(Ludwig Ferdinand Schmid) Dranmor Gedichte »Die Dichtkunst ist eine lange Liebe« Jean Paul »Souvienne-vous de celuy qui, comme on demanda à quoy faire il se peinoit si fort en un art qui ne pouvoit venir à la cognoissance de guere de gens. J'en ay assez de peu, répondict-il. J'en ay assez d'un. J'en ay assez de pas un.« Montaigne. Vorwort zur dritten Auflage »Nicht immer geben die Schriftsteller ihr Bestes in ihren Werken aus.« (Julian Schmidt.) Man möge dieses einem Litterarhistoriker ersten Ranges entnommene Motto, indem es meine Schriften begleitet, nicht so verstehen, als ob ich Besseres noch ausgeben könnte. Manches von uns Erdachte gelangt nie zur Gestaltung. Ohne Verheißungen, ohne selbstgefälligen Kommentar, nur mit meinem wiederholt dargebrachten Danke und mit einigen bestgemeinten Erklärungen will ich den längst in mir regen Wunsch, mich dem Kreise meiner Leser zu nähern, endlich zu verwirklichen suchen. Berechtigte Stimmen haben tadelnd hervorgehoben, daß meine poetischen Arbeiten einem Torso, einer unvollendeten Säule vergleichbar seien. Zur Entschuldigung dieses Uebelstandes diene nun folgendes: An einem großen Programm, an Stoffen und Entwürfen hat es mir nicht gefehlt. Leider lag zwischen Wollen und Vollbringen eine brückenlose Kluft. Mit jedem neu erwachenden Morgen warfen mich gebieterische Pflichten aus Träumereien zurück in den Kampf um materielle Interessen. Dergestalt ist die vielgepriesene »Seligkeit dichterischen Schaffens« nicht oft über mich gekommen. Von dem »stillen Walten einer Dichterseele« weiß ich so wenig zu erzählen, daß ich mit Freiligrat seufzen könnte: »mein Nero, weh mir! ist die Poesie«; denn, in Wahrheit, anstatt die Inspiration abzuwarten oder meiner Phantasie Gewalt anzuthun, mußte ich die mich umgaukelnden Bilder zu verscheuchen, die mich bestürmenden Gedanken zu besiegen trachten, und wenn solches nicht ganz und nicht immer gelang, so ist es mir doch nur selten vergönnt gewesen, Eindrücke, die sich nicht mehr verwischen ließen, zu sammeln und litterarisch zu verwerten. Poesie ist »tiefes Schmerzen«, gelinde gesprochen: tiefes Fühlen, und durch dieses Fühlen bin ich in meiner Doppelexistenz doppelt gefährdet worden. Denn nach den vereinzelten Stunden, in welchen die Muse mich mit ihrem berauschenden Zauber unterjochte, hat sie mich auch darüber belehrt, daß die dem Poeten nötige Lucidität nicht gefördert wird durch die täglichen Mahnrufe zu praktischer Thätigkeit. Gestalten erschaffen, Gedanken-Symphonien, oft unterbrochene, standhaften Mutes, lichten Geistes fortspinnen, ergänzen, vollenden? Gigantische Aufgaben, denen ich meine Kraft widmen wollte – ich gestehe nicht ohne Gram, euch weder gelöst zu haben, noch lösen zu können. Wenn aber einem fragmentarischen Werke keine öffentliche Schaustellung gebührt, so ist ein Abweichen von der Regel vielleicht da zu dulden, wo der Verfasser, trotz der ihn durchbohrenden Zweifel und Bedenken, die ihn belagernden Larven endlich zurückstößt und nach Menschen, nach Richtern, nach Gesinnungsgenossen oder nach geisteskräftigen Gegnern verlangt, nur weil er das heftige Pochen seines Herzens nicht mehr allein zu bemeistern vermag. Einem Könige genügt das Ausstrahlen seiner Majestät, die starre Erhabenheit mit der ihr schüchtern gezollten Ehrfurcht; den Sänger erhebt und ermutigt das laut bekundete Verständnis seiner innern Erschütterung. Ich wollte nichts übereilen. Und so wie mein Buch sich allmählig erweitert hat, von der ersten Nummer »Captain Trelawney« an bis zur letzten »Requiem«, umschließt es ein übervolles und überreifes Menschenleben. Langsam emporgewachsen, eignet sich der Baum der Erkenntnis, nachdem er seine Früchte getragen, nicht mehr zur Beschneidung. Und ein Requiem ist kein frivoler Gedankentanz und kein Präludium zu einer neuen Tonart. Daß letzteren Punkt auch die deutsche und schweizerische Presse, in ihren bedeutendsten Organen, nicht übersehen und nicht bestritten, daß sie an meiner Aufrichtigkeit nie gezweifelt, mich, den ihr gänzlich Unbekannten, nie zu den lyrischen Komödianten gezählt hat, das gereicht mir zu hoher Befriedigung, und für diesen Beweis ihrer Achtung, der in meinen Augen mehr gilt als die mir gespendeten Aufmunterungen, sage ich hier meinen litterarischen Brüdern, Gegnern wie Gleichgesinnten, meinen warmen und freudigen Dank. Nach Lob strebt jeder. Aber das Pseudonym sollte keine Faschingsmaske sein, die man, der bloßen Eitelkeit halber, gelegentlich abstreift. Der Geist ist alles, das Individuum nichts; Stolz und Koketterie sind verschiedene Dinge. Mit seiner Persönlichkeit dränge sich niemand hervor. Der Dichter ist nicht der ganze Mensch und was frommt die Bekanntschaft mit seiner Person? Eines nur darf der einsame Schwärmer, der diese Blätter nach dem überführten Büchermarkte flattern läßt, hinausrufen in die weite Welt: Wenn er das wäre, wofür er hie und da gehalten wurde und was er – sui cuique mores fingunt fortunam – nicht werden konnte, er würde manches aus den Fugen gesprengt und menschliches Elend nicht mit zärtlichen Worten beklagt, sondern mit ersprießlichen Thaten gemildert haben. Wer wenig mehr als eine reiche Phantasie besitzt, der schaut machtlos herunter: hier auf die Darbenden und Geknechteten, dort – um meines eminenten Freundes Herrn Dr. J.J. Honegger in Zürich Ausdruck zu gebrauchen – »auf die gemeine Alltagswirtschaft, auf die breit und anspruchsvoll sich hinstreckende Niedertracht und Philisterborniertheit.« Das Leben wird um so süßer, je mehr es dem Schlummer ähnelt; ein fester Schlaf ist das Beste, was wir haben; Schmerzlosigkeit schätzbarer als Nektar und Ambrosia, Gedankenarmut ein beneidenswerter Vorzug. Keine großen Gedanken ohne ein großes Herz. Und man höre Pascal: »Si j'avais le coeur aussi pauvre que l'esprit, je serais bienheureux.« Immerhin beruhen die wohlthuendsten Empfindungen auf den schärfsten Kontrasten und die ganze Wonne des Nirwâna ahnt der, welcher mit der Marter seines Gehirns der Natur einen mehr als gewöhnlichen Tribut bezahlt hat. Per laborem ad torporem! Was ich, als religiöser Denker, in rhythmischen Formen sagen wollte, es ist gesagt, und ich bin froh, daß ich nichts mehr zu sagen habe. Trost gewähren mir meine selbsterrungenen Ueberzeugungen und die unsterblichen Werke erlauchter Geister, besonders einzelne Offenbarungen Arthur Schopenhauers. Nicht als ob mir die Philosophie des »Bewußten« oder des »Unbewußten« in allen ihren Teilen zugänglich wäre. In dem Labyrinthe der Metaphysik verlieren sich meine Pfade. Der Philosophie der Zukunft dürften kurze Lehrsätze in schlichter Fassung zu empfehlen sein. Das wichtigste der auf uns lastenden Probleme betrifft die Fortdauer jenes »Bewußten« nach dem Verfall des Leibes. Jede in mir zuckende Fiber zwingt mich zu einer verneinenden Antwort. In dem Bereiche meiner Fassungskraft ist jede Individualität mit einer ephemeren Hülle verwachsen, und die Hoffnung, als unsagbar kleines, aber sehendes und fühlendes Wesen in der Unendlichkeit des Raumes, in dem unbegrenzten Revier zahlloser Welten weiterzuleben, eitel Verblendung und Vermessenheit. Andere Argumente als die der Intuition entstammenden gehören nicht hierher. Ich frage nur dieses: Warum uns armen Menschenkindern die Regalien eines Gottes? Und läßt sich für die müde Kreatur etwas Besseres ersinnen als ewige Ruhe? Man hat mir vorgeworfen, daß ich, den schönen Christusglauben untergrabend, frohe Zuversicht in nagende Skepsis, stille Resignation in düsteres Hinbrüten verwandle. Mit so dämonischer Macht bin ich nicht ausgestattet. Und ich hätte, wenn ich diese Macht besäße, lieber die Qual geistigen Kerkers auf immer ertragen, als wissentlich ein einziges Menschenherz unglücklich gemacht. »Frauenherz« wäre hier wohl das richtigere Wort. Denn der aufrichtige, mannhafte Nazarener belächelt die Schonung eines Ungläubigen. Sein Panzer ist ein härenes Priestergewand. Ascese oder kühne Lebensbeteiligung, Liebe zum Himmel oder Liebe zur Erde – die christliche Logik läßt uns keine andere Wahl. Zu schroff und herausfordernd lautet das: »a l'uom salute, e morte a Dio« des römischen Dichters Raspisardi. Selbst das Trappistenkloster hat seine volle Berechtigung. »Sine Cerere et Baccho friget Venus.« Genugsam gewaffnet gegen störende Gedanken ist ferner die laue Frömmigkeit und nicht minder ist es die noch bequemere Frivolität. Ich habe mit der einen wie mit der andern nichts zu schaffen. Jahre hindurch fand ich mein Dichterlos in den Mickiewiczschen Versen ausgesprochen: »Ich allein Höre meine Gesänge, schmerzlich seufzend Und langsam in des Windes Hauch verklingend; Und höre sie, von Stürmen fortgetragen, Wie ferne Donner rollen durch die Ruhe Des Weltalls, in der Unermeßlichkeit Spurlos und antwortlos verhallend.« – Doch es sind nach und nach Antworten gekommen, Antworten beruhigender Art. Die Mehrzahl derer, die meine Schriften lesen, ist von meinem Ideengange sympathisch berührt worden, und wo er befremdete oder verletzte, hat er weder Thränen erpreßt, noch Ideale zertrümmert. Ich würde, wenn solches geschehen wäre, fortan geschwiegen haben, obschon die Verkündigung dessen, was unser Innerstes bewegt, keiner Erlaubnis benötigt. Von dem, was uns als Wahrheit erfüllt, läßt sich nicht alles, aber vieles in eine poetische Sphäre rücken und wer den Pulsschlag der Zeit belauscht, der weiß, daß neue Anschauungen sich Bahn brechen wollen und Bahn brechen müssen. Wir befinden uns in einer von Gewittern erhellten Entwicklungsperiode und eine Litteratur ist im Entstehen, deren gewaltiger Odem alles, was baufällig geworden, umstoßen wird, wohl eine ganz andere als jene Weltlitteratur, die in verschwimmenden Umrissen der greise Goethe herandämmern sah. Doch weithin erschallen wird Prometheus befreiender Ruf: »Rettungsdank Dem Schlafenden da droben?« Durch den wahren Pantheismus, und nur durch ihn, dem kein überirdisches Glück vorschwebt, zittert die wahre Menschenliebe. Ein so versöhnliches Dogma ist andern Ursprungs als der moderne Nihilismus. O, daß es Zeiten gab, wo diese Religion der Rache und der Verzweiflung auch mich mit den grauenhaft begehrenden, berückenden Augen einer Sphinx anstarrte: ich will es gerne bekennen. Die Prüfung ist überstanden. In der wiedergewonnenen Klarheit erscheint mir selbst der grollende Pessimismus als Temperamentssache, als das Manifest persönlichen Mißgeschickes. Seitdem wir die körperlichen Leiden kennen, mit denen der unglückliche Leopardi heimgesucht war, glauben wir weniger an seinen Weltschmerz. Die Freuden dieser Welt sind, selbst als Phantasiegebilde, nicht zu verschmähen. Und keine Philosophie kann jene Wunder der Schöpfung, die uns mit Entzücken und Rührung erfüllen, kann das flammende Firmament in bloße Vorstellung auflösen. Mögen die Schmerzen alles überwuchern: das taedium vitae schickt sich nicht für alle. Oft ergreift uns, auf den sonnigsten Höhen des Lebens, wilde Todessehnsucht. Aber, den gewohnten Impulsen gehorchend, klammert sich wer und was da atmet an das Dasein, ungeachtet der Trauer, die ihm von der Natur in den Blick gelegt wurde. Schon ein kurzer Genuß entschädigt uns für eine lange Angst, und »Angst« – so spricht Schelling – »ist die Grundempfindung jedes lebenden Geschöpfes.« Jedes lebenden Geschöpfes. Die Grundempfindung ist »Angst«, die Grundbedingung »Tötung anderer Wesen«. Doch darf – und diese für die Tierwelt gestellte Frage wird niemand mit der Hypothese eines jenseitigen Wohlbehagens abfertigen – darf das denkende Geschöpf den Uebergang anderer, tiefer stehender, in das absolute Nichts mit der raffiniertesten Selbstsucht ausbeuten? Ach! Was sind die Plagen der Intelligenz, was sind Sorgen, Zweifel, Regungen der Reue, was ist alles, was den Geist krank macht, den Schrecknissen leiblicher Tortur gegenüber? Wahrlich, wir sollten die Faust des Henkers mit geringerem Entsetzen betrachten als die Hand des entmenschten Gelehrten, durch dessen Seciermesser der Arbeitstisch des friedlichen Forschers zur Folter- und Schlachtbank wird. Das unnatürlichste aller grausigen Verbrechen heißt: »Vivisektion.« Sonderbar, daß des interessanten Stoffes sich unsere Novellistik noch nicht bemächtigt hat! Vielleicht dankt sie mir für dieses Memento. Das brechende Auge einer hingemarterten Kreatur ist beredter als alle Wissenschaft. Durch die tiefe Erkenntnis der Weisen, »daß Nichtsein das Beste wäre«, wird keine Lebensfreude zerstört. Schwer zu befolgen ist die große Kantsche Lehre: »Man soll sich nichts zu Gemüte ziehn«; aber die Heiterkeit des Gemütes darf nicht getrübt werden durch die Notwendigkeit des ewigen Entsagens. Zusammenschaudern sollte die Menschheit nur vor den Greueln des Grabes und der Verwesung. Der Erde keine Leichen mehr! Rasch verlodernde Glut umfange die erkalteten Schläfen und sei für gebrochene Herzen der beste Trost und die würdigste Bestattung. Als Dichter mußte ich mich auf das beschränken, was mir am nächsten lag. Das »Requiem« möge nach obiger Einleitung sich selbst verteidigen. Was bis jetzt »Poetische Fragmente« hieß, ist ein auf mancherlei Lebens- und Reisestationen entstandenes »Wanderbuch,« in welchem nur wenige Seiten beschrieben wurden. Es trage von jetzt an diesen Titel, der um so passender ist, als nicht nur ein Teil, sondern das Ganze meines dichterischen Schaffens ein fragmentarisches genannt werden muß. Das Poem »Der gefallene Engel«, dessen größeren Teil ich seiner vielen Gebrechen halber der Veröffentlichung vorenthalte, möchte ich als mein Schmerzens-und dennoch Lieblingskind bezeichnen. Ich kenne keinen der Begeisterung, der philosophischen Vertiefung eines Dichters würdigeren Stoff, und ich würde ihn heute noch neu zu gestalten suchen, wenn ich mir der dazu nötigen Geisteskraft bewußt wäre. Die Improvisation »Kaiser Maximilian«, hin und wieder als politisches Credo gedeutet, war der vulkanische Ausbruch innigster Teilnahme an einem tragischen Schicksal. Was zu sehr in das Gebiet subjektiver Auffassungen hinüberstreift, das hat die Zeit in meiner Brust ausgelöscht. Als einfache Nänie auf eine edle Natur hat sich das Gedicht Freunde erworben. Dem Dichter so wenig als dem Philosophen darf die Moral über die Wahrheit gehen. Und die keck auftretende Sinnlichkeit ist nicht so häßlich wie der lüsterne Platonismus ergrauter Anakreons, wie das hysterische Gebahren berühmter Sibyllen. Dieses in Beziehung auf den »Dämonenwalzer«. In seinen lebhaften Takten wird man den Grundton aller Faustiaden wiederfinden. Ich habe meiner nun neugedruckt vorliegenden Generalbeichte einige »herbstliche Blätter« eingereiht, in freilich zu kärglicher Anzahl, als daß ich mein dem wohlwollenden Leser zugerufenes »te Caesarem moriturus saluto« zurücknehmen könnte. Kein Prunken mit Belesenheit (für welche solidere Belege beigebracht werden müßten) veranlaßte mich zu den häufigen Citaten. Es sind Grüße aus der Ferne und aus geistiger Abgeschiedenheit: als Zeichen der Verehrung und Bewunderung an Lebende und Tote gerichtet. Unsere Muttersprache ist nicht, wie Geibel meinte und wie es schon lange vor ihm zur landläufigen Redensart geworden war, die »reinste aller Zungen«, (selbst Schopenhauer sagte: »die Sprache ist der einzige entschiedene Vorzug, den die Deutschen vor andern Nationen haben«) sondern eine der unreinsten und dabei, leider, eine sehr arme. Am auffallendsten wird, wenn man sich nicht auf dem unabsehbaren Gebiete der Trivialität bewegt, die Dürftigkeit unsers Idioms an Reimen. Es wäre schon deshalb zu wünschen, daß von gereimten poetischen Ergüssen nur der kleinste Teil im Druck erschiene. Selbst dann werden ermüdende Wiederholungen und sonstige Mißlichkeiten nicht ganz zu vermeiden sein. Für das, was ich mir von unserer Schriftsprache anzueignen vermochte, ist die Tropenwildnis meine Lehrerin gewesen. All mein Wissen und Können ist oberflächlich – vielleicht aber nicht ganz mein Können. Ein wohl nicht unnützer Wink für jene gestrenge Stuben-Pädagogik, die jede Leistung nach akademischen Schablonen beurteilt. Den Klassikern die schuldige Pietät! Doch nicht in kanonischen Verordnungen suche der Dichter der Gegenwart die Quellen seiner Verjüngung; nicht in toten Gewässern vollziehe sich seine Jordans-Taufe. Immer weitere Horizonte enthüllen sich dem innern Auge eines Dichters und Propheten. Was liegt an dem Beifall eines kindischen, an der Geringschätzung eines bethörten Publikums? Mit Recht behauptet Charles Baudelaire: »Tout homme bien portant peut se passer de manger pendant deux jours, de poésie – jamais!« Dieses ist ein Thema, welchem ich als Kosmopolit feurige Worte verleihen möchte. Zündende Worte, wie sie mir nicht zu Gebote stehen, und die zu tausend Modulationen begeistern würden, Jene begeistern, deren Bestimmung es ist, unter der Wucht ihrer Gedanken für die Schlummernden wach zu bleiben. Die Dichtkunst ist eine lange Liebe, und alle Liebe ist Mitleid. Sie freut sich der Erwiderung, aber sie bedarf ihrer nicht. Das Wesen der Poesie gemahnt an das oft »stumm und regungslos in sich verschlossene«, oft »laut aufjauchzende Meer«. Ich kann dem Gelüste nicht wiederstehen, sie hier mit Lenaus prachtvoller »Sturmesmythe« zu feiern: »Plötzlich auf am Horizonte tauchen Dunkle Wolken, die herüberhauchen, Schwer, in stürmischer Beklommenheit; Eilig kommen sie heraufgefahren, Haben sich in angstverworrnen Scharen Um die stumme Schläferin gereiht. Und sie neigen sich herab und fragen: ›Lebst du noch?‹ in lauten Donnerklagen, Und sie weinen aus ihr banges Weh; Zitternd leuchten sie mit scheuem Grauen Nieder auf das stille Bett und schauen, Ob die alte Mutter tot, die See. Nein, sie lebt, sie lebt! Der Töchter Kummer Hat sie aufgestört aus ihrem Schlummer, Und sie springt vom Lager hoch empor; Mutter – Kinder – jauchzend sich umschlingen, Und sie tanzen freudenwild und singen Ihrer Lieb' ein Lied im Sturmeschor.« Die Weltlitteratur hat nichts aufzuweisen, was ich lieber geschrieben haben möchte als diese Strophen. Ich glaube an den Fortschritt der Menschheit. Traditionen und Formeln überwindend treibt die große Führerin Vernunft jeden freien Weltbürger in neue Bahnen. Und willig beugt sich die trotzige Selbstbejahung vor der alles besänftigenden Kunst. Glückliche Tage dürfen wir nicht beanspruchen, nur glückliche Stunden und Bruchteile von Stunden. Harmonisch läßt sich kein Menschenleben gestalten; aber es gibt Melodien, die Enthusiasmus erwecken und süße Thränen in unsere Augen locken oder unsern Trübsinn in holde Träume wiegen. Musik, Malerei und Plastik haben ihr Schönstes schon gebracht; die Poesie, insofern sie als musikalische Sprache nur mit ihrer Innerlichkeit kalte Lettern beleben und Steine bewegen will – diese Poesie hat ihre Kraft noch nicht verzehrt. Und einer so gütigen Freundin sollte niemand sich ganz entfremden. Sicher indessen ist das Eine: Bevor in Deutschland ein neuer Orpheus geboren wird, muß eine frische Seebrise die schwüle Atmosphäre unserer Hör- und Theatersäle gesäubert, die Goethe-, Schiller-, Sheakspearelitteratur entwurzelt, dem Papierschnitzel-Kultus und namentlich dem Gefühlsschwindel läppischer Minne ein Ende gemacht haben. Wie sehr wäre hier das »risum teneatis amici?« am Platze! Doch – vorüber, vorüber! Komme was da wolle: ich glaube an den Fortschritt der Menschheit. Es ist keine leere Floskel, dieses »komme was da wolle.« Denn seht! die Wolken färben sich immer dunkler, und immer höher steigt die Flut. Meine Religion ist die des Erbarmens; aber ihrer Jünger sind nicht viele, und ich fürchte, ich fürchte, daß in jenen nicht mehr fernen Tagen, wo tausendjährige Irrtümer zu beseitigen sein werden, erst nach blutigen Katastrophen, heraufbeschworen durch die seit Jahrtausenden an den Armen, Schwachen und Unwissenden begangenen Verbrechen, erst nach unerhörten Ereignissen die civilisatorische Strömung sich unaufhaltsam über den Erdball ergießen und neue Gefilde befruchten wird. Ich besiegle mein Dichten und Denken mit dieser trüben Prophezeiung! Geschrieben im Jahre 1878. D. Motto Poesie, du holder Jugendtraum! Laß mich nun auf immer dir entsagen, Da so herbe Früchte nur getragen Mein vom Sturm zerzauster Lebensbaum, Daß mein Herz so wund, Daß der bleiche Mund Nicht mehr jauchzen kann und nicht mehr klagen. Wanderbuch »Qui t'a fait ce que tu es, Everard? – C'est cette fantaisie de rêver le soir. – Qui t'a donné le courage de vivre jusqu'ici dans le travail et dans la douleur? – C'est l'enthousiasme.« »I stood Among them, but not of them, in a shroud Of thoughts which were not their thoughts.« (Childe Harold.) 1. Captain Trelawney »Exilium vita est.« Ein Kind, des Geistes Schwingen kaum entfaltend, Las ich von Thaten, kühnen, wunderbaren, Von Abenteuern, märchenhaft gestaltend Das Leben eines Dichters und Korsaren. Dein Buch, Trelawney, war's, das thränennasse, Wie du's aus Indiens Meeren heimgetragen, Um es in tiefem und gerechtem Hasse Eitlen Pygmäen ins Gesicht zu schlagen. Kamst du auch wieder mit gesenkter Lanze, Sie standen da, bezwungen und geblendet Von deiner Kriegstrophäen Zauberglanze, Die sich von dir, dem Jüngling, abgewendet, Und wußten nicht, wie tapfer du gestritten, Verfolgt von niemals rastenden Gedanken, Und daß du tausendfachen Tod erlitten In deiner eignen Brust, der liebeskranken. Ein junger Greis, von deiner Väter Scholle, An Hoffnung arm, reich an Erinnerungen, Griffst du hinein ins Herz, das übervolle, Und hast der Freiheit Hohelied gesungen. Gewalt'ger Mann! Mein Held und mein Erretter! Was du geliebt, verloren und gefeiert, Das drang zu mir heran wie Frühlingswetter, Wie Sonnenschein, von Pulverdampf umschleiert. O Kriegsfanfaren! Ruf aus fernen Zonen! O kühnes Träumen, knabenhaftes Sinnen! War ich bestimmt, im Donner der Kanonen Wie du, Trelawney, Lorbeern zu gewinnen? Nein! Doch in meiner Jugend Phantasien, Aus Wunden blutend, die ich heiß erflehte, Lag ich vor jenem Banner auf den Knien, Das einst von sturmgepeitschten Masten wehte. Wohl! Was ich suchte: Stürme, Abenteuer, Das hat das Schicksal reichlich mir gespendet; Nun steh' ich müde am zerbrochnen Steuer, Und noch ist meine Reise nicht vollendet. Doch sieh! Mein Schwert blieb müßig in der Scheide, Kein Feind bedrohte mich mit blanken Waffen, Ich kämpfte nur mit meinem innern Leide Und mit Phantomen, die ich selbst erschaffen. So ward ich überholt von kühnern Schiffern; Sie fuhren rasch vorbei zum sichern Ziele, Wenn ich im Traume rang mit goldnen Ziffern, Verstrickt in meines Herzens Trauerspiele. Ach, bald verzagt auf sinkender Galeere Und bald berauscht von himmlischen Accorden, So trieb ich hin und her auf hohem Meere Und bin kein Dichter, kein Korsar geworden. Was liegt daran? Ich muß, wie tausend andre, Mein Brot erringen in des Sommers Schwüle, Nur daß ich rastlos strebe, rastlos wandre, Nur daß ich alle Schmerzen doppelt fühle. Nur daß der Heros meiner jungen Tage Der Bahn des Pilgers keinen Grenzstein setzte, Wenn auch der Panzer, den ich willig trage, Mir oft die Brust mit blut'gem Schweiße netzte. Rauh ist der Lebenspfad, den ich betreten; Als freier Mann ein Sklave heil'ger Pflichten, Kann ich die wilde Sehnsucht des Poeten In Schranken halten, aber nie vernichten. Ein Buch, Trelawney, fiel aus deinen Händen, 1 Ich les' es noch mit Stolz und mit Entzücken; Ich bin nicht du – doch wenn wir je uns fänden, Du würdest mir bewegt die Hände drücken. (1856.) Fußnoten 1 Adventures of a younger son, by Trelawney. 2. Die Fischerhütte »Das Meer der Jugend, wogend und hoffnungsreich, Wie lacht' es einst dir, brandend in Wonnesturm! Nun kannst du still am Strande gehen, Muscheln und Trümmer im Sande suchend.« (Julius Große.) Ich grüße dich, verlass'nes Fischerhaus! Wie oft von deiner meerbespülten Schwelle Blickt ich verlangend in die Nacht hinaus, Die tropenwarme, sternenhelle! Nun ist es wieder, wie es damals war, Noch funkeln goldne Thränen dort im Sande, Ein ew'ger Sommer waltet noch im Lande, Und nur mein Herz ist aller Freude bar. Doch damals – ob ich wachte oder schlief, Nie war ich so verwaist, so ganz allein, Denn ferne Liebe stillte meine Pein, Und jeden Monat kam ein Brief – ein Brief. Wohl hundertmal, beim Rauschen der See, Las ich und las, um jedes Wort zu deuten; Ich teilte Freude und Weh Mit den armen Fischersleuten; Ich ging umher auf dem sandigen Plan, Bis der Gestirne Glanz erblich, Und der gewaltige Ocean Weinte um sie und um mich. Doch nun, ihr leuchtenden Dünen, Was soll der Wellen Gesang? Nordische Brandung verschlang Den Myrtenzweig mir, den grünen. Sie lebt – nur ihr Herz ist umnachtet, Ich lebe – arm und verachtet; Ewig dahin ist die Jugendlust. Wo find' ich Trost? Ich kenne keinen, keinen Hier oder dort – auch nicht an Freundesbrust Möcht' ich über mein Elend weinen; Kenne mich selbst nicht mehr, Vergessen bin ich, veraltet, Und Lava, halb erkaltet, Roll' ich im Busen hin und her, Nach einsam verträumter Jugendzeit, Wie ein Vulkan, der nicht mehr Feuer speit. O meine süße Dame! Was bist du mir? Ein stets geliebter Name. Was bin ich dir? Ein Vorwurf. Doch gesetzt, Wir würden noch Papier und Feder brauchen, Um schmerzliche Gefühle auszuhauchen, Wie anders – anders schrieben wir uns jetzt! 3. Ein Blatt aus der Knabenzeit Ich möchte schlafen gehn Dort auf den grünen Matten; Dort, wo die Tannen stehn, Möcht' ich in ihrem Schatten, Befreit von Herzensqual, Zum letztenmal Die blauen Wolken sehn Und ewig schlafen gehn. O langersehnte Lust, Die Menschen zu vergessen Und diese heiße Brust In feuchten Tau zu pressen! Kein Laut im weiten Raum – Ein letzter Traum – Und alles ist geschehn. So möcht' ich schlafen gehn. Ich habe lang' gewacht, Von süßer Hoffnung trunken, Nun ist in Todesnacht Der Liebe Stern versunken. Fahr' wohl, o Himmelslicht! Ich klage nicht – Doch wo die Tannen stehn, Da möcht' ich schlafen gehn. (1841.) 4. Alea jacta est (An Helena.) Nun liegt das Meer zu meinen Füßen, Das morgen mich von dannen trägt; Doch auf den Trost, den einzig süßen, Bei dem mein Herz noch hoffend schlägt: Laß mich auf deine Freundschaft bauen. Ich will mit trauervollem Blick, Noch einmal, einmal rückwärts schauen Und dann erfüllen mein Geschick. Ich habe viel um dich gelitten, Mehr als du je geglaubt, geahnt; Nun ist ein heißer Sieg erstritten, Ein neuer Kampfplatz angebahnt. Doch wie ein Kind mit bangen Fragen Sich schmeichelnd an die Mutter schmiegt, Möcht' ich dir alles, alles sagen, Was schwer mir auf der Seele liegt. Wie sich am Fels die Wellen brechen, Zersplittert all mein Hoffen sich, Ich soll nicht Treue dir versprechen, Und immer denk' ich nur an dich; Zur Rettung oder zum Verderben Spült morgen mich das Weltmeer fort – Hinaus, hinaus! Um nicht zu sterben, Geliebte! dies mein Abschiedswort. – (Dezember 1843.) 5. Spleen Die Welt ist groß – ich weiß es zur Genüge, Ich habe sie durchschritten und durchschwommen; Die Welt ist klein – ich bin zurückgekommen Und lache meiner Argonautenzüge. Vergebens griff ich nach dem goldnen Vließ, Mir hat bis jetzt kein Lorbeer grünen wollen, Und kindisch schien es mir zu grollen, Als auch die Liebe mich verließ. Langweilig aber fand ich's überall Trotz heitrer Frauen, schäumender Pokale, Und fragen darf ich ohne Wörterschwall: Wo waren meines Herzens Ideale? Mir ging es, wie es stets zu gehen pflegt, Wenn Edles, Wahres sich in mir geregt, Dann haben meine werten Zeitgenossen Mir gleich aufs Herz geschossen; Stets ward, was Ehrenhaftes mir passiert, Von meinen Gönnern vornehm ignoriert, Und wenn mich Ehrgeiz, Thatendurst gepeinigt, Dann haben gute Freunde mich gesteinigt. O große Welt voll kleiner Leidenschaften, O kleine Welt voll großer Eitelkeit, Mit welchem Aerger sah ich weit und breit Den gleichen Staub an unsern Sohlen haften! Den Neid, den Wankelmut, die Heuchelei, Den Eigendünkel, der, auf nichts begründet, Bei jedem Druck phosphorisch sich entzündet, Den Götzendienst, die Kriecherei. Das Schicksal gab mir stete Fingerzeige: Die Menschheit ist nicht schlecht – nur schwach und feige; Es brüstet sich und stößt vergnügt ins Horn, Wer sich gesichert glaubt auf grünem Zweige, Und doch – zur Trauer ward zuletzt mein Zorn, Denn leider bin auch ich vom gleichen Teige, Weiß selbst nicht, was ich möchte oder kann; Verfehlter Zweck, verkümmerter Genuß, Das war der Anfang, Schwäche, Ueberdruß Wird wohl das Ende sein, – doch wann? Noch war ich niemals recht in meinem Gleise; Ein jeder denkt und fühlt nach seiner Weise, Und manchem, dem gleich mir die Arme sanken, Hat Selbstbedauern alle Schuld verziehn. Ich möchte meinen Gedanken, Nüchternen, bösen Gedanken, Ewig, ewig entfliehn. 6. An Helena (Bei Zueignung eines größern Gedichtes.) »Say that thou loath'st me not – that I do bear This punishment for both – that thou wilt be One of the blessed – and that I shall die.« (Manfred.) Es steht ein Pilgersmann am öden Strande Und blickt sehnsüchtig übers weite Meer; Träumt auch sein Herz vom fernen Vaterlande, Sein Herz ist hoffnungsleer. Er hat geliebt – wie konnt' es anders sein? Er hat geglaubt – will einer ihn verdammen? Er hat verzagt – der Himmel stand in Flammen, Er ist entflohn – er lebt und stirbt allein. Helena! Wie die Wolken dort zerfließen, So starb der Hoffnung letzter Wahn dahin; Willst du mich noch in deine Arme schließen, Gealtert wie ich bin? O, für die Qual, die ich geduldig trug, Soll ich dir jetzt ein blödes Lächeln zeigen? Ein einz'ges Wort nach jahrelangem Schweigen, Ein einz'ger Gruß – es ist genug, genug. Ich frage nicht, ob du mir treu geblieben; Ich kann wohl zweifeln, doch ich zürne nicht; Denn bist du elend, werd' ich ewig lieben Dein trauernd Angesicht; Und bist du glücklich – darf ich freudig nur In diese Wälder mein Geheimnis bannen. Du aber schlafe unter grünen Tannen, Huldvoll verzeihend den gebrochnen Schwur. Tochter der Sterne! Holde, totenbleiche, Vergönne mir ein einz'ges, letztes Wort: Für unser kurzes Glück, das schmerzenreiche, Gedenke meiner dort! Wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehn? Ich will mich nicht an Engelsthränen laben; In diesen Blättern ist mein Herz begraben; Helena! Du allein wirst mich verstehn. (1851.) 7. Der gefallene Engel (Bruchstücke aus einem Jugendepos.) »Da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten.« (Genesis.) »If I die first, dear love, My mournful soul, made free, Shall sit at heavens high portal, To wait and watch for thee – To wait and watch for thee, love, And through the deep, dark space To peer, with human longings, For thy radiant face.« (Charles Mackay.) – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – »Ich lebe! – Herr des Himmels und der Erde, Die Stürme meiner Seele sind verflogen; Du hast die Vaterhand mir nicht entzogen, Daß sie verflucht von deinem Kinde werde. Hier sah ich eine neue Welt erblühen, Als ich aus Todesschlummer aufgewacht; Der du für mich dein schönstes Werk erdacht, Ich danke dir mit dieser Thräne Glühen. Ich lebe! – O der Wonne sondergleichen, Mein Angstruf ist ans Mutterherz gedrungen; Es träumte mir von fernen Himmelreichen, Da hielt die Erde liebend mich umschlungen. Ich weiß nur, was ich bin und was ich war; Doch ist es mir, als müßt' es ewig tagen; Der Frühling grünt, der Himmel ist so klar. Ich will nicht traurig sein, ich darf nicht zagen, Ich kann nur hoffen, denn ich lebe, lebe, Die Sterne wissen's und die Engel alle, Ob ich zum Schöpfer meinen Blick erhebe, Ob ich zu seiner Tochter Füßen falle: Sie ahnen eine neue Seligkeit, Und fürchten sie das Wort, das ich verkündigt, Ich freue mich der schönen Jugendzeit Und rufe stolz: Ich habe nicht gesündigt. O Morgenhauch, sei tausendmal willkommen! Ihr Wälder, Berge – mein gepriesen Thal, Hast du getrauert, als zum erstenmal Der Liebe Offenbarung du vernommen? Das war ein Rauschen in den grünen Zweigen! Die Blumen schämten sich der Thränenspur, Ein Hosianna ging durch die Natur, Als wollte Gott von seinem Throne steigen. So ist's geschehen und so sei's fortan: Dein schönstes Werk, Jehovah, ist vollendet, Seit du von mir dich zürnend abgewendet, Verdammend, was mein liebend Herz gethan; Und doch – von der Geliebten Angesicht Strahlt deiner eignen Gottheit Majestät. Ich weiß es, zur Versöhnung ist's zu spät, Doch mich vergessen, sprich, kannst du es nicht? Laß ewig über dem die Sonne leuchten, Der fern von deiner Engel Legionen Nur eines will: In diesem Thale wohnen, Der Erde zugewandt, der thränenfeuchten. Von Dankesthränen ist mein Auge naß Hier, wo des Lenzes Zauber mich durchbeben; O Herr! in diesem Paradiese laß, In diesem Glücke laß mich leben – leben!« »An deinem Lager will ich Wache halten, Mein Söhnchen, Erstling unsers heil'gen Bundes, Denn mich beschämt der Mutter stilles Walten. Jetzt schützt dich noch der Atem ihres Mundes; Einst aber, wenn die rechte Zeit erschienen, Wirst du, als deines Vaters Ebenbild, Ins Leben greifen, trotzig, stürmisch wild, Und deines Herzens eignem Gotte dienen. Sei er alsdann, mein Kind, dem Engel gleich, In dessen Nähe meine Stürme schwiegen, Vor dem sich willig meine Kniee biegen, Hülflos wie er und nur an Liebe reich! Sohn unsrer Liebe, werde groß und stark Und sauge Wahrheit ein mit allen Poren! Sie ward in dir erzeugt, mit dir geboren, Und dringe bis in deines Herzens Mark. Wie ich mit Stolz auf dich herniederblicke, O süßer Knabe, und mit Thränen nur Der Mutter danken kann, so sei ein Schwur Der Hort für deine künftigen Geschicke, Der Schwur, dich zu beschützen, zu begleiten, Dir nah zu sein, im Schlafe wie im Wachen, Und eines neuen Glaubens Herrlichkeiten In deiner reinen Seele anzufachen.« (Nach dem Tode seines Weibes und seines Kindes.) – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Im Wind verhallt der Ohnmacht sterbend Wort, Die Wälder wiegen sich im Sternenlicht, Die Berge wanken nicht und stürzen nicht, Die Wasser rauschen freudig fort und fort. Die Zeit verrinnt in der Verzweiflung Ringen; Das Jenseits droht mit seinen Finsternissen – Wird der Gefall'ne nun sein Werk vollbringen? Sieht er sich um nach einem Sterbekissen? Daß er umsonst geflucht und hoffnungslos Den angeklagt, den er nicht hassen kann, Daß in der Erde mütterlichem Schoß Der Augen Wasser ihm zu Blut gerann – Ach! er erkennt es und zusammenraffend Die letzte Kraft gesteht er sein Verderben Und ruft, ein neues Elend sich erschaffend: »Verachte meinen Zorn – ich kann nur sterben.« »Ich kann nur sterben!« – Und er stürzt dahin, Sich selbst verdammend, ein zerbrechlich Rohr. Da beugt sich rasch ein Schatten über ihn, Und eine Stimme lispelt ihm ins Ohr: »Verlass'ner, den ich hier zum zweitenmal Die heiße Stirn im Staube bergend finde, Was ängstigt sich dein Herz, das schwache, blinde, Jetzt, da vorbei der Liebe Höllenqual, Der Liebe, der im friedlichen Genusse Nur Menschenkinder sich erfreuen dürfen, Die Engel lockt mit ihrem Feuerkusse, Daß sie die Sehnsucht ihr vom Munde schlürfen? Dein Lieben war ein schwüler Sommertraum; Du hast der Knechtschaft Fesseln gern getragen, Du sprachst von Kämpfen, Dulden und Entsagen Und trankst den Kelch bis auf den letzten Schaum – Es zog dich hin mit stürmischer Gewalt Zu ihren Füßen – hast du je erwogen, Daß sie um deine Seele dich betrogen, Daß ihre Liebe nur dem Engel galt? Daß ihren Durst nach ewig grünen Lenzen Das Höchste nur zu sättigen vermochte, Daß ihrer Eigenliebe ohne Grenzen Sie deines Herzens Sehnsucht unterjochte? Nein, deine Augen reichten nicht so weit! Du suchtest Unschuld in erschlafften Zügen Und knietest, um dein eignes Selbst zu trügen, Ein Engel – vor des Weibes Eitelkeit! Wie Eva, die dem Dasein kaum Geschenkte, Bethört von meines Mundes Schmeichelworten, Die feilen, schuldbewußten Blicke senkte, Du sahst es an des Paradieses Pforten; Doch die dein Sein beglückte und entzückte, Trug ihre Schande frohen Angesichts. So lerne heut verachten, Sohn des Lichts, Was sich mit deines Geistes Strahlen schmückte, Und zu der Wollust Spielen und Genüssen Erhebe dich und laß die Trauer fahren. Doch willst du deine Gottheit dir bewahren, Dann küsse nicht – laß dich von Weibern küssen! Und wo du sonst gefleht, da herrsche du! Doch wenn die Schönsten, Reinsten sich entschleiern, Dann decke, deinen ersten Sieg zu feiern, Mit ihren Leibern diese Leiche zu. – Ich bin der Erde Fürst und möcht' in Liebe Mein Reich mit einem Kampfgenossen teilen, Der ewig, ewig mir zur Seite bliebe, Gewaffnet mit der Rache Donnerkeilen, Und dennoch Krone mir und Scepter gönnte, Von mir des Lebens Weihe erst empfinge, Mit mir vertrauensvoll zum Ziele ginge, Daß ich ihn Sohn und Bruder nennen könnte. Du darfst nur wollen, und es ist gethan; Träume des Glücks, sie kehren alle wieder: Nur einmal, einmal falle vor mir nieder, Nur einmal, einmal bete du mich an!« Und lautlos ward's, als der Versucher schwieg. Ein Todesseufzer ging durch die Natur, Als fiele einer einz'gen Antwort nur Ihr Los anheim: Verderben oder Sieg. Des Feindes Rede hat der Wind entführt – Da brechen leise alle Knospen auf, Die Ströme halten ein in ihrem Lauf, Die Wälder starren, wie vom Blitz gerührt; Doch der des Schöpfers Vaterherz verkannt, Und sich verlassen fühlt im eignen Reiche, Steht atemlos, er selber eine Leiche, Auf fremden Schmerz den toten Blick gebannt. Da hat der Engel langsam sich gewendet, Und hörbar kaum, bei seines Herzens Pochen, Erwidert er: »Mein Wille ist gebrochen, Mein Mut dahin und meine Bahn vollendet. Von meinen Thränen ist die Erde satt, Die Lüfte schwellen an von meinen Klagen; Du aber sprichst zu mir von andern Tagen. O wärst du elend, krank und todesmatt, Dann würd' ich nicht mit meinem Schicksal ringen, Dann würd' ich willig dir zu Füßen fallen, Dann würd' ich dieses Herzens letztes Wallen Dir, meinem Bruder, gern zum Opfer bringen! O wer mit mir der Liebe Qualen priese! Laß andre Hände deine Blumen brechen, Ich bin zu stolz, mir selber Hohn zu sprechen. Ich will nur eine, will nur diese – diese.« O Schwur der Treue, süßer Lobgesang! Mit Zittern hat die Erde ihn belauscht; Doch als des Engels keusches Wort erklang, Wie war sie da beseligt und berauscht! Wie, von der Wolken Freudenthränen reich, Die Ströme jetzt durch üpp'ge Fluren schießen, Und wie erschrocken und erfrischt zugleich Die Blumen eilig ihre Knospen schließen! So ist noch nie in des Gewitters Toben Die Welt aus ihrem Schlummer aufgewacht; So hat noch nie in finstrer Mitternacht Der Geist der Wildnis jubelnd sich erhoben; So lechzten nach des Meeres kühlen Tiefen Die Blitze nie, des Himmels Flammenzungen; So freudig hat, wenn Engelsstimmen riefen, Noch nie ein Menschenherz sich aufgeschwungen, Und weinte, wenn die Hölle heute siegte, Die Erde so die eigne Sehnsucht aus, Daß selbst der Ocean im Sturmgebraus Sich schmeichelnd an die goldnen Sterne schmiegte. O Zauberwort unwandelbarer Treue! Von hinnen floh der Fürst der Finsternis. Gefallner, deine Rettung ist gewiß, Und nun beginnt der Liebe Reich aufs neue: Denn todesmutig lächelt ihr Prophet; In seinem Busen wird es wieder Friede, Die Engel lauschen seinem Schwanenliede, Und der Allgüt'ge segnet sein Gebet. »Mein süßes Lieb! Wenn eine neue Welt Strahlend in Sommersglut sich dir erschloß; Einsamer Stern am dunkeln Himmelszelt, Der seinen Glanz in meine Seele goß, Wenn unsre Herzen, die der Tod geschreckt, Sich noch verstehn, wie sie sich einst verstanden, So will ich jetzt, erlöst von allen Banden, Der Nacht mich freun, die trauernd dich bedeckt. O Mutter Erde! Wilde Todeslust Durchlodert mich – einst war dein Kuß belebend; Jetzt ist's zu spät – und dennoch hauch' ich bebend Mein Lebewohl in deine treue Brust. Mein süßes Lieb! Hörst du das wilde Meer? Sein Schaum hat schüchtern deine Hand benetzt; Er flieht zurück, er steigt empor, entsetzt, Und schwingt sich an das düstre Wolkenheer; Doch mir bringt diese zweite Totenfeier Des Sieges Sicherheit; mein Blick ist freier. Der Traum war grausam, das Erwachen mild. Noch einmal wird's im fernen Osten grauen, Die Sonne wird noch einmal niederschauen Auf dich, du mein entschlafnes Marmorbild; Und wenn zum Staube dann der Staub sich wendet, Ein Glück stirbt nicht dahin, das du gespendet; Nur leiser Morgenschlummer wiegt dich ein, Bis wir uns wieder in die Arme sinken, Bis wir des Himmels reinsten Aether trinken, Geliebte! Dann auf ewig bist du mein.« »Und immer weiter fliehn des Geistes Schatten; Mir ist vergönnt, das Höchste zu erreichen Und in dem Moder unsrer Menschenleichen Des Herzens letzte Zweifel zu bestatten; Der Keim der Liebe, der so lange schlief, Die Erde hat aufs neue ihn empfangen, Und ihre Söhne lauschen mit Verlangen Der Stimme, die mich aus den Wolken rief. Wohl wird die Menschheit ihrem Schöpfer grollen Und dem entsagend, was er einst verhieß, Den Gram um das verlorne Paradies Der Sünde Rausch zum Opfer bringen wollen. Ich seh' Jehovahs Antlitz zornentbrannt, Wenn Engel straucheln, Menschen sich empören, In Liebesübermut sich selbst zerstören, Nach Wonne lechzend, die nur ich gekannt. Ha, dann verflucht er, was er selbst ersonnen, Und was, der jungen Schöpfung sich vereinend, Des Vaters Liebe fliehend und verneinend, Sich in der Wollust Netzen festgesponnen! So soll denn keine Hoffnung übrig bleiben? Verderben wuchert aus der Erde Schoß; Ich sehe Evas Kinder heimatlos, Die Hände ringend, auf den Wassern treiben. Und wieder seh' ich in der Wüste Sande, Vom Tod bedroht, des Glaubens Allmacht siegen, Ein neues Volk, getrennt vom Vaterlande, Verschmachtend, trostlos auf den Knieen liegen, Und einen nur, den keine Furcht erreicht, Das greise Haupt zu seinem Schöpfer wenden Und aus dem Felsen, den die Sonne bleicht, Den durst'gen Zweiflern frische Labung spenden. O, daß der Dank, der jetzt zum Himmel wallt, Mit Flammenzügen in mein Herz sich schriebe! Das ist Erkenntnis, aber keine Liebe, Was jubelnd durch die graue Wüste schallt! – Und weilst du dort, wo Todeswunden klaffen, Dort, im Gedränge wilder Kriegerhorden, Du, dessen Hauch das Paradies erschaffen, Jehovah, du, durch den es Tag geworden? Doch stille! – Wandelt nicht durch grüne Auen Ein schöner Jüngling, im Gebet versunken, Mit lichter Stirn, das Auge liebetrunken, Zum Tod betrübt, in himmlischem Vertrauen? Er spricht – und mit Erstaunen hört's die Erde: Sein Wort ist Manna, das die Armen speist, Sein Wort ist Liebe, die den Vater preist, Damit auch ich von ihm getröstet werde. O bleibe länger! – Laß auf deinem Pfade Zum Werke der Versöhnung uns verbünden; Ich komme zaghaft – groß sind meine Sünden; Doch fließt von deinen Lippen seine Gnade. Nacht ist es rings – erloschen sind die Sterne; Sie gingen schlafen, einer nach dem andern. Jesus von Nazareth, wie gerne, gerne Möcht' ich an deiner Seite weiterwandern! Zwar bist du Fleisch wie ich – und bittrer Hohn Wird uns begleiten, denn vom Licht geblendet Hast du begonnen, was nur Er vollendet, Und vaterlos wähnst du dich Gottes Sohn. Hast du nach dem gestrebt, was ich gefunden? Hast du gekannt, was mich zur Erde rief? Der Gottheit Wehe – ich empfand es tief – Antworte denn: Hast du es auch empfunden? Nein, du warst Fleisch und Blut, und dein Verlangen Blieb ewig ungestillt – und doch – und doch Sprichst du von Liebe, lächelst, hoffest noch – – O Schmerzensheld, wo bist du hingegangen? Dort ruhn sie alle, süßen Schlafes voll, Die dich geliebt, und deine Lippen flehen: ›Mein Vater, laß den Kelch vorübergehen; Doch trink' ich ihn, wenn ich ihn trinken soll.‹ – Vergeblich Flehn! Verzweiflung im Gehirne, Möcht' vor dem Schöpfer ich mein Antlitz bergen: Da drücken sie, Jehovahs feige Schergen, Den Dornenkranz auf deine bleiche Stirne. – Ha, laß an deiner Statt den Schuld'gen büßen, Heiland der Welt, es ist zu viel der Schande! Doch weh, sie kommen, legen mich in Bande Und schleudern mich zu deinen blut'gen Füßen – Da hängt dein Leib, ans schnöde Holz geschlagen, Und dennoch blickst verzeihend du empor Und schenkst den Schächern ein geduldig Ohr, Die neben dir das Ungeheure tragen! O Qualen, wie nur einer sie ersann, Daß sie nicht mich, nicht mich allein getroffen! Dulder der Liebe, laß mich, laß mich hoffen, Daß ich wie du am Kreuze sterben kann. Es ist zu spät – Erbarmen heiß' ich Lüge – Willst du auf mich dein brechend Auge richten? In deinem Antlitz seh' ich ihre Züge, In deinen Schmerzen meine eignen Pflichten. Der Himmel bebt – die Erde ist geborsten – Erlöser, Dank! Das ist die letzte Stunde; Das Feuer lodert durch die düstern Forsten, Und zu den Sternen flammt die frohe Kunde: Dein Leiden brach der Elemente Joch, Mein ist der Sieg – die Hölle ist bezwungen. Drei edle Leichen sind im Tod verschlungen; O sprich, Geliebte – schläfst du, schläfst du noch?« Vorüber ist die Nacht mit ihren Schrecken, Durch schwarze Wolken bricht das Morgenrot, Und es vermählt des Engels Liebesnot Sich mit den Flammen, die den Himmel lecken; Aus dürren Zweigen hat mit rascher Hand Er der Geliebten Grabmal aufgebaut, Sein letztes Werk mit Lächeln angeschaut Und es vollendet mit dem Feuerbrand. Schon war, bevor der Holzstoß aufgeschichtet, Für sie ein weiches Lager hergerichtet; Die einst wie Frühlingsodem ihn entzückt Und die der Herbst von seiner Brust gerissen Ruht mit des Waldes schönstem Flor geschmückt, Dem taubeschwerten, jetzt auf Blumenkissen. O, da ergreift ihn neuer Todesmut; Er hebt empor die Stirn, die faltenreiche, Drückt ans verwaiste Herz die holde Leiche Und legt sie schweigend mitten auf die Glut. Doch mit des Menschendaseins Zauberstunden Ist nun auch seine Frist dahingeschwunden, Und Beider Asche soll der Wind verwehn. Die Martern, die ihn rings bedrohn, verachtend, Sein stilles Thal zum letztenmal betrachtend, So seh' ich ihn an ihrer Seite stehn. Und wie die stolzen Lippen sich bewegen, Dringt's durch die Seele mir wie Jubeltöne: »Jehovah, freudig komm' ich dir entgegen!« So ruft er aus, strahlend in Jugendschöne; »Bist du der Zürner noch, den ich verlassen, Der Todfeind, der nach meinem Blute dürstet? Magst du mich heute lieben oder hassen, Ich bin wie du gewaffnet und gefürstet; Doch öffnest du mir deine Vaterarme, Wohlan, so will ich kommen und vergessen Und an dies Herz, das ewig lebenswarme, Vor deinem Antlitz meine Gattin pressen. Und willst du's nicht, muß ich die Fackel schwingen, Denn sieh, ich liebe, leide für Millionen! Und darf ich nicht an deiner Seite thronen, Muß ich's allein erkämpfen und vollbringen. Adah, mein süßes Weib, du oft Genannte, Du einst Verlorne, laß dir's heute sagen: Ich liebe dich – mehr, als in jenen Tagen, Ich liebe dich – mehr als ich's je bekannte; Stumm war mein Mund und frostig war mein Küssen; Denn zu gewaltig war der innre Drang. Doch daß dein erster Blick mein Herz verschlang, Jenseits des Todes wirst du's glauben müssen. Und wenn ein Engel jetzt herniederführe, An diese Jammerstätte mich zu ketten, Du würdest dennoch meine Seele retten, Adah, gedenkend unsrer heil'gen Schwüre. Frei ist mein Geist, wenn auch die Flammen nahn, Denn Liebe weiß und hofft und duldet alles. Was ich gefühlt am Tage meines Falles, Was ich erstrebt, es war kein leerer Wahn. Und so verkünd' ich's denn durch alle Zonen: Dein Herz war engelrein, dein Sieg gerecht; Erkennen wird's ein kommendes Geschlecht, Ich liebe, leide, sterbe für Millionen! O süße Thräne, die um Eva fiel! 1 Das Paradies verlangt nach kühnen Freiern. Mag sich die Wahrheit tausendmal verschleiern, Wer dich versteht, dem winkt ein sichres Ziel. Es strömt durchs Weltall ein geheimes Sehnen, Mein junger Odem kräftigt die Natur, Und sie erfüllt, sie heiligt meinen Schwur, Wenn Engel sich an Weiberbrüste lehnen. Jehovah! Herrlich wird dein Name sein, Wenn dankbar ihn die schönsten Lippen stammeln, Der Erde Söhne sich um dich versammeln, Um ihrer Seele Traumgebild zu frein. Nur den beklag' ich, der durch deinen Willen, Ein Held der Liebe, dort am Kreuze blutet. Du aber wirst die dunkle Sehnsucht stillen, Die nicht umsonst das Herz ihm überflutet; Denn Liebe ist Erbarmen ohne Grenzen, Ist Hoffen, Glauben, Träumen ohne Ende; Denn Liebe ist die Frucht von tausend Lenzen, Ist deines Vaterherzens eigne Spende! Und so verkünd' ich's denn durch alle Zonen: Wir finden droben unsrer Treue Lohn; Ich bin Jehovah's eingeborner Sohn Und hoffe, glaube, träume für Millionen! Und ob Geschlechter kommen und vergehn, Adah, sie werden deine Stimme hören; Ob Worte, Töne, Farben es beschwören, Dein Odem wird durch alle Zeiten wehn; Mein letztes Wort – die Erde wird's bewahren, Dir bringt's der frische Hauch des Morgenwindes: Ich liebe dich – du Mutter meines Kindes! Ich liebe dich – du Kind mit blonden Haaren! Die Flammen nahn und nahn – es braust hernieder Wie Engelsgrüßen, tröstend und erhebend; Es leuchtet, Todesschatten neu belebend: O Himmelsbraut, da bin ich, bin ich wieder – Ich komme glorreich – und du weinst um mich? Laß meine Asche sich mit deiner mengen; Dein Retter wird der Hölle Pforten sprengen, Und dieser Retter, Adah – der bin ich!« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – (1847-.) Fußnoten 1 Aus den Augen des strafenden Engels bei der Ausweisung aus dem Paradiese; dieses die dem Gedichte zu Grunde liegende poetische Hypothese. 8. Albumblatt »Huldvoll, wie die Muse mir erschienen, Als vor mir des Lebens Fülle lag, Spendest du mir jetzt mit Engelsmienen Einen neuen späten Frühlingstag.« Lege du die Hand, die liebe, kleine, Heute noch geduldig in die meine, Glorreich Kind, denn morgen bist du frei! Morgen ruft das Schicksal mich von hinnen. Thöricht war auch diesmal mein Beginnen; Aber Frühling war es draußen, drinnen, Und mein Herz erlag der Zauberei. Bleibe du in Gnaden mir gewogen. Ist die Hoffnung mir davongeflogen, Deine Freundschaft nehm' ich mit zur See; Schwesterlicher Liebe zartes Gitter Schützt uns vor der Leidenschaft Gewitter, Ach – und dennoch zieht es deinen Ritter Stürmisch dir zu Füßen, holde Fee! Nur zum Abschied darf er sich vermessen, Schweigend dich an seine Brust zu pressen, Denn zu kühn'rem Glück ist's nicht mehr Zeit; Kamst auf seinen dunkeln Lebenswegen Leuchtend wie ein Engel ihm entgegen; Nun empfange seinen Brudersegen, Seinen Dank für alle Ewigkeit. Wenn dein Stern zu bleiben mir vergönnte, Wenn der meine dir genügen könnte – – Doch es kann nicht sein – und so versprich, Kindlich, wie du bist, mir gut zu bleiben. Draußen werd' ich mir die Augen reiben; Doch in dein Gedenkbuch will ich's schreiben: Ja, ich liebe dich – ich liebe dich! 9. Suspension-Bridge Wie, das der Niagara? – Mit Verdruß Rief ich's hinunter von der Eisenbrücke. – Dort in der Ferne der gespaltne Fluß, Die Thalschlucht hier, die kleinen Felsenstücke? Mein Traum, das war ein ew'ger Wolkenbruch, Das waren Ströme, die vom Himmel brausen. Ich wollte wie durch einen Zauberspruch Hineinversetzt sein in der Sündflut Grausen. O Thorheit, was die Phantasie erschuf! Das bange Herz betäubt von tausend Wettern, So wollt' ich, fliehend vor der Hölle Ruf, Mit Indianern über Felsen klettern Und plötzlich vor dem Ungeheuern stehn, Und dann – aus golddurchwirkten Wasserschleiern Jehovahs Zeichen glorreich blitzen sehn Und zitternd meine Morgenandacht feiern. Ach, was ich hörte, war ein schwacher Schall! Und blickt' ich auf die beiden Katarakte, Und lauscht' ich ihrem majestät'schen Fall, Ich fühlte nichts, was mich gewaltsam packte. Und doch – wie Selbsterkenntnis langsam nur Die eitle Menschenseele überflutet, Besiegte mich die Wahrheit der Natur Und gab mir alles, was ich nicht vermutet. 10. Perdita »Das Mitleid ist die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst.« (Heine.) »Le coeur a ses raisons que la raison ne comprend pas.« (Pascal.) Ja, mein Herd ist auch der deine, Armes, heimatloses Kind! Denn du liebst mich nicht zum Scheine, Denn du liebst mich treu und blind. Ach, die Welt war ohne Gnade, Ohne Mitleid und Verstand; Doch durch dornenlose Pfade Führ' ich dich an meiner Hand. Was du wolltest, ist geschehen; That ich mehr als Menschenpflicht? Bitten konnt' ich widerstehen, Aber deinen Thränen nicht. Bilder aus vergangnen Tagen Thun mir in der Seele weh, Und nur zitternd kann ich's sagen: Bleibe hier, mein wildes Reh! Ruh' dich aus auf grüner Weide, Denke, schaue nicht zurück; Du gehörst zu meinem Leide, Du gehörst zu meinem Glück. Daß wir gut zusammentaugen, Daß das Rechte wir erwählt, Haben deiner braunen Augen Schwere Perlen mir erzählt. O, wie flogst du mir entgegen, Und wie kindlich war dein Ruf, Wenn du nachts durch Wind und Regen Hörtest meines Rosses Huf! Und wie kann ich's je beschreiben, Was mein Herz für dich gefühlt, Während an den Fensterscheiben Du die heiße Stirn gekühlt! Lachen mag die Welt, die schlimme, Ueber den gezähmten Leu; Gerne folgt er deiner Stimme, Denn du liebst ihn blind und treu. Und bei ihm bist du geborgen; Gastlich ist sein Haus, und still Für sein armes Kind zu sorgen, Das ist alles, was er will. 11. Januario Garria »Ich glaube, daß du weinst; du bist gerührt; Ich habe solchen Tau seit vielen Jahren In diesen dürren Höhlen nicht verspürt.« (Ryléjew.) 1. »Entartet ist die junge Brut, Und – Gott verzeihe mir die Sünde – Ich habe sehr gewicht'ge Gründe Und manchen Anlaß, mehr als gut, Mit meinem eignen Fleisch zu hadern; Denn Wasser, anstatt heißes Blut, Rinnt meinen Söhnen durch die Adern, Seitdem ich, auf der Mutter Bitte, Den Rechtsverdrehern sie gebracht, Zu Advokaten sie gemacht Dort in Sanct-Paul, nach heut'ger Sitte. Jetzt sind sie modisch angekleidet Mit engen Hosen und Krawatten; Doch wilde Hengste abzumatten Ist ihnen lange schon verleidet; Statt dessen wird von Politik, Von Menschenrechten viel gesprochen, Und von Theater und Musik. Was soll's? Die Keckheit ist gebrochen – Verrostet sind der Alten Messer; Es gilt ihr Wort nur dann und wann, Denn Kinder wissen alles besser. Habt Ihr's verstanden, junger Mann? Vielleicht gehört Ihr auch zu jenen Spaßvögeln, die mit schlaffen Sehnen Herüberfliegen, uns zu mahnen An Fortschritt und an Eisenbahnen Und andre solche Narrenspossen? Gleichviel! Laßt die gelehrten Leute, Und wenn Ihr wollt, erzähl' ich heute Von einem Freund und Zeitgenossen; Garcia hieß er als der Sohn Ehrbarer Eltern (wohlgeraten War dieser Sprosse – mir zum Hohn!) Und Januario von dem Paten. Garcia! – Ha, Ihr sollt erfahren, Wie der gewußt, sein Recht zu wahren, Was der auf diesem Grund und Boden Gethan, um Unkraut auszuroden, Was der geschworen und gelitten! Schon gestern hatt' ich's auf der Zunge, Als wir die kleine Strecke ritten Von Sorocaba nach Itù; Staub aber lag auf meiner Zunge Und klebte mir die Lippen zu.« Nach solchen Eingangsworten floß Die Rede von des Alten Munde. Wir lagen schweigend in der Runde, Und wenn uns mancher Wink verdroß, Wir mußten dies und jenes hören, Es wagte keiner ihn zu stören. Ein Fazendeiro 1 war's, ergraut In harter Arbeit, heißem Schaffen, Der seine blankgeputzten Waffen Zuweilen grimmig angeschaut, Ein halber Gaucho, rauh und zähe. – – Wir ruhten aus am Lagerfeuer; Die Pferde grasten in der Nähe, Und daß Garcias Abenteuer Uns, deren Herzen nicht gestählt, Den Schlaf verscheuchten, glaube jeder, Der lesen mag, was meine Feder Mit leichten Strichen nacherzählt. Denn ich bekenne meine Schwäche, Die Scene schildern kann ich nicht. Der Vollmond goß sein Silberlicht Auf eine waldumkränzte Fläche, Hier Gräser, von Demanten funkelnd, Felsblöcke dort auf Blumenmatten, Mit ihren langgestreckten Schatten Das wunderbare Bild verdunkelnd. Des Alten Stimme, bald erschallend Wie Sturmestoben, bald verhallend Wie Todesseufzer, dumpf und hohl – Das alles läßt sich nicht beschreiben; Mir aber wird die Scene wohl Auf immer im Gedächtnis bleiben! Fußnoten 1 Brasilianischer Landbesitzer. 2. Unweit von Sorocaba hatte Garcia sein behäbig Haus; Er wohnte dort jahrein jahraus, Ein ernster Mann, ein treuer Gatte. Ihm war das Glück nicht zugeflogen, Es kam als wohlverdienter Lohn: Zwei Kinder, beide gut erzogen, Ein Mädchen und ein muntrer Sohn Verjüngten seine Lebensgeister, Und sonder Gram, in stillem Glücke, Vergaß er, daß der Nachbarn Tücke Ihm mit Prozessen, immer dreister, Ein Stück bestritt von einem Felde, Das er mit selbsterworbnem Gelde Gekauft, nicht um es zu verschenken. An kleine Plagen nicht zu denken Ist für den Weisen schon Gewinn; Doch ein Ereignis, grausenhaft, Vermochte dieses Mannes Sinn Und seines Zornes Riesenkraft Auf blut'ge Thaten hinzulenken. In früher Morgenstunde war Sein Sohn zum Pirschen ausgegangen; Er wollte, als ein junger Aar, Nicht an der Mutter Schürze hangen. Der Vater, ohne Furcht zu nähren, Ließ seinen Sprößling gern gewähren, Doch bleibt er heute – schon erschrocken, Als er beim Klang der Vesperglocken Den Jäger, wie es sonst geschah, Nicht an der Abendtafel sah – Nicht länger unter seinem Dache. Gedanken steigen in ihm auf An Hinterlist und Feindesrache, Und Angst beflügelt seinen Lauf. Er hat sie nicht umsonst empfunden. Zwar ist der Knabe bald gefunden, Doch traut er seinen Augen kaum – Wie? – Das sein Kind? – An einen Baum Gelehnt, die Hände festgebunden, Und auf den Lippen roter Schaum? Ach! – und der Busen klafft von Wunden, Von sieben, sieben Messerstichen! Garcia ist zurückgewichen, Entsetzten Blicks, das Haar gesträubt – Von ungeheurem Schmerz betäubt, Entfesselt er die teure Leiche Und hält sie bebend in den Armen Und küßt die Stirn, die marmorbleiche; Dann schluchzt er: »Jungfrau, gnadenreiche, O für den Mörder kein Erbarmen!« Und seiner Seele, die verwirrt Bald den, bald jenen Feind verdächtigt Und wieder sucht und wieder irrt, Hat bald die Wahrheit sich bemächtigt. Garcia schlägt sich vor die Stirn, Und ruft: »Hier fängt es an zu dämmern. Es soll mein thörichtes Gehirn Nicht Wölfe suchen unter Lämmern; Nicht heulen will ich um mein Kind! Ha, diese sieben Wunden sind Von Buben mir geschlagen worden, Die gestern logen, heute morden, Von Nachbarn – nein! Von sieben Dieben, Gebrüder Silva heißt ihr sieben Dämonen, schon seit langer Zeit In meinem Schuldbuch eingeschrieben. Verflucht in alle Ewigkeit Sei euer Handwerk, das infame, Sei euer Stamm und euer Name, Verflucht das ganze Schlangennest, Verflucht der Bauch, der euch geboren! Mein Arm ist stark, mein Wille fest – Zu Gott im Himmel sei's geschworen: Ich, der noch kein Gelübde brach, Nicht ruhen will ich, bis vernichtet Die Teufel, die mit sieben Bissen Ein schuldlos, kindlich Herz zerrissen, Die meinen Knaben – o der Schmach! – Gepackt – gefoltert – hingerichtet. – –« Und als er nun, in wilder Hast, Den Mantel um sein Kind geschlagen, Hat keuchend unter solcher Last Den Leichnam heimwärts er getragen. Nacht ist's – er sieht sein Haus erhellt. Nicht lange war er fortgeblieben, Und doch, sobald der Hund gebellt, Begleitet jetzt, von Angst getrieben, Garcias Weib das treue Tier Und fragt: »Bist du's, bringst du ihn wieder?« Er naht, er legt die Bürde nieder Und spricht: »Hier ist dein Junge – hier! Sieh her und zähle diese Löcher! Es griffen sieben Ungeheuer In ein Besteck, in einen Köcher; Doch solche Späße sind zu teuer, Wenn sie Garcia nicht gefallen, Gebrüder Silva! Maß für Maß Ist meine Losung und mein Spaß, An eure Fersen mich zu krallen Und eure Herzen zu durchbohren. Den Tigern werf' ich hin den Fraß – Für sie sind eure Eingeweide; Ich fordre nichts als ein Geschmeide: Um einen Schmuck von sieben Ohren, O Weib, zu deinem Trauerkleide Will, wo ich sie ereilen kann, Ich eines jeden Leiche schänden. Sie heißen Silva, und dein Mann Kehrt nicht zurück mit leeren Händen. Wenn ich die ganze, weite Erde Barfuß durchwandern muß – es sei! Die Tochter rufe mir herbei: Ein Lebewohl, und dann zu Pferde!« Was hilft des Kindes zärtlich Flehn, Was hilft der Gattin lautes Weinen? Er segnet, er umarmt die Seinen, Vielleicht auf Nimmerwiedersehn. Doch ob sie um den Toten jammern, Sich zitternd an den Vater schmiegen, Ob sie verzweifelnd ihn umklammern Und trostlos ihm zu Füßen liegen, Umsonst! – Schon wird sein Roß gebracht. Gesattelt hat er's und bestiegen; Es treibt ihn fort mit Höllenmacht. Sternlos und frostig ist die Nacht; Weib, Tochter hängen an den Bügeln. Umsonst! – Wer will den Reiter zügeln, Wenn Blutdurst ihm das Herz versengt? Garcia reißt sich los und sprengt Von dannen wie auf Windesflügeln. 3. Wer so zu hassen, so zu lieben, Wer seines Kindes Todesschweiß, Wer eine That zu rächen weiß, Die ihn von Haus und Hof vertrieben, Der ist gewillt, sich durchzuwinden Durch Labyrinthe, Finsternisse; Der wird des Feindes Fährte finden, Die oft verwischte, ungewisse, Solang' die Augen nicht erblinden. – Schon sieben Jahre sind verflossen Seit jener grausenvollen Nacht, Gefördert ist, doch nicht vollbracht, Was unser Held zu thun beschlossen. Kahl ist sein Schädel, grau sein Bart; Garcia ward zum frühen Greise, Der seine Kräfte nicht gespart Auf weiter, stets erneuter Reise. Was er geschworen seinem Gotte, Läßt ihn noch immer nicht ermüden; Entflohn nach Norden und nach Süden War seiner Feinde feige Rotte; Garcia wittert ihre Spur; Entfernung – Zeit, die langsam nur Vor wutentflammten Blicken schwindet, Wie schwer die Prüfung er empfindet, Er ist gestählt durch seinen Schwur. Dort, wo des Tropenhimmels Strahlen Auf schwarze Leiber niederglühn, Die ihre Abkunft sich bemühn Mit saurem Schweiße zu bezahlen; Wo schlanke Palmen sich erheben, Wo jedem Baume, jedem Strauch Schlingpflanzen an den Aesten kleben; Wo Krokodille ihren Bauch Behaglich an der Sonne wärmen; Wo Tiger lauern, Affen klettern, Arras und Papageien schmettern Und Kolibris die Luft durchschwärmen, Dort hat Garcia unverzagt Sein Wild erwartet und gejagt. Wenn ungeheure Regengüsse Die rasche Wanderfahrt gehemmt, Des Pilgers Pfade überschwemmt, Durch Seen schwamm er und durch Flüsse, Nach immer frischer Beute suchend Und seines Kindes Mördern fluchend. Und wenn es Winter ward im Lande, Wenn Reif die fetten Weiden deckte In Sanct-Catrina, Rio-Grande, Und sich der Hirt ans Feuer streckte, In Wintersfrost, in Sommersglut, Solang die Kräfte nicht versagten, Nie hat er lange ausgeruht, Und immer zog er seinen Hut, Wenn aus der Erde Kreuze ragten Zum Zeichen, daß ein Mord geraten, Daß mancher andre sich gerächt Nach Landesbrauch, der ungeschwächt Noch heute treibt zu solchen Thaten. Zurück mit zärtlicher Gewalt Lockt oft ihn eine innre Stimme, Daß eine blutige Gestalt Ihn wappnen muß mit neuem Grimme. Erst wenn das Feuer ausgetobt, Erst wenn erfüllt, was er gelobt, Wenn jeder seinen Lohn empfangen, Wenn das Entsetzliche geschehn, Will Weib und Kind er wiedersehn. Schon sieben Jahre sind vergangen, O lange, trostlos lange Zeit! Sisyphusqual, die niemals endet! Jetzt hat er rückwärts sich gewendet, Gedenkend der Vergangenheit, Der ewig teuern, wonnereichen, Der Heimat, ach! der nahen, stillen; Doch muß auch diesmal seinem Willen Des Herzens tiefe Sehnsucht weichen. Von ferne, Sorocaba, sieht Er deine Türme und entflieht Nach Westen, süße Rast verschmähend Und stets nach neuen Opfern spähend. Und wie er durchs Gebirge reitet, Von einem Diener nur begleitet, Da kommt, entbietend Gruß und Segen, Ein greiser Klausner ihm entgegen, Und freundlich ladet der ihn ein, Für diese Nacht sein Gast zu sein. Wer würde solchem Wort mißtrauen? Garcia folgt dem frommen Mann Zu einer Thür, in Fels gehauen; In kühler Wohnung wird er dann Bewirtet und erquickt mit Worten Des Trostes, lange schon entbehrt. Der sonst die Thränen abgewehrt, Die seinen finstern Blick umflorten, Läßt jetzt der Rührung ihren Lauf; Er ist von heißem Dank durchdrungen, Und nur von Müdigkeit bezwungen Sucht endlich er die Zelle auf, Die eine Wand von jener scheidet, Wo mit dem Klausner er gesessen Und dessen Brot und Salz gegessen. Nun da er, völlig angekleidet, Aufs weiche Bett sich niederlegt, Sind seine Sinne so erregt, Daß Träume ihm den Schlaf verderben, Ihn zwar der Fassungskraft berauben, Doch dem Bewußtsein nicht erlauben, In mildem Schlummer hinzusterben. Und wie er so mit Bildern ringt, Die rasch sich aufeinander türmen, In stetem Wechsel ihn bestürmen, Vernimmt er seinen Namen – springt Empor, auf einmal wieder munter. Ums Messer ballt sich seine Hand; Er duckt sich an die Bretterwand, Hört leise Worte, und darunter Von solchen, die wie Höllenglut Auf schmerzerfüllte Seelen zischen, Genug, genug, um seine Wut Und sein Gedächtnis aufzufrischen. Durch morsche Planken dringt ein Schimmer Herüber aus dem Nebenzimmer, Und schnell erobert wird die Spalte. Wer tafelt dort beim Lampenscheine? Garcias Diener ist der eine; Und wer der andre? Ist's der Alte? Die gleiche Kutte trägt er zwar, Den Strick, um seinen Leib gebunden, Verrät der wallende Talar; Doch langer Bart und Silberhaar Und auch die Runzeln sind verschwunden; Ganz anders klingt der Stimme Ton. Garcia stutzt. Was? Der Patron Hat ihn als Klausner angelogen? O, bei der Rede, welche jetzt Sein Herz erschüttert und entsetzt, Sind alle Zweifel gleich verflogen. »So ging er richtig in die Falle,« Spricht dieser, den er nicht erkannte; »Nun schnarcht der Wolf im vollen Stalle. Wenn der in meine Klauen rannte, Dir dank' ich, Freundchen, den Hallunken. Du hast ihn schlau herbeigelockt; Er fand die Suppe eingebrockt Hier, wo wir Brüderschaft getrunken. Den solches Gaukelspiel gerührt, Den seine Thorheit so verführt, Daß er bei mir sich eingenistet, Empfange nur, was ihm gebührt, Nachdem er endlich überlistet. Drei Brüder hast du mir erschlagen, Garcia, und ich mußte lang Den Haß, die Schmach im Busen tragen: Um so gelungner ist der Fang. Wenn deine Nachbarn du verachtet, Wie steht's um ihre Wenigkeit, Um deine Seelenruhe, seit Sie dir den Jungen abgeschlachtet? Der hat sein Messer scharf geschliffen, Der dir zum letzten Schlaf geleuchtet – Wein her! Noch einmal angefeuchtet, Dann hat der Bluthund ausgepfiffen.« Und als der Diener eingeschenkt, Da schleicht Garcia auf den Zehen Zu seinem Lager hin und denkt: Dem wird die Mordlust bald vergehen. Er legt sich sachte nieder, harrt Der Dinge, die da kommen sollen, Erbleicht nicht, als die Thüre knarrt, Zuckt nicht zusammen bei dem vollen Strahl einer Lampe, regt sich nicht, Als ihm die beiden näher rücken, Sich ängstlich aneinander drücken, Bis mit verstörtem Angesicht Der hinterm Glase sich gebrüstet, Sich jetzt zum Tigersprunge rüstet, Und bis, geschliffen und gespitzt, Daß sie ihr Opfer nicht verfehle, Die Klinge ihm entgegenblitzt Des falschen Klausners – hui, da sitzt Garcias Faust ihm an der Kehle. Wie sich des Burschen Rausch vermindert, Und wie er zittert und erbleicht, Als, von dem Gegner unbehindert, Sich sein Kumpan von dannen schleicht! Ihn aber halten Eisenkrallen. Weh! Sein Geheimnis ist durchschaut – Das weiß er seit dem ersten Laut, Der seines Richters Mund entfallen. Kein Bess'rer bleibt beherzt und stark, Wenn so die letzte Hoffnung strandet; Doch was an diese Seele brandet, Das dringt ins tiefste Lebensmark: »Luiz da Silva! Wohl erwogen, Vortrefflich nenn' ich deinen Plan! Als du die Lappen angezogen, In der Vermummung mich betrogen, War ja die Arbeit halb gethan; O ich bewundre deine List! Nur will ich eines dir vertrauen: Wer ihres Schlafs nicht sicher ist, Der spasse nie mit solchen Gästen, Die, statt im Stalle sich zu mästen, Das schwere Futter schlecht verdauen; Und noch das andre laß dir sagen Für deine beiden Ohren wichtig: Drei Brüder hab' ich dir erschlagen? Nein, das Register ist nicht richtig, Luiz da Silva! Fünfe sind es, Fünf deiner Brüder sühnten schon Das Todesröcheln meines Kindes, Und kein Erbarmen, kein Pardon Ist für den Sechsten zu erhoffen, Der hier sein Kunststück ausgebrütet. – Erfahre, wie ich die getroffen, Die vor dem Wolfe sich gehütet: Bei Taubaté, im nächt'gen Lager, War einst ein Reitertrupp vereinigt, Und ein Geselle, lang und mager, Saß schweigsam, wie von Angst gepeinigt, Am Feuer, in die Flammen stierend Und in Gedanken sich verlierend. Armsel'ger Träumer! Blinder Thor! Ha! Gleich der flinksten Tigerkatze, Lautlos, mit ungeheurem Satze Sprang einer aus dem Busch hervor. O der, der hat sich nicht besonnen: Ein Griff, – ein Messerstich, – ein Schrei, – Ein Schnitt! – Dann stürzten sie herbei Die andern alle, – doch entronnen, Verschwunden war der wilde Gast. Der Lange hat kein Wort gesprochen, Denn mitten durch die Brust gestochen Lag er verscheidend da. – Du hast Erraten, wem die That gelungen? Carlos da Silva hieß die Leiche, Der Flüchtling aber war der Gleiche, An dessen Lager du gedrungen; Vor deinen Augen steht der Thäter. – Nun höre weiter: Später, später In Coritiba sah man zwei Fremdlinge warme Nester bauen Für sich und ihre jungen Frauen; Und doch – daß keiner glücklich sei Trotz honigsüßer Flitterwochen, Das wurde hin und her erzählt. Sie waren beide gut vermählt Und hatten friedlich sich verkrochen In eines Hauses stillen Räumen; Wenn sie aus einem Glase tranken, Glaubst du, daß häßliche Gedanken Sie nicht geschreckt aus Liebesträumen? Sie waren beide gut vermählt, Fürwahr, und beide schlecht geborgen, Zu Todesopfern auserwählt Und nicht zu kümmerlichen Sorgen. Genug! An einem schönen Morgen Ward mit der Schnelligkeit des Blitzes Ein gräßliches Gerücht verkündet, Weit, weit durch's Land, doch wohlbegründet; Die Schwelle eines Witwensitzes Sofort bestürmt mit tausend Fragen – Zwei Schurken waren übermannt Im Schlafe. Weiter nichts. Sie lagen (Daß dir die Namen schon bekannt, Die noch auf meinen Lippen brennen, Luiz da Silva, möcht' ich wetten!) Durchbohrt auf ihren Ehebetten. Den Thäter brauch' ich nicht zu nennen: Vor deinen Augen steht er heute; Zwei Ohren waren seine Beute. Carlos, Antonio, Celestin, Drei Brüder hast du rächen wollen, Doch mehr als diese sind dahin; Die andern waren ganz verschollen, Und oft verlor ich ihre Fährte, Dennoch verfolgt' ich, unverdrossen, Die meines Kindes Blut vergossen, Wenn auch die Reise lange währte. Im Norden gingen meine Wege Bis Maranhaõ. Monde verstrichen Umsonst. Der Feind war schon entwichen; Dort lief mir keiner ins Gehege. Vom Süden bin ich jetzt gekommen Und dir zu sagen wohl verpflichtet, Was dort der Jäger ausgerichtet, Den du zu fangen unternommen. Zwei Reiter hab' ich einst entdeckt Am Paraña, im Steppengrase. Wer je der Pampa Luft geschmeckt, Erfreut sich einer feinen Nase. Sie hörten meines Rosses Schritt, Und wahrlich, statt mich anzugreifen, Schien's ihnen klüger, auszukneifen – Unnütze Flucht, verrückter Ritt! Wenn zwei aus einem Neste stammen, Sie bleiben brüderlich beisammen. So galoppierten, Mann an Mann, Die beiden fort auf Teufelholen. Ach, ihre glitzernden Pistolen, Die sah ich freilich dann und wann; Doch ruhen in den Satteltaschen Ließ ich das Spielzeug, zielte scharf, Bevor ich meinen Lasso warf, Das saubre Paar zu überraschen. O Stolz, o Freude sondergleichen, Als beide sich im Staube wanden – Das andre hast du schon verstanden: Sieh her, hier sind die Siegeszeichen! Zwei Brüder, Henker meines Knaben, Francisco und Paulino, haben, Nachdem sie lange mich genarrt, Endlich getanzt nach meiner Leier. Die Leichen liegen unverscharrt, Ein fettes Mahl für Wüstengeier. – Nach Rache schreit mein eignes Blut; Drum bete, daß dir Gott verzeihe, Luiz! An dir ist jetzt die Reihe! Fünf Ohren sind mein höchstes Gut; Sie duften wie die feinsten Nelken, Die je des Himmels Tau benetzte, Ein sechstes seh' ich schon verwelken; Dein Bruder Bento trägt das letzte; Auch der bezahlt mir seine Schuld, Vielleicht mit Zinsen, nur Geduld! Bis der die Seele ausgespien.« Und als Garcia dies geschrien, Faßt fester er, mit wilder Lust, Den schon veratmenden Gesellen Und spricht: »Du kannst Quartier bestellen!« Stößt ihm das Messer in die Brust Und wirft ihn in die nächste Ecke, Verächtlich murmelnd: »Hund verrecke!« 4. Noch einen muß sein Fuß zertreten; Noch ist Garcia nicht am Ziel. Der Zufall trieb sein grausam Spiel Mit der Verzweiflung des Athleten; Wer richtet dieses Mannes Thun? Er weiß zu lieben und zu hassen. – Zehn volle Jahre sind es nun, Seit Weib und Tochter er verlassen. Das Schicksal hat mit rauher Hand Ihm manchen Racheplan zertrümmert, Erschöpft, gealtert, tiefbekümmert, Ein Bettler, pilgert er durchs Land. Drei Wanderjahre sind verloren, Pferd, Sattelzeug und Silbersporen Verkauft, die Kräfte aufgerieben; Doch trotzig ist sein Herz geblieben, Feurig sein Grimm, sein Wille mächtig. Und endlich, langsam und bedächtig, Hat er vermocht, durch Wälder, Steppen, Bis Cuyabá sich hinzuschleppen. Nicht lange rasten will er dort, Nein, von dem weitentlegnen Ort, Brasiliens Grenze überschreitend, Den Paraguay hinunterfahren. Vor Trägheit weiß er sich zu wahren, Solange, seine Schritte leitend, Ihn ewig schwankende Gerüchte, Die seines Fleißes letzte Früchte In immer dichtern Nebel hüllen, Mit immer neuer Wut erfüllen. Bestäubt, mit wunden Füßen, krank, Steht er, durchbebt von Fieberschauern, Vor eines schmucken Hauses Mauern Und sinkt auf eine Gartenbank. Da wird ein Fenster aufgerissen, Und eine Stimme fragt: »Woher Des Weges, Freund?« – »Ihr glaubt es schwer; Doch meinetwegen mögt Ihr's wissen, Ich komme von Sanct-Paul,« entgegnet Garcia. – »Was? Und etwa gar Ein Paulistaner?« – »Ja, fürwahr!« – »O, diese Antwort sei gesegnet! Ermattet scheint Ihr, altersschwach, Herein! Ich will Euch schon verpflegen.« Garcia läßt sich leicht bewegen. Schon ist er unter Dach und Fach Und denkt: Hier ist es gut zu wohnen; Wie gastlich hier die Leute sind! – Bald kommt ein blondgelocktes Kind Und bringt ihm seine schwarzen Bohnen, 1 Ein Fleischgericht, ein volles Glas, Und spricht: »Die Mutter schickt Euch das, Die vor der Hausthür Euch gefunden, Und sagen soll ich: Laßt's Euch munden! Und ferner: Wenn Ihr dann gespeist, Kommt sie hieher und hört Geschichten, Die müßt Ihr selber uns berichten, Weil Ihr so weit herumgereist.« Der Kleine fühlt sich sehr geschmeichelt, Daß ihn Garcia plaudern läßt, Ihm seine feinen Haare streichelt Und sie mit heißen Thränen näßt. Dann fährt er fort: »Ich mag Euch gerne, Weil Ihr so weit gewandert seid; Das thut auch meiner Mutter leid. Doch wißt, wir kamen auch von ferne, Von Sorocaba kamen wir; Großmutter seh' ich manchmal weinen, Auch meine Mutter weint mit ihr; Großvater aber hab' ich keinen, Er ist es grade, den sie meinen, Wenn heimlich sie zusammen sprechen.« – Garcia überläuft es kalt; Doch, sich bemeisternd, ruft er: »Halt! Ich muß die Rede unterbrechen; Wie hieß – wie hieß Großvater? Sprich! In deinen Augen kann ich's lesen, O, wenn er seinem Enkel glich, Ist er ein ganzer Mann gewesen!« Das stimmt den Knaben doppelt heiter, »Januario hieß er, so wie ich!« Antwortet er. – »Und weiter – weiter?« – »Garcia.« – – Auf das Zauberwort Ist zwar der Frager vorbereitet, Doch die Gewißheit reißt ihn fort; Er hat die Arme ausgebreitet, Er will in stürmischem Entzücken Das Kind an seinen Busen drücken. Ja, jeder Zweifel ist gehoben, Ja, diese Fügung kam von oben, Die unerhörte, wundersame – Der Herr verläßt die Seinen nie! »Jetzt aber,« ruft Garcia, »wie, Mein Sohn, ist denn des Vaters Name?« »Bento da Silva.« – – Gott der Gnade! So schleuderst du auf dunkle Pfade Den Wetterstrahl, den Donnerkeil? So lenkst du den verlornen Pfeil, Der kraftlos durch die Lüfte zittert Und bald des Adlers Schwingen streift Und bald sein stolzes Herz zersplittert? Bento da Silva! – – Kaum begreift Garcia diese Schreckenskunde – Weib, Tochter gegen ihn im Bunde, Verkauft, verraten von den Seinen? – Sprachlos, bis in den Tod erschrocken, Entsetzt, betrachtet er den Kleinen, Und plötzlich hört er ihn frohlocken: »Nach meinem Vater fragt Ihr? Seht, Hier ist er!« – Auf der Schwelle steht Ein junger Mann von feinen Zügen, Der freundlich auf Garcia blickt. »Daß hier ein Landsmann sich erquickt,« Ruft er herein, »macht mir Vergnügen.« Da spricht mit neubelebter Kraft Garcia diese Worte: »Prahle Du nicht mit unsrer Landsmannschaft, Bento da Silva, sondern zahle Dem Gaste seinen Finderlohn: Sei mir willkommen, Schwiegersohn, Zum ersten und zum letzten Male! –« Von namenlosem Schmerz erfaßt, Erwidert sein Besucher: »Müssen Wir hier uns wiederfinden, laßt, O Vater, Eure Hand mich küssen! Mein Leben ist verwirkt – Ihr könnt Es nehmen, wann Ihr wollt; ich stehe Wehrlos Euch gegenüber, flehe Nicht um Erbarmen; doch vergönnt Mir, den Ihr Schwiegersohn geheißen, Der nur mit Trauer Euch betrachtet, Ein Herz, das nach Verzeihung schmachtet, Vor Euern Blicken aufzureißen. Die tiefe, nie vernarbte Wunde, Sie brennt, sie blutet immerdar Seit jener unglücksel'gen Stunde. Garcia, hört mich an: Ich war Ein Kind, ein vierzehnjähr'ger Knabe, Der jüngste Eurer Feinde, habe, Von meiner Brüder Wut bethört, Als sie ihr armes Opfer fanden, Der grausen That nicht widerstanden ... Ihr wendet Euch von mir, empört – Antwortet nicht, bis ich vollendet. Ich war nicht grausam, nur verblendet; Ich weiß nicht, wie es zugegangen An jenem Tage voller Schrecken, Weiß nur, daß mich die andern zwangen, Auch meine Hände zu beflecken. Gott hört es, was ich hier beteure: Ich war verführt und eingeschüchtert, Und doch – wie hat das Ungeheure Des Frevels plötzlich mich ernüchtert! Die Reue brannte lichterloh In meinem Busen, – ich entfloh Der Greuelstätte, und geschieden Von meinen Brüdern, stets allein Und ohne Hoffnung, ohne Frieden, Nicht, weil ich Euch gefürchtet, nein! Weil vor mir selber ich erbebte, Bin ich durchs Land geflohen. – Ach! Was ich zu töten mich bestrebte, Ward immer, immer wieder wach. Was half's, die Welt mir zu beschauen? Verloren war mein Lebensglück, Und endlich trieb es mich zurück In unsre heimatlichen Gauen. – Gereift durch jahrelange Leiden, Kein Kind und auch kein Jüngling mehr, Fand ich mein Haus verödet, leer – Dennoch der Reich're von uns beiden: Denn Euer Herd lag in Ruinen. Verwundrung spricht aus Euern Mienen, – Das habt Ihr freilich nicht bedacht In Eurer väterlichen Würde: – Gattin und Tochter, welche Bürde! Wer seinen Herd nicht überwacht, Der tritt sein eignes Herz mit Füßen. Das Elend stand vor ihrer Thür – Sagt an, was konnten sie dafür? Was hatten Weib und Kind zu büßen? Die Mutter, krank und lebensmatt, Die Tochter, eine blasse Rose. Ich sah die Holde, Vaterlose, Verlass'ne – und an Eurer Statt, In tiefempfundner, süßer Reue, Was Ihr versäumt, hab' ich gethan. Und sie? – – Sie schloß sich an mich an, Und – ward mein Weib, das liebe, treue. Wohl hatten wir gekämpft, gelitten, Bis wir der Mutter Herz bezwungen; Doch war auch dieses uns gelungen Mit unsern thränenreichen Bitten. Der Himmel sei mir dessen Zeuge, Nur eines hat sie nie erfahren: Daß ich in meinen Knabenjahren Dem Morde beigewohnt. – Ich beuge Mein Haupt vor dem, der alles weiß; Er wird die Lüge mir vergeben. Mir aber schien es sein Geheiß, Noch einmal wieder aufzuleben. – Es hieß bei uns, daß Ihr gestorben, Drei meiner Brüder schon gefallen, Drei ausgewandert, von uns allen Ich, der um Euer Kind geworben, Der letzte – fragt mich nicht, warum Der Heimat dennoch ich entsagte; Ihr wißt, was mir am Herzen nagte. Versilbert ward mein Eigentum, Und eilig zogen wir von dannen, Bis endlich hier in Cuyabá Ein neues Dasein wir begannen, Der Herr hat uns gesegnet. – Ja, Wenn von der blutgetränkten Stelle Uns weite Länderstrecken trennen, Darf ich auf dieses Hauses Schwelle, Vor Eurem strengen Angesicht Euch weinend Schwiegervater nennen. Denn fragt die Meinen, ob sie nicht Dankbar des Schöpfers Hand erkennen, Die zwei verwaiste Herzen heilte! Er hat ein Söhnchen uns beschert Und so sein Füllhorn ausgeleert. – Wenn Euer Zorn nur mich ereilte, Ich läge nicht auf meinen Knieen; Habt Ihr der Unschuld nichts verziehen, Müßt neue Thränen Ihr erpressen, Garcia, könnt Ihr nichts vergessen – Wohlan, der Schuldner ist bereit! Er gibt Euch Weib und Tochter wieder; An ihnen übt Barmherzigkeit Und an dem Enkel. – Meine Zeit Ist abgelaufen – stoßt mich nieder!« Da schaut, in tiefer Ueberlegung, Garcia zögernd, halb besiegt, Auf seinen Wirt; doch bald verfliegt Die zarte, ungewohnte Regung; Das Mitleid ist wie weggeblasen – »Bah!« denkt er, »lauter glatte Phrasen, Entschuldigungen, faule, hohle, An mir verschwendet, armer Tropf!« Reißt aus dem Gürtel die Pistole, Jagt ihm die Kugel durch den Kopf, Die lange schon für ihn gegossen – Und Frauenstimmen hört er schrein. Weib, Tochter stürzen rasch herein; Doch er, von Pulverdampf umflossen, In voller Mannesmajestät Ruft ihnen zu: »Ihr kommt zu spät! Es war in Jenes Rat beschlossen, Der mich zum Richter eingesetzt. – Laß deine Donner niederbrausen, O Herr, ich bin gerächt! – Und jetzt Betrachtet ihn mit Stolz und Grausen, Den allerletzten von den Sieben. Dann, euch begrüßend, meine Lieben, Darf ich getrost die Hände falten – Ich habe treulich Wort gehalten! Ich bringe dir ein Prachtgeschmeide, O Weib, zu deinem Trauerkleide: Sieh her, vollendet ist es schier Und deiner würdig, wenn ich hier Ein letztes Ohr herunterschneide.« Fußnoten 1 Das brasilianische Nationalgericht. 12. Gebet Nun ist es Nacht – und kommt das Morgenrot, Dann wird Bedrängnis an mein Fenster pochen, Wie sie noch nie so grausam mich bedroht. Allmächt'ger, der du meinen Stolz gebrochen, Errette mich aus dieser Todesnot; Laß der Verleumdung Gift mich nicht erreichen! Ich weiß nicht mehr, wo aus noch ein – Laß Sorgen meine Haare bleichen, Doch laß mein Herz nicht trostlos sein! Wenn du zu neuen Schmerzen mich erkoren, Zu meinem Heile mich erniedrigt hast, Nur jetzt sei gnädig, mehre nicht die Last – Noch eine Prüfung und ich bin verloren! Ich kann, wenn tausend Pfeile mich durchbohren, Genesen; doch ich brauche kurze Rast. O süße Ruhe, wie verlang' ich dein! Was du gefügt, Allweiser, das geschehe; Nur gönne mir die Frist, um die ich flehe, Laß mich noch einmal glücklich sein! Das Kreuz des Südens leuchtet überm Meer; Fern in der Heimat schlummern, die mich lieben; Ihr Herz ist mir geblieben, Und ihr Gebet ist meine beste Wehr. Willst du es nicht erhören? Soll mein Verderben auch das ihre sein? O laß die Unschuld den Orkan beschwören, Allgüt'ger, – ich vermag es nicht allein. (1858.) 13. Aus Peru (Nach einer Erzählung.) 1. Ein Indianer kam herangeritten Und fragte zögernd: »Find' ich dich allein, Darf ich mein Väterchen um etwas bitten?« – »Frisch von der Leber weg, was soll es sein? Mach' dir's behaglich, Freund; du bist willkommen; Die Thür ist offen, diese Hütte dein.« Er aber sagte, wie von Angst beklommen: »Der Hammer, den du übers Meer gebracht, Der würde heute mir vortrefflich frommen; Leih' mir ihn, Väterchen, für diese Nacht.« Und als er das Gewünschte kaum empfangen, Da hat er dankend sich davongemacht, Daß mich des Mannes sonderbar Verlangen, Daß mich des Nachbars Eile schier verdroß. Doch, als die nächste Sonne aufgegangen, Hielt er vor meinem Fenster, hoch zu Roß; Und wieder trat ich freundlich ihm entgegen, Als plötzlich mir ein Blitz die Augen schloß. Ich sprach: »Ich forsche nicht nach deinen Wegen, Nur hast du gar zu frühe mich geweckt,« Und nahm den Hammer, um ihn wegzulegen. Mich hat gewiß der Sonne Glanz geneckt, Nein! – Seh' ich recht? – Was eben mich geblendet, Ist blankes Silber, das den Stahl bedeckt. »Herein, mein Sohn, das Blatt hat sich gewendet; Erzähle rasch von deinen Abenteuern! Mein guter Engel hat dich hergesendet.« Ich mußte meine Bitte oft erneuern, Obgleich ich schöne Worte nicht gespart, Den Nachbar zum Geständnis anzufeuern; Doch endlich, schlicht und ernst, nach seiner Art, Erwidert er: »Wohlan, ich will dir's sagen; In deinem Busen ist es treu bewahrt: Ein Stückchen Silber hab' ich heimgetragen, Nachdem ich's im Gebirge letzte Nacht Mit deinem Hammer mir herausgeschlagen. O Väterchen, ich that es mit Bedacht: Kein voller Kessel dampft auf meinem Herde; Ich ritt hinüber nach dem reichen Schacht, Damit mein armes Weib gesättigt werde; Ich weiß ja, wo die Silberstufen liegen, Dem Blick verborgen durch ein bißchen Erde.« – »Wie! eine Mine, greifbar und gediegen, Hast du entdeckt, von der nur wen'ge Meilen Uns trennen, Freund, und mir den Fund verschwiegen? Laß uns sogleich an Ort und Stelle eilen; Du bist ein Sonntagskind, zum Glück geboren! Zu Pferde denn, daß wir zusammen teilen; Dein soll die Hälfte sein, das sei geschworen. Der Tag ist lang, und wir, wir reiten scharf; Fort, an die Arbeit – keine Zeit verloren!« Und als ich so mit Worten um mich warf, Da hub er ruhig an: »Du wirst mich schelten; Doch sage selbst, ob es geschehen darf. Ich möchte den Gefallen dir vergelten Und dich an die geheime Grube führen. Zwar geh ich ungern hin, und selten – selten, Auch stets allein, das Silber zu berühren; Der Himmel will es so; wenn ich's vergäße, Ich würde seine Rache bald verspüren, Daß Feuer mir die Eingeweide fräße, Und jede Nacht – ich denk' es mit Erbeben – Ein Teufel auf der wunden Gurgel säße. Denn wisse, was die Götter uns gegeben, Was unsre Väter treulich hinterlassen, Trotz Todesmartern, hilft uns nur zu leben; Wir sollen's nicht mit gier'gen Händen fassen Und schöpfen nur, wenn wir mit Sorgen ringen, Aus einem Erbe, das wir nie verprassen.« – »O,« rief ich aus, »wer spricht von solchen Dingen? Ich dränge nicht, ich rate nicht zum Raube, Und keinen will ich um das Seine bringen. Beredt ist deine Zunge; doch erlaube: Erbärmlich scheint mir der Gedanken Flug, Und was du fürchtest – welcher Aberglaube! Sich arm zu stellen, früher war es klug; Jetzt aber leben wir in andern Zeiten, Und nicht verhungern, das ist nicht genug. Du wardst als Christ getauft, kannst du's bestreiten? Die Götter deiner Väter sind gestürzt; Wir müssen handeln, müssen vorwärts schreiten Und alles kennen, was das Dasein würzt. Zum Segen unsrer Brüder, unsrer Kinder, Mein Freund, sei unser beider Weg gekürzt. Geld heißt die Losung – ja, du bist der Finder; Dein ist der Reichtum, und auch ohne mich Kommst du zum Ziele, doch mit mir geschwinder. Wenn je das Glück von unsrer Seite wich, Wir kaufen's wieder.« – Als ich dies gesprochen, Da sah ich, wie der Mann zur Thüre schlich, Mit leiser Stimme, wie vom Schmerz gebrochen, Entgegnend – und ich fühlte, o der Pein! Jedwede Silbe mir im Hirne kochen –: »Verzeih' mir, Väterchen, es darf nicht sein.« 2. »Es darf nicht sein.« Verhängnisvolle Worte – Da war ich mit dem krummgeschlagnen Hammer Auf einmal von des Paradieses Pforte Zurückgesunken in des Lebens Jammer! Was ich gehört, sind's alberne Geschichten? So sagt' ich zu mir selbst in stiller Kammer; War's Uebertreibung, Prahlerei? Mit nichten! Ich hörte Wahrheit, kenne meinen Gast, Und will auf keine Möglichkeit verzichten. Behutsam vorwärts; thöricht war die Hast, Mit der ich fragte; endlich werd' ich's wissen, Was er verbergen will – ihn drückt die Last, Ich aber weiche nie vor Hindernissen. Und als ich so an dies und jenes dachte, Da hat die Phantasie mich fortgerissen, Daß ich die schale Gegenwart belachte, Und mich erging in Träumen, immer wildern, Und altes Holz zu kühner Glut entfachte. Paris mit seinen tausend Gaukelbildern, Des Lebens Freuden, Reichtum, Glanz und Ehre, Gedankenblitze, Wünsche, nicht zu schildern, Das stieg empor und trotzte jeder Lehre Und jeder Trübsal der Vergangenheit; Die düstre Regel: »Kämpfe und entbehre!« Vergessen war sie, und mein Herz befreit Von Aengsten und von drohenden Gewittern. O schnöde Welt, jetzt siehst du mich bereit, Dir Trotz zu bieten; mögen andre zittern Vor jenem Götzen, den sie Mammon nennen, Ich schlage mich zu seinen besten Rittern. Am Silberharnisch könnt ihr mich erkennen; Reich bin ich, reich – und diese Wahrheit soll Als Neid fortan auf eurer Seele brennen; In feiles Lächeln wandle sich der Groll, Den kalte Lippen mir so gern gespendet, Wenn ich, ein Sohn der Zukunft, ahnungsvoll Im Jugendrausche jenen Schatz verschwendet, Den keiner aus dem Busen mir gegraben, Seht her, der Bettler hat sein Werk vollendet! Fliegt jetzt herbei, ihr nimmersatten Raben, Der Träumer kann sein Glück mit Händen greifen; Ihr mögt von ferne eure Blicke laben An Früchten, die mir in der Sonne reifen! Stolz, wie Columbus einst am Steuer stand, So nahm auch ich den schmalen Purpurstreifen Am Horizonte für geschenktes Land; Doch war die Fieberhitze bald verflogen, Und als ich meine Ruhe wiederfand, Da dacht' ich: Oft genug ward ich betrogen; Als weiser Mann verkauf' ich nicht die Haut, Bevor ich sie dem Bären abgezogen, Erst nach dem Indianer umgeschaut, Der Ueberredung Pfeile abgeschossen, Und meine Schlösser langsam aufgebaut. Und als ich das erwogen und beschlossen, Ist mit Besuchen mir, mit stets erneuten, Vergebens eine lange Zeit verflossen. Mein brauner Nachbar ließ sich nicht bedeuten; Stumm blieb er, trotz des Diplomaten Kunst, Daß meine Schritte mich zuletzt gereuten. Nun schien mir das Geheimnis bloßer Dunst, Die goldne Brücke plötzlich abgebrochen, Und so, verzichtend auf des Schicksals Gunst, Verlebt' ich unbefriedigt Tage, Wochen. – Da kam der Wilde ungerufen wieder; Ich hört' ihn einst an meine Thüre pochen; Nacht war's, in Strömen fiel der Regen nieder, Daß mir die Störung unbequem geschienen, Und ich, ihm aufzuschließen, meine Glieder Nur mürrisch regte. Mit verstörten Mienen Und trüben Blickes kaum hereingeschwankt, Sprach er: »O möchtest du mir heute dienen! Mein Weib, mein armes Weib ist schwer erkrankt; Du rettest sie, – dort stehn so viele Flaschen, – Geh mit, es sei dir tausendmal gedankt.« Hier galt's, das Glück im Fluge zu erhaschen, Nicht, weil ich dieses oder jenes trieb, Von meinem Nimbus jetzt mich rein zu waschen. Ein solcher Anlaß war mir doppelt lieb, Und keine Fakultät wird mich bestrafen, Wenn der Gerufne nicht zu Hause blieb. Wir ritten schweigsam durch die Nacht und trafen Des Indianers Gattin in Gefahr, Doch war sie bald getröstet eingeschlafen, Nachdem ich, was nicht meines Amtes war, Gethan, nach bestem Wissen und Ermessen. Am nächsten Morgen aber, sonderbar! Ist sie genesen fast, verlangt zu essen, Ruft uns herbei, gesprächig und vergnügt, Und spricht: »Die Rettung werd' ich nie vergessen!« Ich stammelte: »Das hat sich so gefügt – –« Doch sie, mich unterbrechend: »Ich gehöre Zu jenen nicht, die solche Rede trügt. Daß heute niemand meinen Willen störe – Noch bin ich schwach – und soll ich ganz gesunden, Dann«, ihres Mannes Hand ergreifend, »schwöre Zu handeln, wie ich es für gut befunden. O Freund, ich weiß es, du gehorchst nicht gerne; Doch sei dein langes Sträuben überwunden. Der mich gerettet, sieh, er kommt von ferne; Nun will ich, daß er dankbar von uns scheide, Und daß er uns zu lieben nie verlerne. Auch jetzt zu zaudern, thu' mir's nicht zuleide. Die Silbermine liegt ihm stark im Sinne; Drum sattelt eure Pferde, reitet beide Fort ins Gebirge, daß er gleich beginne Zu sehn, was seine Wünsche stillen kann, Und bald den wohlverdienten Lohn gewinne. Was er mit ein'gen Maultiertruppen dann Hinwegführt, um es seewärts zu geleiten, Wird ihm gewiß genügen, lieber Mann! Für uns sind solche Schätze Kleinigkeiten; Denn unerschöpflich ist die Grube. – Sorgen Wird uns der Freund, der Nachbar nicht bereiten; Wir bleiben frei von Not – er ist geborgen.« Und was geschehen mußte, das geschah. Des Gatten Antwort war: »So sei es morgen.« Es klang nicht freudig, ach; das ging mir nah; Doch wenn ich auch mit eignem Unbehagen Des Mannes Seelenfolter fühlte, sah, Ich konnte meinem Glücke nicht entsagen. 3. Glorreicher Tag, der mich erlösen sollte Von all den Zweifeln, die mein Herz bedrückten, Und neue Horizonte mir entrollte! Gedanken, Pläne, wie sie selten glückten, Die Sonne hat sie wieder aufgefrischt, Als wir den blauen Bergen näher rückten, Gefühle, rasch entstanden, rasch verwischt, Idyllen, in des Morgens Tau entsprossen, Hoffnung, die ewig täuscht und nie erlischt. Vor meinen trunknen Blicken ausgegossen Des Schöpfers Füllhorn, und auf glattem Pfade Dem Glücke zugestürmt auf flinken Rossen – O jener Tag! Es war zu viel der Gnade, Ich dachte, – ja ich will auch dies gestehn: – Daß jetzt nur kein Gewitter sich entlade! Denn Schlimmres, schien mir, konnte nicht geschehn. Im Gürtel trug ich Hammer und Pistolen, Und so war alles, alles vorgesehn. Mein Führer hatte keinen Schatz zu holen, Ihn trieb es nicht mit fiebrischer Gewalt; Er that nur, was sein Weib ihm anempfohlen, Mir treu zur Seite bleibend, ruhig, kalt, Ein sichrer Freund, ein nüchterner Geselle. Heiß war der Weg – doch endlich hieß es: »Halt! Sieh, Väterchen, nun sind wir gleich zur Stelle.« Was aber sah ich? – Eine Felsenwand, Von deren Höhe eine muntre Quelle Herniederglitt, um wie ein Silberband Sich durch des Thales grünen Schmuck zu schlingen. Wir kamen bald bis an des Bächleins Rand. Jetzt rasch hinein, um weiter vorzudringen, Vielleicht nur wen'ge Büchsenschüsse weiter – O Gott, es sollte, durfte nicht gelingen! – Ich trabte lustig fort – doch mein Begleiter? Zusammen brach sein Pferd, das oft erprobte; Ein Fluch – und unterm Sattel lag der Reiter. Ha, welche Wut in meinem Innern tobte! Ich ritt zurück und rief: »Ein blinder Thor, Wer jemals deine Reiterkünste lobte!« Der Indianer riß sein Pferd empor Und sprach: »Ein spitzer Kiesel lag im Bache!« Und zog ihn aus des Tieres Huf hervor. »Verloren, armer Freund, ist deine Sache,« So fuhr er fort; »mein Fuß ist angeschwollen; Ich bin gelähmt – das ist des Himmels Rache. Hörst im Gebirge du die Donner rollen?« Ich hörte nichts; doch unglücksel'gerweise Half hier kein Bitten mehr und auch kein Schmollen. Wir kehrten um; mißraten war die Reise, Und was ich that, sie wieder anzuregen, Vergebne Mühe! – Lüstern nach dem Preise, Blieb ich beim Nachbar, sorgsam ihn zu pflegen. Bald war er hergestellt und voller Güte Wie früher, doch vom Fleck nicht zu bewegen. Was nützt es, daß ich über Worte brüte? Ach, meine Stellung wurde täglich schlimmer, Ihm stack der Aberglaube im Geblüte. Genug, mir schwand der Hoffnung letzter Schimmer, Auch seiner Gattin Herz ward hart wie Stein: »Die Götter wollen's nicht,« so hieß es immer; »Verzeih' uns, Väterchen, es darf nicht sein!« 14. Santos Peréz 1. In fernen und gewitterschwangern Tagen Floh durch die Pampa hin ein Reisewagen. Ein Gaucho, auf der Stirn das Todesmal, Ein Häuptling saß darin, ein General, Quiroga – von der heimatlichen Erde Nur eines fordernd: Pferde, frische Pferde! »Ha, ein Gespann!« – das war sein steter Ruf – »Mein Schicksal hängt an eines Rosses Huf.« Sein blutgetränktes Banner war zerrissen; Doch durch die Wildnis trieb ihn sein Gewissen. Er mußte sterben – und umsonst gewarnt Kam er von Córdova, verfolgt, umgarnt. »Fort, fort!« – Ein Dämon spornte seine Flanken; Nach Buenos-Ayres flogen die Gedanken Dem Feinde zu, den die Geschichte kennt 1 – Santos Peréz war dessen Instrument. Ein Sohn der Pampa, grimmig, racheschnaubend, Dabei an eine hohe Sendung glaubend; Durchtobt von zügelloser Leidenschaft, Und doch – ein junger Baum voll edler Kraft. Beritten hält er dort mit Kameraden Im Busche, die Pistolen scharf geladen. Quiroga naht – Galopp und Peitschenknall Verkünden ihn. – Vorwärts! – Ein Schuß – ein Fall – – Durchs Auge ist die Kugel ihm geflogen, Die schwarze That, der grause Mord vollzogen. »Jetzt«, ruft Peréz, »das andre abgethan: Begleiter, Diener – alle müssen dran; Die Messer her, die Hälse abgeschnitten!« Da kommt er auf den einen losgeschritten Und fragt: »Wer ist der kleine Postillon Dort auf dem Schimmel?« – »Meiner Schwester Sohn,« Antwortet jener; »o es wäre schade Für diesen Jungen; Gnade, Señor, Gnade –!« »Was Gnade!« rast der Mörder; »er wie du! – Blut fordert Blut.« Ein Fluch – dann stößt er zu. Und von dem Leichnam wieder aufgesprungen, Faßt er am Fuß den armen Gauchojungen. Ein Knabe ist's – acht Jahre oder zehn –, Die Mutter hat ihn ungern ziehen sehn. Er aber, um den Onkel zu begleiten, Um einmal recht nach Herzenslust zu reiten, Bat lange, lange – und sie ließ ihn ziehn. Jetzt ist's zu spät, zu ihr zurückzufliehn. Wohl greift er krampfhaft in des Schimmels Mähne; Umsonst – zu Boden reißt ihn die Hyäne. Er fällt – des Henkers Messer ist gezückt, Und auf des Kindes Brust sein Knie gedrückt. Der Knabe windet sich in Todesschrecken; Die Thränen, ach, die sein Gesicht bedecken, Der Schweiß, der seine blonden Locken näßt, Die Angst, die keine Worte finden läßt, Des Kindes Wimmern, seiner Schwäche Zeichen – Nichts kann des Ungeheuers Herz erweichen, In seine Seele fällt kein Sonnenstrahl – Und in die Gurgel bohrt er ihm den Stahl. Er läßt die Leiche unbegraben liegen, Und sprengt davon – die Toten sind verschwiegen. Fußnoten 1 Juan Manuel de Rosas. 2. Die Toten schweigen, doch die innre Qual, Die Selbstanklage hat dich heimgesucht, Santos Peréz, und dich verflucht, verflucht! Man lügt nicht vor dem eignen Tribunal, Man lacht nicht über seiner Ehre Fetzen; Was du gethan, erfüllt dich mit Entsetzen; Du hörst das Flehn der armen Kreatur – – O Held der Wüste! Kinder zu entleiben, Das eines Mannes Pflicht? – Gefürchtet bleiben Mag deine starke Faust, die grause Spur, Das warme Blut ist nicht mehr wegzureiben. Das Schicksal gab dich der Verfolgung preis; Du flohst durchs Land wie ein gehetztes Wild, Ach, vor den Augen stets dasselbe Bild, Und du, so jung an Jahren, doch ein Greis, Gebeugt, verzehrt von unheilbarem Kummer, Angstvollen Tagen, Nächten ohne Schlummer, Und im Gehirn die namenlose Glut! Der Menschen Strafgericht ist ein gelindes; Doch bei dem leisen Gruß des Abendwindes, Im Sonnenschein, wie durch des Sturmes Wut – Du hörtest stets das Weinen jenes Kindes. Nach langen Monden fanden sie dich dort Im Hochgebirge, schleppten dich herab, Und Buenos-Ayres brach den Richterstab. Sein Anathem, war das ein Schreckenswort? Nein! Denn vergiftet war dein Lebensbecher. Du starbst nicht wie ein zitternder Verbrecher, Als Triumphator stiegst du aufs Schaffot Und blicktest auf das Volk, das rohe, feile, Und botest stolz dein Haupt dem Richterbeile, Denn eine Stimme rief: »Ich bitte Gott, Daß er auch deine Wunden wieder heile.« 15. Von der Her »Spurlos ist der Ocean, Ueberall und nirgends Bahn; Kalt schlägt die Welle, kalt und leer Ans volle, warme Herz heran; Wohin du lugst – ein Strich, – nichts mehr, – Kalt, mein Junge, ist der Ocean! Einsam ist die See.« (C.F. Scherenberg.) 1. Mancher, der die See gepriesen, Sah sie nur vom sichern Strand; Nichts als seinen Unverstand Hat ein solcher Mann bewiesen. Freilich gab es jederzeit Leute, die sich selbst betrogen, Doch beherrscht von Wind und Wogen, Glaubt man an die Wirklichkeit. Wer da schwärmt für weite Reisen, Komme auf die salz'ge Flut, Zeige seinen Seemannsmut, Sehe selbst, ob sie zu preisen, Die sich wie geschmolznes Blei Gegen unsrer Barke Flanken Jetzt empört – verdammtes Schwanken! – Ob die See zu loben sei. Jedem Schiff, bei solchem Drängen, Geht zuletzt der Atem aus; Heute läßt die Fledermaus Kraftlos ihre Flügel hängen; Täglich Aerger und Verdruß, Und von menschlichen Gebrechen, Von so vielem nicht zu sprechen, Was man sonst ertragen muß. Setzt man hungrig sich zu Tische, – Manches könnte besser sein, Selten ist die Nahrung fein, Noch das Fleisch von erster Frische –, Ei, das tänzelt hin und her: Teller, Gläser, Löffel, Messer, Und dem unbefangnen Esser Wird die Arbeit doppelt schwer. Liegt man still in seiner Kammer, – Die Matratzen sind nicht weich – Und versucht zu schlummern, gleich Statt des Schlafs kommt neuer Jammer, Weil auf eines Schiffes Deck Ohne Schreien und Gepolter Nichts gedeiht – und keine Folter Bringt geschwinder uns vom Fleck. Zahllos sind des Meeres Launen; Was die Jugend nicht geglaubt, Der Erfahrung sei's erlaubt, Leser, dir ins Ohr zu raunen: Nähre du am sichern Strand Dein poetisches Entzücken; Auf des Meeres breitem Rücken Hat es leider nicht Bestand. 2. Wenn eine Reise lange währt, Die Passagiere mürrisch werden, Wie da mit Worten und Geberden So mancher aus der Rolle fährt, Der selbstgewählten, unhaltbaren, Sich seiner Blöße nicht mehr schämt, Statt dem, der sich im stillen grämt, Die neue Prüfung zu ersparen. Die großen Schmerzen sind verscheucht; Nun gilt es, ruhig auszuharren Bei kleinen Plagen: die Cigarren Zum Beispiel werden immer feucht; Die derbe Kost nicht zu vergessen, Das Rollen, der konträre Wind – Kurz, einer Schiffskajüte sind Die Freuden sparsam zugemessen. Und ist vielleicht man, obendrein, Genötigt, durch Korallenriffe Auf tiefbeladnem leckem Schiffe Sich nachts bei mattem Sternenschein Und starker Strömung durchzuwinden – Treulose See! Da mag fürwahr An so romantischer Gefahr Ein andrer sein Vergnügen finden. 3. Thränen, die um mich geweint, Abschiedsschwüre lieber Kinder, Seid ihr auch nicht ernst gemeint, Ihr erschüttert mich nicht minder; Denn für das, was ich vergangen, Rächt sich meine Phantasie, Und ein Glück, das ich empfangen, Das vergess' ich nie. Keuscher Lippen zarter Kuß, Kleiner Hände freundlich Drücken, An den schüchternsten Genuß Denk' ich heute mit Entzücken. Zauber einst geliebter Züge, Einsam, ratlos wie ich bin, Ach, für eine neue Lüge Gäb' ich alles hin! Wenn der Wind die Segel bläht, Hoff' ich wieder zu erfassen, Was ich deshalb nur verschmäht Und verleugnet und verlassen, Eitle Sehnsucht zu vermehren, Und allein, in düstrer Nacht, Mich in Trauer zu verzehren, Die ich selbst erdacht. 4. Wenn dich des Menschen Scharfsinn überlistet, Du wilde See, schonst du der Argonauten, Die ihrem guten Stern sich anvertrauten Und sich in deinem Busen eingenistet, Sorglos, als ihre Anker sie gelichtet, Unkundig ihrer Wege und Geschäfte? Und schonst du solcher, deren Lebenskräfte Verzweiflung, Krankheit, Hungersnot vernichtet? Für jene, die den Hafen nie erreichen, Die du begräbst mit ihrem Todesschrecke, Wirfst deine Thränen du zur Himmelsdecke, Grausame? – Nein, du lächelst über Leichen. Du spottest derer, die am Ufer weinen; Doch gönne mir den Trost, den einzig süßen, Dereinst die Heimat wieder zu begrüßen Und ewig dann zu rasten bei den Meinen! 5. Bootsmann, sagt, warum Ihr heute Traurig seid wie nie zuvor? Naher Hafen, frohe Leute, Dicht vor uns liegt Sinkapor – »Mich verwundert, Herr, die Frage; Sind wir doch am Weihnachtstage! Weib und Kinder habt ihr kaum; Wollt den Pfeffer wachsen sehen, Könnt die Sehnsucht nicht verstehen Nach dem lichten Tannenbaum.« Weihnachtsfreuden hoch im Norden? Dank für die Erinnerung! Traurig bin auch ich geworden, Doch mein Herz bleibt ewig jung, Wird vielleicht – wer kann es wissen? – Von der Heimat losgerissen, Fern vom traulichen Kamin, Ausgesöhnt mit seinem Lose, Lieg' ich einst in deinem Schoße, Inselgruppe von Bonin. 1 Dort, umrauscht vom grünen Meere, Wird die Kolonie gedeihn, Wird mein Herz, das volle, leere, Wieder hoffen und verzeihn. Neue Wurzeln muß es schlagen Nach versäumten Weihnachtstagen; Doch der Alpen ew'ges Eis Und das Fallen der Lawinen Auf verglimmende Ruinen Sei der Heimkehr später Preis. Fußnoten 1 Von dem Verfasser zur Gründung einer Ackerbaukolonie ausgesucht. 6. Engel des Lichts! Hast du es so gewollt, Daß der Orkan uns nicht die Masten splittre, Daß jetzt des Mondes Glanz herniederzittre, Zum Zeichen, daß Jehovah nicht mehr grollt? Schickst du mir solche Grüße und Symbole? Beschirmst du unsre Flagge und Bussole? Und trägt das Weltmeer mich zum fernsten Pole, Engel des Lichts, hast du es so gewollt? Engel der Finsternis! An deine Brust Warf mein Verhängnis mich, mein unheilvolles. Sagt an, ihr guten Mächte: Darf es, soll es Verschlingen, was sich keiner Schuld bewußt? Nein! keiner Schuld, die nicht zu sühnen wäre; Und doch, wo sind die Tempel und Altäre? Engel der Finsternis! Komm und erkläre Des Lebens Rätsel mir an deiner Brust. 7. Ein Lärmen über mir. – Aufs Deck gesprungen, Kaptän, ich lag im schönsten Mittagsschlaf. Was soll's? – Ein Schiff, ein Yankee, segelt brav – Da dreht er bei – Hurrah! das ist gelungen! Woher, wohin? – From Canton, go to Boston, And you? – Von Hamburg, gehn nach Kamtschatka. – Good Bye, a pleasant passage! hieß es da. – All right! – Und jeder flog auf seinen Posten. Backbord gesteuert! – Dichterherz, erwache! Frisch bläst der Wind, die Segel sind gespannt – Noch eine Frage: Braucht ihr Proviant? – Nein! – Vorwärts denn, der Rest ist Nebensache. 8. Erscheine mir, Astarte, Engelsbild! Du längst erhoffter, heiß ersehnter Schatten, O komm zu deinem Gatten! Wie diese Sommernacht, sei du mir mild! Sag' an, warum bleibst du mir ewig ferne? Blasse Tochter träumender Sterne, Erscheine mir in stiller Majestät; Ich fühle mein Ermatten – Astarte, morgen ist's zu spät. Komm! Wo zuerst ein Eiland sich erhebt, Da landen wir, da laß uns Hütten baun! Wir haben alle nicht umsonst gelebt, Wenn wir fortan dein holdes Antlitz schaun; Zerschmettert sei die trübe Schiffslaterne! Schöne Tochter flammender Sterne, Sei du die Inselkönigin! Ein Wink von dir, und sieh, wir sinken gerne, Ein neues Volk, zu deinen Füßen hin. 9. Hier ist der Lotse, Kapitän! Nun mögt Ihr gern der Ruhe pflegen Und Euch auf Lorbeern niederlegen, Die wir Euch willig zugestehn. Im Hafen schwindet Euer Zorn; Wenn Ihr die Mannschaft ausgescholten, So wart Ihr selbst, wenn es gegolten, Ein Mann von echtem Schrot und Korn. Seid Ihr nicht immer delikat Und mit den Damen gar zu offen – Wir sind im Hafen eingetroffen, Das ist das beste Resultat; Und freuen wird's mich, Kapitän, Wenn wir uns wiederum begegnen. Der Herr soll Eure Fahrten segnen, Mein alter Freund – auf Wiedersehn! 16. Waldleben Spätherbst. – Wir schritten langsam durch den Wald Zur Dämmrungszeit, ermüdet und verdrossen, Da sprach ich zu dem wackern Jagdgenossen: »Freund, laß uns hier ein Weilchen ruhn!« – Und bald Erstarben uns die Worte auf den Lippen. Im Busche hörten wir den Nachtwind säuseln, Das tote Laub zu unsern Füßen kräuseln, Und alte Birken sahn wir, gleich Gerippen, Im schwarzen Moorgrund; Schatten, riesenhaft, Umflogen uns und huschten rasch vorüber; Des Tages Nachglanz wurde bleicher, trüber. Unheimlich war es in der Nachbarschaft; Ein sonderbares Regen in den Zweigen, Sonst alles tiefes Schweigen. – Ich schlief nicht, träumte nicht; ein Schleier lag Auf mir, doch blieb ich meiner Sinne mächtig – Und da, in meiner Nähe, übernächtig, Erschien mir plötzlich, blendend wie der Tag, Ein Bild, das schmerzliche Erinnrung weckte. Du warst es, stolze Lady Margaret, Du, deren Liebe ich umsonst erfleht, Du, deren Sarg mit Kränzen ich bedeckte – O langbeweinte, herrliche Gestalt! Du saßest wieder auf dem weißen Pferde Wie einstmals. – Ließ der Liebe Allgewalt Dir keine Rast in halberstarrter Erde? Ich sah dich auf den Hals des Zelters klopfen; Aus deinen Augen fielen schwere Tropfen Auf deine holde, oft geküßte Hand. Vorbei, vorbei! – Ein Winken mit dem Tuche, O teures Antlitz, das ich ewig suche, Ein letzter Blick – und die Erscheinung schwand. Und sprachlos starrend in des Waldes Düster Vernahm ich jetzt ein Rauschen, ein Geflüster – Mir drang es in die Brust wie Grabeshauch. Lebendig aber wurden Baum und Strauch Und warfen mir, der Geisterwelt Erwachen Begrüßend, leise diese Worte zu: »Gestorben, ja gestorben bist auch du – –« Und in der Ferne dann ein hohles Lachen. War's eitel Täuschung? Fragt den Dichter nicht! An meiner Seite fand ich den Gefährten, Den treuen Freund, den starken, vielbewährten; Ein blasser Mondstrahl fiel auf sein Gesicht. Erschüttert, wie ich nimmer ihn gesehn, Doch die gespannte Flinte unterm Arme, Ergriff er meine Hand, die fieberwarme, Und sagte: »Freund, wir müssen wieder gehn.« 17. Don Juan Einer albernen Fabel Opferte dich, den Helden Spanischer Minne, Deutsche Klatschbaserei. »Tausendunddrei«, Sagen die Frommen achselzuckend, Und seit Jahrhunderten Spukst du in engen Gemütern Als zierlich geputztes Monstrum, Das mit blutbefleckten Lippen Armen Tauben Liebe heuchelt. Schönheit, Weiblichkeit, Knospende Frauenanmut Oder reiferer Formen Blendende Reizesfülle Herrschten über dein ganzes Sein. Ja, mit gewaltigen Zügen Schöpftest du aus dem Borne Unaussprechlicher Wonnen; Doch nicht Sinnestaumel, Lebensdurst, siedende Sehnsucht Zeigten dir jene Gefilde, Wo sich an hängende Himmelsgärten Irdische Liebe klammern möchte; Unter säuselnden Palmen Wolltest du, Staubgeborner, Lächelnde Engel umschlingend, In der Wollust veratmenden Ohnmacht Mit offnen Augen träumen, Um deiner Seele Einsamkeit Mit immer neuen Gefühlen Und die angestammte Trauer Mit Dithyramben zu täuschen. Fröhlich, zufrieden sein, Ist das Selbsterkenntnis Oder tierische Stumpfheit? Ist es Selbstvergessen Oder Geistesarmut? Kanntest du der Beschränkung, Der Gewohnheit schüchterne Freuden? Ewig wechselnde Bilder, Ob teure Erinnrung Oder des schaffenden Genius Nimmermüde Gestaltungskraft Aus dem Nichts sie riefen, Ließen nie dein Blut erkalten In behaglicher Sonntagsruhe; Und berauscht von dem Gifte, Das in schmeichelnden Liebespsalmen Deinen Lippen entströmte, Konnte von Evas Töchtern Keine dem Zauber entrinnen. Schale, dürftige Welt, Wäre sie nicht erleuchtet Durch holder Frauenaugen Zündende Strahlen! Lieben, Geliebtsein – Unvollkommnes, kurzes, Süßes, schmerzenvolles, Unermeßliches Glück! Ritterlicher Glanz, Stolze Geburt und voller Beutel Waren deines Strebens Treffliche Stützen; Nicht mit Harpagons Blicken Hast du Schätze bewacht, Die dir eitel schienen, Hatten nicht schöne Kinder Sich an goldnen Gaben ergötzt Und mit deiner Großmut Blitzenden Zeichen prangend Dich, den Sieger, lachend umarmt Oder dir, tief errötend, Ihren Dank gestammelt. Nicht mit eisernen Fingern Hast du Herzen gebrochen, Nicht mit kaltem Hohne Taubeschwerte Blüten geknickt; Auch du, Himmelsstürmer, Weintest manche Abschiedsthräne. Doch aus verglimmender Asche Wuchsen lodernde Flammen; Lenze wurden zu Sommern, Und in versengender Mittagsglut Lockten schwellende Früchte Mit entzückendem Dufte Und mit neuem Farbenschimmer. Nie war Platos fröstelnde Lehre Dein freies Glaubensbekenntnis; Doch in des Jünglings Busen Weckte keusche Zärtlichkeit Erhabene, starke Gedanken, Und als deine Philosophie Raschem Genusse Weihrauch streute, Suchte auch dann, im Erdenschlamme, Deine dürstende Seele Göttliche Schöpfungsfreuden. Fandest du, was du suchtest? Träufelte himmlischer Balsam Auf das heftig klopfende Herz, Daß du des Glückes Vollendung Einmal kennen durftest? Nein, du kanntest keine Vollendung. Doch ob Weiber dich liebend umfaßten, Oder ob du verzweiflungsvoll Edeln Marmor beleben, Schlummernde Triebe wecken wolltest: Schönheit und Weiblichkeit Blieben dein unvollkommner, Letzter und einzigster Trost, Und kein Triumph des Geistes Schien dir größer, gnadenreicher, Als der bald aus verschämten, Bald aus schmachtenden Blicken Dir, dem Schwärmer, entgegenstrahlte. Fliegende Pulse – frühes Siechtum! Durch der Liebe feurigste Küsse Wehen leise Grabesschauer; Liebeskrank und todesmutig Riefst du selbst, in wilder Laune, Dein Verhängnis in die Schranken Und verhauchtest dein verwirktes Dasein, Don Juan, heißbeweinter, Ohne Hoffnung und ohne Reue. 18. Strophen Trauernde Wolken über dem Walde, Graue Nebel auf dem See; Sorglos an der grünen Halde Weiden Lämmer, weiß wie Schnee. Doch die blasse kleine Dame Auf des Schlosses Söller dort Trauert – und in tiefem Grame Seufzt sie: Freund, wie lange bleibst du fort? Drohende Wolken, zieht von hinnen! Schwarze Nebel, habt Geduld! Wenn der Liebe Thränen rinnen, Sei der Himmel voller Huld. Ach, die blasse kleine Dame Seufzt um ihr bedrohtes Glück, Und sie spricht in tiefem Grame: Mein Gebieter, kehre bald zurück! Weinende Wolken, ohne Gnade Seid ihr für die Späherin. Doch, gepeitscht vom Regenbade, Eilt ein Reiter zu ihr hin, Und, erlöst von allem Grame, Drückt mit neuer Lebenslust Seine Hand die kleine Dame Weinend auf die kranke, kranke Brust. 19. Febre amarella Rein die Luft, der Himmel spiegeleben; Nur daß über jener Berge Kranz In der Abendsonne mattem Glanz Weiße Wolken langsam sich erheben. Unter mir die Schlucht, Palmengruppen, schwellende Bananen, Steingerölle, Häuser mit Altanen Und die vielbesungne Inselbucht. Rio de Janeiro! In der frühen Dämmrungsstunde ruhst du, schon besiegt, Um die Hügelkette hingeschmiegt, Sterbend nach des Tages heißen Mühen. Bis der Morgen graut, Bis die Hähne von den Dächern krähen, Wird der Tod die Opfer auserspähen, Die das Los ihm heute angetraut. O des Schattens auf dem Zauberbilde! – Dunkle Färbung liegt auf Wald und Flur; Kräftig weht der Odem der Natur Durch der Tropen blühende Gefilde; Und den Herrscherstab Führt in diesem Reiche kein Herodes; Doch ist dies das Land des jähen Todes Und des Fremdlings nimmersattes Grab. Eden, wo des Geistes Blüten sterben, Schönes, aber unwirtbares Land, Wildnis, von verschwenderischer Hand Auserwählt, um elend zu verderben. Durch die reine Luft Zittern unsichtbare Fieberschauer, Und der Denker schaut, in tiefer Trauer, Nieder auf die große Totengruft. Schleichend kam der Feind; doch immer fester, Immer rascher, kühner ward sein Gang. Seine Herkunft ist ein Schreckensklang, Pest die Mutter, Cholera die Schwester; Mitleidslos sein Blick, Der aus schwarzen Augenhöhlen zündet. Unerwartet, ach! und unergründet Kam er, wie ein rächendes Geschick. Ausgespieen von Guineas Küste, Deren arme Kinder Ihr geraubt, Ihr, die an Vergeltung nie geglaubt, Stillt er jetzt dämonische Gelüste; Aber selten bricht Er mit kecker Faust des Sklaven Ketten, Geht vorüber an der Henker Betten, Nur die fremden Gäste schont er nicht. Für den Frevel muß die Unschuld büßen; Hier ist Untergang ihr sichrer Lohn. Flehend krümmt des Nordens blonder Sohn, Todesengel! sich zu deinen Füßen; Doch dein Atem haucht Trübe Wolken vor des Tages Helle, Wenn in unsers Lebens tiefste Quelle Ein Vergifter seine Finger taucht. Schiffe dort! Was heimischen Gestaden Ihr entrissen, fordern sie zurück: Frisches Hoffen, jugendliches Glück, Und ihr geht verwaist und grambeladen. Welche Kunde fliegt In die fernen, heimatlichen Gauen, Zu den Bräuten, zu den holden Frauen Von der Mannschaft, die im Sterben liegt? Mutvoll in die weite Welt gegangen War der Jüngling – und die erste Fahrt Hat ihn vor Enttäuschung nicht bewahrt, Nicht vor hohlen Augen, fahlen Wangen, Seit er dich erreicht, Schlachtfeld ohne Ruhm und ohne Ehre; Denn vor Seuchen schützt ihn keine Wehre, Wenn das Glück von seiner Seite weicht. Eitel war der Kampf, umsonst befeuchten Der Verzweiflung Thränen seinen Pfühl – – Nervenzucken nennt ihr das Gefühl, Den Gedanken bloßes Phosphorleuchten? Keine Ewigkeit Wartet derer, die der Staub geboren? – Wohl! – Doch alle Weisheit ist verloren, Wenn die Kreatur zum Himmel schreit, Wenn kein Lichtstrahl aus den stummen Räumen Niedergleitet in die grause Nacht. – Fort von hier! – Hinunter in die Schlacht! Besser das, als unter Palmen träumen. Brüder, nicht allein Will des Fiebers Krallen ich enteilen; Besser ist es, euer Los zu teilen; Euer Grab soll auch das meine sein. 20. Eine Nachtwache (1858.) »Freiheit ist die große Losung, deren Klang durchjauchzt die Welt.« (Anastasius Grün.) »Le réel est étroit, le possible est immense.« (Lamartine.) »Wenn einem aber das Meer seine Geheimnisse offenbart, und das große Welterlösungswort ins Herz geflüstert, dann ade, Ruhe! Ade, stille Träume! Ade, Novellen und Komödien« – (Heine.) Durch die Wellen flog der Schoner, auf und nieder ging der Kiel, Frische Brise in den Segeln, vor den Augen unser Ziel. »Fort von den Kanonen, Jungens! – Sendet keinen Gruß ans Land; Schweigend refft die Segel, schweigend werft den Anker in den Sand!« Drohend steigst du aus den Wassern, von vulkan'scher Kraft erzeugt, Florumhüllter Fels, vor dem sich zitternd eine Welt gebeugt. Früher reichten deine Schatten weiter als die salz'ge Flut, Wenn du deine Krone tauchtest in der Abendsonne Glut, Wildnis, deren Trauerweiden eines Cäsars Grab umzäunt, Tropenhimmel, der du huldvoll eine Marmorstirn gebräunt. Weil ich dieser Ankerstelle später Gast geworden bin, Soll auch ich mein Haupt verbergen in zerriss'nem Hermelin, Wenn Millionen Sterne funkeln, süßer Tau herniedertropft, Daß mein Herz in neuer Frische an die morschen Rippen klopft? Doch nicht dein Erwachen ist es, was mir in die Seele schleicht, Rausch der Jugend, der nur selten mich begeistert und erweicht. Kälter ist mein Blut geworden, freier ist mein Forscherblick, Seit zum Manne mich gehärtet ein gewaltiges Geschick. Muse, holde Himmelstochter! Freundlich hast du mir gelacht; Doch aus deinen Zauberhainen mußt' ich in des Lebens Schlacht. Du versagst dem Ungetreuen einen Druck der zarten Hand; Doch berührt in guten Stunden seine Schläfen dein Gewand. Selten naht die wahre Weihe; ungern rauscht sie übers Meer; Oft ein einziger Gedanke, und die Brust ist wieder leer. Wenn ich's heute fassen könnte, was auf einmal mich ergreift, Was nach sturmbewegten Jahren zum Propheten mich gereift! Sanct-Helena! Grünes Eiland! Dir erklinge dies Gedicht, Weht auch vor entweihten Gräbern meine Seemannsflagge nicht. Mein sei diese Nacht; es dränge sich kein schlotternder Popanz Zwischen meine matten Augen und den überird'schen Glanz. Sterne, seid ihr andre Welten? Nährt ihr ängstlich eine Brut, Menschenähnlich, gottesfürchtig, heute schlecht und morgen gut? Hier in Finsternis versunken, dort dem Lichte zugekehrt, Ein Geschlecht, das ewig grübelt, ewig leidet und begehrt? Nie den Schöpfungsdrang verleugnet, gern an Geistesblüten nascht Und mit seinen Adlersklauen nur ein ärmlich Glück erhascht? Sterne, teilt ihr mit dem Erdball gleiche Zukunft, gleiches Sein, Lebenswärme, Fortschritt, Wissen, Liebeslust und Todespein? Seid ihr flatternde Signale, Larven, wunderbar erhellt, Und als stumme Satelliten einer Herrin zugesellt? Fragen, die kein Denken fördert, heil'ge Rätsel, die sich nie Kalter Wissenschaft entziffern – ihr gehört der Poesie. Freudig ahnen's ihre Priester, rufen's in des Weltalls Dom: Du allein, o Mutter Erde, bist kein schlummerndes Atom! Laßt mir diesen Dichterglauben, gönnt mir meinen schönen Traum, Lichter über mir, ihr flackert an der Erde Weihnachtsbaum! Was bedeutet ein zerschellter, meerumrauschter Fürstenthron, Wenn wir uns verloren wissen in der Welten Legion? Sanct-Helena, Totenhügel! Deine Schatten reichten weit; Denn in deinem Schoß gebettet lag das Wunder seiner Zeit. Ja, er hieß der Größten einer; kühn war seines Geistes Flug, Als ihn noch des Glückes Göttin durch der Völker Reihen trug; Als er mit gezücktem Schwerte, als er mit besporntem Fuß Euch, ihr Könige Europas, dankte für den Brudergruß. Trommelschlag und Kriegsfanfaren – das war liebliche Musik Für den Spätling des Jahrhunderts, für das Kind der Republik. Als von rauchenden Ruinen ihn ein gnädig Los getrennt, Da umfloß die Wasserwüste eines Riesen Postament; Denn der Fels, den seiner Feinde Argusaugen ausgespäht, War des großen Mannes würdig, der so bitter ihn geschmäht. Und wie war es gut zu wohnen droben unterm Palmenzelt! Schiffe zogen stolz vorüber, jedes eine kleine Welt, Schwerbeladne Gallionen, mit der reichen Handelsfracht Friedenselemente bringend, Zeugen neuer Erdenmacht, Boten einer neuen Zukunft, ohne kriegerischen Spuck, Wo der Eintracht Banner wallen als der Völker schönster Schmuck. Doch in des Verbannten Busen wogte nimmersatter Haß; Bei des Meeres freiem Gruße wurde nie sein Auge naß. Ein besiegter Gladiator, der mit offnen Wunden prunkt, War er noch, in seinem Wahne, aller Dinge Mittelpunkt. Wenn ein Hirsch in Todesnöten durch die blut'gen Büsche bricht, Birgt er sich an dunkler Stelle vor des Jägers Angesicht; Hört er der Verfolger Schritte, fanden sie die rote Spur, Wendet er den Blick gen Himmel – so gebot es die Natur. Wenn ein Dulder sich verblutet, wenn des Weisen Stunde schlägt, Wohl ihm, daß er seines Wirkens Nichtigkeit im Herzen trägt! War es solche Selbsterkenntnis, die auch jenes Herz beschlich? Frankreich war sein letzter Seufzer, – Frankreich war sein eignes Ich. Was die Liebe nicht befruchtet, schwindet in der Zeiten Lauf; Ewig kreisen die Planeten, ewig geht die Sonne auf. Doch nur wen'ge Saaten reifen an dem Borne ew'gen Lichts; Wahre Glaubenshelden kämpfen im Bewußtsein ihres Nichts, Weinen diamantne Thränen, und sie geben freudig hin, Was in ihren Adern rieselt, jeder Tropfen ein Rubin, Edelsteine, einzureihen in der Menschheit Diadem, Opfer männlicher Entsagung, selten nur und unbequem. Leichter ist es, fortzuschwimmen mit dem Strom der Gegenwart; Leichter, menschlicher Bethörung zu bezahlen seinen Part; Rätselhaft des Himmels Fügung, wie sie langsam sich erfüllt, Licht und Schatten täglich wechselnd und die Zukunft stets verhüllt. In verhängnisvollen Stunden hat ein Schauspiel sich erneut, Das den Denker nicht befriedigt und den Dichter nicht erfreut. Die, der Freiheit Fahne schwingend, an ihr eignes Selbst geglaubt, Haben des Tyrannen Asche, Sanct-Helena, dir geraubt. Ihres Willens frommer Träger war ein edler Königssohn, Und der Neffe deines Toten sitzt auf seines Vaters Thron! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Noch versinkt im Meeresgrunde, wer Sirenenstimmen lauscht, Und verloren ist der Schwimmer, dem das Glück vorüberrauscht. O des wandelbaren Glückes! – Umgeschlagen sei das Blatt; Keine Fackeln will ich schleudern in das Thal von Josaphat. Nicht das Jetzt gehört dem Dichter; fernen Klängen lauscht er gern; Durch der Zukunft Finsternisse folgt er seinem guten Stern. Wenn der Gegenwart Bedrängnis ihm die Phantasie erhitzt, Tröstet ihn der Himmelsfunke, der in seinem Hirne blitzt. Eines nur dem Tageshelden, den mein Lied nicht feiern kann: Wenn die Sanduhr ausgelaufen, stirb als Cäsar und als Mann! Stirb umringt von Feindesscharen, nicht auf einem Felsenriff; Mit dem eignen Blute zahle einen kaiserlichen Griff. Stirb mit jener Soldateska, die ihr Schicksal dir geweiht; Auch mit ihrem Blute sühne Thaten, die nur Gott verzeiht. Sanct-Helena, Ruhestätte, dir erklinge mein Gesang! Frieden fordert das Jahrhundert, welches deinen Gast bezwang. Tauche deine Nebelkrone in der Morgensonne Glut, Denn der menschliche Gedanke zittert durch die salz'ge Flut. Neues Leben strömt hernieder, neues Leben wallt empor, Und gelichtet sind die Pfade zu des Tages goldnem Thor. Nicht im Dom der Invaliden, nein, umrauscht vom Ocean, Ruf' ich: Großes ist im Werden, ruf' ich: Großes ist gethan! Gläubig schau' ich zu den Sternen und verkünde Gottes Wort: Licht und Schatten mögen wechseln, doch die Erde schreitet fort. Auf zerrissenen Standarten liegt des Feldherrn Lorbeerkranz – Weiter schweifen meine Blicke, – dir, o Zeit, gehör' ich ganz! Eisenbahnen, Telegraphen, Handelsflotten möcht' ich bau'n Und durch Riesenteleskope ferne Horizonte schaun. Mutter Zeit, du wunderbare! Freiheit, süßes Himmelsbild, Eure besten Kämpen führen einen Pflug im Wappenschild. Die Verheißung ist gekommen und die Hoffnung wieder da: Unsre neuen Wallfahrtsorte heißen Suez, Panama. Unsre neuen Ritter tragen in der Faust ein grünes Reis; Dank der Kinder und der Enkel ist des Siegers schönster Preis. Eine blütenvolle Zukunft, Lorbeern, die kein Feldherr fand, Harren deiner tapfern Söhne, o mein deutsches Vaterland! Nirgends grünen Paradiese; doch, befreit von Hungersnot, Wird ein junges Volk gedeihen in der Tropen Morgenrot. Reichgeborne Müßiggänger, die des Lebens wärmster Kuß Nicht entflammt zu kühner Sehnsucht, nicht bewahrt vor Ueberdruß, Ihr verlacht die heil'ge Flamme, die in meinem Herzen brennt; Weiber, Pferde, Histrionen – das ist alles, was ihr kennt. Schämt euch solcher Sklavenketten, und in jugendlichem Zorn Streut in blühende Savannen eurer Väter goldnes Korn! Streut es aus mit beiden Händen – andre darben, macht sie satt! Glücklich sein ist glücklich machen, geben, was man selbst nicht hat. Neue Saaten laßt gedeihen, Schmerzen lindert, Wunden heilt Dort, wo keine Menschensatzung ängstlich Luft und Licht verteilt, Und durch tausendjähr'ge Wälder dringe eurer Aexte Schall Dort, wo Arbeit mehr bedeutet als des Wucherers Metall! Trauert ihr, weil aus Palästen die Zufriedenheit entfloh? Kommt! In selbsterbauten Hütten wird die Seele wieder froh. Auch dem Schwächling frommt die Lehre, dem ein seichtes Lied gelang Mit erkünstelten Gefühlen, Mondscheinseufzern, Becherklang. Dichter, gürtet eure Lenden und vergießt den sauren Wein – Nur mit schöpferischen Thaten will die Zeit gefeiert sein! Ach, die Muse ringt mit Fragen, deren Lösung ich versäumt, Ich, der über Reime brütend von Unsterblichkeit geträumt. Manchem ist es so gegangen ... Doch der Morgen rückt heran; Frischer weht's, und wieder fühl' ich deinen Herzschlag, Ocean. Schon so lange, kleiner Schoner, trau' ich deinem müden Kiel; Meine Heimat bist du heute, und das Meer ist mein Asyl. Ich, geboren unter Hirten, dort wo Milch und Honig fließt, Find' ich so den Preis, der würdig eine weite Laufbahn schließt? Nicht mehr blind von süßen Thränen zieh' ich in die Welt hinaus; Schwüle, sorgenschwere Jahre trennen mich vom Vaterhaus. Hui, wie mir die grünen Aehren ein Gewittersturm zerschlug, Wenn ich meines Lenzes Früchte auf den großen Weltmarkt trug! Oft auch hat es trotz des Sommers in den Garten mir geschneit; Manches reut mich, doch die Reue läßt mein Herz voll Bitterkeit. Opfern kann ich mein Bewußtsein, untergehn mit leichtem Sinn; Doch für all die Seelenmarter ist zu elend der Gewinn. Könnt' ich ohne Gram und Reue, ohne Furcht und Leidenschaft An ein letztes Glück verschwenden meines Herzens letzte Kraft! Strahl der Liebe, bess'rer Glaube, der du mein Geschick gelenkt, Alles hast du mir verheißen und wie wenig mir geschenkt! Nicht verschmäh' ich mehr, was früher meinem Streben nicht genügt; Dem Gesetz, dem allgemeinen, hab' ich endlich mich gefügt. »Herz, mein Herz, warum so traurig, und was soll dein ew'ges Ach?« Sehnst du dich nach Weib und Kindern und nach einem schatt'gen Dach? Nach der Hunde frohem Bellen, wenn man abends heimwärts zieht Und von ferne durch den Nebel seinen Schornstein rauchen sieht? Dich ersehn' ich, Seelenruhe, suche dich vom Süd zum Nord; Kommst du je zu mir, dann werf' ich meine Lyrik über Bord; Denn nicht Selbstbetrachtung ist es, was des Mannes Nerven stählt. Stünden neue Pfade offen, – wohl, ich hätte bald gewählt. Doch die Würfel sind gefallen, und mein Hoffen ward zum Traum; Meine wuchernden Gedanken keimen über Zeit und Raum; Und sie wachsen unaufhaltsam, wachsen bis in späte Zeit, Wenn ich traurig bin in meiner grenzenlosen Einsamkeit. Keine Hekatomben feiert eines Sängers Phantasie: Menschen, Brüder, Mitarbeiter! Dieses Herz erschöpft ihr nie. Und es wendet sich für immer von der leeren Felsengruft, Träumt von tausend grünen Inseln, schwimmend in der Tropen Duft; Träumt von deutschen Kolonieen, wo die deutsche Flagge weht, Sieht ein Reich, in dessen Grenzen nie die Sonne untergeht. Ja, das ist der Hauch des Frühlings, der des Dichters Busen schwellt: Deutschland, dir gehört die Palme! Deutschland, dir gehört die Welt! Fern von deinen Eichenforsten, auf den Wellen sei ich hier Deiner künft'gen Größe Barde, deiner Freiheit Pionier. Ja, der Morgen ist gekommen, wie ein flammendes Symbol – Auf, ihr Schläfer, löst die Segel! – Sanct-Helena, lebe wohl! 21. An C.P. Ein Brief, entsandt von jenen Brettern, Wo deine Kunst mich einst entzückt? O Freundin! Die bekannten Lettern, Wie haben die mich neu beglückt! Nun winken mir so süße Bilder, Nun scheint die Zukunft wieder milder Und nahe die Vergangenheit; Stern, der mich einst geblendet, Dein Licht ist nicht verschwendet In dieser grünen Einsamkeit. Da mir die Jugend täglich schwindet, Und da mein Herz, zu spät belehrt, Haß und Verachtung nur empfindet Für vieles, was ich sonst gelehrt; Da seine Seufzer längst verklungen, Ach! nur von Zärtlichkeit durchdrungen Für dich, so wird es jederzeit Zwar schmerzlich dich vermissen, Doch dich zu ehren wissen In dieser grünen Einsamkeit. Ich weiß, du bist nicht zu bedauern Dort in dem glanzerfüllten Saal; Dich läßt das Schicksal nicht verbauern In einem stillen Palmenthal; Doch drücken dich die seidnen Kleider, Dann gönne mir verblüffte Neider, Dann denk' an mich und fliehe weit Und übers Weltmeer steure Zu mir, du Holde, Teure, Nach dieser grünen Einsamkeit. Will dir dereinst nicht mehr gefallen, Was jetzt dein junges Herz erfreut, Dann laß die Schmeichler und Vasallen Und alles, was die Sonne scheut; Dann laß, wohin dein Freund verschlagen, Dich die beschwingten Füßchen tragen – Sieh! Seine Hütte steht bereit Für dich zu jeder Stunde. Geliebte, komm! Gesunde In dieser grünen Einsamkeit. 22. Reisestudie (Aus einem größern Cyklus.) 1. Milliarden kommen und verschwinden wieder Im großen All nach kurzer Lebensreise; Giganten, Zwerge, Kinder oder Greise, Wir sind nur einer Kette morsche Glieder. Die Erde mäßigt nie den immergleichen, Den steten Lauf. Wir gehen rasch zu Grunde; Gleichgültig sieht mit jeglicher Sekunde Die Sonne neue Wesen, neue Leichen. Nur was bewußtlos der Natur entsprossen, Hält an der Scholle fest mit starken Ranken; Der Menschheit wurden tötliche Gedanken Als frühe Mahnung ins Gehirn gegossen. Es möchte, wen zu edeln Seelenleiden Die große Pflegemutter auserkoren, Einst leuchtend, gleich des Himmels Meteoren, Doch unvergänglich von der Erde scheiden. Hier aber will er herrschen und besitzen, Der Kunst, des Wissens letztes Wort ergründen, Der starren Mitwelt seine Macht verkünden Mit kühnen Thaten oder Geistesblitzen. Mag auch sein Blut aus tiefen Wunden fließen, Den Sieger grüßen schmetternde Fanfaren, Wenn endlich seinem Blick, dem festen, klaren, Der Erde letzte Wunder sich erschließen. Den Pflegling, der sich stolz emporgerungen, Sie läßt ihn an den fernsten Küsten landen; Schon ist sein Dampfroß bis zum Fuß der Anden Und bis zum Himalaja vorgedrungen, Daß dort die Adler in die Lüfte rauschen, Versprengte Herden durch die Steppen jagen, Und Indianer, weit ins Land verschlagen, Entsetzt dem neuen Schrei des Fortschritts lauschen; Daß hier die Löwen durch die Schluchten brüllen, Die Elefanten durch die Wälder traben, Die Tiger sich im Bambusrohr begraben Und so der Zeiten Machtgebot erfüllen; Daß, wenn das Ungetüm auf sicherm Damme Schnaubend dahinfährt, tausend Krokodille Auf einmal in der heil'gen Ströme Stille Sich pfeilschnell retten aus dem Uferschlamme, Und wenn es über die granitnen Brücken Und durch die Tunnels donnert, und der Boden Ringsum erzittert, sich in den Pagoden Die Götzenbilder bis zur Erde bücken. Bewegung, Fortschritt predigt das Jahrhundert; Wir lachen derer, die zurückgeblieben, Und fühlen uns gewaltsam fortgetrieben Und sind darob zuweilen selbst verwundert. Wir wissen kaum, warum wir vorwärts schauen; Erschüttert ist der schöne Christenglaube; Doch mächtig bleibt der Drang, mit unserm Staube Der Nachwelt neue Tempel aufzubauen. Sie aber wird zu andern Göttern beten Und unsern Werken wenig Achtung zollen Und dem Verhängnis selber trotzen wollen Mit neuen Helden, Denkern und Propheten. Auch ihre Spuren wird der Wind verwehen, Und keiner kann des Lichtes Quelle finden; Wir alle, die wir denken und empfinden, Wir müssen unbefriedigt untergehen. O, trotz der Dunkelheit des Todespfades Fortdauern? – Wort des Zweifels und des Truges! Für dort – ein Schemen des Gedankenfluges, Für hier – ein mattrer Schlag des Zeitenrades. Was sind der Kampf, die Wissenschaft, die Dichtung, Wenn uns die Frist so kärglich zugemessen? – Nichts als ein zorniges Sichselbstvergessen, Ein Fliehen vor dem einen Wort: Vernichtung. 2. Die zum Triumphe sich berufen wähnen Und um ein modernd Kreuz sich gläubig scharen, Wer sind sie? Großgesäugt mit bittern Thränen, Ein junges Volk von nur zweitausend Jahren. Zweitausend Jahre? Und die kaum erweckte Gemeinde will den Weltenscepter führen? Und nach Jahrtausenden, welch neuer Sekte Wird dann der Bildung erster Rang gebühren? Und wollt ihr jene Zahl ums Tausendfache, Nein, bis ins Unermeßliche vermehren, So kann das Menschenherz, das eitle, schwache, Sich ewiger Entsagung nicht erwehren – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 23. Lise »C'est moi qui te dois tout, puisque c'est moi qui t'aime« (Voltaire.) Was ich bin und was ich habe, Liebste! dank ich dir allein; Ohne dich wo würd' ich sein? Nirgends als im kalten Grabe. Doch du hast mich gut gepflegt Und in Stürmen und Gefahren Tröstend, schon seit manchen Jahren, Dich an meine Brust gelegt. Bösen Kummer, schwarze Grillen, Weggeplaudert hast du sie. Dich betrüben mocht' ich nie; Immer that ich deinen Willen, Und wie wenig meiner Art Kinderlaunen sonst behagen, Dir verzeih' ich alle Plagen, Die selbst du mir nicht erspart. Und es kommt mir sehr zu statten, Daß du keine Dame bist Voller Trug und Hinterlist, Keiner Schwiegermutter Schatten, Keine Puppe, steif und stolz, Gleich verwundert und betroffen, Angethan mit schweren Stoffen, Und darunter leichtes Holz. Nein! Von wohlgeratnem Gusse Bist du, fein und zierlich zwar, Wie ich's liebe, ganz und gar; Aber von des Unglücks Kusse Blieben deine Lippen bleich. Deshalb nenn' ich dich die Meine, Und dein Herz, du arme Kleine, Macht mich unermeßlich reich. Zitternd kamst du hergeflogen, Und der Klausner hielt dich fest; Seines Strebens ganzen Rest Hat dein Lächeln aufgewogen; Kind und Gattin bist du mir – Alle Dichter schwärmen gerne; Aber selbst aus dunkler Ferne Kam ich wieder heim zu dir. Hätt' ich jene Riesenfeder, In des Aetnas Schlund getaucht, Die ein andrer schon gebraucht, 1 Lesen müßte bald ein jeder, Was ich mit gewalt'ger Hand An die Himmelsdecke schriebe Der zu Ehren, die ich liebe, Deren Herz das meine fand. Doch wie konnt' ich daran denken, Ich, ein sonst vernünft'ger Mann, Was sie gar nicht lesen kann, Deutsche Verse ihr zu schenken? Ach! ich habe jederzeit Das nur niederschreiben wollen, Was dem Herzen mir entquollen, Nicht der Dichtereitelkeit. Laß denn die Poetengabe Diesmal dir willkommen sein; Was ich hier für dich allein Schüchtern eingeschaltet habe, Ist nur deshalb ein Gedicht, Weil ich nicht genug gepriesen Was du Liebes mir erwiesen, Aber das – das glaubst du nicht. (1864.) Fußnoten 1 Und mit solch' feuergetränkter Riesenfeder Schreib' ich an die dunkle Himmelsdecke: »Agnes! ich liebe dich! –« (Heine.) 24. Ein Wunsch »Wie schön, mein Freund, ist diese Abendstunde! O komm und hänge keinen Grillen nach; Durch Feld und Garten machen wir die Runde.« Sie faßte lächelnd seine Hand und sprach: »Wie schön, mein Freund, ist diese Abendstunde!« Er dachte: Was sind Stunden, Tage, Wochen? Was hoffen wir mit jedem Atemzug? Ein Herz, ein liebend Herz ist bald gebrochen, Der Tod gewiß und rasch der Zeiten Flug. Er dachte: Was sind Stunden, Tage, Wochen? Wen trifft das Los zuerst, wen von uns beiden? Wann sehn wir uns zum allerletzten mal? Wer tröstet dich in deinen Todesleiden? Wer tröstet mich? – O Rätsel voller Qual! – Wen trifft das Los zuerst, wen von uns beiden? Wenn ich, Geliebte, dir die Augen schlösse, Die treuen Augen, holde Dulderin, Du weißt es wohl, mit meinen Thränen flösse Auch jede Hoffnung, jeder Trost dahin, – Wenn ich, Geliebte, dir die Augen schlösse. Doch bringen sie des Gatten Totenbahre, Daß du, mein armes, schwaches Weib, entsetzt Dich schicken mußt in öde Witwenjahre, Dich schluchzend fragen mußt: Und jetzt? Und jetzt? – Doch bringen sie des Gatten Totenbahre ... Nein! Gott der Gnade, laß es nicht geschehen! Zum Himmel dringe meines Herzens Schrei: Laß, Vater, sie zuerst hinübergehen! Doch daß sie elend und verlassen sei, O Gott der Gnade, laß es nicht geschehen! 25. Saudades 1 »Um ein Totes trauert sich's besser als um eines, das man verloren hat und das noch lebt.« (B. Auerbach.) »Sprich zu mir mit der süßen, sprich zu mir mit der vertrauten Stimme; meine Seele dürstet nach Liebe.« »Fugidas as alegrias, Ai! abismam-se meus dias, E as noites frias, sombrias, N'um pungente recordar ... E tudo, tudo definha, Porque tu, que fòste minha, Andas agora sósinha, Para nunca mais voltar.« (Dranmor.) 1. O mein geliebtes Kind, Sprich zu mir, sprich zu mir In Briefen, voll von süßen, Voll von herzigen Grüßen! Taub bin ich gewesen und blind, Schmollend immer und grollend, Das Unmögliche wollend – Doch sprich zu mir, sprich zu mir Du mein schmerzlich geliebtes Kind, Denn meine Träume sind Alle, alle bei dir! O mein verlass'nes Kind, Komm zu mir, komm zu mir Dem jetzt so Müden, Kranken, Scheuche schwarze Gedanken; Ach! komme doch, komme geschwind! Heile die Langeweile, Komme mit Sturmeseile Wieder zu mir, ja zu mir, Du mein armes, verlass'nes Kind, Denn meine Seufzer sind Immer, immer bei dir! – 2. Du verwaistes Haus erfüllst mich mit Graus, Seit die Liebste mir entfloh; Ich blicke hinaus in der Wogen Gebraus, Und mein Herz wird nimmer froh, Mein treues Herz, dem es nicht gelingt, Zu denken an neues Glück – Und die Brandung bringt, und die Brandung bringt Mir keine Hoffnung zurück. Nur an dich gedacht, nur für dich gewacht, Und allein nun in Finsternis! O tiefe Nacht, seit der Hölle Macht Dich meinen Armen entriß! Ich rufe, seit zwischen uns rauscht das Meer, Ich rufe dich überall; Doch mein Haus ist leer, doch mein Haus ist leer Und trostlos der Widerhall. Ob die Sonne scheint, ob der Himmel weint, Mich verfolgt dein bleiches Gesicht; Daß wir innig vereint, du hast es verneint, Und meine Folter sahst du nicht. Doch mir, der ich deine Folter sah, Du verirrtes, verscheuchtes Kind, Geht nur eines nah, geht nur eines nah: Daß wir beide verloren sind. Fußnoten 1 Ein portugiesische unübersetzbares Wort, welches Sehnsucht und, je nach der Stimmung, freudiges oder reuevolles Erinnern bedeutet. 26. Nachts auf dem Verdeck »I'll praise, admire, and worship thee, But shall not, dare not love again.« Wild die See, der Himmel dicht verhängt – Wohl! es ziehe hin zu dir die Kunde Dessen, was in dieser trüben Stunde Sich vor meine müde Seele drängt. All mein Denken ist ein tiefes Schmerzen, Und ich glaube nicht an bess're Tage, Denn ich trage, Trage einen bösen Pfeil im Herzen, Und ich fühle, daß verwirkt mein Heil, Daß kein liebes Wort aus Freundes Munde Mich belebt in meines Herzens Grunde, Mich vergessen läßt den Todespfeil, Der sein schlimmes Werk noch nicht vollendet, Weil ein Antlitz, ein verklärtes, reines, Ach! weil deines, Weil ein Engel sich zu mir gewendet. 27. Heimweh »O mein Heimatland! O mein Vaterland! Wie so innig, feurig lieb' ich dich!« (Gottfried Keller.) »Heimweh ist die Krankheit einer schwachen oder einer erschöpften Seele.« Helvetien, grüne Schweiz! Aus deinen Gauen Ist trotzig einst ein Knabe fortgegangen, Als tausend Wünsche ihre Löwenklauen Um seines Herzens weiche Rinde schlangen. Da waren viele, ihm den Weg zu zeigen; Die Freundschaft kam mit mancher Lebensregel; Ihm aber hing der Himmel voller Geigen, Und stolzen Mutes ging er unter Segel. Das ist nun lange her. – Ich war der Knabe, Und niemand hat in meiner Brust gelesen, Was ich geseufzt, geweint am Wanderstabe: »Allein! Allein! Und so will ich genesen? Allein! Allein! Und das der Wildnis Segen?« O könnte, wer mit meinem Blute schriebe, Die Worte jenes Dichters widerlegen: »Dem Haß entfloh ich, aber auch der Liebe!« Du, Heimat, warst es nicht, die mich verfluchte, Helvetia, Riesin! Du verziehst dem Zwerge, Als er die goldnen Triften wieder suchte, Die stillen Thäler sah, die freien Berge, Die himmelhohen, ew'gen Gletscherwände. Du warst es nicht, die seine Freude störte, Als er von deiner Seeen Fruchtgelände Den Donner ferner Katarakte hörte. Ja, Vögel flogen aus den offnen Bauern, Die draußen ihre Freiheit grausam büßten – So dacht' ich gramvoll, als die morschen Mauern Des öden Vaterhauses mich begrüßten. Zu früh die Regung und wie Schaum zerflossen – Auf einmal schien mir alles wieder fremde; Noch nicht genug gelitten und genossen, Jetzt schon die Heimkehr – und ein Totenhemde? O daß ich diese Worte nie gesprochen, Und daß ich nie den Blick gewendet hätte! Denn jetzt ersehnt sich, einsam und gebrochen, Der Pilger nichts als eine Ruhestätte. Nach Frieden ringt sein Herz, das todeswunde; Ein Bild nur taucht empor aus wirren Träumen: Ein Strohdach, dort, in einem kühlen Grunde Und rings umzäunt von fruchtbeladnen Bäumen. So reicht die Bruderhand dem Reisemüden, Daß er sich löse von dem Zauberbanne; Er gibt ihn hin, den sonnetrunknen Süden, Für eine einz'ge schneebehangne Tanne. So ruft ihn wieder nach dem armen Neste, Eh' neues Herzeleid den Weg ihm abgeschnitten – Mein Vaterland, du bist das schönste, beste, O nimm mich auf! – Ich habe viel gelitten! Das also ist es, was die Jahre lehren: Dorthin, woher man kam, zurückzuwandern, Nach eitlem Forschen plötzlich umzukehren Und dann als Greis zu werden wie die andern. Tribut, den ich der Jugend Neugier zollte, Den hat die Heimatsliebe längst verschlungen, Wenn ich auch diese Fiber töten wollte, Umsonst war der Versuch – ich bin bezwungen. Ich bin bezwungen! Und von dieser Stelle Möcht' ich den Fuß auf alle Trümmer setzen, Nur um des Vaterhauses heil'ge Schwelle Mit meinen letzten Thränen zu benetzen. (1858.) [Die Krone nicht, die dir vom Haupt gefallen] Die Krone nicht, die dir vom Haupt gefallen, Und nicht das Scepter, das sich deiner Hand, Der weichen, jugendwarmen, rasch entwand, Als du, umringt von kriechenden Vasallen, Ein deutscher Fürst auf Montezumas Thron, Als Retter einer siechen Nation Von Wahrheit, Freiheit, Ruhm und Glück gesprochen, Nein! – nicht der Gram um den betrog'nen Drang Des Kaiserherzens – nur dein letzter Gang, Dein Heldentod hat mir das Herz gebrochen. Ich bin der Letzte in der Dichter Reihen; Mein schwaches Wort hat keinen Widerhall, – Darf ich der Trauer, die sich überall Zum Himmel wendet, meine Stimme leihen? Ach! was berechtigt meines Geistes Flug? Bin ich verblendet, ist es nicht genug, Wenn ungesehen meine Thränen fließen, Nicht besser, wenn der Sturm sich langsam legt? Ich weiß es nicht – was mich so tief bewegt, Ich kann es nicht in meine Brust verschließen; Es muß hinaus zu all den Edlen, Guten Jenseits des Meeres, zu der dichten Schar, Die Blumen wirft auf den geschoss'nen Aar, Und auch zu denen, die sich still verbluten. Ich grüße jeden, der um ihn geweint; Sein Tod hat uns gehoben und vereint In dieser Zeit, der unheilvollen, kranken. Wohl allen, die ein gleicher Schmerz gebeugt, Wohl den Betrübten – nur der Schmerz erzeugt Die großen, die versöhnenden Gedanken! Nun er dahin, sind sie gestorben beide, Die den entzückend schönen Traum gelebt Die Herz an Herz geschwärmt, gehofft, gebebt Und sich getrennt in namenlosem Leide, Als durch die Finsternis ein einz'ger Stern An dem umwölkten Horizonte fern, Bezaubernd, lockend, unerreichbar glänzte, Und sie, durch Abschiedsthränen lächelnd, blind Sich selbst vertrauend, ein verwöhntes Kind, Ihr dunkles Haar mit Immortellen kränzte. O Frage, die auf meinen Lippen zittert: Sind sie vereinigt in des Himmels Glanz? Die Hochzeitskrone ward zum Dornenkranz, Die königliche Blume ward zerknittert; Die letzte Hoffnung hat der Wind entführt, Ein Dämon hat die Stirne dir berührt; Ein Geistesmörder, der des Todes Schatten, Verlass'nes Fürstenkind, heraufbeschwor, Daß deine Seele sich in Nacht verlor, Ach! in die Grabesnacht des fernen Gatten. Sein Schicksal ist erfüllt, der Kampf beendet, Der Kelch geleert. Verläumdet und verkannt, Verraten und im Schlafe übermannt, Hat seinen Todesgruß er dir gesendet Und segnend dein gedacht, du holde Fee ... Sein Lebewohl trug die geliebte See Hinüber an die heimischen Gestade. – Das war der großen Laufbahn schönster Schluß: Für dich sein letzter Hauch, sein letzter Kuß, Für dich und ihn des Weltenschöpfers Gnade. Er sprach es selbst, er hat es hingeschrieben, Dein milder Herr, dein zärtlicher Gemahl: »Angstvolle Tage, Sorgen ohne Zahl, Enttäuschung, Not, sind mir allein geblieben, Seit du, mein guter Engel, nicht mehr hier. Du warst mein Hort, mein Stolz und meine Zier – Geduld! – wenn deiner Seele düst'rer Schleier Zur Erde fällt – dann komm' an Gottes Hand Hinüber in ein neues Vaterland, Hinüber zu der neuen Hochzeitfeier.« O Trost! o süße Zuversicht! Wer solche Entsagung kennt, wer solche Hoffnung nährt, Wenn Menschensatzung sich als Trug bewährt, Der lächelt über die gezückten Dolche, Dem schnitt ein and'rer Stahl das Herz entzwei, Und in die Nacht hinaus ertönt sein Schrei: »Hier bin ich, bindet mich, ihr Missethäter! Ich scheide ohne Furcht und ohne Groll; Ich scheide gerne, denn das Maß ist voll – Sei mir willkommen, Judas, mein Verräter!« Und doch! – es ist nicht spielend überwunden, So lang' es stürmisch an die Schläfen pocht. Wer ist der Starke, der es stets vermocht, Zurückzuscheuchen der Verzweiflung Stunden? Der Tod ist alt, das Leben ewig jung – Auch Männerstirnen darf Erinnerung, Darf Todesscheu mit schwerem Tau befeuchten; Hier nur ein schwarz behangener Altar, Hier Grabesschauer, drüben Miramar, Dort Sonnenschein und hier Gewitterleuchten! So siegessicher war er ausgegangen; So strahlend, so berauschend schien sein Los; Das Schicksal warf ihm alles in den Schoß, Was Menschenkinder kennen und verlangen; Juwelen blitzten auf der jungen Brust, Sein war die Welt mit ihrer vollen Lust – Doch sein der Ruhm bei des Versuchers Rufe: »Du bist der Auserwählte, du allein; Erhebe dich! dein Bruder will ich sein; Auch dir gebührt des Thrones höchste Stufe. Und weiter, weiter auf der goldnen Brücke – Ein Schritt, ein Jawort, und es ist geschehn, Daß dort, wo Palmen dir entgegenwehn, Cäsaren-Purpur deine Schultern schmücke?« Und dann? – Nichts als ein Trugbild, schnell entflohn, Fata Morgana, Blendwerk, schnöder Lohn, Der Siegesmarsch ein bloßes Abenteuer; Und gestern? – des Patroclos Treuebruch, Und heute? – der Barbaren Urteilsspruch, Und morgen? – Ach! – das mörderische Feuer. Erhabne Bilder, hehre Traumgestalten Umwallten ihn. Verloren war das Spiel; Sein Einsatz war zu groß, er gab zu viel, Er gab es selbstbewußt, seit in der kalten Nordischen Nebelnacht sein Stern erblich; Seit die Erkenntnis dessen ihn beschlich, Was er gelobt, erstrebt, was er besessen. Erschüttert schritt er hin zur Totenschau, Und ihm war nicht vergönnt, die bleiche Frau Noch einmal an das arme Herz zu pressen. Vorbei! – Er hat sich mannhaft aufgerichtet, Und wessen seine Jugend sich erkühnt, Mit diesen Worten ist es nun gesühnt: »Verzeihung dem, der mir die Bahn gelichtet! Da hinter mir die Schiffe abgebrannt, Nun ich mich ganz geopfert und verbannt, Dem Volke, das uns tötet, meinen Segen! Gefährten, Brüder! Alles ist bereit Zu süßer Ruhe in der Ewigkeit, Zu Licht und Freiheit nach dem Kugelregen.« – Der Tod befreit von sehnsuchtsvoller Reue. Dein früher Hingang war dein schönster Sieg; Ein Engel, der empor zum Aether stieg, Rief aus den Wolken: »Stirb für deutsche Treue, Für das zerriss'ne, blutige Panier! Betrogner Fürstensohn! dein Platz ist hier, Nicht in verblaßter Rosen schlaffen Ketten. Es schützt dich fürder keine Menschenmacht, Und was du selbst empfunden und gedacht, Das sagtest du den fremden Bajonetten.« Als Deutschlands Hamlet, aber ausgestattet Mit jenem Willen, der ins Weite schweift, Der an des Firmamentes Leuchten streift, Doch in der Erde Dunkel rasch ermattet, So stand der Jüngling an der Väter Gruft; Nicht in der Königssäle Kerkerluft Hat er als Mann ein Lorbeerblatt erworben; Er war der Träumer und der Held zugleich, Der in der neuen Welt ein neues Reich Verkündet und für seinen Wahn gestorben. Gestorben, weil der Freund ihn überlistet, Der ihm den Degen von der Seite riß? Gestorben – nur an einer Schlange Biß, Die sich in seinem Busen eingenistet? Nein! – Mit dem Wahne kam das Strafgericht; Ein Herrscher sieht die finstern Mächte nicht, Die ihre sich're Beute stets umlauern – Er wollte Samen auf Ruinen streun Und an der reichen Ernte sich erfreun In einer Kaiserburg mit morschen Mauern. O Sterne dort am dunklen Himmelsdome, Säuselnde Palmen, ungestümes Meer! Selbst eure Grüße scheinen inhaltleer, Wenn wir, beirrt durch gaukelnde Phantome, Verschmäh'n, was unser ist, was uns beschränkt; Wenn wir vernichten wollen, was uns kränkt! – Wir sind bestimmt, zu straucheln und zu büßen; Doch wenn ein König hingeht, voller Huld, Vergessen wir die allgemeine Schuld Und stürzen weinend hin zu seinen Füßen. Ich bin gewohnt, einsam um dich zu ringen, O Geistesfreiheit! – Laß, was mich entsetzt, Vorübergeh'n; ein Schleier decke jetzt Den Mann des Jammers mit den Silberlingen Und jenen Indier auf dem Richterstuhl, Und den Versucher in dem Sündenpfuhl, Der so viel Perlen in den Staub getreten; Verhülle meinen Augen ihr Geschick! Nicht allumfassend ist des Dichters Blick, Und nur sein Herzschlag macht ihn zum Propheten. Die Trauerfackeln kommender Geschlechter Hat eine Flintensalve angefacht Tief in der Wildnis, in der Tropenpracht, Wo ein Verwaister, Edler und Gerechter, Ein blonder Cäsar sich als Held erprobt. Und wenn die Leidenschaften ausgetobt, Dann werden reine Thränen nur die Kunde Begleiten von des Träumers Golgatha, Und dann sind Hamlet und Ophelia Unsterblich in des deutschen Volkes Munde. Der Wiege eingedenk, der du entsprossen, Gingst du getrost dahin, als deine Frist Zerronnen war. Wohl dir, mein Fürst! noch ist Der Doppeladler nicht durchs Herz geschossen; Dein Blut verleiht ihm neuen Lebenssaft: Des Schmerzes Stolz, des Unglücks hohe Kraft – O Tau des Himmels für die Stirn des Denkers! Du bist gestorben für der Völker Heil; Dir ward des Menschenstrebens bester Teil: Verklärung an der Brust des Weltenlenkers. (Rio de Janeiro, August 1867.) Nachbildungen 1. Strophen (Byron.) O mein einsam – einsam – einsam Kissen, Wo bleibt mein Herzensfreund, der süße, traute? Ist es sein Schiff, das ich im Traum erschaute, Weit, weit von hier, von Stürmen fortgerissen? O mein einsam – einsam – einsam Kissen, Die Stelle küss' ich, die sein Haupt umfangen; Wie sind die Nächte langsam hingegangen, Seit er mich ließ in diesen Kümmernissen! O mein einsam, mein betrübtes Kissen, Laß süß mich träumen, laß mein Herz nicht brechen! Mein Liebster kommt – ich habe sein Versprechen; Noch ist der Tod zu früh – du mußt es wissen. Und hab' ich ihn – nicht mehr mein einsam Kissen, In meine Arme will ich heiß ihn pressen; O dann sei aller Kummer rasch vergessen, Dann sei sein liebend Herz mein Sterbekissen! 2. Robin Adair (Burns.) Sei mir aufs neue gegrüßt, Robin Adair, In Lieb' und Treue gegrüßt, Robin Adair! Weinend betrittst du den Strand; Reich' mir die zitternde Hand; Hier ist dein Vaterland, Robin Adair! Gott erhörte mein Flehn, Robin Adair! O dieses Wiedersehn, Robin Adair! Bist noch der Alte? Sprich! Mancher freite um mich; Aber ich dachte an dich, Robin Adair! Segle nicht wieder fort, Robin Adair! Bleibe im sichern Port, Robin Adair; Glücklich werden wir sein! Ja, dieses Herz ist dein; Laß es nicht mehr allein, Robin Adair! 3. Marilia de Dirreo 1 (Thomas Antonio Gonzaga.) Ich bin kein obdachloser Hirtenknabe Von rauhen Worten und von groben Sitten, Marilia, ohne Herd und andre Habe, Der heute Hitze, gestern Frost erlitten; Nein, ich besitze selber Haus und Weide Und ziehe mir Gemüse, Oel und Wein; Ich hüte Schafe, doch die Milch ist mein, Die Wolle auch, mit der ich mich bekleide. Mein Antlitz sah ich jüngst in einer Quelle Und brauchte nicht vor Runzeln zu erschrecken; Kommt einer mir zu nahe – auf der Stelle Bedien' ich ihn mit meinem langen Stecken. Gut bin ich auf der Flöte unterrichtet, Zu meines eignen Meisters Neid und Grimm; Auch sing' ich – meine Stimme ist nicht schlimm – Nur solche Lieder, die ich selbst gedichtet. Doch bin ich deshalb glücklich? – Gott behüte! Jetzt mußt du das Geständnis mir verzeihen: O süße Schäferin, nur deine Güte Kann meinen Schätzen wahren Wert verleihen; Nimm alles, alles hin, Marilia, throne Als Herrin über Herden, Haus und Land; Schön ist der Reichtum, – doch für deine Hand Gäb' ich mit Freuden eines Königs Krone. Aus deinen Augen strahlt des Himmels Wonne, Wie frischgefallner Schnee sind deine Wangen, Die in der vollen Glut der Mittagssonne Wie junger Mohn, wie zarte Rosen prangen; Die Locken wie gedreht aus feinstem Golde, Balsamisch duftet deine Nähe – nie, Marilia, rief des Dichters Phantasie Ein Bild hervor wie deins, du Einzigholde. Wenn auch der Fluß aus seinem Bette träte, Daß meine wohlbestellte Saat verdürbe; Wenn sich die Pest bei mir zu Gaste bäte, Daß mir ein Schäfchen nach dem andern stürbe – Das würde jetzt mir wenig Sorgen machen; Und blendet mich der Glanz der Städte? – Nein! Marilia, reich und glücklich werd' ich sein, Wenn deine Augen mir entgegenlachen. Wie wird fortan, am Arme deines Gatten, Der Wälder Einsamkeit dein Herz erquicken! Zur Mittagsstunde mußt du mir gestatten, In deinem Schoße leise einzunicken. An Lustbarkeiten, die ich gern versäume, Ergötze sich der Nachbarn wilde Schar – Ich flechte Blümchen in dein blondes Haar Und schneide deinen Namen in die Bäume. Wenn einst erlöschen unseres Lebens Flammen, Hier oder wo wir sonst uns niederließen, Wir bleiben doch, wir bleiben doch beisammen; Ein gleiches, gleiches Grab wird uns umschließen. Ein Monument, umgrünt von Trauerweiden, Dem Hirtenvolke sichtbar, trage dann Den kurzen Text: »Wahrhaft beglücken kann Die Liebe nur – das wußten diese beiden.« Fußnoten 1 Brasilianisches Idyll aus dem vorigen Jahrhundert. – Obige Uebersetzung bildet den Anfang des in Brasilien und Portugal sehr geschätzten Gedichts. – Gonzaga, einer der Urheber der Minasverschwörung, wurde im Jahre 1792 von Rio de Janeiro nach Mozambique deportiert und starb daselbst 1809. 4. Idylle (Aug. Barbier.) »Unter rankendem Blätterdach Duften Blumen und rauscht der Bach, Badet schimmernd sich die Libelle, Welche flüchtig den Spiegel streift, Während die lüstern erregte Welle Ihr nach dem schillernden Fittich greift.« (Gottschall.) Plätschernd über moosbedeckte Steine Kommt die Quelle, in krystallner Reine, Einem kühlen Becken zugehüpft; Wo im Schilfe die Platanen flüstern, Ist ein Mädchen, nach dem Bade lüstern, Ihrem leichten Morgenkleid entschlüpft, Spiegelt in der Flut die nackten Glieder, Schreitet langsam vorwärts, duckt sich nieder, Horcht und flüchtet rasch ins hohe Rohr – Will, Verschämte, schon Gefahr sich zeigen? Muntre Sänger jubeln auf den Zweigen, Goldne Käfer summen dir ums Ohr. Doch des Kindes Furcht ist schon vergangen. Sechzehn Lenze zählt sie; unbefangen Ist ihr Herz; kein eitler Schwätzer pries Ihrer Augen Schmelz – er müßte warten, Wenn er's thäte, denn der Mutter Garten Ist ihr Königreich, ihr Paradies. Und sie labt sich an des Wassers Frische; Spielend wagen sich die kleinen Fische Jetzt heran, und mit den Händchen schlägt Sie die Flut, die gleich in farb'ge Kreise Sich zerteilen muß, und leise, leise Ihr Gemurmel ans Gestade trägt. Schwalben sucht sie schäkernd zu ergreifen, Die an ihrer Stirn vorüberstreifen; Auch gefangen dürften sie entfliehn; Ameischen, die schlechten Schwimmerinnen, Läßt sie gern den Rasensaum gewinnen Und in Gottes Namen fürderziehn. Rosenblätter werden dann mit Lachen Hingestreut; sie sendet duft'ge Nachen Auf die hohe See und bläst sie fort. Hui, es stürmt! Die Schiffe wehn zur Küste; Wen'ge retten sich an ihre Brüste Wie in einen stillen kleinen Port. Doch genug gescherzt! Mit ernster Miene Folgt sie jetzt dem Fleiß der klugen Biene, Deren Köpfchen in der Sonne glimmt, Bis das Tierchen des Gehölzes Stille Zueilt, und das Zirpen einer Grille Seine Morgenlieder überstimmt. Wie, nun ist sie gar im warmen Sande Eingeschlummert? An des Beckens Rande Ruht ihr Haupt, von Locken halb bedeckt, Die noch immer tief ins Wasser reichen; Einem Schwane ist sie zu vergleichen, Der den Kopf in sein Gefieder steckt. Sie erwacht. Ein Rascheln und ein Rauschen – War's ein Menschenfuß? O banges Lauschen! Droht Verrat, Gespötte, Mädchenraub? Wie die Frucht des welschen Maulbeerbaumes Wird sie rot und in des Wellenschaumes Kräuseln zittert sie wie Espenlaub. Endlich streicht sie ihre blonden Locken Von den Augen, immer noch erschrocken, Und den Feind erspähend lacht sie schon. Wer die Neckerei ihr nicht ersparte, Nur ein Geißbock ist's mit langem Barte, Glotzt sie an – haha! – und läuft davon. 5. Não te amo (Almeida Garrett.) Lieben kann ich dich nicht. Liebe kommt aus dem Herzen; In meinem – ich sag' es mit Schmerzen – Flackern nur Todeskerzen, Leuchtet kein himmlisches Licht. Wünsche verzehren mein Sein. Liebe ist kindliches Lallen, Unschuldiges Wohlgefallen; O, für des Sünders Krallen Bist du zu schön und zu rein! Liebt die verschwiegene Nacht Oder den Glanz der Gestirne, Wer, tödliche Lust im Gehirne, Für den Kuß einer Dirne Schüchterne Minne verlacht? Milde strahlendes Licht, Du erfüllst mich mit Schrecken! Ich möchte mein Antlitz bedecken. Wünsche in mir erwecken Kannst du – doch Liebe nicht. 6. Edward Gray (Tennyson.) Emma Moreland, das freundliche Kind, Traf mich draußen und kam auf mich zu: »Hast dein Herz verloren?« frug sie geschwind, »Edward Gray, wann heiratest du?« Als sie mich so zur Beichte gekriegt, O da weinte ich bitterlich: »Süße Emma Moreland, ewig versiegt Ist der Liebe Born für mich! Inniglich liebte mich Ellen Adair; Vater und Mutter wurden ihr gram – Dort liegt sie begraben, – frage nicht mehr, Von wannen ich eben kam. Scheu war sie, nicht kalt, – ich wußt' es zu spät; Denn ich mied, ja ich mied sie lang', Strich durch die Meere, von Hochmut gebläht, Als sie mit dem Tode rang. Grausame Worte, die sie gehört, O wie thun sie mir jetzt so weh! Bist ein eitles Ding, so sprach ich bethört, Gar zu leicht für Edward Gray. Dort barg ich mein Antlitz im feuchten Gras Und rief: Meine Zeit ist um; Mich reut, was ich that – und dies und das; Doch ihr armes Grab blieb stumm. Da schrieb ich auf den bemoosten Stein, Nun ihres Grabes schönste Zier: Hier liegt Ellen Adairs Gebein, Und auch Edwards Herz liegt hier. Wie Vögel flattern von Baum zu Baum, So mag Liebe kommen und gehn. Süße Emma Moreland, mein einziger Traum Ist, Ellen wiederzusehn. Bitterlich weinte ich über den Stein, Bitterlich weinend geh' ich fort: Dort liegt Ellen Adairs Gebein, Doch auch Edwards Herz liegt dort!« 7. Die drei Vögel (François Coppée.) Ich sagte dem Tauber: Fleug', bis du entdeckt Die Blume mit wonnigem Duft, Die Herzen bezaubert und Liebe erweckt! Doch der Tauber: »Zu schwer ist die Luft.« Dem Falken: Erspähe, was Herzen bezwingt; Und ist es versengendes Licht, Sei der Retter, der es dem Himmel entringt! Doch der Falke: »So hoch steig' ich nicht.« Da sprach ich zum Geier: Nicht länger verwehrt Sei dies Herz dir mit seinem Leid; Nur lasse den Teil, der noch unversehrt! Doch: – »Zu spät« – war des Geiers Bescheid. 8. Lied aus der Verbannung (Gonçalves Dias.) (Fräulein Carolina von Kosnitz in Porto-Alegre zugeeignet.) »Minha terra tem palmeiras, Onde canta o sabiá.« Palmen schmücken meine Heimat, Und so traulich ist es da, Wo von grünen Blätterkronen Uns begrüßt der Sabia. Zeigt mir holden Waldesschatten, Fluren, die den unsern gleich, Sterne, wie sie niederleuchten Auf der Liebe Zauberreich. In den trüben Winternächten, O, wie gramvoll denk' ich da An das Land der Palmenhaine Und des Sängers Sabia. Denn es strahlt in Schönheitsfülle, Wie ich sonst sie nirgends sah, Und in allen Traumgebilden Ist es meiner Sehnsucht nah, Mit dem Flüstern seiner Palmen, Mit dem Gruß des Sabia. Laß, o Gott, erst dann mich sterben, Wann mein Land ich wiedersah, Und die Heimat mich beglückte, Wie es hier noch nie geschah; Wie die Palmen es verkünden Und der Ruf des Sabia. 9. Excelsior (Longfellow.) Die Nacht lag auf den Alpen schwer, Da zog ein Jüngling noch umher, Ein Banner tragend weit durchs Land, Auf dem der fremde Wahlspruch stand: Excelsior! Das Antlitz bleich, das Auge klar, Der Blick ein Strahl und wunderbar Die Stimme, hell wie Schwerterklang Und süß melodisch, wenn er sang: Excelsior! Rings aus den stillen Hütten bricht Wie trauter Gruß des Herdes Licht; Die Gletscher drohn, Gespenstern gleich, Er aber lispelt warm und weich: Excelsior! Ein alter Dörfner warnt: »O laß Dein nutzlos Müh'n, geh nicht fürbaß; Ein grauser Schneesturm fliegt herbei.« Der Jüngling ruft: Die Bahn ist frei; Excelsior! Ein Mädchen fleht: »O halte Rast; Sei meiner Heimat lieber Gast«; Des Jünglings Wimpern sind betaut, Doch unbezwungen singt er laut: Excelsior! »Entfleuche dem Lawinenball, Der Föhren Dröh'n, der Wasser Schwall!« Das ist des Alten letztes Wort. Hoch in den Bergen tönt es fort: Excelsior! Und als es wieder Morgen war, Drang zu der frommen Brüderschar Sankt Bernhards, wie aus tiefer Gruft, Der Seufzer durch die Winterluft: Excelsior! Den Wandersmann – ach, welcher Fund! – Grub aus dem Schnee der Klosterhund; Noch fest umklammert hielt die Hand Das Banner, drauf der Wahlspruch stand: Excelsior! Da lag die herrliche Gestalt, Erstarrten Herzens, todeskalt; Vom Himmel fiel ein Meteor, Und es erklang wie Engelchor: Excelsior! Dämonenwalzer »Frage mich nicht: Wie wird's noch mit uns Beiden? Laß, bis es bricht, Dem Herzen seinen Wahn. O ich versteh' Dein schönes, stummes Leiden: Schaust mich mit Weh, Mit stummem Vorwurf an.« (L. Seeger.) Motti »Je sais l'art d'évoquer les minutes heureuses, Et revis mon passé blotti dans tes genoux. Car à quoi bon chercher tes beautés langoureuses Ailleurs qu'en ton cher corps et qu'en ton cœur si doux? Je sais l'art d'évoquer les minutes heureuses! Ces serments, ces parfums, ces baisers infinis, Renaîtront-ils d'un gouffre interdit à nos sondes, Comme montent au ciel les soleils rajeunis, Après s'être lavés au fond des mers profondes? – O serments! ô parfums! ô baisers infinis!« Te voilà revenu dans mes nuits étoilées; Bel ange aux yeux d'azur, aux paupières voilées; Amour, mon bien suprême, et que j'avais perdu! J'ai cru, pendant trois ans, te vaincre et te maudire, Et toi, les yeux en pleurs, avec ton doux sourire, Au chevet de mon lit te voilà revenu! »Quand je serai couché dans la froide tombe, Dans cet affreux cercueil qui me glace d'effroi, Bon ange! vous, ma douce colombe, Pensez souvent à moi! Oui, pensez à celui dont la triste vie Ne fut guère que tourments et folles erreurs, Et sur ma tombe, ma pauvre amie, Venez jeter des fleurs! Et dites à Dieu, chère âme tremblante, Quand pour notre salut vous l'aurez imploré, Que c'est Lui qu'en son œuvre si charmante, En vous j'ai adoré.« (Dranmor.) [Ein schwüler Sommerabend] Ein schwüler Sommerabend – Rasch zusammengeballt Flog ein Gewitter, feuersprühend, Ueber die alte, sündige Stadt. Die Erde lechzte Nach himmlischen Thränen, Und ich ruhebedürftiger, Einsamer Fremdling Trat mit schwülen Gedanken, Mit sorgenschwerer Brust, Nach langer Zeit zum erstenmale In eine graue, kühle Kathedrale. Im weiten Raum Nur eine lichte Stelle: Dort, wo der Gekreuzigte, Der Heiland mit der Dornenkrone, Sterbend sein Haupt zur Erde neigt; Dort, wo des großen Dulders Weltumfassendes Herz Durch Priester in weibischen Röcken Und durch Weihrauch schwingende Knaben Gefeiert wird mit Götzendienst, Und mit kindischen Opfergaben. Musik durchströmte den Dom: Drohendem Posaunenrufe Folgten Versöhnung erflehende, Weinenden Saiten entschwebte Hymnen der Liebe; Süße Frauenstimmen Priesen den unsichtbaren, Unbekannten Allerbarmer; Und ihrer Klänge Kristall'nen Rosenkranz Warf eine trauernde Harfe Empor zu den von der Kuppel Heruntergrüßenden Engelsbildern Und ließ die Töne Milde wieder zur Erde gleiten, In Thränen verwandelt, Die als köstlichster Balsam Auf wunde Seelen tropften – Da ward es Licht in mir; Groll und Haß, Zweifel und Abscheu Erschienen dem reuigen Herzen Als nichtige Last, Unwürdig seines Strebens, Unwürdig seines tiefen Empfindens. Und statt gesenkten Hauptes Mit den andern zu beten, War ich des Wunsches eingedenk, Des frommen, reinen Wunsches Eines frivolen Poeten: 1 »An die dunkle Himmelsdecke, Wo die goldnen Sterne scheinen, Möcht' ich meine Lippen pressen, Pressen wild und stürmisch weinen.« Nicht knieen kann ich Vor jenem hohen Schmerzenbilde, Das mir noch keinen Trost Und keine Hoffnung gespendet. Was kümmert mich Vergängliche Menschensatzung, Wenn inn're Stimmen mir sagen: »Nie wurde Gott Ans Kreuz geschlagen« –? Nicht glauben kann ich An deine göttliche Sendung; Aber ich glaube, Christus, An deine göttliche Liebe, Und ich beugte mich tief vor dir In jener ernsten, Feierlichen Stunde, Vor dir, der heldengroß Sein irdisches Sein bezwungen; Und ich pries deine hehre, Pries deine herrliche Kraft, Ich, der ich mich verzehre In kleinlicher Leidenschaft. Daß der unerforschliche, Das Weltall bewegende, Unnahbare Urgeist Zu mir, dem Atome, Gnädig herniederschaute, Ach, kann es sein? Er, dem allein Ich mein innerstes Leid vertraute? Ihn rief ich an: »Laß mich Nicht länger ringen mit Dämonen; Laß keinen Geier mir Das Herz zerfleischen, Wenn männliches Entsagen Mich an Prometheus Felsen schmiedet; Der Leidenschaften Sturmflut mag Zu meinen Füßen brausen, Mag ihren prickelnden Schaum An meine Lenden spritzen, Ich bin stark gegen Gelüste, Schwach nur gegen mein Herz, Das heilige Schwüre bricht, Um nicht jedem Entgegenwallen Mit schnödem Undank zu lohnen. Schütze mich vor mir selber, Bewahre mich Vor Traumgebilden, zärtlichen Launen, Und vor der Großmut, die mein Herz bestürmt; Doch wenn es Sich nicht erheben kann zu freier, Olympischer Weltverachtung, Oder zu schöner, allgemeiner, Sich selbst vergessender Menschenliebe, Dann möge der Von mir zur Schau getrag'ne, Nur meinem Gram entstammte Frostige Gleichmut Nicht mehr erkünstelt sein; Dann komme des Friedhofs Ruhe, Des Grabes Kälte über mich Und lasse mein Blut erstarren – Ich leide, weil ich zu heiß, Weil ich zu menschlich fühle; Erlöse mich aus solcher Not! Innerlich tot sein, nicht nur scheinen, Ist das nicht besser, Als thörichte Sehnsucht In öde Nacht hinauszuweinen?« Doch nicht der Friedensengel, Der Bote mit der umgestürzten, Auf immer verrauchenden Fackel, Erbarmte sich meiner Kümmernis. Ueber meinem Haupte, In der altersgrauen Kirche Erklangen weltliche, In rhythmischem Wellenschlag Hinsäuselnde, Liebesglück Und Liebesleid verkündende Weisen: Bald von silbernen Flötenstimmen Neckisch hingehauchte, Bald in Glut getauchte, Sinnverwirrende Lieder – Und wieder Erblaßten die Himmelslichter; Ich weiß nicht, wie mir geschah, Doch ein heimgegang'ner Dichter War meiner Seele nah, Und ich dachte verronnener Tage Und seiner Liebesklage: »Frage mich nicht: Wie wird's noch mit uns beiden? Laß, bis es bricht, Dem Herzen seinen Wahn; O, ich versteh' Dein schönes, frommes Leiden; Schaust mich mit Weh, Mit stillem Vorwurf an.« Und man frage mich nicht, Wie schrankenlose, Den fiebernden Sinnen entstieg'ne, Von melodischem Wellengebraus Durchflutete Träume Jetzt die wunderbarste Verwandlung Vor meine Augen zauberten. Der Kirche gothische Pfeiler Wurden zu tausendfach Von goldumrankten Spiegelwänden Zurückgestrahlten Feuersäulen; Auf blumengeschmückter Kanzel Standen scherzende Masken, Und von Pause zu Pause Erschallte bacchantischer Jubelruf; Auf und nieder wogte In bunten Scharen, kosenden Paaren, Ein glänzender Menschenstrom; Durch den entweihten Dom Schwirrten bethörende Klänge, Erst langsam, dann immer geschwinder, Gefallener Kinder Nächtliche Wiegengesänge – Und tanzend an mir vorüber, Mit reichen Trachten angethan, Streiften bekannte Frauengestalten, Alle wohl erhalten, Die bald freundlich, bald höhnisch grüßten Oder zornig die Augen rollten, Und andre, voller Hochmut, Die mich nicht mehr kennen wollten. Doch erstaunte Blicke Warf die Schönste von allen Auf mich, den ernsten, Unscheinbaren Fremdling, Schmiegte sich, rasch erbleichend, Fester an ihren Tänzer, Den jungen, zierlichen Fant, Und verschwand im Gedränge. Da schmetterten wilde Fanfaren, Flammten die Lichter empor An die glitzernde Decke, Und noch einmal erschien Der rosenbekränzte, Wohlbekannte Lockenkopf, Und wieder zu mir Zündeten dunkle, nie vergess'ne Augen, Jetzt voller Wehmut, voller Verzeihung. Du warst es, du, Marietta, Du, der sündigen Kinder Schönstes und Bestes; Leuchtende Perle In dem von Guten und Schlechten Gierig geküßten, überall Geliebten, überall Verfluchten Erdenschlamme – Du, die ich einst So heiß begehrte, so heiß umarmte, Vergessend, daß dein junges, Dein lenzerfülltes, lachendes Herz Mir, dem grämlichen Träumer, Keine züchtige Liebe, Keine Treue schenken konnte. O, seit jenen Stunden, Wo mich dein Zauber gefangen, Waren nicht viele, doch dürre, Schleppende Jahre vergangen; Und nun, in blendender Schönheit, Warst du wieder da Und wecktest ersterbende Flammen. Ich dachte: wir paßten zusammen; Denn dem grämlichen Träumer Bliebst du zugethan; Du verleugnest ihn nicht! Laß, bis es bricht, Dem Herzen seinen Wahn. Dürre, schleppende Jahre Waren vorübergegangen; Ich hatte wieder Die weite Welt durchwandert Und meiner Gedanken Glut Nur dämpfen, nicht löschen können; Vieles, vieles War noch nicht ganz vergessen! Dein Anblick, Marietta, Brachte helles Erinnern An eine nordische Stadt Und an dein schönes Zimmerchen, So warm, wenn nächtlicher Schnee An deine Fenster pickte, So traulich, wenn im Kamine Die letzten Scheiter verglommen, Und der Lampe zitternder Schein Dein bleiches Antlitz verklärte; So süß, wenn im weißen Bettchen An den trostbedürftigen Freund Sich deine wonnigen Glieder schmiegten Und dein kindliches, liebes Geplauder »Mich durch tiefes Verderben Ein menschliches Herz erkennen ließ.« 2 Du hieltest mich fest umschlungen, Und daß ich dich verstieß Trotz solcher Erinnerungen, Das war nicht wohlgethan! Denn jetzt, mein armes Reh, Schautest du mich mit Weh, Mit stillem Vorwurf an. Und diesen Vorwurf Mit meines Denkens Schärfe, Mit angeborner Selbstqual ergründend, Sah ich den wilden Spuk In matte Formen verschwimmen, Sah ihn langsam umflossen Von den Schatten der Nacht. Wieder umhauchte mich Kirchenluft; Langgedehnte Orgelaccorde Gaben der nun vorüberwallenden Schar der Gläubigen Ihr mahnendes Heimgeleite; Und da – an meiner Seite Erschien eine dunkle Gestalt; Ich sah durch verschleiernde Spitzen Freudiger Augen Blitzen Und eine zarte, schmale Hand Legte sich in die meine. O Wunder! an meiner Seite stand Marietta, die liebe Kleine. Sie fragte: »Hat dein Herz Blinder Stolz gepanzert, Oder ist es bedrängt Von neuem Liebeskummer? Inbrünstig betend lag Ich auf den Knieen; doch dein Nahen Entriß mich meiner Andacht; Mein flehendes Auge hing An deinen müden Zügen; Mein ganzes Sinnen war bei dir. Und dich, den ich tief betrauert, Dich hat nichts durchschauert? Sprich! was zog dich hieher? Bist du weise geworden und fromm, Bist du gläubig, Freund, und schwach, Wie liebende Weiber? – Ach! Nun ist alles vergessen – komm!« – Und durch das Kirchenportal Schritten wir schweigsam Hinaus in die von grüßenden Sternen Durchfunkelte Finsternis. Vorüber war das Gewitter; Meiner Gedanken Tumult Stillte die nächtliche Kühle – Und schweigende Straßen entlang, Dann durch duftende Gärten Führte mich Marietta Vor hellerleuchtete Fenster, Drückte mir leise die Hand Und sprach: »Hier ist meine Klause; Willkommen! – wir sind zu Hause.« Nicht ohne Furcht Trat ich über die gastliche Schwelle, Um auf verlockenden Polstern, Bei Blumenduft und Lichterglanz Süßem Plaudern zu lauschen. Kein trübsinniger Trotz, Keine germanische Tugend Wappnet gegen des Erbfeinds, Gegen Galliens reizende Töchter. O der entfesselten, Der unsagbaren Gefühle, Die bald an Mariettas Brust, An ihre heiße, wogende Brust Und bald zurück mich riefen In meiner Pflichten Begrenzung, In sichrer Erfahrung Revier, In den feurigen Kreis meiner Schwüre! Der mich umklammernden Welschen Versuchung zu wehren, War verdienstliche That; Ich kämpfte treu und tapfer, Und als Marietta Sich zu zärtlichster Liebe bekannte, Mich den Herrn ihres Lebens nannte Und mich um ewige Treue bat, Da sprach, wohl am richtigen Orte, Ich die gewichtigen Worte: »Liebe? was ist Liebe? Du dachtest nicht mehr an mich, Und flüchtiges, rasches Begegnen Wirft heute wieder An mein verwaistes dein erloschnes Herz; O Marietta! Nicht Weihrauch willst du von mir Für deine katholische Seele, Und ich – ich suche nicht Liebe mehr; Doch wenn, statt keusche Bitten In schüchterne Worte zu hüllen, Ich deinen ambrosischen Leib Mit heidnischen Küssen bedecke, Daß berückendste Wollust Dir jede Fiber durchrieselt – Dann, ja dann Wird brennende Erinnerung, Verzehrende Sehnsucht Durch deine, wie durch meine Adern toben, Wilder lodernd als ewige Liebe. Dir ist es vergönnt, Die kurze Trübsal hinwegzulächeln; Denn deines Lebens Strudel Verschlingt die Qualen der Erinnerung, Wirbelt die tiefsten Schmerzen Empor ans Sonnenlicht, Daß sie wie Bläschen zerfließen. Und wenn abends, im schimmernden Saal, Musik ertönt, wenn süße Weisen, Dämonenwalzer dich gaukelnd bestricken, Tausend Zungen dich preisen, Wird auch in solchen Augenblicken, Marietta! mein Bild dir erscheinen? Ach nein! der schäumende Sekt, Der alsdann deine Lippen befeuchtet, Wird zur erfrischenden Lethe, Und selbst in einsamer Nacht, Im gewohnten Gebete, Wird meiner nicht mehr gedacht. Mich aber, den Dichter und Schwärmer, Erwartet grausame Pein, Wenn deiner Umarmung Ich wieder entfliehe, Um, ein neuer Tantalus, In trostloser Wüste Nach neuen Wonnen zu lechzen; Wenn ich dem Zauber erliege, Harren meiner draußen Schmerzen des Todes, Bis die allmächtige, Alles verheerende, Alles vernichtende Zeit Selbst dein mit Flammenschrift In mein dankbares Herz gegrab'nes Holdes Bildnis erblassen läßt. – Alles vermag die Zeit; Doch langsam ist mein Vergessen, Heißer als anderer Brennen meine Wunden, Und ich weiß, was allein Mich schützt vor grausamer Pein, Nun wir uns wiedergefunden. Sieh! für uns beide verscherzt Ist frommes, friedliches Glück, Ist jene Liebe, die Das Leben sanft beleuchtet; Wir können, dürfen Uns nicht gehören – Unser beider Los Gleicht einem steten Gewitter Ueber schwankenden Bäumen, Und einsam müssen wir hausen, Du in deinem goldenen Flitter, Und ich in meinen düstern Träumen, Ich weiß, daß alles eitel, Reizlos, farblos alles Ohne des Weibes Sinnverwirrende Küsse; Doch was frommt es, daß dem verarmten, Dem verkohlten Herzen Neue Blumen entsprießen? Daß ich wieder für dich entbrenne? Ach, ich kenne Kein ruhiges, frohes Genießen! Wenn ich dir sagte: Marietta, Milde, sternlose Nacht Folge minutenlanger Zum Himmel jauchzender Treue Und veredle Wonnen, Die, für erkaltende Pulse Nicht mehr erreichbar, Aus gähnender Tiefe Des Todes Gähnen heraufbeschwören; Es ist genug des Erwachens; Laß uns in stiller Umarmung, Mund auf Mund und mein geplagtes Herz An deinem in letzter Glut Auflodernden Herzen, Träumen – verzeihen – vergessen. Ist Sterben so schwer? Wäre solches Sterben Nicht meiner Trauer, Nicht deines Geschickes würdig? Ja, wenn ich schmeichelnd Deine Gewährung erflehte – Ich kenne dich – weiß, du würdest In überströmender Großmut Den unauflösbaren Bund Mit heiligen Thränen begrüßen, Würdest ihn, ohne Zögern, Mit deinen Küssen besiegeln. Doch es darf nicht sein – Lustig flattre mein Täubchen empor Und bade seine Flügel Im lichten Himmelsäther; Deiner schmachtenden Augen Glanz Trübe keine Entsagungsthräne, Und kein Hauch des Todes berühre Deiner Glieder sonnigen Marmor. Lebe! freue dich Ohne kränkelnde Reue! Fort mit der Treue – Bleibe, wie du bist! Noch darfst du mit kecker Hand Den Freudenbecher erfassen: Füll' ihn bis zum Rand! Trinke betäubende Lethe Und zu den Göttern bete, Daß sie dich jung und schmerzlos sterben lassen! Schöne Fackelträgerin, Leuchte Bessern, leuchte Kühnern In dein mit immer frischen Rosen Prangendes Brautgemach! Ich bin nicht, was ich war – In meine Stirne grub Das Leben tiefe Furchen; Auf meine Schläfen ist Schon etwas Schnee gefallen; Leb' wohl auf immerdar! Ich bin nicht heiter, Bin nicht weise genug, Um meiner Tage Rest An deiner Seite zu vertändeln; Marietta, gute Nacht! Weil ich, an gottgeweihter Stelle, Heute deiner gedacht, Laß mich, entsagungsstark, In dir geweihten Gedanken Draußen, vor deiner Schwelle An die dunkle Himmelsdecke, Wo die goldnen Sterne scheinen, Stürmisch meine Lippen pressen Und vergehn in stillem Weinen.« 3 Doch stürmisch umschlang mich Marietta, Preßte ihr lockenumwogtes Kindliches Antlitz An meine bebende Brust Und hob es langsam empor, Leuchtend in Jugendfeuer, Und die großen, stolzen, Die glückverheißenden, Liebeskundigen Augen Schauten schmerzlich in die meinen; Und sie sprach die bittenden Worte: »Nicht mir dies finst're Gesicht! Geliebter, Einziggeliebter, O bleibe! Verschmähe mich nicht!« Da berauschte mich Götterlust; Durch meine Adern stürzte Ein gewaltiger Gedankenversengender Lavastrom Und ich umfaßte die schlanke Gestalt, Küßte die blühenden Lippen Und rief: »Ich lasse dich nimmermehr! Fort mit der Tugend blöden Bedenken; Dein bin ich, Geliebte, dein! Ja, das Glück, das süßeste Glück Ist nur bei dir, Marietta: Komm! laß uns glücklich sein.« – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – O wie sprangen die Brunnen In Mariettas Blumenpark; Wie munter pfiffen die Vögel In der Bäume rauschenden Kronen, Als rosige Morgendämmerung Den Scheidenden empfing! Rang ich da mit Dämonen? Gähnte mir aus der Tiefe, Von verschütteten Wegen Der fahle Tod entgegen? Und als der Sonne lebendiger Strahl Von des Domes goldnen Spitzen, Wie göttlicher Augen Blitzen In mein sündiges Herz sich stahl, Sagt an, ihr dunkeln Gewalten, Ließ erwachende Scham, Ließ verzweifelnder Gram Meine Pulse erkalten, Daß ich in Grabesschauern erbebte? Nein! mich belebte, Nach langen Seelenleiden, Entzückende Wärme, strahlendes Licht. Marietta! Marietta! Frage mich nicht: Wie wird's noch mit uns Beiden? Fußnoten 1 Heine. 2 Goethe. 3 Variante nach Heine. Herbstliche Blätter »Der Himmel finster und gewitterschwül Umhüllt sich tief, daß er sein Leid verhehle, Und an des Lenzes grünem Sterbepfühl Weint noch sein Kind, sein liebstes, Philomele.« (Lenau.) 1. In alta solitudine »Poesie ist das Einzige, was uns das Leben erträglich macht.« (J.J. Honegger.) Milder Genius, Aus dunkeln Wolken herniederlächelnd, Dein Name ist Poesie! Und auf den Saum deines Strahlenkleides Fallen meine Thränen Als später Rettungsdank. Herzenbezauberin! Du hast mich errettet Aus jeder Finsternis, Denn mein Irren und Bangen War nur Sehnsucht nach dir, Der lange Verkannten; Glorreich leuchtest du Ueber dem irdischen Jammer, Tröstest Fürsten und Bettler, Und auf die letzten Pfade Des nun Ruhiggewordenen Gießest du deinen vollen Glanz. Tochter des ewigen Lichtes! Reuige Menschen erlösend Aus finstern Wahnes Banden, Als himmlische Trösterin, Als versöhnender Heiland Bist auch mir du erstanden. (Ostern 1879.) 2. Amaryllis Gräser blühen und sprießen empor Hier, wo du liegst in dem schwarzen Schrein, Und es ruht auf duftendem Blumenflor Deiner Haare goldener Schein. Nun, da versiegt meiner Thränen Flut, Zeigen im schimmernden Morgentau Deinen süßen Mund mir des Mohnes Glut, Deine Augen der Veilchen Blau. Kann die lichte Gestalt, die mich umschwebt, Vergehn als herbstlicher Nebel Raub, Sie, deren Hauch diese Halmen belebt Und der Bäume welkendes Laub? Holde Geliebte! so lange schon Unter den Veilchen schläfst du allein – Doch durch ihn, den wonnespendenden Mohn, Bist selbst im Grabe du mein. 3. An Pio nono »Die Pfaffen haben sein Gehirn verriegelt; Sie haben ihm den Gottesgnadentraum Mit albernem Gewäsche vorgespiegelt.« (S. Heller.) 1. Vergänglich ist die Menschheit und, dem Staube Mühsam entwachsen, unrettbar verfallen Dem grauen Chaos. Keinen von uns allen Befreit vom Erdenlos sein Himmelsglaube. Arm ist die Menschheit; jeder lebt vom Raube Und von Geschenken aus des Todes Krallen; Und was beherrscht Despoten wie Vasallen? Die liebe Sünde nur, die blinde, taube. Des Fleisches Wut, des Denkens finstre Macht, O Papst! verbrüdern Sklaven mit Cäsaren Im Schlamme, der auch dir entgegenlacht, Wo mir, dem Sünder in der Sünder Scharen, Graut vor der Lüge, die dein Stolz erdacht, Und graut vor dir, dem einzig Unfehlbaren. 2. Wenn über uns, jenseits der Himmelslichter, Ein Schöpfer thront, der Zeit und Raum ersonnen, Mit unlösbaren Rätseln uns umsponnen, Der ist Jehovah, der ist unser Richter! Nicht du mit all den irdischen Gebrechen. Was ist dein priesterlicher Strahlenkranz? Theaterschmuck; – dein Pomp? – ein Mummenschanz; Dein Gotteswort? – ein nichtiges Versprechen. 3. Ich sah dein greises Haupt mit Silberlocken Und dachte: Nein! du hast nicht wohlgethan; Ein Haus des Irrsinns ist der Vatikan – Und wandte mich von dir, bewegt, erschrocken. Doch draußen in dem schrankenlosen Dom, Erleuchtet von der Sternenkuppel Lichtern, Da rief ich, fern von päpstlichen Gesichtern: Urquell des Lebens, hier ist unser Rom! 4. La Giocaliera 1. Freundin! bewahre deinen leichten Sinn; Was kümmern dich der Liebessehnsucht Leiden? Nur ich sei der Gequälte von uns Beiden, Und dein betrognes Herz sei mein Gewinn, Was du dem armen Schwärmer dargebracht Mit deines holden Leibes wilder Lohe, Ist jetzt der Dichterpreis, der einzig hohe, Der neue Lebenslust in mir entfacht. Das stete Ringen, das mißgönnte Ziel, Das Tändeln mit den gleißnerischen Musen, Auf immer sei es nun an deinem Busen Verfehmt, als nichtiges Gedankenspiel. Entfliehen will ich enger Sitte Joch, Verleugnen all die lyrischen Ergüsse Für deine Trostesworte, deine Küsse – O Freundin! Nur dies eine bleibt mir noch. 2. Wiedersehn, dich wiedersehn? So bin ich versucht zu fragen, Wenn an schwülen Nachmittagen Böse Geister auferstehn; Wenn Erinnerung mich stört, Die von dir nicht abzulenken, Zauberin! wenn all mein Denken, All mein Wünschen dir gehört; Bis des jungen Tages Kuß Mich vergessen läßt die deinen, Daß ich, statt um dich zu weinen, Unsre Trennung segnen muß. Ist das Schlimmste jetzt vorbei, Ach, nur wenig atm' ich freier! Mit dem Gürtel, mit dem Schleier Reißt nicht jeder Wahn entzwei. Weiß nicht, wie dies alles kam, Daß du so mich überwunden; Doch es waren gute Stunden Und ich bin dir nimmer gram. Denn mich reut nicht, was geschehn; Aber soll mir's je gelingen, Ganz von dir mich loszuringen, Darf ich nie dich wiedersehn. 5. Königin Mercedes »Seit dem letzten Sonnenstrahl O wie weit die Reise! Weiter, weiter tausendmal Als vom Kind zum Greise! Jüngst erst auf der Mutter Schoß Ihr am Busen lagst du; Nun die Größten, riesengroß, Plötzlich überragst du.« (A.F. von Schack.) Nicht in deiner Trabanten Trosse, Von der Königin Lächeln beglückt Als betreßter Schranzen Genosse, Nicht da droben im Zauberschlosse Hätte der Dichter sich tief gebückt. Deinem Glanze stand er ferne, Majestät! doch er hätte gerne Für die kleine Braut eine Rose gepflückt. Für das tändelnde Kind eine Rose, Nicht erfüllt von berauschendem Duft; Nein! wie dort, in ärmlichem Moose, Die bescheidene, dornenlose, Dort nur gedeiht in der Alpenluft. Majestät! aus seidenen Kissen Hat der Wüstenwind dich gerissen Und die Rosen gestreut auf des Kindes Gruft. O warum, nach des Fatums Willen, Wendet sich meiner Gedanken Flug Lieber zu den verschämten, stillen Als zu königlichen Idyllen, Als zu Schalmeien und Fackelzug? Und warum sind goldne Räume Für der Menschheit lieblichste Träume, Für Philemon und Baucis nicht weit genug? 6. O diese Sonne »Nichts stillt mein Heimweh nach den Alpentriften, Nach all den teuren, wohlbekannten Gauen.« (Heinrich Leuthold.) In der Gedanken Dämmerung verglimmt, Was blendend einst vor meinem Geiste stand; Und immer heller glüht der Sonne Brand, Des Feuerballs, der mich so trübe stimmt. Die Trope weckt nur Kummer und Verdruß In mir, der nach der langen Wanderschaft Noch einen Traum: der kühlen Heimat Haft, Im Herzen trägt und jetzt sich fragen muß: Warum, bevor mein Tagewerk vollbracht, Die Sonne, die so hoch am Himmel steht, Der Wind, der durch die Lorbeerbüsche weht, Warum mich alles jetzt so traurig macht? 7. Helvetia (Zum eidgenössischen Schützenfest in Genf.) Wandelst fort und fort, Stolze Schweiz, auf deiner lichten Bahn; Baust auf Gott, wenn deine Feinde nah'n, Nicht auf Menschenwort. Großes ist geschehn, Und in deiner freien Berge Luft Soll kein böser Geist aus finstrer Gruft Wieder auferstehn. »Mutig aufgeschaut!« Hunderttausendfacher Büchsenknall Zu den Eidgenossen überall Bringt den Donnerlaut, Und wie wunderhold Lemans blauer Flut ein Bild entsteigt, Das durch Pulverrauch sich niederneigt Aus der Wolken Gold. Von der Alpen Fuß Hin zu dir, Helvetiens Lust und Zier, Und zu deinem friedlichen Turnier Fliegt mein Sängergruß. Doch, o Mutter Zeit! Herzen, die dein milder Hauch belebt, Stähle, wenn sich fremde List erhebt, Waffne sie zum Streit. Rufe sie zur Pflicht, Vaterland! und deiner Söhne Bund Folgt dem weißen Kreuz auf rotem Grund Durch die Nacht zum Licht. (Bern, Juli 1887.) 8. Securitati perpetuæ 1. Das Herz betäubt und das Gehirn gespalten, Bin ich gewohnt, mich willig zu bescheiden, Weil mich der Trost erfüllt, daß allen Leiden Ein letztes, sichres Ende vorbehalten. Gesegnet sei des Todes stilles Walten! Die Geisterbanner kann ich nicht beneiden, Die seiner hehren Größe ihn entkleiden Mit keckem Griff in seiner Toga Falten. Die Leichen liegen starr auf ihren Betten, Wenn ihre Asche nicht zerstob im Winde, Und ruchlos ist das Spielen mit Skeletten. Das sei verkündet jedem Menschenkinde, Und vor Nirwanas Heiligkeit verschwinde Das Reich der Gaukler und der Marionetten. 2. Erbleiche, Sonne! wenn sich deine Macht Auch dort bewährt, wo unser Leib vernichtet, Dort, wo der Tod geschaltet und gerichtet, Dort, wo wir glauben, alles sei vollbracht. Den Lebenden des Himmels ganze Pracht; Doch wenn auf immer unser Weg gelichtet, Dann sei uns keine Rückkehr angedichtet, Von Menschenwahn und Menschenwitz erdacht. Wenn unser Los in eines Gottes Hand, Auch dann sei unsre Rechnung abgeschlossen Mit dem, was wir gelitten und genossen. Verbündet sind Betrug und Unverstand; Den Christusglauben schändet roher Tand, Den Tod entweihen frevelhafte Possen. 3. Sterben – gestorben sein – und doch kein Ende? Und doch des Denkens Leuchte nicht verglommen, Nicht jede Kümmernis von uns genommen Und jeder Zweifel, jede Augenblende? Der Tod ist mehr als eine Sonnenwende – Wie selten heißt das Alter ihn willkommen! Und selbst der Jugend kann die Lehre frommen: Der Tod ist unsres Lebens beste Spende! Denn ihn erhellt kein Tag und keine Zeit. Auf Feuerstätten und im feuchten Grabe Von tiefster Nacht umschattet trotzt gefeit Er der Beschwörer morschem Zauberstabe Und schenkt uns seine schönste Liebesgabe: Ruhe von Ewigkeit zu Ewigkeit. Requiem »Ueber den Tod soll man weder lachen noch weinen.« »Heil, o Frühling, deinem Schein! Morgenluft, Heil deinem Wehn! Ohne Kummer schlaf' ich ein, Ohne Hoffnung, aufzustehn.« (Rückert.) Motti »Ueber allen Gipfeln ist Ruh; In allen Wipfeln spürest du Kaum einen Hauch; Die Vögel schlafen im Walde, Warte, warte nur – balde Schläfst du auch.« »Für alle hab' ich gesorgt und gestrebt; Mit Sorgen trank ich den funkelnden Wein; Die Nacht ist gekommen, der Himmel belebt, Meine Seele will ich erfreun.« »La voix de la terre est un éternel sanglot qui se perd dans l'éternel silence des cieux.« »Ich möchte hingehn wie das Abendrot Und wie der Tag mit seinen letzten Gluten. O leichter, sanfter, ungefühlter Tod, Mich in dem Schoß des Ewigen verbluten!« »Melancholie ist die Freudigkeit Gottes. Kann man froh sein, wenn man liebt?« »Tout penser sans crainte, Tout quitter sans plainte, Tout comprendre sans voir, Tout aimer sans espoir.« (Dranmor.) 1. Tod! der du meine innersten Gedanken Beherrschest, unbezwingbar, unaufhaltsam, Der du mein ganzes Sein durchdringst, gewaltsam Erschütternd meines Wissens enge Schranken; Vernichter, der du weit, unendlich weit Von Frühlingsschauern, die mein Herz durchbebten, Von Wonnen, schon erträumten und erstrebten, Erschienst, in meines Lebens Blütezeit; Den ich gefürchtet, als des Schaffens Drang Aus meiner Heimat Gauen mich verbannte, Als ich zu freien Thaten mich ermannte, Entwöhnt von Orgelton und Glockenklang; Tod, den ich scheu betrachtet und betastet Trotz der Verheißung seliger Gefilde; Den ich nicht liebe, weil des Daseins milde Gewohnheit auch auf meinen Schultern lastet; Den ich getrost erwarte, weil das Ende, Der letzte Schlaf, den keine Träume stören, Des Auferstehens schmerzliche Legende Mich weder schrecken können noch bethören; Herr über alles, was die Sonnen wecken, Was kreucht und fleucht – erhöre mein Gebet! Ich will dein Sänger sein und dein Prophet, Doch nur, um dich mit Rosen zu bedecken. Ich preise des Vernichters Schöpfungskraft, Ewig verjüngend das für uns Verlorne. Der eingepflanzte wie der angeborne, Der alte Glaube weicht der Wissenschaft. Das ist ein schweres Wort, vielleicht ein herbes; Doch fließt es nicht aus giftgetränkter Feder, Unwürdig meines väterlichen Erbes, Und nicht erschallt es trotzig vom Katheder; Nein! was in stillen, weihevollen Stunden, Was ich von dir erhoffe und erflehe, O Tod, sei Balsam für der Menschheit Wunden, Sei süßer Trost für meiner Brüder Wehe! Vergebens schweifen von des Himmels Flur Verweinte Augen nach ergrauten Domen Und suchen neues Leben bei Phantomen Statt in dem lichten Tempel der Natur. Dem Tode, der sein Werk nicht ganz vollendet, Der Hirngeburt, die, müde Herzen brechend, Bald drohend, bald versöhnend und versprechend Mit Sterbefackeln uns die Augen blendet; Dem Tode, dem verjährter Aberglaube Ein morschgewordnes Monument errichtet In thränenfeuchtem, blutvermischtem Staube, Ihm selber ist mein Requiem gedichtet; Ein Requiem – mein Herz in jeder Note – Ein Lied, in meiner Einsamkeit erdacht, In treuer Menschenliebe dargebracht Als meiner Geistesfreiheit stolzer Bote. 2. Was haben Dichterworte zu bedeuten, Was soll ein Lied, das keiner Laune fröhnt? Und, wenn es weder schmeichelt noch verhöhnt, Wie findet es den Weg zu fremden Leuten? In diesen Tagen, den gewitterschwülen, In dieser Zeit, der bangen, überreifen, Wer wird, um seine Sorgen wegzuspülen, Nach dem Pokale des Poeten greifen? Ein deutsches Mägdlein mag von Bechern nippen, Die fader Maitrank füllt; seit meine Lenze Von dannen flogen, ist, was ich kredenze, Kein Honigseim für jungfräuliche Lippen. Ich komme nicht als ungestümer Dränger, Als Waffenherold oder Minnesänger, Verlasse selten mein bequemes Zelt. Wohl sah ich einst, aus hoher Fensterbrüstung, In Jugendübermut, in voller Rüstung, Durch Morgennebel in die weite Welt; Jetzt aber ist es innerste Betrachtung, Die mir allein geziemt; von mir entfernt Ist des Genusses Kelch; was ich gelernt: Entsagung; Selbstbezwingung, Selbstverachtung, Was ich erhofft, erfleht, was ich gewonnen, Hat sich in der Gedanken Feueresse, In meines tiefsten Wesens Flammenbronnen Langsam geformt zu einer Totenmesse. Nicht ganz erloschen war, was einst so mächtig In mir gebrannt, was sich als Glut bewährte, Die keiner schüren wollte, keiner nährte, Und was ich selbst entfachte – doch bedächtig. Poetenherz! aus deiner Asche sprühn Die Funken hoch empor – es sind nicht viele –; Der Winter naht, wir stehen bald am Ziele, Und mich bedünkt, daß eitel mein Bemühn, Daß mich die Außenwelt, die glatte, kalte, Verdammen muß, weil du zu rasch geschlagen. O Herz, ich höre Stimmen, die dir sagen: Du bist das gleiche noch, du bist das alte! Wohlan, verloren sei mein letzter Pfeil! Verklingen mögen meine Melodien, Wenn siegesstarke Sänger für das Heil Der Menschen vor der Wahrheit niederknien! Tod! du erschütterst meines Wissens Schranken; Doch ungestillte Sehnsucht reißt mich fort; Nicht mir gebührt das priesterliche Wort, Das rechte Wort für zündende Gedanken; Ich beuge willig mich vor Geistesfürsten, Und ich ersehne ihren Götterwein Für alle, die in ihrer Herzenspein Nach Himmelsnektar, nach Erkenntnis dürsten. 3. O welche Zeit! Wie seltsam und verwirrend Sie, die so wenig Licht und Freude spendet Und dennoch, eine weite Bahn durchirrend, Nach Sonnenaufgang ihre Schritte wendet! Ja, vorwärts eilt die Zeit mit Schwert und Wage; Uns aber ist ein solcher Trost von nöten, Wenn über unsrer Herzen Niederlage Wir noch erschrecken, wenn wir noch erröten. Des Denkers Schätze sind verschmähte Währung; Den Ernst des Weisen trifft des Forums Spott, Der Menge Fluch; denn Mammon heißt ihr Gott In diesen Tagen allgemeiner Gärung. Und des Gerechten Schmerz, so tief begründet, In welchen Herzen kann er Wurzeln fassen Jetzt, wo des goldnen Kalbes Reich verkündet Auf allen Märkten und in allen Gassen Und überall der Feind sich eingenistet, Ein Dämon, der des Geistes Schwingen lähmt, Doch dessen Lächeln oft die Stärksten zähmt, Das oft die Besten, Reinsten überlistet? Verlockend lautet des Versuchers Lehre Und immer größer wird der Narren Gilde, Und in dem Chaos luftiger Gebilde Versinken Manneswert und Mannesehre. Wohin ich blicke: Täuschung, Selbstbetrug, Verstellung, Eitelkeit, erborgter Glanz, Vergoldeter Gerippe Totentanz, Doch auch des Wissens stolzer Adlerflug. Wohin ich flüchte: Selbstsucht und Bethörung, Doch auch der Armut zürnende Gestalten; Und überall, wo falsche Götter walten, Die Schreckenszeichen nahender Empörung. Noch immer rätselhaft und unverstanden Ist diese Zeit, die Großes schon erstritten, Die nach Erlösung seufzt aus alten Banden Und doch sich fortbewegt mit Riesenschritten Und vorwärts strebt zu dem umwölkten Lichte – Es wird die Erde aus der Knechtschaft Schmach Sich doch befrein; was jener Seher sprach: »E pur si muove«, lehrt die Weltgeschichte. Das ist des Forschers Hoffen und Vertrauen, Sein Trost in Zweifeln und in Kümmernissen: Auf kommende Geschlechter niedertauen Wird neue Lebenskraft mit neuem Wissen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 4. O Christus, Glaubensheld! Du tauchst erhaben Aus jener Zeit empor, der du entsprossen; Dein bleiches Bild, von Thränen übergossen, Ist tief in unsre Herzen eingegraben. Der Sehnsucht, die Jahrtausende durchflammt, Die mutvoll sich vom Staube losgewunden, Und jener Liebe, die nur du empfunden, Ist deines Reiches Herrlichkeit entstammt. Doch bist du mir als Menschensohn erschienen Und meinen Glauben kann ich nicht bestatten Auf Golgatha, in deines Kreuzes Schatten, Und einem fleischgewordnen Gotte dienen. O Schwärmer, den sein großes Herz betrogen, Messias, den des Todes Macht bezwungen, Du hast der Wahrheit Fülle nicht errungen Auf jener Bahn, die glorreich du durchflogen; Noch taucht dein Bild empor, das sternenhelle, Aus dunkler Zeit, in schmerzlichem Verlangen; Doch zu den Toten bist du heimgegangen, Auf ewig heim – nicht zu des Lichtes Quelle. 5. Am Kreuze blutend, frei von jeder Schuld, In tiefster Brust Vergebung und Erbarmen, So schiedest du, mit offnen Bruderarmen, Auf ewig – in verheißungsvoller Huld; Doch dein Vermächtnis, deines Opfers Lohn, Aus Geistesnacht hat keinen es gerettet. Noch beten, an ein morsches Kreuz gekettet, Die Blinden zu dem toten Menschensohn. Ach, mir, der ich dein Bild im Herzen trage, Will kein Gebet mehr frommen, wenn ich frage: Der in Gethsemane umsonst geschmachtet, Umsonst geseufzt nach einem Himmelszeichen, Liegt er vermodert unter Menschenleichen? Hat er als Gott sein Liebeswerk verachtet? – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – 6. Die Liebe währt Jahrzehnte; doch die Klage, Nicht jene nur den Formen angemess'ne, Oft auch der Gram um niemals ganz vergess'ne, Vermindert leider sich mit jedem Tage. Ach, unsre Selbstsucht spottet mancher Lücken, Und wenn beweinte Tote wiederkämen, Wie würde da ein schlechtverhehltes Grämen Uns neue Thränen aus den Augen drücken! Unheilbar ist des Menschen Eigennutz. – Ja, fielen vor dem Grab entstiegnen Richtern Die Masken von den nüchternen Gesichtern, Wo bliebe dann der Phrasen Flitterputz? Gut, daß uns die Geschiednen nicht erscheinen; Auch ihnen wohl, daß sie genießen können Die Ruhe, die wir ihnen gerne gönnen, Und daß sie nicht um unser Elend weinen. Wie, selbst die auf Erlösung nur Bedachten Sind drüben nicht von Seligkeit umflossen Und müssen, wenn die Augen sie geschlossen, Im Geiste noch der Ihren Not betrachten? Nein, mit dem Tode endet jede Qual; Auch solche, die als Echo weiterzittert, Bleibt in der Heimat Grenzen eingegittert. Das ganze Weltall ist kein Hospital ... 7. Die Erde ist so groß für Myriaden Belebter Wesen und für jede Zeit, Für jeden Nachwuchs bleibt sie fruchtbeladen Und wird in ihrer ganzen Herrlichkeit Verschmäht von denen, die nicht sehen wollen, Die furchtsam ihren Horizont verschleiern Und dann, bei Lampenlicht, in Kinderrollen Und mit Pygmäen-Stolz Triumphe feiern! 8. Weit ist die Welt und breitet ihre Schätze Vor unsern Augen aus; wen es gelüstet Nach goldnen Früchten, wage kampfgerüstet Hinaus sich auf die großen Tummelplätze Mit Kräften, immer neuen, lebensfrischen; Denn »Hammer oder Ambos« ist die Frage, Und wer sich selbst beschützen muß, erschlage Die Schlangen, die zu seinen Füßen zischen. Durch Trümmer geht der Angriff wie die Flucht; Der Feinde Troß ermüdend und verscheuchend, Auf steiler Höhe, schweißbedeckt und keuchend, So pflückt der Sieger die ersehnte Frucht. Mein Zuruf gilt allein den kühnen Thaten, Der offnen Fehde, den beherzten Würfen, Nicht jener Brut erbärmlicher Piraten, Dir nur gestohlnen Wein hinunterschlürfen. Kaum einer siegt von hundert wackern Streitern. Heiß ist die Mühe, ungewiß der Preis, Statt eines grünen oft ein dürres Reis, Ein Splitter aus zerbrochnen Himmelsleitern; Statt Engelschöre – nichts als kühle Phrasen Für den Enttäuschten, Müden, Lebenssatten; Vielleicht ein Halt auf schattigen Oasen Und dann die Ewigkeit in Todesschatten. Wo sind die andern? Links und rechts verschüttet, Wenn nicht ein ärmlich Brot mit Thränen essend, Wenn nicht in Dunkelheit sich selbst vergessend, Der Leib gebrochen und der Geist zerrüttet. Doch besser noch, der Jugend nicht entsagen, Dir tief ins Auge schauen, Sphinx von Theben, Als, eine Null im schalen Alltagsleben, Sich nicht an deines Rätsels Lösung wagen. Es häuft der Tod Skelette auf Skelette; Doch ist es edler, mit erschöpfter Kraft Verscheiden, als in engbegrenzter Haft Zu Grunde gehen an der Sklavenkette. Die Welt ist groß und voller Lorbeerkronen, Und »Vorwärts durch die Nacht« heißt die Parole, Steigt auch nur einer unter Millionen Als Sieger auf des Lebens Kapitole. 9. Schaukelt, wenn Wogen sich auf Wogen türmen, Euch auf der See und nicht auf Gartenteichen; Typhone laßt durch eure Haare streichen Und kühlt die heiße Brust an Meeresstürmen! Es dringe bis in eurer Herzen Mark Des Atmens Lust, des Daseins altes Leid; In Blitz und Donner werdet lebensstark Und todesfreudig, wenn ihr glücklich seid! Schön ist die Welt und groß des Menschen Wille; Doch nach der Jugend jauchzenden Fanfaren Wird jedem Denker sich des Todes Stille Als seine beste Zuflucht offenbaren. 10. Des Dichters Leier mögt ihr gern vergleichen Der Aeols-Harfe, von des Zephyrs Flüstern Geliebkost, die von sehnsuchtsvollen, weichen Accorden sich versteigt zu wilden, düstern, Zu Friedhofsklagen bei dem Gruß des Windes Und bei dem lautern Murmeln eines Baches. – Gleich solcher Harfe ist des Sonntagskindes, Des Dichterlinges Herz ein eitles, schwaches. Doch Saiten, die mit brausenden Accorden In wunden Männerherzen wiederklingen, Die selbst in Wintersstürmen nicht zerspringen, Sind nicht an Aeols-Harfen stark geworden. 11. Schmerzen begreifen, ehren, nachempfinden Und dann das Mitgefühl, das ihn bemeistert, Wie die Bewunderung, die ihn begeistert, In edle, kunstgerechte Formen binden, Das ist des Auserkorenen Beruf, Das seine Sendung –; wie Posaunenstöße Ertönt sein Klagelied, wenn ihn die Größe Des Menschenelends zum Poeten schuf. Wohl läßt sich auch das andre nicht vermeiden: Daß Seufzer, die der Phantasie entquellen, Behutsam sich in schöne Worte kleiden, Bevor sie fremdem Leid sich beigesellen. Doch laßt sie gelten! Der Gedanke heiligt, Was die Beredsamkeit mit Blumen schmückt; Und wenn dem Künstler das Gepräge glückt, War auch sein Herz im Schaffensdrang beteiligt. Und fallen von den Augen ihm die Schuppen, Erkennt er, daß die Menschheit sehr vergeßlich, So weiß er auch, daß Schmerzen, unermeßlich, In mancher Brust ungreifbar sich verpuppen. Dann wird die eigne Klage leiser, milder; Vor Qualen, die nur Grabesruhe heilt, Ist selbst der schönste Vers umsonst gefeilt, Erbleichen alle Worte, alle Bilder. Im Sonnenlichte und in Todesgrüften Weilt der Poet – so will es sein Geschick; Doch nicht in alle Schmerzen dringt sein Blick, Er kann, er darf nicht alle Schleier lüften. 12. Ach, wer des Lebens Labyrinthe kennt, Läßt jede gutgemeinte Regung gelten! Ist doch des Jammers schon genug und selten Die Thräne, welche tiefe Furchen brennt. Berauschend sind des Lenzes Wundermären, Bis wir uns beugen vor des Schicksals Streichen, Und nicht aus vielen Augen fallen Zähren Stolzer Entsagung auf geliebte Leichen: Tribut, nur in verschloss'nen Kammern funkelnd, Verschämte Thränen, die nicht jedem eigen, Laßt sie, der Elegien Glanz verdunkelnd, Einsame Furchen ziehn – der Rest ist Schweigen. 13. Mein Herz schlägt jenen Thoren nicht entgegen, Den Alltagsmenschen, die mit weiten Taschen Nach Mammons gnädigen Geschenken haschen Auf breitgetretnen, wohlbekannten Wegen. Wer sich ergötzt an unhaltbarem Flitter, Wer nach dem Schimmer des Triumphes geizt, Wer dünkelhaft sich in der Sonne spreizt: Der bange vor dem nahenden Gewitter. Doch dem Besiegten, der, vom Blitz getroffen, Sich scheu zusammenduckt gleich einer Schnecke, Dem Schwachen in dem dürftigen Verstecke, Dem Dulder stehn geprüfte Herzen offen. Wenn meine Seufzer ungehört verwehn, Ich, der mit keinem Siegeskranz Geschmückte, Ich, der sich oft auf Sterbelager bückte, Mag kein lebendig Wesen leiden sehn. 1 Fußnoten 1 »I wish no living thing to suffer pain.« (Shelley.) 14. Wißt ihr, was eines Dichters Brust durchwühlt? Ihn quält das Todesröcheln eines Lammes; Verwandt ist alles ihm, was lebt und fühlt, Und was Gedanken hat, ist seines Stammes. Er sucht in Freundesherzen seine Wohnung, Beharrlich, trotz der Seltenheit des Fundes, Und mehr als karg gespendete Belohnung Rührt ihn das treue Auge seines Hundes. Er kann nicht ernten, was er ausgesät; Die Gegenwart belächelt dessen Meinung, Der in so mancher schillernden Erscheinung Nichts achtet als des Todes Majestät; Heil wünscht er jedem, der mit voller Hand Sich zu den Armen und Verlass'nen wendet, Der seinen Trost aus kühlen Bronnen spendet, Heil dem Propheten in der Sonne Brand! Nicht jeder Dichter ist ein Quellenfinder; Doch allen schwebt das Wort des Meisters vor: »Unsterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zum Himmel empor.« 15. Zwar sprach ich oft zu mir: Sowie der kecke Doch kluge Schiffer in des Sturmes Toben, Wenn Wind und Flut sich gegen ihn erhoben Und ihn verdrängen wollen vom Verdecke, Sich zornig gegen solchen Anprall steift Und wassertriefend, fröstelnd und verdrießlich Sich an den Mastbaum binden läßt und schließlich Siegreich die Stricke wieder von sich streift; So, statt des Lebens Stürme zu bejammern, Statt unbehülflich über Bord zu fliegen, Will ich fortan mein schwaches Herz bekriegen Und mich an der Erfahrung Mastbaum klammern. So will ich, ein verwitterter Matrose, Der gegen Ungemach sich kräftig stemmt, Bevor die große Flut mich überschwemmt, Dem Regen trotzen und der Wasserhose Und Freund wie Feind die Stirne bieten, starr Und teilnahmslos, nicht Leidenschaften dämpfend, Nur den Impuls, den innern Drang bekämpfend, Damit es nicht mehr heiße: Sei kein Narr! O Schwärmer mit dem zärtlichen Gemüte, Dem Pöbel, niedrig oder hoch geboren, Der gegen Deinesgleichen sich verschworen, Dem gibst du deines Geistes beste Blüte? Die deiner spotten, liebst du wie Geschwister? Den Mann, den du gekleidet und gespeist, Und der zum Lohne dir die Zähne weist? Und dann die Kühlen, Frommen, die Philister, Die Neider, die Verfolger, die Verächter Und Jeden, der, wenn dich des Schicksals Bürde Zu Boden drückte, dich mit Hohngelächter Hinunter in die Tiefe stoßen würde? Ich habe solche Stimmen nicht mißachtet; Sie sagten Unleugbares, längst Geahntes; Sie haben, unter Schmerzen Angebahntes Vollendend, mein Gemüt mit Gram umnachtet. Und ich zerbrach den leuchtenden Altar, Vor dem ich falscher Brüder Schmerz gehuldigt; Ich, den man blinden Mitgefühls beschuldigt, Bin nicht der gute Junge, der ich war; Denn, wenn ich meine Arme ausgebreitet, Die ganze Menschheit liebend zu umfangen, Hat stets ein Judas-Kuß auf meinen Wangen Gebrannt und auf Verrat mich vorbereitet. Es ist gewitzigt nun, was ihr mißhandelt, Des Dichters Herz, das keiner unterjocht, Seit es gepanzert euch entgegenpocht, Seit es, wie eure, sich in Erz verwandelt. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – So sprach ich zwar, von wilden Lebenswogen Geschüttelt und von Wolken überdacht; Doch Sonnenschein verdrängte Sturm und Nacht, Und nach Gewittern kamen Regenbogen. Dann schlich Erschlaffung ein in meine Sehnen; Von meinem Herzen schmolz die Eisenrinde; Und dann war jedem armen Menschenkinde Gestattet, sich an meine Brust zu lehnen. 16. Die Rache kommt von selbst herangehinkt; Ein Fatum wütet in der Weltgemeinde, Dem jeder Schächer in die Arme sinkt. Ich könnte auf den Gräbern meiner Feinde Ein Hosianna unter Trauerweiden, Ein stolzes Jubellied ertönen lassen; Doch will ich sonder Jubel mich bescheiden – Es lohnt sich nur zu lieben, nicht zu hassen. 17. Wer in der Heimat keine Ruhe fand Und draußen auf der See sie auch nicht findet Und nun sich nachts auf seinem Lager windet Und drückt sein Ohr an der Kabine Wand Und lauscht den großen Wassern, stets bewegt, Und hört ihr Plätschern auf die leichten Bretter, Der denkt gewiß, beim schönsten Reisewetter, Daß sich der Tod an seine Seite legt; Und wenn es plötzlich heißt: Das Schiff ist leck, Und schwer, wie uns bedünkt, das Loch zu stopfen – Wird freilich mehr als ein gelinder Schreck Dem armen Manne auf die Beine klopfen. Doch wenn nun ein entfesselter Orkan Sich täppisch heftet an den morschen Kasten, Daß jede Planke stöhnt und daß die Masten Sich beugen müssen vor dem Grobian, Dann tobt das alte Meer in Donnerlauten, Dann fährt durchs Takelwerk ein böser Pfiff, Dann wird zur Hölle das geplagte Schiff Für den mit seinem Wesen nicht Vertrauten. Mag ihren Schaum, den aufgewühlten, gelben, Die zügellose See zum Himmel spritzen; Mag sie im Diamantenschmucke blitzen Sobald die Nacht erscheint – es sind dieselben Grausamen Spiele für den Passagier, Der früher sich an Traumgebilden sonnte, Die er beherrschen und verändern konnte, Er, so beklommen und so kleinlaut hier! – – Die Rettungsböte reißt der Wogen Kamm Hinunter vom Verdeck und auf die nackte Hülflose Schale stürzen Katarakte – – Kaptain und Mannschaft bleiben dennoch stramm; Der echte Seemann, nervenstark und zähe, Entsetzt sich nicht vor des Verderbens Nähe; Er hält auf seinem Posten scharfe Wacht, Gefaßt, doch mit dem Auge eines Falken; Und wenn das Fahrzeug auseinanderkracht, Bleibt ihm ein kleiner Rest: ein Mast – ein Balken. Doch wenn der letzte Damm zusammenbricht, Der rettend ihn vielleicht von dannen trüge, Schaut er mit stiller und gerechter Rüge Dem Tode in das starre Angesicht. 18. Den trifft fürwahr ein unverdientes Los, Der, als ein wackrer Sohn des fernen Strandes, Trotz aller Mannheit, allen Widerstandes, Einsam veratmet in der Wellen Schoß; Nach tausend Stürmen, Kämpfen, Abenteuern Bezwungen von der Elemente Wut Spurlos verschwindet in der grausen Flut, Umzingelt von des Abgrunds Ungeheuern! 19. Ein unverdientes Los, ein blindes, schnödes – Und was wird meines sein? wie kann ich wissen Ob mein Geschick ein edles oder ödes? Wir alle sind umringt von Finsternissen. Nicht immer sichtbar ist des Abgrunds Rand, Nicht zu beschwören jegliche Bedrängnis. Der Zufall waltet mehr als der Verstand, Und mehr als Lebensweisheit das Verhängnis. Es sichtet keine Gottheit die Atome, Um die zu retten, jene zu verderben; Entscheidend zwischen Leben oder Sterben Liegt oft ein Strohhalm in der Zeiten Strome. Wo sind die heißersehnten Paradiese Und wo die Dunkelheit und wo das Licht? Wen trifft die Schuld, wenn unser Gleichgewicht Erschüttert wird durch jede kleine Brise? All unsre Wünsche langen Wohlergehens Sind Gaukelspiel, wenn wir als brave Nauten Der Windsbraut todeskühn ins Auge schauten, Um über Bord zu fallen unversehens; Dann, wenn die Wasser uns emporgeschnellt Zum letztenmale, sehn wir aus der Ferne Des Schiffes weiße Segel, hochgeschwellt, Und sehen droben noch die stummen Sterne Erblassend durch des Himmels Dunkel schimmern, Trostlose Sterne, kalt herniederblickend, Bis, in der Wasserdecke sich verstrickend, Zum Abschied sie um unsre Augen flimmern. O dann, bevor es durch den Tod besiegelt, Bevor es ausgelöscht ist und verschollen, Mag wohl, im innern Auge abgespiegelt, Ein ganzes Dasein uns vorüberrollen, Ein Menschenleben, aber ohne Plage. All die vergangnen Schmerzen sind verwischt; Nur Wonnen werden wieder aufgefrischt Dort in dem ungeheuren Sarkophage. Und frommt es, wenn in Hütten und Palästen Wir unsre Eigenliebe eingemauert? Die Krankheit naht, das Unglück späht und lauert, Und keine Vorsicht schützt vor rohen Gästen. Die Glücklichsten, wenn sie zurückgeblieben Zu spätem Scheiden, drückt des Alters Last, Und selbst der Sieche sucht die letzte Rast, Die einzig ungetrübte, zu verschieben! Und alle, trotz Enttäuschung und Beschwerden, Der in der Höhe, jener in der Tiefe – – Und keiner doch, der nicht zum Himmel riefe: »Das Leben ist nicht wert gelebt zu werden!« 20. Nochmals den großen Wassern meinen Gruß, Dem Ocean und all den wackern Leuten, Die nur durch ihn ihr armes Brot erbeuten! – Auf eines Schiffes Planken tritt mein Fuß Nicht ohne Schüchternheit; und schütteln darf Des Seemanns Schwielenhand nicht ohne Scham Wer, so wie ich, den träumerischen Gram, Das faule Frachtgut nicht zur Seite warf. Mir war es nicht vergönnt, von alten Schlacken Mich zu befrei'n und von ererbtem Staube; Ein gutes Beispiel aber fand mein Glaube Stets auf der See, bei den beteerten Jacken. Und an dem Anspruchslosen ganz besonders, Der in der großen Menge sich verliert, Und dessen Aermel keine Schnur verziert, Erlabte sich der Blick des Hypochonders. Hei, seht die Handelsschiffe, schwach bemannt, Wie sie nach allen Winden sich zerstreu'n! Wie viele dort an Bord? – Acht oder neun, Und dennoch alle Segel aufgespannt. Drei Masten trägt das Fahrzeug? – Gute Reise! Zieht durch die Meere hin als Friedensboten Und kehrt zurück als glückliche Piloten, Heim aus Ostindien, heim aus Grönlands Eise! Mich selber hat die Trope wie entblättert, Doch möcht' ich einmal noch die Zweige recken Dort, wo auf unbegrenzte Länderstrecken Die Sonne ihre Strahlen niederschmettert; Dort, wo des Himmels Blau mit Purpurfarben Gesättigt auf die Palmen niederlacht, Wo matte Wellen einst in lichter Nacht Zu meinen, des Verbannten, Füßen starben, In goldnen Sand verrinnend; an Gestaden, Wo ich geträumt, gelitten und – gezaudert, Und wo mir holde, schmeichelnde Najaden Von alter Liebe Herrlichkeit geplaudert; Wo die Natur in nimmermüdem Schaffen Auf Wunder immer neue Wunder baut. – Dahin ist meine Zeit! – O Schmerzenslaut! Es ist zu spät, mich wieder aufzuraffen; Nach kurzen Tagen ist es Nacht geworden; Mir sind besonnte Pfade abgeschnitten. Ich bin gekommen, um im rauhen Norden, Im Schneegestöber um ein Grab zu bitten. Und wenn ich noch am stillen Abendfeuer Mich berge vor dem heimatlichen Schnee, Gedenk ich deiner, sternbesäte See, Ihr kühnen Schiffer, dann gedenk ich euer! Vergessenheit ist unser Los; doch besser Das Herbe mit Gehorsam und Geduld Bezwingen, als der Undankbaren Schuld Bloßlegen, schonungslos, mit spitzem Messer. Vorwärts gesteuert durch des Lebens Brandung Als tapf'rer Lotse, nicht als Menschenhasser – Das war der Scheidegruß der großen Wasser Bei meiner späten, meiner letzten Landung. 21. O Meer, du bist das ewig zaubervolle, Das ewig schöne und das ewig wahre, Die große Wiege und die Totenbahre. Vor deiner Milde wie vor deinem Grolle, Vor deinem Hauch verstummt des Sängers Leier. Du bist der Anfang und das letzte Wort, Der Menschheit Schrecken und ihr bester Hort, Ihr Tröster, ihr Ernährer, ihr Befreier. Entzückend ist dein Lächeln und gewaltig Dein tiefer Atemzug. Mit Salzkrystallen Hinschäumend über zackige Korallen Und immer Leben sprühend, tausendfaltig; Eisberge rollend, Lotusinseln pflegend, Stolze Fregatten, Handelsflotten schaukelnd, Bald Falten werfend, bald im Lichte gaukelnd Und eine Welt von Kreaturen hegend In deinem Schoße; Nordlands kahle Dünen Bespülend, Fichtenwälder, schneebekränzt, Und drüben, wo die Tropensonne glänzt, Die Palmen, die geliebten, immergrünen, Die schlanken Palmen küssend, ihre Kronen Berührend und ihr Flüstern weitertragend – Glorreiches Meer! befruchtend, jauchzend, klagend, So flutest du dahin durch alle Zonen, Unendlich, unerschöpflich, unbezwungen, Entfesselt, ohne Ruhe, ewig drängend, Und doch, wie eine Thräne, lichtdurchdrungen Dich an den dunkeln Saum der Wolken hängend, Oft freudestrahlend, oft in stiller Trauer – Du hast der Menschen Heimat eng umschlossen. Du hast in unsrer Mutter Brust gegossen Des Lebens Odem, der Vernichtung Schauer; Mich aber hast du über Raum und Zeit Erhoben und mein Herz zu tausendmalen Befreit von Zweifeln und von Todesqualen, Befreit von Trübsal und Zerrissenheit. Ich danke dir – dir, dem ich lebenskrank Von meinem Leid erzählt, dem winzig kleinen. Du stilltest meine Schmerzen mit den deinen – Nochmals den großen Wassern meinen Dank! 22. Des Scheidens Angstruf ist von meinem Munde Verbannt und längst zerrissen das Gewebe Der trügerischen Träume; doch ich bebe, O Mutter Erde, vor der letzten Stunde. Ich bin geknickt in meinem letzten Stolze, Weil du zurückverlangst, was dir entsprossen; Weil du den Keim, der langsam aufgeschossen, Langsam verderben mußt in faulem Holze; Weil du die kalte Form in lose Fetzen Zerlegst, den welken Körper, keusch verhüllt; Weil Zorn und Scham, weil Grausen mich erfüllt Vor eines Grabes Ekel und Entsetzen; Und weil ich – o des namenlosen Jammers! – An jene denke, die man fortgetragen, Als, nach den Donnerschlägen eines Hammers, Sie dennoch ruhig auf den Spänen lagen Und endlich aus der Ohnmacht sich erhuben, Nachdem die Stricke schon emporgeflogen, Nachdem der Schaufeln Arbeit schon vollzogen, Und dann die Nägel in die Särge gruben. – Ich will nicht weiter sinnen. – Sei zerstört, Bild der Verzweiflung, kehre niemals wieder! – Ich lege Pinsel und Palette nieder, Wenn mein Gedanke dich heraufbeschwört. Entweiche, grauenhafter Gast, vor dessen Gorgonen-Antlitz meine Pulse stocken! Verschlinge, Grab, die hingeworfnen Brocken Nur dann, wenn sie von Fäulnis angefressen! Es wäre besser, himmelan zu lodern, Gereinigt und vertilgt durch Feuerbrände, Statt eingesperrt in eines Sarges Wände In feuchter Erde langsam zu vermodern. Gemildert wird des Scheidens Bitterkeit, Der Hinterbliebnen Schmerz, wenn Ueberreste Der Menschen in dem ew'gen Schöpfungsfeste Verbrennen, von der Erde Last befreit. Es mag die Nachwelt ihre Toten taufen, Wie sichs allein gebührt, im Flammenbade; Denn eines reinen Glaubens letzte Gnade Ist nicht das Grab, es ist der Scheiterhaufen. 23. Ich weiß ein schönes Eiland, wie verloren Im stillen Ocean, ein waldbedecktes, In milden Sonnenstrahlen hingestrecktes, Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren, Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht, Ein Eiland, wie ein Strauß von wilden Rosen Für die Betrübten, für die Heimatlosen Aus träumerischen Fluten aufgetaucht. Es ragt empor, der Schiffer Augenweide, Mit Halden, Silberbächen, kühlen Schluchten. Es streift mit seinem dunkelgrünen Kleide Bis an den Spiegel seiner Felsenbuchten. Lianen werfen ihre Blütenschnur Von Baum zu Baum; durch buntes Strauchwerk fliegen Zwitschernde Vögel. Stolze Forsten schmiegen Sich an des Himmels blendendes Azur. Dort glänzt der Morgentau wie Diamanten Auf satten Gräsern; Antilopen schauen Furchtlos hernieder von der Berge Kanten, Und Palmen rauschen auf beblümten Auen. Ostindienfahrer kommen, reich beladen, Und Wallfischfänger, lärmende Gesellen. Sie kennen meiner Insel Ankerstellen, Doch nur als rastbedürftige Nomaden. Mich zieht es hin, in meinen liebsten Träumen, Zu jenen Thälern mit den Kokosbäumen; Ich möchte dort, auf freier Erde weilend, Mein Paradies mit freien Männern teilend, Ein Pflanzer unter Pflanzern, meine Saat Ausstreuen, einer großen Zukunft Keime, Und ohne Wortgeklingel, ohne Reime Den Tod erwarten als ein Mann der That. Es ist zu spät! Die Jugend ist entwichen. Statt neuer Freuden sind Erinnerungen Aus guter alter Zeit herbeigesprungen, Und Selbstbetrachtung kam herangeschlichen. Es sei! – Ich will an Träumen mich erfreun, Die meine tiefe Trauer überragen. Ich habe heiß gestrebt – ich muß entsagen, Ich muß auf meine Wunden Asche streun. 24. Ich klage nicht. – Zwar ist mein Lebensbuch, Gleich andern, kein vergoldetes gewesen; Auf mancher Seite ist das Wort zu lesen: Ach, soviel Arbeit um ein Leichentuch! Nicht jene Ruhe, die Horaz besungen, Genügt mir ganz – mit ländlichen Idyllen Vermag ich meine Sehnsucht nicht zu stillen: Doch ein gerechtes Urteil ist errungen. Wenn Leidenschaften, wütende Despoten, Mir einst das Herz zerfleischt, in jungen Jahren, Sein heißes Pochen hat Ersatz geboten Für jener Zeiten Leiden und Gefahren. Wenn statt des Friedens, den ich stets erfleht, Gedanken mich erfüllten, kaum zu zügeln, Die Liebe hat mit ihren Engelsflügeln Mir immer neue Hoffnung zugeweht. O fern von hier, verloren in der Wildnis, Sah ich manch süßes, manch geliebtes Bildnis, Sah holder Augen Glanz herüberleuchten In Nächte, halb durchträumte, halb durchweinte, Und fühlte Thränen, treu' und gutgemeinte, Die fieberhafte Stirne mir befeuchten. So kann ich das Verlorne nun verschmerzen Und mich in das, was unabwendbar, schicken Und an Erinnerungen mich erquicken Mit Todeshymnen im Poetenherzen. 25. Begrenzt ist alles Hoffen, alles Streben, Der Wahn der Ewigkeit – ein Selbstverkennen, Kein Leben ohne Tod und alles Leben Nur Selbstverzehrung, hastiges Verbrennen. Des Menschen Dasein, ach, wie bald zerronnen! Beschränkt ist alles Leiden und Genießen; Wir schöpfen Leben aus des Schlafes Wonnen, Bis wir auf immer unsre Augen schließen. Ein Himmelstau für das erhitzte Blut, Ein leiser Tod, versöhnend und belehrend, Bist du, mit jedem Abend wiederkehrend, O süßer Schlummer, unser höchstes Gut. Ja, bis auf immer wir die Augen schließen, Kommst du, geliebter Schlaf, als eine Mahnung In Freud' und Leid – als eine Todesahnung, Bis Sein und Nichtsein ineinander fließen. 26. Anendlichkeit, vor dir erbeben nur Kann mein Gehirn; doch dich ersehnen? Nein! Die schwache, gramerfüllte Kreatur Kann nicht unendlich, nicht unsterblich sein. Wir sind ein armes, winziges Geschlecht, Das nach Minuten rechnet; wir verlangen, Bevor des Todes Schauer uns umfangen, Nichts als des Atmens, als des Daseins Recht. Der Lebensfunke, mit dem Stoff vermählt, Kann nicht selbständig lodern; ausgezittert Hat der Gedanke, wenn die Form zersplittert, Die ihm des Zufalls Laune auserwählt. Geist, der du in den undenkbaren Sphären Des Weltalls waltest, schaffend und ergänzend, Milliarden Wesen ihre Bahn begrenzend, Nicht um Milliarden Leichen zu verklären, Nicht um sie weiter, weiter zu geleiten; Denn sie bedürfen keines Lohns, und strafen Willst du sie nicht – wenn wir im Tod entschlafen, Was ist Vergeltung, was sind Seligkeiten? Des Lebens Schule hat uns so gestaltet, Daß uns nur flüchtiger Genuß entzückt; Und die Entbehrung hat uns so bedrückt, Daß nur aus ihr die Freude sich entfaltet. Kurz muß die Wonne sein, die uns belohnt; Vervielfacht wird die Lust durch die Kasteiung; Liebe ist Schmerz und Wollust nur Befreiung Aus Ketten, die zu tragen wir gewohnt. Und wie wir sind, zu sinnlich und gebrechlich, Um auf der Erde Wonnen zu verzichten, Wir finden Augenblicke, unaussprechlich, Die jeden Schmerz verscheuchen und vernichten. O, voller Zauber ist der Liebe Zeit! Für Herzen, die sich aneinanderpressen, Berauschte Herzen, die sich selbst vergessen, Ist schon erfüllt der Traum der Seligkeit. Wenn ich mich täusche, Weltgeist, wenn du lenkend Wenn du bewußtvoll schaffest und zerstörst, Wenn du mein Ringen siehst, wenn du mich hörst So sei du dennoch meiner nicht gedenkend; Laß dieses Herz, das einst so stürmisch schlug, Und sei es auch das einzigste von allen, Laß es in Staub zerfallen, Ich habe heiß geliebt – das ist genug! Aetherisch durch den Sternenraum zu schweifen, Ich kann es nicht begreifen; Der Schöpfung Wunder, die mit Allgewalt Ein stetes Dankgebet in mir entzünden, Ich will sie nicht ergründen; Ich bin für solchen Rausch zu geistesalt. Ich kann kein neues Leben träumen, kann Nicht hoffen, daß die Toten auferstehn, Und wenn die Sonne schwindet, dann, o dann Möcht' ich mit ihr auf ewig untergehn; Nicht weil mich frühe Trauer überflutet, Und nun in finsterm Trotz mein Herz verblutet, Nein! – Wenn ich Schweres litt und Unnennbares, Ich habe Himmelsfreuden schon genossen Und längst den Tod in meine Brust geschlossen Als ein vertrautes Bild, ein sternenklares. Und nun der Mitwelt dieses Bild enthüllen, Das möcht' ich, siegreich und verheißungsvoll; Denn keine Täuschung, die verschwinden soll, Kann mit so süßem Troste mich erfüllen. 27. Tod, der du meine innersten Gedanken Beherrschest, unbezwingbar, unaufhaltsam, Der du mein ganzes Sein durchdringst, gewaltsam Erschütternd meines Wissens enge Schranken, Ich ringe furchtlos mich zu dir empor, Tod, den ich unsern Friedensspender nenne. Doch, daß die ganze Menschheit dich erkenne, Tritt endlich aus der Dämmerung hervor! Es werde Tag! Vertrieben sei der Spuk, Verflucht des Aberglaubens freches Spiel! Verwelken mag der Gräber Blumenschmuck; Zu Asche brenne, was dem Nichts verfiel! Was frommt der Kirche Segen einer Leiche, Die tote Sprache, mit Vergeltung prahlend? Lebendig ist das Wort, das sonnengleiche, In Millionen Herzen widerstrahlend, Das Wort, das tausendjähr'ge Siegel sprengt, Der echte Glaube, der die Form zertrümmert; Lebendig ist der Tod, der uns bekümmert, Solang das Jenseits unsere Brust beengt. Was unser ist, was liebend wir umfassen, Verschmelze wieder sich mit der Natur, Und jene Sehnsucht, eine Feuerspur, Ein ausgeprägtes Bild zurückzulassen, Versinke in dem großen Weltgetriebe. Der Drang des Schaffens, der sich selbst genügt, Die Selbstverläugnung, die uns selten trügt, Das sind die Zeichen wahrer Gottesliebe. 28. O Morgenrot, ersehntes Morgenrot! Noch bist du nicht für alle angebrochen; Die Menschheit kämpft mit Zweifeln und mit Not. Von andern Lippen ward das Wort gesprochen: Das Sterben in der Dämmerung ist schuld An dieser freudenarmen Ungeduld. Es ist genug des Zagens und des Schwankens; Wir, so zerfahren, eilig und geschäftig, Sind, als ein Teil des großen Weltgedankens, Nur als belebte Larven denkenskräftig. Sei, Weltgeist, du, in unverfälschter Reinheit, Kein Götze, dessen kalte Hand wir küssen; Sei ein geliebter Hauch, trotz unsrer Kleinheit Und trotz der Opfer, die wir bringen müssen; Auf Gräber lasse Thränen niederregnen, Doch laß fortan, auf sonnenhellen Pfaden, Hamlet und Manfred lächelnd sich begegnen Und Faust die Stirn im freien Aether baden! Vorüber mit der Lust ist auch die Pein: Da mit dem Tode das Bewußtsein endet, Laß, unsrer Mutter Erde zugewendet, Bewußtvoll meine Brüder glücklich sein!