Gipfelgesänge Ob nichts den Feuerfraß der Schmerzen kühlt – Ob dir kein Gott den Sieg wird gönnen: Die Schranken nur, die du ganz durchgefühlt – Die wirst du überwinden können! Ob es in der Seele dunkelt – Vom Seienden Zum Sollenden, Befreienden, Die Poesie als Irisbrücke funkelt. Karl Bleibtreu. 1. Wir sind die Sieger! (An Johannes Bohne.) Freund! Noch sproßt uns die Kraft Und die Liebe ist jung! Blüten duft'ger Erinnerung Wird nimmer sammeln In kommenden Tagen, Der nur mit Stammeln, Der nur mit Zagen Zu den Göttern gefleht! Und nie ein Gebet In flammender Begeisterung, In blühendem Hymnenschwung, Gen Himmel gesandt, Auf daß er ihn löse Von lastender Schuld! Auf daß er ihn labe Aus dem Gnadenkelch Seiner Trösterhuld! Auf daß er ihm leihe Verklärende Weihe – Lebendigen Odem, Wie er durchflutet Der Seligen Brust! Nicht bangende Lust, Nicht karges Hoffen, Nicht zaghaftes Wollen: Den Tiefen der Seele Entlockt und entquollen, Ströme sie hin In berauschendem Rollen: Die Leidenschaft! Wie Bergwasser tosen Und jauchzend durchbrechen Gigantischer Felsen Ehernen Wall: So flamme sie schäumend Und siegend umspanne Mit allmächtigen Armen Sie Zeiten und All! Laß andere langsam, In erwogenem Wandel, Die Pfade schreiten, Die ihnen gezeichnet Ein auglos Geschick: Mit blitzender Brünne, Im Blicke Flammen, In der Seele die Freiheit, Laß uns erringen Das heilige Ziel! Laß andere fahrten Den Nacken gebeugt Und ängstlich das Auge, Das entgeistete, stumme, Zu Boden gekehrt, Von tauben Lasten Die Seele beschwert – Wir sind die Sieger! Des Weltalls Weiten Durchfühlen in kühnen Gedankenfahrten Wir glückliche Wandrer! Und furchtlos schreiten Wir durch der Zeiten Rätselumgürtetes Riesentor – Nur höher und höher Zu dir, o leuchtende Sonne, empor! Wir sind die Sieger! 2. Wie bist du plötzlich über mich gekommen, Du Zug der Sehnsucht, der mich mächtig packt? Ich war so lustig mit dem Strom geschwommen Und ward so zahm, voll Höflichkeit und Takt! Weit hinter mir lag all mein unstet Brausen, Der »gute Ton« ward mir Respektsmoment ... Ich fügte mich und machte keine Flausen Und ward – »vernünftig«, wie man das so nennt ... Ich saß mit Hinz und Kunz an einem Tische Und der Beschränktheit reichte ich die Hand ... Und ruhte nicht, bis ich auf einem Wische Verbürgt, verbrieft mein – Lob der Narrheit fand. Da hatten sie es sauber hingeschrieben, Auf Pergament, verbrämt voll Phantasie: Ich wär' auf rechten Wegen stets geblieben Und hätte ebenso gedacht wie sie ... Und hätte ebenso wie sie gelogen – War's auch ein wenig anders ausgedrückt – Und hätte ebenso wie sie betrogen, Wär' ebenso wie sie herumgekrückt ... (Natürlich gab's auch hierfür andre Worte, Doch war der Sinn derselbe, denk' ich, wohl! ...) Und unterweil verschrumpft' ich und verdorrte, Und die Gemütlichkeit ward mein Idol! So ging auch heute mir der Tag zu Ende, In blödem Einerlei vertan, verbracht ... Da lodert's plötzlich auf wie Feuerbrände In meiner Brust in stiller Mitternacht! ... Da plötzlich schäumt es auf wie Katarakte – Es schreit der Sturm und peitscht mein totes Blut – Und vor mir steht die Wirklichkeit, die nackte: Ich war ein Sklave unter Sklavenbrut!. .. Was ich verhöhnt, verlacht, mit Recht verachtet Dereinst, als jung mein Herz und lauter noch: Ich hab' es jahrelang voll Fleiß ertrachtet Und manchmal war's, daß ich zu Kreuze kroch! Und manchmal war's, daß ich den Geist geschunden, Daß er wie auf der Marterbank gestöhnt – Da lag er, überdeckt von tausend Wunden, Der arme Kerl, vom Pöbel strohgekrönt! ... Und endlich dann – dann hatt' ich ihn bezwungen Und ihn geknechtet mit Verräterhand – Das Kunststück war mir ganz famos gelungen: Daß schließlich alles ich – »natürlich« fand! ... Und nun! Und nun! O feueräugig Wunder, Das sich herausgebar aus nächt'gem Schoß! Vor mir zerstäubt der taube, tote Plunder Und zu der Freiheit ringe ich mich los! Ich find' sie wieder, all die alten Pfade, Ein überirdisch Licht beflammt die Spur – Durch eines neuen Geistes Huld und Gnade Kehr' ich zurück zur Wahrheit und Natur! Ich kehr' zum Leben und zu seinen Quellen, Sein wahres Wesen gibt sich heiter kund, Vor meinem Blick will sich das Tiefste hellen Und offen liegt mir aller Dinge Grund ... In mächt'gen Wogen rollt in Herz und Hirn mir Die Kraft zurück, die neu den Kampfgebiert! Der Muskel knollt, graniten wird die Stirn mir: Mir ward der Geist nun, der sich nicht verliert! 3. Abseits war ich gegangen, Wo in die Wildnis, In aufgehügelte, todstille Wildnis, Sich die Pfade verlieren – Wo Menschenwesen Und Menschensprache Unheimisch dem krautkargen Felsen Und der nackten Steinklippe, Den verzwergten Halmen, Die spärlich sprießen Zu Füßen der Hügel ... Wo die Einsamkeit wohnt Und die Weltentsagung, Ihre ernstere Tochter ... Und abgetan hatt' ich Menschenwahn Und Menschenschicksal ... Zwiesprach nur hielt ich Mit dem zeitzergleisten Gestein, Mit dem Winkelgestrüpp Und den Wolken des Himmels Und mit dem ewigen Gott, In dem ich war Und der in mir war Vom Morgen bis zum Abend Und wiederum vom Abend Bis zur Frühe, Wenn das aufzuckende Morgenrot Falbe Farbenbündel In meine Siedlung warf Und ich aus Träumen mich hob – Aus Träumen von Gott Und zeitlosem Sein ... Und ich atmete die Gedanken Des unendlichen Geistes – Seines Wesens Hauch Durchleuchtete mich, Und ich wuchs in ihm Und wachsend überwand ich Die Welt und das Schicksal, Und begreifend verging ich Leicht wie die Windspur ... Und lebend und lernend Starb ich schmerzlos ... Da aber mahnte der Ewige mich Verschollener Stunden, Und verschollener Stunden Kern und Bedeutung Enthob sich aus Tiefen, Drin sie versunken, Als ich die Menschen ließ Und ihres Wandelns Verwirrte Fragmente ... Und Er sprach zu mir Mit dem Geiste der Zeit, Die war und bedingt war: Nicht taugt es dem Menschen, Daß er mich spüre, Wo ich der Erde Versagt den Genossen Und Sünde und Reue ... Denn hier betastet Mich keines Finger, Und da die Einöde haust, Stirbt des verirrten Gottsuchers Seele Lebend in mir, Wie ich lebe, Dem Sein entkeimend Und auch dem Nichtsein ... Aber nur der in Nöten gesündigt, Errät des Todes Tieferen Sinn Und schlürft seines Lohnes Köstliche Fülle ... Also hebe dich auf Und, Dank im Gemüte Und Erlösungssehnsucht, Schreite hinab Und mische dich wieder Unter der Menschen Rätselgeschlecht ... Und wieder werde Menschensatzung Allstündig die Richtschnur Und maschiges Netzwerk, Drin sich verhaken Gedanken und Triebe, Sündengebärend Zugleich und entsühnend! ... Und ich ging von dannen Und stockender Stimme Entgrüßt' ich die Gräser Und den krautkargen Steinsitz, Die Wolken des Himmels Und die Siedlung ließ ich Dahinten verdämmern ... Den Menschen gesellt' ich mich wieder – Den Menschen der Stunde, Und irdisches Maß, Ziel und Bedingnis Umschnürten mich wieder Und lehrten mich wandeln Auf Menschenpfaden ... Doch Menschenpfade Bewuchert die Sünde, Und die Sünde meistert Die Kreaturen ... Denn sie bedeutet Folge und Satzung ... Und sie zu begreifen, Und sie zu erfüllen Ist menschlich zugleich Und göttlich groß ... Denn nur das Leben Gebieret die Sünde, Aber die Sünde, Die du begriffen, Gebieret den Tod Und seiner Krone Stolzes Bewußtsein ... Nur der gesündigt In Lebensnöten, Errät des Todes Tieferen Sinn Und schlürft seines Lohnes Köstliche Fülle ... Und die Fülle ist Kraft, Und sie lebt in mir Bis zum Ende der Tage ... Ich ward ein Mensch Und entdeckte den Himmel! 4. Die Flut ist nun verbrandet, Der Sturm ist nun verdröhnt – Ich aber bin gelandet, Wo Liebe still versöhnt! Wo Liebe leise atmet Und mir den Kummer ebbt, Den ich durch Staub und Schlachtendampf Tagüber mitgeschleppt. Es hat die Wunderaugen Die Nacht erschlossen weit, Und meine Blicke saugen Sich in die Ewigkeit. Mir ist, als hört' ich schlagen In mir das Herz der Welt, Als wär' ich, ird'scher Grenzen bar, Dem Ew'gen zugesellt ... Wie dünkt mich Menschentrachten So zwerghaft nun und klein! Ein großes Weltverachten Zieht in die Brust mir ein! Am Schild des Schrankenlosen Zerbröckelt, was bedingt! Was mich im Tagesschwall bewegt, Zerfällt nun und versinkt! Die Flut ist nun verbrandet, Der Sturm ist nun verdröhnt, Ich aber bin gelandet, Wo Liebe still versöhnt! In goldner Flut entquillt sie Dem Universums-Kern, Und ihren Schleier spannt sie aus Durch mich von Stern zu Stern! 5. Mein Herz ist voll Sonne, Voll Sonne so ganz ... Kaum, Daß einstiger Schmerzen Rückführender Traum Leise mich streift ... Es reift Alles, was ich besitze, Zu köstlicher Nahrung, Kommender Blitze Satte Bewahrung ... Mein Herz ist voll Sonne, Voll Sonne so ganz ... Um die Schläfen mir schlingen Die glücklichen Götter Den olympischen Kranz ... 6. Purgatorio Zieh ein, o Schmerz, Und weihe dies Herz, Das lange sich deiner gewehrt hat! Und in flammendem Groll Gegen des Lebens Zoll, Gegen deine Macht sich empört hat! Zieh ein, o Schmerz, Und läutre dies Herz – Ich geb' es besiegt dir zu eigen! Und erbarmungslos Entlös deinem Schoß Der Qualen nachtlockigen Reigen! Zieh ein, o Schmerz, Und heil'ge dies Herz – Furch deine Flammenspuren! Was morsch ist, zerbrich, Bis das Gemeine entwich, Und die Flitter von dannen fuhren! Zieh ein, o Schmerz, Und pflanze ins Herz Der Weltenrätsel Erkenntnis! Was gesucht ich so lang In glühendem Drang, Entschleire in ernstem Geständnis! Zieh' ein, o Schmerz, Entsünd'ge dies Herz – Ich geb' es besiegt dir zu eigen! – Bis in flammender Pracht Aus Schlünden der Nacht Der Erlösung Sonnen mir steigen! ... 7. Es rauscht um mich leis und geheimnisschwer Der Mitternacht phantastisch Tönemeer ... Wie Nebelschatten, wie ein Geisterreigen, Entsteigt es flutend dem geschwätz'gen Schweigen ... Die Wehr, die ich durch Markt und Gassen trug – Nur eine Zahl im großen Kriegerzug, Der lebenstrotzig ringt um karge Spenden Mit derben Fäusten, hagern Bettlerlenden; Gesichtern bleich, hohlwangig, schmerzzerwittert, Von der Vergängnis Pestgestank umzittert; Gepackt von der Verzweiflung Geierklauen, Gepeitscht von dürrer Armut Geißeltauen – Die ich in diesem Sturme trug, die Wehr: Ach solch ein Kerl! Ein Kampflegionär! Auch solch ein Held! Ein armer Proletar! Düsteren Auges ... mit wirr strupp'gem Haar, Zerdachter Stirne, schwärenschwerem Leib, Gehüllt in Fetzen, zunderdünn Gestäub – Auch solch ein Rüttler, Zweifler, Schrankenbrecher, Ein Meuterer, Rebell und » auch « ein Rächer – Und nochmals einer, der, was sakrosankt In tiefstem Marke dennoch fault und krankt – Was reich verbürgt, bestätigt und verbrieft Dennoch von grenzenlosem Unrecht trieft: Zerbricht – von einem neuen Geist getauft, Nicht zum Verrat mit rotem Gold erkauft – Solch ein Gesell in hartem Tagesringen, Im Kampf mit Wahnpropheten, Finsterlingen: Leg' ich die Wehr von mir um Mitternacht, Wenn es um mich wie Geisterruf erwacht ... Wenn es zu mir in die Mansarde tritt: Das hohe Weib mit traumhaft leisem Schritt ... Schwer fließt sein Haar in goldnen Wellen nieder, Auf seinen Lippen liegen ew'ge Lieder ... Von seiner Stirne flammen Gottgedanken – Weltüberwindend, sprengend alle Schranken ... Und mit der hoch erhobnen Rechten weist Es in die Zukunft – und es jauchzt mein Geist! ... Denn folgend diesem Zeugnis seiner Gnade Enthüllt mein Auge neue Zukunftspfade, Die ich gesucht tagüber, doch nicht fand, Dieweil die Lippe sog nur dünnen Sand ... Von der Erkenntnis hellem Glanz umsäumt, Liegt's deutlich vor mir, was ich nur geträumt ... Die Nebelfetzen in die Tiefen sanken, Zerweht von meines Geistes Lichtgedanken! ... Sei mir gesegnet, dreimal heilig Weib – Gehört dem Tage auch mein Sklavenleib – Mein Leib, von enger Waffenwehr umschnürt: Ist's doch mein Geist, der deinen Odem spürt! ... Der dich begreift von Inbrunst hingerissen, Dem einz'ge Leuchte du in seinen Finsternissen ... Kniet doch mein Geist vor deiner Majestät, Wenn ihn dein Schöpferodem leis umweht! ... Was mich erniedrigt, an den Staub gebannt, Du nimmst es von mir mit allgüt'ger Hand ... Und meine Schwingen, die der Marktlärm bog, Du reckst sie sanft zu neuem Fluge hoch ... Und meinen Sinn, den in die Enge zwang Des schrillen Tages heißer Ueberschwang: Du weitest ihn, daß er das All versteht Und nicht zerstückt im Kleinen untergeht! ... Daß er im Wandel, was da bleibt, begreift – Aus der Verstäubnis zu der Freiheit reift! ... O Weib, hochheilig mir, gebenedeit, Mittlerin zwischen Tag und Ewigkeit: Du tönst die Botschaft aus der nächt'gen Stille – Und Heiterkeit sprießt aus der Gnadenfülle! ... Ja, heiter ward ich! Heiter wie das Licht, Das aus der Nacht verborgnen Quellen bricht! ... Es knüpfen sich zur Einheit die Gewalten, Draus aber will die Freiheit sich gestalten! ... Und ruft der Tag mich wieder auf den Markt: Wuchs nächtens ich, bin nächtens ich erstarkt! 8. Was mir die Brust so wundermächtig schwellt, Was mich durchzuckt in ungestümem Fühlen: Das ist: daß ich zu neuen Heilsasylen – Daß ich gelandet bin zu einer neuen Welt! Was viele Monden, viele Jahre lang Mir still genügt in engumschränkter Richtung – Ich warf es von mir – eine neue Lichtung Erschloß sich meines Herzens Feuerdrang! ... So atme auf denn, qualzerspaltne Brust – Was unaussprechlich, wurde dir zu eigen! ... Nun hülle dich in tiefgeheimes Schweigen – Der Welt Geheimnis wurde dir bewußt! ... Der Dinge Wesen und der Dinge Grund: Erfahren hast du es mit seltner Fülle! Vor meinem Auge fiel die letzte Hülle Und von dem Zweifel ward mein Herz gesund ... Ein neues »Werde!« – es kam über mich, Und gottgewaltig klang es mir zu Ohren: Was ich besaß, das habe ich verloren – Doch was ich bin, besitze ich! 9. O köstliche Stille der Einsamkeit! Es schweigen Nähe und Weite ... Doch in mir wogt es und braust es wie Sturm – Klingt es wie Glockengeläute! ... Glückauf! Die große, die herrliche Zeit Strömender Frühlingsgefühle: Wieder bricht sie mit Macht herein – Lädt mich zum Waffenspiele ... Den Zelter schnür' ich – ich schärfe mein Schwert: Noch spür' ich Jugendgemutung! Die Winterklage sei abgetan – Die Sehnsucht nach stiller Verblutung! Nicht sterben will ich im Dämmerasyl, Umkreuzt von Nebelphantasmen – Nicht sterben will ich verwelkt und zermürbt, Umdünstet von Fiebermiasmen! Wo aus feuchter Scholle des Frühlings Blut Treibt lichtgrüne Ranken, Will ich mich betten und atmen tief – Atmen des Frühlings Gedanken! ... Will lauschen der Wiesenwasser Gesang – Will wiedergeboren mich heben: Im Auge Flammen, den Muskel gestrafft – Will leben, leben, leben! Weißt du, verschüchterte Kreatur, Was Leben heißt und bedeutet? In den blühenden Frühling tritt hinaus, Wo die Welt dem Auge sich weitet! ... Da wird dir so groß, so siegreich ums Herz – Da fühlst du ein köstlich Erbeben – Ein Hauch von der Größe der Schwärmerzeit – Ein einziges Schwellen und Leben! ... Dann sprengst du die Bande! Dann reckst du dich weit! Dann fühlst du es wogen und gären! Dann fühlst du, wie sich in wildem Drang Eine neue Welt will gebären! ... Und jauchzend schreist du dein Dankgebet, All-eins mit den Weltengewalten: Fühlst du dich selig, fühlst du dich stark – Spürst du die Kraft zum Gestalten! ... Zurück, ihr Schemen der Alltagswelt! Zerfließt vor dem Frühlingswunder! ... Was ich geschaut, ist Unsterblichkeit – Ihr aber seid nichtiger Plunder! ... O wonnige Stille der Einsamkeit – Es schweigen Nähe und Weite ... Doch in mir – in mir klingt es wie »Sieg!« – Tönt es wie Ostergeläute! ... 10. Durch meine letzten Tage Ein seltsam Leuchten ging – Wie helle Botschaft großer Zeit – Wie stummer Schicksalswink: Daß, da die Stunden herbsten, Das Licht auf Abschied sann, Der Sieg in mir vollendet ward, Um den ich rang so hart, so hart, Als Frühlingsstürme krachten, Als Sommernächte wachten – Den ich trotz heißem Trachten, Doch nimmer, nimmermehr gewann! ... Durch meine Brust es säuselt Wie tagende Dämmerung – Und mich ergreift so seltsam süß Schweifender Sehnsucht Schwung! Bald wird es sich erfüllen – Zur Freiheit reift es um! Die letzte Bürde werf' ich hin – Nur eines dünkt mich noch Gewinn – Die Zweifel unterliegen – Mag's brechen oder biegen – Nur eins will ich ersiegen: Der Zukunft Evangelium! 11. Osterpsalm Nun feiert vom Werke! des Alltags Gelüst, Nun bannt es aus Sinnen und Herzen! Und von der Sonne der Liebe geküßt Laßt flammen der Freuden Kerzen! Wir haben gerungen mit schwieliger Hand, Im Werkeltagsstaube geschmachtet: Nun laßt uns vergessen den leeren Tand, Nun laßt uns zünden den Opferbrand, Und der Liebe, die lang wir verachtet, Die ans Kreuz wir geschlagen in frevelndem Wahn, Gekrönt mit Dornengewinden: Wir geben uns heute ihr untertan, Auf daß Erlösung wir finden! Und der Liebe, die lang wir verspottet, verhöhnt, Geeint und versöhnt Erschließen wir heute die Herzen! Und wie im jungfröhlichen Märzen Der Lenz mit allmächtigem Werdeton Durch die Lande ruft, der Sonnensohn, Und die Welt im Auferstehungsgesang Ihm zujauchzt, daß nun die Kette zersprang, Die der Winter ihr wand um die Glieder: Also auch wieder Werfen wir heute weit auf, weit auf Der Seele Pforten: zu Hauf nun, zu Hauf Sammelt euch, Lichtgedanken! Jungblühender Liebe Osterpracht, In Flammen und Gluten zum Leben erwacht Nach bleischwer lastender Winternacht, Heile die Müden und Kranken! Und wenn wir gebangt, gezagt und geklagt, Die Seele zerrissen von Schmerzen – Wir wissen es alle: Es tagt, es tagt, Und in lichtgrünem Gekränz' Wandelt der Lenz, Wandelt der heilige Osterlenz Heut durch die Lande und Herzen! 12. Ich beuge mich über dich Und küsse dich Leise – – – In seine Kreise Zog dich der Traum – Du atmest kaum – – – Und was mich zu dir trieb – Was mich wie einen Dieb Zu deinem Lager schleichen ließ: Mein Begehren erstirbt, Hier, wo um mich wirbt Der Keuschheit Paradies ... Als hätte dein Genius mich, Dein Genius, der um dich wacht, Mit leisem Fittich gestreift: So bebt mir das Herz ... Nur wer das Heil'ge begreift In still verschwiegener Nacht, Der hat vollbracht – Und von ihm wich Jedwede Sünde, Jedweder Schmerz. .. 13. Gebet auf dem Gipfel Höhen gabst du mir, Vater, Höhen – Mittagshöhen des Lebens! Da ich größer war, denn du, Und göttlicher! Denn ich begriff dich, Allesempfindender! Denn ich begriff dich Und deiner Gedanken Weite Wunder! Ich strömte in dir aus Meiner Gefühle Katarakte! Vater! Da stand ich auf Höhen Und empfand alles! Und verstand alles! Des Gebärers qualvolle Wollust Und deines Seelenbrunnens Ewige Unergründlichkeit! Höhen gabst du mir, Vater, Stolze Höhen erklomm ich! Uebermenschliche! Vater! Ich zittere nicht – Ich bange nicht, Denn ich ward wie du! Vater! Gib mir Tiefen! Tiefen, Vater, Tiefen! Laß mich des Staubes Eingeweide durchwühlen – Drücke Mund und Stirne Tief ein in den dürren, tauben Sand Und zermalme meine Größe! Denn Vater, deine Nähe – Deine reine Nähe, Schmölze die Seele mir in der Brust – Schmölze sie – Und ich zerfiele. Nur der aus der Tiefe Zu dir emporklimmt, Mächtig erbebend, Wird wie du – Wird du! Denn nur ein neues Hinab Gebiert ein neues Hinauf – Und nur im Wechsel Vollendet sich die Erkenntnis! Denn bin ich nicht du – Und bist du nicht ich? Ruhlose Ruh Bis zum letzten großen Gedankenstrich ... 14. Triumph des Uebermenschen Schaust du die Sterne, vergißt du der Wesen, Die zu Füßen unzählig dir wimmeln: Unter ewigen, ehernen Himmeln Wirst du vom Reiche der Schatten genesen! Schicksalgekrümmter Staubbestimmter! Raffe mit kühnen Freierhänden Ihre Rätsel in deine Brust – Und du wirst in stolzer Lust Deines Wanderns Fragmente vollenden! Sterblicher! Sprich mit der Ewigkeit! Sterne geben dir ihr Geleit – Brennen auf deinen Scheitel nieder – Gießen Ströme des Segens aus: Daseinsfreude hebt die Lider – Türmet die Quadern des neuen Baus! Siehe! Unter dem Baldachine Ewiger Unermeßlichkeit Heitert sich des Dulders Miene! Golgathas blutrotes Schmerzenskleid Färbt sich zu weißem, bläulichem Glanze – Himmelsprache: köstlich Kristall, Drin sich erklären die Stäubchen im Tanze – Draus sich enthüllt das erlösende All! Sterblicher! Hüte den Schatz, den einen, Drin sich Leben und Tod vermählt – Drin sich Sünde und Gnade vereinen – Und deine Schmerzen sind gezählt! Sterblicher! Deine Schmerzen verfliegen – Deine Tränen saugt der Sand: Ueber die Kleinheit wirst du siegen, Da dich die Größe übermannt! Glaubst du den Sternen, vergißt du der Schatten, Die dir zu Füßen in Knäueln sich winden: Die sich der Kraft nie verloren hatten, Werden in der Kraft sich nie wiederfinden! 15. Wiedergeburt Fall ab von mir, du gottverfluchte Sünde! Fall ab von mir, wie mürber Blätter Spreu! Auf daß die Welt ich endlich überwinde – Auf daß ich endlich – endlich Frieden finde! Erhebe dich, du trotzig starker Leu Der Weltentsagung – recke dich empor, Zerbrich die Schranke, die dich hält, in Splitter! Ihr Osterwinde rauscht, ein Feierchor! Aufsprang mir der Erkenntnis Sonnentor: Entsagt hab' ich jedwedem Tand und Flitter! 16. Vollbracht Durch webenden Nebel ging ich zur Nacht. Da kam mir, Christus, dein Wort in den Sinn – Dein Wort am Kreuze: Es ist vollbracht! – Und seine Tiefe nahm mich hin ... Ich riß dich zu mir! – Scharf klang mein Schritt – Ich riß dich zu mir – ein gläubiges Kind! – Und was ich in Lebensängsten litt: Hinstarb es wie flüsternder Abendwind ... Bunt kreuzte der Nebel phantastischer Kreis. Ich ging durch die stille, die atmende Nacht – Da kam es von meinen Lippen leis: Es ist vollbracht!