Herbstliche Blätter »Der Himmel finster und gewitterschwül Umhüllt sich tief, daß er sein Leid verhehle, Und an des Lenzes grünem Sterbepfühl Weint noch sein Kind, sein liebstes, Philomele.« (Lenau.) 1. In alta solitudine »Poesie ist das Einzige, was uns das Leben erträglich macht.« (J.J. Honegger.) Milder Genius, Aus dunkeln Wolken herniederlächelnd, Dein Name ist Poesie! Und auf den Saum deines Strahlenkleides Fallen meine Thränen Als später Rettungsdank. Herzenbezauberin! Du hast mich errettet Aus jeder Finsternis, Denn mein Irren und Bangen War nur Sehnsucht nach dir, Der lange Verkannten; Glorreich leuchtest du Ueber dem irdischen Jammer, Tröstest Fürsten und Bettler, Und auf die letzten Pfade Des nun Ruhiggewordenen Gießest du deinen vollen Glanz. Tochter des ewigen Lichtes! Reuige Menschen erlösend Aus finstern Wahnes Banden, Als himmlische Trösterin, Als versöhnender Heiland Bist auch mir du erstanden. (Ostern 1879.) 2. Amaryllis Gräser blühen und sprießen empor Hier, wo du liegst in dem schwarzen Schrein, Und es ruht auf duftendem Blumenflor Deiner Haare goldener Schein. Nun, da versiegt meiner Thränen Flut, Zeigen im schimmernden Morgentau Deinen süßen Mund mir des Mohnes Glut, Deine Augen der Veilchen Blau. Kann die lichte Gestalt, die mich umschwebt, Vergehn als herbstlicher Nebel Raub, Sie, deren Hauch diese Halmen belebt Und der Bäume welkendes Laub? Holde Geliebte! so lange schon Unter den Veilchen schläfst du allein – Doch durch ihn, den wonnespendenden Mohn, Bist selbst im Grabe du mein. 3. An Pio nono »Die Pfaffen haben sein Gehirn verriegelt; Sie haben ihm den Gottesgnadentraum Mit albernem Gewäsche vorgespiegelt.« (S. Heller.) 1. Vergänglich ist die Menschheit und, dem Staube Mühsam entwachsen, unrettbar verfallen Dem grauen Chaos. Keinen von uns allen Befreit vom Erdenlos sein Himmelsglaube. Arm ist die Menschheit; jeder lebt vom Raube Und von Geschenken aus des Todes Krallen; Und was beherrscht Despoten wie Vasallen? Die liebe Sünde nur, die blinde, taube. Des Fleisches Wut, des Denkens finstre Macht, O Papst! verbrüdern Sklaven mit Cäsaren Im Schlamme, der auch dir entgegenlacht, Wo mir, dem Sünder in der Sünder Scharen, Graut vor der Lüge, die dein Stolz erdacht, Und graut vor dir, dem einzig Unfehlbaren. 2. Wenn über uns, jenseits der Himmelslichter, Ein Schöpfer thront, der Zeit und Raum ersonnen, Mit unlösbaren Rätseln uns umsponnen, Der ist Jehovah, der ist unser Richter! Nicht du mit all den irdischen Gebrechen. Was ist dein priesterlicher Strahlenkranz? Theaterschmuck; – dein Pomp? – ein Mummenschanz; Dein Gotteswort? – ein nichtiges Versprechen. 3. Ich sah dein greises Haupt mit Silberlocken Und dachte: Nein! du hast nicht wohlgethan; Ein Haus des Irrsinns ist der Vatikan – Und wandte mich von dir, bewegt, erschrocken. Doch draußen in dem schrankenlosen Dom, Erleuchtet von der Sternenkuppel Lichtern, Da rief ich, fern von päpstlichen Gesichtern: Urquell des Lebens, hier ist unser Rom! 4. La Giocaliera 1. Freundin! bewahre deinen leichten Sinn; Was kümmern dich der Liebessehnsucht Leiden? Nur ich sei der Gequälte von uns Beiden, Und dein betrognes Herz sei mein Gewinn, Was du dem armen Schwärmer dargebracht Mit deines holden Leibes wilder Lohe, Ist jetzt der Dichterpreis, der einzig hohe, Der neue Lebenslust in mir entfacht. Das stete Ringen, das mißgönnte Ziel, Das Tändeln mit den gleißnerischen Musen, Auf immer sei es nun an deinem Busen Verfehmt, als nichtiges Gedankenspiel. Entfliehen will ich enger Sitte Joch, Verleugnen all die lyrischen Ergüsse Für deine Trostesworte, deine Küsse – O Freundin! Nur dies eine bleibt mir noch. 2. Wiedersehn, dich wiedersehn? So bin ich versucht zu fragen, Wenn an schwülen Nachmittagen Böse Geister auferstehn; Wenn Erinnerung mich stört, Die von dir nicht abzulenken, Zauberin! wenn all mein Denken, All mein Wünschen dir gehört; Bis des jungen Tages Kuß Mich vergessen läßt die deinen, Daß ich, statt um dich zu weinen, Unsre Trennung segnen muß. Ist das Schlimmste jetzt vorbei, Ach, nur wenig atm' ich freier! Mit dem Gürtel, mit dem Schleier Reißt nicht jeder Wahn entzwei. Weiß nicht, wie dies alles kam, Daß du so mich überwunden; Doch es waren gute Stunden Und ich bin dir nimmer gram. Denn mich reut nicht, was geschehn; Aber soll mir's je gelingen, Ganz von dir mich loszuringen, Darf ich nie dich wiedersehn. 5. Königin Mercedes »Seit dem letzten Sonnenstrahl O wie weit die Reise! Weiter, weiter tausendmal Als vom Kind zum Greise! Jüngst erst auf der Mutter Schoß Ihr am Busen lagst du; Nun die Größten, riesengroß, Plötzlich überragst du.« (A.F. von Schack.) Nicht in deiner Trabanten Trosse, Von der Königin Lächeln beglückt Als betreßter Schranzen Genosse, Nicht da droben im Zauberschlosse Hätte der Dichter sich tief gebückt. Deinem Glanze stand er ferne, Majestät! doch er hätte gerne Für die kleine Braut eine Rose gepflückt. Für das tändelnde Kind eine Rose, Nicht erfüllt von berauschendem Duft; Nein! wie dort, in ärmlichem Moose, Die bescheidene, dornenlose, Dort nur gedeiht in der Alpenluft. Majestät! aus seidenen Kissen Hat der Wüstenwind dich gerissen Und die Rosen gestreut auf des Kindes Gruft. O warum, nach des Fatums Willen, Wendet sich meiner Gedanken Flug Lieber zu den verschämten, stillen Als zu königlichen Idyllen, Als zu Schalmeien und Fackelzug? Und warum sind goldne Räume Für der Menschheit lieblichste Träume, Für Philemon und Baucis nicht weit genug? 6. O diese Sonne »Nichts stillt mein Heimweh nach den Alpentriften, Nach all den teuren, wohlbekannten Gauen.« (Heinrich Leuthold.) In der Gedanken Dämmerung verglimmt, Was blendend einst vor meinem Geiste stand; Und immer heller glüht der Sonne Brand, Des Feuerballs, der mich so trübe stimmt. Die Trope weckt nur Kummer und Verdruß In mir, der nach der langen Wanderschaft Noch einen Traum: der kühlen Heimat Haft, Im Herzen trägt und jetzt sich fragen muß: Warum, bevor mein Tagewerk vollbracht, Die Sonne, die so hoch am Himmel steht, Der Wind, der durch die Lorbeerbüsche weht, Warum mich alles jetzt so traurig macht? 7. Helvetia (Zum eidgenössischen Schützenfest in Genf.) Wandelst fort und fort, Stolze Schweiz, auf deiner lichten Bahn; Baust auf Gott, wenn deine Feinde nah'n, Nicht auf Menschenwort. Großes ist geschehn, Und in deiner freien Berge Luft Soll kein böser Geist aus finstrer Gruft Wieder auferstehn. »Mutig aufgeschaut!« Hunderttausendfacher Büchsenknall Zu den Eidgenossen überall Bringt den Donnerlaut, Und wie wunderhold Lemans blauer Flut ein Bild entsteigt, Das durch Pulverrauch sich niederneigt Aus der Wolken Gold. Von der Alpen Fuß Hin zu dir, Helvetiens Lust und Zier, Und zu deinem friedlichen Turnier Fliegt mein Sängergruß. Doch, o Mutter Zeit! Herzen, die dein milder Hauch belebt, Stähle, wenn sich fremde List erhebt, Waffne sie zum Streit. Rufe sie zur Pflicht, Vaterland! und deiner Söhne Bund Folgt dem weißen Kreuz auf rotem Grund Durch die Nacht zum Licht. (Bern, Juli 1887.) 8. Securitati perpetuæ 1. Das Herz betäubt und das Gehirn gespalten, Bin ich gewohnt, mich willig zu bescheiden, Weil mich der Trost erfüllt, daß allen Leiden Ein letztes, sichres Ende vorbehalten. Gesegnet sei des Todes stilles Walten! Die Geisterbanner kann ich nicht beneiden, Die seiner hehren Größe ihn entkleiden Mit keckem Griff in seiner Toga Falten. Die Leichen liegen starr auf ihren Betten, Wenn ihre Asche nicht zerstob im Winde, Und ruchlos ist das Spielen mit Skeletten. Das sei verkündet jedem Menschenkinde, Und vor Nirwanas Heiligkeit verschwinde Das Reich der Gaukler und der Marionetten. 2. Erbleiche, Sonne! wenn sich deine Macht Auch dort bewährt, wo unser Leib vernichtet, Dort, wo der Tod geschaltet und gerichtet, Dort, wo wir glauben, alles sei vollbracht. Den Lebenden des Himmels ganze Pracht; Doch wenn auf immer unser Weg gelichtet, Dann sei uns keine Rückkehr angedichtet, Von Menschenwahn und Menschenwitz erdacht. Wenn unser Los in eines Gottes Hand, Auch dann sei unsre Rechnung abgeschlossen Mit dem, was wir gelitten und genossen. Verbündet sind Betrug und Unverstand; Den Christusglauben schändet roher Tand, Den Tod entweihen frevelhafte Possen. 3. Sterben – gestorben sein – und doch kein Ende? Und doch des Denkens Leuchte nicht verglommen, Nicht jede Kümmernis von uns genommen Und jeder Zweifel, jede Augenblende? Der Tod ist mehr als eine Sonnenwende – Wie selten heißt das Alter ihn willkommen! Und selbst der Jugend kann die Lehre frommen: Der Tod ist unsres Lebens beste Spende! Denn ihn erhellt kein Tag und keine Zeit. Auf Feuerstätten und im feuchten Grabe Von tiefster Nacht umschattet trotzt gefeit Er der Beschwörer morschem Zauberstabe Und schenkt uns seine schönste Liebesgabe: Ruhe von Ewigkeit zu Ewigkeit.