Nachtwächters Stilleben »Still und bewegt, Wenn's Früchte trägt!« 1. Weib, gib mir Deckel, Spieß und Mantel, Der Dienst geht los, ich muß hinaus. Noch einen Schluck ... Adies Mariandel! Ich hüt' die Stadt, hüt' du das Haus! Nun schrei' ich wieder wie besessen, Was sie nicht zu verstehen wagen Und was sie alle Tag vergessen: Uht! Hört, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen! Schnarcht ruhig fort in Euren Nestern Und habt auf mein Gekreisch nicht acht! Die Welt ist akkurat wie gestern, Die Nacht so schwarz wie alle Nacht. Auch welche Zeit, will Niemand wissen, 's gibt keine Zeit in unsren Tagen, Duckt Euch nur in die warmen Kissen, Die Glocke die hat nichts geschlagen! Laß keiner sich im Schlaf berücken Vom (vulgo Zeitgeist) Antichrist, Und sollte wen ein Älplein drücken, Dankt Gott, daß es nichts Ärgres ist. Das Murren, Meistern, Zerrn und Zanken, Das Träumen tut es freilich nicht, Drum schluckt sie runter, die Gedanken, Bewahrt das Feuer und das Licht! Auch wackelt nicht im bösen Willen An Eurem Bett und räkelt nicht, Die Zipfelmütze zieht im Stillen Zufrieden übers Angesicht. Der Hund im Stall, der Mann beim Weibe, Die Magd beim Knecht, wie Recht und Pflicht, So ruht und rührt Euch nicht beileibe, Auf daß der Stadt kein Schad' geschicht! Und wann die Nacht, wie alle Nächte, Vollendet hat den trägen Lauf, Dann steigt, doch stets zuerst das rechte Bein aus den Federn, sittsam auf! Labt Euch an dem Zichorientranke Und tretet Eure Mühlen gern, Freut Euch des Lebens voller Danke Und lobt, nächst Gott, den Landesherrn! 2. Nun ist auch erloschen der letzte Schein Im Kämmerlein des Poeten, Und lockerer Vögel Nachtverein Kommt stolpernd heimgetreten. Es träufelt leiser Schnee vom Dach, Die Fahne kreischt am Turme, Die Laternen schwanken und glimmen schwach Und schaukeln sich lustig im Sturme. Die Häuser stehen schwarz und still, Die Kirchen leer und die Schenken, Nun mag eine Seele wie sie will Gehen und träumen und denken. Es blinzt kein Auge scheel und schief, Kein Lästermaul reißt sich offen, Nun mag ein Herz, das am Tage schlief, Lieben und bangen und hoffen. Du traute Nacht, der Bösen Feind Und aller Guten Segen, Sie sagen, Du seist keines Menschen Freund, – Wie lieb' ich dich, Nacht, deswegen! 3. Hat ihnen gar zu hell geklungen Der Ton von meinem alten Horn, Hab' ihnen gar zu grell gesungen, Den Herrn, sie schliefen just nach vorn. Erwachten immer unbequemlich, Und träumten sie auch noch so tief, Sobald ich stattlich und vernehmlich Vor ihrem Haus mein Sprüchlein rief. Nun haben sie mir's weggenommen Mein gutes, altes, liebes Horn, Ein Pfeiflein hab' ich drein bekommen Von Gott's- und Magistrates-Zorn; Ein Pfeiflein, wie für Diebsgesindel Und für der Haderlumpen Schwarm, Die Kinder spielen in der Windel, Mit solchen Dingern, Gott erbarm! Sie meinten baß für mich zu sorgen Und dachten, mir wär's schon genehm, Daß ich nicht jeden lieben Morgen Wie atemlos nach Hause käm'. Prosit, Ihr hohen Herrn, ich merke, Wo hier begraben liegt der Hund: Nicht meiner guten Lungen Stärke, Euer schlechter Schlaf allein ist Grund. Doch Euch mag's zum Exempel dienen, Ihr jungen Hörner fern und nah, Verfistelt Euch in Piccolinen, Geschieht Euch sonst, wie mir geschah! Gottlob, daß ich so abgekommen, Die Herrn sind sonsten nicht so faul, Dem Heinz dem ward sein Horn genommen Und schmissen ihn dazu aufs Maul! 4. Ein Nachtwächter hat so gut ein Herz Wie ein schmachtender Held der Frauen, Auch er fühlt Liebeslust und Schmerz Wenn die Kater im Märze miauen. Drum, wann ich abends auswärts geh' Und mein Weib in der ganzen Nacht nicht seh', Verlangt mich's nach Mariandel sehr; Ja, wenn sie nur nicht so garstig wär'! Sie ist eine gute, alte Haut Mit mehr Runzeln als just notwendig, Ihr Vater hat sie mir angetraut Mit Haus und Gerät vollständig; Das Amt und dreihundert Gulden dazu, – Gott schenke dem Alten ewige Ruh'! Ich liebte auch seine Tochter mehr, Ja, wenn sie nur nicht so garstig wär'! Wir leben wie zwo Engelein Im Paradies vor dem Falle; Keine Ehe kann so glücklich sein, Als unsre, ein Muster für alle. Sie schläft des Nachts, ich schlaf' am Tag, Sie nimmt den Schluck, den ich nicht mag, Das einigste Pärlein weit umher, Ja, wenn sie nur nicht so garstig wär'! So oft ich Nachts in mein Haus geguckt, War's ruhig allerwegen. Noch nie hat's mich an der Stirne gejuckt, Wie so viele meiner Kollegen; Bei denen geht's wie ein Taubenschlag, Hinein bei der Nacht, heraus am Tag, Und ein Nachtwächter hält doch auch auf Ehr', Ja, wenn sie nur nicht so garstig wär'! 5. Die Schildwacht schreitet auf und ab Und pfeift sich ein Liedel unermüdlich. Hier ist das Gefängnis, schwarz wie ein Grab, Aber nicht so still, so friedlich. Es rasselt hinter den Gittern schwer Von eisernen Ketten und Bändern, Stöhnen und Ächzen zieht hin und her Und verhallt an den steinernen Ständern. In jene Stangen packt eine Faust, Der mag's noch nicht lange gewohnt sein! Wie das wilde Gelock im Winde saust, Wie die Augen blitzen im Mondschein! Herunter, Bursche! Sonst schrei' ich wach Den Schließer und seine Genossen, Dann wirst Du an Dein dunkles Gemach Noch zärtlicher angeschlossen. Fort, strecke Dich in Dein warmes Stroh, Versuch's wie die andren zu schlafen, Was grinsest Du, was murrst Du so, Bist Du mehr, als die anderen Sklaven? »Nicht besser, nicht schlechter als jene sind, Ein Verbrecher nach Euerer Sitte, Denke nur eben an Weib und Kind Und an meines Vater Hütte. Und streck' ich mich auf mein faules Stroh, Dann von meinen Äckern träum' ich, Die wogten von Halmen und Ähren so, Die waren so luftig, so räumig. Nun lieg' ich vielleicht auf meiner Saat, Die ein anderer ausgedroschen« ... Still, Kamerad! da kommt der Soldat, Und meine Latern' ist erloschen. 6. Das ist der Dom mit seinen Mirakeln, Mit Heiligen aus Stein und Holz, Mit kostbaren Knochen in Tabernakeln, Mit Kuppeln, Säulen und Türmen stolz. Vom Hochaltar dringt ein schwacher Schimmer, Ein Wehen bläst durch die Gänge hin, In den Orgelpfeifen Kindergewimmer: – Es graut mich! Was ich doch kindisch bin! Seit zwanzig Jahren nicht dringewesen, Zur Beichte nicht, nicht zum Sakrament, – Daheim nicht in der Bibel gelesen, – Ob mich der alte Herr-Gott noch kennt? Ich will an die schallenden Pforten pochen. Die sind verschlossen. Niemand zu Haus ... Was ist das? Hat hier ein Mensch gesprochen? Lacht mich die Hölle von drinnen aus? Ich soll mit den Übrigen wiederkommen, Reingewaschen, sonntagsfrüh, Mit den abonnierten Wochen-Frommen, So gleißnerisch und so bigott wie sie. Nein, ich will mich nicht in die Hürde sperren, Vom Hunde gejagt, mit der übrigen Herd', Wenn du der Herr bist unter den Herren, Suche mich, so ich dir etwas wert. Geschrieben steht: Es ist größere Freude Über ein einzig verirrtes Tier Als über eine gesammelte Weide, – Wohlan, mein Hirt, ich irre nach dir. Ich stehe allein an deinen Pforten, Sie tun sich nicht auf, dein Haus bleibt stumm, Die Nacht ist schwarz und tonlos 'worden, Der Mond hängt dräuende Schleier um. Ein Strahl nur noch aus den finstern Gründen, Er trifft das vergoldete Kreuz von Erz: Kannst du, Beleuchter, das kalte entzünden, Kannst du entzünden mein kälteres Herz? 7. Droben ist Tee, droben ist Ball, Gesellschaft, Spiel und Tanz. Ei, über die schmucken Männlein all', Über den Lichterglanz! Hier unten, wo die Kutschen stehn, Harr' ich auch einen Augenblick; Will nach den hellen Fenstern sehn Und lauschen auf die Musik. Nur dann und wann ein grober Klang Vom Brummbaß trifft mein Ohr, An den Gardinen ellenlang Tauchen Schatten empor. Drehen sich, bücken sich, schneuzen sich, Flistern und trippeln, Paar für Paar, Nippen am Gläschen jüngferlich, Gähnen und wühlen sich wild im Haar. Das ist mir auch ein rares Pläsier, Ganz nach meinem Geschmack; Nein, da lob' ich mein Solo mir, Mein Bier und meinen Tabak. Trät' ich in diesem Rockelor So plötzlich in den Saal hinein, In der Hand Laterne, Spieß und Rohr, Unter die Schatten mitten drein, Weiße Flocken auf meinem Hut, Den Bart voll Reif und Frost, Die braune Wange in frischer Glut, Die Glieder steif vom Ost: Sie hielten es für 'nen Mummenschanz, Mich für ein Gespenst der Nacht, Und ich wette, der jungen Fante Tanz Zerstöbe, fürsichtig-sacht. Es ist in der Welt nach meinem Sinn Ein närrischer Schabernack ... Ob ich gerad' so ein Mensch wohl bin, Wie das feine, vornehme Pack? 8. Kamerad, wen fährst du? – »Den Minister.« – Und darum so barsch, so stolz getan? Den hab' ich schon lang auf meinem Register, Soll auch mit nächstem sein Ständchen ha'n! Da stehen die schmucken, stattlichen Tiere Vielleicht schon viele Stunden lang, Sie hängen die Köpfe alle viere Und scharren im Schnee und zerren am Strang. Den Grobian droben auf hohem Bocke, Um den tut mir das Warten nicht leid, Der sitzt warm in seinem verbrämten Rocke, Aber die Gäule haben kein Kleid, Keinen Pelz, in grimmiger Kälte labend, Und innerlich keinen Branntewein. Ich sollte nur einmal heute abend Einer von denen vier Schimmeln sein! Ich wollte mich wehren, ich wollte dich lehren, Herr Exzellenz mit dem Podagra, Du solltest Gottes Geschöpfe ehren Und deinesgleichen ... Hallelujah! Dort sitzt er noch bei seinem Herrn Vetter, Wühlt in Karten und wühlt in Geld, Und läßt die Tiere in Sturm und Wetter Frieren, so lang' es Gott gefällt. Ich rate dir, laß die Karten ruhen Und hüte dich fein, Ministerlein, Du hast es mit vier Hengsten zu tuen, Bedenk, daß das keine Bürger sein! 9. Gott, einen Strahl aus deinen Wolken sende Auf dieser Vorstadt schmerzenreiches Dach! Hier ringt ein Mensch mit seinem schweren Ende, Sei gnädig, hilf der armen Seele nach! Zieh aus der Kinder fesselndem Gewimmer, Zieh aus des Weibs Umschlingung ihn zu dir. Herr, säume nicht! Er duldet ja noch immer, Herr, schläfst du auch? O wache, Herr, mit mir! Am niedren Fenster schleich ich sacht vorüber, Noch glimmt der Lampe Docht, wer löscht sie aus? Sie schimmert durch die Laden, stündlich trüber, Und Käuzlein flattern um das Sterbehaus. Hu! Fort von dieser schauervollen Schwelle, Hier tut ein Andrer Wächterdienst als ich. Dort lagert er, der schreckliche Geselle, Und kauert lauernd vor die Türe sich. Er malt ein Kreuz, ein weißes, an die Schalter, Er winkt, er klopft ... O Würger, halte an! Es ist geschehn. Hab Dank, du alter, kalter Nachtwächtersmann, du hast dein Werk getan! 10. So oft ich dieses Gäßlein gehe, Wohl später noch als Mitternacht, Hält dort in respektabler Höhe Ein eifersüchtig' Lämpchen Wacht. Da droben wohnt ein Versedrechsler, Ein Reimeschmied, ein Bücherwurm, Hoch sitzt er, der Gedankenwechsler, Wie Klas auf dem Kathrinen-Turm. Und zählt die Füße, feilscht um Silben, Und putzt die alte Ware rein, Und frißt wie zähe Käsemilben Sich in papiernen Quark hinein. Verdammter Kerl! Wenn ich nur wüßte, Wer ihn zur Wacht berufen hat, Und ob er mit mir hüten müßte, Als angestellter Mann, die Stadt? Es tut's ihm niemand kommandieren, Er treibt's für seinen eignen Spaß, Das Predigen und Schrein und Schmieren, Und niemand weiß so recht für was? Die drunten können ihn nicht riechen, Sie fliehn ihn alle wie die Pest, Am Tag seh' ich umher ihn kriechen Scheu, wie ein Spätzchen, fern vom Nest. Sie schelten ihn Poet und Barde, Sie schütteln stark und zischeln sacht, Doch er auf seiner Leibmansarde Hat, scheint es, dessen wenig acht. Mag wohl in seinem Oberstübchen Nicht allzurichtig mit ihm sein, Sie sperren mir das arme Bübchen Am End' noch ein auf Sonnenstein. Wär' schad' um seine Gab' zu wachen, Und kennt' ich ihn, den tollen Christ, Wollt' ich ihn zum Nachtwächter machen, Wenn er dazu noch brauchbar ist. 11. Flattert durch die Nacht geschwind Ein verlornes, scheues Kind. Mit dem Schleier, mit dem Kleide – Ei, die süße Augenweide! – Spielt der Wind. Halt' ich sie auf schlechter Bahn Scheltend, wie ich sollte, an? Treib' ich dieses Lamm mit Würde, Das verirrte, in die Hürde? Wohlgetan! Halt! Verbrenn' die Finger nicht! Schau ihr erst ins Angesicht! Könntest statt gemeiner Sünden Eine – distinguierte finden ... Sachte, Wicht! 12. Feuerjo! Beim Burgemeister brennt's! Spritzen herbei und Schläuche! Erwacht doch drin, Euer Eminenz! Heraus, ihr faulen Gäuche! »Kerl, was heulst du drunten so? Ich glaube, du bist betrunken!« – Nein, am Fenster sah ich ein Bündel Stroh Und darin einen roten Funken. »Bleib' zu Hause, du versoffner Tropf, Mit deinem verwünschten Spaße!« – Verzeiht, Eminenz! Es war Euer Kopf Und darinnen Euere Nase! 13. Der Herr! – es ist doch ein stolzes Wort Und meint eine stolzere Sache; Nicht jener über den Wolken dort, Nein, der unter goldenem Dache; Mit Szepter und Apfel in der Hand, Auf dem Haupte die schwere Krone, Gekleidet in sein Purpurgewand, Gesessen auf hohem Throne. Da liegt sein Schloß aus Marmelstein Mit goldnem Balkon und weißen Säulen, Zwei Löwen wachen am Eingang sein, Zwei Riesen mit steinernen Keulen. Und wo durch glänzende Scheiben hin Der Schein einer Ampel schimmert, Dort steht unter seidenem Baldachin Sein Bett, aus Silber gezimmert. Im Vorsaal harrt auf der Schelle Klang Ein Dutzend verschlafener Pagen, Und Lakaien räkeln auf jedem Gang Und schnarchen in allen Etagen. Gott gebe dir eine Bettelmanns-Ruh', Herr König, in deinen Gemächern! Er wehe dir freundliche Kühlung zu Mit unsichtbaren Fächern! Es zeige dir Traumes Spiegelbild Dein Volk beglückt und gesegnet, Während es an die Fenster mild, Wie Maientropfen, regnet. Ich male mir's wohl recht artig aus, Doch in Wahrheit schläft, ich wette, Der Gardist dort süßer im Schilderhaus, Als du im Fürstenbette. 14. Hier auf der Kanone will ich ruhn, Auf den eisenbeschlagenen Rädern; Ist freilich kein Lager von Eiderdun', Mit Matratzen und stählernen Federn. Doch schlief vielleicht schon mancher Held Vor der Schlacht in der nämlichen Weisen Und später noch tiefer – im blutigen Feld, Auf dem Leib, statt drunter dein Eisen. Erzähle mir nun, du eherner Mund, Von deinen glorreichen Tagen, Wie du einst zu schwerer Schlachtenstund' Die Reveille munter geschlagen. Bei Jena oder bei Austerlitz, Gen Moskau oder gen Kassel, Wo flammte zuletzt dein tötlicher Blitz, Wo rollte dein letztes Gerassel? Oder bist du gar dem alten Fritz Schon gefolgt zu rühmlicher Frone? Nein, hier am Zündloch, wo ich sitz', Steht ein N. mit Lorbeer und Krone. Den Namen, den Lorbeer kenn ich wohl, Die Zeugen deiner Blüte; Nicht wahr, da brummtest und summtest du hohl, Da glühte dein Leib und sprühte? Es flog das Rad auf bezwungener Erd' Über Lebende und über Leichen, Zusammen stürzte die bange Herd' Unter deinen gewaltigen Streichen. Du gabst den Takt zu dem Waffentanz, Hoch hüpfte dein Herz, das beherzte, Und schön zu der Panzer, der Schwerter Glanz Stund dein Antlitz, das pulvergeschwärzte. Jetzt bist du blank, jetzt bist du zahm, Und lahm ist deine Lafette, Dein Kupfergesicht hochrot vor Scham Und feist, als ob's gealtert hätte. Nun, schäme dich nicht, du elektrischer Aal, Hast ja noch einen wackeren Posten, Wenn auch da drüben im Arsenal, Dein Futter, die Kugeln rosten. Ertönst du nicht vom Walle herab In die bebenden Niederungen, Wenn ein armer Sklave aus seinem Grab, Aus seinen Ketten entsprungen? Wenn ein Krämerhaus in Flammen gerät, Zur Friedensrevue vor den Toren, Zum Namenstag Seiner Majestät, Und so oft ein Prinzeßchen geboren? Geduld! Vielleicht kannst du wiederum, – Und bald! – in die Feinde hageln; Bis dahin, mein Veteran, sei stumm, Daß sie dir das Maul nicht vernageln! 15. Guten Abend, Mutter Marie! In deinem kleinen Schrein, Den toten Sohn auf weißem Knie, Wie sitzest du mild und lieblich drein! Ein Lichtchen haben sie angesteckt, Von frommen Gelübden gezollt, Und dich mit köstlichen Lappen bedeckt, Mit Kronen von Flittergold. Dich kümmert der Putz nicht und der Schein, Dein wächsern' Gesicht ist blaß, Die siehst nur auf dein Jesulein, Wangen und Augen ewig naß. Hab' niemals eine Mutter gekannt, Niemals ein Kindlein geherzt, Habe auch für kein Weib gebrannt Und mit keiner Schwester gescherzt. Nun mein' ich, daß es nichts Rechtes wär' Mit der Familien-Klerisei; Komm' ich aber des Weges her, An der Jungfrau Bild vorbei, Dann tut's mir wohl, dann tut's mir weh, Weiß selber nicht, wo und wie? Und ich flüstere, weil ich von dannen geh': Guten Abend, Mutter Marie! 16. In diesem Hause schläft ein Wicht, Daß Gott sich sein erbarme, Mit kreideweißem Angesicht Und klapperdürrem Arme. Er schläft? ... Er wälzt auf seidnem Pfühl Die Glieder mit Fluch und Gewimmer, Ist's ihm zu heiß, ist's ihm zu kühl, Recht ist's dem Schächer nimmer. Und um ihn rauscht die Gardine schwer Von goldenen Fransen und Falten, Der Nachttisch kann der Fläschlein Heer Und der Tropfen Meer kaum halten. Warum er nicht schläft? Warum er in Wut Die Spitzen am Hemde zerrissen? Ein gutes Gewissen schläft überall gut Und nirgends ein böses Gewissen. Er hat an des Landes Mark, die Schlang', Sich voll gefressen, gesogen, Er hat – ein Menschenleben lang! – Gestohlen, gelogen, betrogen. Hei, Dir auf deinem Dunen-Bett, Im Steinsarg deiner Paläste, Wenn ich itzt mein altes Horn noch hätt', Dir brächt' ich ein Ständchen aufs Beste! Du schrecktest wie vom Tarantelstich Aus teuererkauftem Schlafe, Wähnend, die Posaune weckte dich Und riefe zur endlichen Strafe! 17. Aber nein! Ich ziehe mit leisem Schritt Vorbei der verfluchten Stätte. Ich weckte ja sie zum Leiden mit, Sie droben im Witwen-Bette. Du armes, junges, süßes Weib, Zum Schatten umgewandelt, Seit du den blühenden, schönen Leib An jenen Toten verhandelt! Nun hast du dein beneidet' Glück, Die Titel, die Mittel, die Größen, Und gäbst es mit tausend Freuden zurück Für deiner Armut Blößen; Für eine Stunde freier Lust An des verlassenen Buhlen Herzen, Für ein Kindlein an deiner runden Brust, Gezeugt und gesäugt in Schmerzen. Mich friert es, denk' ich an ihren Schlaf, An die roten Augenlider, Die kaum ein schmerzliches Ruhen traf, An die matt-hinwelkenden Glieder. Ja, armes Weib, hätt' ich nun mein Horn, Dir gäb' ich's mit lautem Ergetzen; Solltest's dem alten Sünder vorn An die schamlose Stirne setzen! 18. Dort, wo kein Baum der frommen Trauer Verlassne Hügel grün belaubt, Dort ruht, dicht an der Kirchhofs-Mauer, Ruht meines Vaters heilig' Haupt. Warum sie ihn so weit gebettet Von guter Christen Lagerstatt? Weil er, den andre nicht gerettet, Zuletzt sich selbst gerettet hat. Weil er zum Dieb nicht werden mochte Und weil dem Bettler niemand gab, Drum schnitt er seinem Lebensdochte Rasch selbst die tote Kohle ab. Selbstmördern streng den Stab zu brechen, Wenn man warm sitzt im hohen Rat, Von Feigheit und Verirrung sprechen, Ist, wahrlich! keine Heldentat. Doch wüßtet Ihr, wie dem zu Mute, Der, aller Erdenhoffnung quitt, Fertig mit Gott, mit kaltem Blute In seine roten Adern schnitt: Der nachts sich in die Wellen stürzte, Nachdem er lang am Ufer hing, Der künstlich selbst die Schlinge schürzte, Darin sein Atem sich verfing: Säht' Ihr, wie reuig und erstarrend Die Hand nach einem Halme griff, Und wie die Kehle, rettungs-harrend, Nach ferner Hilfe krampfhaft rief: – – Ihr wäret lasser im Verdammen Und littet wohl in Majestät, Daß solche Blumen nah beisammen Modern mit den', so Gott gemäht! Sie haben keinen Stein gegeben, Kein Mal, mein armer Vater, dir, Und dennoch warest du im Leben Ein Mann wie wenig Männer hier. Gleichviel! Ich finde doch die Pfade Zu deines Grabes Nesselbeet, Wenn gleich kein Kreuz mit »Gottes Gnade« Und »Schlummre sanft« darübersteht. Dank deinem Leben, das geschäftig Mir keine Lehre schuldig blieb, Dank deiner Hand, die allzukräftig Sie auf den jungen Rücken schrieb! Dank deinem Tod, der ohne Worte Mir einen großen Trost verhieß; Er zeigt mir doch, an welchem Orte Ein Loch der Zimmermeister ließ. 19. In diesen Zellen schlafen sie, Die Mittelding' von Mensch und Tiere, Behandelt wie das liebe Vieh, Wie dies gestreckt auf alle Viere. Wie dumpf, wie dunstig rings ums Haus Und drin welch Toben, Stampfen, Schreien! Hier Lieder voller frohem Graus, Dort irrer Glieder Selbstkasteien! O Wahnsinn! Schreckliches Gespenst, Die Geißel in entfleischten Händen, Wenn du bald frech vorüberrennst, Bald lauernd schleichst an unsern Wänden, Wer bürgt dafür, daß deine Faust Nicht plötzlich unsren Scheitel treffe, Und daß, der bei den Tollen haust, Der Geist nicht längst uns selber äffe? Die kranke Lieb', den kranken Stolz, Wir sperren sie in ehrne Stäbe, Um unser Maß aus dürrem Holz Ziehn wir jedwede Wucherrebe, Was nicht so denkt, wie wir, und nicht So fühlt, das zählen wir zu Kranken, Und ob nicht just Gesundheit spricht Aus ihren taumelnden Gedanken? So sperrst du auch den Löwen ein, Du zeigst ihn keck in deinen Gittern, Und fühlest doch bei seinem Schrei'n Das Herz im Leibe dir erzittern; Nennst du ihn toll, nennst du ihn frei, Wenn er zerreißt, der ihn gehütet, Und seinem Zwingherrn stolz vorbei Blutlechzend durch die Gassen wütet? Pocht auf das Monopol »Vernunft« Nicht allzufest in Euren Sitzen, Groß ist der Narren heil'ge Zunft, Dies Haus stets offen für Novizen. Die dort am letzten Fenster, war Vor Jahren eine schmucke Dirne, Demanten blitzten ihr im Haar Und Anmut von der schönen Stirne. Um ihres Mundes Lächeln rang Ein Heer von albernen Gesellen, Jetzt lacht sie, daß den Gang entlang Die Töne schrecklich widergellen; Einst kniete man vor diesem Weib, Jetzt sieh', wie sie sich schamlos windet Und gierig den entweihten Leib Dem Knechte beut, des Hand sie bindet. Ich fühlte, wenn ich nächtig schritt Wohl oft so was von Wahnsinns Nähe, Dicht hinter mir ein plumper Tritt, Im Ohr Gelächter und Gekrähe; Es packte mich im Nackenhaar Und raunte schauerliche Weisen, Und aus dem Dunkel starrte klar Ein Aug' mich an mit Flammenkreisen. Das ist, wovor mir bangt und graust: Nur nicht in dieses Hauses Schrecken, Nicht unter jener Henker Faust, Nicht in das Schrei'n und Zähneblecken! Und doch zu diesem Tore zieht mich immerfort ein heimlich Harren ... Hinein, hinaus? ... Mein Fuß entflieht, Sobald die schweren Riegel knarren. 20. So oft ich kam, so oft ich schied, Dieselben alten Gesichter, Immer das nämliche dumme Lied: Bewahrt das Feu'r und die Lichter! Fürwahr, das halt' ein anderer aus, Ich nicht, soll Gott mich verdammen! Die Mauern der Stadt und das eigne Haus Fallen über mir, dünkt mich, zusammen. Luft, Licht und Luft! Nur einen Zug, Einen Blick in die Welt, und Freiheit! Ich habe des Elends satt und genug Der täglichen Einerleiheit. Da draußen vor den Toren steht Der Frühling im Flügelkleide, Er winkt mit der Hand, er lockt und weht Und ruft und wirbt: In die Weite! Und die Vöglein schwingen von Zweig zu Zweig Sich fort, und die Bäche rinnen, In der Welt ist alles frei und gleich, – Warum ich gefangen hier innen? Fort mit dem Stock, fort mit dem Speer, Gebt Pfeife und Amt einem andern; Bin Euer Narr und Nachtwächter nicht mehr, Verlege mich jetzo auf's Wandern; So weit der liebe Himmel blau, So weit voll Menschen die Städte, So weit voll Blumen die grüne Au, So weit frei des Stromes Bette! Einen Stecken aus dem nächsten Zaun, Auf den Hut ein frisches Reisig! Dann hinaus, so flink und so freudig traun Wie aus seinem Bauer der Zeisig! 21. Die Tore offen! Im Schilderhaus Wird's gleich ein »Wer da?« schreien; Ein Schritt, ein Tritt – und ich bin hinaus, In der Welt, im Weiten, im Freien! Wer hält mich denn am Ärmel fest, Was beizt mich im Auge wie Zwiebeln? Warum fesselt mich denn dieses alte Nest Mit seinen Türmen und Giebeln? Gewöhnung! O allmächtiger Trieb, Wer mag sich deiner erwehren? Dem Sklaven wird seine Kette lieb, Soll er sie zum ersten entbehren. Und Mariandel, die gute, ehrliche Haut! Wie wird sie's grämen und schmerzen, Wenn sie morgen früh aus dem Fenster schaut, Mich erwartend mit treuem Herzen. Es gilt ihr nicht um meine Person, Daran ist wenig gelegen; Ihr ist's nur um das Geschwätz und den Hohn, Nur der anderen Leute wegen. So tröste dich Gott! Ich kann nicht zurück, Es mahnt die Stunde zu eilen; Doch find ich draußen ein ordentlich Glück, Mit der Alten müßt ich's teilen. Dort steigt der Mond im Osten auf, Ein willkommener Weggeleiter; Mit Silber bestreut er meinen Lauf, Wie hell die Straße, wie heiter! Ein Posthorn klingt aus fernem Tal Und verschwimmt im blauen Äther – Leb wohl, leb wohl viel' tausend Mal, Du heilige Stadt meiner Väter! Ich küsse dein Tor im Mondenlicht, Auf den Boden fall ich nieder; Dein Sohn entflieht – O frag ihn nicht: Wie kommst du und wannen wieder?