Die fünf Sinne 1. Das Gesicht 1. Daß GOTT dieses Rund der Erden, Wie uns Schrift und Bibel lehrt, Durch ein Wörtchen lassen werden, Ist ja wohl Erstaunens werth: Doch nicht minder ist zu preisen, Daß in zween so kleinen Kreisen Alles, was der grosse hegt, Sich in unsre Seelen prägt. 2. Wie ist doch von allen Dingen, Menge, Maaß und Zahl so groß, Die in unser Auge dringen; Alles, was der Erden Schooß Und der weite Himmel heget, Wird durchs Aug' uns eingepräget, Alle Cörper, wie es scheint, Sind mit uns durchs Aug' vereint. 3. Was der Erden Gräntzen fassen, Muß sich durch besond're Kraft Von zwey Pünctchen fassen lassen; Deren selt'ne Eigenschaft Auch die allergrösten Sachen Dergestalt weis klein zu machen, Daß, was nicht zu messen steht, Ins Gehirn durchs Auge geht. 4. Wie so unbegreiflich ferne, Werden Vorwürf' uns entdeckt; Da man selbst bis an die Sterne Durch das Auge sich erstreckt. Durch das Auge können Seelen Mit dem Himmel sich vermählen, Selbst der Sonnen Sonnen-Licht Sieht die Seele durchs Gesicht. 5. Aug', in deinen engen Schrancken Sieht man, was das Hertze spricht. Rege Zunge der Gedancken, Witz des Cörpers, Seelen-Licht, Richter der Vollkommenheiten, Spiegel aller Seltsamkeiten, Die der Erd-Kreis in sich hält, Führer der sonst blinden Welt! 6. Göttlichs Glied, kein Strahl, kein Blitzen Theilt die Luft so schnell, als du. Du bleibst, wo du sitzest, sitzen, Fliegst und stehst in steter Ruh: Alle Bilder, die der Seelen Sich so wunderbar vermählen, Was Verstand und Weisheit weis, Zeugt dein Strahlen-reicher Kreis. 7. Wer auf dieses Wunder achtet, Wenn der Seelen rege Kraft Durch das Aug' ein Aug' betrachtet; Wird fast aus sich selbst gerafft, Weil er mit Erstaunen siehet, Wie sich die Natur bemühet, Und so unschätzbaren Schatz Schliesst in solchen kleinen Platz. 8. Im Gehirn, der Nerven Quelle, Wird der Mittel-Punct gezeugt, Der sich von der Ursprungs-Stelle In zween zarte Gänge beugt, Draus die aufmercksamen Augen Die Bewegungs-Kräfte saugen, Daß daher, wenn eins sich regt, Auch das andre sich bewegt. 9. Unsrer Augen wässricht Wesen, Samt der Haut, ist ungefärbt, Damit, was wir sehn und lesen, Nicht verändert, nicht verderbt Unsrer Seele scheinen möchte; Sie also nur fälschlich dächte, Wie, wenn wir durch Gläser sehn, Die gefärbt, pflegt zu geschehn. 10. Hinter einem jeden Kreise Findt sich eine schwartze Wand, An der, auf besond're Weise, Da sie gleichsam ausgespannt, Durch die wässrichten Krystallen Mancherley Gestalten fallen, Wann das Licht, so sie bestrahlt, Tausend Bilder daran mahlt. 11. Linsen gleich zu beyden Seiten, Zur Beförderung des Lichts, Wollt' es die Natur bereiten, Daß die Strahlen des Gesichts, Die vom Gegenstand erscheinen, Sich in einen Punct vereinen, Daß durch doppeln Gegenschlag Alles deutlich scheinen mag. 12. Beyde Träubchen in den Augen Haben solche seltne Kraft, Daß sie sich zu öffnen taugen, Und, nach Muskeln Eigenschaft, Wiederum zusammen ziehen. Dieses, wenn sie sich bemühen, Starckem Lichte zu entgehn, Das, um in die Fern' zu sehn. 13. Alles dieses kann man weisen; Aber, wie das Auge sieht, Ob das Sehn in seinen Kreisen, Oder ausserhalb, geschieht; Davon, wie von vielen Sachen, Ist kein fester Schluß zu machen, Vielen scheint es, wenn wir sehn, So, wie folget, zu geschehn: 14. Unser Auge treibt zusammen Alle Geister, die es braucht; Seine Strahlen sind wie Flammen, Die der Geist stets von sich haucht, Die, in Form der Flammen-Seulen Allzeit aus den Augen eilen, Wodurch es uns ins Gemüth Allerley Gestalten zieht. 15. Hat man auf verborg'ne Weise Dieses Feuer weggesandt, Und es findet auf der Reise Einen dichten Gegenstand, Wovon lichte Theilchen springen; Wird es diese rückwärts dringen, Und die prall'n im Augenblick, Durch den Gegenstand, zurück. 16. Da spürts, durch besond're Künste, Seines Gegenstandes Bild, Welches gleichsam als durch Dünste Stets aus allen Cörpern quillt, Sich beständig draus erhebet, Und auf allen Flächen schwebet: Da, spricht man, sieht das Gesicht, Aber in dem Auge nicht. 17. Ich hingegen könnte weisen, Wie das Fühlen, wenn ich seh', In der Augen regen Kreisen Und beym Vorwurf nicht gescheh', Wie die Bildung aller Dinge Durch das Licht ins Auge dringe, Welches wenn man es betracht't, Dieß Exempel glaublich macht: 18. Alle Cörper auf der Erden, Die rund, glatt und dunckel seyn, Wenn sie recht betrachtet werden, Haben einen kleinen Schein: Dieser fänget, wie ein Spiegel, Wälder, Wolcken, Thal und Hügel (Wenn die Sonn' auf selbe strahlt) Als wenn sie darin gemahlt. 19. Ja bey aufgeklärtem Wetter Hab' ich einst von ungefehr, Wie sich Felder, Bäume, Blätter Gar in einer Heidelbeer Fast unsichtbars Scheinchen drückten, Ihn mit Farb' und Zeichnung schmückten, Unvergleichlich, rein und schön, Mit Erstaunen angesehn. 20. Wie nun solche Bilder fallen Auf was dichtes; also fällt In die gläntzenden Krystallen Unsrer Augen, was die Welt Durch die Sonne sichtbar heget! Daß sich aber in uns präget, Kommt, weils sich durchs Auge spielt, Da der Sinn die Bilder fühlt. 21. Welches nun von beyden Theilen Unrecht sey, und welches wahr, (Wenn wir uns nicht übereilen) Ist nicht eben allzuklar. GOTTES Wege sind verborgen: Darum will ich minder sorgen, Wie die Wunder zu verstehn, Als erfreut sie anzusehn. 22. Mit wie vielerley Geweben, Adern, Nerven, Fleisch und Haut Ist durchflochten und umgeben Das, was man im Auge schaut! Grosse Fäden, kleine Körner, Netze, Knoten, Trauben, Hörner, Häutchen, zähe Feuchtigkeit, Dämmerung und Dunckelheit; 23. Geister, Wasser, Blut-Gefässe. Nimmer, nimmer glaubte man, Daß so viel im Auge sässe, Als man kaum erzählen kann. Mäuslein, Häute, Nerven, Drüsen Werden uns darin gewiesen. Kurtz: Es wird des Schöpfers Hand Wunderbar im Aug' erkannt. 24. Ferner sind die edlen Glieder Mit sechs Muskeln noch versehn; Da das Paar der Augenlieder, Die bald auf- bald nieder gehn, Durch ihr nimmer müdes Regen, Und ihr ewiges Bewegen, Macht, daß Kälte, Staub und Wind Nie den Augen schädlich sind. 25. Daß kein Zufall es verletzen, Keine Noth ihm schaden mag; Hats der Schöpfer wollen setzen Unter ein gewölbtes Dach: Wo der Augenbraunen Bogen Sich zur Zierde vorgezogen, Unter deren halben Kreis' Es von keinem Schaden weis. 26. Ja daß uns das Licht nicht möge Hinderlich am Schlafe seyn, Schützet GOTT, durch diese Wege, Unser Aug' vor dessen Schein, Da vor des Gesichts Krystallen Sie recht wie ein Vorhang fallen, Der sich früh, damit man sieht, Wunderbar zusammen zieht. 27. Wer kann ohn' Erstaunen fassen, Wie die Augen-Lieder sich So geschwind bewegen lassen; Seht doch, wie verwunderlich GOTT den Augen einen Bogen In den Liedern vorgezogen; Der so nett aufs Aug' sich schickt, Das er drückt, und doch nicht drückt. 28. Diese sind mit kleinen Spitzen Und sehr zartem Haar versehn, Sie für Staub und Schweiß zu schützen, Da die obern aufwärts stehn, Und die untersten hingegen Sich ein wenig abwärts legen; Aufmercksames Auge, merck Auch auf dieses Wunder-Werck! 29. Hüben sich die Augenlieder, Durch die Muskeln, selbst nicht auf, Sondern süncken immer wieder, (Ach man achte doch darauf!) Wie erbärmlich würd' es lassen, Wenn man sie mit Händen fassen, Und erst aufwärts schieben müst'! Mercks, verstockter Atheist! 30. Der du keine Gottheit gläubest, Und bisher verblendet bist, Wo du hier im Irrthum bleibest, Und dieß Wunder nicht ermist; So willt du mit Fleiß nichts sehen. Kann dieß von sich selbst geschehen? Zieht sich selbst von ungefehr Wohl ein Vorhang hin und her? 31. Daß die Trockenheit nicht wehre Die Bewegung dem Gesicht, Ist im Auge manche Röhre Wunderbarlich zugericht't, Welche stetig Feuchtigkeiten Unterm Lied' aufs Auge leiten: Darum, weil es glatt verbleibt, Nicht versehrt wird, noch sich reibt. 32. Daß hiernächst, durch stete Güsse, Unser Aug' ohn' Unterlaß Nicht in Thränen stehen müsse: Wird ein überflüssigs Naß, Wie man es beständig spüret, Durch die Nase weggeführet, Welches, da es so verseigt, Eine grosse Weisheit zeigt. 33. Daß auch, jedes Ding zu sehen, Welches man zu sehn gedenckt, Man den Kopf nicht dürfte drehen; Wird das Auge selbst gelenckt Auf so wunderbare Weise, Bloß durch Muskeln rings im Kreise Rechts, lincks, auf- und unterwärts, Sonder Müh, und sonder Schmertz. 34. Schaut die Weisheit und das Lieben Unsers Schöpfers, der dem Licht Solch Gesetze vorgeschrieben, Daß es sich im Wasser bricht. Daß die Strahlen folglich taugen, In dem Wasser unsrer Augen Sich zu brechen: Da die Spitz' Alles zu verkleinern nütz. 35. Wie sich, durch des Lichtes Strahlen, Durch ein Glas im dunckeln Ort, Alle Bilder deutlich mahlen; So begreift man alsofort, Daß, zu diesem Zweck alleine, Eine wunderbarlich kleine Zierlich-runde schwartze Wand In den Augen ausgespannt. 36. Drauf viel tausend Schildereyen Schneller, als der schnellste Blitz, Sich formiren, sich zerstreuen, Und sich in der Seelen Sitz Ehe noch, eh wirs gedencken, Durch das kleine Nervchen sencken, Da denn, was so lieblich scheint, Mit der Seele sich vereint. 37. Doch das herrlichste von allen, Das verwirrt Verstand und Witz, Sind die strahlenden Krystallen, Die des Lichtes Thron und Sitz. Helle Circkel, kleine Sterne, Die ihr so was nah als ferne Unterscheidet; euer Schein Scheint was Göttliches zu seyn! 38. Sollten alle diese Sachen Wohl von ungefehr geschehn, Oder, um sie nachzumachen, Sich wohl Künstler unterstehn, Sie aus Fischen, Fleisch und Speise Auf so wunderbare Weise Zu formiren? Sehet dann GOTTES Werck in ihnen an! 39. Daß der Sinne Kraft nicht grösser, Stellt ein neues Wunder dar. Sähen unser' Augen besser In der Nähe scharf und klar, Und als durch Vergrössrungs-Gläser Aller Dinge kleinste Zäser; Uebersäh der Augen-Strahl Kaum ein Sand-Korn auf einmahl. 40. Wären gegentheils die Augen Wie ein Fern-Glas zugericht't; Würd' ich zwar zu sehen taugen Manch entferntes Sternen-Licht: Aber Sachen in der Nähe, Die ich itzo deutlich sehe, Würden, auch beym Sonnen-Schein, Dunckel und unsichtbar seyn. 41. Welch Ergetzen, welche Freuden Bringt uns Menschen das Gesicht, Wenn man das, nach langem Scheiden, Was man liebet, sieht und spricht! Denckt, wie das Gesicht uns nützet, Wenns uns für Gefahr beschützet, Die durch Straucheln, Stoß und Fall Uns sonst drohet überall. 42. Wenn wir es genau betrachten, Ist die Kraft von diesem Sinn Mit dem höchsten Recht zu achten, Als der Sinne Königinn, Da ja Künst' und Wissenschaften All' an unsern Augen haften: Künstlich, ja gelehrt, zu seyn Wirckt fast das Gesicht allein. 43. Alles würd' uns Menschen fehlen, Fehlt' uns Menschen das Gesicht. Ja wenn wir von ihm erzählen, Daß es unsers Leibes Licht, Ist es wahr; doch wird mans können, Gar ein Licht der Seele nennen, Weil es uns, wenn man studirt, Auf den Weg der Weisheit führt. 44. Daß wir ferner durch die Augen In des Himmels Abgrunds-Thal Deutlich zu erkennen taugen Sonnen, sonder Maaß und Zahl: Daß wir in dem Heer der Sternen GOTTES Grösse kennen lernen, Ist ein Wunder, welches man GOTT nicht gnug verdancken kann. 45. Könnten wir es dahin bringen, Daß man (ach daß es gescheh!) GOTT durchs Aug' in allen Dingen Immer gegenwärtig seh! GOTTES Weisheit, Lieb' und Stärcke Zeiget sich durch aller Wercke Künstlichen Zusammenhang, Lieblichen Zusammenklang. 46. Wer die Wunder nicht erweget, Die in uns, der kleinen Welt, GOTT uns in das Auge leget, Und vor Kleinigkeiten hält; Ach daß der bedencken wollte, Wenn ihm etwas mangeln sollte, Wie sein Schad' und seine Pein So empfindlich würden seyn! 47. Alle Schönheit dieser Erden, Selbst der Sonnen Wunder-Pracht, Würd' in nichts verwandelt werden, Und in ewig finstre Nacht: Allen Dingen, die wir sehen, Würde die Gestalt vergehen: Alles wär' und wäre nicht, Fehlt' uns Menschen das Gesicht. 48. Unbedachtsames Gemüthe, Sprich, kommt dieß von ungefehr, Oder aus der Macht und Güte Eines weisen Wesens her? Sprich: Verdienen solche Wercke Nicht so viel, daß man sie mercke? Wers Geschöpfe nicht betracht't, Schändet seines Schöpfers Macht. 2. Der Geruch 49. Nach Erforschen, Sehn und Achten Auf der Augen Trefflichkeit, Wollen wir nun auch betrachten Des Geruchs Beschaffenheit; Drinnen, wenn wir ihn ergründen, Wir nicht minder Wunder finden, Weil auch den kein Witz, kein Fleiß Fasst und zu begreifen weis. 50. An der Augen rege Spiegel Grentzt und theilt der Wangen Feld Ein erhab'ner kleiner Hügel. Dieser, wie ein Pfeiler, hält Die gewölbten Augenbrauen: Hier kann man zween Wege schauen: Dadurch drenget durch die Stirn Der Geruch sich ins Gehirn. 51. Halb von Knorpel, halb von Knochen Ist die Nase zugericht't, Daß sie, wär' sie leicht gebrochen, Nicht verstellte das Gesicht. Doppelt sind die offnen Thüren, Den Geruch nicht zu verlieren, Wenn vom Schleim von ungefehr Eine wo verstopfet wär'. 52. Ferner dienen diese Röhren, Die zu zarte Feuchtigkeit Des Gehirnes auszuleeren; Ja noch grössre Nutzbarkeit Spürt man von dem Athem-ziehen, Wenn durch der Natur Bemühen Luft durch ihre Röhren fährt, Und dadurch die Lunge nährt. 53. Wo nicht Luft ist, riecht man nimmer. Welche Weisheit! darum steht Der Geruch da, wo fast immer, Luft im Athem in uns geht. Um die Eigenschaft der Speisen Auch zugleich mit anzuweisen, Naht der Mund der Nase sich, Welches recht verwunderlich. 54. Wenn der Speise Lieblichkeiten Unsre Zung' erst rühren muß, Hat man im Geruch von weiten Schon von Cörpern den Genuß. Schicken in Proventze Kräuter Zwantzig Meilen, ja noch weiter, Ihren Duft-Geruch ins Meer Nicht von ihren Küsten her? 55. Wie sich der Geschmack entdecket Mehr, wenn man die Cörper theilt; Also was in Cörpern stecket, Welches riecht, wird eh' ereilt Und durch den Geruch empfunden, Wenns durch Reiben ist entbunden, Und beweget wird: Den Brauch Mehren Wärm' und Feuer auch. 56. Ein zu heftiges Bewegen, Auch die Kält' und Feuchtigkeit Hindern den Geruch; hingegen Macht der Bluhmen Lieblichkeit Uns, bey aufgeklärten Tagen, Ein weit grösseres Behagen, Als wenns Wetter kalt und feucht. Dann verspürt man sie nicht leicht. 57. Ueber alle diese Kräfte Ist in ihr die gröste Kraft, Und ihr nützlichstes Geschäffte Des Geruches Eigenschaft; Wodurch sie aus allen Dingen Weis den Geist heraus zu bringen, Den, so bald sie ihn vespührt, Sie nach dem Gehirne führt. 58. Massen denn die innern Theile Wunderbarlich zugericht't: Daß nicht in zu schneller Eile Dampf und Luft das Hirn vernicht't; Muß, was ins Gehirn will dringen, Durch ein Sieb vorher sich zwingen, Welches hier an diesem Ort Mit viel Löchern durchgebohrt. 59. Ferner muß die Luft gebrochen Durch ein schwammicht Wesen gehn, Welches denn an diesen Knochen Mit Verwund'rung anzusehn. Hier in diesen kleinen Gängen, Da sich Geist und Luft durchdrengen, Wird die Luft, die hier gebracht, Zum Geruch geschickt gemacht. 60. Welche darauf durch zwo Strassen, Die vom zärt'sten Fleisch formirt, Und sich nimmer sperren lassen, Gantz wird ins Gehirn geführt. Hier nun wirckt die Kraft der Seelen, Abzusondern und zu wählen Das, was sie für schädlich hält, Von dem, was ihr wohl gefällt. 61. Wer kann unbewundert lassen, Da die Nasen-Löcher sind Unten weit, mehr Luft zu fassen, Wie man es bey allen findt, Oben aber schmal und enge, Daß der Duft, durch ein Gedrenge Als durch einen sanften Schlag, Mehr das Nervchen rühren mag? 62. Ferner ist noch zu erwegen, Welche Tugend, welche Kraft Unterschied'ne Cörper hegen, Deren seltne Eigenschaft Stets die Luft, die sie umhüllet, Mit Geruch und Dünsten füllet, Die sie recht, als wenn es raucht, Doch unsichtbar, von sich haucht. 63. Daß nun von verschied'nen Dingen Der Geruch sich nie verzehrt, Sondern allzeit Dünste dringen, Ist wohl recht bewunderns-werth. Sassafraß kann nach viel Jahren Diese Kräfte noch bewahren, Daß, wenn man ihn gleich nicht rührt, Man ihn doch von ferne spührt. 64. Ein Beweisthum lässt sich hören, Warum nicht der Dunst verfleucht, Obs vielleicht durch eig'ne Röhren Stets Luft wieder an sich zeucht, Und durch and're von sich treibet, Weil dieselbe Schwere bleibet. Wenn, wie lang' es immer liegt, Man dasselbe wieder wiegt. 65. Oder, ob auf selbe Weise Dieser strenge Dunst vielleicht Allezeit in einem Kreise Um den eig'nen Cörper fleucht; Oder ob man könn' erzwingen, Daß der Stoff von allen Dingen, Also auch der Specerey, Gantz unendlich theilbar sey. 66. Daß nun manches süß und sauer, Widrig, lieblich, starck und schwach, Flüchtig und von langer Dauer, Kommt, der meisten Meynung nach, Von der Cörperchen Figuren. Denn was rund, lässt andre Spuren In der schwach bewegten Luft, Als ein mehr gespitzter Duft. 67. Alle Wunder zu entdecken, Alle Kräft' und Seltenheit, Die in diesem Sinne stecken, Ist wohl keine Möglichkeit. Wer kann doch die Kraft verstehen, So wir an den Hunden sehen, Die uns durch die Nas' allein Wunderwürdig nützlich seyn? 68. Daß wir riechen, doch mit Massen, Ist ein Wunder. Sollte man Alle Dünste schärfer fassen, Die man ietzt nicht spüren kann; Würden so viel tausend Sachen Uns Verdruß und Eckel machen, Deren Dampf uns ietzt nicht rührt, Weil man gar zu scharf nicht spührt. 69. Welchen Nutzen in dem Leben Bringet der Geruch uns nicht? Will sich eine Brunst erheben; Nutzt er mehr, als das Gesicht. Manche Gluht wär' ausgebrochen, Hätte man sie nicht gerochen, Und bey Zeit dem Feur gewehrt, Das sonst Hab' und Gut verzehrt. 70. So viel Specerey und Bluhmen, Die unzählbar mancherley, Was in Indien, Idumen Wächst und in der Barbarey, Könnte kein Geschöpf gebrauchen, Und müst', ohne Nutz, verrauchen, Wär' die Nase nicht geschickt, Daß sie sich dadurch erquickt. 71. Sprich, verwildertes Gemüthe, Kommt dieß wohl von ungefehr Oder aus der Macht und Güte Eines weisen Wesens her? Sprich: Verdienen solche Wercke Nicht so viel, daß man sie mercke? Wers Geschöpfe nicht betracht't, Schändet seines Schöpfers Macht. 3. Das Gehör 72. Da wir also auch besehen Des Geruchs Beschaffenheit; Wollen wir nun weiter gehen, Und uns mit Aufmercksamkeit Zu dem dritten Sinne kehren, Auch vom Hören was zu hören, Dessen Nutz und Eigenschaft Von verwunderlicher Kraft. 73. Die Natur hat unsern Ohren, Wie uns die Erfahrung zeigt, Einen hohen Sitz erkohren, Weil der Ton stets aufwärts steigt Der, gezeugt von stoss- und schlagen, Durch die Luft wird fort getragen, Die in Kreisen sich bewegt, Als wenn man ein Wasser regt. 74. Wenn nun diese regen Kreise Sich erstrecken bis ans Ohr; Dringen sie, auf seltne Weise, Durch das nie gesperrte Thor, Wodurch sie sich selber führen, Bis sie an ein Häutchen rühren, Das daselbst, wie eine Wand, Die da tönet, ausgespannt. 75. Dieses scheint zwar fest und dichte, Als ob das geringste Loch Auch vom schärfesten Gesichte Nicht darin zu sehn; dennoch Hat sichs offenbar gezeiget, Daß sich lebend Silber seiget Und, wenn mans darüber giesst, Es dadurch gar leichtlich fliesst. 76. Wann der Ton sich hier gebrochen, Und gereinigt, wird gespührt, Daß er drauf drey kleine Knochen, Die sehr künstlich sind, berührt. Denn in dieser kleinen Kammer Hängt ein Amboß und ein Hammer, Und der dritte gleichet bald Einem Stegreif an Gestalt. 77. Wann der Ton nun hieher kommen, Wird er von der innern Luft Augenblicklich aufgenommen, Und in manche Höl' und Kluft, Durch verschied'ne Gäng' und Stege, Labyrinthe, krumme Wege, Die hier die Natur gemacht, In ein Schnecken-Haus gebracht. 78. Darin kann er noch nicht bleiben, Sondern wird heraus geführt, Und lässt sich noch weiter treiben, Bis er an ein Nervchen rührt; Welches, ob es gleich so dünne Als der Faden einer Spinne, Doch den Ton, durch den es klingt, In den Sitz der Sinne bringt. 79. Hier bey dieser kleinen Sehnen Soll man mit Verwund'rung sehn, Wie viel Aest' aus ihr sich dehnen, Ja den gantzen Leib durchgehn, Die nicht nur im Gaum und Munde, Zähnen, Augen, Nas' und Schlunde Sich zertheilen; sondern auch In der Brust und in dem Bauch. 80. Ja so gar bis in die Füsse Sollen kleine Zweige gehn, Wannenher ich leichtlich schliesse, Wie die Wirckungen geschehn, Welche die Music erreget, Da der Ton das Ohr uns schläget, Und im Nervchen, das er rührt, Durch den gantzen Leib sich führt. 81. Gleichwohl muß auch aus der Seelen Stets was wieder rückwärts gehn: Denn man spühret in den Hölen Unsrer Ohren ein Getön, Das man, wie ein Murmeln, höret, Wenn man gleich den Eingang wehret Aller Luft, die auswärts schwebt, Wenn die Ohren zugeklebt; 82. Es gescheh' mit Wachs entweder, Oder mit der holen Hand, Folglich muß der Paucken Leder, Das darinnen ausgespannt, Von der Luft nicht seyn getroffen, Sondern, wenn das Ohr nicht offen, Müssen Theilchen rückwärts gehn, Die von innen stets entstehn. 83. Und hieraus wär' nun zu schliessen, Wie man, was man hört, verspührt; Weil die Geister Strich-weis fliessen, Die das Luft-Reich stets gebiehrt, Welche sich an allen Seiten Auf den Ohren auswärts breiten, Wodurch in das Ohr, was klingt, Wie in einen Trichter, dringt. 84. Denn was tönt, strahlt gleicher Weise Durch verschied'ne Striche fort: Stossen also auf der Reise Viele Strich', am rechten Ort, An so manchen Strich der Ohren; Sonst wär' mancher Ton verlohren: Denn nur einer, und nicht mehr, Träfe sonsten das Gehör. 85. Da die Ohren offen stehen, Könnt' ein Ungeziefer leicht, Uns zur Plag', in selbe gehen; Aber sie sind immer feucht Durch ein bitter fettes Wesen. Dieß ist recht dazu erlesen, Daß es allen Paß verlegt, Weil kein Thier leicht Fett verträgt. 86. Welch ein Wunder, daß der Ohren Kleine Trummel oder Wand, Eh' ein Kind zur Welt gebohren, Könne dennoch ausgespannt In der Feuchtigkeit bestehen! Hiezu ist ein Stoff versehen, Der sie, bis ein Kind zur Welt, Schützet und verstopfet hält. 87. Eben so, wie unser' Augen Nichts erblicken sonder Licht, Kann man nichts zu hören taugen, Wenn die Luft dem Ohr gebricht. Und darum ist GOTTES Wille, Daß die Luft die Welt erfülle: Darum schwebt der Lüfte Meer Wunderbarlich um uns her. 88. Wenn die Luft sich langsam reget, Wird ein ernster Ton gespührt, Und wenn sie sich schnell beweget, Oder schleunig circulirt, Wird in unsern zarten Ohren Ein geschärfter Ton gebohren, Der die Geister, die er zwingt, Schneller in Bewegung bringt. 89. Durch das Zittern kleiner Theile, So die Luft stets aufwärts führt, Wird der Ton in schneller Eile Und den Augenblick verspührt. Wenn nun, durch ein starck Bewegen, Solcher Theile viel sich regen, Wird der Schall mit starcker Macht Unsern Ohren zugebracht. 90. Daß die Töne, die wir spühren, Durch die Seel' in unserm Ohr, Und nicht auswärts, sich formiren, Stellet dieses deutlich vor: Wenn ein Fluß das Haupt verstopfet, Hört man, wie es braust und klopfet, Welches nicht von aussen klingt, Sondern in uns selbst entspringt. 91. Viele, ja die meisten lehren, Und die Lehr' scheint wahr zu seyn, Daß Hirn, Nerv' und Ohr nicht hören; Sondern daß die Seel' allein, Wenn ein Schall die Lüfte rühret, Nichts, als die Bewegung, spühret: Aber selbst durch eigne Kraft Jeden Ton formirt und schafft. 92. Wenn wir auf der Schaubühn' hören, Daß man jammert, seufzt und klagt, Und, an statt uns zu beschweren, Solch ein Klagen uns behagt, Weil es keine wahre Schmertzen; Sehn wir, daß in unserm Hertzen Nicht der Ton den Reitz gebiert, Nein, daß ihn der Geist formirt. 93. Doch kann man durchs Ohr die Seelen Reitzen, ärgern und erfreun, Trösten, und empfindlich quälen: Ja der rege Ton allein Zwingt, verschlimmert und verbessert, Nährt, verkleinert und vergrössert, Schärft und dämpft die Leidenschaft, Mehrt und mindert ihre Kraft. 94. So wie dieser Cörper jenen Oefters hemmet, oft bewegt, Also wirckt ein künstlichs Tönen, Daß sichs Blut bald regt, bald legt. Durch ein schnell und heftigs Klingen Wird man es in Wallung bringen; Und durch einen sanften Klang Wieder in den vor'gen Gang. 95. Alexander greift zum Degen Durch ein krieg'risches Getön, Da durch sanfte Tön' hingegen Sauln so Wuth als Zorn vergehn. Welch ein angenehmes Sehnen Wirckt das Singen einer Schönen Dem, den ihre Schönheit rührt, Wo ein and'rer nichts von spührt? 96. Gantzen krieg'rischen Armeen, Voll Bellonens Grimm und Wuth, Die zum Kampfe fertig stehen, Macht ein eintzigs Wörtchen Muth Mehr, als Paucken und Trompeten, Daß sie sich mit Freuden tödten. Wenn ein Führer, Brüder, spricht; Achten sie kein Sterben nicht. 97. Sollte das Gehör uns fehlen, Fehlt' und blieb uns unbekannt Alle Wirckung unsrer Seelen, Und der denckende Verstand Würd', als in sich selbst vergraben, Keine Kraft und Wirckung haben: Der Gesellschaft Nutz und Lust Blieb' uns ewig unbewust. 98. Sprich, verwildertes Gemüthe, Kommt das Ohr von ungefehr, Oder aus der Macht und Güte Eines weisen Wesens her? Sprich: Verdienen solche Wercke Nicht so viel, daß man sie mercke? Wers Geschöpfe nicht betracht't, Schändet seines Schöpfers Macht. 4. Der Geschmack 99. Da wir dieses Sinnes Gaben Auch betrachtet, werden wir Den Geschmack zu prüfen haben, Drin ich neue Wunder spür, Die nichts minder sind, wie jene: Denn der Mund, die Zung' und Zähne, Gaum und Lippen, Kehl' und Schlund Machen seltne Sachen kund. 100. In der regen Zunge stecket Eine Kraft, so wunderbar, Weil sie fühlet, redet, schmecket, Rauh und glatt ist, ja so gar Sich auf tausend Arten reget, Sauget, lecket, Speichel heget. GOTT hat sie, wie man es spührt, Recht verwunderlich formirt. 101. Auswärts trifft man mit Ergetzen Kleine spitz'ge Wärtzchen an, Welche sich im Speichel netzen, Der durch sie leicht schaumen kann. Wenn nun die, sich zu erfrischen, Speisen mit dem Speichel mischen, Fühlt die Seel' es gar geschwind, Weil es lauter Nervchen sind. 102. Der zerkäuten Speise Theile Sind theils glatt, gelind' und rund, Theils recht spitz, wie kleine Pfeile, Wodurch, wann sie Zung' und Mund Mit verschied'ner Schärfe rühren, Wir was saur- und herbes spühren, Da, was rund, was weich und leicht, Uns hingegen süsse deucht. 103. Ungeschmackt sind alle Sachen, Die zu flüssig und zu fest, Weil sie keinen Eindruck machen, Da sich dieß nicht lösen lässt, Und das Feuchte kein Bewegen In den Nerven kann erregen; Aber Saltz schmeckt allen wohl, Weil es zarter Spitzen voll. 104. Daß die innerlichen Flammen Uns nicht tödten vor der Zeit, Zieht sich in dem Mund zusammen Eine laue Feuchtigkeit, Welche diese Hitze lindert, Und die heisse Brunst vermindert, Daß des Menschen flüssigs Blut Nicht gerinne von der Gluht. 105. In des Mundes Purpur-Höle, Die das Paar der Lippen schliesst, Zeiget sich die kluge Seele, Die in süssen Worten fliesst, Und in diesen engen Schrancken Nehmen geistige Gedancken, Wenn wir reden, Cörper an; Daß man sie begreifen kann. 106. Wer erstaunt nicht, wenn er dencket, Wie der Zunge Fertigkeit Sich auf tausend Arten lencket, Der Gedancken Unterscheid Wunderwürdig zu formiren, Daß von andern auch zu spühren, Wie, was hier der Geist gedacht, Cörperlich wird kund gemacht? 107. Glied, das uns durch sein Erzählen Fremde Geister einverleibt, Rege Feder unsrer Seelen, Die mit lauten Schriften schreibt, Der Gedancken Zaum und Riegel, Wunder-Pinsel, Göttlichs Siegel, Das, was unsre Seele hegt, Andern in die Seele prägt! 108. Merckt, wie sie so wohl zum Regen Als geschickt zum Sprechen sey: Wenn zehn Muskeln sie bewegen, Deren immer zwey und zwey Hinter, vor, zu beyden Seiten, Auf- und niederwärts sie leiten, Lässt ein angewachsner Zaum Ihr nicht gar zu weiten Raum. 109. Dieses Glied recht zu bewahren, Hat es die Natur versehn, Daß stets, wie geharn'schte Schaaren Rings um sie die Zähne stehn. Diese kleine Marmor-Klippen Decken wiederum die Lippen, Unter deren Schutz und Hut Unsre Zung' auf Polstern ruht. 110. An der Zung' ist noch zu preisen, Daß derselben rege Kraft Uns in so viel tausend Speisen Tausendfache Lust verschafft. Sie kann durch ihr forschend Schmecken Solch Vergnügen uns erwecken, Daß so gar der Geist verspührt, Wie ein süsser Trieb ihn rührt. 111. Guter Wein ist säurlich-süsse; Herb' ist jed' unreife Frucht; Bitter, wenn ich sie geniesse, Und auch süß des Oel-Baums Zucht; Saur sind Saurampf und Citronen; Süß hingegen sind Melonen, Honig, Zucker, Milch und Most. Marck und Oel sind fette Kost. 112. Wo uns eine Sach' auf Erden Unsers Schöpfers Liebe weist, Ist es, da verbunden werden (Wenn sich unser Cörper speis't) Mit der Noth so süsse Lüste. Wenn man eckelnd speisen müste; Würd' es, wie wir gern gestehn, Nie zu rechter Zeit geschehn. 113. Was die unverdrossnen Bienen Und was der verbrannte Mohr Ziehn aus Rosen und Jesminen Und Maderens Zucker-Rohr, Alle Süssigkeit der Reben Wär' der Welt umsonst gegeben, Schmeckte nicht der Zungen Kraft Jedes Dinges Eigenschaft. 114. Mensch, erwege doch und mercke, Wenn dein Mund was gutes schmeckt, Deines Schöpfers Wunder-Wercke! Was darin für Weisheit steckt, Ist nicht leichtlich zu ermessen, Da Er nicht nur in das Essen, Und in alles, was uns tränckt, So verschied'nen Saft gesenckt; 115. Sondern auch in deinem Munde Gaum und Zunge so gemacht, Daß, recht eben in dem Schlunde, Wenn man es genau betracht't, Eben wenn mans nieder schlinget; Uns die Speis' erst Anmuth bringet. Ist demnach, mehr als man meynt, Nahrung, Nutz und Lust vereint. 116. Dencke doch, wenn Schmertz und Fieber Uns in Blut und Adern steckt, Wie erbärmlich uns darüber, Was man isst und trincket, schmeckt! Muß der Eckel vor den Speisen Uns nicht augenscheinlich weisen, Daß man nie sein Glück ermisst, Wenn uns schmecket, was man isst? 117. Ew'ge LIEBE, sey gepriesen! Dir sey Ehre, Lob und Danck! Da du solche Huld gewiesen Im Geschmack, in Speis' und Tranck! Gib, daß wir, so oft wir essen, Deine Wunder-Kraft ermessen, Die uns nicht nur Kost beschehrt, Sondern auch mit Lust uns nährt. 118. Sprich, verwildertes Gemüthe, Kommt die Zung' auch ungefehr, Oder aus der Macht und Güte Eines weisen Wesens her? Sprich: Verdienen solche Wercke Nicht so viel, daß man sie mercke? Wers Geschöpfe nicht betracht't, Schändet seines Schöpfers Macht. 5. Das Gefühl 119. Hiemit stellen wir dem Dencken Vom Geschmack nun auch ein Ziel, Unsre Geister hinzulencken Aufs empfindliche Gefühl, Dessen Kräfte den Gedancken Ohne Mass' und ohne Schrancken Allenthalben, allgemein, Und im gantzen Cörper seyn. 120. Eines Cörpers Leichte, Schwere, Glätte, Fest- und Flüssigkeit, Was gefüllet ist, das Leere, Hart und weich, lang, schmal und breit, Was sich biegt, was stumpf, was spitzig, Was erfüllt von Frost, was hitzig, Naß und trocken, warm und kühl Zeigt der Seele das Gefühl. 121. And're Sinne können trügen; Ihm ist minder Trug bewust. Alles menschliche Vergnügen, Anmuth, Wollust, Freud' und Lust Fliessen bloß aus dieser Quelle; Und die allerkleinste Stelle Unsers Cörpers hat die Kraft, Daß sie Lust der Seelen schafft. 122. Die vier andern Sinne scheinen Kinder des Gefühls zu seyn, Und es wird kein Mensch verneinen, Daß sie gegen dieses klein; Daß die Kräfte jener Sinnen Bloß aus dem Gefühle rinnen; Weil ihr Ursprung und ihr Ziel Selbst ein zärtliches Gefühl. 123. Die so gross- als kleinen Sehnen, Die in dem Gehirn entstehn, Sich in tausend Zweige dehnen, Unsern gantzen Leib durchgehn, Und nur in der Haut aufhören; Sind der Geistigkeiten Röhren, Wodurch so vor Lust als Pein Alle Cörper fühlbar seyn. 124. Wo sich diese Röhren enden, Trifft man kleine Wärtzchen an, Welche man in unsern Händen Noch am meisten mercken kann. Hiedruch scheinen wir zu spühren: Wenn sie was, so hart, berühren; Biegt sich jede zarte Spitz', Und bewegt des Sinnes Sitz. 125. Davon kommts, wie ich ermesse, Daß die Cörper fühlbar sind, Wenn die Härte mit der Grösse In dem Vorwurf sich verbindt. Luft kann sich daher nicht fassen, Auch sich das nicht fühlen lassen, Was zwar hart, doch gar zu klein, Wie gewisse Pulver seyn. 126. Daß wir unsre Glieder regen, Daß die Menschen Menschen seyn, Stammet, wenn wirs recht erwegen, Nur aus dem Gefühl allein. Unsrer Eltern zarte Triebe Kamen aus der Lust der Liebe, Und der Liebe Schertz und Spiel Ist ein kitzelndes Gefühl. 127. Weil der Bey-Schlaf alle Theile Zu des Kindes Wesen führt, Wird auch jedes Glied in Eile Aufs empfindlichste gerührt. Dieß vermehret das Begehren, Uns beständig zu vermehren, Welches, wenn mans recht ermisst, Ein besonders Wunder ist. 128. Merckt, wozu der Sinn uns tauge! Es ist gleichsam das Gefühl Aller unsrer Glieder Auge, Unsers Wohlseyns eintzigs Ziel. Will uns Hitz' und Frost versehren; Eilt ihr Trieb, es abzuwehren. Unser Leib wird der Gefahr Auch so gar im Schlaf gewahr. 129. Daß wir Schmertzen können leiden, Und empfindlich sind für Pein, Lehrt uns alle Sachen meiden, Die uns schäd- und tödtlich seyn. Diesem Sinn' ists zuzuschreiben, Wenn wir unversehret bleiben. Daß man sein' Erhaltung sucht, Ist nur des Gefühles Frucht. Beschluß 130. Dieses ists, was von den Sinnen Unsern Sinnen ist bekannt. Hat man aber gleich hierinnen Alles Sinnen angewandt; Bleibt das Wesen doch verborgen. Ungeachtet aller Sorgen Muß der Klügste doch gestehn, Daß wir kaum den Schatten sehn! 131. Daß wir aber dieß nicht fassen, Solches dürfen warlich wir Uns nicht sehr befremden lassen. Hätten wir nur deren vier; Sagt, wer würde dann wohl können Auch des fünften Kraft nur nennen? Daß uns also viel verheelt, Kommt, weil uns der sechste fehlt. 132. Welchen, nebst viel andern Gaben Kräft- und Sinnen, gar vielleicht Andrer Erden Bürger haben, Die Gott ihnen dargereicht, Daß auf mannigfache Weise Die verschied'nen Himmels-Kreise Seine Grösse sollten sehn, Und Sein' Allmachts-Kraft erhöhn. 133. Ja wer weis, wann wir verkläret Durch den Tod ins Leben gehn, Was alsdann uns wiederfähret, Ob uns Gott nicht ausersehn, Uns in jenem seel'gen Leben Andre Sinne noch zu geben, Und zwar immer mehr und mehr Zur Vermehrung Seiner Ehr' 134. Warum will man denn ergründen, Was nicht zu ergründen steht? Lasst so saure Mühe schwinden, Drin die Zeit umsonst vergeht! Gott hat uns in diesem Leben Die fünf Sinne bloß gegeben, Um in Ihm vergnügt zu seyn. Und sich seiner zu erfreun. 135. Lasset uns doch überlegen, Daß fast alles auf der Welt Bloß um unsrer Sinne wegen Sey gemacht und vorgestellt; Daß die Luft, das Licht, die Erde Unsrer Sinne Werckzeug werde; Daß so viel so vielerley Zu den Sinnen nöthig sey; 136. Daß der Pflantzen, daß der Thiere Absicht, Nutz und Zweck allein, Bloß damit man sehe, spühre, Schmecke, hör' und fühle, seyn; Daß selbst unser Leib von innen Und von aussen bloß den Sinnen Mit so mancherley Bemühn Kräft- und Eigenschaften dien'. 137. Wenn wir unsern Leib von innen Mit Aufmercksamkeit besehn; Spühren wir, daß für die Sinnen Alle Wirckungen geschehn; Daß sich unser Hertze reget, Daß sich unser Blut beweget, Daß es, wie ein Brunnen, springt, Und durch tausend Adern dringt; 138. Die besond're Kraft der Nieren, Daß die Leber das Geblüth, Nebst der Miltz, weis zu formiren, Daß die Lung' uns Athem zieht; Unsrer Nerven zarte Gänge, Der Gedärme Läng' und Menge, Daß des Magens rege Kraft Allen Theilen Nahrung schafft. 139. Aller dieser Eingeweide Unerforschliche Natur Zielet auf des Cörpers Freude, Dienet den fünf Sinnen nur. Denn die uns verborg'nen Säfte Geben unsern Sinnen Kräfte, Und ihr Endzweck ist allein, Daß die Sinne sinnlich seyn. 140. Zeigen solche Wunder-Wercke, Die kein Mensch begreifen kann, Keine Weisheit, Liebe, Stärcke, Noch den Werth der Sinnen an? Ich erschrecke, wenn ich dencke, Wie so wenig dieß Geschencke Und des grossen Gebers Macht In denselben wird geacht't. 141. Sprich, verstockter Atheiste, Wenn ein Mensch auf Erden wär', Welcher solche Künste wüste, Daß er Augen, das Gehör, Riechen, Fühlen, Schmecken, Dencken Dir vermögend wär' zu schencken, Und er schenckte sie denn dir, Dancktest du ihm nicht dafür? 142. Solltest du wohl sagen können: Alles dieß ist keine Kunst, Und was er mir wollen gönnen, Acht' ich gantz für keine Gunst? Nein, unmöglich wird auf Erden Solch ein Vieh gefunden werden. Da es aber Gott gemacht, Schlägt mans leider aus der Acht, 143. Lasst uns doch den Schöpfer ehren, Wenn wir recht was schönes sehn! Wenn wir etwas lieblichs hören, Lasst uns Seinen Ruhm erhöhn: Wenn uns Riechen, Fühlen, Schmecken Anmuth, Lust und Freud' erwecken; Lasst uns in Zufriedenheit Zeigen unsre Danckbarkeit! 144. Solch ein Danck-erfülltes Lallen, Wenns auch denckend nur geschicht, Muß dem Schöpfer wohlgefallen. Dies ist aller Menschen Pflicht; Denn wenn man es nicht erkennet, Wie viel Gutes Gott uns gönnet, Und es nicht einmahl bedenckt; Ist's, als wär' uns nichts geschenckt. 145. Nach der Menschen Art zu sprechen, Scheint zwar dieses Laster klein; Aber wahrlich kein Verbrechen Kann Gott mehr zuwider seyn. Solche Wunder nicht betrachten, Heisst ja, selbige verachten, Und aus diesem Undancks-Meer Fliessen alle Sünden her. 146. Wir sind sinnreich, uns zu quälen, Und vergrössern unsre Pein; Dennoch wünschen unsre Seelen, Allezeit vergnügt zu seyn. Nun, zu diesem Zweck zu kommen, Thut, was ihr anitzt vernommen! Zur Vergnügung eurer Brust, Ehret Gott in eurer Lust! 147. Sollten unsre Sinne taugen, Tiefer, als sie thun, zu gehn, Könnten wir durch unser' Augen Als durch ein Vergröss-Glas sehn; Würd' uns für uns selber grauen, Sollten wir die Haut beschauen, Die ja dann, als wie ein Bär, Rauch und recht abscheulich wär'. 148. Zwar man würd' auf solche Weise Viele Kleinigkeiten sehn; Doch wie dürft' es um die Kreise Jener grossen Cörper stehn? Von den schönen Himmels-Lichtern Würde menschlichen Gesichtern Nichts, bey allem Glantz' und Schein, Im geringsten sichtbar seyn. 149. Wär' ein Auge so gebeuget, Wie ein Fern-Glas, das allein Diese Ding' uns deutlich zeiget, Die von uns entfernet seyn; Würden dann die nahen Sachen Uns nicht gantz verwirret machen? Also gehts mit dem Gebrauch Unsrer andern Sinnen auch. 150. Könnten wir viel schärfer hören, So, wie oftermahls geschicht, Wenn man durch die Ohren-Röhren Oder Sprach-Trompeten spricht; Welch verworrnes lautes Schallen Würd' uns in die Ohren fallen? Ein so wild Geräusch allein Würd' uns unerträglich seyn. 151. Wär' auch des Gefühles Wesen Schärfer, und von solcher Art, Wie uns Gott zum Aug' erlesen; Vieler Cörper Gegenwart Wär' uns schmertzlich und verdrießlich. Gleichfalls wär' es nicht ersprießlich, Wenn der Zungen Kraft, die schmeckt, Weiter sich, als itzt, erstreckt. 152. Wenn auch der Geruch sich schärfte, So daß man, den Hunden gleich, Alle Dinge riechen dörfte; Wie verdrießlich würden euch Allerley Geruch der Erden, Ja der meisten Dinge, werden? Wir empfänden jederzeit Eckel, Abscheu, Widrigkeit. 153. Wer kann GOTTES Lieb' ergründen? Wer kann Seine Macht verstehn? Daß wir ohne Müh' empfinden, Hören, riechen, schmecken, sehn Sonder Arbeit und Studiren, Kann man durch die Sinne spüren, Diese Gab' allein ist werth, Daß man GOTT darum verehrt. 154. Wie der Sonnen Geist die Hölen Unsrer Luft im Strahl durchbricht; Also strahlt aus unsern Seelen Ein beständig sinnlich Licht, Wodurch aller Menschen Sinnen Die Empfindungs-Kraft gewinnen. Alles, was man sinnt und thut, Stammt aus dieser innern Gluht. 155. Diesen wiederhohlten Lehren Folge denn doch jedermann! Braucht dieß Licht zu Gottes Ehren! Seht die Welt mit Andacht an! Sucht mit Gottes Werck die Seelen Durch die Sinne zu vermählen, Und erzielt, wenn ihr euch freut, Kinder brünst'ger Danckbarkeit! 156. Müsst ihr nicht auch, wieder Willen, Zu des Höchsten Preis und Ehr' Alles, was er will, erfüllen? Wollet ihr denn nicht viel mehr Ihm von selbst zu Dienste leben, GOTT in eurer Freud' erheben, Seines Namens Ehr' erhöhn, Und mit Lust Sein Werck besehn? 157. Wenn der Schöpfer nichts, als Schmertzen, Statt der Lust uns eingeprägt, Und nur bloß für Pein im Hertzen Ein' Empfindlichkeit gelegt, Wär' uns unser Leben täglich Nur ein Scheusal, unerträglich, Ein' abscheulich schwere Last, Ja mehr, als der Tod, verhasst. 158. Sey denn, grosser Gott, gepriesen! Daß aus lauter Gnaden nur Du uns so vilel Gnad' erwiesen, Und der menschlichen Natur So viel Freud' und Anmuth schenckest, Sie mit Lust und Wonne tränckest, Da uns jedes Sinnes Kraft Tausendfach Vergnügen schafft.