. Fern noch flucht der Rosselenker. Die Zierliche Du Zierliche, Leichte, Wenn ich dich erreichte. Du Feine, Zarte, Warte nur, warte. Wenn ich dich fing'? Solche zierliche Dinger Fasst man mit Daumen und Mittelfinger, Wie der Knabe den Schmetterling. An Detlev von Liliencron Heute hatt' ich einen Festtag, einen Frohtag. In den Federn lag ich noch, ich Siebenschläfer, Als erschreckend mich, an meinem Klingelzug schon Stürmisch riss der brave, schnauzige Stephansjünger, Er, so mancher meistens unverhoffter Freuden Unbewusster, mürrisch kalter Botenträger. An die Thüre stürz' ich eins zwei drei auf Socken, Stürze, stolpre, rutsche. Durch die schmale Spalte Eine Handvoll »Post« reicht mir herein der Brave: Briefe, Bücher, eine lange Notenrolle. Ei, verflog der Schlaf, der halbwegs mich umfing noch. Dennoch zog ich schnell zurück ins warme Bett mich. In des Wintermorgens mattem trübem Frühlicht Überflog ich schnell die reiche Stephansspende, Brach das Brieflein: »Viel zu kalt ist's heute,« schrieb mein Mütterchen, »für unsre Domfahrt, und ich schone Lieber mich zum Feste.« – Aus der schlanken Rolle Zog die ersten fünf ich von den dreiundfünfzig Mörikegesängen Hugo Wolfs, den unlängst Du begeistert mir gepriesen und in deinem Neusten, prächtigen Versebuch: »Der Haidegänger« Kräftiglich in deiner kernigen Art besungen. Und da war er selbst in seinem gelben Kleide, Kam mit einem gelben Zettelchen, auf welchem Zier geschrieben: »Mit ergebenster Empfehlung Vom Verleger überreicht.« Schon hatt' am Abend Fröhlich ich für ihn das Portemonnaie gezogen Und mit meinem Federmesser alsogleich ihn Untersucht nach wahren, echten Dichtergaben. Zwei der edlen »Gänger« stehen nun im Stall mir, Bücherstall: so nenn' ich meinen kleinen gelben Schrank. Einst war es Mutters Wäscheschrank. Jetzt stehen Drin in Reih und Glied geordnet (Schöne Ordnung!) Groß und kleine und berühmt und unberühmte Teutsche Dichter, die ja, wie bekannt, nur schreiben Tapfer fleißig für ihr Volk, auf dass es schmunzelnd Sie und stolz als höchste nationale Güter In den Schrank stellt! Aber Freund, sei ohne Sorge, Eins von deinen Haidegängerbüchern mag drin Neben Goethe, Schiller, Platen, Lenau, Reuter Neben Bibel und Fürst Bismarck Ruhe pflegen, Von dem Schreibtisch kommt mir nicht das andre eher, Bis ich Vers für Vers zu eigen mir gemacht hab'. Kommst du, wie du ja versprochen, gleich nach Neujahr Auf die Bude mir, so will für alles Schöne, Das seit letztem Sommer ich dir danke, herzlich Beide Hände ich dir drücken. Und dann singst du – Denn mir ahnt: Du singst, verstehst zu singen – jene Schönen Lieder mir vom neuen Liederkönig Hugo Wolf. Vor allem das entzückend lust'ge Lied vom Knaben mit dem Immlein. Ach, ich selber Singe nur in Tönen wie ein Nebelhorn, das Mitternächtig ruft bei trübem, dickem Wetter Angst und Graun im Herzen wach der Passagiere, Die mit Zagen denken der Gefahr, davon sie Einzig nur des Schiffes dünne Planken trennen. Heute noch dazu quält mich ein Riesenschnupfen: Schnaufend, niesend, kröchelnd, ächzend schreib ich diese Seltsame Epistel an dich nieder, während Draußen, Omeletten gleich dick überzuckert, Alle Dächer tragen frischen Winterschmuck, denn Schon seit frühem Morgen schneit es unaufhörlich Auf die Dächer, Straßen, Plätze und die grünen Waldentführten Weihnachtsbäume. Wenige Tage Noch, und auch in meiner kleinen Klause leuchtet Solch ein lichtgeschmücktes Bäumchen mir zum ersten Frohen Christfest an dem eignen Herd. Wie köstlich! Und du Böser wolltest einst mich sorglich warnen Keinem Weib zu fest ins schlaue Garn zu gehen, Denn die leidigen Ehefesseln brächten wenig Freude einem teutschen Dichter. Nun, am Ende Bin ich gar kein Dichter, denn fürs erste schmeckt mir Noch die Ehe wie ein Honigkuchen, d'rauf mit Weißen Mandeln eingelegt ein schönes Herz ist. Doch, gewiss, ich weiß ja, Ehe ach und Ehe! Aber dass nun meine Frau so übel gar nicht Und ein dichterfreundlich Herz hat, zeigt allein schon, Dass trotz jener Warnung sie nicht schmollt mit dir und Ihren »Ersten« – wenn das Störchlein nicht vergisst drauf – Detlev nennen will: Hans Detlev. Heute schickt sie Dir besondern Gruß und Dank durch mich für deinen Allerliebsten »Puppenhimmel«. Damit, Bester, Gott befohlen. Und ein frohes, schönes Christfest. Gleich nach Neujahr hoff' ich dir die Hand zu drücken. Unnötig Ging ich durch das hohe, reife Roggenfeld, War voll Morgensonnenschein ringsum die Welt. Durch die gelbe, blanke Sommerherrlichkeit Wand versteckt der Weg sich und nur furchenbreit. Kam in leichtem Wiegeschritt von ungefähr, Sprang das Herz mir hoch, ein braunes Dirnlein her. Kannt' am krausen Singsang es von weitem schon, Keine andere hat den hellen Lerchenton. Kannt' von weitem schon sein kraus' und fuchsrot' Haar, Das im Sonnenflimmer flammend Feuer war. Wenn ein Bursch im hohen, reifen Ährenfeld So auf schmalem Weg versteckt sein Mädchen stellt, Braucht's zu sagen da noch Dichterplaudermund, Was geschieht hernach? Wem wär's nicht selber kund? Tein Penn »Tein Penn man, Herr! – Herr, man tein Penn.« – Was hatte Das Herz verhärtet mir, dass rauh ich wehrte Mit kaltem Nein? – »Herr, man tein Penn de Blomen.« Kornblumen waren's, und das letzte Sträußchen. Und Angst im Herzen vor den Schelten, Schlägen, Die dein vielleicht zu Hause harrten, liefst du Ein Streckchen mit noch: »Herr, tein Penn man, Herr.« Und schwächer dann und schüchtern von der Mitte Des Fahrdamms klang es noch einmal: »Tein Penn.« War's Scham, einmal gesprochenes umzustoßen, Dass ich das schroffe Nein nicht widerrief? War es das wunderliche Fühlen wieder, Das nie mich ohn' Erröten geben lässt Auf offner Straße, vor der Leute Augen? Kommt an mein Haus. So zwischen Thür und Pfosten, So durch die Spalte, zehnmal zehn »tein Penn,« Mit frohem Herzschlag schnell und gern gegeben. War's das? Der Abend war doch schon so dunkel. Der Regen rieselte, und barfuß standest Im Schmutz der Straße du und batst »tein Penn«, Und batst umsonst, indess an meinem Arm Ein liebes Wesen sprach von Eingemachtem, Von Preißelbeeren, Gurken und Gelee, Und teurem Zucker. War mein Herz versteint, Dass ich nicht gab? Nun hör' ich bittend immer: »Tein Penn man, Herr!« und schäme mich. Du aber, Wie oft umsonst noch, Kleiner, wirst du rufen: »Tein Penn man, Herr!« und mancher, der dich scheuchte Mit barschem Nein, geht heim vielleicht und liest »Bellamys Rückblick,« nickt und seufzt: »Der Träumer! Ja, wenn wir Menschen keine – Menschen wären.« Tanzlied Lachendes Kind, drolliges Kind, Blitzblick und Grübchen in Wangen, Nur einen Walzer noch. Nicht zu geschwind. Seliges Wiegen so, la la la la la la Will es im Himmel nicht besser verlangen. Munter im Kreise. Bald sind verstummt Brummbass und Fiedel und Flöten. Eh' uns der Werkeltag wieder umsummt, Nur einen Walzer noch, la la la la la la Warum unschuldige Fröhlichkeit töten. Mutter, bevor sie den Vater nahm, Hat es nicht anders getrieben. Wenn nach der Arbeit der Sonntag kam, Ach, einen Walzer nur, la la la la la la Und nun sollt' es die Tochter nicht lieben. Taschen voll Lebenslust, Geld grad' genug, Gilt noch ein Zaudern, ein Fragen? Fangen wir heute die Freuden im Flug, Nur einen Walzer noch, la la la la la la Morgen heißt's wieder sich placken und plagen. Ein Gang durchs Fischerdörfchen Wenige Hütten, gedeckt Mit überragenden Schindeln. Manche versteckt, Wie's Kind in den Windeln, Hinter Apfelbaumgezweig Und gegen den Steig Von hohen Dornen eingeheckt. Vorm Haus, Kraus Zwischen Kraut und Nesseln, Nelken und Georginen; Hinter den Fenstern und Gardinen Geranien, Goldlack und wieder Nelken, In Scherbenfesseln Bestimmt zu welken. Fischergerät, Netze und Schnüre Vor jeder Thüre; Hin und wieder ein frommer Spruch, Und überall Fischgeruch. Im Sonnenbrande Spielende Kinder im Sande, Schmutzig und putzig, Halb scheu und stutzig, Halb dreist, Und barfuß zumeist. Auf niederm Sitz Der Schwelle hingeduckt Ein altes Mütterchen hockt. Kartoffel schälend guckt Sie her und lockt Mit zitterndem Stimmchen aus zahnlosem Mund Den klaffenden Hund: Komm Spitz! Eine Gänseherde schnattert vorbei. Ein Mädchen vollbusig und drall, Bringt eine Ziege zu Stall, Oder auf die Wiese. »Was macht der Schatz, Liese?« Wie verschämt sie thut. Ei, Und sich umsieht und lacht. Nimm dich in acht! Vorm Wirtshaus Entengeschwatz Auf dem grasbewachsenen Platz Und daneben Auf dem übelriechenden Teich, Soeben Krähen zwei Hähne zugleich, Und die Störchin vom Scheundach herab Klappert: klappklappklapp! – Klapp! Schwalben schießen wie Pfeile Kreuz und quer über den Weg, Haben immer Eile, Sind immer reg, Zierlich und schlank, Blitz und blank. Aus dem Schulhaus, Neu aus roten Ziegeln erbaut, Schallt's hell heraus: »Weißt du, wie viel Sternlein stehn –« Der alte Lehrer singt für zehn Und fiedelt dazu. Hartnäckig dazwischen brüllt eine Kuh Von naher Wiese, immer gleich kläglich. Es ist unerträglich. Weiter, beim Kirchhof zum Dorf hinaus, Das letzte Haus sieht wie das erste aus: Klein, dürftig und schmutzig. Auf niedrigem Kirchdach kauert, Wie versauert, Als ob er die Lust an der Welt verlor, Der Turm, gar putzig, Mit runder Haube, Und lugt aus dem Laube Breitästiger Linden grämlich hervor. Über die Friedhofsmauer hängt, Die Wurzel zwischen die Quader gezwängt, Schwarzgrüner Epheu, und höher, im Hauch Des Windes, wiegt sich am Strauch Ganz leise, leise Eine dunkelrote Rose. Sicilianen (Mittagsstille.) Am Strande, halb umplätschert von den Wellen, Ein Toter, ein Ertrunkner, drüber neigen Zwei junge Birken schattend sich im hellen Glühheißen Mittag mit den zarten Zweigen. Ein Pinscher, auf der Jagd nach einer schnellen Ruhlosen Uferschwalbe, stutzt: Wie eigen! Ein Mensch. Im Schlaf? – Scheu flieht er ohne Bellen, Und Im nicht ein Laut stört rings das tiefe Schweigen. (Behüt' dich Gott.) Ihr zartes Stimmchen sang mit viel Gefühl: Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein. Im Garten draußen, sonnig, mittagsschwül, Saß überm Buch ihr jüngstes Schwesterlein. Im Saal war's kirchenschattig, kirchenkühl Um diese Zeit. Wir waren ganz allein Und sangen sittsam und mit viel Gefühl: Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein. (Im Schatten.) Goldregen überdacht, umblüht von Flieder, Ein blasser Backfisch. Lässig, in Gedanken, Streut Brocken Brots er piepsendem Gefieder, Dem Sperlingsbettelvolk. Dies Zerr'n und Zanken. Ein müder Blick im Frieden dunkler Lider, Die schmalen, gelben Wangen einer Kranken, Geküsst von flüchtigen Lichtern hin und wieder, Wenn leis im Wind die leichten Zweige schwanken. (Was bleibt?) Noch bin ich jung und hoffe Kranz und Blüten, Das Leben lacht, ein Feld im Sommersegen. Noch fühl' ich Kraft, wenn Kampf und Stürme wüten, Noch schlägt den Dirnen heiß das Herz entgegen. Wie bald, und welke Kränze gilt es hüten, Ängstlich die letzten Flackerflämmchen hegen, Dann Asche, Asche, wo sonst Flammen sprühten, Die wird der Tod zum andern Kehricht fegen. (Sonntagmorgen.) Ein müder Greis im Schatten staubiger Hecken, Das Brot verzehrend, das ihm Reiche gaben. Vor ihm, fruchtschwer, die goldnen Segensstrecken Schnittreifer Felder. Schnelles, plumpes Traben: Der Bauer fährt mit seinen feisten Schecken Im Sonntagsstaat zur Kirche. Sein Behaben So satt, zufrieden. Wolken Staubs verdecken Das Herrenbild dem Bettelknecht im Graben. (Pfingsten.) Maisonnentag und fröhliche Gesichter. Wie Lachen liegt es in der Luft und Scherzen. Duftwolken ziehen. Tausend bunte Lichter: Syringen, Rotdorn, der Kastanie Kerzen. – Bourgoisphilister: Frohgenussvernichter, Geldprotz auf Rädern, reitende Kommerzen, Zu Fuß im Staub zwei junge deutsche Dichter Mit leerem Beutel und mit vollem Herzen. In der Fabrik Sah ich eine Weile zu, Wie die Funken stieben; Räder, Riemen ohne Ruh Durch den Tag getrieben. Hört' ich eine Weile, wie Die Maschinen stöhnen, Unter ihrer Melodie Alle Pfosten dröhnen. Stampf und Stoß und Surr und Summ Machten mich beklommen, Ging zum Thor hinaus ich stumm, War so froh gekommen. Draußen sah in Staub und Ruß Ich ein Mädchen stehen; War so eben flügge. Muss Jugend so vergehen? Fort! nur fort! Schon grüßt mich hoch Freier Wipfel Brausen, Aber immer hör' ich noch Rädersurrn und -sausen. Regentag Der Regen fällt. In den Tropfentanz Starr ich hinaus, versunken ganz In allerlei trübe Gedanken. Mir ist, Als hätt' es geregnet zu jeder Frist, Und alles, so lange ich denken kann, Trüb, grau und nass in einander rann, Als hätte es nie eine Sonne gegeben, Als wäre nur immer das ganze Leben, Die Jahre, die Tage, die Stunden all, Ein trüber, hastiger Tropfenfall. Geheimes Graun Hältst den Atem, Starrst in die Luft. Siehst du was? Horchst du? – Ja doch! es ruft! Lautlose Stille, Nirgend ein Muck! Narren dich Träume? Neckt dich ein Spuk? Lass mich! Aus Weiten Kommt es heran. Jetzt – wie mit Geisterhand Fasst es mich an. Fasst dich? du zitterst! Sprich, was dich schreckt, Was dir die Wange mit Blässe bedeckt. Frage nicht! Schweige! Was es auch sei – Grausend, geheimnisvoll Schritt es vorbei. Fusswaschung Welch Traum doch nur: Ich auf den Knien vor dir, Das Tuch bereit in halb erhobenen Händen, Und du den nackten weißen Kinderfuß, Die Rechte raffte leicht den Saum des Kleides, Ganz ohne Scheu entgegenstreckend mir. Das liebe, blonde Köpfchen sanft geneigt, Mit unschuldsvollem, reinem Kinderlächeln. Und mit den großen grauen schönen Augen Anleuchtend mich, mir in die Seele leuchtend, Als wolltest ein Geheimnis du erforschen. Und alles so naiv, so unbefangen, Ein traumbelebtes, holdes Heiligenbild, Wie es die alten frommen Meister malten. Wie kam in meinen Schlaf nur dieser Traum? So rein, so keusch hätt' nie der Wachende Ein Wort, ein Bild gefunden für sein Lieben: Zu deinen Füßen so in niedern Dienst, Wie nach des Herrn und Heiland hohem Vorbild Noch vor der Ärmsten heut' zur heiligen Zeit Der Christenheit geweihter Kronenträger Den Scheitel neigt in selbstgewollter Demut. Verstehst du diesen Traum, verstehst ihn ganz, Der mich beglückt noch Tag und Tage lang Und mich erröten lässt in zarter Scham? Aus fernen Tagen Ganz ohne Anlass kommt Erinnerung, Wie aus des Himmels weitem, leerem Blau Verschämt ein rosig Sommerwölkchen taucht: Still lag der Wald, still lagen Feld und Weg, Darüber schon sein Sternentuch der Abend Von einem Ende bis zum andern spannte. Kein Hauch, kein Laut. Nur aus der Ferne manchmal, Weit hinter uns, das ganz gedämpfte Lachen Zurückgebliebener trunkener Genossen. Zwei, drei der Pärchen vor uns, weit voraus, Denn eine schmale, schwarze Wetterwand Am Horizont trieb Ängstliche zur Eile. Und wir allein so zwischen Wald und Feld Und schweigsam wie das Schweigen um uns her. Da murrte leise übers Feld, ganz leise Der erste Donner und erschrocken schmiegtest Du näher dich mit sanftem Druck mir an. Und wie ein Zittern lief's von deinem Arm In meinen über, und mein Herz schlug schneller. Und wieder übers Feld das leise Murren, Ein kurzer Blick, halb schreckhaft, halb verschämt So voller rührend scheuer Kinderangst Traf mich aus deinen großen blauen Augen Und fragte deutlich: Find' ich Schutz bei dir? »So ängstlich, Fräulein?« neckte ich und drückte Wie zur Beruhigung die kleine Hand Und hielt sie fest, und spielte mit den Fingern Und fühlte durch den Seidenzwirn des Handschuhs Das warme, junge warme Leben pulsen. Und wieder übers Feld ein Murren, lauter Und länger wie zuvor, und wieder drauf Dein sanftes taubenscheues Anmichschmiegen. War's die Gewissheit eines leichten Sieges? Weit breitete die Leidenschaft auf einmal Die starken Schwingen, und ein Falke stand Sekunden sie, ganz Auge, ganz Begierde, Stoßsicher über ihrem scheuen Opfer. Da brach in jähem flirrendem Zickzacklauf Der erste Blitz aus seiner dunklen Burg. Erschrocken sank mir der erhobene Arm, Der schulternah zum Kuss dich schon umfasste. Die ersten schweren, großen Tropfen fielen, Und hinter uns in Eile nahten sich Die aufgeschreckten trunkenen Genossen Und mischten ihr Gejohle in das Grollen Des Donners, der im Walde fern erstarb. – Ohn' Anlass kam mir die Erinnerung, Wie aus des Himmels weitem leerem Blau Verschämt ein rosig Sommerwölkchen taucht. Nachtgang Lautlos am umbuschten Weiher Wandelt durch das Gras die Nacht, Hinter ihr, ein feuchter Schleier, Heben sich die Nebel sacht. Weite, weite stille Strecken Mag sie wie im Fluge gehn. Zwischen Felder, zwischen Hecken Seh' ich ihren Schleier wehn. Wälder, Gärten, Dorfgelände Streift ihr leiser, steter Gang. Nur am Friedhof ist's als stände Sinnend sie sekundenlang. Warf sie jene schwarze Rose In des Todes still Geheg? Taufeucht fand die heimatlose Ich früh morgens dort im Weg. Mein Weg Hab' erst einen großen Anlauf genommen, Wollt' gern eine Strecke vorwärts kommen, In Sprüngen das hohe Ziel erreichen, Das winkte mit seinen leuchtenden Zeichen. Da blieb ich verschnaufend einmal stehn, Prüfend vor- und rückwärts zu sehn. Gleich sank der Mut mir. Sei nicht dumm, Dacht' ich, und kehre wieder um. Soll's deinen kurzen Beinen gelingen, Musst all dein Lebtag laufen und springen. Schone die Lunge und gehe hübsch sacht, Wie es der große Haufe macht. Auf einmal aber fängt's an zu zwicken, Zu reißen, zu zerren wie mit Stricken, Dass ich wieder, als gält's mein Heil, Mit allem Eifer vorwärts eil'. So hab' ich's denn noch weiter getrieben, Und bin ich manchmal stehen geblieben, Stets hat ein inneres Zerren und Reißen Mich von der Stelle packen heißen. So bin ich denn, alles in allem genommen, Eine gute Strecke vorwärts gekommen, Schier ohne Verdienst und halb geschoben. Da ist denn weiter nichts zu loben. Glück Ich vor dem Schreibtisch gedankenschwer, Du vor dem Herd im hin und her, Sorgen wir beide den Boden zu nähren. Heimlich reifen unsere Ähren. Ruhen die Hände und halt' ich dich fest Abends, du Gute, ans Herz gepresst, Ist mir's, als hört' ich ein Rauschen und Regen: Feld an Feld in blühendstem Segen. Zufriedene Stunde Zufriedene Stunde. Durch die offne Thür Kommt vom Balkon die milde weiche Luft Des niedergehenden Septembertages Und, minder mild, der Lärm der Straße: Kreischen Von Knaben, die sich balgen; helle Stimmen Der kleinen Mädchen, Ringelreihe tanzend; Das scharfe Kleffen meines Nachbarhündchens Und dann und wann der tiefe Polterbass Des Milchmannshundes. Auch das Läuten trägt Der Pferdebahn zu mir der schnelle Schall, Und, dumpfer, von der nahen Alster her Den kläglich heisern Ton der kleinen Dampfer. Zufriedene Stunde. Auf den Knieen das Buch, »Jenseits von Gut und Böse« nennt der Vater Sein wundersames Kind der Einsamkeit, So auf den Knien das aufgeschlagene Buch, Lass' ich den wirren Klang des Lebens lächelnd Die zarten schüchternen Gedanken mir Zurück ins dunkle Nest der Seele scheuchen. Zufriedene Stunde. War ich je so fröhlich, So herzensstill, so gütig? Oftmals schon Schlug ich die Thür mit leisem Fluche zu, Wenn so von draußen mit der plumpen Faust Der wüste, rohe Lärm des Tages griff In meine zarten feinen Seelenfäden, Das kaum begonnene Gespinst zerstörend. Doch heute kann ich's lächelnd dulden. Seltsam. Zufriedene Stunde. Ohn' warum, wozu. Du dreimal Glücklicher, dem jeder Tag Bringt solche Stunde, solche Stunden wohl. Und giebt's nicht Glückliche, die immer so, So fraglos, leben hin ihr ganzes Leben? Ein wirrer Ton, ein unbestimmter Klang In all den wirren, unbestimmten Klängen Der wundersamen Lebenssymphonie, Füllstimmen nur im wuchtig lauten Tutti. Zufriedene Stunde. Oder nicht? Ist Schlaf Nur diese Stille, diese satte Stimmung, Die wunsch- und fragelose? Wie? Nicht Glück? Nicht Glück für mich? Wenn sich dem wirren Lärm Nun hell und klar, wie rieselnd Gold, entringen Die zauberhaften Solostimmen wieder, Die feinen kirrenden Zauberflötentöne? Und in dem stillen dunklen Rattennest, Das meine Seele nenn' ich, wird's lebendig Und läuft und springt und drängt und pfaucht und pfeift? Nein! tutti tutti! forte! con fuoco! Recht brausend, lärmend, alles übertäubend! Bum bum! tam tam! Nicht diese zarten, feinen Geheimnisvollen Rattenfängersoli. Zufriedene Stunde, stille, satte Stunde! Ganz ohne Wunsch die eingelullte Seele, So ruhefroh, so flach, so unbewegt – Die Drei (An Max Klinger.) Was willst von mir du, dürr Gebein? Musst wohl vorüber gehn. Ich bin der Ruhm, bleib' trutzig stehn, Die Ewigkeit ist mein. Ich bin der Tod, hab' groß' Gewalt, Nur du bist mir entrückt. Doch deinen stolzen Hals gebückt, Auch dir wird Ziel und Halt. Kannst du's nicht setzen, sag', wer dann? Mein Weg geht herrlich fort. Doch welch ein grausig Weib steht dort? Es schreitet dröhnend an. Ich bin die Zeit, mein Fuß zertritt, Was nicht der Tod zertrat. Auch du bist nun gereifte Saat, Und so stampft dich mein Schritt. Lass ab! mein leuchtend Flügelkleid, Die Schwingen, weh, zerknickt. So schmählich in den Sand geschickt, Ein Fest dem scheelen Neid. Muss unter deinem Eisenschuh Mein Stolz und Glanz vergehn, Und darf der Pöbel gaffend stehn? Schnell, mach ein End, tritt zu! Würfelspiel Zieh mir zum Frommen ich die Summe aller Tage, Wie vieler ward ich froh, wie viele brachten Plage? Wie oft im Würfelspiel warf ich des wilden Lebens Der Augen grad' genug, wie oft warf ich vergebens. Stoß' ich den Becher fort und scheide aus dem Spiele? Was soll der Knöcheltanz auf harter Lebensdiele? Der Mühe wert ist nicht, was uns die Würfel bringen. Am Ende lässt der Tod kein Körnchen ab sich dingen. Er winkt, und du musst fort, gewinnend, wie verlierend, Im warmen Zobelpelz, in dünnen Lumpen frierend. Was hast du denn gehabt, um was dich abgeplagt, Dass deines Leibes Rest die Gier der Würmer nagt? Kann auch die Seele einst in Gottes Himmel kommen, Hat sie vorher doch meist der Teufel schon genommen. Er ist auf Erden Herr, weiß alles wohl zu machen, Stellst du mit ihm dich gut, wird der Gewinn dir lachen, Dem sanften Himmelsknecht im frommen Flügelkleide Bist du verlierend nur die rechte Herzensweide. So ist die Wahl dir leicht, dem Satan schwörst du zu, Für eine Hand voll Glück giebst deine Seele du. Zu ihr! Zu ihr! zu ihr! Es schlägt das Herz Mit dreifach schnellen Schlägen. O hätten Schwalbenflügel doch Die Sohlen auch, die trägen. Zu ihr! zu ihr! Schon bin ich da. Wird sie wohl meiner warten? Ich spähe um das Haus herum Und durch den ganzen Garten. Zu ihr! zu ihr! Um Busch und Beet Mach' ich mich auf die Suche. Deckt meinen Schelm mit ihrem Stamm Die junge Frühlingsbuche? Dort in der Hütte, regt sich's nicht? Gefunden, ja gefunden! Schon hat sie den verliebten Narr'n Mit weichem Arm umwunden. Schon herzt sie mich, schon küsst sie mich. O Mädchen, dies Entzücken, Von deinem sechzehnjährigen Mund So Kuss um Kuss zu pflücken. Gold, wenn ich's hätte Gold, wenn ich's hätte, Das große Los! Ob ich mir ein Reitpferd hielte? Einen Viererzug? Ob ich mir ein Rittergut kaufte? Vielleicht gründete ich ein Asyl Für verarmte Börsianer Oder invalide Rennpferde, Vielleicht kaufte ich Schopenhauers Gesammelte Werke. Ich thäte noch viel mehr, Schöneres, Edleres: Ich rauchte eine bessere Cigarre, Und gäbe meiner Frau Hundert Mark, Tausend Mark Wochengeld. Vielleicht auch hielt' ich eine zweite Frau, Ein kleiner Pascha, In jedem Stadtviertel eine. Vor allem aber Würde fromm ich, sehr fromm, Und ließe für Sankt Marien Ein Altarbild malen: Christus, Die Schächer zum Tempel hinausjagend. Aber ein Realist sollt' es malen, So einer mit großen, wahren Augen, Der die Dinge sieht, wie sie sind, Ohne Heiligenschein. Christus, Mit dem heiligen Feuer des Zornes, Verachtung im edlen Antlitz, Das derbe Tau in der strafenden Hand, Und vor ihm geduckt, Zitternd, stolpernd, fluchend, greinend, In Kaftan und Frack, Schmierig außen und innen, Oder nur innen, Und außen parfümiert und geschniegelt, Alle die edlen Seelen, Die hundert Prozent nehmen; Die Kaffeeschwindler mit scheinehrlichem Gesicht; Die Buttermanscher mit den angesehenen Bäuchen; Die Gotteswortfälscher Mit den gleichfalls angesehenen Bäuchen, Und noch viele andere. Und einige Leute, Die ich besonders hasse, Die sollten mir ganz vorne abkonterfeit werden, Ganz so ehrlich, tugendhaft, Mit Pharisäerlächeln, Wie ich täglich sie sehe. Aber das Genie meines Realisten Ereilte sie mit heiliger Vergeltung, Und durch Farbe und Lack, Durch Dünkel und Lächeln Grinste ihr hohles Nichts, Deutlich, Man könnte es mit Händen greifen. Gold wenn ich's hätte, Das große Los. Kein Reitpferd, keine Maitresse. Kein Asyl Für Opfer unserer modernen Wirtschaftsordnung, Freiheit, weite gold'ne Freiheit. Fort! irgendwohin, Nur fort! In die Einsamkeit? In die Haide? Oder aufs Weltmeer hinaus Auf wiegender Planke? Oder durch die stille, Herzüberschauernde Wüste Auf stelzendem Kamel? Freiheit. Welt. Nur fort. O, der kleine lächelnde Jude, Den ich neulich auf der Pferdebahn traf, Wie ich ihn beneide, Diesen kleinen schmunzelnden Israeliten, Der Konstantinopel gesehen hatte, Rossschweife, Harems, das goldne Horn, Und andere Hörner. Wie ward das Herz mir groß Bei seinem Erzählen. Und er war nur ein Kaufmann, Reiste vielleicht Mit wollenen Unterhosen, Patentierte Jäger, Oder mit Wiener Schuhwaren, Und ich, ich bin ein Dichter Und würde mit meiner Muse reisen. O, meine Muse. Neulich noch schalt sie mich, Dass ich sie versauern ließe, Stubenhockerisch. Sie hätte keine Lust, Eine alte Hutzel zu werden. Sie bedürfe Bewegung, Luftveränderung, Zerstreuung, Nahrung. Von Hamburger Rauchfleisch allein Könnte sie nicht leben. O, meine Muse, Ich weiß, Du bist schlecht daran, Sehr schlecht. Dir fehlt es am Nötigsten Zu deiner Entwicklung, Du wirst ewig Bleichsüchtig bleiben In der stickigen Stadtluft, In der Misere Des täglichen Lebens. Glaube, das Herz thut mir weh darob, Aber ich kann dir nicht helfen. Gold, wenn ich's hätte, Das große Los. Ja, wollt' ich dich halten. Herrlich solltest du sein, Eine Fürstin, Getränkt mit dem Nektar der Freiheit, Gespeist mit dem Brot der Freiheit, Groß, heiter. Wie es Göttern geziemt und Göttinnen, Gingst du mit Siegesschritten, Tanzschritten, Über Länder, Über Meere, Brächest Rosen Aus dem glutflammenden Nordlicht Und schöpftest Diamanten Mit hohler Hand Aus den flimmernden Feldern Des Südpols. Aus den Tiefen der Meere Drängten sich jauchzend Die Wunderwesen entgegen dir, Tritonen und Nereiden, Und lachend, Dass es widerhallte durch alle Himmel Neigten aus Sternenhöhen Selige Scharen sich Entgegen der Schwester. O, meine Muse. Ich bin nur ein armer, Stundenlaufender Klavierlehrer, Verheiratet, Ohne Vermögen, Und bitter büße Den Übermut ich, Dass ich mir den Luxus gestatte, Mir eine Muse zu halten, Die ich nicht ernähren kann, Nicht standesgemäß ernähren kann, Wie es sich für Musen gehört. Nun welkst du hin, Blutarm, Und kränkelst in Sehnsucht Und Heimweh. O, meine Muse, Gold, wenn ich's hätte, Das große Los. Mein Mathematikus In der Tertia war's, in der Mathematikstunde, Da ward mir aus deinem Professorenmunde Der erste Hohn für mein Dichten verabreicht. Ein Jugendeindruck, der bis ans Grab reicht. Noch heute seh' ich bei jedem Gedichte Dein mathematisches Professorengesichte Mir über die Schulter grinsen und lachen: Kann nicht rechnen und will Gedichte machen. An gewisse Virtuosen Die Welt ist ungerecht. Hans Schlau, der sich empfahl Mit seines Nachbars altem Tiegel, Ihn setzt man, weil er stahl, Flugs hinter Schloss und Riegel. Und ihr, die ihr so oft Mit eurer Fingerfertigkeit Dem lieben Gott die Zeit, Den Nachbarn ihre Ruh' gestohlen, Ihr lauft noch frei umher. Möcht' euch der Satan holen. Abend an der Elbe Leise ebbt der Strom. Im Schlick Ragen plumpe Fischerkähne, Draußen gleiten, stille Schwäne, Mit den weißen Segeln andre. Und die Strecke überwandre Breiter Bahn ich mit dem Blick Bis ans niedere Gelände Drüben, wo sich Wiesen breiten, Wo die bunten Kühe schreiten Zwischen üppigem Krautgestände, Und die groben Weidenköpfe, Knorrig, bissig, Sauertöpfe, Wie im Zorn die Haare spießen. Weiter oben sammeln, schließen, Wie ein Wall, sich grüne Wipfel Um das Dörfchen. Höchste Gipfel Zeigen Pappeln. Nur der Hahn Auf des Kirchleins gold'ner Spitze Sieht von einem stolzeren Sitze Rings die Welt sich aufgethan: Weite unbegrenzte Fläche, Segenstrotzend Feld an Felder, Landmanns ungemünzte Gelder, Wiesen, Moore, Waldesränder. Und dazwischen blaue Bänder, Die Kanäle, Weiher, Bäche. Aber unten, ihm zu Füßen, Sieht er weiße Segel grüßen, Schwarze Schlote niedergleiten. Kommen, Gehen. Aller Weiten Unsichtbare Fäden weben Nach verborgenem Gesetze, Dort an einem Riesennetze. Und es trägt der Strom das Leben Ruhig zwischen Uferbreiten, Die zum Meer sich mählich weiten. Leis zum Strande rinnt die Welle, Und die schwanke Binse schmiegt sich, Windet sich und bebt und wiegt sich. Zwielicht wechselt ab mit Helle, Wie sich vor der Abendsonne, Eine schweifende Kolonne, Leichte Wolken hastig drängen, Die auf ihren hohen Gängen, Unter sich den Tanz der Wogen, Über sich den Glanz der Sterne, Kommen lautlos hergezogen, Abgesandte welcher Ferne? Aber tiefer, Wellenteiler, Kraftbeschwingte Luftdurcheiler, Tummeln sich im Auf und Nieder Möwen mit dem Schneegefieder. Wie um blaue Blumenkronen Weiße Schmetterlinge flügeln, Schaukeln ohne Schwingenschonen Leicht sie über Wellenhügeln. Zwischen Wasser, zwischen Himmel: Segel, Vögel, ein Gewimmel Regen Lebens, lautlos hastend. Und ich träume in dem Schweigen Unter breiten Buchenzweigen Hier am Ufer wohlig rastend. Stilles Glück der Ebbe. Ragen Seh' ich aus vergangnen Tagen, Bloßgelegt, was überbrausen Sonst die Wellen. Und die hausen Heimlich in verschwiegenen Reichen, Kommen nun, die nixengleichen, Mit den großen Schelmenblicken, Mit der Lust am Necken, Zwicken, Allerliebstes Ungeziefer, So viel klüger, so viel tiefer Als die lärmenden Gedanken, Die zur Flutzeit mich umzanken Und mit ihrem kecken Meinen Herrn sich meiner Seele scheinen. Zum Rendezvous Kam er oder kam er nicht? Sicher wird er meiner warten, Lief von links die Katze auch Übern Weg mir schon im Garten. Zwar die Mutter fest und steif Glaubt, das muss stets Unglück bringen, Aber alte Leute sind Wunderlich in solchen Dingen. Kätzchen schlich ins Grüne nur, Einen Vogel sich zu fangen. Ach, mir ist der schönste schon Längst und leicht ins Netz gegangen. Wo sich aus dem Park ins Feld Stehlen die umbuschten Wege, Lief er eines Sonntags früh Ahnungslos mir ins Gehege. Dorthin hat er heute auch Mich zum Rendezvous geladen. Komm ich auch ein wenig spät, Etwas Warten kann nicht schaden. Allzupünktlich jetzt schon sein, Kann den Herrn mir leicht verwöhnen. Schmollt er, wird ein Küsschen schnell Den verliebten Schelm versöhnen. Vision Wie manches Weib umfing ich schon in meinen Träumen, Das zu umarmen ließ am Tag die Scheu mich säumen. Gelegenheit verflog, die Frucht blieb ungepflückt, Was half's, dass mich im Schlaf ihr Schattenbild beglückt? Dich aber sah noch nie im Traum ich, wie im Wachen. Wo kamst du Hohe her, von welchem Strand den Nachen Triebst du durchs tiefe Blau des Lüfteozeans? Ein bläulich bleiches Licht war Herold deines Nah'ns. Ein leises Zittern ging vor dir durchs Äthermeer, Dann schwebtest du heran, ein Leuchten um dich her. Wer bist du, stolz Gebild, im Sternenfunkelkranz? Dein Leib – Licht oder Luft? – schien nur durchsichtiger Glanz, Und doch hob sich mein Arm, ihn brünstig zu umfangen. Bist Schein du nur, ein Trug, was weckst du mein Verlangen? Vor deinem Angesicht müsst' sich ein Engel beugen, Die reinere Himmelsglut dir demutvoll bezeugen. Doch schickt von seinem Thron des Flügelheers Befehler Die frommen Boten als Verführer aus und Quäler? Hätt' Satan dich gezeugt, kämst du von seinem Hofe, Der Hölle listig Kind, der Sünde saubere Zofe? Nun lauf' ich durch den Tag ein wacher Träumer hin, Begierdekrank das Blut, vergiftet jeder Sinn. Wie eine Melodie uns peinigt und nicht scheidet, So lässt dein Bild mich nicht, das alles mir verleidet. Schließ' ich die Augen, stehst du vor mir, herrlich Weib, Geöffnet suchen sie in jeder Dirn den Leib, Der so mich hat entbrannt, und wenden ekel sich, Wenn dir die schönste selbst wie Nacht dem Tage glich. Der heilige Anton war wahrlich schlimm daran, Ihn griff der Teufel mit verstärkten Kräften an. War eine einzige nur von jenen Huldgestalten So schön wie du, woher kam soviel Kraft dem Alten? Ich hätte schwerlich wohl so standhaft können sein, Hätt' Keuschheit eingebüßt dabei und Heiligenschein. Singe Mädchen Singe Mädchen, dein Gesang Ist ein flüchtig Schleierheben, Deine scheue Seele zeigt Unverhüllt ihr Blumenleben. Seelen sind wie stille Seen, Wer mag in die Tiefe dringen? Nur vereinzelt sich ans Licht Ihre weißen Rosen ringen. Aus den lichten Kelchen steigt Eine holdverschämte Kunde Von den Schätzen, die sich keusch Bergen auf dem stillen Grunde. Herr Müller Er ward über Nacht ein berühmter Mann. Die guten Leute starren ihn an, Grüßen tief und zeigen mit Fingern: Seht den, ist keiner von den Geringern. Ein Fremder fragte nach seinen Thaten, Da wussten sie sich nur halb zu raten. Sein Name wär' Müller, gedichtet hätt' er Geniales, so schrieben es alle Blätter. Zwar hätten sie's selber noch nicht gelesen, Doch wär' es trotzdem sehr schön gewesen. So sind sie! Wird's schwarz auf weiß gesetzt, Sie plappern es nach und glauben's zuletzt. Aus eigener Meinung lassen sie selten Was Rechtes gelten. Die Bahnstation Rechts die Fabrik mit ragendem Schlot, Und der Bahnhof, wie tot, Mit hartem, kaltem Beamtengesicht. Links, nur auf sandigem Wege erreichbar, Einem Schmutzfleck vergleichbar Im Landschaftsbild, Die Glashütte. – Wild Und wüst umher: Schutt, Scherben und Schlacken. Ein Männerstiefel, zerlocht, ohne Hacken, Und ein rostiger, zerbeulter Kessel Feiern in Klee und Nessel Unterm Heckengehege Am Wege. Arbeiterwohnungen, langgestreckt Unter ein Dach gesteckt, Weiß getüncht, doch sauber nicht, Verfreundlicht von vollem Sonnenlicht. Vor allen Thüren Kinder und Weiber. Die Männer sitzen beim Zeitvertreiber, Beim Bierskat, oder die Kegelbahn Hat's ihnen angethan. Es ist Sonntag heute. Nach Wochenplag' Will der Mann einen frohen Tag. Die Weiber tragen immer ihr Pack, Feiern zu Hause bei Kaffee und Schnack, Haben immer zu thun, Können selten ruhn. Hahn, Hühner und Hennen Mit piepsendem Völkchen scharren und rennen. Unterm Zaun die große graue Katz' Rückt nicht vom Platz Und blinzt nach den Kücken. Welch' Trippeln, Picken und Pflücken. Auf dem Schutt, am Graben, am Weg, überall. Bei jedem Haus fast ein Hühnerstall. Auch Kaninchen mit weichen Fellen Entschlüpfen Verschlägen, dummschlaue Gesellen, An den Ohren zurückgetragen, Wenn sie zu weit davon sich wagen. Scherbengeflirr und -gefunkel, Weibergeplausch und -gemunkel, Kinderspektakel Und Hühnergegakel Überall. Zwischen Fabrik und Fabrik der Wall, Der Bahndamm mit blitzenden Eisensträngen, Bekleidet mit blühenden Seitengehängen: Haidekraut, Löwenzahn und kriechender Wicke. Abseits im Knicke Leuchten abblühender Dorn und Syringen. Aus dem Gärtchen dringen, Des Bahnwarts Gärtchen, Jasmindüfte. So still die Lüfte, Keine Regung, kein Hauch, Als wüssten sie auch, Dass Sonntag heute, Ruhtag. – – – – – – Geläute! Ein Bahnzug donnert heran und hält, Bringt Aufruhr in die kleine Welt. In roter Mütze der Herr »Inspekter«, Die Schultern reckt er, Würdebewusst und wichtig. Wie nichtig Erscheint sich der Kleine vom Dorf daneben. Zum Abschied küsst er die Mutter soeben, Die in die Stadt will, die Tante besuchen, Halb denkt er an Bonbon und Kuchen – Denn Moder bringt jümmers wat mit ut de Stadt – Halb aber hat Er Augen nur für das rote Tuch. Der Zugführer wartet mit Bleistift und Buch. Die Schaffner laufen. Ein Passagier Ruft nach dem Kellner: Schnell ein Bier! Thürenschlagen, Schelten und Fragen. Gleichmütig am Fenster erster Klasse Steht eine Dame. Das feine, blasse Gesicht so müde, so abgespannt. Sie gähnt übermannt. Von den hässlichen Schloten Der Fabrik und der roten Inspektormütze und dem gaffenden Jungen Ist ihr Blick hinübergesprungen Auf das Wiesengelände jenseits des Dammes. Bis zur fernen Linie des Hügelkammes Zieht sich das grüne Gewoge hin. Drei, vier Mäher darin Müh'n sich um kärglichen Sonntagslohn. Verloren herüber dringt ein Ton Vom Schärfen des Stahls. Wie Punkte zeigen, Die gegen die Bläue aufwärts steigen, Sich schwebende Lerchen. Am Horizont, So weit man sieht ist alles besonnt Vom milden Juniabendglanz, Liegt, wie ein halbgewundener Kranz, Wald, von duftigen Schleiern umzogen. Schnell haben das Stückchen Welt überflogen Die müden Blicke teilnahmlos. Die Welt ist so groß Und tausendmal schöner wo anders, als hier. Was ist dies Fleckchen Erde ihr? Die Wiesen, die Mäher, die gaffenden Kleinen, Die an der Barriere lachen und weinen, Sich stoßen und schelten, In Frieden selten; Das blasse Weib mit dem Säugling dort, Der ganze dürftige, rußige Ort. Wie alles sie langweilt. Abgewandt Gähnt sie hinter behandschuhter Hand. Wieder Geläute! Schreien und Laufen, Ein gellender Pfiff, ein Pusten und Schnaufen. Fern, fern verhallt's, verschwindet's. Husch! Vorüber! Ein Spuk? – Im Fliederbusch Flötet die Drossel, und leise, ting, ting, Von den Wiesen herüber grüßt Sensengekling'. Harmonikatöne von irgendwo. Es ist doch Musik, wenn auch so so. »Mädel ruck ruck ruck an meine grüne Sei – eite, Ich hab dich ja zu gern« – Aus duftiger Weite Blinzelt lustig der erste Stern. Wie lang, und vom Walde herüber kommt sacht Querfeld auf weichen Sohlen die Nacht. Schlimm daran Mein Kind, ich bin ein Dichter. Weißt du, was das heißt? Jedermann ist mein Richter, Sei er so dumm als dreist. Ich muss mich belächeln lassen Von jedem Krämerkommis. Was gilt dem Volk auf den Gassen Das bischen Poesie? Sie haben Goethe im Schranke Und schöne Worte im Mund, Aber ihr höchster Gedanke Ist Skat bis zur Morgenstund'. Schuld Schuldlos oder schuldig? Wer will bestimmen, Wo die ersten Funken Verborgen glimmen. Ein einziger Lufthauch Entfacht die Flammen. Wer mag zum Schaden Auch noch verdammen? Unterwegs Ging ich um die heiße Mittagsstunde, Die gewitterschwüle, durch die öde Sonnige Vorstadtgasse meinen Pflichtweg, Wie dem weiten, aufgesperrten Rachen Einer plumpen kalten Brunnenfratze Breit entstürzt und mit Geräusch der Sprudel, Blasen werfend, regenbogenfarbig, Also wälzte aus dem großen, roten Schulgebäude sich ein Schwarm von Mädchen Auf die Straße, in die helle Sonne. Jede Größe, jede Farbe: Blonde, Braune, Schwarze. Flechten, Zöpfchen, Locken. Freigelassene! Welch' ein Lärmen, Schreien, Plappern, Springen, Lachen, Kreischen, Schelten! Aus den offnen Fenstern doch der Schule Schallen kräftig frische Knabenstimmen, Lautes, taktgemäßes Fibellesen, Jede Silbe scharf hervorgestoßen. Aber alles übertönen plötzlich Aus dem dritten Stockwerk eines Hauses, Einer Mietskaserne gegenüber, Lange, schreckliche Posaunenklänge. Immer die vier gleichen Takte quälend, Qualvoll in die Welt hinausgeblasen. Ist es eines kleinen Tanzorchesters Posaunist, der sich da oben abquält? Ist ein Dilettant es, kunstbegeistert? Ach, der Weg zur Kunst, zu jeder, jeder Ist so schwer. So viele Stufen führen Aufwärts nach den lichten, reinen Höhen, Auf den untersten, den breitgelagert Freigeräumigen, dies Stoßen, Drängen, Dies Gewimmel. Aber mählich aufwärts Lichtet sich's, und spärlich nur bevölkert Sehn die höchsten über Zeit und Raum weg, Und die Spitze? Und die höchste Höhe? Hat sie je ein Sterblicher erklommen? Oder harrt noch einsam sie des Kommers, Der von dort mit seinem Finger leise An die Fackel rührt, die alles Licht giebt. Hinter mir lag längst die heiße Gasse, Aber immer klang mir in den Ohren Noch das qualvoll unverdrossene Blasen, Wie das Stöhnen einer kranken Seele, Die mit ihrem Erdenfluch sich abringt, Leidend, sieglos, aber stolz und störrig: Es muss sein! Motto Sternepflücken, Wolkenfangen, Immer dieses Glutverlangen, Unbefriedigt Narrentreiben. Willst ein Kind du ewig bleiben? Schon mit weiß durchwirkten Haaren, Und noch kein gesetzt' Gebahren? Immer dieses Glutverlangen, Sternepflücken, Wolkenfangen. O bitt' euch, liebe Vögelein Liebessingsang, Trinkgejuchze, Läppische Poeterei! Nicht dies Nachtigallgeschluchze O, nur einen Adlerschrei! O, nur einen vollen, wahren Ton aus tiefster Brust, davor Wir erschreckt zusammenfahren, Nicht den zahmen Gimpelchor. Doch das zwitschert wie im Bauer Blöde Dompfaffmelodei: Holde Wehmut, süße Trauer, O, nur einen Adlerschrei! Lied des Armen An die Arbeit! Mürrisch treibt Mich ins Joch die Sorge wieder, Und ihr harter Peitschenschlag Fällt im Gleichtakt auf mich nieder. Selig, wem beim Hahnenschrei Glück den Morgengruß bereitet, Und wen durch den goldnen Tag Seine weiche Hand geleitet. Einmal trifft auch mich sein Blick, Der ich schwer im Pfluge gehe, Wenn ich keuchend, todesmatt Vor der letzten Thorfahrt stehe. Lässig schirrt's mich aus dem Joch; Soll ich dankbar mich ihm zeigen, Oder seiner späten Gunst Stumm den müden Nacken neigen. Ruhm und Liebe Kühn wollt' auch ich nach Ruhm und Ehren fliegen, Der Sonne nah in reinem Glanz mich wiegen, Wo königliche Vögel einsam schweben. Nun fesselt mir ein einziger Wunsch die Schwingen: Zu deinen Füßen sanft mein Lied zu singen Und meine Seele ganz dir hinzugeben. Epistel Fastnachtsverse wünschen Sie, verehrter Doktor? Leider hab ich nichts dergleichen mehr auf Lager, Meine Muse, die in diesen Tagen dreimal Schon ich darum anging, aber ist ein sprödes, Knauseriges Frauenzimmer, voller Launen, Wie ja alle Evastöchter, und seit vielen Wochen wendet schon die »Himmlische« mir schmollend Ihren »hehren« Rücken zu. Was fang ich an jetzt? Giebt es Mitleidswerteres als einen Dichter, Dem die Muse den berühmten Kuss verweigert? Viele zwar von meinen Herrn »Berufskollegen« Wissen sich in solchem Falle schon zu trösten Und versuchen's kecklich ohne ihre Muse, Und die Menge merkt es, beim Apoll, den glatten Feinen Versen, die ins Ohr wie Öl ihr träufeln, Manchmal nimmer an, dass sie der Herr Verfasser »Ganz allein« gedichtet, ohne höhere Hülfe. Ich doch kann nicht eine einzige Zeile schreiben, Wenn die gute Muse mit mir »mault«, und gar noch Faschingsverse – nein, dazu bedarf's der ganzen Närrisch übermütigen Laune, die mit buntem Flitter sich behängt, hinweg zu täuschen klüglich, Sich auf Stunden dieses Lebens graues Elend, Oder auch bedarf's des grauen Elends selber, Aschermittwochstimmung, die in Sack und Asche Und mit hängenden Ohren Bußelieder dichtet. Beides liegt mir fern. Ganz nüchtern werkeltäglich Trott ich meines Lebens immer gleichen Pflichtweg, Der mich abseits führt von Maskeradensälen. Ach, wie lange schon ist's her, dass mich auch einmal Einer Maske klug gewählte Hülle freundlich Barg vor meiner lieben Nächsten Späherblicken, Dass der weiße, kreuzbestickte Rittermantel, Und der kecke Hut mit weithinwallender Feder, Und der Degen und die großen Sporenstiefel, Diese ganze Heldenmummerei, mich einmal Wenige schöne Götterstunden ließ vergessen, Dass mit vielen tausend Adamssöhnen sonst ich Ohne Rittermantel muss mein Kreuzlein tragen. Nun, man trägt es schon. Kommt einmal doch die Stunde, Wo auch dieses Kreuz mit anderm, wie entlieh'nes Faschingsballkostüm, dem großen Allesleiher Wieder wir zurück in die Garderobe liefern. Masken! Larven! Ach, wir tragen alle Tage, Nicht zum Fasching nur, die wunderlichsten Hüllen. Masken! Larven! Bis die Stunde schlägt, Erlösung Schlägt? und alle Hüllen fallen. Oder geht es Weiter drüben, weiter so in aller, aller Ewigkeit? Ein immer neues Mausern? Immer Nur ein Kleiderwechseln? Aber werter Doktor, Welche alte, abgedroschne Kinderfragen Stell ich. Sehen Sie, so geht es mir nun, wenn ich Ohne den berühmten Musenkuss Episteln Schreib, wie jene Afterdichter, jene kleinen Flinken Fexen unseres lyrischen Parnasses, Die sich ihre lyrische Begeistrung jeweils, Wenn nicht anders, holen her aus dem Kalender. Darum Schluss denn, keine lahme Zeile weiter. Fort vom Schreibtisch, von dem heute sehr missbrauchten, An den Flügel. Aufgeschlagen winkt vom Pult mir Robert Schumanns immer junges, frühlingshaftes, Buntes Faschingssträußchen: »Papillons« benamset. Wenn die Finger mit den Tasten Zwiesprach halten: Druck und Gegendruck, auf leises Fühlen Antwort, Dann vielleicht, dass sachte, von den herzensechten Tönen Schumanns angelockt, die Muse hinter Meinen Stuhl sich stellt und lauscht, denn Schumann liebt sie, Und dass sie zum Lohn hernach vielleicht ein Verschen Wieder mir ins Ohr mit ihrem wunderbaren Lächeln, wie von einer andern Welt her, flüstert. Thut sie's, schreib sofort ich's nieder auf mein bestes Weißestes Papier und schick es »eingeschrieben« Schleunigst an die Redaktion mit nächster Post. Ekel Die ihr umstolzt mich mit den vollen Taschen, Krummnasig oder nicht, verfluchte Beter Vorm goldnen Kalb, o würd' mein Wort zum Schwerte, Wie wär' Musik mir euer Furchtgezeter. Kommt her! legt Rechnung ab von euren Groschen. Wie? Stockt so bald im gierigen Hals das Wort euch? Der sonst so freche Blick irrt scheu beiseite, Und wie ertappte Buben schleicht ihr fort euch. Geht! schachert, trügt und machts »Geschäftchen« weiter, Und freut euch, Edle, am »verdienten« Schatze. Nur aus der Sonne mir, den Blick zu Boden! Sonst speit mein Zorn euch in die ekle Fratze. Nicht aufkommen lassen Willst du dich über die Menge erheben, Halte die Ehre blank und eben, Den kleinsten Flecken, den kleinsten Belauf, Die Leute zeigen mit Fingern darauf, Froh eine Stelle gefunden zu haben, Worein sie ihre Haken graben, Die dich aus deiner Höhe wieder Zerren zu ihren Sümpfen nieder. Viel eher dulden sie schlecht dich, gemein, Als dass sie dein Besserseinwollen verzeihn. Weisst du noch? Weißt du noch? Am Brunnen war es, Und die blanken Wasser rauschten, Und am Marktplatz die Paläste Waren steife, stumme Gäste, Als den ersten Gruß wir tauschten. Westwind strich um alle Ecken, Und ein Regen sprühte nieder; Gingen unterm Schirme weiter, Und dein Bäschen war Begleiter. O, das Bäschen sagt nichts wieder. Doch das böse Bäschen plauschte. Können Weiber jemals schweigen? Und nun wissen's alle Tanten, Dass wir trafen auf pikanten Wegen uns, verbotnen Steigen. Wie sie wohl gehechelt haben In dem großen Lästerorden. Klatschsucht konnt' ihr Mütchen kühlen. Ob nun ruhn die Plappermühlen? Bist ja nun mein Weib geworden. Neulich, als du offnen Mündchens Auf den Kissen mir zur Seiten Schlafend lagst, des Brunnens dachte Plötzlich und die Verse machte Ich und segnete die Zeiten. An die Sorge Knarrt die Stiege? Schritt vor Schritt, Schlurfend, schleifend kommt es nah. Kenne dich am Tapp und Tritt, Sorge, bist du wieder da? Ärgert dich mein Wohlergehn, Dieser ganz bescheidene Glanz? Kannst du niemand fröhlich sehn? Zerrst und zaust an jedem Kranz? Gönn' mir doch das wenige Gut, Das ein harter Fleiß beschert, Lösch des Friedens sanfte Glut Neidisch nicht auf meinem Herd. Und die Wiege dort, davor Mutterangst Gebete spricht, Liebe lauscht mit wachem Ohr, All mein Glück, o stör' es nicht. Atropos – – – – – – – – – – – – – – – Aber starr den Blick ins Leere Unter nachtumwölkter Stirn, Tappt mit ihrer plumpen Schere Schon die Alte nach dem Zwirn. Dichter und Richter Aus Nichts eine Welt erschafft Mit der Zauberrute: Dichterkraft. Fährt der Geist drüber her, Wogt's auf wie ein Meer, Und das Nichts gebiert. Publikus steht und stiert. Kritikus hinterher Nimmt's wichtig und schwer Und legt die Stirn in Falten: »Recht brav! Aber die alten, Die urewigen, geheiligten Regeln!« Es ist zum Kegeln. Stadtfrühling Frühling ward's. Die weichen Lüfte Künden's und die kleinen Bäche Trüben Wassers aus den Rinnen. Wie das rieselt, gluckst und plappert, Eh' der letzte schäbig-schmutzige Rest der einst so leuchtend weißen Winterherrlichkeit dahin. Frühling ward's. Die Staare künden's, Mischen sich, der künftigen bunten Farbenpracht ein schwacher Vorschmack, Schwarzgefrackt und gelbgeschnäbelt, In den grauen Sperlingspöbel. Welch ein Piepsen, welch ein Schreien, Wunderbare Zukunftstöne, Solche Frühlingsouvertüre. Doch es wird schon besser kommen: Lenzsolisten, Sommersänger, Nachtigallentrillerketten, Amsellied und Finkenschlag. Frühling ward's. Du fühlst bei jedem Schritt das fröhliche Ereignis Sich an deine Sohlen heften. Grundlos werden alle Wege, Schlammig vor den Thoren draußen, Schlammig in der Stadt. Millionen Pfützen, Lachen, kleine Seen Spiegeln jedes dir ein Stückchen Von dem Frühlingshimmel wieder, Der noch weinerlich darein blickt Wie ein neugebornes Kindlein Bei dem ersten Unbehagen, Das ihm diese Welt verursacht. Nur Geduld, die Thränen trocknen, Und ein erstes sonniges Lächeln Kündet Lebensfrühlingsfreude, Erste Frühlingslebenslust. Frühling ward's. Die Armen künden's. Aus den Gängen, aus den Höfen, Aus den dumpfen Winterhöhlen Kommen sie ans Licht gekrochen, Männer schmauchend, Weiber schwatzend, Buben raufend, Mädchen tanzend Nach dem Klang des Leierkastens. Wie die Spatzen, wie die Stare, Tummeln sie sich auf den Gassen, Vogelpöbel – Menschenpöbel, Frühlingskinder, lärmend, schreiend, Eine Frühlingssymphonie. Frühling ward's. Gewissheit hab' ich. An die Thür mir kam er selber, Zog die Glocke, dass es fröhlich Klang durch meine stille Klause; Rief mich fort von meinem Schreibtisch, Fort von meinen Frühlingsversen; Bot mir Blumen, Frühlingsblumen, Schneeglöckchen und erste Veilchen; Trug ein einfach Kleid von blauem Weißgemusterten Kattun und Um den Hals ein loses Tüchlein; Trug gescheitelt schlichte blonde Haare, ohne Hut noch Häubchen; Hatte klare blaue Augen, Weiche Wangen, luftgerötet, Volle Lippen, jugendfrisch. Hielt am Finger mein das Ringlein Nicht zurück mich, gar zu gerne Wär' ich um den Hals gefallen, Ach, dem Frühling, gar zu gerne Hätte diese weichen Wangen, Diese vollen jungen Lippen Ich bedeckt mit meinen Küssen. Hatt' ich doch den ganzen langen Trüben Winter gar so heftig Nach dem Frühling mich gesehnt. Und nun durft' ich ihn nicht küssen, Durft' nicht um den Hals ihm fallen, Nur des Ringleins wegen nicht. Nahm ich da die Frühlingsblumen, Weiße Glöckchen, blaue Veilchen, Nahm sie schnell entschlossen alle, Brachte sie dem lieben Mädchen, Das mir einst den Ring gegeben; Warf sie alle in den Schoß ihm, Dass es froherschrocken lachte. Sah aus, wie der Frühling selber, Mit den Blumen in dem Schoße, Mit den guten klaren Augen, Mit den Wangen, glückgerötet, Mit den Lippen, liebelächelnd, Dass ich um den Hals ihr fiel. Frühling ward's. Die weichen Lüfte Wehen um die feuchten Dächer, Munter plätschert's in den Rinnen, Vor dem Fenster piepst ein Spätzlein Und da draußen lärmen Buben, Wilde, laute Kinderlust. »Adebar!« so klingt's von unten Hell herauf. »Ein Storch! – Noch einer!« Und wir sitzen Wang an Wange, Hand in Hand in trauter Zwiesprach, Und im Schoß die ersten Blumen, Und im Herzen unsre Liebe, Unsre junge, junge Liebe. Frühling ward's! – Lockung Schönes Kind von fünfzehn Jahren, Gertenschlank, mit blonden Zöpfen, Mit dem Strickstrumpf vor den Töpfen, Ach, was lässt sich da erfahren? Musst mit hellen Augen schaun Übern Zaun. Hast du übern Zaun gesehen, Gertenschlank, mit blonden Zöpfen, Mit dem Strickstrumpf vor den Töpfen, Magst du dann nicht länger stehen. Ist im Zaun kein Pförtchen drin? Sieh doch hin. Zaun und Pförtchen erst im Rücken, Schönes Kind von fünfzehn Jahren, Ach, was wirst du da erfahren! Kann das Leben so beglücken? Wieviel Glanz und Herrlichkeit Weit und breit. Gertenschlank, mit blonden Zöpfen, Wirst nicht lang alleine bleiben, Und wie anders ist solch Treiben, Als das Stricken vor den Töpfen. Ist im Zaun kein Pförtchen drin? Sieh doch hin! Schönes Kind von fünfzehn Jahren, Durch den Garten katzenleise Machst du bald dich auf die Reise. Darin bin ich schon erfahren. Klirrt der Riegel? – Siehst du! da Bist du ja. Nächtlicher Besuch Eine kleine Weile nur Bleibt noch holde Geister, Schnell verliert sich eure Spur, Wird der Morgen dreister. Liebliche Gedankenwelt, Zauber eurer Hände, Ach, wenn sie der Tag erhellt, Nimmt sie jäh ein Ende. An eigene Adresse Lass die Leier, greif zum Spaten, Greif zum Hammer oder Schwert. Thaten! Thaten! – Bier und Skaten – Aber Lieder, lass dir raten, Lieder werden nicht begehrt. Mein Gegenüber Viel mehr nicht als ein Hofraum ist Das brettumzäunte Plätzchen. Das hellste in dem Gärtchen trist: Die Leine mit dem Lätzchen. Doch grade küsst ein Sonnenstrahl Das kleine Fleckchen Öde. So überklärt wohl auch einmal Ein Lächeln hold die Spröde. Und jetzt, woher doch plötzlich, steht Die Magd nicht dort, die feine? Wie ihr das leichte Röckchen weht, Reckt sie sich nach der Leine. Wie reizend ist das Gärtchen dort! Ich muss nur immer stehen Und nach dem allerliebsten Ort Mit heller Freude sehen. Trost Still, still – 's ist nur ein Traum. 's geht alles vorbei, Was es auch sei. So – so – – Spürest es kaum. 's ist nur ein Hauch, Wie du auch. An Verschiedene Du da und du – Ihr dünktet euch immer mehr als ich. Du In deinem strammschenkligen Kraftprotzentum, Ein sogenannter »famoser Kerl« Bei Weibern und Pferden. Und du, Hundertmal plumper, Verächtlicher, Geldprotz du! Wenn ihr jene feinen Ohren hättet, Mit welchen wir Dichter alles belauschen, Welch silberstimmiges Lachen würdet ihr hören, Ein Lachen so leicht, fröhlich, obenhin, Als Antwort auf eure dreisten Ellbogenfragen: »Siehst du, was für Kerle wir sind?« Ich sehe es! Aber jener da, Der mit dem überlegenen Lächeln, Der Schulmeister, Er thut mir leid. Was ist euch Kunst, Wissenschaft, Und jenes unwägbare Geschenk der Götter: »Geist!« Ein Nichts! (Doch! Geist liebt ihr: Klapphornverse!) Aber ihn, Ihn narrten die Götter. Sie gaben ihm Fleiß, Verstand, Gedächtnis, Liebe zum Guten, Und einen feinfühlenden Finger. Aber sie schlugen ihn mit Kurzsichtigkeit Und gaben ihm nicht Ihr Höchstes: Phantasie. Nun tappt er umher Und freut sich, Wessen er habhaft wird mit tastendem Finger. Aber draußen, Wo Schwingen sich weiten, Auftragenden Fluges Phantasiebegabte, leichtere Geister Mit Sonnenkindern Frage und Antwort spielen: Hier ist er nicht heimisch. Hier fühlt er seinen Mangel Und rümpft die Nase, Wie hässliche Mädchen Unter schöneren Schwestern Sich gern auf die Überlegenen hinausspielen, Die Gesetzteren, Innerlicheren. Der Arme! Ihn narrten die Götter, Und Mitleid weckt mir Sein überlegenes Lächeln, Tiefes Mitleid. Mancherlei Nutzen Freuten uns an duftgen Blüten, Die für uns im Laube glühten. Nun, da sich auch Früchte zeigen, Pflücken wir aus vollen Zweigen. Kommt der Winter, nützt aufs beste, Wärmend uns, ein dürr Geäste. Wenn die Flammen aufwärts schlagen, Träumen wir von Frühlingstagen. Der Dichter spricht Ich weiß es ja, ein Gaukler gilt euch mehr, Und zehnmal mehr ein reicher Kaffeemakler, Ich laufe nur so mit im großen Heer, Mich überschreit ein windiger Spektakler. Ein Lorbeerkranz mit breitem Atlasband Den Mimen, Clowns und Börsenjubilaren. Der Dichter steht dabei mit leerer Hand, Bis elend in die Grube er gefahren. Pocht nicht auf Säulen, die ihr Toten setzt. Was soll die Farce noch, ihr eitlen Thoren? Wer euch im Leben immer kam zuletzt, Den lasst nun auch im Grabe ungeschoren. Dat Rosenplücken Sah zu jüngst einem Villenbau, Die Straße weiß ich nicht genau, Ging eine schmucke Dirn vorbei Im blauen Waschkleid, die Arme frei, Trug einen Korb, draus quoll hervor Der schönste zarte Rosenflor. Den Rosen glichen ihre Wangen, Die Lippen weckten Kussverlangen, Und eh' sie wusst', wie ihr geschah, Sich rechts und links umworben sah. Hatt' gleich an jeder Seit einen Schalk, Bestaubt mit Ziegelmehl und Kalk. Der griff ihr um die Hüfte schlank, Der langte nach den Rosen frank, Und hätt' mit grober Werkelfaust Die zarte Fracht ihr fast zerzaust. Hülflos vor keckem Übermut, In Sorge um der Herrin Gut. Die vollen Arme hoch erhoben, Den Korb zu retten vor den Groben, Musst so sie leiden voller Scham, Dass ihr ein dritter ein Küsschen nahm. Da fuhr ein alter Graukopf drein, Nannt' selbst wohl solch ein Mädchen sein: »Lat doch de Deern! Ji drivt't to dull! So'n Rosenplücken mögt ji wull?« Ich trage Gedichte Um den Theetisch saßen wir, Oder tranken wir Kaffee oder Chokolade, Ein Traum nur war es, Und alles lebt nur wie Schatten noch, Wie Bilder aus einer Laterne magika In meiner Erinnerung. Deutlich nur seh ich Zur Rechten mir das kleine zierliche Mädchen, Zwölfjährig, kaum älter. Unendlich traurig Sah es mit großen blauen Augen In seinen Schoß, Die einzige Betrübte in unserem heitern, Scherzbelebten Kreis. Was fehlt dir Alice? Warum denn so still heute? Ach, so klang es von rosigen Kinderlippen, Ich bin so schwermütig heute – Ich trage Gedichte. Was? du trägst Gedichte, Alice? Und endloses Gelächter umschwirrte dich, Übermütig, Wie ausgelassene Tagvögel Die alte ernste, unzufriedene Eule umspotten. Ich trage Gedichte... Wachend hör' ich immer noch Diese zaghafte, traurige Antwort, Die mich so tief rührte, Aus Kindermund so tief rührte. Ich trage Gedichte... Was wissen die anderen, Leicht frohen Alltagsseelen, Wie einem zu Mute ist, Wie uns beiden zu Mute ist, Alice, Wenn wir Gedichte tragen. Wie weh, wie krank unsere Seele sein kann, Wenn's drin keimt, Wenn's drin zuckt, Mit ersten leisen Regungen, In Schmerzen empfangen, Mit Schmerzen geboren, Seele von unserer Seele, Blut von unserem Blut. Kleine schmerzdurchzuckte Dichterin, Freue dich. Dein Reich war der Traum. Die Sonne des Morgens küsste dich auf, Dich und deine Schmerzen, Wie den Nachttau von den Blättern der Blumen, Denen du in ernster Lieblichkeit glichst. Ich aber lebe. Mein Tag ist kein Traum, Und wenn ich schwermütig bin Und Gedichte trage, Darf ich's nicht einmal sagen am Theetisch. Sie würden mich auslachen, Wie sie dich auslachten, Nur thut's noch zehnmal weher, Am hellen, wirklichen Tage ausgelacht zu werden, Und unsere Schmerzen Sind ihnen immer lächerlich. Sie verstehen uns nicht. Wie schön, sagen sie, dichten zu können, Wenn wir es doch auch könnten. Ist es sehr schwer mein Herr? Gesang wandernder Kinder An dem Abgrund schmale Wege, Über Schluchten leichte Stege Führen uns die Engel hin. Mitten unter Schwergefahren Heitere Ruhe sich bewahren Lehrt Vertraun und frommer Sinn. Doris Rötlich schimmern die Beeren aus dichtbeblättertem Buschwerk, Und in den zierlichen Korb pflückst du die zierliche Frucht. Helfend nah ich mich dir, durchwandelnd langsam die Reihen, Bis an einerlei Zweig trifft sich das fleißige Paar. Und statt der Beeren nun oft ich die Hand und den bräunlichen Arm dir, Wie du's dem Losen auch wehrst, hasche im neckischen Spiel. Schalkhaft drohst du, ja schmollst, und musst es am Ende doch dulden, Dass er statt rötlicher Frucht rosige Lippen erwischt. Frühlingsweben Wo die letzten Häuser stehen Hinter zart begrünten Hecken, Führt der Weg zum Wald hinein. Erst doch gilt's zwei Dirnlein necken, Die mit hellen Augen sehen Übern Zaun her. Spaß muss sein. Hinter mir ihr helles Lachen, O du süßes Mädchenlachen, Schlendre ich auf weichen Wegen Frühlingsfroh dem Wald entgegen. Feuchter Schimmer, grüner Hauch, Voll in Säften Baum und Strauch. Rings das Spiel des jungen Lichtes. Durch das offene Wipfeldach Wie ein goldner Regen bricht es, Tropft durch leis bewegte Zweige, Überrieselt Moos und Steige, Küsst im Gras die Primeln wach. Wo die kleinen Veilchen stehen, Seh ich helle Kleider wehen; Frühlingshüte, Kinderköpfchen, Buntes Band in blonden Zöpfchen, Frühlingsstimmen, helles Lachen. O du süßes Kinderlachen! Keine Nachtigallenlieder Geben deinen Zauber wieder. Komm ich an die kleine Schar, Wie die Häschen, naht Gefahr, Sitzen sie auf einmal stumm All im grünen Gras herum. Dann ein Kichern, Zischen, Lachen: Lassen uns nicht bange machen. Nur das große, schlanke Mädchen, Zierlich hält sich's wie am Drähtchen, Weiß auf einmal sehr verlegen, Nicht, wie soll ich mich bewegen. Herr, was sehn Sie so hierher? Sie belästigen uns sehr. Freilich kann ich es nicht wehren, Wollen Sie uns doch beehren. Zwischen Birken, zwischen Buchen Geh nun ich auch Veilchen suchen. Pflücke sittsam erst allein, Besser geht's nachher zu zwein. Hier ein Blümchen, da, und da! Bis wir abseits uns verirrt. Keines weiß recht, wie's geschah. Leis nur aus der Ferne schwirrt Lachen, Rufen uns ans Ohr. Doch das kommt beim Veilchensuchen Zwischen Birken, zwischen Buchen, Bei den besten Leuten vor. Lässt's die Mutter auch nicht gelten, Andere werden uns nicht schelten. Aus allen Zweigen (Allen sangesfrohen Goldschnittlyrikern gewidmet.) Gedüftel, Getüftel, Gedächtel, Gemächtel, Ein Dudel, ein Didel Ein wunderschön's Liedel. Ei ja! Ein Tonnerl, Ein Wonnerl, Ein Herzerl, Ein Schmerzerl, Ein Veigerl, ein Röserl, Ein Schürzerl, ein Höserl, Ei ja! Ein Dornerl, Ein Zornerl, Ein Witzerl, Ein Blitzerl, Ein Dudel, ein Didel Ein wunderschön's Liedel. Piep! Piep! – Besuch Er trat in meine Kammer ein, Freundlich, schlicht, ohne Heiligenschein. Aber unter allem Volke hätt' Erkannt ich Jesus von Nazaret. Gelassen rückt er von der Wand Sich einen Stuhl an Bettesrand, Schob ein wenig bei Seite das Licht, Dass er mir besser säh ins Gesicht, Und saß, ein Arzt, vor meinem Lager. Die feine Hand, durchsichtig mager, Lag mit sanftem Druck auf den Kissen, Drin ich mit tausend Kümmernissen Die Nacht durchwacht, und nun vor Schreck Und Zweifel ob seines Kommens Zweck Aufrecht saß und verwundert starrte, Und seines ersten Wortes harrte. Er ließ mich nicht lange die Augen aufreißen, Sprach schlicht, warm, ohne Glanz und Gleißen. Alle hundert Jahre einmal Käm' er aus seinem Sternensaal, Müsst' einmal wieder Menschen sehn, In Menschengestalt unter ihnen gehn, Wieder der Erde Leiden tragen, Und hier und da fürsorglich fragen: Wie geht's, wo fehlt's, wo zwickt's am meisten? Womit kann ich dienen und Hülfe leisten? Wo eine Seele in Nöten rang, Das spürt er gleich auf seinem Gang, Und hätte im Vorüberkommen Auch mein einsames Klagen vernommen. Ich sollte ihm alles dreist erzählen, Meiner Seele Pein, mein täglich Quälen. Da nahm ich denn kein Blatt vor den Mund, Und that ihm meine Leiden kund, Schloss mein gepresstes Herz ihm auf, Und ließ dem Unmut freien Lauf. Er sprach, ich kann deinen Schmerz verstehn, Es giebt auf Erden nicht größere Wehn. Du plagst dich mit deines Geistes Kraft, Dass sie ein warmes Kleid dir schafft. Du stehst unter allem Volk allein. Hast Hunger, und sie bieten dir einen Stein, Führen deinen Namen im Mund, dein Wort, Aber kommst du selber, laufen sie fort, Höhnen dich gar und dein Klagen. So wirst du täglich ans Kreuz geschlagen. Mit einem Wort, du bist ein Dichter Unter zahllosem Schriftgelichter, Bist ein Künstler im Deutschen Reich, Und das kommt täglicher Folter gleich. Als ich noch ging in Erdentracht, Haben sie mir es anders gemacht? Und vor mir und nach mir, an allen Tagen, Wurden die besten bespeit und geschlagen. Wie haben so arg sie's mit mir getrieben! Aber ich klammerte mich an mein Lieben, Und noch am Kreuz, verendend, ich bat: Vater, vergieb ihnen ihre That. Aber was hat mein Opfer viel Genützt? Es ist das alte Spiel, Das alte Verharren in Kleinem, Gemeinem, Das alte Verstocktsein vor Edlem und Reinem, Das alte Rennen nach irdischem Gut, Die alte Habsucht, Profitchenwut, Die ohne Besinnen die heiligsten Dinge Verschachert für dreißig Silberlinge, Das alte scheinheilige Heuchlerpack Im Pfaffenrock und Ministerfrack. Und lass ich mich dreißigmal kreuzigen noch, Es bleibt immer derselbe Pöbel doch. So sprach er, erst leise, langsam, betrübt, Gedenkend, was man ihm verübt. Aber allmählich war aufgeloht Auf Wangen und Stirn ein helles Rot. Die blauen schönen Augen schickten Blitze, die hagren Hände zwickten Und zupften nervös der Decke Falten. Schwer konnt' er seinen Zorn verhalten. Tiefatmend schwieg er einmal ganz Und bohrte die Blicke mit starrem Glanz Auf das Kruzifix, das hing Über dem Bett mir, ein hölzern Ding, Klein, unansehnlich und roh. Dacht' er der Zeit, wo er duldete so? Ein tiefer, rührender Schmerzenszug Ging wie ein Wolkenschattenflug Über sein Antlitz, aber nur kurz. Dann sprang er auf, und mit schnellem Sturz Sprudelten ihm die Worte hervor: Sei kein blöder, weichherziger Thor! Raffe dich auf und stemme dich fest, Und den Stock zur Hand, das ist das Best'! Noch heute schwellt es mir die Brust, Noch heute denk ich des Tages mit Lust, Wo mir der Hass in die Fäuste fuhr, Wie ich den Schafen die Pelze schur, Männlich, kräftig, das Tauende schwang, Hei! wie die ganze Herde sprang. Das ahme nach! da war ich groß! Aller Liebe und Lauheit los. Mit Peitschen musst du das Volk regieren, Willst du nicht das Spiel verlieren. Und macht's so mein himmlischer Vater nicht auch, Nach uraltem bewährtem Brauch? Lässt seine Blitze und Donner spielen, Dass sie zitternd rutschen im Staub der Dielen. Als ich von ihm die Gunst erbat, Auf die Erde zu tragen der Liebe Saat, Nach meinem Ermessen es zu probieren, Geh, sprach er, du wirst das Spiel verlieren. Ich brauche Schwefel, Schwert und Fluchen, Und du willst sie lenken mit Zucker und Kuchen? Er hatte recht, und so rat' ich dir, In diesem einen folg ihm und mir: Mach dich nicht klein, wahr deinen Wert, Demut, Bescheidenheit, sind nicht geehrt. Hochfahrend dem Volk, den Fuß auf den Nacken, Brutal musst du die Menschen packen. Und wollen sie wider dein Edles blöcken, Wider deines Geistes Stachel löcken, Den Strick zur Hand und die Faust erhoben, Und mein Vater und ich, wir freuen uns oben. Und nun lebe wohl. Ich weiß nebenan Noch einen leidgepressten Mann. Will ihm ein ähnlich Rezept verschreiben. Dann winkt' er, ich sollte liegen bleiben, Mich nicht bemühen, er fände schon aus. Und wie er gekommen, ging er hinaus. Aus dem Dreck in den Himmel Aus dem Dreck in den Himmel. Unten Wurzelgewimmel, Hart, knorrig und hässlich. Aber sonnglanzumwoben Zittert in süßen Schauern oben Blütenflor, Farbenpracht, unermesslich. Frühlingslied Schöne junge Frühlingszeit, Leerst dein Füllhorn auf mich nieder, Giebst der Seele Flügel wieder Und den Liedern Munterkeit. Nun der letzte Schnee zerweicht, Busch und Baum in Säften schwellen, Ach, in all den frischen Quellen Baden sich die Sinne leicht. Und die Liebe kommt auf Zeh'n, Wie ein Kätzchen, hinterm Rücken: Komm, wir wollen Veilchen pflücken. Und es giebt kein Widerstehn. Meine Gläubiger Ihr Hochmütigen, Euch mehr dünkenden, Ihr Pharisäer, Wie vieles danke ich euch. Nicht vielleicht alles? Ich danke euch meine Einsamkeit, Mein Abseitssein; Ich danke euch meinen zornigen Stolz Und danke euch meinen Schmerz; Und mein Lachen danke ich euch, Mein stilles, einsames Lachen. Jegliche Spuren des tausendfüßigen Tages Bewahrt auf weicher, Wächserner Tafel die empfindliche Seele. Und auf den Knien die Tafel, Hockt brütend darüber die Einsamkeit. Und der Stolz tritt herrisch heran, Und mit schnellem, zornigem Knöchelschlag Klopft er bald hier, bald da Hart auf. Und der Schmerz, Über die Tafel geneigt, Gleitet mit leisem, durchsichtigem Krankenfinger Über diese, über jene Stelle: »Hier deine Ernte.« Und wie der Bauer Beim Anblick seiner vollen Tenne Frischgefallenen Segens, Unterm Sichelschnitt gefallen, Jäh, weinend, Wer hörte das Weinen gemäheter Halme? Wie der Bauer, So lacht meine Seele und freut sich Ihres mehrenden Reichtums. Wie vieles danke ich euch! Alles vielleicht! – Der Ruhm Es kam heran, Glanzstrotzend kam's heran, Mit weißen Hengsten, langsam, feierlich, Des Ruhms Gespann. Als blitzten hundert Sonnen Ihr Licht um ihn, Erstrahlte seine Bahn, Der ganze Himmel schien Vom Leuchten überronnen, Das wie ein Herold lief und kündete sein Nahn: Triumph! Triumph! Er kam, kam königlich. Ein sorglos Lächeln lag, Ein heitrer Mut auf seinem Angesicht, Ein heldisches »Ich wag«, Das trunken Sterne sich zum Siegeskranze bricht. Sein großes Auge, sprühte Den großen Friedrichsblick, Die schöne, volle Wange glühte, Stolz straffte das Genick, Und ich war nichts dem Herrn. Am Wege stand ich da, bedrängt von Huf und Speichen, Hart streifte mich der Nabe Rand, Des Triumphators flatterndes Gewand, Sein Scharlachsaum, die Hand konnt' ihn erreichen. Und langsam nur, Ganz langsam mir vorbei sein goldner Wagen fuhr. Wen sah ich hinten drauf? Wen lud der stolze Herr sich auf? Wer hockte auf dem Ruhmeskarren? Der Tod einträchtig mit den Narren. Der eine saß zusammengekauert, Starr, unbewegt, Den Kiefer auf das spitze Kinn gelegt, Ein Raubtier, das auf Beute lauert. Und unverwandt, Am plumpen Sensenschaft die Knochenhand, Umraschelt leis von welkem Lorbeerlaub, Dran noch die weiße Atlasschleife baumelt, So stierte mich, der jäh zurückgetaumelt Im Wegestaub, Der Tod wie drohend an. Doch rechts mit Schalks- und Schelmenpossen, Mit Grinsegruß und Freundschaftsnicken, Im Faschingkleid aus bunten Flicken Saß schellenklingelnd neben dem Genossen Der Narr und ließ die Beine pendeln. Ein Kinderspielzeug vor dem Mund, Ein Blechtrompetchen winziger Größe, Blies er die Backen kugelrund, Als gälte es Posaunenstöße. Und wie vor seinem Jahrmarktszelt, Vor seiner Wunder-Plunderwelt, Ein Clown die blöden Gaffer stellt, Gewohnt mit jedem anzubändeln, Verhöhnte mich sein Pritschenwink: Spring auf doch lieber Vetter, flink! Gelüstet's dich nicht, mitzufahren? Am Morgen Aufs offne Mäulchen ein Kuss. Augenreiben und halber Verdruss. Aber Erkennen und Lachen Hilft völlig erwachen. Dann ein Schlupfunter, Ein drüber und drunter. Indessen steht Schon draußen ein Weilchen Und äugelt, so gut wie's geht Vom Balkon durch den Thürritz, Musjö Fürwitz, Der Frühaufsteher Tag, Und sieht sein Teilchen. Was er wohl denken mag. Revolution Sie drängen nach oben, Die lange geduckt, Das Haupt erhoben Wird aufgemuckt; Wollen auch was haben Von der Welt Gaben. Habt lange genug allein gezecht, Den Wein verteilt mehr schlecht als recht. Zögernd erst, doch mählich frecher Tappen sie nach eurem Becher, Mit groben Fäusten und wenig eben. Hättet willig ihr gegeben, Das Tischtuch wäre geblieben rein. Nun wird verschüttet viel edler Wein, Vieles verderbt, Wie Blut gefärbt. Auf dem Amboss Auf einem Block von Eisen kalt Lag rücklings ich und festgeschnallt, Und neben mir die Sorge stand. Mit sehnigem Arm und harter Hand Sie ihren schweren Hammer schwang, Ein knochig Weib mit welken Brüsten, Und an der Lippen bleichen Küsten Brach sich ein heiserer Gesang. Daneben, hold wie Sonnenlicht, Die Liebe schwang im Händchen fein Ein blitzend golden Hämmerlein. Sie hatt' der Liebsten Angesicht, Ihr braunblond Haar, den Küssemund, Den schlanken Leib, maifrisch, gesund, Die großen, grauen Augen, trug Ein erdbeerfarben Kleid, und schlug Mit ihrem kleinen Hammer brav Aufs Herz mir. Jeder Schlag der traf. Und von den frischen Lippen klang Ein rührend süßer Kindersang. Und wechselnd fielen Schlag auf Schlag Die beiden Hammer mir aufs Herz, Der hülflos ich gefesselt lag, Die Lippen biss und schrie vor Schmerz. Bis unerträglich war die Qual. Ein Ruck! Hinklirrt der Kettenstahl. Der Sorge reiß' ich aus der Faust Den Eisenhammer. Niedersaust Der angstgeführte, wuchtige Hieb Und trifft, o Gott, und trifft mein Lieb. Sie sinkt, sie seufzt – – – Vergieb! Vergieb! Am Boden wein' ich bitterlich. Die Sorge aber weidet sich An meinem Schmerz mit kaltem Hohn Und hebt den schweren Hammer schon, Schlag zu, schlag zu – – –. In der Pferdebahn In der Pferdebahn auf den weichen Kissen Hast du es dir bequem gemacht. Verschlissen, Mädchen, ist deine Tracht, Die dünnen Schuhe vorne zerrissen. Und aus der Tasche Reckt die Flasche, Die leere, den Hals verwegen Nach deinen vornehmen Fahrkollegen. Eine Dame zur Seite dir zieht ein wenig, Halbabgewandt, die Nase kraus. Du strömst den Duft der Armut aus Und der Arbeit, und rekelst müd und gähnig. Es ist dein Betragen, Ehrlich zu sagen, Dein ungeniertes nicht passend, Gar zu plebejisch sich gehen lassend. Aber was scheren dich die andern, Du bist zum Umfallen müde ja, Dem sanften Entschlummern verzweifelt nah. Zerstreut nur lässt du die Blicke wandern. So liegt ein Kätzchen Auf behaglichem Plätzchen, Halb müd', halb lauernd blitzen Die Augen durch die Liderritzen. Du junges Ding mit den weichen Gliedern, Der weißen Haut, fast durchsichtig zart, Bist du wohl auch von Katzenart? Das leise Spiel mit den Augenlidern Macht mich betroffen, Und die Lippen, halb offen, Die schwellenden, zeigen die weißen Spitzzähnchen, als wie zum Beißen. Der Judenjüngling dir gegenüber Mit dem lüsternen Blick, hätt' gerne gespielt Ein wenig mit dir. Schon lange schielt Er verstohlen, fast schämisch zu dir hinüber, Wird was draus? Katz oder Maus? Hüte dich! Manche glaubt Katze Zu sein und bleibt als Maus auf dem Platze. O Gott, mein Gott! O Gott, mein Gott! Wie viele gellten Den Schrei empor, Der sich verlor, Der Woge gleich, der felszerschellten. O Gott, mein Gott! Wie viele rangen Die Hände wund In Qualen, und Sind weinend wieder fortgegangen. Gestalten Seht dort den Mann mit seiner Löwenmähne, Die Fäuste schlügen einen Ochsen nieder. Ein Dichter ist's, und seine Heldenthaten – Ein Bändchen veilchenblauer Liebeslieder. Und jenes Männchen, schüchtern wie ein Mädchen, Errötend schon, nennt man nur seinen Namen, Zum Helden hat ihn die Natur verdorben, Er schreibt dafür geniale Feuerdramen. Doch dieser mit dem eleganten Wuchse, Die Damen werden jedesmal ekstatisch: »Welch' schöner Mann! Und welch' Organ! zu himmlisch!« Fondsmakler ist er und ein Held am Skattisch! Im Irrenhaus Des Dichters Kraft und Schwinge brach Von Neid und Not gehetzt, Im Narrenturm ein eng Gemach Giebt Herberg ihm zuletzt. Einst war er jung und sang hinaus Was ihm die Brust bewegt, Nun haben sie in dieses Haus Den Graubart festgelegt. Sie lachten und sie höhnten sein, Da er von Edlem sang. Der Zweifel bat sich bei ihm ein, Die Sorge bat nicht lang. Da wuchs sein Trotz, da stieg sein Stolz Hoch über Hohn und Spott, Da ward an seinem Marterholz Er zum geschlagnen Gott: »Die Welt ist mein! Ich schuf zur Lust Sie euch mit Schaffensschmerz, Ich griff hinein in meine Brust Und schenkte euch mein Herz. Ihr aber habt die Welt zerpflückt, Geschändet plump und roh, Habt mir mein reiches Herz zerdrückt, Und ich verblute so.« – In Zellennacht, in Wahnsinnsnacht Entschlief ihm Schmach und Pein. Was ihm da draußen nie gelacht, Hier nannt' er's dreifach sein. Er sah verzückt den Himmel auf, Sah Krone nah und Kranz, Und sterbend schwang er sich hinauf Zu vorgeahntem Glanz. Die Schiffbrüchigen 1. Wir waren zu viert. Die Felsen, steil, Hochragend, umtoste der wütende Sturm, Der hatt' uns getroffen mit heulendem Pfeil, Den Tod geschworen dem Menschenwurm. Zerschellt, zersplittert am Stein das Schiff, Verschlungen fast alle. Ein Krach, ein Schrei – Hohn donnert die Tiefe hinauf zum Riff, Hohn gellen die Lüfte – und alles vorbei. Nur wir, von dreißig die einzigen, lagen Auf felsigem Ufer, zerschunden, zerschlagen, Frostschauernd, durchnässt von der salzigen Flut Bis auf die Knochen, erstarrt das Blut. Im Rücken das springende Ungeheuer, Das tobende Meer, geduckt zu neuer Raubhungriger Mordthat, vor uns die Klippen, Die zackigen, kantigen Felsenrippen, Und um uns, mit Heulen, Toben und Schnaufen, Der Wellenpeitscher, der Felsenrüttler, Der Sturm, der jauchzende Schwingenschüttler. Jens Jensen, wir nannten den roten ihn, Der wildeste unter dem wilden Haufen Des Schiffsvolks, dem das Haupthaar schien Und der struppige Bart wie flammende Lohe, In Furcht hielt er alle, der Wüste, der Rohe, An Kraft ein Stier, an Wildheit ein Tiger, Jens Jensen war der erste auch jetzt, Der hoch sich reckte, ein trotziger Krieger, Der sich zum Kampf in Bereitschaft setzt. Nach oben wies er: »Wir müssen hinan! Nur frisch! Wir müssen schon, Steuermann. Hier holt das gefräßige Vieh uns doch, Das nimmersatte, zum Frühstück noch.« Ich raffte mich auf und sah nach dem Jungen. Er war mir zur Seit in die See gesprungen, Blass lag er und blutend und atmete schwer. »Jens, der kommt nimmer nach oben mehr.« »Der kommt nach oben! Geht's anders nicht, So trag ich ihn schon, das Kindergewicht.« Und wahrlich, Arme, wie seine, trügen Wohl dreifache Last, ich will nicht lügen. So nahm er ihn denn wie ein Kind, eine Puppe, Warf noch einen Blick auf die Felsenkuppe, Und »Vorwärts!« überschrie er den Sturm, »Die Zähne zusammen, hinauf auf den Turm!« Und er voran, und wir hinterdrein, Das Mädchen und ich. – Ja, ein Mädchen stand, Eine blühende Jungfrau, halbnackt, allein Unter rauhen Männern am rauhen Strand, Mit uns dem Schrecklichsten preisgegeben, Schiffbrüchiger Los, das elende Leben Auf einsamer Insel fristend vielleicht Bis ans einsame Grab. Doch hatten wir jetzt Zu solchen Gedanken nicht Zeit. Zerfetzt, Zerschunden, mit blutenden Händen und Knien War langsam der erste Vorsprung erreicht. Das Muss hat dem Schwächsten Kräfte verliehn. Doch Jensen trieb weiter nach kurzem Verschnauf, Höher hieß es, höher hinauf! Und ohne zu klagen, die Zähne gepresst, Die Arme straff, die Lenden fest, So klomm sie vorauf, und ich in der Nähe, Wenn ihr fehltretend ein Unglück geschähe. Trotz Sturm und Graus und keuchender Brust Sah doch mit geheimer, innerer Lust Das prächtige Weib um ihr Leben ich ringen, Gepeitscht von des Sturmes gewaltigen Schwingen. Halb waren wir oben, da schwand die Kraft Auch Jens, dem das Tragen die Sehnen erschlafft. Der Junge stöhnte. Zum Glück bot hier Eine Felswand, breitlagernd, einigen Schutz. Zusammengekauert auf engem Raum, So lagen erschöpft aneinander wir, Vom Unglück vereint zu Schutz und Trutz In der Wildnis von Stein. Kein Strauch, kein Baum, Kein Halm. Nur Felsen, Schutt und Geröll. Ich lauschte, ob nirgend ein Laut erschöll Durch den Sturm, ein Menschenruf, Ein Hundegebell, eines Tieres Laut, Und die immer wache Hoffnung schuf Sich rettende Bilder und sah bebaut, Bewohnt das Eiland. Doch durch das Schnauben Der Lüfte drang nichts, als der Meerestauben, Der Möven Geschrei, die mit ängstlichem Fliegen Uns umkreisten, als wir die Felsen erstiegen. Und keiner von uns sprach nur ein Wort. Die Lungen keuchten, die Lider fielen, Von Schlaf bezwungen, die Arme sanken, Das Haupt, erschöpft auf die harten Dielen. Ich weiß nicht, wie lange ich lag so fort. Als ich erwachte, saß sie bei dem Kranken, Beim leidenden Jungen, und wusch ihm die Wunden Mit Regenwasser, und als er verbunden Und sorgsam gestützt, zum ersten Mal Das Auge erhob, welch' ein Liebestrahl, Welch' ein Mitleidleuchten in ihrem Gesicht. Und er lächelte dankbar, der arme Wicht. Ein wenig seitab lag Jens entschlafen, So friedlich, als wär' er im sicheren Hafen, Vielleicht fand er im Traum sich wieder Bei der schwarzen Marie in der Hafentaberne Und hörte der Kleinen lüsterne Lieder Und traktierte mit Grog sie. Den trank sie so gerne. Ich sah seine Rippen sich dehnen und heben Unter dem wollenen Hemd, und sah das Leben, Das kraftvolle, diese Glieder schwellen, Hörte den Atem in ruhigen Wellen Der Tiefe der breiten Brust entquellen Und fühlte Neid auf den starken Gesellen. Doch endlich löste auch ihm der Schlaf Von den Lidern sich ab, und sein Auge traf, Verwundert, als wüsst' er nicht wo und wie, Die seltsame, fremde Scenerie, Bis er sich besann und mit kräftigem Fluch Seinen Traum sich aus dem Kopfe schlug. Und wieder hieß es: Nach oben! weiter! Auf rauhem Pfad, ohne Strick und Leiter. Doch Paul, der Junge, stöhnte leis Und wollte nicht weiter, um keinen Preis. Da erbot ich mich, einen Weg zu spüren, Der uns vielleicht bequemer möcht' führen, Und klomm hinan und spähte und fand In geringer Höh' einen Pfad, der wand, Roh von der Natur geschaffen, sich Schlängelnd bergan. Dem folgte ich. Bald sah ich mich auf dem höchsten Kamm Der Felsenmauer und sah, es schwamm In Freudenthränen mein Auge, gelehnt An den felsigen Hang ein waldiges Thal In üppigem Grün und breit gedehnt, Und sah einen Quell, einen Bach, einen Teich Herüberblitzen aus grünem Reich, Und spürte doppelt des Durstes Qual. O, nur ein Gefäß, eine Hand voll nur Vom erquickenden Nass! Doch ich musst mich bescheiden Und eilte zurück, verfolgend die Spur Des Weges, und durfte nicht Aufenthalt leiden. Und wie ich so freudig bergab nun flog, Von Weitem schon winkte und rief, da zog Ein Freudenschimmer, ein Hoffnungsschein Selbst über das blasse Gesicht des Jungen. Mit einem Satz war ich hinabgesprungen Zu ihnen, den letzten ragenden Stein: Wir wären gerettet! Wald, Wiese und Quell! Wir wären geborgen! – Wie sprangen schnell Die müden Gefährten empor. Der Kranke Selbst raffte sich auf. Ihn hielt der Gedanke Der nahen Rettung ein Weilchen gar Noch aufrecht. Aber zu mühsam war, Zu beschwerlich der Weg, und wieder nahm Auf den Arm ihn Jens, dass er mit uns kam. Wir zwei jetzt voran; und die frohe Hast, Die mich vorwärts trieb, ließ vergessen mich fast, Dass nur ein Weib mir zur Seite ging. Und als ich gemäßigt den drängenden Schritt, Sah ich, wie sie zu zittern anfing Und erblasste, die Augen schloss und schwankte. Da fuhr mir's durchs Hirn, wenn auch sie erkrankte, Eh wir erreicht das rettende Thal. Ich sah ihr im Antlitz die stumme Qual, Obgleich sie matt lächelnd die Schwäche bestritt, Und bot ihr den Arm und stützte sie fest. So gingen wir den letzten Rest Des Wegs in einsamer Wildnis allein. Jens Jensen war mit seiner Last Weit zurück, hielt häufig Rast. Der Rauhe konnte auch sorglich sein, Doch endlich erreichten wir alle das Thal. Der Sturm war gebrochen, ein blitzender Strahl Der Sonne drang siegreich ins Wolkengehader Und trieb auseinander das schwarze Geschwader Und vor uns der Wald, der grünende Plan, Und oben der Himmel nun aufgethan, Und ruhig die Lüfte und wärmer, da war Es uns allen, als wäre vorbei die Gefahr, Und irgendwo müsst in den grünen Gründen Ein Menschenlaut glückliche Rettung uns künden. 2. Schon Stunden irrten wir hin und her Und fanden nicht, was das Herz ersehnte. Nur Wildnis ringsum und menschenleer, Und dunkel der Schatten des Abends sich dehnte. Da flochten wir Zweige zu Zweigen zum Dach Und rissen vom Boden das Kraut und die Halme. Und säuberten ihn, und unter der Palme Bereiteten so wir ein Schlafgemach. Dann wiesen wir jedem sein Lager zu eigen, Und brachten den knurrenden Magen zum Schweigen Mit Rinden und Wurzeln und was sich so findet An Früchten im Walde, wo Furcht doch bindet Die lüsterne Hand, mit giftiger Speise Auf einmal zu enden die Jammerreise, Leben genannt. Der Mensch ist so schwach, Trotz allem Elend und Ungemach. Sieht Glück wie den Wind, wie ein flackernd Licht Im Sumpf, aufspringen und necken und narren, Eitel alles, ohne Bestand, ohne Beharren, Wer aber hängt sich ans Leben nicht Und fürchtet die Frucht nicht, die Frieden ihm bringt, Das Wasser, das lockend von Ruhe ihm singt, Und lässt seinen Leib in des Hungers Krallen, Selbst hungrigen Würmern zum Fraß, gern zerfallen? So nährten wir uns, so gut es ging, Und stillten des wütenden Hungers Plagen, Mit Beeren und Früchten, so gut 's wollt gehn, Und schlürften den Saft mit wildem Behagen, Und unserer Gier war nichts zu gering. Die Wipfel rauschten in lindem Wehn Der Nacht hoch über die fremden Schläfer. Neugierig umsurrten uns glänzende Käfer; Goldflügelig, schillernd, wie Lichter gleißend, Umschwirrten Insekten uns, stechend und beißend. Ein seltnes Gevögel mit buntem Gefieder, Paradiesvögel, Kolibri, Papagein, Flog durch das Gezweig oft mit wildem Schrein, Oft lautlos, gespensterhaft, auf und nieder. Rings Wald nur und Wald. Hochstämmige Palmen, Und wieder im Wald noch ein Wald von Halmen, Von riesigen Farren und dichten Gehängen, Von Schlinggewächsen, ein Streben und Drängen Zum Lichte, nach oben, ein Wirrwarr von Pflanzen, Von Blättern und Blüten, ein Schwirren und Tanzen Von Flügelgetier in schillernden Farben, Ein üppiges Leben ohne Hungern und Darben. Der Mensch allein in der Üppigkeit Den Qualen des langsamen Sterbens geweiht, Dem Hungertode? Ich wachte allein Die letzten Stunden der Nacht. Mich fror, Bis durch die Palmen der erste Schein Des kommenden Tages brach bleich hervor. Ich dachte zurück an die Heimat lang, An die alte Mutter, die froh und bang Der Rückkehr harrte der »Marie-Anne«, So hieß das Schiff, und die Tage zählte An den Fingern sich ab wohl zehnmal, wann Die schmucke Brigg in den Hafen lief. Wie der Gedanke mich an die Mutter quälte. Und ich dachte der Frieda, der Nachbarin, Der freundlichen blonden. Es war mein Sinn, Zum Weib sie zu nehmen, und halb schon gab Mir das Jawort sie, und ich schrieb einen Brief Noch vom letzten Hafen. Die Post ging grad ab, Und ich musste mich eilen. Jens Jensen gähnte Erwachend und sah, wie ich sinnend lehnte Am Stamm, und rief mir zu »guten Morgen«. War immer voll Mut und ohne viel Sorgen. Ja, hätten das Weib wir nicht und den Jungen, Wir beide hätten uns durchgerungen, Wie Robinson und sein Freytag. Es müsste Doch einmal ein Schiff unsrer einsamen Küste Sich nähern, so dacht' ich und anderes mehr. Die beiden doch machten das Herz mir schwer. Und sie trug's doch geduldig ohne Murren und Plag. Wir sahen sie an, wie schlummernd sie lag, Und lange an, doch keiner gab kund, Was sich regte in tiefstem Herzensgrund. Und das Tagesgestirn erklomm seine Bahn Mit stetigem Lauf, und der Wald war erwacht, Und lärmend verdoppelt das Leben der Nacht. Da brachen wir auf, stets der Richtung nach Wo ich wähnte, es flösse der Quell, der Bach, Wo wir glaubten, dass nahe den Wiesengründen Vielleicht gar menschliche Wohnungen stünden. Doch das Tagesgestirn erklomm seine Bahn Mit stetigem Lauf, und noch immer sahn, Als Mittag die sengenden Pfeile sandte, Wir Wald und Wald nur, wohin auch wandte Der fiebernde Blick sich. Und Zagen zog Ins Herz mir da, und ich dachte, warum Wir nicht an dem Strand, auf dem Felsen geblieben, Nun irrten wir hier in der Wildnis herum. Vielleicht war ein Schiff schon vorbeigetrieben, Und es hätt' uns gesehen, und wir wären geborgen. So warf ich mir vor und machte mir Sorgen. Jens Jensen brummte und fluchte nur immer, Doch trieb er's an Bord noch weitaus schlimmer, Ein Zeichen, dass auch er das Grauen empfand, Das uns andern fast immer die Zunge band. Das Mädchen mühte sich um den Knaben, Eine Mutter konnt' sich nicht sorglicher haben, Und kühlte die Wunden, die schlimmen ihm, wie Das Mitleid, der Wunsch zu helfen, ihr's lieh, Mit Blättern, mit Tüchern voll feuchter Erde, Und trug von uns allen die meiste Beschwerde. Der Junge war dankbar und küsste oft stumm Dem Mädchen die Hände. Dann wandt' sie sich um, Errötend wohl gar, wenn wir es gesehn. Doch lange, so sah ich, würd's nimmermehr gehn Mit dem Jungen. Der Atem pfiff nur noch, Ich sah, es ging aus dem letzten Loch. Zwei Rippen gebrochen, die Lunge wund, Wer machte ihn hier in der Wildnis gesund? Und wie ich's voraus sah, so kam es, kam bald. Kaum traf uns der zweite Abend im Wald, So standen wir drei an der Leiche, schweigend, Erschüttert das Haupt auf die Brust hinneigend, Mit stummem Blick auf die schwarze Erde. Und als ich so stand, zog wieder mir sacht Durch die Seele, wie in der stillen Nacht, Der Mutter Bild, und ich wandte mich ab, Vor den andern zu bergen die Schmerzgebärde. Auf den Knien, mit den Händen, so haben ein Grab, Jens Jensen und ich, wir gescharrt, gegraben, Nicht tief und nur schmal, drin legten den Knaben Wir sorgsam hinein zur ewigen Ruh, Das Mädchen drückte die Augen ihm zu, Dann sprachen ein stilles Gebet wir drei. Mir fiel nur das Vaterunser bei, Das sagte ich her bis zur Hälfte und dachte Dann heim, weit fort, an den Schulkameraden, Der einst in der Elbe ertrank beim Baden, Und den ich mit zu Grabe brachte, An den Lehrer und an den Pastoren, der mich Konfirmierte, und dachte noch an, Gott weiß, An den Zirkus, und wie wir vom Bretterzaun Hatten freien Blick, und mich fasste ein Graun, Und heiß überlief es mich, siedend heiß, Und ich schämte mich dieser Gedanken jetzt, Und die wunderliche Zerstreuung entwich In unterdrücktem Weinen zuletzt. Mit Farren und Palmen und was sich so fand, Bedeckten wir den Hügel von Sand Und kratzen zum Zeichen ein Kreuz in die Rinde Des nächsten Baumes, als ob ihn wer finde, Als ob ihn besuche wer jemals hier. Und weiter gingen dann schweigend wir Und suchten ein Lager uns für die Nacht, Ich weiß nicht, wie lange wir drei noch gewacht, Und wer zuerst in den Schlummer fiel. Schon hoch stand die Sonne, als jäh ich empor Aus den Träumen fuhr, ihrem spukhaften Spiel. Jens Jensen lag noch fest auf dem Ohr Und schnarchte wie immer. Sie aber saß Abseits auf einem Baumstumpf. Ich sah, Sie hatte geweint, und ihr Antlitz war blass; Stumm saß sie, die Hände gefaltet, da. 3. Und zum dritten Mal kochte die Mittagsglut Die Palmenwipfel, da lichtete sich Der Wald, und wir fanden den Weg hinaus Aus dem Pflanzengewirr und atmeten tief, Wie befreit aus langer Gefangenschaft Graus. Die Hoffnung zog ein, die Furcht entwich, Und grün lag das Land in des Friedens Hut, So lag es vor uns, und in Mitten lief Die Quelle, der Bach, das Wasser blank. Da weinten wir und stammelten Dank Und sanken aufs Knie und schöpften mit Händen Das kühle Nass, den entbehrten Trank. Und wie wir gekräftigt zum Gehen uns wenden, Da sehn wir im Gras, fußbreit, einen Pfad, Einen richtigen Pfad und fast schnurgerad Und fleißig betreten. Dem folgen wir dann, Ich hinter dem Mädchen, Jens Jensen voran. Und wie wir es hofften ein jeder, und doch Zu sagen sich niemand getraute, so fanden Wir's wirklich, als eine Strecke noch Den Pfad wir gingen. Vier Palmen standen, Und weiter noch sechs oder sieben, als Posten In die grünende Ebne vorgeschoben, Und unter den ersten vier ragende Pfosten Mit Zweiggeflecht an den Seiten und oben, Ein Haus, eine Hütte, von Menschen erbaut. Wer mochte hier in der Wildnis wohnen? Wir standen von Weitem und schauten und schauten. Wer schilt uns, dass wir nicht gleich uns getrauten? So standen wir lauschend und spähten umher, Und jedem ging hastig der Atem und schwer, Und klopfte das Herz. Doch alles blieb stumm. Kein menschliches Wesen, kein menschlicher Laut, Nur Rauschen des Windes im Grase ringsum Und kräftiger hoch in den Palmenkronen. Da fassten wir Mut und gingen gradaus. Jens Jensen trat zuerst in das Haus Und spähte und winkte uns näher. Wir fanden Halb offen die Thür, und wir traten ein Und waren im niedrigen Raum allein. Eine leere Hütte. Nichts war vorhanden, Sie wohnlich zu machen. Kein Stuhl, kein Tisch Und kein Bett. Nur vier kahle Wände. Frisch Aus dem Seitengeflecht, hier, da, ein Spross, Ein lustig grünender, schwankender Schoss In den dämmrigen Raum hineingestreckt, Armlang und mit leichtem Gespinnst überdeckt. In der Ecke ein Haufe trocknen Laubes, Unter der Decke zollhohen Staubes, Schien als Lager gedient zu haben. Nichts weiter! Und doch, im Dunkel dort, Nur zögernd nahm ich's vom Boden fort, Ein Trinkgefäß, eine hohle Nuss. Wen musste die ärmliche Schale erlaben? Schon lange nicht mehr mit dem staubigen Rand Sich durstige Lippe zusammenfand. Und schnell mit geheimem Grauen, als säß Ein Zauber drin, warf ich hin das Gefäß. Und suchend setzte ich weiter den Fuß Und ging um die Hütte und weiter noch, Nach den Palmen, den sieben, hinüber, zehn Schritte. Und wie ich betrete den schattigen Raum, Ich trau' den entsetzten Blicken kaum, Und fahre zurück, und stiere doch Gebannt auf das Schreckliche hin und stier'. Da saß in des friedlichen Wäldchens Mitte Ein Toter, ein menschlich Gerippe hier: Kein Kleid, kein Fleisch, nur bleichende Knochen. Und ich sah, der lag da nicht Tage, nicht Wochen, Der saß da, gelehnt an den Palmenbaum, Wohl Monde und schlief den Schlaf ohne Traum, Den ewigen Schlaf in der Wildnis hier. Und über die Knochen kroch Tier an Tier, Und aus den Höhlen der Augen, der Nase Sah Würmer ich schlüpfen und sah im Grase Die eklen Geschöpfe in Reihen, in Haufen Das einsame, bleiche Gerippe umlaufen. Und ich rief die Gefährten, und schaudernd standen Und schweigend wir. Wer war's, den wir fanden? Ein Wilder? ein Weißer? ein Seemann? wie wir Von den Stürmen verschlagen, gestrandet hier, Ohne Hülfe, ohn' Rettung in langer Qual Dem Würger Tod zum Opfer gefallen? Drohte ein Gleiches nicht auch uns allen? Und plötzlich erblasste der letzte Strahl Der Hoffnung in mir, und ich dachte, wann mag, Wie bald mag kommen der schreckliche Tag, Wo hingegeben den Würmern zum Fraß Du liegst und die andern am Boden, im Gras, In der Sonne Glut, und über euch gehen Die Tage, die Jahre, die Winde verwehen Den Staub, und die drüben warten und weinen, Und weiß keine Seele, wo Kreuz und wo Grab, Und wer euch die letzte Tröstung gab. Und wie wir gefürchtet, so war es nachher: Die Insel war einsam und menschenleer, Von Felsen ummauert ein stilles Thal, Und auf dem Felsen, der langsamen Qual Des Hungertodes war preisgegeben, Wer dort, zu retten sein elend Leben, Von Klippenhöhen mit Hoffen und Graun Sich blind nach rettenden Schiffen wollt' schaun. Hier boten die Früchte, die Wurzeln, der Bach Doch spärliche Speise, hier war doch ein Dach, Eine Hütte von einem aufgezimmert, Dem nie wohl im Hirn eine Ahnung geschimmert, Er könnte für andre sein Häuschen errichten, Es gegen die Glut und die Winde dichten, Für andre, für Erben, die nie er gesehn, Sein notgeborenes Werk lassen stehn. Auch uns zwang die Not nun, uns einzurichten. Uns schien es so viel, als auf Rettung verzichten, Doch hofften wir dennoch von Tag zu Tage, Wochen, Monde vergingen, doch Wir hofften, hofften immer noch Und hofften und zagten und hofften, ich sage Ein Jahr und noch eins, und es kam kein Schiff, So oft wir auch standen auf ragendem Riff, Wohl Tage lang oft und spähten uns blind. Doch nichts als Wellen und drüber der Wind, Die Sonne, die Sterne, ein Kommen und Gehn, Und die Wolken, doch niemals ein Segel zu sehn, Kein Segel, kein Segel! – Da gaben wir's auf Und ließen dem Zufall allein den Lauf Und schickten uns drein. Vielleicht aus der Bahn Geschleudert gleich uns, wie ein Ball vom Orkan, An die Klippen geworfen gleich uns, dass Genossen Wir fanden im Elend. Doch Stürme schlugen Auf Stürme das Eiland im Herbst und im Winter Und brausten im Frühling, doch niemals trugen Die Wellen ein Fahrzeug an unsern Strand. Keine Hülfe, keine Rettung, so schien es beschlossen. Wir waren ergeben. Das Heimatland Fern, fern, und die Freundschaft, die Liebe, und hinter Uns allen die Hoffnung verblasst längst. So sahn Die Zeit, eine Schnecke, vorüber wir schleichen. Wir hungerten nicht und blieben gesund Und lebten so hin, bis uns würde erreichen Die letzte Ruhe, die Todesstund'. Wir fürchteten nicht und ersehnten sie nicht, Weil immer, trotz allem, ein Schimmer ja bricht, Und wär's auch ein blasser, todblasser nur, Ein Schimmer der Hoffnung durch schwärzeste Nacht. Es ist einmal so, ist Menschennatur, Mit Hoffnung wird der Mensch groß gemacht, Und hofft bis zum Grab und drüber hinaus, Doch der Tod sticht mit Trumpf, und das Spiel ist aus. 4. Doch wie ich schon sagte, wir aßen uns satt Und blieben gesund. Das heißt, bis auf einen, Den raffte der Tod schon im ersten Jahr, Und wenn ich dran denke noch, möchte ich weinen. Noch oft in der Nacht mir sträubt sich das Haar, Wenn dem Traum ich entronnen, heiß und matt In den Kissen sitzend, dem schrecklichen Traum, Dem ich selbst im Grab nicht werde entgehn. Ich sehe die Klippen, den fliegenden Schaum Der Wogen, und höre das donnernde Meer Und den Schrei, den Schrei darüber her. Doch ich will erzählen, wie alles geschehn. Zwei Männer, ein Weib, in der Wildnis allein, Eine kleine Familie. Es lebt sich zu drein Ja besser, geselliger noch als zu zwein, Und ein Weib in der Wirtschaft ist immer was wert, Und doppelt nun uns. Denn ein Weib weiß viel mehr, Ist findiger, gewandter, zu allem geschickt. Wir nahmen die Steine zum Bau für den Herd Und schlugen Feuer und kochten und brieten, Rösteten Wurzeln und Früchte und freuten uns sehr, Wenn Vögel einmal an den Spieß gerieten. Jens Jensen verstand sie in Schlingen zu fangen, Selten ist ihm ein Vogel entgangen. Küche und Keller waren immer gespickt, Denn wir waren zu dritt ja und sorgten vereint. Wär' jenem, dem unter den Palmen, nur ein Gefährte gewesen, der mit ihm geweint Und mit ihm gehofft, es möchte wohl sein, Dass er es ertragen, wie wir es ertrugen. Wir hielten's so aus unter fleißigem Lugen Nach Rettung und unter dem täglichen Treiben. Wir hielten die Hütte in wohnlichem Stand Und richteten ein uns, als gält' es zu bleiben, Wir hatten Tisch und Bank, und ein jeder Sein Lager von Streu so weich wie Feder. Und weil sie ein Mädchen noch, zogen wir gleich Zwischen ihr und uns eine teilende Wand Von Weidengeflecht. Sie hatte ihr Reich, Ihre Kammer für sich. Im übrigen waren Wie Brüder und Schwester wir drei. Doch dann Musst' es nicht kommen, konnt' anders es sein? Jens Jensen und ich noch jung an Jahren, Und sie so von neunzehn, unschuldig und rein, Und gesund und kräftig und schön die Glieder, Die Natur wollt' ihr Recht von Weib und Mann. Bald meldete sich's, doch wir zwangen es nieder. Und mir ward's nicht schwer erst. Ich dachte nach Haus, An die Frieda, und wies den Versucher hinaus. Auch sie war gleich mir durch ein Wort schon gebunden, War Braut, und wollte mit unsrer Brigg Hinüber zu ihm, der vergebens nun harrte, Dem Ärmsten, den so das Schicksal narrte. Und sie liebte ihn heiß, ich sah es am Blick, An der Thräne, die durch die Wimper brach, Und hört' es am Klang, wenn sie von ihm sprach. Und so klagten wir beide uns unsere Leiden, Und es knüpfte ein Band sich zwischen uns beiden. Jens Jensen aber war nie für die Tugend. Er kannte die Weiber trotz seiner Jugend, Kannte besser sie als die zehn Gebote. Ich sah es, wie es oft plötzlich lohte In seinen Augen, und wie die Begier Ihm im Herzen erwachte allmählich nach ihr. Doch muss ich es sagen, er gab sich nicht hin, Goss Wasser in den entflammten Sinn Und achtete sie. Und sie verstand es, Die Würde zu wahren, im Zaum uns zu halten. Doch sah ich es wohl, nicht verlief so im Sand es, Und die Zeit ließ reifen die bösen Gewalten, Die Sündenbegier. Und war sie nicht Weib? Und war nicht bethörend ihr herrlicher Leib, Kraftstrotzender noch im Kampf um den Tag Allmählich geworden? Wenn schlaflos ich lag In der Nacht auf der Streu und, Wand an Wand, Ihren Atem hörte, wie ruhig er ging, Und die Sinne so heiß mir, so schwül alles rings, Und ich gepeinigt vom Lager aufstand, Da war auch die Tugend für mich ein Ding Von wenig Gewähr. Ja, so war es, so fing's Bei uns beiden an, und sie merkte es dann, Und ich sah, wie sie sich zu fürchten begann, Und wie sie litt und es doch verbarg, Aus Stolz, und war, als hätt' sie kein Arg. Und das zügelte uns. Und auch niemals fiel Zwischen Jens und mir darüber ein Wort. Wir fühlten es alle, und fort und fort, Und fühlten es wachsen und sahen kein Ziel. Da, einst, ich hatt' einen Tag und die Nacht In der Höhle am Strande zugebracht Beim Fischen und Muschelsammeln und hatte Den Mast befestigt, 's war mehr eine Latte, Aufs neue wieder und auch das Tuch, Das dort Tag ein, Tag aus im Wind Mit klatschendem Laute Falten schlug, Vorübersegelnden Zeichen zu geben. Ich hatte reichlich Muscheln und Fische, Leckerbissen unserem Tische, Und trug sie im Netzkorb, aus Bast geflochten, Und freute mich, wie sie uns schmecken mochten. Wir konnten zwei Tage gut davon leben. So kam ich zurück und traf sie allein Und fragte nach Jens. Sie wusste es nicht: Er möchte wohl jetzt im Walde sein. Doch sah ich es gleich an ihrem Gesicht, Es war was geschehen, das sie heimlich quälte Und das sie mit Absicht mir verhehlte. Ich fragte nicht nach und ließ sie in Ruh. Zur Mittagszeit kam auch Jens Jensen hinzu. Ich wunderte mich, er war befangen, Als wär' er am liebsten gleich wieder gegangen. Und dann beim Essen nachher geschah es, Dass er verstohlene Blicke, ich sah es, Und lodernde Blicke, halb Scheu, halb Hass, Warf über den Tisch, und ich glaubte zu sehen Dann flüchtig wie Blitzschein im Antlitz stehen Ein Etwas ihr, wie Schauder, wie Zorn, Das färbte die Wangen ihr rot und blass. Da nahm ich die beiden genauer aufs Korn. Doch merkten sie's wohl, denn früher ließen, Als sonst, sie allein mich. Das musst' mich verdrießen Nur doppelt und meinen Argwohn wecken, Kein Zweifel, die beiden spielten Verstecken. Und dann war alles auf einmal mir klar. Und rief ich auch zehnmal: Es ist nicht wahr! Es kann nicht sein! Es machte sich gelten, Ich konnt' es nicht bannen mit Zweifeln und Schelten. Er hat es gewagt! Und sie? – Ich fühlte, Wie heiß es mir unterm Brustbein wühlte, Ins Hirn mir griff, und ich wollt' es nicht fassen, Und konnte doch nicht den Gedanken lassen. Da fasste ich Mut und trat zu ihm hin Und fragte Jens Jensen, nicht gerade zu, Doch merkte er wohl, was ich hatte im Sinn. Und er lachte nur leicht und höhnisch dazu, Und er wurde rot und wandte sich kurz. Mir war's, als überfiel mich ein Sturz, Ein Feuerstrom, und ich hob nur die Hand Und ballte die Faust ihm hinterher, Der pfeifend hinter den Palmen verschwand. Aber mein besseres Ich griff zur Wehr. Er lügt! so schrie es in mir, er lügt! Nicht hat sie sich willig der Schmach gefügt. Sie hat sich gewehrt mit der Riesenkraft Ihres Stolzes gegen die Leidenschaft Und rohe Gewalt. Es bäumte empört Sich alles in mir auf, wenn ich dacht', Er hätte missbraucht seine rohe Macht, Seine Löwensehnen, zu schänden dies Weib, Hätte besiegt diesen herrlichen Leib, Sie hätte, bewältigt, ihm angehört. Verruchter! rief ich, Elender du! Und merkte im Zorn nicht, wie sachte, sacht', Der Neid sich regte, die Gier dazu, Die Eifersucht ihre Klauen krallte. O die Zeit! Wenn Tags ich die Fäuste ballte, Misstrauisch Wache stand wie ein Schuft, Saß Nachts ich aufrecht und ohne Schlaf, Auf jeden Laut, der das Ohr mir traf, Mit Argwohn lauschend, und fiebernd dann, Selbst wilden Begierden ein machtloser Mann, Das Lager küssend, die leere Luft. 5. Und so geschah es, das Grause. Mich sprang, Ein gieriger Panther, die Eifersucht an, Der Neid, und nährte von Tag zu Tag Den Hass auf ihn, der im Arm ihr lag, Die sicher in heimlicher Neigung schon lang Dem roten Riesen war zugethan, Denn so glaubte ich fest und wollte es glauben, Mich selbst zu quälen. – Und so kam, Was heute noch kann den Schlaf mir rauben, Und meiner Seele den Frieden nahm. Zwei Tage raste ein Sturm und zwei Nächte Und brach die Palmen, und Regen floss nieder In Strömen. Da regte die Hoffnung wieder In uns sich, draußen ein Wrack zu gewahren, Das Genossen uns, oder was immer, brächte. So gingen zum Strand wir, Jens Jensen und ich. Von weitem schon hörten wir fürchterlich Die Brandung toben, und oft den Halt Auf den Felsen verwehrte des Sturmes Gewalt Uns noch. So stiegen behutsam wir Zu den Klippen hinab. Jens Jensen vor mir. Jeder Schritt auf dem feuchten Gestein bracht' Gefahren. Und wirklich! Schiffstrümmer, ein Fässchen, zwei Planken Trieben dort unten und stiegen und sanken, Ein Spiel der Wellen, doch schwer zu erreichen. Wir suchten noch weiter im Strandhinstreichen, Doch fanden wir nichts, als dies spärliche Gut; Alles andre verschlang die Flut. Und was sie uns gönnte, das wenige, war Des Bergens es wert, der Müh' und Gefahr? Doch uns reizte das Tönnchen. Was mocht es fassen? Sollten den Fund wir schwimmen lassen? Und wir sannen auf Mittel. Die Klippe fiel steil, Ohne Halt für den Fuß, und zu kurz war das Seil, Der Strick aus Bast, den wir mitgenommen, Und schien keine Aussicht, dazu zu kommen. Ich wollte verzichten. Vielleicht ja blieb Das Tönnchen uns, das allmählich trieb Strandlängs vielleicht, und die freundliche Welle Beschert' es uns an bequemer Stelle. Jens aber war kühn, tollkühn, und bestand Auf das Wagestück. Mit eiliger Hand Zerriss er sein Hemd. »Sie flickt es mir schon!« So rief er und lachte. Ich glaubte im Ton Einen leisen Spott, Missachtung zu hören, Die Eifersucht ist ja so leicht zu bethören, Und hatte ein heftiges Wort schon bereit, Doch hielt ich an mich und mied den Streit. Jens hatte geschickt einen Strick gewunden Aus Linnenstreifen, aus Linnen und Bast, Mit sicherem Knoten zusammengebunden. Wir zogen und zerrten und prüften. Die Last War schwer, die das Seil hier tragen sollte, Und ich riet noch ab. Doch Jens Jensen wollte Das Stück unternehmen. Ihm war nicht zu raten. Stets war er bereit ja zu tollkühnen Thaten. So gab ich denn nach, und er wies mich an. Er hatte den Strick sich umgethan Um den Leib mit der Schlinge. Und ich an dem Rand Der Klippe den Fuß fest eingestemmt, Den andern zurück fast gebeugt aufs Knie, Die Muskel gespannt und die Zähne geklemmt, So ließ ich hinab ihn die steile Wand; Der Augenblick doppelte Kräfte mir lieh. Und unten donnerten, brausten die Wasser, Und zwischen dem gierigen, drohenden Schlund Und dem heimlichen Feind, dem grimmigen Hasser, So hing er am schwachen Seil. Und warum? Um ein nichtiges, wertloses Gut, einen Mund Voll Zwieback vielleicht, um ein Fässchen Rum. Und ich hielt und hielt, und mir klopften die Schläfen; Ein Zittern flog mir durch Arme und Beine. Wenn der Knoten sich löste, zerriss die Leine? Wenn scharfe Kanten zerschneidend sie träfen? Wie sollt' ich ihn retten? Verloren riefe Umsonst er um Hülfe, ihn fräße die Tiefe. Und schaudernd dacht' ich des tollkühnen Mutes, Und heißer fühlt' ich das Klopfen des Blutes In allen Adern, und immer noch gab Er das Zeichen nicht, hing über dem Grab. Da trat es zu mir, ich glaubt' es zu sehn, Und es war so, ich sah es neben mir stehn, Ein Nichts, ein Schatten, und ich hörte doch laut, Und entsetzte mich, wie so deutlich es klang: »Lass fahren den Strick und dein ist die Braut! Lass fahren, los, was besinnst du dich lang?« Es war ein Ton wie aus anderer Welt, Und ich schrak zusammen und wehrte mich wild, Und schloss die Augen, verschloss sie dem Bild, Das ich sah von berückenden Farben erhellt. Ich wehrte mich, wehrte mich! Aber es hackte Mit scharfen Krallen sich an und packte Und schüttelte mich: Sie ist dein, sie ist dein! Teile das Reich mit ihr allein. Was zögerst du noch? – – da – ein Ruck – ein Pfiff – – Der mit Messerschärfe mir schnitt ins Ohr. Ich fuhr aus dem wüsten Traum empor, Erschrak vor dem Ruck, vor mir selber, und griff Und fiel und griff, und biss mit den Zähnen, Mit dem vollen Gebiss in den stürzenden Strick, Und straffte in rasender Angst das Genick, Und schrie zu Gott, und spannte die Sehnen. Umsonst! Der Ruck, der Schreck – wie es kam? Wie konnt' ich es wissen! Vom Halten lahm, Den Versucher zur Seite, so war's mir entfallen, Entrissen – – Noch immer hör' ich ihn schallen Vom Wasser herauf, den kurzen Schrei, Kurz, gell, und ein Klatsch, und alles vorbei. Wie ich abwärts kam, wie den Weg ich fand Von Stein zu Stein, bis zum äußersten Rand, Von der Brandung umtobt, vom Gischt bespritzt, Blutend, zerschunden, zerkratzt, zerritzt, Es war wie ein Traum. Doch nichts fand ich am Strand Als nur die Trümmer des Tönnchens, daneben, Hier, dort, Schiffszwieback, durchweicht auf den Wellen. Und dafür gewagt das blühende Leben In strafbarem Mut! Wie lang ich gesucht In allen Winkeln, in jeder Bucht, Noch Tage nachher, den verlornen Gesellen, Nicht fand ich die Leiche. Hinausgetrieben Vielleicht ins Meer, oder hängen geblieben Tief unten an spitzigen Klippennadeln, Ward Raub sie den Fischen. – Wer will mich tadeln? Wer klagt mich an? Bei Gott! und hätte Die Mutter er mir, den Vater erstochen, Die Schwester geschändet im Sündenbette, Greuel auf Greuel, nicht hätt' ich's gerochen. Nicht so, wie er hängend zwischen Tod und Leben War wehrlos in meine Hand gegeben. Und ihr glaubt es ja alle, und keiner ist da, Der mir es aufbürdete, was geschah. Was will es denn nun? Was lässt es mich nicht? Als wär' ich ein Schuft, ein erbärmlicher Wicht. Kein Mord, ein Unglück! ich that meine Pflicht. Meine Kraft war zu schwach, das Seil mir entschwunden, Die Zähne zum Teufel, die Hände geschunden, Und blutend lag, das Gesicht auf dem Stein, Wie zerschmettert ich oben. Die Glieder flogen. Und unten stürmten und tobten die Wogen, Und ihr rollender Donner verschlang sein Schrein. 6. »Wie meldest du's ihr, wie nimmt sie es auf?« So fragte ich mich, und stockend dann quollen Die Worte hervor nur. So hindert den Lauf Des klaren Baches der plumpe Stein, Der, Schlamm aufwühlend, die Flut verdickt. Doch blieb sie still bei dem unheilvollen Bericht, und als ich beschwor sie, erstickt Jedes Wort halb im Schlund, die Schuld wär' nicht mein, Ich wäre kein Mörder, da sah sie mich an Mit großen Augen und gab mir die Hand. »Ihr seid ohne Schuld« sprach leise sie drauf, »Gott sei ihm gnädig und uns.« Doch dann, Sie hatte schnell sich abgewandt, Kam's wie aus tiefstem Innern herauf, Ein Schluchzen, ein Beben, und vor das Gesicht Die Hände schlagend, sie weinte nicht, Nein, schien in Thränen zerfließen zu wollen, Die tropfenweis durch die Finger ihr quollen. Da kehrte ich ab mich und ließ sie allein, Und dachte nachher: Es wird so sein, Sie hat mehr als ich verloren ihn; Es ist alles so, wie es lange mir schien, Und, ich leugne es nicht, ich gönnte es ihr, Und der Teufel hatte seine Lust an mir. »Sie ist dein! sie ist dein! Was zögerst du noch?« So hörte ich's immer. Doch anfangs verkroch Ich mich feige davor, verstopfte die Ohren, Doch waren der Tugend Mühen verloren. Nach Tagen schon, und ich atmete frei: Was quälst du dich, Narr! Ist's nicht einerlei? Ob du oder er? Und was einem sie gab, Das schlägt sie dem andern wohl auch nicht ab, Und brauchst du Gewalt, wer will dich halten? Du bist nun Herr und kannst frei hier schalten. Und trat ich dann vor sie mit solchen Gedanken, Dann fühlte den Stolz ich der Stärke schwanken, Und fühlte mich klein und beschämt, und schlich Vor einem Blick oft bei Seite mich. Ach, sie war schön, bei Gott, wie ein Weib Ich selten sah, und so stolz und rein, Dass immer ich wieder beschwor, diesen Leib Hat Jens nicht besessen, es kann nicht sein! Der Blick kann nicht lügen, so still und klar Sieht kein Weib, das schon einmal erniedrigt war, Einem Mann in die Augen, der ihrer begehrt. Und so hielt sie mich fern wie mit flammendem Schwert. Wie lange doch soll wohl solch Zustand bestehn? Unter Menschen von Fleisch und Bein und Blut, Und jungem Blut und gekocht von der Glut Der Leidenschaft und der Tropenglut, So im täglichen Nebeneinandergehn, Wie lange wohl? – Und so kam er, der Tag, Kam sicher, wo sie in den Armen mir lag. Und nicht Sünde war es, nicht niedere Lust, Die sie endlich zwang an meine Brust. Ich liebte sie, wie man nur lieben kann, Und je schwerer den langen Kampf ich gewann, Je herrlicher labte der Sieg zuletzt. Und sie gestand mir, was kaum ich gehofft, Wie auch sie sich umsonst zur Wehre gesetzt, Wie auch sie in Qualen gerungen oft, Von gleicher Leidenschaft, gleicher Glut Durchfiebert, wie ich, und schon lange mir gut, Schon damals, als Jens – – doch mit Purpurscham Gestand sie mir leis, dass ans Ziel er nicht kam. Und dann rauschten die Wipfel der Palmen sacht Uns das Hochzeitslied in der ersten Nacht. Und war ich je glücklich, so war es die Zeit In der weltverlassenen Einsamkeit. So dachte ich mir das Paradies, Und war kein Engel, der aus uns wies Mit feurigem Schwert. Und so rann die Zeit, Und wir wünschten nichts mehr, und der Tod schien weit. Drei Jahre, da hat man sich eingewöhnt, Hat abgeschlossen, sich ausgesöhnt. Wohl hätten gejauchzt wir, gejubelt, gewiss! Wenn ein Schiff uns dem Paradies entriss, Doch klagten wir nicht, da fern es blieb, Und lebten zusammen und hatten uns lieb. Doch konnt' es so bleiben? Ist Menschenglück Wie die Welle nicht flüchtig, falsch, voller Tück? Ich Narr! als ob ich's erprobt nicht oft, Nicht immer umsonst gestrebt, gehofft, Gesorgt und geliebt, und glaubte nun hier Auf dem Felseneiland würd' lachen mir Ein beständiges Glück. Zu bald nur, ach Zu bald ward es anders. Mir ist's noch wie heute. Wir hatten wie Kinder die Insel weit Durchstreift in sorgloser Fröhlichkeit, Und ich hatte mit Blumen das Haar ihr durchschlungen, Nachdem wir zuvor in dem Silberbach Die Glieder erfrischt. Dann, wie es sie freute, Hatten im Gehen ein Lied wir gesungen, Nur einen Vers, wir wussten nicht mehr; Es stammte noch von der Schule her, Eine einfache Kindermelodie. Da zog sie mich an sich und lächelte – nie Vergess' ich die Stunde – und hold übergossen Von lieblicher Scham, gestand mir ihr Mund, Was seit kurzem sie hielt im Schoß umschlossen. Das sicherste Siegel unserm Bund. So groß war die Freude, so groß das Glück, Jeder andre Gedanke trat zurück An Schmerzen und Sorgen. Doch in der Nacht, Da meldete sich's bei mir mit Macht, Und ich bebte und sorgte im Herzen, und schrie Zu Gott, und dachte der kommenden Zeit, Und malte mir's aus, wenn schlecht es gedieh, Wenn sie stürbe, ohne Hülfe, in Einsamkeit Zurück mich lassend, vielleicht mit dem Kind, Dem zarten Wurm. Und dann dachte ich wieder, Sie ist ja gesund, aus kernigem Holz. Wie manche Dirne kommt einsam nieder Hinter Hecken und Dorn, in Regen und Wind, Und quält sich kein Mensch um das arme Ding. Und ich schalt meine Furcht, und dachte mit Stolz An den kommenden Spross, an den Wildling, und hing Mit trunkenem Blick an dem prächtigen Weib Zur Seite mir. Und ihr Atem ging So tief und ruhig, wie Wogengesang, Wenn die silbernen Hügel stolz und lang Vor dem Winde wandern. Die ganze Gestalt Voll Kraft, geschaffen der Schmerzen Gewalt Und jeglicher Sorge gefasst zu begegnen. Da bat ich zu Gott, mein Glück zu segnen. 7. Die Wochen, die Monde, ich schildere sie nicht, Wenn rechts die Hoffnung ins Ohr dir spricht Mit süßem Wort, und links dir flüstert Die Furcht ihre Zweifel, und dich umdüstert Mit bangen Schatten, und es wechselt so ab, Hältst jede Stund einen andern Stab, Womit du das Leben misst, seinen Wert. Das sind Zeiten, die niemand zurückbegehrt, Auch in der Erinnerung nicht. So schweige Ich denn darüber. – – Es war alles bereit, Das Kind zu empfangen. Geschmeidige Zweige Und Bast hatte ich in der letzten Zeit Auf täglichen Gängen im Walde gesucht, Draus flocht ich heimlich, versteckt in der Bucht, In der Auslughöhle am einsamen Strand Zur ersten Wiege die erste Wand, Und freute mich, sie mit dem Meisterstück Überraschen zu können, und träumte vom Glück Der kommenden Zeit. Da saß ich nun Bei dem ungewohnten, köstlichen Thun; Sah über die Arbeit hinaus auf das Meer, Das öde wie immer und hoffnungsleer, Kein Segel rings, nur Wellen und Wellen, Und drüber die Möven, die rastlosen, schnellen. Eine Arbeit war's, so ungewohnt Wie sauer, doch fühlt' ich mich reichlich belohnt, Sah ich sie langsam sich fortgestalten, Und dacht' an das Glück, das sie sollte halten, Das sie bergen sollte in ihrem Schoß. Und es ward eine Wiege für zwei, so groß. Das Glück! Das Lachen! Die Thränen! als Mein Meisterwerk nun vor ihr stand. Ach, wie wenig gefiel mir's, wie schien es mir roh Und plump, sie aber war herzlich froh Wie ein Kind, und weinte an meinem Hals, Und lachte und küsste mich zwanzig Mal, Und stieß mit dem Fuß die Wiege an, Und streichelte sie mit zärtlicher Hand, Und ließ sie schaukeln und sang dazu, Und rief dann wieder: »Du Guter, du, Du lieber, einziger, guter Mann!« Dies Glück, dies Glück! – Und dann kam der Tag, Der bange, wo sie in Schmerzen lag. Und es ward ihr schwer, und es rüttelte sie, Und ein Fieber kam, eine Marternacht. Ich saß bei ihr, vergrämt und verwacht, Und draußen heulte ein West-Nord-West. Da richtete plötzlich sie hoch sich auf, Mit großen Augen, starr und blank, Und hielt meine Hand, und hielt sie fest, Und rief im Fieber, nein, rief nicht, schrie: »Ein Schiff, ein Schiff! zu uns sein Lauf. Gerettet!« und kraftlos zurück sie sank, Die Augen geschlossen und atmend tief, Und sprach kein Wort, ob ich bat und rief. Da packte mich Graun, und ich stürzte hinaus. Der Westwind heulte, die Nacht war graus Und wüst genug, doch wilder schon trieb Oft der Sturm sein Wesen. Im Ohre blieb Mir immer ihr Ruf: Ein Schiff, ein Schiff! Und ließ mir nicht Ruhe. Der starre Blick, Der drängende Ton, war's Himmelsgeschick? Hätte Gott ihr gezeigt, dass Rettung nah? Wäre wahr es, was sie im Fieber sah? Da ließ es mich nicht; ich eilte hinein. Still lag sie beim flackernden Feuerschein, Blass, fiebernd. Konnt' ich allein sie lassen? Und wenn ich nicht ging, und das Schiff, das Schiff Führe vorbei, nah vorbei an dem Riff, Und es könnte uns retten, wir wären geborgen Diese Nacht, oder doch am kommenden Morgen. Da fiel auf die Knie ich, und betete tief, Und riss mich dann los und stürzte fort. Und immer war mir's, als ob sie rief: »Ein Schiff, ein Schiff!« Und wie ich so lief Durch die Nacht, durch den Wald, da wusste ich's klar: Du triffst ein Schiff, sie sagte wahr. Rettung, Rettung. Kein Fieberwort. Mich jagte die Angst, wie den Hirsch die Hunde. Wie dehnte der Weg sich, fast eine Stunde, Im Sturm, in der Nacht. Ich fiel, sprang auf, Zerriss mir die Kleider, die Haut im Lauf An dornigen, stachlichten Sträuchern; so legte Ich keuchend den schrecklichen Weg zurück. Der Mond warf blasse Lichter zum Glück Durch die Wolken, wenn minutenlang Ein Windstoß sie auseinanderfegte. So kam ich ans Meer, und keuchend rang Nach Atem die Brust, und das Herz wollte springen, Und ich sank auf den Stein, und fiel auf die Hände, Und es war, als ob wirbelnd die Klippenzacken Und die Wellen um mich im Kreise gingen, Als ob alles im rasenden Tanz sich befände, Und die Wolken griffen, mich anzupacken, Mit langen Armen hinunter. Mir schwand Das Bewusstsein. Da lag ich nun hier am Strand Von Ohnmacht umfangen, in Sturm und Nacht; Und lag so Stunden, denn als ich erwacht, War sanfter der Wind und der Himmel fast klar. Zerrissnes Gewölk nur wie Raben umflog Die Sonne, die über dem Wasser war. Und im flimmernden Glanz – wenn das Auge mich trog? Wenn ich träumte noch, fiebernd, und alles wär Wahn? – Doch nein! vom flimmernden Glanz umflossen Grüßten Segel herauf, ein Schiff, eine Brigg! Wahrheit war, was die Augen sahn. Und wie verzückt, mit trunkenem Blick, Verschlang ich das Bild, wie angegossen. Dann rafft' ich mich auf, und sprang, und schrie Und warf die Arme, und stürmte hinauf Auf die höchste Klippe, und schwang im Lauf Mein Hemd, das schnell ich vom Leib gerissen, Und sah, so war es mir, drüben sie Als Antwort eine Flagge hissen. Dann stand ich oben, halb nackt und bloß, Und zerrte blind hastend die Latte los Und zerrte an ihr die Nägel mir wund, Und schwang sie mit beiden Fäusten im Wind, Und warf sie zu Boden, und hielt an den Mund Die Hände, und schrie mit aller Kraft, Und schwenkte dann wieder den Flaggenschaft. Und sie sahen mich, kamen. Ein Boot stieß ab, Zu retten uns aus dem Felsengrab. Mit trockenem Gaumen und fliegenden Gliedern, Mit gierig aufgerissenen Lidern, Nach vorn gebeugt, so stand ich da, Und zagte und zagte, ob recht ich sah. Kein Zweifel! sie kamen. Sie ruderten scharf. Da jauchzte ich auf. Auf den Felsen warf Ich mich nieder, die Stirn auf den kalten Stein, Und schluchzte, schluchzte auf wie ein Kind, Und lachte und weinte, und war wie von Sinnen. Sie kamen, wir sollten gerettet sein; Nicht schnell genug wollte die Zeit mir verrinnen. Ich zählte die Schläge der Ruder, und maß Mit den Augen die Strecke, und stand und saß Und lief und stand und hockte wieder Mit zitternden Knien eine Weile nieder. Drei Jahre waren, drei Jahre es ja! Und endlich Erlösung, so nah, so nah! 8. Eine Hamburger Brigg war's. Vom Sturm verschlagen, Sahn sie den einsamen Felsen ragen, Den unbekannten, hervor aus den Wogen, Und steuerten näher, von Neugier gezogen. Da sah durch das Glas der Kapitän Auf dem nackten Stein unsre Flagge wehn, Und wir waren gerettet. Sie fanden mich Fast sprachlos vor Freude, und wunderten sich, Mich kräftig zu sehn und wohl genährt. In fliegender Hast stand Rede ich, Und hatte in kurzem sie aufgeklärt. Gleich waren bereit sie zu folgen, und brachten Den Schiffsarzt mit, an alles dachten Die Wackeren. Drängend trieb ich zur Eile Und duldete nicht die kleinste Weile. Mir bangte, je näher dem Ziel wir kamen, Und immer war ich eine Strecke voran, Und wartete wieder und trieb sie an. Sie folgten mir mühsam: »In Gottes Namen!« Und da lag sie vor uns im Sonnenschein, Die Hütte, mein Haus, mein Alles. Allein Erst schlich ich hinein und atmete hoch Und dankte Gott. Sie lebte noch. Doch ich sah, ein Blick, was sie litt, und wie nah Ihre Stunde muss't sein. Und leise rief Ich den Doktor herein. Und da sie schlief, Beruhigte er mich mit Trostgebärden Und machte mir Mut, es würd gut schon werden. Und sie blieben bei mir, hülfsbereit, Und schickten mich schlafen. Sie waren ja da Und wachten, und meine Kraft war hin, Und vor mir noch eine bange Zeit. Da legte ich mich und streckte die Glieder, Und ließ auch der Schlaf sich gleich hernieder Und schloss mir die Augen und hielt mich umfangen, Bis alles vorbei. – Kaum wagt' ich vor Bangen Die Augen zu öffnen. Doch da – ja! – gewiss! Eine Kinderstimme, ein kräftiges Schrein! O wie ich schnell mich vom Lager riss Und ließ mich nicht halten und eilte hinein. Mein Weib, mein Kind, ich wollte sie sehen. Der Arzt ging leise auf den Zehen Und wies nach dem Bett. Da lag sie bleich, Und um den Mund einen Schmerzenszug. Und der Atem ging pfeifend und ging nicht gleich – Und des Doktors Blick, – da wusst ich genug, Und stöhnte laut auf und fiel aufs Knie. Was war mir das Kind, wenn verloren sie, In der Stunde starb, wo die Rettung da. Da fluchte ich Gott, dem Wahnsinn nah, Und ballte die Fäuste und schlug die Erde. Wer hätt' es ertragen mit Demutgebärde? Warum? Warum? Was hatt' ich verschuldet, Und sie? – Drei Jahre in Demut geduldet Und Gott ergeben und fromm. Und jetzt, Da auf den Knieen ich vor ihm gelegen Und gedankt ihm, dass er erhört mich zuletzt, Jetzt tritt er mir grausam, höhnend entgegen, Jetzt tritt er mich ganz in den Staub, zertritt Mich lieblos. Und ich lag, und stritt Und zürnte mit Gott, und riss aus dem Herzen Den Glauben an ihn unter tausend Schmerzen. Wenn ich nicht geflucht, wenn ich fromm geblieben, Seinen Namen gepriesen, ob er Mitleid gezeigt? Ob ein Körnchen von seinem unendlichen Lieben Er übrig gehabt, wenn voll Demut geneigt Das Haupt ich hätte und hätte geweint, Trotzdem es Lüge, nicht ehrlich gemeint, Was du thust, Herr, das ist wohlgethan? Die Zeit ist vorüber. Längst bin ich gefasst? Und trag' ohne Murren des Lebens Last, Und frage nicht mehr, warum das alles. Was weiß ich von Gott. Die Herren Pastoren Füll'n uns mit großen Worten die Ohren, Lullen uns ein nur besten Falles. Ich aber bin taub dem Priesterwahn. In jener Stunde, als starb mein Weib, Denn das war sie, auch ohne Pastor und Papier, Da starb meine Frömmigkeit auch mit ihr, Da begrub ich den Glauben mit ihrem Leib. Bei der Hütte, nah der verlassenen Schwelle, Die zum letzten Mal ich nun überschritten, Wo wir so glücklich, so glücklich waren Zusammen, und wo wir zusammen gelitten Weltfern, allein, in den langen Jahren, Bei der Hütte gruben an schattiger Stelle Ein Grab wir für sie. Das dritte nun, Das ich grub: für den Jungen, für jenen, den wir In dem Palmenwäldchen fanden hier Den ewigen Schlaf unter Würmern ruhn, Und für sie nun auch. Jens Jensen lag Auf dem Meeresgrund seit jenem Tag. Nur ich allein von allen gerettet Und das Kind. Wie gern hätt' das Kind ich gebettet Statt ihrer dort in die Einsamkeit. Jetzt freilich möcht' ich es missen nicht, Da hinter mir liegt jene schreckliche Zeit. Jetzt ist es mein Trost, mein Augenlicht, Mein Töchterchen blond, wie die Mutter ganz, Mein muntres Fränzchen, mein wilder Franz. Denn sie ist wie ein Junge, so wild, voller Kraft, So voll Leben und feuriger Leidenschaft, Die einst machte wallen den Eltern das Blut In der Wildnis, in der freien Natur, Genährt von den Früchten des Waldes nur, Ohne Schutz und Gesetz, nur in eigener Hut. Was musst' ich nicht alles dem Ding erzählen, Schon früh, von dem einsamen Fels im Meer, Darauf sie geboren. Das war ein Quälen. Und ob sie's selbst sagte am Schnürchen her, Ich musste es immer noch einmal berichten Und durfte nichts ab und hinzu nichts dichten, Sie ließ nichts durch. Und es hatt' nicht Gefahr. Noch heute steht mir, so Jahr um Jahr, Vor den Augen alles wie gestern geschehn. Das vergisst sich nicht, wie die Jahre auch gehn.