Bilder und Traeume Andacht zu meiner Welt In einem Haus, versteckt in Linden, Durch die das Licht grüngolden fällt, Will ich vergehen und verschwinden Vor dem Gelärme dieser Welt. Aus dieser Welt der Wutgrimassen, In der der Zaum die Blöden hält, Im Lieben dumpf und flau im Hassen, Aus dieser lauten, leeren Welt. Ich will mir eine andre bauen, Von innerlichem Licht erhellt, Und will in Andacht still beschauen Die von mir selber ist, die Welt. Segenschwerer Traum Mein Acker wogt, mein Weizen blüht ... Die Sonne scheint mir ins Gemüt ... In Ballen flieht der Sorgen Qualm ... Gedichte sprießen Halm an Halm ... Es wellt der Hoffnung Wiesengrün ... Der Liebe Sphinxenaugen glühn ... Ein schmerzlich Glück, duftwolkenschwer, Drängt dunkelsammtenblau sich her Und droht mir schwülend ins Gemüt ... Mein Acker wogt, mein Weizen blüht ... Freundliche Vision Nicht im Schlafe hab ich das geträumt, Hell am Tag sah ichs schön vor mir: Eine Wiese voller Margeritten; Tief ein weißes Haus in grünen Büschen; Götterbilder leuchten aus dem Laube. Und ich geh mit Einer, die mich lieb hat Ruhigen Gemütes in die Kühle Dieses weißen Hauses, in den Frieden, Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen. Allegorie Schwarze Blumen blühten mir im Traume, Kronenschwere, die sich nicht bewegen, Ob der Wind auch über ihnen wandert. Ihre sommerlichen Düfte stiegen Wie der Wärme Wellen auf zum Himmel, Aber Winter war es um die Blumen. Und es kam von ungefähr ein Mädchen, Flora kam, die mit dem Blumenhorne, Und sie nahm die Blumen an die Brüste. Sieh: da wurden bunt die schwarzen Blumen, Rot und gelb und blau, violenfarben, Da sie starben an des Mädchens Brüsten. Ich erkannte nicht des Traums Bedeuten. Aber, als ich wach ward, sah ich leuchten Brauner Augen zwei, in deren Scheine Meine Selbstsucht starb und Liebe wurde. Traum-Exegese Mir träumte, daß ich Adam wär, Adam im Paradiese, Ich grübelte so für mich her Auf einer bunten Wiese. Da unter einem Apfelbaum, Sah meine Frau ich liegen; Sie schlief, und über ihrem Traum Thät sich die Schlange wiegen. Die sprach, mit Schrecken hört ichs: Iß! Ist doch vom Apfelbaume! Drauf: Wenn michs lüstet, ei gewiß! Sprach meine Frau im Traume. Die Schlange, lauernd: Aber Er, Er hat es euch verboten ... Und meine Frau: Verboten? Wer? Mach, hol mir einen roten! Die Schlange wand sich schnell hinauf, Warf einen roten runter. Da that mein Lieb die Augen auf, Biß in den Apfel munter. Um Gott! rief ich, nun ist es aus, Wir werden ausgewiesen! Und sah auch schon im schnellsten Braus Herab den Engel schießen. Er stand in großer Gloria Wie ein Kürisserposten Vor meiner Frau; wie die ihn sah, Lacht sie: Du, willst du kosten? Nein, sprach der Engel Gabriel, Ich bin nicht da zum Essen; Oh liebe Frau, du leichte Seel! Hast du denn ganz vergessen?.. Und wieder lachend meine Frau: Mein guter Gottesbote, Nur keine Angst! Ich weiß genau Die göttlichen Verbote. »Und dennoch?! Ach, was soll ich ihm Von soviel Trotze sagen, Um den die tausend Seraphim Die goldnen Flügel schlagen?!« ›Sag unserm strengeguten Herrn, Ich thät ihn herzlich lieben Und wär im Paradiese gern, Von Herzen gern geblieben. Doch dürfte nichts verboten sein. Das wär ein grausam Spielen, Sollt ewig ich tagaus tagein Nach Gottes Aepfeln schielen. Hab lieber drum gegessen schnell Und warte des Gerichtes.‹ Abflog der Engel Gabriel Mißmutigen Gesichtes. Kaum, daß ich: Aber Frau! gebarmt, Kam er in sanftem Schweben Zurück, hat flügelnd sie umarmt, Ihr einen Kuß gegeben. Und hoch vom Himmel sang es hell, Gar lieblich anzuhören, Zu Flöte, Geig und Violoncell In heitren Engelschören: Weil du so gut das Paradies Und Gottes Herz verstanden, Geschahs, daß er dich küssen ließ Durch seinen Abgesandten. Ich aber ward mit manchem Hieb Getrieben vor die Pforte, Darüber flammenzügig schrieb Herr Gabriel die Worte: Wer immer möcht und nimmer wagt, Schnell herzhaft zu genießen, Sei feierlich davon gejagt Aus Gottes Paradiesen. Der Vögel Vorgesicht (Herrn Wilhelm Weigand zugeeignet.) Auf einem Baume, träumt ich, saßen drei Ganz kleine Vögel, rot und grau und grün, Mit schwarzen Schnäbeln, und sie zwitscherten. Ich stand am Stamm des Baums und hörte zu, Und ich verstand genau den Sinn des Sangs. Und in mir blieb der Sinn. Katüh! Katüh! Es blaßt der Sommer schon; Ich seh ein flammig rotes, grelles Licht; Und alle schönen Vögel fliegen fort. Katüh! O weh! Katüh! Tjo – it! Tjo – it! Die Flamme sinkt; es raucht; Und unterm Rauche rasselts laut im Takt; Nichts Buntes seh ich, und es klingt kein Lied. Tjo – it! Oh weh! Tjo – it! Tjütoh! Tjütoh! Die Luft ist wieder klar Aus grünen Aeckern steigt das freie Lied; Und voller Blumen steht das ganze Land. Tjütoh! Tjütoh! Tjütoh! Und alle drei Vereinten sich im Gleichsang, und es klang, Als kam von Zukunftschören dieses Lied: Aus Blut und Rauch und leerem Lärm Hebt sich im Glanz ein neuer Tag, Und mit dem reinen Morgen kommt Von allen Seiten bunt geschwärmt Der schönen Vögel lichtes Volk. Wie wenn ihr Lied sie in den Himmel höbe, So flogen die drei kleinen Vögel auf. Hoch, immer höher, flogen sie, bis schwarz Die Nacht sich über meinem Scheitel wölbte. Die kleinen Vögel aber, rot und grau und grün, Als Sterne standen sie und leuchteten. Pan an die Sterne Heut in der Nacht riß der Sturm ein Loch, ein großes zackenzinkiges Loch in den Himmel. Schwefelgelb wars und grell geädert mit ultramarinblauen Streifen. Ich sah wie hinter einem Netzgeflechte direkt in den endlos gurgelnden Raum der Welt. Was sah ich? Nun: Sämtliche Sterne rollten im Polkatakt, hotteltitteltei! hotteltitteltei! immer im Kreise 'rum, immer im Kreise 'rum mit viel Gefühl und soviel Temperament, daß es mir schien, sie hätten zuviel vom süßen Weltenweine gesoffen. Aber in der Mitte saß auf aller Sonnen Sonne der große Pan gemächlich. Auf seinen kreuzweis untergeschlagenen, haarigen, sehr haarigen Bocksbeinen saß er und summte im Hotteltitteltakte ein Lied: Rundherum, rundherum, Nur nicht stillgestanden! Dieses ist das Regellied Den Sonnen und Trabanten. Bleibt im Takte, bleibt im Takt, Gräßlich thuts mir wehe, Wenn ich einen Stolperstern Im Gewoge sehe. Immer um mein Centrum 'rum Im gebotenen Kreise! Urgesetz ist Harmonie Wohlgefügter Gleise. Alles könnt ihr, was ihr wollt, Lieben und gebären, Aber haltet meinen Takt Innerlichst in Ehren. Denn der Rhythmus ist die Welt, Stillestehn ist Sterben, Wer im Takte nicht mehr tanzt, Splittert hin in Scherben. Rundherum, rundherum, Nur nicht stillgestanden! Dieses ist das Regellied Den Sonnen und Trabanten. Ekstase Gott, deine Himmel sind mir aufgethan, Und deine Wunder liegen vor mir da Wie Maienwiesen, drauf die Sonne scheint. Du bist die Sonne, Gott, ich bin von dir, Ich seh mich selber in den Himmel gehn, Es braust das Licht in mir wie ein Choral. Da breit ich Wandrer meine Arme aus, Und in das Licht verweh ich wie die Nacht, Die in die Morgenrötenblust vergeht. Maestro Tod Auf einem Tanze war ich diese Nacht; Die Röcke flogen, und die Luft war heiß, Die Brüste wogten, und es flackerten Die Augen wie das Feuer im Kamin, Wenn durch den Schornstein niederfährt der Wind. »Oh du, oh du, dich will ich! Tanz mit mir! Horch wie der Walzer weht!! Wie Südwind weht!! Horch, was die Geige heiße Worte singt! Wie Flammen fliegen ihre Töne hell, So heiß, so heiß! Oh, wie der Walzer brennt! Komm! In die Flammen tanzen wir hinein!« Da schwieg die Geige. Vom Orchester fiel, So wie ein Stein in sumpfig Wasser fällt, Daß träge Ringe wellenflach zergehn, Fiel dumpf ein Ton, wie eine Wolke grau, Ein Ton, wir wußten nicht, von wem er kam, Breit, langsam, schwer in unser Tanzgewühl. Das gelbe Gaslicht löschte zitternd aus. Ein nasser Eiswind fegte durch den Saal. Wir blickten auf: In Phosphorlichte stand Der nackte Tod am Dirigentenpult. Er stand verschränkten Arms und lächelte. Dann brach behutsam eine Rippe er Aus seinem Brustkorb, klopfte leise auf Und dirigierte, hingegeben ganz Den Tönen, die nur er vernahm, entzückt. In seinen Hüftenknochen wiegte er sich Und nahm das Tempo langsam bald, bald schnell, Rief bald die unsichtbaren Bläser an, Bald winkte er den Geigern. Hob und senkte sich Auf seinen Knochenbeinen, zierlich, ganz Musik. Wir alle standen aufgewandten Kopfs, Vor Schrecken starr, und sahn nur ihn, nur ihn. Denn um uns her war aller Nächte Schwarz. Dann aber fuhr in uns des Walzers Geist, Des unhörbaren, und wir wirbelten Im Tanze durch den kalten, finstern Saal Und wiegten uns und drehten uns verzückt, Und drückten Brust an Brust uns, stüsterten Von Sehnsucht und von Liebe, lächelten Und küßten uns im Tanz. Maestro Tod, Im Phosphorlicht am Dirigentenpult, Schwang seine Rippe. Tonlos tanzten wir. Es war ein Tanz so schön, wie nie vordem Wir einen noch getanzt. Wir kosteten Die Seligkeit des Blattes, das vom Baum In schwanken Kreisen herbstlich niederweht. Himmlisches Abenteuer Heut Nacht war ich ein Reiter Und ritt Galopp, hussah, Tausend Meilen und noch weiter, Als ich ein Wunder sah. Was sah ich? Eine Leiter, Die stand im freien Felde da Und ging bis in den Himmel. Vom Pferd herabgeschwungen Und Spross' auf Sprosse hinauf. Vom Himmel hats gesungen: Komm schnell, komm, komm! Herauf! Da hab ich übersprungen Viel Sprossen schnell im heißen Lauf Und stieg bis in den Himmel. Da, auf der höchsten Sprossen, Im blauen Blumenkleid, Von lauter Licht umgossen, Ein Engel stand bereit. Den hab ich unverdrossen Geküßt die halbe Ewigkeit. Es küßt sich gut im Himmel. Da kam ein plötzlich Lachen Von meines Engels Mund: »Oh, oh, was heiße Sachen! Er treibt es mir zu bunt!« Es thät die Leiter krachen, Und ich saß unten auf dem Grund Und war nicht mehr im Himmel. Doch neben mir zur Seite Der liebe Engel stand Im blauen Blumenkleid Und gab mir seine Hand. Oh süße Augenweide: Da hab ich sie erkannt Und war erst recht im Himmel. Von Engeln ein Gewimmel Hat hell mich ausgelacht, Gekicher und Gebimmel – Ihr Engel, gute Nacht. Wir ha'm auf einem Schimmel, Kuß, hussa, Kuß, uns aufgemacht Direkt in unsern Himmel. Dame Glück Nackt mit offenen Armen stand Einen Augenblick das Glück Dicht vor mir. Ei, was eine schöne Brust, Weiche Brust, volle Brust Hat die Dame Glück, es sind Rosenknospen zweie drauf: Wunderschön! Und wie küßt die Dame Glück! Heißer Kuß, drängender Kuß, Und man macht die Augen zu, Küßt das Glück. Auf die Schultern legte sie mir Ihrer Arme süße Last, Weiche Last, warme Last, Während sie mich küßte, lind. Ach, was bist du wunderhold, Dame Glück. Und ich that die Augen auf, Wollte tief ihr einmal sehn In das sonnige Augenpaar, – Ach, ach, ach –: Ausgeloschen war das Licht, Leere Höhlen grinsten mich an, Eine dürre Vettel stand Dicht vor mir. Rippenhart die runzlige Brust, Lippenlos ein geifernder Mund, Spitz der Arm und knöcherig. Pfui, Madame! Ist das ein Scherz, Ist er nicht nach meinem Geschmack. Als Verwandlungskünstlerin Haben Sie vielleicht Erfolg Im Théâtre-Variété, Nicht bei mir. Und die Dame drehte sich Langsam um und ging hinaus, Durch die andre Thüre kam Meine Frau herein. – Ich Thor! Mir geschieht ganz recht: Warum Gab ich mich mit Weibern ab. Künftig will ich treuer sein! Licht Ich lag in Trübsinns Klammer In dicht verschloss'ner Kammer, Nacht war es um mich her. Nur auf der Fensterschwelle Lag breit ein Streifen Helle, Als wär von Lichte draußen groß ein Meer. Das Licht liegt auf der Schwelle, Da draußen ist es helle, Soll's bei dir dunkel sein? Mach auf, mach auf den Laden, Und sieh, in Schwall und Schwaden Fließt dir das Licht in Aug und Seele ein. Ich will das Licht nicht haben, Ich fühle mich begraben In eine tiefe Nacht; Was ich genoß im Lichte, Das ward in mir zunichte, Mir hat ein Schmerz die Seele blind gemacht. Rot drangs durch meine Lider, In alle meine Glieder Floß es wie heißer Wein. Soll ich es wirklich wagen, Die Augen aufzuschlagen? Soll ich dem Licht noch einmal gläubig sein? Die mir im Herzen saßen, Trübsinn und Gram, zerblasen Wie Nebel vor dem Wind, Verwehten vor der Helle; Der Sonne sandt ich schnelle Kußhände lachend wie ein frohes Kind. Brautführer Tod Der Bräutigam: Ich lese Lieder aus fremden Seelen, aber alle Lieder künden mir nur dich und deine Seele. Und über Wiesen schau ich und tausende Blumen, aber überall seh ich nur dich und die Blume deiner Schönheit. Komm, o komm, du meiner Seele lebendiges Gedicht, du meiner Seele atmende Blume, komm! Komm, du mein Leben! Wie du so bebst! Gieb, gieb mir deine Hand! Ich habe mich so sehr nach dir gesehnt, und wie du kamst, bin ich erschrocken. Die Braut: Ich habe mich nach dir so bang gesehnt; nun bin ich froh. Mir wars, mich führte Wer zu dir, und Einer spräche leis an meinem Ohr: Geh hin, geh hin, heut überschattet dich an seiner Brust das tiefe, tiefe Glück, in dem der Sonne Aufgang ist und Niedergang! Und mir war bange, da ich zu dir ging. Nun bin ich froh. Der Brautführer: Sterne führ ich einander zu im Kreislauf geketteter Ewigkeiten und bin im Aneinanderflügeln des Mückentanzes. Von meinem Atem getragen fliegen die Samenstäubchen aus Blütennarben in Blütenkelche, und was ich raune, bebt im Herzen der Braut und läßt die Brust des Bräutigams drängend gehn. Wohin ich führe, braucht ihr nicht zu fragen. Fühlt euch, so fühlt ihr mich. Ich segne euch. Nachtwandel zum Glück Schwül war die Frühlingsnacht, es sang Die Sehnsucht aus der Nachtigall; Des Mondes Scheibe, groß und gelb, Stand über dem Kastanienbusch Und sog der Erde Atem auf; Im Wildbach kollerte vom Berg Gekiesel, unterm Wasser klangs Wie Glockenläuten. Sonst wars still. Ich weiß nicht, ob ich schlief; mir war, Da draußen winkte eine Hand: Steh leise auf und komm heraus, Verlaß die Enge, die dich hält, Geh frisch den hellen Weg der Nacht, Geh grade aus: es gilt dein Glück. Es drängte dich schon lange, sieh: Jetzt zieht es dich. Du mußt! Du mußt! Mit offenen Armen steht es da. So.!. Leise ... leise ... komm ... komm ... so! Das Gartenthor ist aufgeklinkt ... Nun geh! ... Und ich ging durch Wies und Wald, Lief ins Ungefähre; Sah ein Schloß ich liegen bald Hinter Mauernwehre. War die Thüre leider zu; Ließ ich michs erfrechen, In des alten Gartens Ruh Kletternd einzubrechen. Standen schwarze Tannen rings, Alte Paladine, Treppenhoch lag eine Sphinx Mit verdrossener Miene. War verdrossen, weil ihr Bug, Ungewöhnt, zu tragen, Einen frechen Reiter trug, Herrisch und verschlagen: Amor wars; er zauste sie Keck am linken Ohre. Es vertragen Sphinxe nie Solcherlei Humore. Und mir schien, der Knabe Gott Sei hier nicht am Platze. Hüte dich! Dein nackter Spott Spürt die Löwentatze! Hüte dich! In diesem Haus Ist kein Ort zum Necken. Schweres Leiden schläft hier aus; Hüte dich, 's zu wecken! So dem kleinen Gotte sehr Ins Gewissen redend, Ging ich würdevoll umher, Langsam näher tretend. Dachte mir: Sprang ich einmal Ueber Thür und Mauer, Seh ich auch in Flur und Saal Mich noch um genauer. Stieg die Treppe drum hinan, Wagte mich zum Thore; War ein Löwenkopf daran; Nahm ich den am Ohre. Klopfte. Bum, bum, bum, bum, bum. Hört es innen hallen. Horch: Geschlürfe und Gebrumm, Dumpfes Thürenfallen. Kommt wer? ... Nein. Rief da nicht wer? Wie? »Die Thür ist offen!« Wie? »Bloß drücken!« Danke sehr! Und ich steh betroffen: War ein langer, dunkler Gang, Gobelinverhangen; War mir auch ein wenig bang, Bin ich doch gegangen. Rechts und links in Blau und Grau, Teppicheingewoben, Rittersmann und Rittersfrau; An der Decke oben Braun Gebälke tief und schwer; Nirgends eine Thüre; Niemand da; all-alles leer; Niemand, der mich führe. Ist das ein Gespensterhaus? Ward mir ängstlich enge. Ungemütlich! Schnell hinaus! Hebt sich das Gehänge: Eine Thüre thut sich auf Wie von Geisterhänden, Eine Treppe führt hinauf Zwischen bunten Wänden. Rot und grün und gelb und blau, Alle Farben sangen; Rittersmann und Rittersfrau Reigenketten schwangen. Eine Falkenjagd dabei; Vom Dekamerone Manche gute Märe frei; Amor auf dem Throne. Neben ihm ein junges Kind In der Schönheit Kleide; Gottseidank, ich bin nicht blind Solcher Augenweide. Nacktheit ist mir kein Verdruß, Danke dem Geschicke, Daß ich nicht erröten muß Vor der Schönheit Blicke. Also: An dem Throne stand Neben Amors Gnaden Nackt ein Fräulein, und das wand Einen roten Faden Linde sich wie einen Ring Um den linken kleinen Finger. Ach, das süße Ding! Ihrer Augen Scheinen Ging mir so lebendig tief In mein bestes Leben, Daß ich einen Namen rief, Der mir Glück gegeben. Sieh! da hebt ein Teppich sich, Und es kommt gegangen, Die in goldene Ketten mich Lange schon gefangen. Doch mir wars, ich sähe sie Heut zum erstenmale; Sank verliebt vor ihr aufs Knie In dem bunten Saale. Ach, wie schön sie vor mir stand In der gelben Seide; Lange küßt ich ihre Hand, Und wir lachten beide. Sprach ich: Alles fällt von mir, Was an mir gehangen, Seit ich heute her zu dir Wie im Traum gegangen. Komm aus einer grauen Welt Voller Spinneweben, Und nun seh ich lusterhellt In ein buntes Leben. Sprach sie: Denke nicht zurück An die grauen Tage, Küß von meinem Mund das Glück, Das ich in mir trage. Denn für dich wards mir geschenkt Von der hohen Güte, Die zu mir dich hergelenkt. Dein ist meine Blüte. Und es sank um uns die Nacht, Duftgewobene Flöre, Aus den alten Bildern sacht Sangen süße Chöre. Wie zwei Kinder schliefen wir In das Land der Träume, Hand in Hand durchliefen wir Alle Weltenräume. Wanderten von Stern zu Stern, Sahn in alle Weiten, Sahen selber Gott den Herrn Durch die Himmel schreiten. Wanderten von Kuß zu Kuß Mitten durchs Gebrause Allen Seins. Zum guten Schluß Waren wir zuhause. Wie wir morgens aufgewacht, Hand in Hand geschlungen, Hat sie hell mich angelacht Und ein Lied gesungen: »Ich weiß im tiefen Walde, ja Walde, Ein ururaltes Schloß, Dahin, da will ich reiten Auf einem weißen Roß. Komm, spring du in den Sattel, ja Sattel, Und heb mich hinter dich, Allein will ich nicht reiten, Im Walde fürcht ich mich. Das Schloß ist mein und deine, ja deine, Und es ist garnicht weit, Zwei Stunden hinter Mitternacht, Wo die Schleiereule schreit. Ach Gott, wo ist der Schimmel? Ja, Schimmel? Der ist am Anger drauß. So laß den Schimmel weiden, Und wir, wir bleib'n zuhaus.« Und die Sonne übergoß Sie mit goldenem Schimmer, Schöner als das alte Schloß Schien mir da mein Zimmer. Ich verstand des Traumes Hand Und sein weises Führen, Daß ich, was ich hatte, fand Hinter fremden Thüren. Herbstvisite Ein Gespräch. –: Die ersten Trauben und Nüsse dabei –; Meine Thüre ist offen, komm herein, wer es sei: Will niemanden heut von der Schwelle weisen; Soll Trauben zerdrücken und Nüsse zerbeißen. » Das nenn ich höflich. Ich bin so frei.« –: Willkommen, Gevatter! und setz dich her! Anmutig scheinst du mir zwar nicht sehr, Doch hoff ich von deinen Knochenbacken, Sie werden mir helfen, die Nüsse zu knacken. Du siehst ja aus wie das ewige Gähnen. »Ich renommiere gern mit den Zähnen. Eine kleine Schwäche und Eitelkeit ... Doch à propos: Bist du so weit?« –: So weit? Wie weit? »Dich einzuhenkeln In meinen Arm ...« –: An dürren Schenkeln Mocht ich mir nie gerne meine reiben. Auch hab ich noch große Lust, hier zu bleiben Bei Trauben und Nüssen und sonst guten Sachen, Die mir das Leben vergnüglich machen, Zum Beispiel ... »Gestatte, daß ich verzichte; Ich kenne sie schon, die Schleckergerichte: Die Liebe, die Schönheit, die Kunst und so weiter. Eigentlich hielt ich dich für gescheiter. Das alles, du weißt es so gut wie ich, Ist bloß Zuckerglasur und äußerlich; Inwendig, der Kern: puh, bitter und böse. Gestatte, mein Freund, daß ich schnell dich erlöse.« –: Sehr liebenswürdig. Indes ... ich glaube ... Ach, sieh nur: Wie voll ist diese Traube! Und heb nur: Wie schwer! Und denke: Der Wein! Der Heurige wird recht trinkbar sein. »Kein Rausch ist wie der meine tief.« –: Ich wachte noch immer gern auf, wenn ich schlief. »Dann bin ich in dem Haus zu früh.« –: Nimm deine Sense, spar deine Müh. »War keine Mühe, war eine Visite.« –: Geh nicht im Aerger, Gevatter, bitte. Du siehst mir so verdrossen aus ... »Ich gehe nicht gerne leer aus dem Haus.« –: So nimm eine Handvoll Nußschalen mit, Denn dein ist die Schale. »Einst sind wir quitt.« Gesicht Ich sah das Kreuz, daran der Heiland hing; Nacht wars, und Mondenschein; doch bleiern fahl War dieses Licht; ein Riesenschmetterling Saß auf des blutumronnenen Hauptes Qual. Der Falter rührte seine schwarzen Schwingen leis, Als wie von Seide waren sie starr und kalt; Nicht eine Stimme klang im weiten Kreis; Es ward mein Herz von diesem Anblick alt. Mir wars, als hinge ich selber am Marterpfahl, Und Todesfrost durchkröche meinen Leib; Da kam berauf aus einem Frühlingsthal Zum Berg der Nacht ein jugendliches Weib. Weiß war ihr Kleid, doch ihre Wangen rot. Hell war ihr Auge, adelig ihr Gang; Der Schmetterling flog auf, von Gold umloht Gleißte der Stamm, als ihn das Weib umschlang. Doch nur ein Augenblick wars. Schwarz und kalt Fiel Finsternis auf Kreuz und Weib und Land, Und grüne Schlangen kamen tausendfalt, Die hornigen Schädel auf das Kreuz gewandt. Liebe und Tod Zwischen Rosenranken steht der kleine Gott, Nackt im Fleische seiner süßen Lust Vor dem Haus, dem er sein Glück beschert. Kommt die Todesgöttin, grünlich weiß Ueberschleiert, lakeneingehüllt, Hebt den Arm zum Thor und will hinein. »Ach, in meine Rosen schreite nicht!« Wehrt der Gott, »ich rankte sie ums Haus, Denn es heimt jungheiße Liebe drin.« Doch die Göttin mit gesenktem Haupt Hebt den starken Arm ... Die Thüre kreischt, Und die Rosen, eben aufgeblüht, Fallen ab vom Stamm. Die Stille klagt. In die nackten Rosenranken weint der Gott. Die Nonne In einer Nacht, schwülheiß, da ich schlief, Da meine Seele nach Liebe rief In Träumen, Da ist einer gekommen; Hat mich bei der Hand genommen Und ist fort mit mir gangen: Zwischen schwarzen Bäumen Tief In einen Wald voller Rauschen und Bangen. Ich sah ihn nicht an Den fremden Mann, Mußte an ihm hangen, Als wie im Bann Und mit ihm gehn. Er war ganz stumm. Aber Flüstern ringsum Und in den Büschen ein schaurig Wehn Und Stimmengesumm. Unter einer Linden im Walde tiefinnen, Da blieb er stehn und ließ mich los. Da sah ich zwei Thränen groß Ihm aus den Augen rinnen. Und sah, wie sein Antlitz war. Das war wie der Tag so klar, Aber voll Trauern. Und es kam ein Erschauern Ueber mich kalt, Und in mir eine Gewalt Zwang mich in die Kniee Vor dem stummen Mann: »Herr, Herr, siehe. Siehe mich an, –; Was ist dein Wehe?« Da fühl ich seine Hand Und sehe, Indessen ER verschwand, Leuchten die heiligen Wunden. Und habe IHN erkannt, Und habe mich heimgefunden Aus Wald und Welt, Darinnen Begehren rief, In einen Frieden tief, Von IHM erhellt. Gott zeigt Adam das Paradies Führt der gütestille Herr der Welten, Ewig jung in seinem blonden Barte, Vor das Blüheland der jungen Erde Adam hin, den nackten braunen Knaben. Zeigt ihm all die moosblühbunten Steine, All die schönen Vögel, stillen Tiere, All die weiten saftiggrünen Wiesen, Berg und Thal und Busch und Baum und Wasser. Alles liegt in frischer, keuscher Reine Unterm silbergrauen hohen Himmel. Und er spricht mit leisen Deuteworten, Wie der Vater spricht zum kleinen Kinde, Und er legt den Vaterarm um Adam. Aengstlich vor dem Reichtum steht der Knabe, Halbgebeugt vor dieser schönen Erde. Hielt ihn nicht der Gottesarm, der linde, Sank er nieder auf den Schooß der Keime. Ahnung senkte ihm ins Herz der Vater. Aus der Herrgottsperspektive (Meinem lieben Kameraden Frau Anna Croissant-Rust, zugeeignet.) Jüngst trieb michs auf eine Kirchturmplatte, Weil ich genug des Winkelwerks hatte Da unten in den staubigen Straßen. Genug für Aug und Ohr und Nasen. Ich wollte mirs mal von oben besehn, Wo frei und rein die Winde wehn. Auch heißt es, man sei dort oben näher Dem Herrgott, dem stummen Herunterspäher, Und wunderlich blicke sichs in die Tiefe Aus der himmlischen Herrgottsperspektive. So macht ich mich ans Steigen keck, Hub wacker die stadtmüden Füße vom Fleck, Und stieg und stieg. Nicht eben lang: Es mündete der Wendelgang In ein Gemach, so nett und rein, Als heimte drin ein Mädel fein, Deß zarte Patschhand froh und frisch Gern regt den Federflederwisch. Blank Tisch und Diele, weiß das Bett, Ein Epheustock am Fensterbrett; Von dem kroch friedsam das Gerank Um einen Wanduhrkasten schlank, Aus dem es feierlich ticktackte. Auf der Kommode die gezackte Schneeweiße Decke sonder Tadel Verriet die fleißige Häkelnadel. Auch Vasen viel und bunte Gläser. Darinnen graue Raschelgräser Aus Feldblumsträußen, längst verdorrten; Nippsächelchen von allen Sorten, In einem Glasschrank schön plaziert; Ein Bücherbrettchen, braun poliert; Die Bücher drauf in Goldschnitt fein; – Macht wohl »Die deutsche Jungfrau« sein, Kochbücher auch und auch Traktätchen. Sag eins: was wohnt hier für ein Mädchen? Ich sah mich um: Kam niemand her, War, wie wenns ausgestorben wär Und wär doch jemand in der Nähe. Und wie ich durch die Thüre spähe, Die in ein Nebenstübchen führt, Werd ich von hinten angerührt; Und bis zum Tod vergeß ich nicht Des alten Jüngferchens Gesicht, Das plötzlich in der Stube stund. Ein wenig schmerzlich schien der Mund, So säuerlich und lippenschmal; Stand drauf geschrieben manche Qual, Doch Liebe auch und Gütigkeit. Zur Nase wars ein wenig weit, Schien mirs, von diesem Lippenbogen. Streng war und länglich sie gezogen Von einer Stirne groß und klar. Still, wie ein graues Taubenpaar, Die Augen unter dünnen Brauen. Sie träumten in gelassenem Schauen, Als sähen sie nichts um sich her. Als sähen weiter sie und mehr –: Ein reiches Land voll Friedensglanz. Vom Scheitel fiel, ein loser Kranz, Aschblondes Haar zur Schulter weich. Die Kleidung war nicht arm, nicht reich. Aus keiner Mode kam sie her, Wie wenn aus keiner Zeit sie wär. Ganz wunderlich! Antik beinah, Wie eine Gürteltunika, Doch ärmellang und gar zu glatt. Von Farbe war sie bläulich matt, Wie ausgewaschen. Wortelos Stand ich und schaute, schaute bloß. Gewöhnlich alles, ganz und gar, Und doch im Tiefsten – Wunder war. Ein zarter Glanz, ein dünner Duft Lag wie vibrierend in der Luft, Und aus dem leeren Weben höre Aus alter Zeit ich leise Chöre, Uralt, urfern und urvertraut ... Da hat sie groß mich angeschaut, Als fragte sie: Was willtu hier, Du Mensch von unten, im Revier Der hohen Stille ...? ... Doch ihr Mund That Frage nicht und Deutung kund. Als wär er stumm. – Mir wurde bang. Da, plötzlich, von den Lippen klang Es lind: »Der Vater kommt.« Und, weiß Von Haar und Bart, stand still ein Greis Im Thürgevierte. – Wundersam: Mich wieder Staunen überkam. Mir wars, als kennt ich lange ihn, Als hätt ich einst auf seinen Knien Gesessen in der Kindheit Jahren, Gezaust ihn in den weißen Haaren, Indes er tiefe Worte sprach. Die klangen lang im Herzen nach, Bis Gassenlärm sie draus vertrieb; Oh, Worte heimlich, heilig, lieb ...! ... Kannt ich den Türmer? Wie ich sann, Kam näher her, gebückt, der Mann Und fragte mich, was mein Begehr Und meines Kommens Ursach' wär. »Von oben säh ich gern die Stadt, Der ich in innrer Seele satt!« Sprach ich. Da lächelte er eigen: »Ich will dir alles, alles zeigen. Doch bist du auch von Schwindel frei?« »Meint nicht, daß gar so hoch ich sei.« Erwidert ich. »Nun, eben g'nung; Es huben schnell dich Beine jung. Ich brauchte viele tausend Jahr, Bis ich hier angekommen war. Altherrgottsruh heißt dieser Turm, Hoch steht er über Staub und Sturm, Hoch steht er steinern aufgericht, Die Menschen sehn den Türmer nicht. Sie haben hier zu guterletzt Hübsch hoch und weit mich weggesetzt, Dieweil sie meiner überdrüssig; Auch war ich wirklich überflüssig; Und schließlich, grad wie du, mein Sohn, Recht satt hatt' ich den Trubel schon. Von oben läßt sichs noch besehn, Muß man nicht mitten drinnen stehn.« Da faßte mich ein Ahnen an: »Wer bist du denn, du alter Mann?« »Ich? Oh, nichts, das der Frage wert, Ein weißes Haupt, höchst ungeehrt. Wie sagt Ihr doch ...? ...Na ... ein Rentier Mit Sorgenstuhl und Kanapee Und einer alten Wärterin, (Er strich dem Jüngferchen das Kinn) Im Austragsstüberl recht gemütlich, Und thu mir an Erinnrung gütlich. Still, meine gute Gabriele, Du liebe, letztgetreue Seele .....« Das alte Mädchen nickte leis Und beugte tief ihr Haupt dem Greis, Der seine Hände auf sie legte. Mir wars, als ob sichs sachte regte An ihrer Schulter zitterzart Wie Flügelschlag verborgener Art. Dann sah er scharf mir ins Gesicht: »Du, höre Sohn, verrat mich nicht! Daß sie mich nicht noch einmal stören, Mit Opferdünsten, Bittechören In ihrer neuen Qual und Not: Ich bin unauferstehlich tot !« Jetzt war sein Auge sturmesgrau, Und seine Worte klangen rauh, Und ich erschrak im Herzen tief, Und wußte, wer die Worte rief, Und wollte gehn und wandte mich; Da klang es wieder sänftiglich: »Bleib nur, mein Sohn, und sieh die Stadt, An der dein junges Herz schon satt; Bleib nur bei mir ganz ohne Scheu. Ich bin euch Deutschen heut noch treu, Wenn ihr auch derb mir zugesetzt Und furchtbar gründlich mich gehetzt Durch eure graue Philosophie. Die wilde Jagd vergeß ich nie!« Er schob mich sanft zur Thür hinaus. Still war und hell die Luft da drauß. Hoch über uns die schwarze Leere, Zu Füßen tiefst die Sternenheere. »Wo ist der Turm denn festgesetzt?« »Mein Seel! Der Deutsche fragt noch jetzt! Könnt ihr denn nie das Fragen lassen? Du wirst den ganzen Blick verpassen. Paß auf! Schau dort: im rechten Eck, Siehst du den gelben Flammefleck?« Er deutet aus. Ich folge: »Wohl!« »Siehst du! Lateinisch heißt ihrs Sol; Die Sonne das. Es spritzt herum Wie Bienenschwarm mit Bienensumm Bunt eine Funkenglitzerherde; Das weiße Glitzchen nennt ihr Erde. Du sollst sie dir genau besehn, Wir wollen etwas näher gehn.« Und wie im Fahrstuhl sanken wir Gemächlich durch das Weltrevier, Von Surresumm allwegs begleitet, Bis unten sich die Erde breitet. Die Erde? Meine Blicke spähten Und sahen einen Fetzen Tuch, Den bunte Flicken übersäten. Und spöttisch sprach der Alte: »Such, Such deine Stadt, an der du satt, Was sie für eine Farbe hat In dieser bunten Narrenjacke. Denn wisse: Eine reine Schlacke Ist jeder Stern; der Menschen Hand Wirft über sie das Buntgewand Und meint, sie mache damit Staat Im großen Weltenhohenrat. Koketterie und Mummenschanz Ist dieser ganze Tummeltanz. Mir wenigstens wills also scheinen, Wenn ich einmal herunter seh Auf dieses bunte Zeug von meinem Blaßblaugeblümten Kanapee.« Er lachte, stieß mich in die Seite: »Was meinst du von dem Erdenkleide, Mein Staunekindchen? Schau nur, schau: Hier schwarz, hier grün, hier rot, hier grau, Hier weiß, hier gelb, hier blau, hier braun; Ist das nicht lustig anzuschaun? Nur bitt ich: Schau mir nicht hinein, Sonst fliegt davon der schöne Schein, Und eine Wahrheit liegt am Grund, Die für euch Menschen nicht gesund.« Ich hörte nicht des Alten Spruch. Ich sah aufs bunte Erdentuch. Oh blutig Rot, wie Flammenwut! Oh giftig gelbe Giereglut! Oh kaltes Weiß! Oh Gramesgrau! Oh Schwarz, wie steiniger Acker rauh! Das Blau verblaßt, das Grün verdrängt, Von bösen Farben eingeengt ... Da ward mein Blick mir müd und matt. Der Alte nur gelächelt hat Und schob mir unter seinen Arm Und führte mich in die Stube warm Und sah mir ernsthaft ins Gesicht: »Du höre, Sohn, verrat mich nicht! Ich sah dem Ding zu lange zu, Nun will ich endlich meine Ruh. Doch du, wenn du heruntersteigst, Daß du mir nun nicht Wehmut geigst, Weil du gesehn die Narrenjacke: Nein, Junge, hoch das Herz und packe Die Flinte fest und gehe kühn Ins Zeug fürs arme Blau und Grün; Und geht dirs bös in diesem Kampfe, So denke still im Pulverdampfe An Herrgottsruh und den Rentier Im blaugeblümten Kanapee.« Pans Flucht (Herrn Felix Mottl zugeeignet.) Grün umbuscht und bunt umblüht, Mittagssonnenüberglüht, Inselheckensicher sitzt Pan und schnitzt. Schnitzt aus Fliederholze sich Eine Flöte meisterlich; Und er setzt sie an den Bart Fliederzart. Zierlich, sacht, Und er lacht: Blas ich damit auf dem See In der Nacht, Wird den wackern Dichtern weh In der Nacht. Blas ich damit süß am Tage, Ach! Weck ich ihnen Dichterklage, Ach! Wehe, weh mir armem Pan, Was ich thu ist mißgethan, Denn, dieweil ich schlief, indessen Haben sie es ganz vergessen, Wie sichs lacht. Leise flötet er. Das klingt, Wie wenn zwischen frischem Moose Ueber Kiesel, glatte große, Eine helle Quelle springt. Wie des blauen Flieders Duft Schwebt dies Tönen durch die Luft, Voll und lind. Und die Flöte hört ein Kind, Das im Busche Blumen brach. Und es geht dem Klange nach, Herzgeschwind. Dachte hier sich ganz allein, Und nun flötet Einer, Wer mag dieser Flöter sein? So wie der kanns Keiner, Keiner, den sie je gehört; Ach, sie ist ganz tonbethört, Und ihr Herz schlägt schnelle. Sicher, gar ein schöner Mann Ist, der also flöten kann, Und ein junger Geselle. Und sie schürzt sich hoch den Rock, Folgt dem Klange immer zu, Busch durch über Stein und Stock; Nein doch, hu!: Der da flötet ist ein Bock! Himmel, ach, wie sieht der aus! Braune Haare, dick und kraus, Um und um; Und die Nase, und die Beine, Die sind krumm! Hat ein Wackelschwänzchen gar Und zwei Hörner, wunderbar! Aber Kleider keine. Und sie lacht und lacht und lacht, Bis ihr Thränen rinnen. Pan ist aus dem Lied erwacht, Und er flieht von hinnen. Flieht in tiefste Einsamkeit, Menschensicher, menschenweit. Golgatha Eine Schneefläche unabsehbar weit; Der graue Nebel darüber wie eine Last Von dumpfem Haß. Ists Tag? Ists Abend? Ich sehe kein Gestirn. Ob die Sonne noch lebt? Ueber die eisige Fläche schleppt sich müde mein Schritt. Mir ist, als söge der giftige Nebel aus allen meinen Poren Das Leben und zöge mich fort In ein langsames Sterben. Seine Finger sind naß, schlaff, kalt. Oh, ihr rosig sonnendurchglühten Finger Des Frühlingsmorgens, die ihr ins Leben weckt, Wo seid ihr? Und ein hüpfender Wind der Erinnerung Geht durch mein Herz hin wie ein leiser Tanz Voll seidenem Rauschen. Da Eine Stimme hinter mir. Hart wie frostberstendes Eis. »Du da!« Wie in den Boden gerammt, steh ich erschrocken. »Was erschrickst du! Ich bin nicht der Tod. Ich bin nicht der Tod .... Ach!« Eine Wolke umballt meine Sinne. In kalte Leichenkammern entflieht meine Seele. Dann taucht sie heraus In eine große Helligkeit, Und neben einem greisen Manne schreit ich Durch ein sonnenheißes Land. Grellweiße Felsen und dürres Gelb Sterbender Reife rechts und links. »Hebe dein Haupt! Sieh! Da ist Golgatha!« Christus! Im glühenden Sonnenbrand, Tief niedergesunken das Haupt, Am Kreuz. Ich sehe in seinem blonden Haar Den Dornenkranz, die Schmerzensgloriole. Sein Leib ist dürr und voller Blutrunst. Oh, Christus! »Komm!« Oh, laß mich beten am heiligen Marterstamm! Hier laß mich beten lernen! »Komm! Siehe die Leute an, die beten.« Er führt mich fort. Und wieder flieht meine Seele. Durch wetternden Sturm flieht sie und Waffengeklirr Und Feuersbrunst Und Sterbeklagen. Und in ein mittleres Licht taucht sie auf. Auf glattem Asphalte schreiten wir Durch eine große Stadt, »Hebe dein Haupt! Sieh, da ist Golgatha!« Gott! Gott! Entsetzlich, da –: Mitten im schiebenden Gewirre der Stadt, Da, Mitten auf großem Platz, Zwischen Theatern und Kirchen und Parlamenten: Das Kreuz! Christus daran, Blutend, Gesenkten Hauptes, Und keiner achtet sein. Regimentsmusik, Wagengerassel, Gedröhn, Lachen und Schreien. Christus! Christus! Blutender Heiland! Christus! – Er hebt das Haupt, Oeffnet die Lippen: »Mich dürstet!« Keiner achtet sein. Ihm sinkt das Haupt. »Komm!« Und es wird still. Ich höre Vogelsingen. Die Luft ist lau. Im Korne geht die Sense. Friede! Friede! Ein unermeßliches Feld, Ein segenschweres Meer von windbewegten goldenen Halmen. Tausend Sichler mähen im Schwung. »Hebe dein Haupt! Sieh, da ist Golgatha!« Mitten aus goldenem Garbenberg das Kreuz. Ein stumpffinsterer Mann, Eine Peitsche in Händen, Daran gelehnt. Sein Blick Mustert über die gebückten Rücken der Mäher. Und über ihm der gepeinigte Leib der Liebe. Christus! Da seh ich sein Auge, Schmerzdurchstiert, Dunkelbraun, Weit offen, Hoffnungsleer. Und seine Lippen öffnen sich. Schwarzes Blut entquillt dem Munde und ein Wort: Haß! »Willst du noch beten?« Schnee knirscht wieder unter meinem Schritt, Und wieder saugt mein Leben der Nebel. »Willst du noch beten? Viele Beter Sahst du!« Wer bist du, alter Mann? Und, langsam ferner werdend, nebelverschluckt, Wehen die Worte zu mir: »Vor meiner Thüre sank er unterm Kreuz. Ich hoh ihn nicht. Wer hebt Verbrecher auf? Ich betete Dank, daß meine Seele nicht so frech, wie seine. Da hob in seinem Herzen sich die Wahrheit: Der Haß von Mensch zu Mensch. So starb er. Mir aber fluchte seine bittere Erkenntnis, Daß ich sein Erbe sei und endelos erkenne: Golgatha überall und Hammerschlag am Kreuz! Sein Tod ist ewig, Seine Liebe ist tot. Ich lebe und lerne den Haß. Könnt ich ihn lehren!« .....: Golgatha überall und Hammerschlag am Kreuz ... Vision des Geißlers Mit Singen und mit Beten Hin zum Altar getreten Qualfreudige Asketen. Wir stehn vor Grabesthoren, Wir sind dem Tod geboren, Das Leben ist verloren. Hört, wie die Heiden singen! Wie ihre Becken klingen! Seht, wie die Nackten springen! Sie tanzen in der Sonnen Um einen grünen Bronnen, Draus kommt rot Wein geronnen. Der rote Wein vergossen, Die rote Lust genossen, Mit Stöhnen wild beschlossen. Blut strömt am Himmelsrande, Sie liegen tot im Sande, Ihr Leichentuch die Schande. Wir schreiten auf den Leichen, Wir Seligen, wir Reichen, Blut strömt von unsern Streichen. Die heiligen drei Könige des Elends Ueber einem Häusel, ganz weiß beschneet, Golden ein flimmernder Funkelstern steht. Weiß alle Wege, die Bäume alle weiß, Milde des goldenen Sternes Gegleiß. Gelb aus dem Fenster ein Lichtschein schräg Ueber das Gärtchen, über den Weg. Sieh, da über den Feldweg quer Stakt ein steingrauer Alter her; Ganz in Lumpen und Flicken getan, Und hält vor dem Hause an. Haucht in die Hände und sieht sich um, Blickt zum Sterne und wartet stumm. Kommt von der andern Seite an Wieder ein alter zerlumpter Mann. Geben sich beide stumm die Hand, Starren zum Sterne unverwandt. Kommt ein dritter und grüßt die zwei, Raunen und tuscheln und deuten die drei. Blicken zum Sterne, blicken zur Thür; Tritt ein bärtiger Mann herfür: »Kamt in Mühen und Sehnen weit; Geht nach Hause! Es ist nicht die Zeit ...« Senken die Köpfe die drei und gehn Müde fort. Es hebt sich ein Wehn, Hebt sich ein Stürmen, Wirbeln, Gebraus, Und der goldene Stern löscht aus. Christoph, Rupprecht, Nikolaus (Herrn Siegmund von Hausegger zugeeignet.) Ich kenn drei gute, deutsche Geselln Mit großen Händen und Beinen schnelln; Mit dicken Säcken auf breitem Buckel Stampfen sie eilig durchs Land mit Gehuckel; Haben Eis im Bart Und grimmige Art, Aber Augen gar milde; Führn Aepfel und Nüsse und Kuchen im Schilde Und schleppen und schleppen im Huckepack Himmeltausendschöne Sachen im Sack. All drei sind früher Heiden gewesen. Der erst heißt Christoph: Auserlesen Hat er in einer eisgrimmigen Nacht Das Christkindel übers Wildwasser gebracht. Rupprecht der zweite ist genannt: Der fuhr voreinsten übers Land Tief nächten in Gespenstergraus Als Heidengott. Den Nikolaus, Als wie der dritte ist geheißen, Thät man als einen Bischof preisen. Das ist nun all Legend und Mär. Ich übernehme nicht Gwähr, Daß just genau es so gewesen. Habs nicht gesehn, habs nur gelesen. Auf Schildereien jedermann Die dreie freilich sehen kann. Da ist der Rupprecht dick beschneet Und derb gestiefelt fürder geht. Drei Aepfel trägt der Nikolaus, Sieht väterlich und ernsthaft aus. Und Christophor im langen Bar Ist heidenmäßig dick behaart, Hat einen roten Mantel an Und ist ansonst ein nackter Mann. Die dreie nun, daß ihr es wißt, Verehre ich als Mensch und Christ. Sie sind so lieb und ungeschlacht Und ganz aus deutschem Mark gemacht. Mildherzig rauh, kratzhaarig lind, Des deutschen Gottes Ingesind. Die guten Knechte, reichen Herrn! Sie dienen gern und schenken gern, Wolln keinen Dank, wolln keinen Lohn, Sind in sich selbst bedanklohnt schon. Grüß Gott ihr dreie miteinand Im lieben weiten deutschen Land! Christoph, Rupprecht, Nikolaus! Schüttet eure Säcke aus, Schüttet sie mit Lachen, Blickt mit hellen Augen drein Und laßt wohl gesegnet sein Eure Siebensachen. Des Teufels Nähfaden Der Teufel näht in den Sack der Nacht, In den grausteifleinenen weiten Sack Die Erde ein. Seht da, wie er hockt überm Kirchturmkreuz, Daran er sein Nähwachs, den Mond, gespießt; Hui, wie er den Faden darüber zieht Mit seiner krummen Klaue, und wie er prüft Ob er fest und geschmeidig. Wo hat der Teufel den Faden her, Den Sackleinfaden, mit dem er näht? Er hat ihn gedreht aus den Seelen der Hämischen, Aus den Seelen der lauernden Nörgler hat er Den Faden gezwirnt; Drum ist er so grau Und zäh und knotig. Blickt aber die Sonne darauf, die gütige, Reißt er in Fasern grau aus und feucht, Und auf den Morgenwinden fliegen, Angeleuchtet vom jungen Tage, Ausgedröselt die Sackleinfetzen. Und der Teufel rauft sich die starren Haare und flucht: Nichtsnutzige Seelen! Nicht mal Säcke kann man mit ihnen Dauerhaft nähen. Hol sie der Kuckuck! Die Nacht Nun will es Abend werden; Der rote Himmelsstrich, Den Eros mit dem Pfeilgefieder Gemalt zu haben schien, verblich. Es überbräunt sich leis der Wald; Die zarten Birkenstämmchen blinken Nur graulich silbern noch; es ließ Der Tag die goldene Krone sinken. Schnell hebt die neidische Nacht sie auf; Doch ihre kalten Hände eisen Das Gold zu Silber; durch das Schwarz Endlosen Raums hebts an, zu gleißen Da rauscht sie feuchteschwer heran. Von schwarzem Riesenschwangespann Wird durch das Luftmeer sie getragen. Sie lehnt in breitem Muschelwagen. Erst hält sie, still, am Horizont, Der purpurglüh sich ausgesonnt. Dann breitet seinen Fittich weit Der schwarze Schwan, schwimmflugbereit. Und ihre Arme hebt die Nacht ... Das All ist dunkelüberdacht. Nur noch das Schwanenfittichwehn, Das Brüsteaufundniedergehn Der stummen Riesin hört die Welt, Die müdebang den Atem hält. Die Herberge (Für meinen lieben George Hofinger.) Du kaltes Haus voll müder Dunkelheit ... Spinnwebenüberschleiert schläft in dir die Zeit; Auf weichen Socken schleicht in dir der Tod; Stets um dich Dämmerung; das Morgenrot Trifft deine Schindeln nicht, die bleich wie Blei; In weiten Kreisen bangt das Leben dir vorbei. Ich aber ging hinein und saß in dir zu Gast ... Oh wie du mich so lieb und lind umfangen hast! Ich lehnte meinen Kopf an deine graue Wand, Mir streichelte das Kinn des Hausherrn harte Hand. Sein Auge lud mich ein zu weißer Lagerstatt, Da sank ich federntief, von weichem Wehe matt. Der Krankenwärter Tod sang in den Schlaf mich ein, Da ward das stille Glück, das ... stille ... Glück ward mein. Es hauchte um mich her ein Atem moderbang, Und eine Stimme dumpf aus Weltenweiten sang: »Hinüber Seele nun, spann deine Flügel weit, Schwimm schwanenfittichstill in blaue Ewigkeit. Hörst du den leisen Ton? Das ist der letzte Schlag Vom Turm der Erdennacht, nun goldet dir der Tag, Der nie sein Blut vergießt ins Abendrötenmeer ...« Da hob ich mich in Angst von meinem Pfühle schwer. Fort! Fort! Von hier hinaus! Hinaus ins helle Licht! Noch einmal sah ich in des Hausherrn bleich Gesicht. Das lächelte. Mir war: Dies Lächeln legte sich Ins Herz mir wie ein Wort, kalt: Unabänderlich ! Ich schritt auf schwankem Fuß, ich taumelte hinaus, Ich wandte meinen Blick: Versunken war das Haus. Und eine Grube lag an seiner Stelle, tief ... Mir wars, als obs aus ihr leis meinen Name rief. Abend und Nacht Die Sonne schickt den goldenen Scheidegruß, Des Lichtmeers letzten, leisen Wogenwurf Der müden Welt. Ein Schattenschleier schwebt Engmaschig über alles Leben her; Aus seinen Falten schüttelt er den Schlaf, Den Sorgenlöser, der Vergessen giebt. Langsam versinkt in stummes Glück die Welt. Die Vögel zirpen letztes Nestgeschwätz, Vom fernen Hofe bellt ein lauter Hund, Ein letzter Wind rauscht durch das hohe Gras. Dann alles still ... Den Atem hält die Welt. Nun übergraut den Himmel dichter Flor, Nun deckt sich alle Farbe müde zu, Nun weichen alle Formen in die Nacht. Und alles leer und schwarz, und alles hohl und kalt, Und endlos alles Raum, und alles, alles Flucht, In unermeßnes Nichts ein Schweben ohne Laut. Der Tod stellt seinen schwarzen Spiegel auf, Deß Bilder keines Lebenden Auge schaut. Doch wenn dein letzter Atem dir entfloh, Stellt eine dürre, kalte Hand dich leis Vor seinen Plan. Und siehe: du erkennst Zum erstenmale dich ... Drum bebt dein Herz, Wenn sich in schwarze Nacht dein Blick verliert. Mythologie Schwand der Frühlingstag, der frische Tummel-Junge, Floh zum grauen Meer hin über die blauen Berge; Hei, wie flatterten ihm die grünen Raschelkränze Hell im Haar, wie wehten die lichten Locken! Schau, da schwindet der Saum, der rote, gewirkt mit Golde, Den seine kräftige Hand hob im brausenden Lauf. Kommt die milde Magd, der bleiche Frühlings-Abend, Kommt mit leisen Schritten über die Maienwiese, Hat das Köpfchen weich links überschulter geneigt. Aschblond ist ihr Haar, wie überstäubt von Flocken Junger Frühlingsblüten, es fließt ihr über den Rücken Bis zur Beuge des Kniees, schmiegeweich wellt es hinab. Ihre Augen suchen, ihre grauen Augen, Die so furchtsam blicken wie der Rehkuh Lichter, Auf der Maienwiese die Spur des flüchtigen Tages. Suchen, suchen, suchen, die milden, grauen Augen, Aber Dunkel webt, wohin die Arme schreitet Längst verschwand der golddurchwirkte sonnenrote Saum des Frühlingstags am überflorten Himmel. Und es blinkt der erste blasse Stern am Himmel, Blinzelt mitleidgütig auf die Suchebange. Immer dunkler wirds, es kommen tausend Sterne. Alles still. Kein Wind. Kein Atemwehen. Alles tot. Die Sterne blicken kalt. Tief ins Dunkel getaucht der Nacht, der stummen Gebietrin, Schwand die suchende Magd. Silbern erhebt sich der Mond. Ein Traum (Herrn Eugène Demolder zugeeignet.) Kommt her und seht, was in der Nacht ich sah, Kommt und erlebt, was mir im Traum geschah: Ich stand an einem weiten, grauen See; Feucht war die Luft und blaß des Himmels Blau, Wie flüssig Blei das Wasser. Und ein Kahn Lag unbewegt am Ufer, das ganz leer, Wie eine Wüste war. Kein Busch, kein Baum, Kein Schilf, kein Gras, nur knirschend grauer Sand. Da, leise, ging aus mir ich selber fort. Ich sah mich aus mir selber gehn. Leb wohl! Rief ich mir zu, ich, der ich schauend stand, Leb wohl, rief ich mir zu, ich, der ich ging. Der Schreiter, ich, das war ein junger Mann, Er wiegte in den Hüften sich und warf Die Arme rüstig hin und her, sein Gang Sprach: Leben! Leben! Doch der Bleibende, Ich, der am Ufer stand, war matt und alt. Und auf den Boden sank er, ich, und starb. Nun war ich risch im Kahn und ruderte Und schnitt die Wellen mit dem schwarzen Kiel Und schoß durchs Grau des unbewegten Sees. Voran! Voran! denn ich bin jung und stark, Ich fühle meine Kraft, ich freue mich Der Muskeln, wie sie mir gehorsam sind, Wie alles fest mir in den Händen ruht, Wie meiner Lungen Gleichmaß saugt und stößt, Wie meine Blicke in die Weite gehn. Doch nichts als Grau um mich und über mir. Der Himmel auch hat sich in Grau gethan, Und grauer Hauch weht von mir in die Luft. Da werd ich mählich matt und willenlos. Die Ruder laß ich, lautlos sinken sie Rechts, links ins Wasser, und ich lege mich, Wie eine Leiche lege ich mich lang, Als ob ein Sarg er wäre, in den Kahn. Wer bin ich denn? Bin ich der Tote nun, Der dorten in den Sand sank, bin ich nicht Der junge Schreiter mehr? Es treibt der Kahn Lautlos, doch schnell, ich fühls. Ich wage nicht Die Augen aufzuthun. Ich bin wohl tot. Da, durch die Lider rötets mir: um Gott! Ein zischender Eisenklumpen auf grauem Ambos, ruht Die Sonne auf Wolkenballen in dunkelroter Glut. Langsam, von Riesenfäusten gehalten, ein Hammer droht, Eine Krone aus ihr zu schmieden, eine Krone blutglührot. Eine Krone ... und ich hebe hoch mich auf Und greife in den Himmel, und herab Hol ich die Krone mir und setze sie Aufs Haupt mir. Hei, ein Strahlenzucken fährt Von meinem Haupt ringsum, und alles ist, Was mich umgiebt, erhellt und feierlich. Und vorn am Buge meines Kaiserschiffs Steh ich und fahre ein ins Himmelreich. Das liegt vor mir in lauter Schönheit da, So weit gedehnt, wie nie mein Blick vordem Etwas gesehn. Doch still und leer und tot Ist dieses Land, und wie mein Silberkiel Auf seines Hafens goldne Kiesel knirscht, Ist tiefe, schauerkalte Nacht um mich. Nur ferne blinzt ein zages Zitterlicht, Und ferne klingt ein zager Glockenton, Und ferne, dort, weiß ich, ists warm und gut. Ich geh zum Licht, ich geh zum Ton, ich geh Dahin, wo mein ein Herd, wo mein ein Herz Warm wartet. Ach, wie meilen-, meilenweit Ist Licht und Ton und Herz und Herd! Ich geh Viel viele Jahre lang, und stets in Nacht. Da endlich lichtet sichs, so wie im Mai Es morgenrötet über jungem Grün, Und zwischen Fliederbüschen wirbelt blau Herdrauch aus rotem Schornstein, und ein Haus, Ein kleines Bauernhaus mit moosigem Dach Seh ich, und an der Thür: ... Du, du, oh du! Ein altes Weiblein in schlohweißem Haar Kommt auf mich zu mit leisen Schrittelchen Und legt mir an die Brust das alte Haupt Und blickt zu mir mit braunem Auge auf. Oh tiefes Gluck: das ist der alte Blick, Der Kinderblick, der aus dem Herzen kommt, Und, oh, das ist die liebe Stimme auch, Die glockenleise: Komm, du, komm, du, komm; So lange, lange fort!.. Da seh ich erst Im blauen Wasserspiegel, daß mir weiß So Haar und Bart. Und zweisam, Arm in Arm, Gehn wir ins kleine Haus. Die Thüre fällt Leis zu ... Barocke Bilder (An Otto Erich Hartleben für den Pierrot lunaire.) 1. Die Sonne ging unter, der Mond steigt auf, Sonngoldenes Rot Westwolken berändert, Drüben in geisterleisem Lauf Mondsilberhuschestrahl schlendert. Sterbeverzuckendes, rieselndes Rot; Sonne, das Heldenherz bricht im Tod, Das flammende Leben versinkt. Schau, wie die wimmernde Nacht, die kalte, Eifersüchtige Alte, Das dampfende Herzblut trinkt. 2. Die goldene Wärme schwand in die Nacht, Nun ist der kalte Spott erwacht, Der sich ins tiefste Erdenloch Vor der schenkenden Güte verkroch. Es glitzert frech, Ein Schild von Blech, Der leere Mond über des Tages Leiche. Seine Strahlen sind Seelen vom Schattenreiche. 3. Der Mond wirft seinen Silberspeer Nach dem Herzen der Erde, Daß sie wie er Ein spukender Leichenstern werde. Seit Jahrmillionen ohn Unterlaß Will er sie töten, Aber sein Haß Muß fliehn, Sieht er am Himmel ziehn Das Purpurlebensmeer der Morgenröten. Noch schlägt das Herz der Erde heiß In Lieben und Gebären, Noch dreht der alte Wandelkreis: Samen, Blüten, Aehren – Zeugen, Geburt und Tod, Wann wird es stille? Wo glüht das Urgebot, Wo wacht der Wille? Die Juli-Hexen (Der kleinen Sibylla Blei zum Lesen, wenn sie größer ist.) ›Der Mond trinkt an der Erde, Komm heraus in die helle Nacht!‹ »Wohin wollen wir gehen?« ›Auf die Waldwiese! Auf die Waldwiese!‹ »Was wollen wir denn dort machen?« ›Tanzen! Tanzen!‹ »Mit wem den?« ›Mit uns selber! Mit uns selber!.‹ »Wenn aber der Waldteufel kommt?« ›Soll er mit tanzen! Soll er mit tanzen!‹ »Aber wenn er nicht will?« ›Muß müssen! Muß müssen!‹ »Kennt ihr ihn denn?« ›Freilich! Freilich!‹ »Wie sieht er denn aus?« ›Ganz voller Haare! Ganz voller Haare!‹ »Und weiter nichts?« ›Oh ja: Bocksbeine! Und eine krumme Na–ase!‹ »Hu! Wird er euch nicht beißen?« ›Fallt ihm net ein! Fallt ihm net ein! Hat die kleinen Mädeln so gerne und spielt Auf der Flöte!‹ »Was denn?« ›Lauter schöne Lieder zum Lachen!‹ »Und singt er auch?« ›Ja, wenn er heiße Augen hat.‹ »Was denn?« ›Das dürfen wir nicht sagen! Oh nein! Oh nein!‹ »Ist es denn schlimm?« ›Oh nein! Oh nein! Aber zu schön zum sagen. So ... so ... so ... schön ...!‹ »Was kichert ihr denn!« ›Weil du dumm bist, weil du dumm bist, Weil du dumm bist und denkst, Wir sagen dir, was der Waldteufel singt.‹ »Werd ich mirs selber hören!« ›Du? Du? Du mit deinem Barte? Dir singt er nicht, Dich frißt er!‹ »Ich kirr ihn mir schon!« ›Hörst du ihn? Höre, höre, hör wie der Waldteufel lacht! Wir kommen! Wir kommen! In schlooweißen Hemden. Wir ko–o–mmen!‹ »Langsamer! Langsamer! Springt nicht so schnelle! Wo seid ihr! Wo seid ihr!« ›Kleb du im Bette! Wir tanzen schon!‹ Traum im Walde Ein lichter, grüner Schleier über mir, Und um mich her ein lichter grüner Schleier ... Es singt und klingt aus weiter, weiter Ferne Musik, vergehend, weich ... Durch die Maschen des Schleiers flirrt und blinkt Ein goldiger Schein. Der malt sich in Kringeln, In tanzenden, huschenden, bebenden Tupfen Hell aufs dunkelgrüne Moos. Was singt das ferne, ferne Lied ...? Lauschen will ich ... Holde, weiche Frauenstimme, Leise, leise ... Wiegenliedsang .... Schlage die Augen auf, glückliches Kind; Siehe, liebreich schimmern zwei gütige Sterne der wachenden Liebe nieder, Schlafe, schlafe du glückliches Kind, Umsungen vom Liede der Mutterliebe ... Wehend teilt sich der grüne Schleier: Wie eine Wolke umhüllt er ein Weib. Das naht mit schwebend langsamem Schritt. Bist du das Glück, Weib, bist du die Liebe? ... Selige Milde strömt aus den blauen, Himmlisch gütigen Augen mir Lösend ins Herz ... Bist du die Liebe, Weib? ... Wie es klingt und duftet ... Was hebt mich empor? Ein Quillen und Schwellen in mir: Süßes Singen, Ferne, nahe; Geigen schwirren, lang aussäuselnd; Blüten schaukeln herab durch warme, Wogende Düfte, – ah, der Atem Der Frau mir nahe. Ihre Blicke strömen wie heiße Fluten Glühend mir ins Herz, – Ein Kuß Auf meinen bebenden Lippen ... Bist du die Liebe, Weib? Da klingts wie Wiegenliedsang so weich, Beruhigend, seliger Wehmut voll Von den Lippen der Frau: »Vergehe im Traum, Schlaf ein im Tod, unruhiges Kind: Schlafe, schlafe, mein Kind im Tod, Siehe die Liebe lebt.« Ernte (Für meinen lieben Liliencron.) Sonnengießen durch den Tag, Wellenhoch im fröhlichen Schlag Geht mein Herz, es schaukelt leise Eine Wiener Walzerweise. Sensenschwung und Sichelschnitt, Grün und gelb fällt Gras und Aehre, Meine Freude erntet mit: Segenschwere! Segenschwere! Unter einem Lindenbaum, Auf des weißen Kirchleins Hügel, Ruht ich aus; da hub mein Traum Surrend die Libellenflügel: Steht ein Feld im Korne schwer, Schwankt in goldnem Ueberschwange, Früchtefroh und reifebange, Trocken rauschend hin und her. An des Segens goldnem Rand, Wo des Himmels Blau sich breitet, Eine Sense in der Hand, Eine Bauerndirne schreitet. Weit aus, wuchtig ist ihr Schritt, Ueberhäupten ihr der Stahl Lacht in huchig hellem Glitzen; Schnell im Schwung mit einemmal Seh ichs durch die Bläue blitzen, Und die Magd beginnt den Schnitt. Bogenhalb dreht sich ihr Leib, Bogenweit greift aus das Eisen, Näher, näher kommt das Weib Hinter breitem Messerkreisen. Langsam rührt mit steter Kraft Sie der schweren Sense Schaft. Brach schon dehnt sich Stoppelleere. Wo rauschgolden sich die Aehre In des Windes Wehn gewiegt, Sterbestarr das Leben liegt. Näher, näher kommt sie her, Auf die Seele fällt mirs schwer. Augen zu. Ich höre den Schnitt, Und ein Klagen hör ich mit Von Millionen Sterbequalen. Stille dann. Scheu schau ich hin: Ruhend steht die Schnitterin Unter Abendsonnenstrahlen. Von des vollen Goldes Rot Einen Augenschein umloht, Dann im letzten, hellen Licht, Umrißschwarz ... Bist du der Tod!? Klar blickt sie mir ins Gesicht, Gütig, groß und mütterlich, Wendet in die Helle sich; Geht. Sie überwächst den Schein, Dunkel bricht von ihr herein. Wo rauschgolden sich die Aehre In des Windes Wehn gewiegt, Sterbestarr das Leben liegt. Allhin dehnt sich Stoppelleere. Schwerer Traum Ich lag an einem Birkenstamm Und sah durchs grüne Schleierlicht, Wie eine weiße Wolke schwamm Im hohen Blau. Und ein Gedicht Ward in mir. Leise sang michs ein; Ich schlief und lebte einen Traum: Mir wars, ich war ein Kind, und klein Stand neben mir der Birkenbaum. So schmächtig zart; ich griff ein Blatt Und blies darauf, da führte mich Ein Sturm in eine große Stadt Voll Lärm und Stöhnen fürchterlich. Ein glühend Ungeheuer stand Auf weitem Markt, und Dampf und Rauch Spie aus sein Mund, und seine Hand Riß alles her und riß mich auch. Fraß alles Leben in sich ein, Und alles Leben drängte sich Zu ihm mit jammergellem Schrein; So starb mit allem Leben ich. Das war, den ich geträumt, der Traum. Die weiße Wolke war nicht mehr, Und über meinem Birkenbaum Kroch wolkengrau ein Wetter her. Fieberlied (Für Johannes Schlaf.) Dieses Lebens Jammerthal Steht voll schwarzer Schmerzensrosen, Die an grauem Dornenstrauche, Zwischen scharfgezackten dunkel- Grünen Blättern blühn. Große, schwarze Schmerzensrosen Nicken über meinem Haupte Und entschütten ihrem Schooße Giftig gelben Samenstaub. Dicker, dumpfer Duft umschwillt mich Sichtbarlich in sammetblauer Schwüler, feuchter Wetterwolke, Und von ferne hör ich Geigen. Geigen hör ich ein wildes Lied. Schmerzensschrill und voller Wollust, Voller Gier und greller Helle, Und im Takte meines Herzschlags, Stoßweis wechselnd, klingt das Lied. Lullt mich ein zu Schlaf und schreckt mich In ein atemloses Wachen, Drückt die Lider mir wie Bleilast, Reißt mein rot entzündet Auge Auf in eine blutige Sonne – Und die schwarzen Schmerzensrosen Nicken über mir ... Innocentia (Nach Franz Stucks Gemälde; dem Meister gewidmet.) Der klare Blick gradaus, weit in Welt, Und eine Welt in diesem klaren Blicke: Da ruht die Liebe und der Schmerz im Traum, Und Schönheit schlägt die Wogen drüber her Wie Frühlingswind. Der schlanke Lilienstengel In weißer Hand ragt unbewegt und heilig. Die Augen schloß ich, und dasselbe Bild Sah meine Seele, ganz denselben Blick, So voller Reinheit, Schöne und voll Liebe, Doch statt des Lilienstengels ruht im Arm Ein schlafendes Bambino. Mutterunschuld! Die Welt schien mir an diesem Tage schön. Der schwarze Ritter (Nach einem Thoma'schen Bilde.) Im Thale unten die blaue Tiefe, Grau am Himmel jagende Wolken; Langsam reitet, Die Lanze im Arm, Auf braunem Rosse ein schwarzer Ritter; Rote Ebereschentrauben Leuchten aus dunklem Grün heraus Wie offene Wunden ... Alter Wein und junges Blut (Zu Böcklins Altrömischer Weinschänke.) Alter Wein und junges Blut Tanzen durcheinander. Blumenmädchen, wirf die Rosen, Wirf die Rosen aus dem Schurze, Wirf die Rosen auf den Weg! Sieh, wir taumeln in geschienten Gliedern mit dem blauen, schweren Stahlhelm, taumeln wie am hohen Himmel die betrunkenen grauen Wolken. (Oder find es Schläuche?) Pfui, wer wird hier stille stehn? Zwar, dort in den Rhododendren Lauern niederträchtige Dornen, Und es scheint mir, hopla, Mädchen, Hinter ihnen schnarcht der Tod. Pst! Kommt! Auf den Zehenspitzen Schlüpfen leis wir in den Keller! Wo im Sand die spitzen Krüge Mit den dicken Bäuchen stehn. Kommt, wir machen eine Kette! Erst zwei stahlbeschiente Beine, Dann zwei nackte, schlanke, weiche, Und so nach der Regel weiter, Die Ovid beschrieben hat. Laßt den Tod im Busche schnarchen! Wenn die sehr betrunknen Wolken Sich auf Jovis Knieen lagern, Legen wir uns neben ihn. Bildchen Der Frühling naht dem Sommer zu, Ein leichter Wind wiegt über dem Gras, Hell leuchten die Blüten im Busche. Die Blumen im Grase nicken leis, Es klingt der kleine, klare Bach Aus schattigem Dunkel schüchtern heraus, Als käm er vom Reiche der Träume. Vom Reiche der Träume, in dem sie weilt, Das braune Mädel mit flatterndem Haar, Die junge kräftige Bauerndirn. Zwischen Frühling und Sommer webt ihr Traum, Zwischen Blüte und Frucht, zwischen Hoffen und Glück, Und die Augen gehen ihr über. Drei trunkene Lieder zur Harfe (Für Paul Scheerbart.) 1. Tonnen stehen im dunklen Keller, Breite, braune, bauchige Tonnen, Und zwischen ihnen taumelt meine Jagd Nach einem Sonnenstrahl, Den ich im vorigen Sommer sah. Sicher, in einer dieser Tonnen steckt er: Napoli oder Caro vigno, ihr goldenen, Wer von euch hat ihn? An einem See wars vor dem großen Gebirge, Und silbergraue Libellen flogen im raschelnden Röhricht Des dürr grünen Schilfes. Aus den klingenden, kleinen Wellen tönte silbern die Frage: »Wo lebt die Eine mit dem liebegütigen Herzen, Das deiner Sehnsucht vorbestimmt ist als weiches Bett?« Und ein heißer, goldener Strahl kam von der großen Sonne, Der über die Wellen fuhr wie kriegschlichtender Schwertstreich. Seid mir Liebesorakel, ihr sonneschwangeren Tonnen! 2. Die Welt ist reich, wie das Auge eines schönen Mädchens. Tiefes Dunkel ist drin voll süßer und schauriger Rätsel, Und die Seligkeit ist in ihr, die glitzernd Ueber die Oberfläche des feuchten Augapfels huscht. Und das Herz dieser Welt voller Keime und heißer Fluten – Wie das Herz eines verliebten Mädchens ist es, das unbewußt Sich nach Umarmung sehnt und schmerzlich seligem Gebären. Feuerstrahlender Gott, der du die Wolkenvorhänge zerreißest, Die Erde in ihrer Nacktheit zu schauen, Heißblickender Mann, Held Helios, gieße Deine Lebensströme in den heiß wartenden Schooß der Erde! 3. Da noch Blut in meinen Adern ist Und Kraftspannen in meinen Muskeln, Will ich lieben, – lieben wie ein seliger Gott und ein gesundes Tier. Die faule Furcht der Menschheit blas ich hinweg Mit meinem Odem voll rasender Sehnsucht. Meine drängende Brust hebt sich nach den bebenden Vollen Brüsten unendlicher Hingabe. Zwingen will ich den ausweichenden Blick Sehnender Weichheit. Her zu mir alle, ihr Liebeskräftigen, Ich will euch umarmen. Wer aber liebesfeige ist, der gehe hin und ersäufe sich In veilchenfarbener Tinte. Seinem Tode will ich ein Tanzlied singen. Sela. Groteske (An Hermann Bahr.) Ich sah im Traume eine Abendröte, Die war wie wellendes, dampfendes Blut, Tief dunkel. Faul, breit, quoll sie molkig, Schwappend am leeren Horizonte lang gedehnt. Schwer lag sie: leuchtender Schlamm. War das die Sonne, die da hinten sank? Mir schien, und ich glaubt es im Traum, Glaubt es mit krampfendem Lachen: ein himmlischer Riese, Irgend einer der Wandler da oben, Die sich Wolkenfetzen um die Schenkel schlagen, Warf eine faulige Blutorange ins Meer; Die klatscht Stinkend auseinander. Bravo, haariger Lümmel! Aber da!? ... Ein goldiges Zittern zuckt durch die Röte, Zerfasert die molkige Masse in Helle. Phosphorleuchten, perlmutterig Blinken, Jagende, tanzende, stechende Lichter. Himmel, Himmel! Die Sonne, die Sonne! Die Sonne ist verrückt geworden, Sie speit ihr Sternengedärm in die Nacht ... Eine riesige Faust Droht und greift Mit knolligen Fingern Nach dem zappelnden Ball. Da ward es dunkel, und wie silberne Fische Schwammen Millionen Kometen durch das Nachtmeer.