Das Erste Hundert Klingel an Lesenden Mehr dencken, als lesen Hundert Bücher, hundert Leben, Trag ich, lieber Lesern, dir In den hundert Reimen für, Wilt du darauf Achtung geben. Bücher: nach dem Ende streben, Ist den Anfang suchen hier. Leben: eitel Wonn und Zier Wird um dein Verständnüs schweben. Aber diese Bücher seyn Ruh und Frieden im Gewissen: Dieses Leben, Glantz und Schein Und darinnen Gott genüssen: Ich wil diese Thür, geht ein, Dir sechs hundertmal aufschliessen. Nichts überhin. α und ω 1. Anfang im Ende Ende im Anfang Das Ende, das du suchst, das schleuß in Anfang ein, Wilt du auf Erden weis', im Himmel seelig seyn. 2. Nichts ausser Gott Wer Gott im Hertzen hat und was dazu begehrt, Der Mensch verlieret Gott, wird ihm sein Wunsch gewährt. 3. Rechter Freund Viel näher ist dir, als die Eltern, Gott verwand, Sie sterben: Gott und du /:glaub es:/ sind ungetrannt. 4. Nicht in dir Schau alle Ding in Gott, und Gott in allen an, Du siehst, daß alles sich in ihm vergleichen kan. 5. Auf ebener Bahn Gerad in einem Strich eilt die Natur zu Gott. Folg ihr. Dein Weg ist Gnad, ihr Weg hingegen Noth. 6. Er ist zu gut O Mensch, du bist ja gar zu nahe Gott verwandt. Er zürnt und strafft dich nicht. Dis thut dein Unverstand. 7. Immerwährendes Werck Den Anfang in den Schluß, den Schluß in Anfang binden, Ists oberst im erwehln, ist unterst' im empfinden. 8. Ie weniger, ie besser So viel du nihmst, so viel must du zugleich verlieren, Wol dem, der nichts bedarff, denn ihn kan nichts berühren. 9. Schau dich nicht umb Nur fort. Wo du wilt was in dieser Welt erlangen, Aufhören heist allhie noch niemals angefangen. 10. Ie gemeiner, ie edler Gemeinte sich nicht Gott mit allem, was du siehst, Spräch ich, Er wäre nicht, was er vor allen ist. 11. Wegen der Güte Getrost: Das Ende zeigt ohn End und Anfang an, Daß alles sol und wil und muß seyn Wolgethan. 12. Augen und Seel unersättlich Es wird ja keines satt, ob sich gleich kan verheelen Im Auge sie die Welt, der Himmel in der Seelen. 13. Wo Stille, Da Fülle Gott kömt durch dich in dich: und du durch Ihn in Ihn, Er darff sich keinen Blick, viel minder du bemühn. 14. Einerley in einem Nichts zwingt den ausser sich, der über alles ist, Nichts zwingt den inner sich, der einerley erkiest. 15. Bleib Innen Wohin? O Mensch. Zurück. Umbsonst gehst du herfür, Bleib in dir. Wilt du Gott. Gott selber wartet dir. 16. Alles Gar Allein Laß dich und alles stehn, was du verstehst und siehst, Du siehst, daß Alles Gott in allem heist und ist. 17. Zu spät nach dem Tode Nihm deiner fleissig wahr, der kan nur seelig werden, Der dort im Himel ist, und lebt hier noch auf Erden. 18. Alle einer Ein einger Mensch der lebt. Daß er derselbe sey Denckt ieder unter uns, drum kommt Ihm keiner bey. 19. Umkehren bekehrt Der ewge Umfang sol in uns das Mittel seyn, Wol dem, der dieses aus, und jenes schlüsset ein. 20. Alles zur Nachfolge Gott wird dir Mensch. Du kommst und fällst in Noth und Tod, Mensch, wirst du ihm aus Lieb und Treu nicht wieder Gott? 21. Sey vollkommen Wann das vollkomne kömmt, so geht das Stückwerck hin, Zutheilt hier, dorte leb und bleib ich, Was ich bin. 22. Ungehorsam Wann Adam sich von Gott nicht durch den Fall gerissen, Er wär ohn Schuld, hätt er zehn Aepffel angebissen. 23. Hoffarth Mensch, wie du fällst, so fiel auch Lucifer vor dir, Du gehst: Wo her? Von Gott. Wohin? Zu dir und mir. 24. Verzehrn: Bewehrn Bey Gott ist Gnad und Zorn. Die Glut bringt beyde für, Die umb Ihn ist, giebt Tod: Die in Ihm, Krafft und Zier. 25. Erlösung Du kanst es nicht ohn Gott, Gott wil es nicht ohn dich, Drumb wird er Mensch, daß er den Menschen bring an sich. 26. Menschwerdung Wann Gott vermenschet wolt' in allen Menschen werden, Nicht aber auch in mir: Ich blieb an Tods Beschwerden. 27. Aufferstehung Mensch stirb, und laß das Dein im Hertzen untergehn, Schau, ob es nicht in dir viel edler wird enstehn. 28. Würckung der Seeligkeit Du darffst durchaus nichts thun, als Gott dem Höchsten leiden, Sonst hinderst du sein Werck, davon dich nichts kan scheiden. 29. Der Seelige Wie Gott Mensch wird, so wird der Mensch hingegen Gott, Der Mensch trägt Gottes Huld, und Gott des Menschen Noth. 30. Im Ausbruch Die Seel ein Strahl von Gott geht in die Welt dahin, Wilt du Gott schaun, must du mit Ihr zurücke ziehn. 31. Empfangen: verlieren Wer Gott empfängt, verliert auch Gott. Sich Gott gantz lassen, Kan Gott, und sonsten nichts, als weil Gott Gott ist, fassen. 32. Warte sein Gott ist nicht hier noch dar. Was steigst und suchest du? Eröffne dein Gemüth. Er selber spricht dir zu. 33. Liebe kan nichts, als lieben Es liegt nichts dran, ob es der Mensch nicht mercken wil, Gott liebt Ihn, wie er ist, ohn Maaß und Zeit und Ziel. 34. Sey mehr als ein Mensch Erkenne selber dich. Wer sich erkennen kan, Trifft inner sich offt mehr als einen Menschen an. 35. Sich hassen, Alles lassen, Gott fassen Durch das wir seyn und stehn, ist leiden und entscheiden, Wie hoch doch stieg ein Mensch, lernt er sich selber meiden. 36. Hinter dir, ist die Thür Das Eine fleust in sich, draus kommt das Gantze für, Kanst du zurücke gehn, du hast die rechte Thür. 37. Du schleussest Einmahl Drey und Dreymal Eines ein, Im Fall du Eines recht siehst Einmal Eines seyn. 38. Ie mehr zurücke, ie mehr vor sich Wer morgen jünger ist als er vorgestern war, Gehöret Heute blos in Weiser Leute Schaar. 39. Anfangen: Erlangen Wie schlecht bereitet muß der Mensch zum Himmel seyn, Der ihn nicht auf der Welt ihm traut zu nehmen ein. 40. Alles Nicht im Nicht Alles Wer sieht, was er sol seyn, und was er noch Nicht ist, Wird Alles, wenn er nichts und drunter Gott erkiest. 41. Von dir an Um Gott ist eine Glut, o Mensch, du wirst verbrannt, Wann du Ihn kennen wilt, eh als du dich erkannt. 42. Über Wissen Gott kenn ich bloß durch Gott: Doch hab ich Gott erkiest, Weiß ich so viel, daß ich das nicht weiß, was Gott ist. 43. Schmaler Weg Zorn oben, unten Quaal: Schuld fornen, hinten Tod. Wohin? Ins Hertz: in dem /:o enge Thür!:/ Zu Gott. 44. Nicht dich, sondern Gott Was suchstu Gott? Gott ist dir inniger als du. Daß du dich suchst, deckt Gott /:drumb findst du Ihn nicht:/ zu. 45. Besprich dich mit dir Der kan mehr, als man meint, der mit sich reden kan, Nu red und triff in dir kein böses Mensch Ja an. 46. Auff mit dem Hertzen! Verächtlich ist der Mensch, der untern Menschen lebt, Und sich nicht über das, was menschlich ist, erhebt. 47. Schweigendes Hören, Hörendes Schweigen Indem ich schweig, hab ich viel mehr von mir erfahrn, Als vor mir ausgeschwätzt viel Weis' in hundert Jahrn. 48. Göttliche Schauung Der Gott sieht, sieht ein Nicht. Daß er nicht sagen kan, Dasselbe Nicht sieht er, und Ihn sieht alles an. 49. Jedes durchs andere Die Ewigkeit durch Zeit: Das Leben durch den Tod. Durch Nacht das Licht, und durch den Menschen seh ich Gott. 50. Mieß und vergieß Der kennt am besten sich, der sich kan selber messen, Wilt du es thun, so must du deiner gantz vergessen. 51. Gute Wercke, böse Im Fall du sprichst: Ich hab ein gutes Werck vollbracht, Fällst du, wie Lucifer, vor Gott in Sünd und Schacht. 52. Ohne Gott, ohn Wesen Was ist die Seel ohn Gott? Dis, was ein Schein ohn Licht, Ohn Wesen ist der Schein: auch sie, wenn Gott gebricht. 53. Heute, nicht morgen Wann kömt das höchste Gut? Da, wann du es erkannt, Von dir kanst du es nicht: Gott öffnet den Verstand. 54. Wol erkennen: Wol dienen Wer Gott verehrt, der muß der Welt und Ihm entgehn, Des Weisen Glauben heist empfinden, und verstehn. 55. Verlaügne dich Du must zuvor Nichts seyn, wann du wilt etwas werden, Doch auch, der etwas ist, der bleibt in Tods Beschwerden. 56. Das sündige Annehmen Mensch leide Gott, er wirckt dein Heil, so gut er kan, Du hast es, nihm durch aus dich keines Dinges an. 57. Meine Gott Was eignest du dir zu? Du fälst von Gott zu dir, Und stiehlst ihm Ehr und Preiß, hör auf, die Höll ist hier. 58. Gieb Gott die Ehre Nicht sprich: Ich wirck, ich wil. Gott thut es und nicht du, Wer Gott in allem meint, der trifft der Wahrheit zu. 59. Das beste, das liebste Das liebste sol uns bloß das best in allem seyn, Der findet Gott, der sich dem besten macht gemein. 60. Gehe nicht weit Wie nah ist Gott, er steht in Dingen spat und früh, Du schaust ihn, wie er ist, spring etwas über sie. 61. Der Unbewegliche Wer in sich schaut, der schaut, was Sonn und Erde trägt, Es regt sich alles zwar, doch er bleibt unbewegt. 62. Oben: Unten: Unten: Oben Gott wil dis, was der Mensch von Unten her beginnt, Ist nur der Mensch wie Gott von Oben her gesinnt. 63. Das ewige Nu Wann hat die Ewigkeit, o Mensch, dich aufgelesen, In welche niemand kommt, der vor nicht da gewesen. 64. Am Blicke hänget es Viel Jahre thun es nicht, die Ewigkeit zu wissen: Ein Augenblick, und nicht so viel, muß sie umbschliessen. 65. Finsternüs: Licht: Licht: Finsternüs Der Himmel und die Höll, o Mensch, nihm dich in acht: Die haben beyd ein Licht, wie bey uns Tag und Nacht. 66. Wie das Auge, so der Gegenwurff Dem, der es sehen kan, ist Gott ein ewger Tag, Ein ewge Nacht ist Gott, dem, der es nicht vermag. 67. Offenbahrung: Erwehlung Indem Er alles schafft, was schafft der Höchste? Sich. Was schafft er aber, eh Er alles schaffet? Mich. 68. Nichts frembdes dazu Was miteinander sich ohn Mittel sol verbinden, Das muß ohn Unterscheid sich auseinander finden. 69. Nichts eher, noch längsamer Im höchsten Wesen lag die Seele zugeschlossen, O Wunder! Gott und Sie die sind zugleich entsprossen. 70. Ohne Mittel Könt ich das Band, das Seel und Leib verknüpffet, finden, Ich spräch: ich wolte Gott auf diesen Schlag ergründen. 71. Einige das Getheilte Wie Gott und Mensch, so ist geeint Natur und Schrifft, Wol dir, wann Seel und Leib auch so zusammen trifft. 72. Das Leben redet Ich hatte kaum das Licht in dieser Welt erkiest, Da schrie ein iedes Ding mir sämmtlich zu: Gott ist. 73. Zweyerley Geburt Ein ieder ist aus Zeit und Ewigkeit gebohren, Das Eine bleibt und steht: Das andre wird verlohren. 74. Lieb und Tod Der Tod löst auf: Die Lieb hingegen setzt zusammen, So heilsam sind ja ihr, als schrecklich seine Flammen. 75. Christi Tod Unser Leben Der Tod ist nirgend her als von dem Himmel kommen, In Himmel werden wir durch ihn allein genommen. 76. Niemand kommt lebendig in Himmel Ich sehe Flammen gehn, die breiten sich umb Gott: Fort, Leben fort: Nichts kommt zu ihm, als durch den Tod. 77. Wol sterben: vor sterben Wer vor dem Tode stirbt, darff nicht im Tode sterben, Das Leben nach dem Tod ist sein: Er kan es erben. 78. Aussen flüchtig: Innen beständig Die Flamme fleucht davon, die Asche bleibet dir, Wer sieht zwey Feuer nicht, dort eines, Eines hier. 79. In Christo Nur Einer wird gerecht, und der es worden ist, Bleibt es, wenn er es hat in Selbigem erkiest. 80. Sich gleichen ist vergleichen Gott must du gleiche seyn, wilt du Gott recht erkennen, Was Gott nicht ist, das muß zu Grund in dir verbrennen. 81. Wo Gott: Da Himmel Wer in der Höllen läg' und kehrt' ins höchste Wesen, Sein unverwandtes Hertz: Er könt' in Gott genesen. 82. Leere das Hertze Die Seele muß sich stets von allen Kräfften scheiden, Und durchaus ledig stehn, die Gott wil in Ihr leiden. 83. Inwendige Seeligkeit Gott macht mich nimmer gut, such ich Ihn ausser mir: Schau dich nicht umb, dein Heil ist nirgend als in dir. 84. Erforsche dein Gewissen Was liesest du so viel in frommer Leute Leben? Schau deines an: es wird dir beßre Lehren geben. 85. Gott zu Ehren Der Gott gehorsam ist, fragt nichts nach Lohn und Pein, Er wil nicht fromm umb Heil, nicht gut umb Wonne seyn. 86. Überall Du schwebst, als wie ein Fisch im Wasser gantz in Gott, Gantz in dir, gantz umb dich ist er. Halt sein Geboth. 87. Erkäntnüs: Vergebung Ist deine Schuld dir mehr als dein Verdamnüß leid: Daß du gantz recht erkennst. Glaub es: Gott ist nicht weit. 88. Halt dich an Gott Hier Himmel, Hölle dort: umb keines leide Noth: Dann über Ihm, /:da bleib:/ und unter Ihr ist Gott. 89. Opffre deinen Willen auff Der Teuffel hätt auch Ruh, gieng es nach seinem Willen, Du kriegst sie, wann Gott wil durch seinen deinen stillen. 90. Der Gott ergebene Du kanst, wilt du gerecht in Gottes Willen stehn, So sicher in die Höll als in den Himmel gehn. 91. Wo Einigung, da Ruhe Die Glut umbarmt ein Holtz und schleust es brünstig ein, Hier siehst du keine Ruh, biß sie beyd Eines seyn. 92. In der Mitte, Gütte Das Feuer ist in sich so sanffte, lägst du drinnen, Du würdest (aussen ist sie bloß) der Quaal nicht innen. 93. Feuer sucht den Himmel Die Seel ist als ein Funck in diesen Leib gefallen, Drumb wil sie Himmel auf, und findet sich in allen. 94. Einsamkeit des Gemüthes Der Mensch stimmt niemals recht mit weisen Menschen ein, Der sonder Menschen nicht kan untern Menschen seyn. 95. Werck Gottes Die Seele schleust den Leib, der Leib die Seel in sich, Verstündest du dis Werck, du kenntest Gott und dich. 96. Zeuch den Leib aus Das best in dir ist Geist, in Gott nichts ausser Ihn, Wie nahe bist du Gott, wilt du den Leib ausziehn. 97. Ie mehr Wissenschafft, Ie weniger Erkäntnüs Ich bitte meinen Gott umb weder dis noch das, Als bloß umb Gott. Was ist dann Gott? Ich weiß nicht, was. 98. Gott ohne Gott Der Leib ohn Seel und Sie die Seel ohn Gott vergehn, Gott kan in Sich, ohn Sich, durch Sich allein bestehn. 99. Er ist zu barmhertzig Wil Gott, er mag es thun: er mag mich nehmen an, Ich danck ihm, daß er es, Ach Trost! nicht lassen kan. 100. Adams Leben: Christi Tod: Adams Tod: Christi Leben Nicht hab am Leben, draus der Tod ist kommen, theil: Der Tod, aus welchem fleust das Leben: giebet Heil.