Die Verwandlungen der Venus »Zeugen, Geburt und Tod, Wann wird es stille! Wo glüht das Urgebot, Wo wacht der Wille?« Otto Julius Bierbaum. Gebet der Sucht Niemals sah ich die Nacht beglänzter, diamantisch reizen die Fernen; durch mein staubiges Kellerfenster sticht der Schein der Gaslaternen, schielt auf meine frierenden Hände, und ich fühle meinen Hunger; grau sind diese nackten Wände, und sie flimmern. Und mein junger irrender Wille kann sich nicht mehr täuschen unsre Lüste wollen fruchtbar sein! Mit den Schatten meiner keuschen Kammer spielt ein schwüler Schein. An den hohen Häusern drüben glühen aus der Finsternis die Fenster, wo die Freudenmädchen blühen – niemals sah ich die Nacht beglänzter! Und die Sterne sind wie brennende Blicke, Welten sehnen sich nach mir! Ich verschmachte. Ich ersticke. Ja: ich frevelte an Ihr! Selbst in meiner kalten Zelle fühlte ich das Leben toben, der ich wagte, dieses schnelle Herz zu dämpfen; aber oben über meinem dunklen Thale, Venus, seh ich angebrannt Deine flammenden Fanale, und den Blick hinaufgewandt ruf'ich aus dem tiefen Turme meiner Aengste zu dir hoch: Göttin, wandle dich zum Wurme, sei im Wurme Göttin noch! Sausend schaukelt eine Not mein Herz wie in erster süßer Knabenfrühe; ich verschmachte! ich verglühe! jeder Stern ist mir ein Schmerz, – ihrer Strahlen ferne starre Ruten martern, wenn du mich nicht kühlst, wenn nicht Du mit deinem brünstigen Blute meine brennenden Dürste stillst! Sieh, es lichtet sich ein neues Fenster, zuckt ein steiler Kerzenstreifen – niemals sah ich die Nacht beglänzter! Ja: entzünde dich dem Reifen, Ewige, lächle: Deine Kerzen bleiben, alle andern sind verblichen! Hinter jenen schwarzen Scheiben schlafen alle Ordentlichen ... Venus Anadyomene Das ist die alte Stimme wieder, aus langen Träumen jung erwacht; sie sang die allerersten Lieder, trunken und schüchtern, – sie singt und lacht: »Ueber dem grünen Roggenmeere wiegte die Glut zwei Pfauenaugen, blühend roch die brütende Leere; tief im grünen Roggenmeere lag ein Knabe mit blauen Augen. Das war, als du noch Fehle hattest, noch alte Furcht und fremde Scham, als du noch keine Seele hattest, die nur aus Deinem Blute kam. Aber du sahst die Falter leuchten, mit flackernden Flügeln bunt sich greifen; träumte dir von zwei dunkelfeuchten Augen, und die sahst du leuchten unter bunten, flatternden Schleifen. Das war die Zeit des Schaums der Säfte, die Aehren stäubten gelben Seim, vieltausendjährige Ueberkräfte erregten schwellend einen Keim; ahntest unterm andern Kleide andre nackte Glieder klopfen, deine Hände flackerten beide, in die einsam heiße Haide quoll ein erster Samentropfen. Das that die Sehnsucht dieser Erde, die opfernd um die Sonne schweift; sie sprach das allererste Werde, – beichte! die Sprache der Mannheit reift. « Venus Primitiva O daß der Kuß doch ewig dauern möchte, – starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste; der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte, tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte! Nein, länger duld'ich nicht dies leere Sehnen, ich will nicht länger in verzücktem Harme die liebekranken Glieder Nächtens dehnen; »O komm, du Weib!« entbreit'ich meine Arme ... Oh komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn, vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide, fühlt wogend glühn, du Flammenkönigin, im Aschenflor um dich die Kupferseide. Gieß aus in mich die Schale deiner Glut! ich dürste nach der Sünde nach dem Grauen vor dieses Feuerregens milder Brut, vor diesen Weh'n, die wühlend in mir brauen. Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß, die lange schmachtend lag in spröder Hülle; ich will mich lauter blühn, lauter und los aus meiner dumpfen Brunst zu Frucht und Fülle! Satt werden will ich meiner scheuen Lust: oh komm, du Weib! nimm auf in deine Schale die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust; noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale ... Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen, o kämst auch Du so süß und so verstohlen: so mondesweiß dich in die Sammetwogen, den Purpurflaum der schwärzlichen Violen, die ich dir streun will, an mich her zu betten, daß alle meine Mächte an des Weibes enthüllten Göttlichkeiten sich entketten, versink'ich – in den Teppich – deines – Leibes! Venus Pandemos Und jenes letzte Mal. Im Nachtcafé der Vorstadt wieder, müde vom Geruch der schwülen Sofaplüsche und des Punsches, der vor mir glühte, und vom Frauendunst der feuchten Winterkleider; müde, lüstern. Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen und Derer, die drum warben; das Gerassel der Alfenidelöffel am Büffett ermunterte den Lärm des Liebesmarktes, ununterbrochen, wie ein Tamburin. Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend, und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters, der drüber hing, sich mühsam mit den Farben auf den Gesichter um die Marmortische in seiner gelben Sprache unterhielt; wozu der schwarze Marmor blank auflachte. Ich war schon bei der Wahl. Da teilte sich die rote Thürgardine neben mir: ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte; die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm. Mir grade gegenüber, quer am Ende des Ganges, als beherrschten sie den Saal, nahmen sie Platz; der broncene Kronleuchter hing über ihnen wie ein schwerer, alter Thronhimmel; Keiner schien das Paar zu kennen. Doch hört'ich rechts von mir ein heisres Stimmchen: »Bejejent muß ik Die woll schon wo sein!« – Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne, die wachsbleich an die schwachen Haare stieß; die großen, blassen Augenlider waren tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag ihr Schatten um die eingeknickte Nase, der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen. Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin ihm kichernd einen Satz zuzischelte, sah man sein eines schwarzes Auge halb und drehte sich sein langer, dünner Hals, langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch, wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt. Es wurde immer stiller durch den Raum; sie sahen Alle auf den stummen Mann und auf das sonderbar geduckte Weib. »Sie ist ganz jung«, war um mich her ein Flüstern; auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind. Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge durch eine Lücke ihrer trüben Zähne spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während ihr grauer Blick den Saal belauerte; das Gaslicht brannte drin wie giftiges Grün. Jetzt hob sie sich. Sein Glas stand unberührt; ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor. Sie ging; er folgte automatisch nach. Die rote Thürgardine that sich zu, der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze, doch fluchte keiner; und mir schauderte. Ich blieb für mich, – ich kannte sie auf einmal: es war die Liebesseuche und der Tod. Venus Socia – Kaffee, Branntwein, Bier – im Spelunkenrevier, und ein Lied scholl rührend durch die Thür; und das sangen und spielten die traurigen Vier, ein Vater mit seinen drei Töchtern. Er stand am Ofen, die Geige am Kinn schief neben ihm hockte die Harfnerin, und die Jüngste knixte, und aus das Lied, die Geige die machte ti-flieti-fliet: »War Eine, die nur Einen lieben kunnt« ... Die dritte ging stumm mit dem Teller herum, ums polternde Biljard, blaß und krumm; und nun drehte der Alte die Fidel um und klappte darauf mit dem Bogen. Und auf Einmal schwieg der Keller ganz, die Jüngste die hob die Röcke zum Tanz; die Harfe die machte ti-plinki-plunk, und die Jüngste war so kinderjung und sang zum Tanz ein wüstes Hurenlied ... Sie sang's mit Glut, das zarte Blut; und der schwarze, zerknitterte Roßhaarhut stand zu der plumpen Harfe gut, mit den weißen papiernen Rosen. Laut schrillten die Saiten tiflieti-plunk, und Alle beklatschten den letzten Sprung, und die Tellermarie stand vor mir; stumpf »Spielt mir noch Einmal«, bat ich dumpf, »War Eine, die nur Einen lieben kunnt« ... Venus Gloria Ich träume oft von einer bleichen Rose. Hell ragt ein Berg; sie blüht in seinem Schatten, zum fernen Lichte schmachtend, mit dem matten dem Blumenblick, aus ihrem dunklen Loose. Dann bangt sie mich; tief stockt mein Fuß im Moose. Doch weiter muß ich, muß das Ziel erreichen, den Gipfel mit den immergrünen Eichen; so steh ich schwankend zwischen Berg und Rose. Denn wie sich auch mein Fuß bemüht zu kämpfen, ich kann die bange Sehnsucht nicht mehr dämpfen, aus ihrem Schooß den reinen Duft zu schlürfen. Da –: Flügel –: frei! und an der Brust die Blume! schon naht der Hain mit seinem Heiligtume, wo auch die Rosen immergrünen dürfen ... Venus Urania Kommst du, Grollender? tief von Unten? Ueber Felsen und Wolken: suchst du mich, im dunkeln Mantel Du, schwarzgekrönter Wetterriese, mit der bleiernen Stirne? Höher doch! näher! herauf zu mir, mir und meiner Sonne, die hier mein zitternder Arm sich vom Himmel riß, die mich erleuchtet, von mir umglüht, sie meine Seele, ihr Leben ich, taumelnd versunken in Eine große einige, einzige Flammenwelt! Ja, du suchst uns, willst uns segnen, Du mit deinen Donnerorgelstürmen, willst empor zu Unsrer Flamme, Flammender Du! Sehnst dich, tief in Unser tiefes lichtes, allumstrickendes Glück zu blicken, auch ein Lichtkind, allverkettender Erschüttrer ... komm! Ja, ich kenne dich: du bist mein Bruder! Komm, tief schaue, tief auch Ich dir, tief durchs nächtige Auge, in dein heißes zuckendes Herz, das gute: Du wirfst Frucht, Liebe aufs schmachtende Feld herab, wenn du mit wuchtender Faust krachend zerbrichst das dumpf drückende Dunstbrett. Tobe nur, Kommender! nimm, hebe die splitternde Axt! Hebe die düstern, schönen, schattenumhangenen Lider! Grüße mich, du glühend, Ewigkeiten sprühend Auge: satt, ich will mich satt sehn, satt an dieser funkelnden Unendlichkeit! Auf, ihr schmetternden Lippen, jauchzt! aus eurem rollenden Donnersang rauscht mir das ewige Lied vom Samen der Sehnsucht, vom Krieg des Lebens: der Atem der Luft. Sonne, meine Sonne! weh – Er – stählerne Ströme sein Blick, über uns – brennend – Sonne, wo bist du – Licht – oh Sonne – stehn wir umklammert, stehn wir von blendenden, heißen, sausenden Wonnen umzuckt ... Sonne, mein zitterndes Licht! Lache! Nur den Baum, sieh, den Felsen nur traf sein zischendes Beil. Hörst du ihn jauchzen? über der klaffenden Buche, über den thalab polternden Trümmern, im flatternden Bart ihn jauchzen sein eisernes Lied: Weckender Tod, komm, reckend loht von Stamm zu Stamm die straalende Kraft, Einer stürzt, der tausend drückte! Stürzen die Ragenden, wachsen die Ringenden; tausend wachsen, Einer ragt! Tod-und-Leben-stammelnde Laute dröhnen, doch darunter schweigt der heil'ge Mund der Macht ... Greller doch, Blitze! spotte nur, Donner du! triff, zerbrich, was furchtsam zitternde Kronen trägt! Uns segnest du; uns prüftest du, Blut von Deinem Blut, mit heißen Fingern in deiner Flammentaufe. Wir sind fromm und heilig: mit gefeitem Diademe krönte uns die Liebe, unsre sonnenselige Liebe, zitternd von Wünschen und steiler Kraft! Oh, und trifft auch Uns, will ein Bruderopfer Deine Liebe: nimm uns! herrlich stürzen wir, vermählt verglühend in Deiner reinen, in unsrer eignen reinen Glut. Nein, wir fürchten dich nicht, rasend liebender Bruder! Wir sind stark wie Du: ich und meine Sonne, meine Lust und Seele, wir zwei Eines, Eines aller, aller Lust: wir lieben Alle: Alle müssen uns lieben ... Venus Religio Charfreitagsruhe. Fühlst du's auch: dies bange Grün und diesen Hauch, der drüber träumt? Und fühlst du's, wie der Fliederstrauch von Knospen perlt und überschäumt? Und sehnen deine Brüste sich dem Auferstehungsmorgen zu, wie's Magdalenen innerlich nicht ließ in Ruh, bis sie zum offnen Grabe schlich? Denn übermorgen graut der Tag ins Frühlingsfeld, da unterwarf sich Der die Welt, den einst dein Volk dafür gequält, daß eine Sehnsucht in ihm lag. Viel Glocken läuten zu mir her; so dumpf und sehr! die Luft so schwer! wem läuten sie? Das waren Deine Glocken nie und sind nicht Meine Glocken mehr. Im Flieder hängt ein altes Laub; du willst nun mein sein ganz und gar. Noch steht der Hain wie blind und taub; ist dir auch klar, daß unsre Kindheit Feindschaft war?! Mir ist, daß meine Seele dich gesucht seit ewig ohne Ruh; fühlst Du's wie Ich? Und sehnen deine Brüste sich dem neuen Ostermorgen zu? – Venus Genetrix Aller Wunder wundersamstes, länger trug's die Seele nicht. Ihre großen Thränen strömten über dein und mein Gesicht. »Nur für dich!« ein Flehn, ein Stammeln schluchzender Verkündigung; und mir keimte deine Lilje aus dem Schooß der Dämmerung. Doch es wuchs, es hob die Blüte ihr befeuchtetes Gesicht, bis wir ahnten und erkannten, daß die Lilje deine nicht. Denn in meine Welt gehoben, dir entwachsen ganz und gar, lagen wir in ihrem Kelche, mir du, dir du offenbar, tranken wir mit unserm Munde ihre große Trunkenheit, hat aus ihrem Seelengrunde uns ein stummer Schwur geweiht. Venus Mater Träume, träume, du mein süßes Leben, von dem Himmel, der die Blüten bringt; Blumen winken da, die beben von dem Lied, das deine Mutter singt ... Träume, träume, Knospe meiner Sorgen, von dem Tage, da die Blume sprießt, von dem hellen Blütenmorgen, da dein Seelchen sich der Welt erschließt ... Träume, träume, Blüte meiner Liebe, von der stillen, von der heiligen Nacht, da die Blume Seiner Liebe diese Welt zum Himmel mir gemacht ... Venus Madonna Aus Mannesadel wächst des Weibes Tugend; er träumt ein Ziel, sie soll es ihm gebären. Des Griechen Schönheitsinbrunst sah die Sphären beherrscht von Aphroditens Reiz und Jugend; dem Christen aber ward die Reinheit Wesen, selbst noch die Mutter will er sich verklären und beugt sich vor Marias Hochaltären, die keusch des Sohns, des keuscheren, genesen. Wann kommt die Zeit, daß Männer freier denken und ihre eigne Welt von Gottessöhnen hell mit dem Huldbild ihrer Freiheit krönen, bis Alle Allen die Erlösung schenken, die Wir uns schenkten, meine Magd und Sonne, Du keusche Venus, reizende Madonne! Venus Nutrix Aber nicht wieder! nein, nie wieder! Ja, du wolltest mich beglücken: wie sie an dein Fleisch sich drücken, diese kleinen nackten Glieder. Aber mir diese Lust beschauen, ist mir ein Grauen. Zu tief sah ich unsrer zahmen Katze in die mütterlichen Augen, wie sie ließ die Jungen saugen unter der steifen, scharfen Tatze; und der jungen blinden Brut schmeckte das alte Raubtier gut! Decke die Brust zu, wenn die Lippen deines Sohnes dich berühren; laß ihn andre Wonnen spüren als den Blick der Ahnen und der Sippen! Nein, ich wollte dich nicht betrüben; nur – nur anders laß uns lieben! Bebt'ich doch selber, als ich ihn küßte, und ich will die Wonnen der Ammen nicht verdammen: dunkel ist der Zweck der Lüste. Aber die Mütter – nein, schweigen wir! wehe, der Mensch ist ein Sängetier. Venus Domestica 1 Ja, die heilige Familie ... Josef ñ Maria ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ denn das Esulein freute sich eben an dem Heuduft einer trockenen Lilie. ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ Wenn man so von drei vier Kindeln erst gewohnt ist ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ alten Windeln ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ Blos, hm, weißt du, ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ bitte, zeige dich nicht nackt vor mir; deinen Leib, den schenk'ich dir und vielleicht sogar 'nem Andern ... Weine nicht, mein Herz! der gute Josef war ein weiser Mann. Dein Gesicht ist Dein – und mir ein Bann; doch was sonst so drum und dran, hast du sehr gemein mit jeder Pute! Und, trotz innersten Gelübden, aber hör'ich manchmal so dies Schrei'n ñ ñ ñ ñ ñ ñ ñ möcht ich auch wol nach Egypten, blos – alleine, ohne Esulein! Fußnoten 1 Die durch Haken ( ñ) ersetzten Silben und Zeilen hat die Verlagsanstalt aus Rücksicht auf den Gotteslästerungsparagraphen unterdrücken zu müssen geglaubt. Ich kann nicht umhin, mich gegen eine solche Deutung meiner menschlich dichterischen, rein künstlerischen Absichten ausdrücklich und entschieden zu verwahren. Venus Adultera Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern! Nein, das darf dich nicht bekümmern, ob ich auch »treu« bin; rück nur her! Komm: ich hab ein Dutzend Seelen, wer kann all die Kammern zählen, sechse stehen grade leer. Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger; hoh, mein Kind, ich bin viel jünger als mein narbiges Gesicht Weißt du, die Runzeln und die Hiebe thun erst die Würze zu Ehre und Liebe! Ja, mein süßer Bösewicht: Viel geliebt, noch mehr getrunken, manchmal fast im Strom versunken, heida wie der Schläger pfiff! Soll das Leben dir was nützen, lerne auch dein Blut versprützen: nicht gezuckt! los! blick und triff! Hast ja auch schon – Blut verspritzt, oft ... ah! wie dein Auge blitzt: zürnst wol gar dem frechen Buben? Was denn: Thränen? o nicht doch! oh! Herzchen, so'was lernt man so in der Luft der Ehestuben! Komm: sei gut, Kind! Gieb mir die Hand! Hast mich ja lieb, Kind – und hast Verstand: nein, ich will dich nicht verführen. Aber gelt, du wärst gern Braut? Hier das Venushalsband deiner Haut läßt verhaltene Wünsche spüren! Sieh mich doch an, du: bin kein Dieb! habe das Halsband nur so lieb und deine dunkeln Augenringe. Sieh doch: mein Blick ist ein zündender Pfeil, und meine Stimme ein sausendes Seil: komm, durch Höllen und Himmel soll's dich schwingen! Venus Perversa Auch vorbei; und sieben Kreuze hinter Jede! mein Gelüst ging irr. Aber – ich brauche tiefere Reize: Dich: komm, liebe dich vor mir! Dich nur, Dich nur: deine genossenen Blicke und deine bittende Scham und deine treuen Hände lieb'ich ... ja, entzücke mich mit Deinen Rasereien! Oh Du! wenn die Knospen deiner müden Brüste unter deinen tastenden Fingern wieder schwellen, wie in jüngern Nächten ... oh du, keinen Frieden ließ mir's: meine eigenen Freuden sind mir Schaum, der bitter ist! aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst, will ich mich an Deiner Wildheit weiden: wie du gleich verlassnen Bräuten deine Sehnsucht nach mir stilltest, wenn du tief in deinen Heimlichkeiten mit berauschten Armen wühltest – wühlst ... stillst ... Seele, bricht dein Blick? oh du: laß mich diesen Blick genießen, dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen, recke dich nicht so starr zurück – – Ekelt dich? Ah –: fühlst du nun auch den reifen Menschen? bist du satt der Kuhnatur?! – Und wir fliehen, wir begreifen den Triumph der Unnatur ... Venus Bestia Ich und mein Freund, wir saßen einmal in einem menschenheißen Weinlokal; zwei Tisch weit neben uns saßen ein Herr und eine Dame, offenbar – den Ringen nach – ein jüngeres Ehepaar, deren Blicke sich manchmal vergaßen. Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen, wir schwiegen unser bestes Schweigen. Der Gatte nahm jetzt die Speisekarte, den kleinen Finger gespreizt – dran saß ein Nagel, langgefeilt und leichenblaß, der spitz wie eine Kralle starrte; der Zeigefinger war stumpf beschnitten. Die Frau saß weich zurückgesunken; aus ihren Augenhöhlenschatten glühten wie zwei Kohlenfunken Blicke hinüber auf seine Finger, dunkle, glimmende Blicke hin. Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger, der Zoologische Garten in Sinn; ja – die Tigerin! So lag sie neulich hinter dem Gitter, die ferne Gier im schwarzen Blick, im weichen Fell ein gelb Gezitter, und wartete brütend auf das braune Stück Fleisch, das draußen der Wärter brachte, das tote Fleisch – es roch so matt, nicht warm nach Blut – sie lag so satt; jetzt kam er, ihr purpurnes Auge lachte, es war doch Fleisch! hoch griff sie zu, die triefenden Kiefer kniff sie zu, nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken, die Zunge gekrümmt, die Zähne stier, sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier, flackernd leckte der Schweif die Flanken, im Blick ein Grün von hohlem Hasse – wie dieser Tigerin zuckender Rachenschlund war mir das Auge der Frau da, und da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse! Jetzt hob der Gatte das Genick; Dem saß der gelbe Wolf im Blick. Zittrig über sein hartglatt Kinn strich sein Krallennagel hin, ein goldnes Münzenarmband hing ihm ums Handgelenk und machte kling; seine breitroten Lippen glühten durch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten, die Backen schmeckten ein Gericht, dann senkte sich wieder sein Gesicht. Ich sah eine lautlos stürzende Meute, mit kochenden Zungen, durch bleiche Nacht, steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute, die witternden Nüstern steil ins Weite, in keuchender Jagd, und jeder aus der schäumenden Masse würde, den heißen Hunger zu kühlen, blind, auch im Eignen Fleisch und Geschlechte wühlen – da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse! Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig, sie trafen sich mit ihren Augen; die schienen sich ineinander zu saugen, fast durstig und fast überdrüssig, ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar gestern das große schwarze Schneckenpaar in dem nassen Fliegenpilz vor Augen, das Moderlaub im feuchten Park; ich sah die beiden schwarzen Schleime in dem weißen Fleische, dem giftigen Mark des roten Pilzes schmausen und saugen wie in einem Honigseime – und sah dort drüben den Gattenblick. Ich mußte, ich schob den Stuhl zurück: Komm! stieß ich mit dem Freunde an. Er wunderte sich: Warum denn, Mann? Komm, sagt'ich; bitte, thu mir die Liebe! – Wir zahlten. Wir traten auf die Straße, ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe, und immerfort hört'ich: Rasse, Rasse, Rasse ... Venus Homo Bettle nicht vor mir mit deinen Brüsten, deinen Brüsten bin ich kalt; tausend Jahre alt ist dein Blick mit seinen Lüsten. Sieh mich an, wie Du als Braut gethan: mit dem Blick des Grauens vor der Schlange! Viel zu lange war ich, Weib, dein Mann. Willst du Gift aus meiner Wurzel saugen? unverwundbar bin ich deinem Biß! Folge mir ins Paradies: sieh mich an mit deinen Menschenaugen ... Venus Sapiens Zwielicht ... Sterbend hängt die scharfe Zunge aus dem Lästermaul. Sieh, nun weint dein König Saul, und dein David singt zur Harfe. Alle Kleider sind zerrissen, die den alten König schmückten; brütend hört er den Entzückten nahen aus den Finsternissen. Goliath tot! den König schauert; seine Schwermut ahnt ihr Ende. Und dein Sänger steht und trauert, blutig zucken seine Hände. Aber weiter muß er schreiten, seine Töne sind ein Bann, selig greift er in die Saiten: Komm, o komm, mein Jonathan! Traure nicht um den gebeugten Vater, dem vor morgen graut; denn die Trübsal ist die Braut aller nicht vom Geist Gezeugten. Jonathan, du sahst ihn sitzen, den Berater deiner Reife, nackt und schamlos, und das steife Haupt umstarrt von Lanzenspitzen. Und du sahst vor seinem Zelt sterben den Philisterfürsten; aber Leben braucht die Welt, laß uns nach dem Geiste dürsten! Denn es weht von allen Hügeln immer neu sein ewiger Segen; lerne nur dein Herz beflügeln, und er wird auch dich bewegen! Jonathan, zu jeder Frist sei nun meiner Liebe sicher; und sie ist viel sonderlicher, als mir Frauenliebe ist. Glutwind droht den jungen Saaten; nimm den Bogen in die Hände, daß dein Pfeil mir Warnung sende, sinnt der Vater Wahnsinnsthaten. Jonathan, wir sahn uns nackt! Du mein Bruder, Freund, Berater, hilf mir, wenn die Glut mich packt: Jonathan, Ich war dein Vater – Jona, Jona: unsre Kinder! – Mutter! weinen meine Saiten ... David, komm! du Ueberwinder unsrer Unwillkürlichkeiten ... Venus Vita Und einen Feldweg, und um Morgengrauen, die kahlen Bäume stehen da wie tot, ich aber wandre, ohne aufzuschauen. Ich fühle eine Furcht; und Regen droht. Ich höre den gedüngten Acker schweigen; und heute wird kein Morgenrot. Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen sagt keine Tafel mir die rechte Spur: soll ich hinunter, soll ich steigen. Da däucht mir, in der tiefen Flur rief mich mein Name; aus ersticktem Munde. Ich horche; Nichts. Im Osten nur enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde. Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut, mir dämmert eine längst vergangne Stunde, und wieder hor'ich fern und laut die bange Stimme meinen Namen rufen; und mir graut. Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen bekannt; ich bin so wandermatt; und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen? hinab! – Schon wird der Abhang glatt; auf Einmal, wie von einem Kinderwagen, springt mir ein Rad unter den Füßen auf. Ich seh es jagen, es springt und rollt den Kiesweg vor mir her, seh's Funken schlagen; mein Schreck, mein Zittern wird Begehr, ich muß ihm nach, es haben! bis zur Kehle hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr, und immer ruft mich klagend jene Seele und winkt das Licht, das Rad – Ich – jetzt: ich greife, fehle, es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh's zerbricht! ich fass'es, stürze – wach'ich? meine matten Finger umklammern es, – nein – nicht: in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten ... Venus Mors Eine rote Feuerlilie schreitet riesig durch die Weltennacht. Von der Sonne bis zum Sirius breitet sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht des gezähnten Schlundes kocht von Gluten, düster flammt des Rachens Zackenfirne; um die wirbelnden Gestirne schlingt sie hungrig ihre Samenruten. Gelb aufzüngelnd schlürft sie die getrennten Welten gierig in den wilden Schooß, aus den schwarzen Firmamenten ringen Sonne, Sirius sich los; lodernd sehn sie die Unendlichkeiten ihrer alten Sehnsucht überbrückt, aus den Angeln wanken sie verzückt, zu einander stürzen die befreiten. Taumelnd folgen, brodeln, glühen ringsum die Trabantenlüfte; aus der brennenden Lilie sprühen Lavastürme durch die Himmelsgrüfte. Auf der Erde ras't ihr Licht als Mord, sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen, Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen, alle Kreatur verdorrt. Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden, keuchend, schon erblindet beide; mit den heißen Liebeshänden nestelt er an ihrem Kleide. Aber in der Nacht der Seele wird der grelle Durst zur Wut; wühlend wittert er ihr Blut, beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle. Alles saugt der große Flammenschlund, kreisend will er überschäumen, rissig klafft der zuckende Muttermund, Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen den zerfetzten Riesenblütenrand, eine neue Welt entrollt der toten, strahlend quillt sie aus dem morgenroten furchtbar'n Siriusliebestodesbrand. Venus Mea Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden, ich habe nun genug geschaut nach Osten; die Seele will in ihren Abendlanden Vollendung kosten. An dem Thor des neuen Evagartens steht ein knöchernes Gerippe, mit dem Ausdruck des Erwartens, aber nicht mehr in der Faust die Hippe. Sein Scheitel schimmert; eine Pfauenfeder ragt aus der Rechten steil zum Himmelsrand, drin sonnt sich tausendfarbig, was ein Jeder war und empfand. In der Stunde einer neuen Frucht perlt ein Strahl aus diesem Spiegel, dann verglimmt die Wonnesucht, still empfängt der dunkle Keim sein Siegel. Schon dämmert Glanz; krystallne Ketten hängen klar her zu dir aus väterlichen Sphären. So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen und dich verklären, Seele, bis dein starr Gehirn sich lichtet, wie die Sonne scheint durch Eis, und dir deine Brunst beschwichtet und im Traum selbst deinen Willen weiß. Noch flimmert's nur; tief lockt die alte Nacht mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten. Doch du wirst wiederkehren! du bist Macht! sieh, rings sind Fluten: wenn zwei Liebende zusammensinken, die du Einmal nur erleuchtet, und im Rausche blind ertrinken, wird die Frucht von Deinem Licht befeuchtet. So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters sollst du dem alten Garten kalt entschreiten: dir weist die Pfauenfeder unsres Wächters Unsterblichkeiten. Gebet der Sättigung Nun verging der Stern der Frühe, meine Augenlider brennen; und die Sonne kann mit Mühe die gefrornen Nebel trennen. Mich verdrießt mein nächtlich Brüten; drüben an den Häuserwänden sprießen diamantne Blüten. Meine Prüfung kann nun enden! – Dieser Keller: dumpfer Zwinger! Auf die dunstbelaufnen Scheiben will ich breit mit steifem Finger Venus Rediviva schreiben! Denn ich weiß, du bist Astarte, deren wir in Ketten spotten, du von Anbeginn, du harte Göttin, die nicht auszurotten. Aber Ich war weich wie glühend Eisen; darum sollst du mich in Wasser tauchen, bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen und der Stahl wird, den wir brauchen. Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien, die dann mit berauschter Durstgeberde wünscht, daß unsre Lüste fruchtbar seien und ein Wurm zur Göttin werde. Nach der Nacht der blinden Süchte seh ich nun mit klaren bloßen Augen meine Willensfrüchte; denn ich bin wie jene großen Tagraubvögel, die zum Fliegen sich nur schwer vom Boden heben, aber, wenn sie aufgestiegen, frei und leicht und sicher schweben. Glitzernd winkt mein Horst – Du Eine, die ich liebe: Ja und Amen: heute komm ich! heut soll meine Klarheit Deinen Schooß besamen! Schon errötet dort der Giebel; Sonne, mach ein bischen schneller! »Schuster – bring mir meine Stiebel, heut verlass'ich deinen Keller!«