Max Dauthendey Der Venusinenreim Auszug der Frau Venusine aus dem Hörselberg und Venusinens Abenteuer eine Schalkhaft heroische Liebesmär in zwölf Reimen Erster Reim Venusinens Toilette, Schuhe, Korsette und Leberflecken Prächtig sind die Tiere, Die nichts sündig finden, Leben ihrer Liebe, Sterben und verschwinden. Eitler doch als Pfauen Sind die Menschenseelen Und verbreiten Grauen. Götterdämm'rung herrschte Auf der Erde Trachten, Denn die Götter konnten Keinen Mensch mehr achten, Hielten sich verborgen, Nahmen mit die Freuden, – Seufzen blieb und Sorgen. In dem Hörselberge Saß Frau Venusine Tausend Jahr in Tränen Und mit müder Miene. Endlich aber fühlte Sie die Zeit gekommen, Die die Nacht fortspülte. Alte Sitt' und Weisen Gehen dann in Sprüngen, Wenn die Götter kreisen Und sich selbst verjüngen. Denn auch ihrer Dauer Liegt der Tod am Wege, Sitzt die Zeit als Mauer. Blühend unter Schmerzen Schrie Frau Venusine: »Menschen, tote Tiere Seid ihr ohne Minne! Geist macht kaltes Dürsten. Euch gilt heut die Liebe Gleich den Pferdfleischwürsten. Kindlich seid ihr Menschen, Kindlich im Erfinden. Denn ihr wollt die Liebe Durch die Tinte binden. Leidenschaften werden Täglich unbequemer Und gehaßt auf Erden. Leidenschaftlich lobten Mich einst frohe Heiden. Freude sie verehrten, Ihr verehrt nur Leiden . Selbst könnt ihr euch fluchen; Schon im Mutterleibe Darf euch Fluch aufsuchen. Habt gar viel erfunden. Machtet selbst euch schlechter. Habt die Sünd' erdichtet. Ihr, des Lebens Aechter, Wollt auch Schuld einimpfen Schon den Embryonen, Unschuld bös beschimpfen. Aber neue Zeiten Treten unter Waffen. Frei will sich die Freude Neu bei euch erschaffen. Bös nicht und nicht besser Gleich den anderen Tieren, Seid ihr, Bratenfresser. – Söhnchen Amor, höre: Rot wie eine Hummer Schießt Du Dich nur müde, Machst die Pfeil' nur krummer. Wirf ihn fort den Bogen! Mit Maschingewehren Komm vor's Herz gezogen. Menschen tragen Panzer- Platten unter Hemden, Drunter da verlachen Dich die Unverschämten. Siehe, wie Verbannte Lebten wir im Berge Von der Welt Verkannte! Laß uns unter Leute In die Städte gehen! Zu lang man sich scheute Uns ins Aug zu sehen. Immer nur in Träumen Sangen wir verborgen Und in Gartenbäumen. Nur wie Duft der Blumen Die zum Frühling kamen, Gar zu zart und süßlich Wir uns stets benahmen. Offen will ich streiten, Leibeslust will leben, Zeit verschiebt die Zeiten! Eckehardt, Getreuer, Wächter vor dem Bösen, Laß nach Tausend Jahren Deine Wach ablösen! Hast den Berg behütet Tausend Jahr vor Argem, Sei mit Huld vergütet! Sei verjüngt, und folge Ohne graue Falte Uns hinaus zum Berge, Laß im Berg das Alte! Trage jungen Scheitel, Laß die weißen Haare, Und werd' etwas eitel.« »Ja, wir wollen reisen«, Sprach verjüngt der alte Eckehardt, der Treue, Mit der Denkerfalte. »Herrin, der ich diene, Viele Dich vergaßen, Zeig Dich Venusine! Auch der Barbarossa Stieg schon vom Kyffhäuser. Heute hinter Bergen Wohnen nur Duckmäuser. Deine roten Schleier Lüfte Venusine, Trag die Hüften freier!« »Ja, getreuer Wächter, Fest bin ich entschlossen, Will zu Menschen gehen, Die mich schwer verdrossen, Die mich froh einst lobten Und dann gegen alle Fleischeslüste tobten. Diese armen Menschen Will ich jetzt beglücken. Ohne Leibesliebe Geht die Seel' in Stücken. Ich will nicht mehr bangen Vorm Verstand der Zwerge Und vor seinen Zangen. Will mal Rom aufsuchen, Wo man mich verstoßen; Wo man einst aus Wollust Tötete mit Rosen. Möglich, daß ich finde Dort noch eine Größe, Der ich mich verbinde. Erst will ich mich kleiden Gleich den Menschenfrauen, Die heut in den Städten In die Welt sich trauen. Auch sind stolze Kleider, Trotz der Götterwürde, Keinem Weib zur Bürde.« »Herrin Venusine, Kleider, die verbergen Mängel nur und reizen Unter Menschenzwergen.« So sprach wie die Alten Eckehardt der Junge, Konnt' den Mund nicht halten. »Eckehardt, viel weiser Hast Du sonst geraten. Kleider sind die Sauce Schmackhaft bei dem Braten. Jederzeit bei Damen Waren Kleider nötig, Das gehört zum Rahmen. In den Tausend Jahren, Die ich hier versonnen In dem Hörselberge, Hab ich's ausgesponnen. Ja, sogar das Schnüren Soll die Venus leiden, Gilt es zu verführen. Enger sind nicht Kleider Als die Einsamkeiten In dem Hörselberge, Die mir Qual bereiten. Soll mal was geschehen, Muß man nicht nur kritisch Drauf herniedersehen. Bringt mir alle Dinge, Die ein Weib heut zieren! Alles will ich tragen, Nichts soll mich genieren.« Zofe Melusine Naht beim Wink der Wimper, Dient mit kluger Miene. Bringt zuerst die Schuhe, Doch die haben Tücken. Ach, von hundert Paaren Will nicht Eines glücken. Keines will recht sitzen. Zof' und Göttin zerren, Zof' und Göttin schwitzen. Venus Füßen waren Klein noch die Enormen, Und man mußte extra Neue Schuhe formen. Füße leicht sich breiten, Trug man nur Sandalen Seit den Ewigkeiten. Eckhardt konnt' die Trauer Nicht gleich überwinden, Als der Herrin Füße In den Schuh'n verschwinden. Nachdenklich im Gehen Starrt' er sonst versunken Auf der Göttin Zehen. Konnt' sich dran durch Stunden Wie an Röslein weiden, Doch jetzt litt sein Auge Hühneraugenleiden. Stets doch blieb der Alte, Eckehardt der Junge Mit der Denkerfalte. Melusine brachte Spitzen aus den Städten, Die auch höchste Damen Gern getragen hätten. Doch die seidnen Faden Kitzeln sehr die Göttin, Wie ein Nest von Maden. Niemals man je besser Eine Frau frisierte, Als klein Amor selber Die Mama toupierte. Still hält sie ohn Klagen, Trug bald Nadeln, Kämme Und auch Haareinlagen. Zofe Melusine Schnürt sie auch ins nette Fischgebeinte schlanke Seidene Korsette. Eckehardt erbittert Flucht auf seidne Kerker, Drin man sich vergittert. »Herrin, Deine Brüste Werden noch zwei Wunden Hinterm Fischbeingitter Lebst Du keine Stunden.« Kaum hat er's gesprochen Kracht schon das Korsette, Hing geknickt zerbrochen. Wie zwei Füllen sprangen Venusinens Brüste Bei dem ersten Atem Durchs Gebeingerüste. Auch ein neues Mieder Tat nicht lange halten, Leicht knickt sie es nieder. Bis man ihr die Büste Faßt in Draht und Banden, Und die wilden Brüste Sich gelähmt dreinfanden. Strumpfband und auch Kragen, Hutnadeln und Hüte Lernte sie zu tragen. Venusin studierte Auch die Umgangsbücher, Lernt mit Gabeln essen Und braucht Taschentücher. So ward sie zur Dame . Göttin blieb sie trotzdem Bei der Hemdabnahme. Eins nur macht ihr Sorge: Kaum ist sie entkleidet, Seufzt sie, daß sie nirgends Ach, an Fehlern leidet. Nirgends sitzt ein Flecken Irgendwo am Leibe, Nichts kann sie entdecken. »Und ich will nicht besser Als die Erdenfrauen Mich in Männernähe Fleckenlos getrauen. Dieses wär wie Tadel Schwachen Menschenkindern, Und ich halt auf Adel.« Doch die Zofe meinte: »Göttin seid Ihr eben! Göttern ist nicht zugleich Menschliches gegeben. Was sollten bezwecken, Herrin Venusine, Schwarze Leberflecken?« »Wisse,« spricht die Göttin, »Zu viel Reinheit blendet, Daß das Alltagsauge Sich dann abseits wendet. Vor dem steifen Strauße Tadelloser Lilien Ist man nicht zu Hause. Frauen geben Heimat Abgehetzten Männern, Die am Tage starten Gleich den besten Rennern, Die gern Hindernisse Halszerbrechend nehmen Und das Ungewisse. Kommen solche müde Abends von dem Traben, Stört sie allzu Hohes, Weil sie's Aug voll haben Voll von Staub und Kohlen, Sehen oft noch Ziffern, Die sich überholen. Eine kurze Spanne Reicht die Nacht zum Morgen. Dann pfeift die Maschine – Feilschend kommen Sorgen. In die kurze Spanne Passen keine Götter , Weib bin ich dem Manne . Traulichkeit dient Männern Mehr denn Götterbilder ; Ist dem Herz erquickend, Stimmt den Körper milder. Traulichkeit zu wecken Will am Götterleibe Ich die Leberflecken. Eile Melusine, Hol den Mediziner! Er sei heut nicht Krankheits- Sondern Schönheitsdiener. Soll mir mit Lanzetten Leberflecken impfen, Von den braunen netten.« »Schwerlich,« sagt die Zofe, »Wird ein Arzt sich finden, Weil die Luft im Berge Menschen nicht verwinden. Wer von all den kühlen, Welche Leichen schneiden, Wird nicht Venus fühlen? Und dann muß er sterben, Kann er nichts erreichen, Würde er entlassen Ohne Liebeszeichen, Würde nie genesen, Weil er hier im Berge Ohne Luft gewesen. Darum Herrin sage Deine Wunschangaben! Wo willst du die Flecken, Die Verschämten haben? Wie ich es dann mache, Dir die Flecklein hole, Sei dann meine Sache.« »Kluge Melusine,« Venusin errötet, »Jegliche Sekunde Wird ein Mensch getötet. Stirbt er mal am Herzen, Sind das auch bei Göttern Einzig echte Schmerzen. Wenn er mir gefiele, Würd' ich ihn nicht schonen. Aber sollt' er sterben, Nur weil wir hier wohnen, Weil die Luft im Berge Schon den Tod kann bringen Einem Menschenzwerge?! Flott weg mal zu töten Lieb ich sonst ohn' Maßen, Heut' doch will ich Deinem Rat mich überlassen. Geh und bring die Flecken! Wie Du sie willst bringen, Kann ich nicht entdecken«. Melusine kichert Und ist schon verschwunden; Hat verjüngt den Eckhardt Unterm Tor gefunden. Spricht: »Komm' auf ne Weile! Kannst jetzt etwas lernen. Schnell, ich habe Eile! Sieh, ich will zum Arzte, Und er soll mich impfen, Daß uns nicht die Pocken Einmal bös verglimpfen. Ist die Impf geschehen, Sollst Du's Venus tuen; Komm' jetzt, sollst es sehen« ... Venus fragt am Abend: »Hast Du sie die Flecken?« »Ja,« lacht Melusine, »Kann sie nicht verstecken. Ach, der Arzt nicht ruhte, Nicht nur bei drei Orten, Wühlte er im Blute.« Venus, bei der Lampe, Sieht voll Sommersprossen Ihre hübsche Zofe, Punkt an Punkt durchschossen. Venus lacht mit Schallen: »So gut hat dem Doktor Jeder Fleck gefallen? Daß er sich dann übte Und Dich ganz besäte? Ach, wenn ich von Deinen Hundert einen hätte!« Eckehardt, verständig, Impft sie, – und im Berge Lachte man unbändig. Zweiter Reim Venusinens Romfahrt im D-Zug mit den Bernhardinern »Eckehardt, mein Lieber, Liebst du nie das Fesche? Schrecklich ist dein Wollkleid Und die Jägerwäsche! Trag doch nicht so lose, Amor, lieber Junge, Deinen Knopf der Hose!« So sprach Venusine, Als man in D-Zügen Saß und nach Italien Flog in Rasselflügen. Aus dem Berge draußen Hielt sie mehr als drinnen Auf den Takt nach außen. Aber nichts konnt' hindern, Daß in frohen Stunden Sie und ihr Gefolge, Ganz kulturentbunden, In die Lüfte wollten, Aus den Fenstern flogen, Hinter Wolken tollten. Und im Zug bemerken Manche Passagiere: Im Maschinendampfe, Nackt ein Weib spaziere. Konnt' durch Lüfte jagen, Mit dem Vollmond spielen, Wald und Berge tragen. – Saß da hübsch ein Bursche In der ersten Klasse. Halbtot war er leider, Halb Tuberkelmasse. Sollte nach dem Süden. Ihn sah Venusine Und behext den Müden. Denkt: Sollst Dich nicht quälen Hübschester Geselle? Stehst mit einem Fuße Auf der Beinhausschwelle. Dir den Tod versüßen, Soll mich heut zerstreuen, Komm und laß dich küssen! Leis spricht sie zu Amor: »Liebstes Söhnchen, gehe, Daß dem hübschen Menschen Liebes bald geschehe! Geh auf fester Sohle, Dicht ihm an das Herze, Setz' ihm die Pistole!« Amor zielt voll Eifer, Schießt auf Wunsch der Mutter, Trifft den jungen Menschen Durch das Westenfutter. Doch, ach, nie bedachten Götter fehllos handelnd, Ob sie's richtig machten! Kaum ging die Pistole Los mit frohem Knalle, Saß der kleine Amor In der Mausefalle. Denn der Herr springt pfauchend Nach der Angstnotleine, Böse Worte brauchend. Schaffner und die Führer Eilen an die Türen, Und man will den Amor Strafen mit Gebühren. Nichts half, daß er meinte, Er hab nicht getötet Und wie Kinder weinte. Jener hübsche Kranke Flucht nach allen Noten: »Schußwaffen zu tragen,« Sagt er, »sei verboten. Schwer kann man beweisen, Ob sie blind geladen, – Ich will friedlich reisen!« Nichts auch wollten helfen Venusinens Augen, Und der Schaffner meinte, Daß sie gar nichts taugen. Menschen gut erzogen, Wäre er der Ordnung Halber mehr gewogen. Strafgebühren zahlte Venusin erschrocken. Sucht nicht mehr mit Augen Reisende zu locken. In dem Mund, dem roten, Knirschen ihre Zähne: »Alles scheint verboten!« Doch der hübsche Kranke Muß sie starr besehen, Rückt ihr leise näher, Spricht: »Ich muß gestehen, Wunderschöne Holde, Daß ich lungenleidend Und nicht kränken wollte. Schmerzlich schön ist Ihre Trauer um die Lippen. Seh ich Damen leiden, Muß mein Herz mir kippen. Herrliche, erhöre! Kannst Du mir verzeihen? Sag' nicht, daß ich störe!« Venus muß von Sinnen Diesen Menschen wähnen. Vorhin, als sie lachte, Bracht' man sie zu Tränen. Jetzt erst soll sie lieben, Wo die Lust verschwunden, Und das Leid geblieben. Venus kann nicht finden, Daß die Lust sie beizte Jenen Herrn zu lieben, Weil ihr Leid ihn reizte. Dieser aber lachte Über ihr Bedenken, Weil er anders dachte. Und er rückt ihr näher, Ganz auf sie versessen, Will die Göttin einfach Um die Taille pressen. Gute Miene machend, Denkt die Göttin scherzend: Ich nehm Alles lachend. Zum Sankt Gotthard eben Dampft der Zug von Fluelen Höher in die Lüfte, Die sich dünner fühlen. Hohle Echos krachen, Und die Tunnellöcher Dampfen gleich den Rachen. Hier im Schnee ward Mancher Von Sankt Gotthards Hunden, Denkt sich Venusine, Liebend aufgefunden. Ach, ein Hund wär heute Ehrlicher dem Herzen, Als im Zug die Leute. Will mal hier als Göttin Nach Belieben handeln, Alle Herrn und Damen Hündisch mal verwandeln. Dieses soll mich rächen – Zu viel ist verboten – Lieb soll Fesseln brechen! Seht, und in dem Zuge, Kaum tat sie's bestellen, Wurden Alle Hunde, Grüßten sich mit Bellen. Alles lief auf Vieren, Wedelt, sich beriechend. Keinen tut's genieren. Eh noch zur Besinnung Einer konnte kommen, War ihm das Besinnen Auch schon fortgenommen. Bayern und Berliner, Herren und auch Damen Wurden Bernhardiner. Alle diese Menschen, Die verlogen schüchtern Sich nach Liebe sehnten, Fordern sie jetzt nüchtern. Jenem Herrn von Allen, Den das Leid nur reizte, Will die Lust gefallen. Sprang und leckt und wedelt Hinter andern Hunden, Hat in Lebensfrohsinn Sich gar schnell gefunden. Liebte Hundedamen, Die sich unter Bellen Schwanzwedelnd benahmen. Das war ein Bespringen, Selig ein Begatten! Und man liebt vor Allen, Die die Laufzeit hatten. Schnell sich Alle kannten, Und in allen Klassen Ward man zu Verwandten. Amor lag auf Kissen Und muß göttlich lachen: »Mama Venusine, Du machst tolle Sachen! Du erlöst die Leute Auf besondre Weise! Endlich liebt man heute!« – Hell voll Glühlichtlampen Eilen Luxuswagen; Niemand ahnt von draußen, Daß sie Hunde tragen. Und der Gotthard lachte Über Venusine, Die das fertig brachte. Als der Zug den letzten Tunnel just passierte, Lagen tausend kleine Vögel, schneeverirrte, Im Gefild, im kalten. »Halt!« rief Venusine. Und der Zug muß halten. Alle Bernhardiner Sind hinausbefohlen, Und ein Jeder mußte Von den Vögeln holen. Und sie apportieren Vorsichtig im Maule, Vögel, die erfrieren. In den warmen Wagen Sind bald neugeboren Diese. Und kaum lebend Danken sie den Ohren. Nachtigallen, Meisen Danken Venusine, Singend ihre Weisen. Alle Vögel kannten Gleich die Göttin wieder. Auf dem Hörselberge Lehrt' sie jährlich Lieder, Jedem Männchen neue, Daß der Wald erblühe Und sich's Weibchen freue. Auch die Hunde liegen Horchend auf den Kissen. Weil sie jetzt die Nähe Einer Göttin wissen, Zeigen sie die Spuren, Heute überwundner, Menschlicher Kulturen. Nach Chiasso senken Sich die Berggelände, Hundertschluchtig grüßen Dort Italiens Wände. So kam Venusine Zu des Südens Grenze, Schalk in jeder Miene. Dritter Reim Venusinens nackter Spaziergang in Mailand und Flucht mit dem eisernen Reiter von Mailand Venus kam zum Süden Und verließ die Wagen, Die sie unterhaltend Mailand zugetragen. Spät noch durch die Straßen Ging sie durch den Regen, Mußt' die Schlepp' hochfassen. Eckehardt und Amor Sahen unterdessen, Wie die Bernhardiner, Als ob nichts gewesen, Wieder Menschen waren, Tadellos in Haltung, Mit frisierten Haaren. Venusine machte Mailand fast verlegen. Müde tat die Dame Still ihr Kleid ablegen. Ganz als Göttin handelnd, Unterm Schirme nackend, Geht sie dort lustwandelnd. Dunkelheit und Regen Sind ihr sehr gewogen, Haben undurchdringlich Sie der Welt entzogen. Einsam, ungesehen Kann sie in den Straßen Nackend sich ergehen. Zu dem großen Dome Kommt sie abends heiter. Auf dem Platz, gußeisern, Steht ein Standbildreiter. Dieser möcht' sich rühren, Zuckt in allen Nieten, Venus zu entführen. »Noch ist nicht die Stunde!« Venus winkt hinüber, Und die Liebessehnsucht Geht ihm schwer vorüber. »Erst,« ruft sie verstohlen, »Muß ich hier noch spaßen, Dann sollst du mich holen!« Duft aus Venushaaren Und von Venusbrüsten Fühlten auf den Straßen Alle, die gern küßten. Ruchbar wird die Fährte Einer Götterdame, Die von höchstem Werte. Und ganz Mailand mußte Mit gehobnen Nasen Venus Spur nachgehen, Keiner konnt' sie fassen. Stadtherr und auch Bauer Rochen Feurigkeiten; Alle fühlten Schauer. Macht es der Schirokko, Daß das Pflaster glühet? Jeder zu erklären, Sich erhitzend mühet. Niemand kann es lösen. Klärt sich's nicht im Guten, Löst man es im Bösen. An der Glaspassage Stehen unter Hungern Ein Paar arme Dirnen, Brot sich zu erlungern. »S'ist der Dirnen Rühren,« Rufen Liebestolle, »Das wir brennend spüren!« Alle, die es sehen, Wie die Dirnen leiden, Alles spürt ein Hungern In den Eingeweiden: »Alle reichen Drohnen Sollen heute teilen, Die im Golde wohnen. Stürmt! Sie sollen bluten! Sengt und brennt mit Morden! Wir, wir tragen Hunger In der Brust als Orden. Rottet Euch zusammen! Werft sie wie die Ketzer In des Hungers Flammen!« Es beschwört die Hitze Bilderspuk in Wüsten. »Auf zum Paradiese!« Schreit's aus dürren Brüsten. Dürstend nicht nach Minne, Morden sie mit Brennen, – Blaß flieht Venusine. Venusine schaudernd, Funken in den Haaren, Sieht die Stadt voll Wölfe Und voll Raubtierscharen. Menschen wie Hyänen Über Leichen springen, Blutdurst in den Zähnen. Häuser rot wie Blumen Schon voll Feuer glühen. Venusine flüchtet Nach dem Dom mit Mühen. Erst beim Eisenreiter In dem Eisensattel Wird sie breit und heiter. Dieser faßt sie zärtlich, Kürzt des Pferdes Zügel. Venusin umhalst ihn, Er rückt fest im Bügel. Setzt, – es ist 'ne Freude Solchen Ritt zu sehen, – Hoch aufs Domgebäude. Als ob's Marmor regnet, Steht in Zack und Strahlen Mailands Dom auf Erden Sehr zum Wohlgefallen. Über Schnörkel, Spitzen Sprengt der Reiter zierlich, Ohne sich zu ritzen. Oben angekommen Auf der höchsten Platte, Venusine wilde, Blut'ge Tiefsicht hatte. Rot voll Menschenmaden Platzen die Paläste Drunten wie Kaskaden. »Ach,« rief Venusine, »Lieber Eisenritter, Minne wollt ich bringen, Man versah sich bitter. Seht, auch Mord will's geben! Hunger ist die Allmacht Nächst der Lieb im Leben. Ihr allein von Allen Konntet mich erspähen. Euer Eisenauge Kann im Dunkeln sehen. Will auch nichts verschieben; Drunten dieses Morden Sei Musik beim Lieben!« »Herrin Venusine,« Sprach der Eisenreiter, »Trag Euch gern durch Feuer, Und trag Euch noch weiter. Wollt Euch an mich schmiegen, Mir die Lippen geben, Könnt mich ganz verbiegen. Wohl bin ich aus Eisen, Bin nicht rostgefressen, Nur beim Guß, o Herrin, Hat man eins vergessen: Man wollt' nicht markieren, Daß ich männlich fühle, Tat sich furchtbar zieren. Meist bei Standesbildern, Die zur Jetztzeit Mode, Will man ganz vergessen, Daß geliebt der Tote. Seine Lebensstärke Darf kein Weib erhitzen. Falsch geht man zu Werke.« Traurig kommt die Frage Göttin Venusinen: Wozu Standesbilder Sonst auf Plätzen dienen? Wenn sie Männlichkeiten Ganz geschlechtlos zeigen Und verflacht den Zeiten? Schmach erfüllt den Ritter, Der im Leben bieder Gern die Frauen herzte. Leere drückt ihn nieder, Nichts dünkt ihm mehr munter. Venus bleibt im Sattel, Er stürzt sich hinunter. Venus schließt die Augen, Gibt dem Gaule Flügel. Tauscht mit Mailands Mauern Romas sieben Hügel. Früh sieht sie vom Pferde Schon Sankt Peters Kuppel Und der Dächer Herde. Wo sie einst Verehrung Fand in allen Tönen, Hofft sie mit den Menschen Endliches Versöhnen. Sie kann kaum noch danken, Ihrem Eisenhengste Schmelzen schon die Flanken. Wiehernd kann er sprechen, Fleht und wünscht zum Lohne, Daß er Mensch jetzt würde Und in Häusern wohne. »Ach, ich muß besorgen, Du wirst gern mal wieder, Dich als Pferd verborgen. Mensch«, spricht Venusine, »Dies zu sein, erlaube, Lohnt sich am geringsten Heutzutage, glaube!« Doch er tat beharren, – Da macht Venusine Zweifüßig den Narren. Hoch tat er stolzieren Dieser Gaul vor Allen; Tat als Mensch gar eitel Sich im Herz gefallen, Trug 'ne Reisemütze, Spiegelt seine Neuheit Gern in jede Pfütze. »Höre,« spricht die Göttin, »Wird es Dir zum Bösen, Daß du Mensch geworden, Kann es Dich erlösen: Grüßt Du eine Stute, Macht sie Dich zum Hengste, Frei vom Menschenblute. Wirst wie einst die Eltern, Gehst auf Deinen Hufen, Bist ein Pferd wie jene, Die Dich einst erschufen. Troll jetzt Deiner Straßen! Hätt zum Dank Dich lieber Gleich als Pferd belassen.« Venusine eilet, Daß sie ihm entschwindet. An dem Hauptbahnhofe Sie's Gefolge findet. Amor unter Küssen, Eckehardt in Sorgen, Kommen sie zu grüßen. Vierter Reim Venusine in Rom, auf dem Monte Pincio zum Korso, und als Königin unter römischen Dirnen Monte Pincios Garten Knirscht auf allen Wegen, Wenn zur Korsostunde Sich die Wagen regen. Alle Staatskarossen Tragen Römerinnen Wie aus Gold gegossen. Auf dem Petersdome Lagen Abendfeuer. Abendrosen hingen Über Roms Gemäuer. Venus nahte lächelnd, Bettlerinnen ähnlich Mit der Schürze fächelnd. Stieg zu Pincio's Garten Einsam ohne Wagen, Wollte allem Prunke Einfach heut entsagen. Geht im Bauernkleide Zwischen den Karossen, Wie ein Weib der Heide. Palmen und die Blumen, Sie sogleich erkennen, Möchten mit Gerüchen Ihren Namen nennen. Venus lächelt eigen, Und die scheuen Blumen Schließen sich und schweigen. Auch die Instrumente Der Musikkapelle Fühlen Venusine, Werden sanft zur Quelle Heißer Harmonien, Die nie Noten finden Und das Blut durchziehen. In dem Volksgedränge Zwischen Marmorbänken Steht da jung ein Jüngling, Den noch Menschen kränken, Lehnt da leidversunken Am Zypressenbaume, Fühlt sich weltalltrunken. Venus riecht das Schwitzen Dieses Enthusiasten, Sieht den grauen Kragen Unterm Schädelkasten, Fühlt auch Todesschauer, Als er zu ihr sagte: »Ich bin ein – Bildhauer. Du mußt mit mir gehen! Will dich nicht berühren, Nur die Nähe meines Ideales spüren. Hab Dich gleich empfunden – Zahl' für Aktmodelle Lire drei die Stunden.« Venus unumwunden Sagt's heraus dem Knaben: Für Anschauungsstunden Sei sie nicht zu haben. Wer nur in den Augen, Sonst nicht heißer werde, Könnte ihr nicht taugen. Doch der Jüngling altklug Sagt: »Ihr feile Holde, Schielt nur nach den Reichen! Unglück hängt am Golde. Gold sollt man begraben, Weil, ach! die Dukaten Keine Seele haben. Reichtum ist Langweile, Könnt mir pünktlich glauben! Wollte Venus allen Reichen hier erlauben, Daß mal Alle sollten, Die zu Wagen kommen, Tuen, was sie wollten, – Ach, wie wenig Wünsche Lägen hier verborgen! Meistens wären's Seufzer Aus der Lust nach Sorgen. Nicht zwei sich gehörten,« Schrie der Jüngling lauter, »Alle nur sich störten!« Venus lacht: »Ihr glaubet, Daß dann nur die Pferde Offne Liebe zeigten Mit Geschlechtsgebärde, Damen und die Herren Und die Grooms und Diener Nur den Mund aufsperren? Herrlein, strebt doch lieber Erst mal Gold zu haben, Ehe Ihr Verwünschung Ausstoßt wie die Knaben! Glaubt mir: all die Reichen Sind nicht blaß vom Schlafen, Auch die Lieb' macht bleichen. Fruchtbar von dem Golde Leben alle Sinne. Armut darf sie dulden, Reichtum nährt die Minne. Und der Seele Leiden Und des Leibes Schmerzen Wohnen bei den Beiden.« Staunend horcht der Jüngling Auf die Bauerndirne, Die ihm überlegen Stark an Herz und Stirne. Ihm beginnt zu zahnen Weisheit und Vertrauen, Er tut Weltlust ahnen. Venus läßt ihn stehen, Wendet sich zu Gassen, Wo in hohlen Häusern Feile Dirnen saßen. Tritt in einen Garten, Gleich des Königs Gattin, Daß die Dirnen starrten. Amor macht den Pagen, Eckehardt den Knappen, Tragen auf den Fräcken Stolz des Königs Wappen. Und als Königine Setzt sich zu den Dirnen Huldvoll Venusine. Spricht: »Ich nenn euch Schwestern! Seht: hier Pag' und Knappen Bringen neue Kleider, Legt jetzt ab die Lappen! In dem Festgewande Dürft ihr festlich minnen, Frei von Spott und Schande. Und in jedem Kleide Liegt die Kunst zu minnen. Lieder könnt ihr singen, Besser tanzen drinnen. Und ein jedes Mieder, Das ich euch hier schenke, Gibt euch keusche Glieder.« Alle Dirnen staunen – Venus spricht nichts weiter – Kleidet jede Dirne. Alle werden heiter. Die verloren saßen Ziehen wie Prinzessen Zierlich auf die Straßen. »Sollt' euch was passieren,« Spricht die Königine, »Ruft das eine Wörtlein Laut aus: Venusine! Alle Dirnen strahlen, Daß des Königs Gattin Sie erlöst aus Qualen. Ach, die hohe Freude Konnt nicht lange währen, Denn die Ehefrauen Wurden fast Megären. Keine konnt mehr ruhen, Ohnmacht kam nach Ohnmacht, Gab dem Mann zu tuen. Denn so lang in Straßen Zierlich sich benahmen Schandefrei die Dirnen, Fielen um die Damen. Keine wollt erwachen, Und die Männer mußten Krankenwärter machen. Um die Mittnacht riefen Mit betrübter Miene All die Straßendirnen Herzhaft: »Venusine!« S' fielen ab die Kleider, Und aufs Neu in Lappen Sahen sie sich leider. Wieder frech in Farben Sie durch Straßen liefen, Daß die Ehefrauen Eifersuchtlos schliefen. Frechheit sich bemühte Statt der Grazie wieder, Unds Geschäft, das blühte. Fünfter Reim Venusinens Nachtabenteuer im Kolosseum bei der Katze Schmeichelspeichel und im Palatinum erste Umarmung mit dem Teufel Spät im Mondscheintaumel Wandelt Venusine Durch des Kolosseums Alte Prachtruine, Geht durch Mondscheinflecken Über Steinkadaver, Die voll Zeiten stecken. In der Kaiserloge, Wo einst Neros Tatze Auf der Brüstung spielte, Saß da eine Katze. Sie war vor Jahrtausend Stolz in Rom Hetäre; – Heute Mäuse mausend. Venus sie zu kosen Streichelt ihren Rücken. Doch wer kannte jemals Aller Katzen Tücken! Pfauchend bös in Miene Beißt die Katz den Daumen Ab der Venusine. Wüchs er nicht der Göttin Neu nach kurzer Weile, Wär' sie nicht mehr Venus Gleich nach dieser Zeile. Doch er wuchs ihr wieder. – Staunend drückt die Katze Zu die Augenlider. – »Sag was dich so kränkte Daß Du mich gebissen?« Fragte Venusine Jene aufs Gewissen. Diese nur miaute Und sich als Hetäre Nicht sofort vertraute. Denn die Katze fürchtet Nichts so sehr auf Erden, Als heut unter Menschen Nochmals Mensch zu werden. Schwieg darum verlegen, Ließ sich nur mit Mühe Zu der Red' bewegen. »Schmeichelspeichel heiße Heut' ich unter Katzen. Wohn' im Kollosseum, Wo mich Mäuslein atzen. Mäuslein sind wie Christen, Die schon vor dem Tode Dunkelleben fristen. Saß im Kolosseum. War – ich darf mir's trauen, Heut noch laut zu sagen – Göttin unter Frauen. Nero selbst, der Kaiser, Sprach bei meinem Eintritt In die Loge leiser. Einen jungen Tiger Hatt' ich aufgezogen. Diesem Tiere war ich Inbrünstig gewogen. Niemand ich mehr brauchte, Sprang er auf mein Lager, Und sein Zunglapp rauchte. Bei den Venusspielen, Wo man auch auf Frauen Geile Tiere hetzte, Wollt der Kaiser schauen Meinen jungen Tiger Über alle Bestien Als des Tages Sieger. Herrlich war die Hitze, Wie mein Tiger tötet' Bären und die Löwen Und mit Blut sich rötet. Doch die Jungfrau'n rührte Er nicht an am Kleide, Weil sein Herz mich spürte. Wohl gab's leises Murren, Als er sich nicht regte, Ohne Liebesregung In die Sonn' sich legte, Und die Jungfrau'n schonte, Auf zur Loge blinzelt, Wo ich Beifall lohnte. Wenn ein Tier nicht hörte, Mußt' man's töten lassen. Niemand dachte diesmal Den Entschluß zu fassen. Alles klatscht aufs Neue, Lacht nach meiner Loge, Gratuliert zur Treue. Nur der Sitte wegen Sprangen Gladiatoren Hin zu meinem Tiger, Faßten seine Ohren. Schauten nach der Mitte Auf die Kaiserloge, Denn auch das war Sitte. Hob sich Nero's Daumen, Hieß das: laßt ihn leben! Senkt' er ihn, so konnte Man den Tod gleich geben. Doch auch Vesta's Frauen Hattens Recht der Daumen – Nie war dort zu trauen. Nero hebt den Daumen Und entläßt den Tiger. Beifall brüllts Gebäude Meinem flotten Sieger. Doch ich mit Erbleichen Seh': die Priesterinnen Gebens Todeszeichen, – Senken ihre Daumen, – Und die Schwerter blinken. Wie ein Lamm so schuldlos Mußt' mein Tiger sinken. Einen Schrei zerknicke Ich im Halse, stürze, Brech' mir das Genicke. Kann's noch nicht vertragen, Heut nach Tausend Jahren: Fühl' ich einen Daumen Über meinen Haaren, Weckt mich Brunst zum Tiger, Den ich einst umhalste, – Ewig bleibt er Sieger.« »Schmeichelspeichel, höre: Trugst Du niemals wieder Seit den Heidenzeiten Neue Menschenglieder? Dieses möcht' ich fragen, Wenn Erinnerungen Deine Ruh nicht plagen?« »Ach, die neuen Zeiten,« Sprach gedehnt die Katze, Und sie schnitt zum Monde Spuckend eine Fratze, »Sind nicht das auf Erden. War noch einmal Menschin, Möcht's nicht nochmals werden. Saß in Hintergassen, Nicht mehr in Palästen. Sittenpolizisten Jetzt die Luft verpesten. Und die Lieb' konnt' nimmer Niemals richtig blühen, Ängstlich war man immer. Niedrig war mein Wirken. Darf der Mensch nicht lieben Frei wie Pflanz und Tiere, Lebt das Blut gleich Dieben. Und ich stahl mir Leben, Wie und wo ich konnte; Eckel saß daneben. Eckel vor den Menschen Hat mich nicht verlassen, Die den Leib, der liebte, Spotteten und hassen. Leidenschaft tat fehlen. Heut die ärmsten Leute Brüsten sich mit Seelen. Konnte nie mehr lieben. Unter meinen Gästen War ein Offizierlein, Einer von den Besten. Ohne mir's zu sagen, Tat er'n Abschied nehmen – Konnt' mich doch erst fragen. Kommt da eines Abends Ohne Epauletten, War Zivil geworden, – Nichts war mehr zu retten. Sagte: meinetwegen , Daß sein Weib ich würde, Schied er von dem Degen. Nichts war mehr am Menschen, Als er seine Seele Ohne Schneid und Degen Anbot mit Gequäle. Kannte nie die Frauen, Die erst auf die Haltung Dann auf Treue schauen. Hat sich auch erschossen – Gleich sind sie beim Tode – Flüchten in die Gräber. Allgemein ist's Mode. Früher nur die Schlemmer Gift zum Nachtisch nahmen – Jetzt tut's jeder Krämer.« Venus hört nicht länger, Was die Katze wußte, Weil ihr Ohr in Spannung Anderm lauschen mußte. Durch die Nacht drang Schreien Nah vom Palatinum, Wie ein Kampf von Zweien. Eine Mädchenstimme, Eines Mannes Toben, Und die Sterne zittern In dem Himmel oben. Scheu durch die Ruinen Flieht die Römerkatze Fort von Venusinen. Alle Quadern kriegen Menschliche Gesichter, Und sie alle rücken Unterm Moose dichter. Venusine ahnte, Daß sich dort ein dunkel Schicksal Wege bahnte. Mond hing wie die Perlen, Welche Tränen bringen, Überm Sack des Dunkels, Drinnen Schreie ringen. Venus eilte schneller Zum Palatiumhügel, Der ein Haufen Keller. Fiebrig stinkt dort Erde Unter Mosaiken, Die wie bunte Augen Toter Freude blicken. Wo einst Duft von Ölen Und von Narden rauchte, Stehn verpestet Höhlen. Venus sucht und findet Nur vom Kampf die Schreie. Selbst dem Götterauge Unsichtbar sind Zweie . Unsichtbar ohn' Zweifel Kämpfen, denkt die Venus, Psyche hier und Teufel . Jeder Gott auf Erden Und auch Götterfrauen Können Unsichtbarstes, Sichtbar machend, schauen. Psyche nur verschwindet, Ebenso der Teufel , Der sich ehrlich schindet. Psyche ist zu eitel, Um sich je zu zeigen. Teufel ist bescheiden Und von jeher eigen. Über ihr Bestehen Oft die Götter zweifeln, Keins hat sie gesehen . Venus sucht und findet, Wo der Kampf statthatte, Von der armen Psyche Was vom Feigenblatte. Und auf einem Sockel Lag vom Teufel schneidig, Heil auch, das Monokel. »Fräulein!« schrie der Teufel, »Anstand hatt' ich leider. Trug zum Stelldicheine Strikt hier meine Kleider. Wenn sie ohne gehen, Weckt das meine Wollust – Was sollt' sonst geschehen?« Darauf schrie die Psyche: »Alles ist gelogen! Hab mich für die Schönheit Einzig ausgezogen. Sie sind eben wilder, Leben nur dem Fleische, Nicht für Kunst und Bilder.« »Teufel!« schrie der Teufel, »Wenn Sie mich doch kennen, Wundert's mich im Stillen, Daß Sie nach mir rennen!« »Bin ich Kuh mit Eutern Die man packt?« schrie Psyche. »Nur Dich wollt' ich läutern!« »Nun von Ihren Eutern War nicht viel zu merken. Nicht mal eine Fliege Könnte sich dran stärken. Schönheit soll nicht leiden: Werde mich jetzt läutern Und mich auch entkleiden. Wenn die Damen nackend Für die Kunst einstehen, Warum sollen Männer Häßlichkeit begehen? Männerbrust und Nacken Können auch erbauen. – Soll ich mehr auspacken?« Keine Worte darauf Von der Psyche lauten. Heimlich ist sie worden, Nur die Tränen tauten. Dies der Venus wegen, Die sie jetzt entdeckte: Die macht sie verlegen. Venus hat den Teufel Endlich hier gefunden. Psyche wollt's verhindern Seit Millionen Stunden. Psyche ward es inne: In die offnen Arme Flog ihm Venusine. Als er'n Rock ablegte, Konnt ihn Venus sehen. Herrlich tat der Nackte Auf Ruinen stehen, Nackend im Palaste, Wo er gleich den Göttern Vor Jahrtausend' praßte. Psyche seufzt zum Monde, Der sie zu sich holte, Kam nie mehr zur Erde, Weil sie nicht mehr wollte. Doch an Venusine Freute sich der Teufel Mit entzückter Miene. Sechster Reim Venusine wird Frau eines Sergeanten, wobei sie sich töten, begraben läßt und aufersteht Venus wandelt nächtlich Draußen bei Kasernen, Dirnenhaft gekleidet, Unter den Laternen. Fähnrich und Sergeanten Sich mit Säbelrasseln Fleißig nach ihr wandten. Und bald folgt ihr Einer In die Seitengassen, Drückt ihr fest die Hüften, Kann sie nicht mehr lassen. Venus war nicht böse, Freut sich seiner Hände Und des Schnurrbarts Größe. Ehrlich sind Soldaten, Weil sie gradaus lieben, Deshalb ist die Venus Auch bei ihm geblieben, Tat mit Lust sich schenken Jede Nacht von Neuem, Ohne jed' Bedenken. Der Sergeant bald sagte: Nie mehr wollt er scheiden. Heirat wär das Beste Zwischen ihnen beiden. Venus, unter Lachen, Freut sich seiner Treue Und tat Hochzeit machen. Beim Kasernenhofe Öffnet Venusine, Als die Frau Sergeantin, Eine Schnapskantine Und lebt ohne Wolke Lustig so drei Tage Beim Soldatenvolke. An dem dritten Abend Macht, zur Mittnachtstunde Der Sergeant im Hause Noch einmal die Runde, Als er in den Kellern Gläserklingen hörte Und Geräusch von Tellern. »Venusine!« rief er; Ist ans Bett geschlichen. Doch das Bett stand einsam – Venus war entwichen. Der Sergeant, der blasse, Eilt und sieht im Keller Zwei bei einem Fasse. Eine Kerze brannte. Venus saß im Schooße Einem Mann. Sie tranken. Er war ohne Hose, Ohne West' und Kleider. Der Sergeant, er stolpert Und verrät sich leider. Fluchend richtet er sich Wieder auf die Beine. Da stand Venus vor ihm Lächelnd und alleine, Ihr Besuch verschwunden. – Nur der Teufel hatte So schnell fortgefunden. »Stirb!« schrie ohn' Besinnen Der Sergeant betrogen. Und er hat den Säbel Wütend blank gezogen. Venus, immer lächelnd, Lächelt unerschrocken, Mit dem Hemd sich fächelnd. Der Soldat verwundert Läßt den Säbel sinken, Weil der Venus Reize Unterm Hemd ihm winken. Doch nicht gleich zu Willen Ist er heut der Dame, Stürzt erst fort im Stillen. Schließt sie ein im Keller Und läßt Venus warten. Gräbt ein Loch im Dunkeln Draußen in dem Garten, Schlägt ein Kreuz darüber – Und geht dann von Neuem Zu der Liebe über. Hebt sie auf die Arme, Wirft sie auf ihr Lager. Liebt sie wild inbrünstig; Sein Gesicht wird hager, Blutleer seine Miene. Leib an Leib im Lieben Würgt er Venusine. Als ihr Leib sich streckte In der Todesstarre, Schneidet er ein Löckchen Noch von ihrem Haare, Trug sie dann zum Garten, Wo die Hände zärtlich In die Erd' sie scharrten. Tiefe Trauer zeigt er, Doch zeigt keine Reue, Legt sich auf sein Lager Und schläft ein aufs Neue. Venus aber, lächelnd, Ist zurückgekommen, Wieder hemdenfächelnd; Legt sich ihm zur Seite, Sprach: »Du hast gelitten, Männlich Dich benommen! Will dich darum bitten: Diesen Leib, den schenke Ich Dir lebend wieder, – Ewig an mich denke!« Und sie läßt zur Seite Eine Frau ihm liegen, Schön, wie sie die Menschen Nie auf Erden kriegen, Gleich dem Venusbilde, – Macht die Nacht vergessen Und verläßt ihn milde. Siebenter Reim Venusinens Morgenspaziergang auf der Via Appia unter unschuldigen Gräberbewohnern Auf der Appiastraße, Wo die Grabruinen Manchen armen Leuten Als Behausung dienen – Und das Gras, als Futter Ihren Ziegenherden, – Lebten Sohn und Mutter. Auf dem Grabhauf steckten, Gleich wie ein Paar Ohren, Ein Paar Fensterläden. In zwei Eisenrohren Und in den Zypressen Sang nachts der Schirokko Wie in Feueressen. Sohn und Mutter liebten Sich wie Ehegatten. Nie des Sohnes Lippen Je geküßt sonst hatten. Eifersüchtig wachte Über ihn die Mutter, Nur an sie er dachte. Saß er bei den Herden, Fuhren reiche Fremde Oft an ihm vorüber. Er in Hos' und Hemde Hat sie nie beneidet, Denn wer liebt, vor Allem Niemals Mangel leidet. Prachtvoll war die Mutter, Konnt' sich lassen sehen. Doch auch sie tat niemals Unter Menschen gehen. Lebte bei den Toten, Die verbotner Liebe Straflos Obdach boten. Doch nicht so die Menschen, Die in Nachbargräbern. Machten sich zu Rächern Und zu Schandangebern. Einer sprach zum Andern: Sohn und Mutter müßten Ins Gefängnis wandern. Doch die Mutter holte, Ums Gerücht zu stillen, Eine Frau dem Sohne Gegen beider Willen. Und sie riet ihm düster: »Nimm das Weib, denn schweigen Muß jetzt das Geflüster! Bleibst mir trotzdem weiter Herz- und Bettgenosse. Größer wächst nur immer Meine Lieb, die große. Laß die Menschen neiden! Köstlich im Geheimen Schmeckt die Lust uns beiden.« Eifersucht kommt früher, Als man glaubt gekrochen. Härter als Gedanken Sind des Fleisches Knochen, Zu dem jungen Weibe Fühlte bald die Mutter Haß im ganzen Leibe. Und sie wollte gehen, Wollt' den Sohn verlassen. Da begann auch dieser Still sein Weib zu hassen. Mocht sie nicht mehr rühren. Schrie: eh' woll' er sterben, Als dies Weib noch spüren. »Glücklich war man früher. Pfeifend bei den Herden Lag ich, wie die Sonne, Leidlos auf der Erden. Mutter, zum Verderben Ward's Gered' der Leute! Mutter, ich will sterben!« »Sohn, Dein Bett auf Erden Muß auf Gräbern stehen! Willst nach Rom du schauen, Mußt durch Gräber sehen. Sollst mir niemals sterben! Doch Dein Weib im Hause Lebt uns zum Verderben.« In der Nacht da scharrten Sohn und Mutter, beide, Schweigend eine Grube In der nahen Heide. Legten jene nieder, Die sie leicht erschlagen – Und sind glücklich wieder. Keiner hat's gesehen, Und doch ist ein Deuten Bald nach ihrem Hause Unter Nachbarsleuten. Stets man lauter munkelt, Und die Lust zu köpfen Aus den Augen funkelt. Doch die Mutter fürchtet Nicht mehr das Gelichter. Stolz legt sie zum Sohne In der Nacht sich dichter. Ruft: » Wenn all' doch wüßten : Kein Gesetz der Erde Reißt die Lieb aus Brüsten! « Und bald holt man Beide Aus dem Bett im Grabe. »Richter!« sprach die Mutter, »Meine einz'ge Habe War die Lieb' zum Sohne, Dem ich Weib gewesen; – Den Geliebten schone! Ja, ich hab gemordet, Denn ich wollte lieben. Jedem steht sein eigen Schicksal vorgeschrieben. Furchtbar ist das meine. Die Natur schafft Lüste, – Das Gesetz kennt keine. Und die Urteil' töten Leichter als die Hände. Dem Gesetzbuchstaben Ich mein Blut verpfände. Schont den Sohn des Leibes! Hört die Stimme einer Mutter – und des Weibes!« Doch das Urteil zeigte Vorerst kein Erbarmen. Vom Schaffott empfangen Und von Henkersarmen Dort erst, am Gerüste, Kam dem Sohn die Gnade; – Nur die Mutter büßte. Lächeln auf den Lippen Ging sie hin zum Beile. Süß schien ihr das Leben Noch die kurze Weile. Hab geliebt, genossen – Dacht' sie, »und kann sterben«. – Hat ihr Aug geschlossen ... Wenig Jahre später Auf der heißen Heide, Trieb der Sohn die Ziegen Wie zuvor zur Weide. Hat es fast vergessen Mord und Todesurteil, Als wär nichts gewesen. Just an jenem Tage, Da mit Sonntagmiene Aus dem Appiatore Wandelt Venusine, Nahm der Bursch ein Bräutchen. Wieder zwischen Gräbern Liebten sich zwei Leutchen. Amor zeigt es Venus Auf den Zehenspitzen, Daß in einem Grabturm Junge Leutchen sitzen, Die sich erst gefunden, Sich im Schoße liegen Ohne Zeit und Stunden. Ein Leib stillt dem Andern Brünstig die Gelüste. Sie beißt seinen Nacken, Er beißt ihre Brüste. Kühl im Grab sie liegen; Draußen in der Hitze Springen Bock und Ziegen. Amor und die Venus, Jeder süß erschauert: »Mutter, seit heut morgen Hab' ich zugemauert. Merken tat's nicht Einer, Brachte ihnen Essen, – Wundern tut sich Keiner.« Wirklich war der Eingang Vor dem Grab geschlossen Mit antiken Krügen Und mit Broten, großen. Wein war in den Krügen. Braut und Bräut'gam tranken D'raus in tiefen Zügen, Aßen auch vom Brote. Venus lacht im Stillen. »Die«, spricht sie, »sind Götter, Haben ihren Willen. So war auch die Erde In den Adamstagen Sorglos von Gebärde.« » Traulich ist o, Freundin,« Flüstert eine Stimme, »Des Idylles Frieden, – Pracht doch hat auchs Schlimme . Mit Verstand genossen Sind schön Gut und Böse, Selbst wenn Blut geflossen.« Und die Stimme malte Blutrot aus dem Blauen Jenes Burschen Jugend. – Venus sieht mit Grauen Mord an seinen Händen Und die Lust der Mutter, Lust einst seinen Lenden. Sieht das große Wehe, Das wie's Gute waltet, Und aus Schmerz und Tragik Schönheit sich gestaltet. Sieht blutschändend küssen Sohn und Mutter beide, Weil die Herzen müssen. »Teufel«, sprach die Venus, »Bist mir nachgeschlichen!« »Göttin,« sprach der Teufel, »Ich bin nie gewichen. Bin im Geist daneben, Wo uns eint Int'resse, Kann mich nicht fortheben.« Venus rief: »Vor allem Bist Du Mann der Männer! Und als Frau bewundre Ich den Lebenskenner. Stets sind Energien Eine Lust dem Weibe, – Drum sei Dir verziehen!« Achter Reim Venusinens Besuch bei Sankt Peter auf dem Peterstuhl Mit dem Zwölfuhrschusse, Bei dem schönsten Wetter, Trat die Venusine Ein bei dem Sankt Peter. Herrlich sind die Hallen, Und der schlimmsten Heidin Mußten sie gefallen. Manche Marmorfließe, Manche von den Säulen Kannte Venus wieder Und verbiß das Heulen. Vieles, was da schmückte, Kam von alten Tempeln, Wo man ihr sich bückte. »Möcht' heut keinen Tempel.« Menschen, wenn auch beten, Gutes und auch Böses Sie doch immer täten. Aber schöne Hallen, Wo man sich ergötzet, Das tät mir gefallen! »Guten Morgen Peter!« Zu dem Bronzebilde Nickte Venusine. Peter dankte milde, Bat sie Platz zu nehmen Neben ihm im Stuhle, Auf dem Unbequemen. »Sitz hier schon zu lange,« Sprach der alte Peter; Sprach gleich von Geschäften Und nicht erst vom Wetter. »Keiner will mehr glauben, Nicht an Höll' und Himmel, Zeit tut's jedem rauben. Sag mir Venusine: Hast Dich nicht verändert! Auch die Augenlider Sind wie stets berändert. Hast Du wen gefunden, Der in Rom Dich liebte, Wenn auch nur für Stunden?« Venusin errötet: »Lieber Indiskreter, Alles mußt Du wissen, Beichten soll ich Peter? Selten fand ich Leute, Die ich lieber küßte, Als den Teufel heute.« »Weit soll nicht der Himmel Von der Hölle liegen! Darum, Venusine, Sollst 'nen Kuß Du kriegen. Darf ich mir erlauben?« Eh' noch Venus hörte, Tat Sankt Peter rauben. Venus lacht und plaudert: »Was ich fragen wollte: Wie geht's Magdalena, Die bereuen sollte? Immer wollt ich wissen: Tat sie Deinen Herren Damals niemals küssen?« »Geh, schwätz nicht Nusine, Lene wollt' schon gerne. Doch der Herr, verstehe, Hielt sich Weiber ferne.« »Doch«, rief Venusine »Lazarusens Schwester Hegte für ihn Minne! Küßt' er nie Maria, Die kein Kochtopf quälte, Und von beiden Schwestern S' beste sagt man, wählte? Wenn sie ihn nicht küßte, Wo wohl dann das beste Sie da finden müßte? Und Pilatus' Gattin? Nachts sie von ihm träumte. Wenn er die nicht küßte, Bestes er versäumte. Hat ans Kreuz er müssen, Weil er niemals liebte Und kein Weib wollt' küssen?« »Du fragst wie die Heiden, Heute fragt so Keiner. Nur ich Dich verstehe, War ja selbst mal Einer.« Also plaudert Peter. Lenkt dann das Gespräche Endlich jetzt aufs Wetter. »War der Himmel freundlich Auf der Hierherreise? Kamst du mit dem Auto Oder D-Zugsweise? Sag, wie ist das, sage: Schlafen nie die Bahnen? Fährt man Nacht und Tage? Und noch Eines höre: Weißt Du, die Sibylle, Die einst einem Kaiser Heimlich und in Stille Ferne Zukunft sagte, Diese Zeit wie heute Ihm zu schildern wagte, Meinte: wenn die Menschen In die Ferne sprechen, Durch die großen Alpen Große Löcher brechen, Und dann auf der Erde Wagen einfach laufen, Wagen ohne Pferde, – Dann kehrt auch die Wollust Zum Olympe wieder, Und die Kreuze fallen Von den Kirchen nieder. Sag mir«, zittert Peter, »Stehen so die Dinge? Ist es solches Wetter?« – Venusin nicht gerne Greise bange machte, Sprang vom Stuhl herunter, Guckt' hinauf und lachte. Rief: »Ich möcht vergehen! Find's so furchtbar komisch, Küßt man Deine Zehen! Kam da just ein Mönchherr, Sah uns beide plaudern, Ist zum Papst gelaufen, Sagt's ihm unter Schaudern. Darum will ich gehen, Will Dich nicht blamieren. Peter, Wiedersehen!« Venus wirft 'ne Kußhand, Lief zur Ledertüre; Dankte laut im Freien, Daß sie Freiluft spüre. Sprang mit einem Satze Tief in die Fontäne Auf dem Petersplatze. Neunter Reim Venusinens Besuch und Ohnmacht in der Sixtina »Muß noch zur Sixtina,« Rief die Venus eilig. »Diese ist besonders Meinem Herzen heilig. Hörte: es vergehen Dort die Christusbilder, Die schon lang bestehen. Angelo, der Meister, Er kehrt niemals wieder, Und vor seinen Werken Knie auch ich gern nieder, Lieb ihn, den das Nackte, Mächtig wie die Götter, Stets von Grund aus packte. Tat heut Nacht ersuchen Meinen Signor Teufel: ›Reparier' Sixtina!‹ Doch er hegte Zweifel. Will mir's selbst ansehen, Ob er nachgeholfen. Etwas muß geschehen!« Zu dem Vatikane Mit besorgter Miene Eilte kunstverständig Schleunigst Venusine Durch die Schweizer Wachen, Die der schönsten Dame Liebeszeichen machen. Sie ersteigt die Treppen. Im Entré voll Farben Standen bleiche Leute, Bleich, als ob sie starben, Kopfschütteln die Köpfe, Schienen zu ersticken, Kriegten beinah Kröpfe. Da kam auch der Teufel Venus schon entgegen. Bat: »Geh nicht mehr weiter Der Sixtina wegen!« War im Reiserocke Wie ein Opernsänger, In der Stirn die Locke. Venus voll Erstaunen Fragt: »Was ist geschehen? Daß die Leut wie Leichen Hier im Vorsaal stehen?« Teufel konnt nicht sprechen. Venus kurz entschlossen Mußte Bahn sich brechen. Greift der Türe Klinke, Steht in der Kapelle. Plötzlich sinkt sie nieder Ohnmächtig zur Schwelle. »Teufel,« ruft der Teufel, »Ich werd's reparieren! Das ist ohne Zweifel.« Leer in der Kapelle Waren alle Flächen. Leere öde Mauern – S'war zum Herzzerbrechen. Staub lag auf den Fliesen Gleich, als hab ein Beben Alles umgeschmissen. »Venus,« bat der Teufel Kläglich in der Miene. Führt sie fast gebrochen Fort aus der Sixtine. Hat sie fortgeschoben, Hieß sie niedersitzen Erst in der Garderoben. »Laß mich hier erzählen, Und Du sollst Dich fassen,« Bat auf Knie'n der Teufel. »Als ich Dich verlassen Heut im Morgengrauen, Lief ich nicht gleich weiter Zu den andern Frauen. Eilte zur Sixtina – Eifersucht macht Schmerzen, Wollte nicht, daß Deine Augen Bilder herzen, Jenen großen nackten Menschensohn im Bilde, – Qualen mich zerhackten. Jenen da, der richtend Aus den Wolken rannte, Böses und auch Gutes Viel zu ernst erkannte. Jenen Sohn der Nöte Dacht ich zu zerstören, Wenn ich Kraft aufböte. Tret' in die Sixtina, Unter tiefstem Schauer, Öffne nicht die Lippe, Starre nur zur Mauer Denkend: wie so mächtig Venusin mich machte! Und war ganz andächtig. Mußte niederknieen, Nicht vorm Kirchenbilde, – Vor dem Blut im Herzen, Das heut Nacht mich stillte; Vor den kurzen Stunden, Da wir nichts mehr wußten Und uns nackt gefunden. Plötzlich war's wie Seufzen, Das sich um mich windet: Von den Bilderwänden Fällt die Farb' und schwindet. Alles, was die Mauer Hielt, stob in die Winde, Der Jahrhundert Dauer.« Venusine staunte Und war fast beklommen, Daß der Teufel solche Lieb für sie bekommen. Dankte ihm; indessen Blieb sie doch inwendig Etwas abgemessen. Dachte: »War des Menschen Sohn nicht doch am Ende Schöner als der Teufel An Sixtinas' Wände, Weil der Teufel wollte, Daß ich den nicht sehen Und nicht lieben sollte?« »Ja, so sind die Frauen,« Rief gereizt der Teufel, »Sehen Angebote Immer an mit Zweifel. Lieber sind sie Diebe, Als daß sie die Treue Schätzen in der Liebe. Bin nicht stets der Böse, Du nicht stets die Gute. Heut in nächtger Stunde Mischten wir zwei Blute. Fühl mich jetzt wie aller Schöpfung frohe Wesen Und doch nicht banaler. Will an leere Wände Dir jetzt Christus malen, Leiden auch die Hände Drüber Folterqualen. Sollt's Ideal mal sehen, Herrin Venusine, Nackt bis an die Zehen.« Seine Stimme hallte Donnernd aus dem Blauen. Christus den Asketen Schildert er mit Grauen. Venus wehrt mit Händen, Weil die Lust des Blutes Schmerz wird ihren Lenden. Doch er malt ohn' Gnade, Malt mit klaren Zügen Teuflisch 'ne Ballade, Schildert ohne Lügen; Schildert den Rivalen, Und sogar die Wahrheit Macht ihm heut nicht Qualen. Venusin erschrocken, S' fing ihr Haar fast Flammen, Flüchtet in der Erde Herz und kriecht zusammen. Ist voll Angst entwichen, Und der Teufel hat sich Stolz den Bart gestrichen. Horcht jetzt was er sagte! Teuflisch war's ersonnen. Nur ein Gott so wagte Götter zu entthronen. Venus zu gewinnen, Sprach sich selbst der Teufel Heute ganz von Sinnen: Zehnter Reim Die Teufelsballade vom Teufel ausgesonnen, um Venusine zurück zu gewinnen »Am dritten Morgen nach Christi Tod Boten zwei Frauen im Garten Einander den ersten Morgengruß: Maria, die Schwester des Lazarus, Und Magdalen, die viel geliebt, Der Christus den Ehebruch vergibt. Die Frauen reichten sich stumm die Hand. Sie hatten nie einander gesehn, Doch Zwei, die zum selben Grabe gehn, Die werden schnell einander verwandt. Maria erschien mir wie eine Braut, Die Liebe auf den Sternen sucht, Doch ihres Blutes Wärme mißtraut. Ich fragte die Frauen: »Ihr wollt zum Grab? Ich komme und wälze den Stein Euch ab.« Sie dankten sich neigend. Wir gingen zur Gruft. Der Garten ward süß von Hochzeitsluft. Die Blumen erkannten Magdalen schnell, Und die Bäume wurden wie Fackeln hell. Und Rosen waren wie Kohlenglut, Nie habe ich Rosen so rot gesehn. – Doch plötzlich fühlt ich nicht mehr mein Blut, Und still war's, als sollte ein Wunder geschehen. Ich sah, wie Maria zum Rosenstrauch kam, Einen Dornenzweig, der sie am Kleide nahm. Sie schrie, wie ein Mensch im Schlaf aufschreit, – Ihre Augen die höhlten sich tief und weit. Sie rief die Rosen wie Leute an: »Ihr wißt es alle, kommt nur heran! Sein Blut erwürgt' ich, ich elendes Weib. Kein Herz, eine Eule hab ich im Leib. Statt ihm die Lippen zum Kuß zu geben, Statt die Stunden in seinem Arm zu leben, Nahm ich zum Buhlen einen eisigen Wahn – Ich stachelte Christus zum Sterben an. Ich saß in der Tür und wir sprachen von Gott – O, wie schien mir sein Mund wie die Herdflamme rot! – Ich saß in der Tür und ich lud ihn nicht ein, Ich machte meine Brüste zu Türmen aus Stein. Meine Arme lagen mir tot in dem Schoß, Mit Gedanken umschlang ich ihn kalt und groß. Nie lief mein Herz mit mir davon, Ich nannt ihn statt Liebster mein – Gottes Sohn«. Maria fiel zu den Rosen hin: »O, fühlt, rief sie weinend, wie kalt ich bin! O, Rosen gebt mir mein Mädchenblut! Wie weh euer Rot meinen Augen tut! Ich hab meinen Gott zum Leichnam gemacht, – Der Tod schläft bei mir nun jede Nacht.« Maria weint und der Garten wird laut. Magdalena kniet bei ihr: »Sei still seltne Braut! O, Tröste Dich schnell, er wollte kein Weib, Hatte Zeit nie zum süßesten Zeitvertreib. Dein Kuß hätt ihm nicht den Tod genommen, Durch mich ist der Tod über Christus gekommen. Längst erwählte mein Blut sich den kühlen Mann Und schlich sich begehrend an ihn heran. Ich sagte, ich wollte die Sünden büßen – In Wahrheit trieb es mich ihn zu küssen. Ich verkaufte Schmuck und mein bestes Gewand, Nur daß ich die teuerste Narde erstand. Den Geliebten zu salben, trat ich ins Haus, – Mit Fluch in den Zähnen sprang ich hinaus. Ich drängte mich ein in der Gäste Schar Und öffnete weit mein prunkendes Haar. Schön war ich, daß ich mich Keinem mehr gönnte, Nur ihm den die keuscheste Kühle krönte. Den Fuß ihm zu küssen, der schlank und weiß – Wie eine Hand war der Fuß, – ich sehnte mich heiß, Ich küßte ihn auch – teuflischer Genuß! Ich fluche noch jetzt diesem eisigen Fuß. Ich rieb seine Knöchel mit meinem Haar Und küßte ihn drunter mit einer Schar Von Küssen, jeder ein Liebesdorn – O, noch in Erinnerung schüttelt mich Zorn! Der Fuß stand still, wie einer Schale Gestell, Und Christus' Stimme sprach deutlich und hell: »Weib, Deine Sünden sie seien vergeben, Da Du viel geliebt in Deinem Leben!« Ich schlug mein Haar zurück, hob mein Haupt: »Wer hat es Dir, der nie liebte, erlaubt Zu künden, daß ich Sünderin bin? Ich bin Weib, Du aber warst niemals Mann! Ich klag' Dich der größten der Sünden an! Du tötest das göttlichste seligste Gut, Du würgst das Verlangen im Fleisch und Blut.« Mein Blick, der sagt' es ihm Wort bei Wort, Ich selber schwieg und ging bitter fort. Und später, da rief ich: »Kreuziget ihn! Verächter der Frauen, Dir wird niemals verzieht!« »Doch heute da komm' ich aus Neugier her, Er will auferstehen am Dritten, so sagte er.« Die Andere zuckt, wie von Feuer getroffen, Sie zeigt in den Garten – das Grab steht offen. Beim Eingang der Gruft: liegt eine Gestalt. Sie eilen und finden ein lächelnd Gesicht, Eine Frau, die stirbt, und die Hand ist schon kalt, Als ob von den Bäumen die Blätter schweben, So legte sie Worte hin mit fliehendem Leben. »Meinem Herz, meinen Augen ist wohl geschehen! Ich sah Dich neulebend Geliebter gehen! Dein Mund war Freude im Morgenrot, Die Freude gibt mir den köstlichsten Tod!« Die Frau lächelt heimlich; als würde sie wach Und sieht den Wolken am Himmel nach. Eine Alte tritt klagend nah zu uns hin – Die Mutter vielleicht, vielleicht Dienerin, Spricht: »Schaut, sie hat Nächte betend durchwacht, Ihr zärtlich Herz hat ein Wunder vollbracht! Sie ist des Pontius Pilatus Weib Und tötet aus Liebe zu Christus den Leib. Zur Zeit, da Christus gefangen lag, Bat sie um Gnade Nacht und Tag. Pilatus fragt endlich: »Liebst Du ihn?« – Und gab dann Christus dem Henker hin. Sie hat ihn noch einmal im Traum gesehn Und tot dann und schwor, er soll auferstehn. Sie rief zu dem Gott der Leben gibt: ›O, Gott erhöre dies Blut das liebt! Dem Toten gib Atem und mir seinen Tod! Es mache mein Herz seinen Mund wieder rot. Halt' mir im Auge das Lachen ein, Und leg es ihm in die Hände hinein! Es schein' meine Jugend aus seinen Wangen! Und ist ihm das Grab wieder aufgegangen, Und fragt er, wer ihn so eifrig liebt, So sagt: eine Magd, wie es Tausend gibt.‹ Und heut in der Nacht, da geschah ein Schlag, Sie, die noch jammernd am Estrich lag, Sie lacht unter Tränen: ›Mein Herz hat's getan! Es öffnet das Grab dem geliebten Mann.‹ Zugleich war im Hof ein großes Geschrei, Man rief, daß Christus erstanden sei. Ich hielt die Tür bis der Lärm verlief. Dann eilten wir hin, sie suchte, sie rief, Hob sich auf die Zehen, als habe sie Flügel. – Die Sonne ging auf dort hinter dem Hügel ...« Die Alte stottert, Schmerz stürzt ins Gesicht, Schmerz, der ihr die Stimme aufschluchzend zerbricht Die Sterbende lächelt und hebt ihren Arm – Noch einmal werden die Lippen ihr warm. Sie spricht von der Lieb und dem Tod berauscht, Als ob sie Gespräche mit Wolken tauscht: »Einmal da hab ich im Traum Dich gesehn Und wollte nicht mehr aus dem Traume gehn. Im Haus war es schwül. Unterm Epheubaum Da schlief ich und fand Dich Geliebten im Traum. Wir tanzten zärtlich im Wiesengrund Und ruhten in einem reichen Gezelt. Die Herzen pochten uns Mund auf Mund, Nur allein die Liebe war auf der Welt ... Es kam Dein Bild, wie der Mond an die Wand Gab Küsse und Lächeln und Frieden und schwand.« Der Tod tritt dunkelnd zur Sterbenden hin: »Wird es Abend?« fragt sie, »wie glücklich ich bin.« Magdalen' und Maria verbergens Gesicht, Ich weiß nicht mehr, welche zur Toten spricht: »Du wußtest wie selig es ist zu leben! Du einziges Weib hast Liebe gegeben. Doch wen nur Gedanken asketisch lenken, Der muß die Venus im Fleische kränken. Denn Herzen dürfen nur zu zwein Ins große Paradies hinein.« – »Seht«, sprach ich darauf mit festlichem Blick, Und ich warf mein Haupt wie ein Gott ins Genick, »Er, der die Seele allein nur pries, Verscherzt' wie der Teufel ein Paradies.« Elfter Reim Venusine flüchtet vor des Teufels Logik Die Mutter Gottes von Würzburg überlistet den Teufel In der Mainstadt Würzburg An der alten Brücken Brechen sich die Schollen, Winter geht in Stücken. Föhnwind gurgelt mächtig, Kommt vom Süden taumelnd Und ist frühlingsträchtig. Und die Schollen hüpfen Keck gleich jungen Böcken, Brechen sich die Stirnen An den Brückenstöcken. In das Chaos schauend Steht am Fluß der Teufel, Seinen Spitzbart krauend. Vom Marienberge Glänzt die Christusmutter Ganz aus purem Golde, Gold auch's Kleiderfutter. Und der Teufel fragte Blank mit seinen Augen, Bis sie etwas sagte. »Teufel, Deine Rede, Fern in Romas Mauern, Mußt Du jetzt zeitlebens Trübselig bedauern. Recht doch muß ich geben, Meldest Du von Christus – Weiblos war sein Leben. Ich, die Mutter, selber Wünsche ungeschehen Seinen Tod am Kreuze, Möcht beweibt ihn sehen. Als Familienvater Würd' ers Leben nehmen Mehr im Herzenskrater. Doch mich dauert, Teufel, Deine Logikrede! Jetzt liegst Du mit Venus Ewig in der Fehde. Gingst in eine Falle, Stürztest, Dich zu heben, Frauenideale. Denn für Christus hatte Venus selber Schwächen. Wenn sie leicht auch höhnte, Ganz mocht sie nie brechen. Wie Schirokko brannte Ihr das Herz vor Trauer, Daß sie sturmstreichs rannte, Rannte über Alpen, Über Nebel, Flüsse, Und ein Eisenschimmel Lieh ihr seine Füße, Der nach Rom sie brachte, Einst aus Mailand flüchtend, Den zum Mensch sie machte. Dieser wünschte lieber Wieder Gaul zu werden. Zu prosaisch, sagt er, Sei's als Mensch auf Erden. Und mit Gönnermiene Schenkte ihm sein Pferdstum Wieder Venusine. Würdest Du Dich töten,« Sprach noch Christus' Mutter, »Teufel, dann war Venus Mild wie süße Butter. Denn vom Ideale Denkt man, wenn es tot ist, Besser alle Male.« Also sprach sie weise, Listig wie nur Frauen. Ihrem goldenen Munde War nicht recht zu trauen, Denn sie hat geschworen An dem Teufel Rache Und hält's unverfroren, Weil von Rom zum Maine Teufels Hochmut schallte, Der den Sohn ihr schmähte, Daß das Weltall hallte. Logisch fand sie's richtig, Aber laut zu schimpfen War vom Teufel nichtig, Teufel horcht verzweifelt Auf des Föhnwinds Rütteln, Möchte alle Berge Gleich dem Föhnwind schütteln. Muß zu Tod sich lauschen, Hört auf Schritt und Tritten Venusröcke rauschen. Prunkend steht Maria Stolz aus Gold am Dache Vom Marienburgschlosse, Glühend wie die Rache. Teufel schließt die Augen: »Immer bleibt's dasselbe, Teufel nie was taugen.« Teufel ganz geläutert Von dem großen Schlage Kauft sich eine Säge. Was ihm Lebensfrage, Jenen Schmuck am Hirne, Sägt er ab, die Hörner, Seinen Trotz der Stirne. Als der Schwalben Liebe Nester baut vom Drecke, Stand der Teufel immer Noch am selben Flecke. In dem Frühlingswerben Stand er lieblos einsam, Will wie Christus sterben. Zum Vierröhrenbrunnen, Als sein Stolz geschwunden, Kam zum Café Hirschen, Er, der sich geschunden. Mischt sich unter Bauern, Die dort Ausspann halten, Dort wo Juden lauern. Mietet sich drei Alte, Die für Geld was wagen. Sagt: »Ihr müßt ans Kreuzholz Mich noch heute schlagen. Könnt' die Welt erlösen, Wenn ihr solches tuet, Heut von allem Bösen.« Doch die Juden maulten, Nahmens Geld und dankten. An das Kreuz ihn schlagen, Das zu tun sie schwankten. Krümmten ihre Glieder, Schlichen um die Ecken, Kamen nicht mehr wieder, Mitleidloser aber Zeigten sich die Bauern. Sie tat nicht der Teufel, Nicht das Böse dauern. Wolltens Geld kaum haben, Nur am Todesanblick Sich belustigt laben. Bauern dann, am Abend, Nageln mit Behagen An das Kreuz den Bösen In den Stadtanlagen. Bei der Frankenwarte Auf dem Niklausberge Ragt er als Standarte. Spät saß ich am Fenster. Flöße, blank aus Stämmen, Zogen hin im Maine. Und zum Fluß zur Schwemmen Ritt auf einem Pferde Venus, schleppt den Teufel. – Dunkel war die Erde. Feurig floß das Wasser Durch die Abendgluten, Und den Teufel sah ich Aus fünf Wunden bluten. Venus hielt im Arme Ihn, den Schwerenöter, Und schien bleich vom Harme. Venus wusch am Flusse Seine wilden Wunden, Hat mit ihren Händen Ihm sein Herz verbunden. Doch auch Götter enden. – Teufel starb der Venus Unter ihren Händen. Venus spricht zum Toten: »Hast mich viel umworben. Doch Dein Christuswerden Hat den Spaß verdorben. War Dir noch gewogen, Als Du Hörner hattest Und hast flott gelogen. Werd' Dich wiedersehen, Da Du jetzt gestorben, In dem Himmel droben Fad und unverdorben.« Und ihr Pferd, das rannte Mit ihr in die Wolken, Fort ins Unbekannte. Und des Teufels Leiche Lag auf einem Floße, Schwamm hinein ins Dunkel, In die Nacht, die große. Eine Amsel gluckte Unter meinem Fenster, Wo ich Tränen schluckte. Zwölfter Reim Venusine thront im Himmel, wo sie jüngstes Gericht hält und den Liebesdichter Dauthendey an ihre rechte Seite setzt Brennend brannte Sonne Auf die Weinbergmauern, Selbst die Steine konnten Einem schwitzend dauern. In dem juliblauen Himmel standen Wolken Weißgedeckt zu schauen, Weißgedeckt wie Tische, Die auf Gäste warten. Dauthendey, der Dichter, Sah's von seinem Garten. Nahm vom Stall den Schimmel, Den er täglich reitet, Sprengte in den Himmel. Sah der Erde Väter An den Tischen schmausen; Aßen, tranken, lachten Ohne lange Pausen. Biblische Gesichter Grüßten ihn gar höflich, Ihn, der Liebe Dichter. Venusine selber, Frei von Kleid und Schleppe, Rannte ihm entgegen An der blauen Treppe. Fiel ihm in die Arme, Lacht mit vollen Backen Frei von Trän' und Harme. »Über Deinem Garten Deckten wir die Tische. Alle Speisen warten, Suppe, Omelett', Fische, Kaviar und Kapaunen. Und die Musikanten Rufen mit Posaunen. Siehst Du Adam, Moses, Abraham und Aron? Siehst Du Homer, Dante, Goethe und auch Charon? Heut ist ›Jüngst's Gerichte‹. Deshalb kommt man nämlich, – Flott wird die Geschichte. Seit der Teufel neulich Schnell aus Lieb gestorben, Hat er samt der Hölle S' Himmelreich erworben. Himmlisches Gelichter, Platz«, ruft Venusine, »Platz für meinen Dichter!« Dauthendey muß sitzen Ihr zur rechten Seite, Er, der schon sein Lebtag Um die Venus freite. Teufel sitzt zur Linken. Venus, Teufel, Dichter Dutzen sich und trinken. Venusine drückte Unterm Tisch die Zehen Beiden von den Gästen – Liebe mußt' entstehen. Lange konnt's nicht dauern, Ward die Luft zu enge Selbst in Himmelsmauern. Teufel eifersüchtig Ließ sich gar nichts merken. Dauthendey, erstickend, Mußt' am Wein sich stärken. Die vom Testamente, Von dem alt und neuen, Sagten: »Prost Entente!« Venusin verlegen Küßte ihren Dichter. Teufel lachte vorne, Hinten schnitt er G'sichter. »Bin ich nicht gestorben Jüngst erst Dir zu Liebe Und jetzt unverdorben?« Also fragte leise Teufel Venusine. Diese aber teuflisch Lacht mit Himmelsmiene: »Unter uns gesprochen Hast Du einst nach Schwefel Besser mir gerochen. Teufel, warst mir lieber, Wie Du noch am Leben Wilder als ein Wilder, Die nicht Gnade geben. Heute hier im Himmel Lieb ich mehr den Dichter, Mehr selbst seinen Schimmel.« Zornig ward der Teufel Über alle Maßen. Wollte gerne wettern, Aber selbst das Hassen, Das ihm gut gestanden Unten in der Hölle, Kam ihm jetzt abhanden. Gütig war der Böse Gar nicht zu erkennen; Ängstlich von der Tafel Tat er weiterrennen, Ängstlich aus dem Saale Fort von allen Guten, Fort vom Liebesmahle. An der blauen Treppe Stand des Dichters Schimmel. Diesen stiehlt der Teufel, Reitet aus dem Himmel. Seine Wege münden Wieder auf die Erde, Will dort Höllen gründen. Und dort wird er Zensor, Der den Dichter bindet, Kritikus daneben, Der die Haut ihm schindet. Bis er davon müde, In dem Reichstag sitzet Und plaidiert fürs Prüde. Aber alle Leiden, Die der Teufel dichtet, Nicht dem Menschen schaden, Der zur Venus flüchtet. Venus wird erlösen Alle ihre Dichter Von den Prüden, Bösen. Venus hat den Vorsitz An den Himmelstischen, Tut auch ihrem Liebling Selbst den Mund abwischen. Gar nichts muß er müssen, Läßt den Teufel fluchen, Darf die Venus küssen. Kommt man in den Himmel, Fragt Dich ins Gesichte Venusin, als Richter Von dem Weltgerichte: »Tat Dein Blut auch lieben Echt und ohne Logik? Dann wird dageblieben. Hast Du's nicht gelernet, Dann nochmals auf Erden Mußt zum echten lieben Du geboren werden. Dann zurück zur Erde, Lerne Feuer fangen, Wie die Dichterpferde! Feurig ohn' Gedanke Nimm Unmöglichkeiten! Herzen sattelfester Als Gehirne reiten. Nicht mit Kritik-Miene Schau aufs Ideale, Sonst flieht Venusine.« Lebt jetzt wohl ihr Menschen, Die ihr dies gelesen! Ist euch manches fettig Und zu fett gewesen, Schleckt euch eure Hände. Von dem Venusreime Ist jetzt dies das Ende. ENDE