Felix Dörmann Sensationen Pénétrance même jusqu'a la douleur. Ich habe gebüsst Heinrich Baron Korff zugeschrieben. 1. Noch ruht auf mir meiner Sünden Zicht, Die Fackel der Freiheit, noch flammt sie mir nicht, Noch klirren die Ketten mir mahnend am Fuß, Noch peitscht mich der Brüder verächtlicher Gruß, Noch scheut der Geringste den Druck meiner Hand, Noch bin ich verstoßen, vervehmt und verbannt: So war meine Reue noch zärtlich und weich, So war meine Buße noch schwächlich und bleich: Wohlan! so verhängt mir die zehnfache Pein, – Ich will sie ertragen und dankbar sein. 2. In Asche vergrub ich die Stirn und in Koth, Den Wölfen im Walde zum Fraß ich mich bot, Den Stürmen der Winternacht gab ich mich preis, Ich wälzte die Glieder durch Felsen und Eis; Ich beugte den Willen und brach meinen Stolz, Schlug selber die Seele an's Marterholz, Ich kroch vor der Herde – und das ist die Qual, Der Seele rothglühendes Schandenmal. 3. Ich habe gebüßt nach der Christen Gebot, In darbender Demuth, in Ketten und Koth. Was jemals ein Mensch sich als Folter ersann, An tödtlichen Qualen, ich that es mir an. Ich habe gebüßt drei Jahre lang, Drei Jahre die klatschende Geissel erklang, Drei Jahre lang floss mein Blutes Born, Drei Jahre lang schwoll meiner Seele Zorn – Bis Flammen verathmend der Morgen genaht, Da wuchtigen Tritts ich die Geißel zertrat, Da lachenden Mundes ich Götzen zerklirrt, Die hämisch den Flug meiner Seele verwirrt. Die Stirne, so lange mit Asche bedeckt, Ich habe sie leuchtend emporgereckt. Ich hatte gebüßt drei Jahre lang, Der Seele brausenden Überschwang; Ich hatte gebüßt nach der Christen Gebot, In darbender Demuth, in Ketten und Koth: Dass freier und wilder und größer ich war, Als meiner Genossen staubleckende Schaar. 4. Wer gab denn zu warten der Heerde das Recht, Wer nennt, was ich übte, verworfen und schlecht, Wer hetzt mich entgegen der Nacht und der Noth, Wer gibt meiner Seele Befehl und Gebot, Wer hebt gegen mich seine strafende Hand, Wer hat mir den Sclaven als Richter gesandt? Und jauchzend erdröhnte mein fürstlicher Schrei: Wer wagt es zu sagen, dass Sünder ich sei? 5. Ich habe genossen – von Qualen zernagt, Ich büßte mit Qualen – nun hat es getagt. Die Qualen zerrinnen, die Kette zerbricht. Wer sind meine Richter – ich kenne sie nicht. Ich kenne nicht einen, der über mir steht, Mich selber nur grüßt meiner Seele Gebet. Den Leib könnt Ihr beugen und brechen im Frohn, Die Seele, die Seele, sie lächelt Euch Hohn. Sensationen E.M. Kafka zugeschrieben. Groteske Das waren die grauen Gespenster, Die glitten in schweigender Nacht Durch leise klirrende Fenster Und haben getobt und gelacht. Sie wogten auf und nieder Auf grünlichem Mondenglast, Sie dehnten die farblosen Glieder Und tanzten in fiebernder Hast. Mit eisigen Fingern durchkrallten Mein Fleisch sie bis auf's Bein, Und seltsame Worte lallten Sie gröhlend und kichernd darein. Mein Leib in wilden Schauern Zu winden sich begann, Die grauen Gespenster sie lauern – Und kreischend flüchten sie dann. Mit blutigen Rosen Mit blutigen Rosen Und wachsbleichen Nelken Durchwinde dein Haar. Und löse die Flechten ... Düfte verathmende, Wirre Strähne Mögen über deine Üppig-starren, Bronce-braunen Brüste Niederhangen, Schleifen Schwarzblau, Düster, Wie blitzgesättigte Wetterwolken. Und deine Lippen, Deine blumenkühlen, Mögen in ewigen, Zärtlichen, Halbgehauchten Küssen Mein Antlitz streifen. Dann, nur dann Wird sie entweichen, Jene herzumschnürende, Tödtliche Lebensangst, Und fern und ferner wird Mit schlürfenden Schritten Der Wahnsinn schleichen ... Komm' zu mir, Bleibe bei mir, Immer, Immer ... Auferstehung Wenn sich Deine starren Züge Zerren in der Seele Qual, Wenn Dir Deines Daseins Lüge Aufersteht mit einem Mal, Wenn sich Deine Glieder bäumen, Trotzig, in verbiss'ner Wut, Aufgeschreckt aus Wonneträumen, Knirscht und tobt der Nerven Brut, Wenn die Thränenschleier fließen Über Deine dunkle Haut, Und die wilden Worte schießen Gellend, wie der Zinken Laut: Dann durchrieseln Wonneschauer Meinen Leib; – ein Dankgebet Schwillt zu Dir – aus deren Trauer Meines Glückes Odem weht. Klafft und blutet, dürre Wunden: Wonnen, die nur ich empfand Leben wieder – für Secunden Meine Seele auferstand. Groteske Ich weiß, ich weiß, – sie harren mein und lauern, Der fahle Stumpfsinn und die rothe Wuth; – Verzerrte Fratzen – kichernd sie umkauern Mein Lager jede Nacht und trinken Blut. Mit dürren Fingern ritzen sie die Venen – Bis gurgelnd sich der dunkle Quell entlud – Sie würzen sich den Trank mit meinen Thränen Und meines Todesschweißes bitt'rer Flut. Und wonnevoll die feuchten Fratzen schauern Und küssen mir in heißer Dankbarkeit Des wüsten Schädels mürbe Knochenmauern Und jubeln, jubeln, dass der Morgen weit. Mein Herz ist todt Wenn meiner Lieder düsterrothe Feuer In wilden Flackertänzen Dich umsprüh'n, O glaube nicht, dass Du mir lieb und theuer, Dass diese Flammen aus dem Herzen glüh'n. Mein Herz ist todt, wenn jemals ich besessen Ein solches Ding in meiner kalten Brust, Vielleicht auch, dass ich's irgendwo vergessen Bei blassen Frauen nach verschwieg'ner Lust. Was ich liebe Ich liebe die hektischen, schlanken Narzissen mit blutrothem Mund; Ich liebe die Qualengedanken, Die Herzen zerstochen und wund; Ich liebe die Fahlen und Bleichen, Die Frauen mit müdem Gesicht, Aus welchen in flammenden Zeichen, Verzehrende Sinnenglut spricht; Ich liebe die schillernden Schlangen, So schmiegsam und biegsam und kühl: Ich liebe die klagenden, bangen, Die Lieder von Todesgefühl; Ich liebe die herzlosen, grünen Smaragde vor jedem Gestein; Ich liebe die gelblichen Dünen Im bläulichen Mondenschein; Ich liebe die glutendurchtränkten, Die Düfte, berauschend und schwer; Die Wolken, die blitzedurchsengten, Das graue wuthschäumende Meer; Ich liebe, was niemand erlesen, Was keinem zu lieben gelang: Mein eigenes, urinnerstes Wesen Und alles, was seltsam und krank. Sensationen 1. Ihr weichen Düfte und Ihr kühlen Farben, Euch dank' ich meine letzte Seligkeit, In Eurem wonneschwülen Bannkreis starben Die rothen Qualen, die mich wild umwarben, Der graue Jammer und das bleiche Leid. Ein Bettler war ich – martervolles Darben War meines Lebens traurig-ödes Loos. Nun sprüht mit eins in üppig-reichen Garben, In weichen Düften und in kühlen Farben Das große Glück in meiner Seele Schoß. 2. O Tuberosen, süße, wächsernbleiche, O heißgeliebte, regungslose Schar! Dass Euer Anblick nimmer mir entweiche! Und Euer Hauch, der feuchte, zärtlich-reiche, Süß-duftig wie die Haarflut einer Leiche, Er möge mich umzittern immerdar. O Tuberosen, süße, wächsernbleiche, O heißgeliebte, regungslose Schar! 3. In grauer Flut ist mir die Welt versunken, Ein nebeltrübes, ödes Traumgebild, Und farbenjauchzend, schwerer Düfte trunken Die neue Welt aus meiner Seele quillt. – O Silberlila, Deine weichen Wellen, Wie Kinderseelen lilienkeusch und klar, In meine flammenmüde Seele quellen, Und meine Seele wird zum Hochaltar, Wo Jubelhymnen Deiner Süße schwellen. 4. O lasst mich, lasst mich ruh'n auf grünem Rasen, In seinen Farbenzauber mich versenken, Entfliehen allem qualvoll-heißen Denken Zu meiner Seele schweigenden Extasen. O lichtes Grün, wie Du die Seele weitest, Um jede Nervenfaser zärtlich kost, In's Unermess'ne das Gefühl verbreitest, O lichtes Wiesengrün – mein treuer Trost. Wenn meine Seele sich vor Grausen sträubet, Wenn alles öd und ekel ist geworden, Wenn Qual und Sehnsucht jedes Glück ermorden, Dein sanfter Schleier einzig sie betäubet. Farbenträume Ilma Seiler-Willborn zugeschrieben. Geträume Des Himmels veilchenblaue Wölbung spannte Sich sterneglitzernd über mir ... ein Dampf Von überreifen, üppigen Gardenien Umquoll mit weichem Fächeln Stirn und Wange, Und meine Glieder, schwer und schlummersüchtig, Sie ruhten reglos auf den Marmorplatten Des Sarkophages, der mich kühl umfing. Und auf des Sarges Ranft, – da saßest du. Um deinen rosenbraunen Körper bebte Ein goldiggrüner, seidenzarter Flor, Und aus dem trotzig schwarzen Haar ergleißte Bleichgrünlicher Smaragde kalter Schein. Dein Antlitz war verträumt und weltverloren, Und deine Augen starrten weit hinaus, So suchend, so begehrend und so schmerzlich, Und leise zuckten deine schweren Brauen, Und um die stolzgepressten Lippen glitt Ein wundes Lächeln, ein gedämpfter Hohn Und Überdruss und Ekel und Verzweiflung, Und ungesprochen traf mein Ohr die Frage: Wie lange noch soll ich dich hüten – ich, Das heiße, wilde, starke Leben – dich, Den Markerkrankten, Todessiechen, sprich, Wie lange noch? Sturm Wo sich auf bleichgeglühten Kalksteinfelsen Der Rosenhain erhebt, dort ruhtest du ... Die Luft ist schwül, dem fernen Horizont Entsteigt ein nachtgefärbtes Sturmgewölk, Das noch ein letztes, blasses Roth umsäumt. In schwärzlich-grünen, weiten Wellen schlägt Schwerathmend schon empor zum Strandgeklipp Das wilde Meer und jauchzt dem Sturm entgegen, Der es durchschüttert bis zum letzten Grund. Zu Neste flüchtet scheu das Seegevögel, Und heimwärts flieht mit hochgebauschtem Segel Der Fischerbarken angstgepeitschte Schaar ... Du aber ruhst in marmornem Gestühl Und saugst in gierig langen Athemzügen Der goldig-blassen Rosen schweren Hauch, Und lässt den Sturm in liebesheißem Spiel Von Brust und Schultern Dir den Schleier lösen Und starrst hinaus auf gischtgekrönte Wasser Und träumst vom Sturm, der Deine Seele liebt Und sie durchschüttert bis zum letzten Grund. Intérieur Ein Intérieur von lichter Scharlachseide, Ein wohldurchwärmtes, traulich-enges Heim. Aus schlankgeformten Ständerlampen quillt, Von buntgefärbten Abas-jours gedämpft, – Ein rosig warmer Lichtstrom zitternd nieder. Orangen und Narzissen hauchen träumend Die duftig-schweren Blüthenseelen aus – Und tiefes, tiefes Schweigen. – Hingelagert Auf üppig weichen Eisbärfellen, ruht Ein schlankes Weib, die Lippen halberbrochen, Mit leicht-umblauten, müden Schwärmeraugen, – Und träumt und träumt von seelenheißer Freude, Von zügellosem Schwelgen, trunknem Rasen, Von einem hochgepeitschten Taumelreigen Der abgestumpften, wurzelwelken Nerven, Von einem letzten, niegekannten Glück, Von einer Wonne, die der Wonnen höchste Und doch nicht Liebe heißt – und träumt und träumt. Intérieur Verdunkelt war Dein weites Schlafgemach, So ganz wie damals, und ein schwerer Hauch Von welkem Lorbeer, Veilchen und Lavendel, Erstickend, süß-betäubend koste, ganz Wie damals, um die wonnig müden Nerven. Mit schwanken Schritten trat ich ein bei Dir. Ein schlankes Wachslicht schüttet fahlen Schein Aus bronce-geschnittnem Riesengirandol Und spielt und huscht und tänzelt launentoll Um deines breiten Lagers üppig-weiße Geraffte Schillerseide – um Dich selbst, Die nackt und reglos ruht wie ein Gebilde Von Künstlerhand, aus dunklem Erz getrieben. Aus Deinem Aug', dem weiterschloss'nen, starrt Erstickter Hass und höhnende Verzweiflung. Und aus zernagten, breitgewölbten Lippen In schwarzen Perlen rieselt langsam Blut Auf deines breiten Lagers üppig-weiße Geraffte Schillerseide ............. Eintönig hackt Dein Rosenpapagei An seines Käfigs gelbe Messingstäbe – – Er weiß ja nicht. – – – Im Palmenhaus Es war im Palmenhaus; die feuchte Luft, Von Blumendünsten schwer, umspielte laulich In weichen Wellen unser beider Haupt. In eine tiefgebauchte, kühle Gartenbank Zurückgelehnt, so saßen wir, ganz still. Verklungen längst war Wort und Gegenwort, Wir waren beide müd, und reglos starrten Wir durch der Wände spiegelklare Scheiben Tief in des Himmels safrangelben Glanz. Von Zeit zu Zeit, wenn abendkühl ein Windhauch Um unsere heißen Schläfen strich, erklang Gedämpft und mild durch weitgespreizte Fenster Das Schluchzen der Fontainen aus dem Garten, Und leise rauschten dann die Fächerpalmen, Und Asiens wunderliche Riesenblumen, Von dunkelgrünem, sattem Laub umspielt, Sie nickten langsam, wie Pagodenhäupter, Und schwergewürzte Glutarome rannen In die europamüden Schwärmerseelen ... Das Haupt an's Haupt gelehnt und Hand in Hand, Mit heimwehkranker Seele träumten wir Von einer fernen Südseeinsel Strand, Wo reicher die Natur und farbenheißer, Wo lilasilbern Meereswogen leuchten In winddurchkoster, schwüler Tropennacht, Wo still und träumerisch und sinnlich-mild, Das Leben weiterfließt, wo keine Schranken Des Herzens träumerisch-bizarre Wünsche Stumpfsinnig-kühl verneinen und zerstören. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Wo bist du, meine ferne Südseeinsel? Stille Stunden Dem »Berghof« zugeschrieben. Widmung Ich bin nicht einer, dem die Worte fließen, Dem leicht das rechte von der Lippe springt, Und meiner Lieder Nachtviolen sprießen Nur dann empor, wenn mich die Qual bezwingt. O grausenvolle Marter – sich enthüllen, Aufschließen seiner Seele düst'ren Dom, In eisig starre, todte Worte füllen Tiefgründiger Gefühle scheuen Strom. O lasst mich schweigen, schweigend mögt Ihr ahnen Was mich durchwogte, flutenwild und heiß, Als Ihr auf meines Lebens Schattenbahnen Mit weicher Hand gestreut ein grünes Reis. Zwiegespräch Was stöhnt meine Seele so schwer und so bang? »Mir träumte von meinem Untergang!« Und ward meiner Seele nicht froh und leicht, Da sie das Ziel aller Sehnsucht erreicht? »Ich weinte ja nicht um meine Qual, Und nicht um den Abschied vom Thränenthal. Mich hat nur Erbarmen mit dem durchweht, Was ungeboren mit mir vergeht.« Lass', o lass' Lass', o lass' Dein gütig mildes Fragen, Lass' es sein ... Meine Leiden, Sie vermeiden Deiner Augen klaren Schein, Und ich kann sie, kann sie Dir nicht klagen, Nein, o nein. Bis zum Thor der Schmerzen darfst Du mich geleiten, Doch den dunklen Leidensweg muss ich beschreiten Ganz allein. In Memoriam Ein Winterabend war's. In schweren Flocken Sank ... langsam ... Schnee auf Schnee. – Verschimmert war Der letzte Tagesschein, und trübes Licht Der Straße glitt in's dämm'rige Gemach. Ich war allein ... Wie zornig-dumpfes Meeresbrausen grollte Der Lärm des Lebens in mein stilles Heim, Und schrilles Pfeifen und verworrenes Rufen Und tausend andere Töne gellten drein ... Mir aber blieben diese Töne fremd Und fern und unverstanden, wie sonst nie. Versunken war für mich der Lebensreigen, Der sich vor meinen Fenstern tosend schwang ... Vergangenes war erwacht, und Todtes lebte Nach trostlos-stumpfen Jahren in mir auf – Und einer Seele dacht' ich, die gestorben An ihrer grenzenlosen Einsamkeit Und ihrer Liebe ... Gebet Trostlos-weinende Sehnsucht, Du geleitest Einzig meine verirrte, Wundenblutige Seele, Und Dein hilflos Kindisch-thörichtes Weinen Mehrt ihre Qualen. Weinende Sehnsucht, Lass', o lass' meine Seele Pilgern und irren, Fallen, verderben, Aber gönn' ihr Hoffnungsloses, Selig-schweigendes Sterben. Adagio dolente (Beethoven Op. 110.) Aus meiner Seele Wehevollen Schlünden stieg Mit brausenden Flügelschlägen Die Sehnsucht empor ... Nun weint in mir das Leben Und jauchzt die Qual – Und über beiden schwebt die Sehnsucht, Heimatlos und suchend – suchend – – Und meine Seele Und meine Seele Trat vor mich hin In kothbesudeltem Purpurgewande Und sah mich an, Todestraurig, Mit schwimmenden Augen ... Und klagend klangen die Worte: Siegt die Gemeinheit?, Siegt die Noth des Daseins? Muss ich sterben? Und ich nickte, Langsam, Wortlos-ergeben, Dreimal. Einsam Abgeschüttelt Hab' ich meiner Freunde Scharen, Einsam bin ich geworden Köstlich einsam ... Wie ferner Brandung Schütterndes Tosen verklang Der Lärm des Lebens, Einsam bin ich geworden, Köstlich einsam ... Aus tödtlichem Schlummer Erstand meine Seele, Und mit leiser, leiser, Ängstlich-wagender Stimme singt sie Alte, süße, Thörichte Kinderweisen! Einsam bin ich geworden, Köstlich einsam. – B.R. Und wenn ich lang' auch ferne blieb, Ich hab' Dich heut' wie vordem lieb: Wir haben ja beide das Leben beweint, In Tagen der bittersten Qual uns vereint. Was aber der Schmerz zusammengeschweißt, Im Leben nimmer und nimmer zerreißt. Und wenn ich lang' auch ferne blieb, Ich hab' Dich heut' wie vordem lieb Und hab' in mancher stillen Nacht – An Dich gedacht. Zueignung In Erinnerung der alten Zeiten Nimm dies Buch der Qualenseligkeiten; Nimm's von einem, der in lichten Stunden Heiß und echt und tief für Dich empfunden, Dem für immerdar bei Dir zu wohnen Nicht vergönnten seiner Brust Dämonen, Der vom Leben wild umher getrieben Trotzdem nicht verlernte – Dich zu lieben. Verlorene Sehnsucht Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden, Der starken Anmuth lebensfrohes Bild, Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden Mit einer Seele sonnenklar und mild. An eines stillen Stromes grünen Borden Hätt' ich das Leben gerne süß verträumt, An eines stillen Stromes grünen Borden Die wilde Lust, die wilde Qual versäumt. – Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden ... Confiteor Sieh', Du musst es mir vergeben, Wenn ich manchmal schroff und hart: Toll und traurig war mein Leben, Eine wüste Pilgerfahrt. Schwer hab ich nach Haus' gefunden, Bitter musst' ich irre geh'n, Und ich kenne Stunden ... Stunden, Wo Gespenster auferstehen. Dämmerung Leuchtend um die Stirne kosen Junge Rosen, Glutentfacht; Und im Herz, dem freudelosen, Sterbelichter ängstlich glosen Und erlöschen sacht. Kündet ihr den Morgen, Rosen, Oder tiefste Nacht? H.S. Wenn Deiner Lieder dunkelwarme Laute Wie Glockentöne weich ans Herz mir drangen, Bis meiner Seele starre Hüllen sprangen Und Thrän' auf Thräne trotzig niederthaute, Und wie ich dann in wonnig-süßem Bangen, In heiliger Scheu zu athmen kaum mich traute, Nach Deinen Lippen sehnsuchtsvoll nur schaute In unersättlich seligem Verlangen – – O, wer vergäße jemals dieser, Tage, Wo sich Natur und Kunst so schön verbunden, Wo leis' und leiser klang die tiefe Klage, Und milder schmerzten ewig-off'ne Wunden, Wo sich gestählt mein Herz, das lebenszage, Für neuer Kämpfe schicksalsschwere Stunden. Scheidestunde Und als die Stunde kam, die dunkle Stunde, Wo meines Friedens Glück ein Ende nahm, Wo jäh verdorrt vom schwülen Brand der Straße Die lichten Rosen mir vom Scheitel glitten Und angstvoll meiner Seele Feiersang Verstummte ... In jener dunklen, ahnungsschwülen Stunde Stieg manche Thräne schwer und heiß empor, Und Bitterniss und namenlose Qual Und irre Sehnsucht und verhetzter Hass Durchschnitten blutig meine wunde Seele ... Das ist vorbei ... der Friede kehrte wieder; Zu stiller Fassung tiefgeheimer Kraft Erhob sich meine königliche Seele. Ertragen wird sie, was da kommen mag, Weil sie versäumt, weil sie verschmäht zu handeln. Wie weit sie trägt, wie lang sie trägt und wie, Wer kann es sagen? Ob meiner Lieder glutgeschwellte Scharen Für immerdar verglüh'n, ob meine Träume, Die reichen Dichterträume, sterben müssen, Noch eh' das Leben brausend sie durchwogt; Ob meine Seele selbst, die stolze Seele, Im Straßenstaub versinkt, in Nacht erstickt, Wer kann es sagen? Düsterschwarz und schwer Erscheint der Himmel, fahle Wetterschlangen Durchleuchten zischend unheilvolle Nacht, Der Sturm ist nah', schon beugen sich die Bäume, Ich aber bin bereit zum schwersten Gang. Und ich seh' ... Und ich seh' die Stunde kommen Heiter, ruhig, klar, Wo im Strom der Zeit verschwommen, Was mein Höchstes war, Wo, von eisenharten Jochen Rettungslos zermalmt, Meine Seele – kerngebrochen – Tief im Staub verqualmt, Wo der Feuerbrand verglommen, Den mein Herz gebar – Und ich seh' die Stunde kommen, Heiter, ruhig, klar. Noch einmal Noch einmal, eh' die große Nacht Erdrückend mich umfängt, Hat eines Auges Sonnenpracht Mir einen Blick geschenkt. Es traf ein lichter Funkenstrahl Mein Dornendiadem, Ich möchte gern ein letztesmal Noch beten! – doch zu wem? Gestalten und Visionen Karl Baron Grotthuss zugeschrieben. Müde Liebe Wir liebten uns mit jener müden Liebe, Die weich und zart die kranken Seelen eint, Wir liebten uns mit jener müden Liebe, Der jeder Kuss schon als brutal erscheint. Die Hände kaum in leisem Druck sich fanden Und bebten scheu vor ihrer Glut zurück; Die Hände kaum in leisem Druck sich fanden, Ein Blick, Ein Wort war unser letztes Glück. Wir liebten uns mit jener müden Liebe ... Dereinst erlebt Der süße Moderduft verwelkter Rosen Den hager-eleganten Leib umquoll – Und ihre leidensgroßen Augen glosen So schwermuthvoll ... Vergang'ne Jahre sind herangekrochen, Ein stummes Weinen ihren Leib durchbebt, Gefühle träumt sie, stark und ungebrochen, Dereinst erlebt. Hermance Durch ihren Leib, den zarten, blutlos-bleichen, Dämonen der Verwüstung lautlos schleichen. Aus ihrem Aug', dem fieberhellen, blauen, Der hastig heißen Wollust Gierden schauen. Und ihre Hände, die so zärtlich kosen, Sie duften süß und krank wie Tuberosen. Und ihre Lippen, weiß und blumenkühl, Sie küssen mir die meinen dürr und schwül. Und scheu durch jeden Kuss die Frage bebt, Ob ihr der nächsten Stunde Glück noch lebt. Mir ist, als wäre sie für eine Nacht Vom Tod erwacht. Anna Dein Haar ist spröd, Dein Antlitz dunkelbraun, Wie müde Veilchen Deine Augen blau'n; Dein Schritt ist schwer und Deine Hand ist kalt, Schon nennt Dich dieser oder jener alt ... Was Dir im Herzen zittert, ahn' ich kaum. Blüht Dir ein Glück? Zerrann Dir jeder Traum? Ich weiß ja nichts von Dir als das allein: Was irgend Gutes noch in mir – ist Dein. Kitty O Kitty, Kitty denkst Du noch der Stunden, Da wir zum erstenmal uns ganz gefunden, Und wie wir Hand in Hand im Lehnstuhl saßen, Und leise plaudernd unsrer Noth vergaßen, Und wie Dein Kinderarm mich leicht umzog, Dein schönes Haupt sich langsam niederbog, Und unser Athem in einanderrann, – O Kitty, Kitty, denkst Du noch daran? Was dann? Wir waren beide klug und welterfahren Und hatten viel geliebt und viel vergessen Und alle beide scheuten wir die Liebe. Wir wussten ja genau, o so genau, Dass Liebe thöricht oder elend mache Und dass der Augenblick uns sicher grüßte, Wo wir bereuten, dass wir menschlich schwach Den feingepflanzten Trieben der Natur Erlegen, dass wir uns der Leidenschaft Der unbequem-brutalen überlassen. Und überängstlich fast vermieden wir Begegnung und Gespräch, ja das Geringste, Das irgendwie im Stand gewesen wäre Uns nah' zu bringen, leicht nur zu verknüpfen. Da kam ein Tag, ein unvergess'ner Tag, Wo sie Dich fanden mit verzerrten Lippen, Mit fahlem Antlitz, starrem Auge, nah' Dem Tode schon, den Du berufen und Ersehnt mit trotzig-ungestümer Lust, Weil Du des Lebens schlammig-trübe Qual Nicht länger tragen wolltest, tragen konntest, Weil Deiner Seele mächtigstes Gefühl Nach Liebe schrie, nach jener alten Liebe Mit süßem Anfang und mit schaalem Ende, Nach jener Liebe, die Du fliehen wolltest. Und als Du so vor mir lagst, reglos, kühl, Und ich des Leides langverhüllte Spur, Den dumpfen Groll, dass Dich der Tod verschmäht, Die Lebensangst und Lebensgier zugleich, Und Deine ganze, stolze, qualverklärte Medusenschönheit sah – da kam es plötzlich Wie heißer Thauwind über mich! – Begrab'ne, Wilddunkle Sehnsucht stieg aus ihrem Sarg, Aufrauschte donnertosend der Gefühle Vereister Flammenstrom und rollte brausend In großen Wellen durch die Seele hin – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Und heut' umfang' ich Deine warmdurchwogten, Prunkvoll-gewölbten, bernsteinblassen Glieder In worteloser Andacht, wonneschaudernd, Und meine Küsse werden zum Gebet. Besinnungslos vor Liebe senken wir Die Augen ineinander, und ich trinke In durstigen Zügen Deinen Athem – Du Den meinen! – Schmerzlich fast umschnüren sich Die trocken-heißen Hände. – Stundenlang Kein lauter Ton, nur tiefgezog'ne Seufzer Und saugend-schwere Flammenküsse oder Ein halbgehauchtes Liebeswort, dann wieder Das alte, süße, wetterschwüle Schweigen. Ja, wir sind selig – selig – selig ... Das gilt für heute, gilt für morgen noch, Vielleicht auch länger, wochenlang vielleicht! Doch dann, was dann, wenn der Gefühle Strom In Nacht verronnen und verrauscht, was dann? Toni Den ganzen Tag hindurch bin ich besonnen Und weiß es so genau als irgend einer, Dass du gestorben bist und dass man Dich Weit draußen auf den großen, grellbesonnten, Kasernenkahlen Friedhof eingegraben, Weiß, dass ich selber eine braune Scholle Und einen Veilchenkranz Dir nachgeworfen. Zur Dämmerzeit jedoch, da werd' ich wankend, Und insgeheim erwacht in mir der Zweifel, Obs wirklich wahr ist oder bloß geträumt, Ob das nicht irgend eine Fremde war, Zu deren Leichenzug ein blinder Zufall An jenem Frühlingsmorgen mich geführt. Ob ich in jener dumpfig-kühlen Kammer Mit ihren weißgetünchten, nackten Wänden Nicht eine müdgespielte Schläferin nur Geküsst und keine Todte. Sah sie doch So gar nicht todt aus! Nein, so rosig frisch, So ganz wie alle Tage, gar nicht schrecklich. Und sehnsuchtsvoll durchirrt mein Aug' die Straßen Und hält an jeder Ecke wartend still, Ob nicht die zarte, reizende Figur Mit ihrem lieben Amorettenkopf Und ihren Zöpfen, schwer und dunkelbraun, Auf einmal aus dem Menschentrubel auftaucht Und mir entgegenruft, erregt und lachend, Um staunende Passanten unbekümmert, Da bin ich schon, mein lieber Bub'. Grüß' Gott! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Das ist am Abend, aber ach! am Tag' Da träum' ich nicht, da weiß ich alles, alles ... Ein Abschied Der Scheidestunde thränendumpfe Schwermuth, Die noch ein letztes Mal in endlos-langen, Wildheißen Küssen und in Händedrücken, Die wortlos-bebend alles sagen, schwelgt, – Der ganze melancholisch-süße Reiz, Der solche Stunden schmückt, er blieb Dir fremd, Ganz fremd. Nicht einmal eine Ahnung schien Dich heimzusuchen, um Dir einzuraunen, Dass man in solchen Stunden manchesmal Ein wenig traurig ist und thränenlustig. Nein, – unter anmuthfröhlichem Geplauder Erharrtest Du den Zug, der Dich von dannen, Nach Deiner meerumspannten Heimat führe, Zum heißersehnten, sonnenrothen Süden. Graziös und spöttisch elegant entflog In rascher Folge Deinem üppigen Mund Manch' feingeschliffen, witzgetränktes Wort. Da – plötzlich – löstest Du mit rascher Hand Aus Deinem Brustbouquet zwei Tuberosen Und gabst sie mir. Auf Deinem warmgetönten Goldbraunen Antlitz lag ein feines Lächeln, Und Deine hochgeschnittenen Nüstern bebten In leichtem Hohn: »Die beiden Rosen gibst Du Der ersten, die nach mir Dich wieder küsst, Als Liebeszeichen, ja? Doch eile Dich, Verwelkte Rosen kann man nicht verschenken. Und diese blutgefärbte Nelke – hier – Aus Deinem Knopfloch – fährt mit mir nach Süden, Und will's der Himmel, kann ich sie noch duftend In eines lieben Freundes Hände legen. Und wenn wir dann, im Meeressand vergraben, Umzittert von des Mondes blassem Gold, In halben Worten, halben Tönen plaudern, Dazwischen wieder auf die Plätscherlaute Der funkenübersäten Wogenkämme Und auf der Winde leises Zischen hören, Dann will ich ihm vom nordischen Exil Und auch von Dir, mein stummer Freund, berichten, Dann sag' ich ihm, dass Du ihn grüßen lässt, Wenn auch ganz unbekannter Weise, sag' ihm Noch manches andere höchstwahrscheinlich, was mir In jenem Augenblick gerade einfällt, Und was ihm Freude macht, wenn er's vernimmt. Und was ich Gutes kann von Dir berichten Und Liebes auch von Dir, das soll er wissen. Und fragt er mich, warum ich fortgelaufen Von einem Menschen, der so nett gewesen, Der mich beinah' geliebt und angebetet, So sag' ich ihm – ... ich weiß es selbst nicht recht: Ich hab' ihn gern gehabt, ich kann's nicht läugnen, Doch schließlich hat man Heimweh', Langeweile, Man lechzt nach neuen, niegeschauten Dingen, Man träumt von alten, schwervermissten wieder. Und dann – die Deutschen sind so ernst und nüchtern, So gründlich und pedantisch! Lachend küssen Und lachend selig sein und lachend lieben, Das wär' ein Deutscher nicht, der das vermöchte. Ich aber brauche Licht und Luft und Glanz, Und wechselvolles, farbenheißes Leben, Und ich will lachen, singen, jauchzen, tanzen Und übermüthig sein; – ich hab' ja Blut, Hellrothes, heißes, tolles Blut im Leibe, Und lieben will ich, wie's mein Herz befiehlt!« Ein harter Glockenanschlag, Hornsignale, Ein schriller Pfiff, – von Deinen Lippen bricht Der wilde Freudenschrei: »Nach Süden geht es!« Und Dein Addio stirbt im Wagenrollen. Eine Dichterkrönung Einer bin ich, bin's in zwei Gestalten, Doch die Menschen, an den Schein gebunden, Heißen heut' Genie mich, morgen Wahnsinn, Heißen Brüder uns getrennte Wesen; Was nur eines Wesens Doppelformen. Selig der, zu dem ich ungerufen, Von der Mutter nur gesendet, trete, Aber weh' dem, der mich zwingt zu kommen. Ein gewölbtes, winkelreiches Zimmer, Krause Möbel von verblich'ner Pracht, Todtenstille; – gelber Lampenschimmer Um ein Schreibpult, weiterhin die Nacht. Halbgeschloss'nen Auges, schlummertrunken, Tief im Lehnstuhl, überschlank und bleich Ruht ein Jüngling, in sich selbst versunken, Ohne Regung, einem Todten gleich. Plötzlich aber fährt er aus den Kissen, Wie berührt von Geisterhand, empor, Dumpfgebroch'nen Lautes, qualzerrissen, Rollt und grollt es jäh aus ihm hervor: »Schwach und hilflos, aller Welt zum Hohne? Alte Puppen im erneuten Kleid? Nur ein lendenlahmer Epigone?! Das mein Schicksal?! Nein! noch ist es Zeit! Sei's durch Gift und Kunst auch, ich will denken, Will unsterblich und ein Dichter sein!« Zitternd zuckt die Faust nach trüben Tränken, Gierig saugen sie die Lippen ein; Fieberhaft beginnt das Blut zu kreisen, Dunkler seine Wange glänzt und glüht, Seinem Mund entquellen wilde Weisen, Sein entflammtes Auge blitzt und sprüht. Raubthierwüthig jagt er durch das Zimmer, Von den Schläfen tropft's ihm heiß und kalt, Jubel wechselt mit der Qual Gewimmer, Und er donnert, säuselt, kreischt und lallt. Da – auf einmal steht er traumverloren, Nur sein Fieberauge starrt und starrt: Ist's ein Mensch, gleich ihm in Fleisch geboren, Ist's ein Trugbild, das die Sinne narrt? – Majestätisch schreitet ihm entgegen Eines Mannes mächtige Gestalt; Um das marmorbleiche Antlitz legen Sich die Locken schwer und dichtgeballt, Von den Schultern quellen reichgeraffte, Königliche Falten, goldverbrämt, Und das Haupt, das schöne, grausenhafte, Räthselvolle, ist bediademt. Seltsam-starre, dunkle Blicke senken Sich vom Gaste zu dem Dichter her, Sie verlöschten Dichten ihm und Denken Löschen, löschen alles los und leer. Schauernd vor dem Gast im Scharlachkleide Mit dem düster-schönen Angesicht, Mit dem kronengleichen Hauptgeschmeide, Schauernd – der Poet zusammenbricht. Da, wie sich im Fall die Augen wenden Wie sein Blick mit eins zu Boden rollt, Sieht er plötzlich in des Gastes Händen Einen Kranz von dunkelrothem Gold. Jubel wird und Lust sein banges Stöhnen Siegestrunken, stolz sein Aug' erglimmt! »Ach, Du kamst als Dichter mich zu krönen, Mir zum Preis ist dieser Kranz bestimmt! Lass Dein hämisch-zages Zaudern enden; Das der höchsten Wonne mich beraubt, Her den Kranz! Ich selbst will ihn vollenden Meinen Sieg« – und er umzinkt sein Haupt. – Klagend aber stürzt er, schreiend nieder, Denn die Krone glüht auf seiner Stirn, Zuckend wälzen sich die schlanken Glieder, Und er stöhnt: »Mein Hirn, mein armes Hirn!« Will vom Haupte sich die Krone reißen, Immer tiefer frisst sie sich hinein. Roth und röther ihre Zacken gleißen, Schauerlich umloht ihn Purpurschein. Im verglasten Aug' ein letztes Schimmern, Halberstickt von rettungsloser Nacht, Schaumbedeckt die blauen Lippen wimmern: »Diese Krone, wer hat sie gebracht? Mann, wer bist Du, wer hat Dich gesendet? Nein, zuerst die Krone mir vom Haupt, Dass die Qual, die Todesqual doch endet, Die den Schädel mir zu Scherben schraubt. Soll ich vor Dir winseln?, soll ich beten? – Sag', was Deinen Qualenhunger stillt! Willst Du meine Seele ganz zertreten? Nicht den Blick, aus dem der Wahnwitz quillt, Weg mit Dir! Wer trug nach Dir Verlangen?, Dein Geschenk ist Untergang und Graus! Deinen Bruder glaubt ich zu empfangen, Warum tratest Du zu mir in's Haus?« Und, mit hochgespreizten Geierkrallen, Springt er brüllend auf den dunklen Gast, Taumelt rückwärts mit verthiertem Lallen, Stürzt zu Boden, von der Wuth erfasst; In den Kleidern wühlt er mit den Nägeln, Bis er sich auf Fleisch und Knochen gräbt, Seine Fäuste schleudert er gleich Schlägeln Sich in's Antlitz, bis es Blut verklebt. Nimmer ahnt er, dass er je gesungen, Nimmer ahnt er, dass er je gedacht, All sein Wollen hat mit eins verschlungen Rettungslos, für immerdar die Nacht. Die Willis Aus schwarzblauer Wolken Geschiebe Der Funkelstern der Liebe Glutäugig zu lodern beginnt, Zerfetzte Nebelstreifen Grausilbern schwimmen und schweifen Und schaukeln im Abendwind; Aus müdgebeugten Weiden Eintönig rauscht und singt Ein Wasser durch die Haiden, Von nickenden Gräsern umringt; In Lüften, rosig-feuchten, Kastaniendüfte zieh'n, Johanniswürmer leuchten, Nachtvögel huschen und flieh'n. Und reich und immer reicher Entflammt der Sterne Pracht, Und weich und immer weicher Und schwüler athmet die Nacht. Die Wolken sind versunken Am fernen Horizont; Flüssigen Silbers trunken, Weißglühend naht der Mond ... Die jugendfrischen Mienen Vom Lichte weich umschienen, Ein Knab' die Straße zog, Wie rothe Haideblüthen Die Wangen ihm erglühten, Ein Lied vom Mund ihm flog. Hinaus in die strahlenden, hellen Gefilde, selig und frei, Wie Lerchengeschmetter schwellen Die Töne und verquellen In einen Jubelschrei. Im Überschwang der Gefühle In's Haidekraut er springt, Und Gräser, thauig-kühle, Sein bebender Arm umschlingt. Er küsst die schimmernden Kronen Am Boden, leben-geschwellt: »Möcht' immer auf dir wohnen, Du liebe, süße Welt. O Gott, wie ist das Leben So schön, so wunderschön, Möcht' wie der Vogel schweben Leicht über Thal und Höh'n! Dann wär' die Welt mein eigen, Die ganze reiche Welt, Dann wollt' ich niedersteigen, Wo's eben mir gefällt; Und jauchzend wollt ich umwinden Und küssen ein liebliches Kind. O sagt mir wo eines zu finden, O sagt es geschwind.« ... Da schauert leise, leise In's Ohr ihm eine Weise, So traurig, sehnsuchtsvoll, Und schmeichelnde Stimmen erwidern Mit heiß-durchhauchten Liedern – Und wildes Schluchzen schwoll. »Das sind der Willis' Schaaren! – Jetzt soll mich Gott bewahren.« Und nah und immer näher Ein blasser Reigen schwebt, Und weh' und immer weher Ein klagendes Singen bebt: »Wir sind verstorbene Bräute. Hochzeitliches Geläute Umklang uns nie, ach nie! Uns grüßte statt jauchzender Reigen Nur weinender Todesgeigen Grabdunkle Melodie; Wir haben heiß empfunden, Doch nie dem Geliebten verbunden, Hat jede nur Liebe geträumt, Uns gläubig hinzugeben Auf Sterben und auf Leben – Wir habens verschmäht und versäumt. Nun sind wir schlafen 'gangen, Doch loderndes Verlangen Aus Grab und Gruft uns hebt, Nach Küssen, selig bangen, Nach zärtlichem Umfangen Die Seele stöhnt und bebt. O Du sollst selig werden, Wie keiner noch auf Erden. O komm' in unsern Kreis, Wir wollen Dich umschließen, Und jauchzen und genießen – Und küssen – schwer und heiß.« Die Willis, blass vor Sehnen, Sich ihm entgegen dehnen, Die dunklen Feueraugen In seine sich senken und saugen So zärtlich, süß und wild, Der Lippen Purpurrosen Die seinen weich umkosen, Ihr Hauch ihn warm umquillt – Da schnürt auch ihm die Kehle Fiebernder Sehnsucht Faust – Und zischend durch die Seele Ein Glutstrom sengt und braust. Die Glieder, die wonnedurchgrauten, Von trunk'ner Begierde gewiegt, Mit stammelnden Liebeslauten Den Willis entgegen er fliegt. Und in zitterndem Verlangen Schmiegt er seine heißen Wangen Einer Willa zärtlich an. Ihre feinen, weichen Hände Fassen ihn um's Haupt, Küsse, Küsse ohne Ende, Bis er zu ersticken glaubt. Seliges Jauchzen der Willis erklingt, Weiter der Reigen schwingt. Aus dem Arm der Feinen, Kleinen Reißt mit zornig-wildem Weinen Ihn ein düster-schönes Weib. Hoch auf wogt der üppig-volle, Leidenschaftlich-zärtlich-tolle, Lustversengte, blasse Leib – Und schon hat zu wilden Wonnen Stürmisch ihn das Weib umsponnen. Ächzen von Brust zu Brust, Lallende Laute der Lust, Jäh dann ein wüthender Schrei: »Wer wagt sich herbei! Mein ist er, mein, Ganz allein!« Höhnisches Kichern der Willis erklingt, Weiter der Reigen schwingt. Schimmernde Leiber umfliegen Enger und enger den Mann; Glühende Glieder schmiegen Keuchend sich an, Zitternde, lebenswarme, Schlangengeschmeidige Arme Schnüren und pressen ihn ein, Seligstes Genießen – Wonnewirbel schießen Heiß durch Mark und Bein. Schwellende Jubelweisen; Wilder und wilder sie kreisen. Mit weißem Schaum umflogen Die Lippen scharlachroth, Die Willis ihn umwogen, Geschüttelt und gebogen, Von liebestoller Noth. Die wollustfeuchten, dunkeln Nachtaugen blitzen, funkeln, Sie lodern, sprüh'n und glüh'n, Wie Sterne – roth und grün. Toller und toller der Reigen schwingt, Zähneknirschen der Willis erklingt, Heisere Gurgeltöne, Raubthiergestöhne, Krachen und Klingen von reißendem Fleisch, Wehegekreisch, Gellende Laute der Raserei, Und inmitten, Qualenzerschnitten! – Ein Sterbeschrei ... Durch müdgebeugte Weiden Das fahle Frühlicht rann, Da lag auf rother Haiden Herzblutig, im Verscheiden, Ein todtgeliebter Mann ... Fernab der Reigen der Willis schwingt, Fernab tosendes Jauchzen verklingt. Abbadon triumphans Aus türkisblauer Wasser Wirbel steigt Ein nacktes Felseneiland schroff empor. – Um seiner Wände dunkelstolze Wehr Der Meereswellen wildbewegter Reigen In ewig ruhelosen Tänzen tobt. Kein Menschenfuß trat jemals dieses Eiland Und nie vernahm es eines Menschen Schrei. Der heilige Albatros nur rastet dort Nach weiten Flügen und der wilden Schwäne Der wanderfrohen, wilden Schwäne Schaar. Dort aber, wo der Klippen Zackenkrone In jähem Sturz an's Meer herniederbricht, Dort auf des Eilands sturmgeliebter Höhe Erschließt sich eine Grotte kühl und weit ... Basaltkrystalle, riesengroße, steigen Wie Bündelpfeiler dunkelschwer empor Als trügen sie der Decke stolze Wölbung. In lichtlos-grauser Tiefe tanzt die Flut Und stürzt sich tosend durch die Felsenkammern Und heult empor in zügelloser Wut. Und graue Dämmerung lastet in der Grotte Und blauer Schatten bis zur Abendzeit. Doch wenn die Sonne tief im Westen steht, Dann trifft ihr letzter Blick der Grotte Raum. Und weich und zärtlich schweift ihr Strahlenauge Um eines Lagers stolz erhöhten Bau. Dort aber schlummert, bleich und wundenblutig Ein Jüngling-Mann. Zurückgesunken ruht Das edle Haupt, das welk ein Lorbeerzweig Und ein zersprung'ner Kronenreif umschlingt. Und halb im Traum die bleiche Lippe murmelt: »Der Sieger bin ich, der die Nacht bezwang, Der Morgen naht für alle Erdensöhne, Der große Morgen und das große Glück, Nun kam die Zeit.« Er aber, der das Königslager hütet, Der Engel mit den hohnverzückten Augen, Der Engel der Vernichtung, Abbadon, Er lächelt, lächelt ... Astaroth Wie flüssiges Silber Bricht es hervor Aus eisengrauen Wolken, Weiße Dämpfe schlagen auf, Es duftet wie Blut Und es duftet wie Weihrauch – Astaroth naht. Elfenbeinfarben Erschillern die Glieder Aus bauschenden Floren, Zackensterne, Riesengroße, Leuchten grünlich Aus wehendem Haar ... Düsterrasende Liebe, Grollende Qual Glüh'n ihre Blicke. Wie zürnender Tuba Schrei Klingt es zu mir: Niedersteigen willst Du Zu friedlichen Thälern, Hausen willst Du Wo andere hausen, Einer willst Du werden, Einer von vielen. Nimmer willst Du Weltgeschieden, Nachtfürstlich und einsam thronen, Von der Menschheit Qualendämonen Dienend umwoben, Höllenseligkeiten Ausgenießend – – Feig bist Du geworden, Feig und klein. Deine Krone gib' der Nacht zum Raube, Felsen splitterte an Dich mein Glaube, Und nun lächelt meine Seele Hohn, Wenn ich denke, dass ich Dich erkoren, Dir erhöht den Thron! Kehr' zurück zum Staub, der Dich geboren, Menschensohn. Tubal und Lilith (Fragment.) Wie aufgescheuchte Rabenschwärme kreisen Gedanken mir durch's schwüle Hirn, Gedanken So dunkelschwer, so räthselhaft und süß, Wie sie noch niemals, niemals mir gekeimt; Vor meinen Augen wirbeln Feuergarben, Gestalten wogen meinen Blicken auf, Unirdisch, grauenhaft und doch verlockend, Und meine Nerven streichelt seltsam-süß Ein Duft von Weihrauch und verdampftem Blut, Und eine Sehnsucht rieselt durch die Seele, Die mich nach dunklen Zielen stürmisch jagt. Verworrne Träume, die der Knabe träumte, Sie steigen sonnenglitzernd mir empor Und werden sinnvoll und lebendig-klar. Und zwischendurch wie Meereswellen singt Und schreit die Sehnsucht zügellose Lieder ... Nach Qualen dürstet die entflammte Seele, Nach Qualen, die kein Mensch bis heute trug, Nach Qualen, die kein Mensch in Worte zwang, Nach jenen höchsten, letzten, tiefsten Qualen, Aus deren Schoß das wilde Glück entsprungen Und jene grausenvollen Seligkeiten, Die nur die Geisterschaar des Abgrunds kennt, Und die der Staubentstieg'ne schauernd flieht. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Was Menschen fühlen und empfinden können, Ich hab's empfunden und gefühlt zur Neige. Zur letzten Grenze bin ich fortgeschritten, Durchmessen hab' ich ruhelos das Reich –, In dem sich Lust und Qual die Herrschaft theilen, Und müde ward ich menschlicher Gefühle. Der reiche Reigen, den das Leben bietet, Er ward mir leichenfahl und leichenekel, Und meine Seele weint nach neuen Zielen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – Ein grünes Licht vor meinen Augen zittert, Um meine Seele schwirren Seufzerchöre, Aus dunklen Schleiern stiert ein fahles Haupt, Und dort ein zweites ... qualversteinte Züge Und blutbetropfte Lippen tauchen auf, Ein drittes Antlitz dort mit irrem Lächeln, So naht Ihr Geister, die die Sehnsucht rief. Dem glühenden Vertrauen Sei der Gewährung Heil; Dein Auge soll uns schauen, Doch ahnend nur, denn Grauen, Vernichtung wär' Dein Theil; Wenn uns Dein Blick erspähte, Wie eine nur uns schaut, Sie, die Dich oft umwehte, Der stammelnd im Gebete Dein Herz sich anvertraut. Der Menschensohn, dem Lüge Nur Kraft zum Leben lieh', Der Menschensohn ertrüge Die unverhüllten Züge Der Qualdämonen nie. Dämonenreigen: Mein fahler Fittig im Kreis Dich umzog, Mein würgender Finger den Nacken Dir bog, Es lähmte die Lungen mein pressender Arm, Ich blies Dir in's Herz den verzehrenden Harm; Ich habe Deine Seele gepeitscht und zerfleischt, Bis dass sie vor Qualen zum Himmel gekreischt. Ich höhle die Wangen, ich bleiche das Haar, In Nacht und Verzweiflung mich Lilith gebar. Mein Scharlachfittig erbrauste – Und – brennend ein Wüstensturm schnaubt – Und rauchend ein Feuerstrom sauste Das Blut Dir zum fiebernden Haupt. Und wenn Deine Hände sich ballten, Dein Körper sich stöhnend gedreht, Wenn Flüche die Lippen jetzt lallten, Und jetzt ein Erlösungsgebet – Und wenn Du mit knirschenden Klagen, Aufweinend – an Boden und Wand Den ruchlosen Schädel geschlagen, Ein Athmen des Glücks ich empfand. Mein dunkler Fittig, feierlich und schwer, Warf seine Schatten über Dich schon her, Wenn Dich Dein wüstes Leben angegraut, Hab ich in's Auge drängend Dir geschaut. Ich jagte Dich der schroffsten Klippe zu Und mahnte Dir in's Ohr, dort winkt die Ruh', Die Waffe drückt' ich in die scheue Hand, Die Todessehnsucht schürt' ich Dir zum Brand, Und manche lange, qualenschwüle Nacht Hab' Hand in Hand mit Dir ich zugebracht. Der Menschensohn, dem Lüge Nur Kraft zum Leben lieh', Der Menschensohn ertrüge Die unverhüllten Züge Der Qualdämonen nie. Und wenn der Hölle Schrecknis hüllenlos Und grausig-klar vor meinem Blick erstünde, Wenn Abbadona oder Lilith selbst In dunkler Pracht vor meinen Blicken schwebten, Mit keiner Faser scheut' ich je zurück. Die Menschenfurcht hab' ich zurückgelassen, Seit ich vergessen, dass auch mich dereinst Ein schwaches Weib als Menschensohn geboren.