Otto Julius Bierbaum Ausgewählte Gedichte Pierrot prologisiert [Zu den alten Liebesliedern] Hier, werte Fraun und Mädchen, An einem rosa Fädchen Ist alles aufgereiht Mit himmelblauen Säumen, Was mir von bunten Träumen Herblieb aus alter Zeit. Ihr könnt behaglich lesen, Was ich ein Träumer gewesen Und, ach, wie voll mein Herz; Es schwoll, daß Gott erbarme, Vor lauter Lust und Harme Und schwebte himmelwärts Als eine bunte Blase, Gebläht von reiner Ekstase, – Doch als es stand am höchsten, Zerplatzte es vor Schmerz. Und schaukelnd fiel hernieder, Was von ihm übrigblieb: Eine Handvoll schwärmender Lieder, Die ich, ein Träumer, schrieb. Guter Rat Mach dich von Sehnsucht frei und leb im Licht! Haus nicht im Träumerschloß mit Spiegelwänden! Du glaubst, das ist die Welt, was sie dir blenden, – Ach nein, die Welt, mein Junge, ist das nicht. Es ist ein tückisches Spiel des schiefen Schliffs Und oft wohl gar Betrug, was sie dir zeigen. Hinaus! Schlag sie entzwei, aufs Pferd zu steigen Beherzten Sprungs und festen Zügelgriffs! Hussa Galopp! Und mitten in die Welt! Sei nur Sankt Jörg, und du findst Ungeheuer Und schreitst durch Teufelsflut und Drachenfeuer Zu einem schönen Kind, das dir gefällt Und dir zum Lohn für deine Abenteuer Die holdste Frucht aus Gottes großer Scheuer, Den vollen Mund zum Kuß entgegenhält. Die vier Lebensalter Es lag ein Kind unter einem Baum Und sah hinauf in den grünen Raum Und lächelte dazu. Sprach ich: Hör, du, Was tust du so? Sprach es: Ei, Mann, ich bin so froh, Weil da die Vöglein singen, Von Zweig zu Zweige springen. Ist das nicht lustig? Ach, könnt ich hinein In die grüne Welt; doch ich bin noch zu klein. Meine Arme umfassen den Stamm noch nicht; Sonst wollte ich bald oben sein Bei den Vögeln im grünen Licht. Es stand ein Jüngling unter einem Baum, Auf seiner Lippe der erste Flaum, In seinen Augen die erste Liebe. Er schnitt ein Herz in die Rinde ein, Das sollte Denkmal und Rahmen sein, Darein er ihren Namen schriebe. Und lächelte dazu. Sprach ich: Hör, du, Was tust du so? Sprach er: Mich macht die Liebe froh. Das wachsende Leben soll umschließen Den Namen, der mein Herz umschließt. Des Lebens Säfte sollen ihn durchfließen, Der wie ein Glücksschwall mich durchfließt. Dies soll ein Sinnbild meiner Liebe sein: Stark wie der Baum ist sie und also rein Wie seine Säfte, die in tausend Blüten In jedem Jahre neu sich offenbaren; Von jungen Jahren bis zu alten Jahren Will ich als Heiligtum sie selig hüten. Es lag ein Mann unter einem Baum, Verschränkte die Arme wie im Traum Unter dem Haupte und sah hinan, Wo viele Vögel sangen; Ruhig, ohne Verlangen sah in das Grüne der Mann Und lächelte dazu. Sprach ich: Hör, du, Was tust du so? Sprach er: Ich bin der Ruhe froh, Und daß ich mich von einem Schmerz ermannte, Den ich zuletzt doch als ein Glück erkannte. Ich war zu lang Im Überschwang, Vertaumelte mein Leben In eines Traumes Schweben Und wurde so des Lebens bar, Unfest, unklar, Bis mir der Schmerz beschiedn war, Der mich zur Erde mächtig stieß Und mich den Sinn der Erde, Das ewige Sei und Werde Dankbar erkennen ließ. Ich weiß es nun: Bewegtes Ruhn Ist Glück und das Leben kein Traum. Und will ichs vergessen, Von Wünschen besessen, Betracht ich den stehenden, wachsenden Baum. Es lehnte ein Greis an einem Baum, Der leuchtete im Blütenschaum Wie ein köstlich Geschmeide; Geschlossen die Augen beide, Sah nichts der Greis Von dem holden Gegleiß Und lächelte doch dazu. Sprach ich: Hör, du, Was tust du so? Sprach er: Ich bin der Dunkelheit froh, Die mich umgibt. Die blühende Helle hab ich einst geliebt, Nun täte sie mir weh, Da mir ein Licht ward innerlich; Das ist so milde: Ob ich im Dunkeln steh, Sonne nicht, Blüten nicht seh, Seh ich doch mich Klarer als je Und immer auf Gottes Gefilde. Es ist eine Nacht, wo die Wurzeln sind, Eine Nacht, von Keimen umgeben, Da wird zum tiefer sehenden Kind Der blinde Greis, denn das Leben ist blind Und der Tod ist das sehende Leben. Vorfrühling Sieh da: Die Weide schon im Silberpelz, Die Birken glänzen, ob auch ohne Laub, In einem Lichte, das wie Frühling ist. Der blaue Himmel zeigt türkisenblau Ganz schmale Streifen, und ich weiß, das ist Des jungen Jahres erster Farbenklang, Die ferne Flöte der Beruhigung: Die Liebe hat die Flügel schon gespannt, Sie naht gelassenen Flügels himmelher, Bald wird die Erde bräutlich heiter sein. Nun Herz, sei wach und halte dich bereit Dem holden Gaste, der mit Blumen kommt Und Liebe atmet, wie die Blume Duft. Sei wach und glaube: Liebe kommt zu dir, Wenn du nur recht ergeben und getrost Dich auftust wie ein Frühlingsblumenkelch. Hinter einer grünen Weide Heute sah ich, heute, o Hinter einer grünen Weide Zwei sich küssen; diese beide Schienen mir des Lebens froh. Ei, wie reizend war sie, und, O, wie eifrig bei der Sache! Manche geben flaue, flache Küsse; – ihre waren rund. Rund und voll, und, wie mir schien, Wußte er sowas zu schätzen, Und so war es ein Ergötzen Wie für sie, so auch für ihn. Selbst der grünen Weide rann Ein Entzücken durch die Zweige, Und sie sah sich mit Geneige Das Geschnäbel freundlich an. Sankt Jörg Ich bin Sankt Jörg, Steh auf dem Berg, Steh auf der Wache. Schlug ich auch tot Den Wurm der Not: Der alte Drache Ließ junge Brut, Die nimmer ruht; Sie schleicht im Tale. Ich bin bereit Und führ den Streit Zum andern Male. Die Sehnsucht singt 1. O du mein Stern und süßer Trost, Du Schein von ferne, tiefer Klang Aus Weiten, wo das Glück mir wohnt, – O Mädchen, das ich nie gesehn! O du mein Traum und mein Begehr, Du meine holde Zuversicht, Noch Name nicht und doch schon Glück, – O Mädchen, das ich nie gesehn! O du mein Leben und mein Herz, Du meine Sonne in der Nacht Der allertiefsten Einsamkeit, – O Mädchen, das ich nie gesehn! 2. Alte Lieder hört ich heute! Ave rosa sine spiris, – Deine Stimme hört ich, Mädchen, Die ich niemals noch gehört. Und ich hörte neue Lieder Hinter über jenen alten, Meine Stimme, deine Stimme, Die ich niemals noch gehört. 3. Rüste dich, mein Herz, und bebe Nicht so sehr: es wird geschehen, Daß ich ihre Nähe fühle, Denn mein Auge wird sie sehen. Wird sie sein, wie ich sie träume? Wird mein Hoffen jäh vergehen? Rüste dich, mein Herz, mit Stärke, Denn mein Auge wird sie sehen. Gemma Kühle Alles das ist nur ein Träumen, Und ich sollte nie erwachen: Das wär schön. Denn der Tag hat kalte Farben, Und die Wahrheit geht in Wolle, Rauh und grau. Wirklichkeit, die alte Vettel, Zückt schon ihre Klapperschere Und sie grinst: Weg die bunten Seidenbänder, Weg die langen Ringellocken, Weg den Tand! Und ein kurzer Krampf im Herzen Und das alte böse Lachen: Siehst du wohl? Kälte Meine armen Veilchen sind erfroren, Liegen nun im Schnee vorm Fenster draußen, Naß und duftlos. Meine holde Hoffnung Ist gestorben. Einsam weiter durch das leere Leben, Mit erfrornem Herzen einsam weiter! Irgendwo in einem tiefen Walde Sink ich nieder. Nacht Mitternacht. In weißen Kutten graben Sich Trappisten ihre letzte Ruhstatt. »Ave rosa sine spiris« singen Ihre Herzen, aber ihre Lippen Singen nicht. »Sei gegrüßt, du rote dornenlose Rose, reinste aller Rosen, große Weltenrose, Jungfrau, sei gegrüßt! Dornen haben, ach, uns wundgestochen, Doch der Herzenswunde bittres Pochen Hat dein Duften selig übersüßt!« Lassen Schwunges schaufeln sie die Erde, Bis sie Raum gewonnen ihren Leibern, Und sie legen sich zum Sterben nieder, Einmal noch die schmalen Lippen öffnend: »Sei gegrüßt!« Erstes Beben Im finstern Walde springt ein Reh Scheu auf ... Ach, du mein holdes Kind, In meiner Seele ist ein schreckhaft Weh, Dem viele Jäger auf der Fährte sind. Es war das Feld ganz still, Da hob sich auf ein Wind; Nun ist ein Wogelauf In seinen Halmen jäh, Die voller Beben sind. O welch ein Sturm steht mir im Herzen auf. Hoffnung Das will ich dir, mein Herz, gestehn, Ich freue mich der Welt nicht sehr Und würde gerne weiter gehn, Wenn nicht ein Trost von ferne wär. Das ist so: Eine Wiese steht Ganz öde, gras- und blumenleer, Ganz arm und fahl, ganz abgemäht, Doch kommt ein Duften zu ihr her, Fern, fern, weit her. Es muß wohl wo Ein blumenvoller Garten sein. Die Augen schließ ich gläubig, – so Saug ich den Duft des Gartens ein, Des Gartens in der Ferne wo, Des Gartens, den ich niemals sah, Und mehr bin ich des Gartens froh, Als aller dieser Dinge da, Die nahe sind. O Garten du, Sanftrosiger der Zuversicht, In deinem Rauschen meine Ruh, In deiner Schattennacht mein Licht. Scherzo lamentoso Heut, mein Fräulein, in der Morgenstunde, Als der Tag mit Amselschlag begunnte Und mit vielem, ach so vielem Sonnenschein, Fiel mir dies und das: Wie Ihre Augenbrauen Schön sind und wie hold sie anzuschauen, Und wie elend ich bin, fiel mir ein. Und mir war, als wenn mich etwas stieße, Und mir war, das beste wär, ich ließe Mich vom Fenster fallen nieder auf den Stein Vor der Türe. – In der Morgenstunde, Als der Tag mit Amselschlag begunnte, Fielen Sie mir, Fräulein, und das ein. Der begossene Pudel Schön sind Sie, mein Fräulein, und ich könnte Stundenlang in Ihre Augen schauen, Drüber sich die schönsten Brauen bauen, Wenns das böse Schicksal mir vergönnte. Aber ach, aus Amors Gnaden bin ich Längst gefallen; seine holden Gaben Gönnt er jungen tanzbeflissenen Knaben, Und im Winkel Trübsalsverse spinn ich. Ihre schönen Augen wolln nicht sehen, Wie ich Armer mich um Sie verzehre, – Wenn ich jung noch und ein Schwätzer wäre, Würde wohl die Sache besser gehen. O, das ist betrüblich zu erfahren, Daß man nicht mehr wie in jungen Tagen Bloß sein Sprüchlein frech braucht herzusagen – Weh, die Liebe rechnet nach den Jahren. Und so will ich denn zur Seite treten Und mich herzhaft auf die Lippen beißen: Klirre nicht, verworfnes altes Eisen! Höre auf zu lieben, lerne beten! Verzagt Soll ich wieder schwärmen, ich, Der ich müd bin und verdrossen, Schicksalslaugenübergossen, Traurig, trüb und jämmerlich? Soll ich? Nein, ich drücke mich. Meine Schwärmer sind verschossen, Und das Schicksal hats beschlossen: Keine Wonnen mehr für dich. Aber deine Augen, Kind, Sind bestimmt, das Glück zu schauen, Das im schönsten Bogen geht: Ruhe, Klarheit, Majestät, Davon deine Augenbrauen Allerschönstes Abbild sind. Getrost Nein, mein Herz, so sollst du dich nicht plagen, Sei getrost und sieh die Schöne an, Wie sie kinderfröhlich lachen kann, Und sie hat wohl auch ein Leid zu tragen. Doch sie ist zu stolz und stark zu klagen, Nur ein Blick verkündet dann und wann, Daß sie weiß, was Leid ist. Doch in Bann Läßt sie sich von Kümmernis nicht schlagen. Willst du, Herz, dich liebend zu ihr wenden, Sollst du heiter sein, wie sie es ist, Klar und lauter, stolz und stark. Erhebe Dich ins Reine zu der Reinen: lebe, Lebe auf, da du ihr würdig bist, Und es wird die Zeit des Jammers enden. Das Lied vom bißchen Sonnenschein Es ist ein bißchen Sonnenschein Auf meinen Weg gefallen, Da hört ich gleich des Glücks Schalmein Aus allen Himmeln hallen Und glaubte gleich, Das Himmelreich, Das Himmelreich sei mein. Der Sonnenschein ist weggeglänzt, Er galt nicht meinem Wege, Ich habe mich zu früh bekränzt, Nun kreischt des Grames Säge: Der Winter naht, Der Potentat, Es hat sich ausgelenzt. Trost im Winkel Laß es gehn, Herz, laß dich treiben, Alles hat hier seine Bahn, Wenig gilt hier: Mitgetan, Alles gilt: Im Strome bleiben. Ist es dir bestimmt zu wohnen, Wo die Schönheit Ruhe gibt, Wirst du, wie du bist, geliebt, – Liebe schenkt sich, ist kein Lohnen. Laß es gehn, Herz, laß dich treiben, Spare dir des Zweifels Qual, Und du findest doch einmal Einen Herd, beglückt zu bleiben. Sei getrost Das ist die Sünde, die du fliehen sollst: Der Hader mit dem Schicksal. Sei getrost! Es führt dich gut, geht es auch dunklen Weg. Folg nur ergebnen Herzens, wie ein Kind, Das an der Mutter Hand im tiefen Wald Nach Hause strebt und innig sicher ist: Die Mutter, o die Mutter kennt den Weg. Adoration Ich strecke meine Hände aus nach dir, Wie Beterhände sich zum Antlitz strecken Der gnadenreichen Mutter, die im Arm Das liebevolle ernste Kind umfängt. So, o Madonna, möcht ich, daß mein Herz Umfangen wär von deinem Herzen; so, So, o Madonna, möcht ich, daß dein Blick Der heitere mich überstrahlte. Sieh, Madonna, sieh, wie ich voll Glaubens bin, Versunken ganz in deine Güte, ganz, Ganz fromm und selig, wie ein armes Herz, Das schon gestorben war in Graus und Gram Und zur Madonna seine Zuflucht nahm Und stark in Liebe ward, neu lebend, frei, Daß es vor Glücke zuckt und bebt und bangt Und nichts mehr, nichts von dieser Welt verlangt, Als daß es stets im Glanz Mariens sei. Devotionale Schöne du, Erbarmerin, Weil mir deine Augen lachen: Nimm mein Lied in Gnaden hin – Schöne du, Erbarmerin. Nimm mein Herz in deine Hand, Wieg mein Lied in Trost und Träume, Schöne, himmelhergesandt, Nimm mein Herz in deine Hand. Alles wird dann ruhig sein, Denn die Heimat ist gefunden, Kehrt mein Herz in deinem ein, Alles wird dann ruhig sein. Glück Ich bin so voll von Liebe, Wie die Traube ist voll von Süße, Mein Herz ist wie im Sommer Der volle Apfelbaum. Ich gehe stille Wege Mit ruhigem Gemüte, Der hohe blaue Himmel Ist mir kein leerer Raum. Ich bin mit allem Leben Verwurzelt und verwachsen, Die Sonne ist meine Mutter, Gott ist mein schönster Traum. Zuversicht Dich zu lieben, das wird Ruhe sein, Hand in Hand, getrost und ohne Bangen; Kein Verzagen –: Glauben; kein Verlangen –: Frucht und Friede, Freiheit und Verein. Aber Lust wird in der Ruhe sein, Sommerlust, ein Schauen und Genießen, Jene Lust der windbewegten Wiesen, Die voll Blumen sind und still gedeihn. Du, mein Glück Meine Seele, eine Taube, Lang verflogen und verirrt, Regt nun zwischen lauter Blüten Auf dem schönsten Frühlingsbaume Ihre Flügel leis vor Glück. Du mein Baum voll lauter Blüten! Du mein Glück! Du meine Ruh! Meiner Sehnsucht weiße Taube Regt die Flügel, regt die Flügel Dir im Schoße. Süße! Süße! Welch ein Wunder: Ich und du! Die Hauptsache Wir sind, wer weiß es von wem, auf die Welt, Wer weiß es woher, wozu gestellt; Es ist ein Gewirre. Der eine geht seinen Weg gradaus, Der andre findet nie nach Haus, Jeder geht einmal irre. Ich – weiß nicht viel Von End und Ziel, Geh meine Straße wie im Spiel Und denke frei: Was es auch sei, – Ich bin auf der Welt und du bist dabei. Liebe Es ist ein Glück zu wissen, daß du bist, Von dir zu träumen hohe Wonne ist, Nach dir sich sehnen macht zum Traum die Zeit, Bei dir zu sein, ist ganze Seligkeit. Beruhigung Alle meine Schmerzen Sind in deinem Herzen, Wie in einer Wiegen Stille Kinder liegen, Die im Traum in Himmelsvaters Armen sind. Und du selber, Gute, Bist in meinem Blute, Darum bin ich heiter wie ein stilles Kind. Entzückung Hier mein Herz, Welt, hier mein ganzes Leben! Dich umfaß ich, Gott; was du gegeben, Ström ich wieder in Entzückung her. Hat mein Herz der Leiden viel getragen, Darf es wieder nun in Wonnen schlagen, Und von Müdigkeit weiß es nichts mehr. Nehmt es hin! Wie selig ist das Schenken! Liebe ist mein Fühlen und mein Denken, Und mein innerlichstes Glück ist Kraft. Nehmet hin und freut euch! Seht, mein Leben Will ich freudig an die Freude geben. Süß ist diese Frucht und voller Saft. Liebeslied im Herbste Ach, mein Herz ist bange, Bange nach meiner Geliebten. Sehnsucht hält die Schatten- Flügel über mir. Wolken fliehn im Winde; In vergilbenden Wipfeln Stöhnt es: meine Seele Singt und stöhnt nach ihr. Du und unsre Liebe, Du und dein Herz voller Güte! ... O mein Glück, mein Leben: Einsam bin ich hier. Doch ich will nicht klagen. Über die grauen Weiten Spannt sich ein Liebesbogen Hoch von mir zu dir. Was die Liebe bindet, Trennen nicht Berg und Meere. Schließe die Augen: siehe! –: Sieh, ich bin bei dir. Zwei Liebesbriefe 1. Über die Ferne hin, Täler hin, Berge hin, Durch alle Tage und Nächte hin, Sing ich zu dir, o Geliebte. Hörst du mich? Lausche dem Rauschen der Bäume im Regen, Lausche dem Winde, der über die Halme Mit dem zärtlichen Fittiche hinstreift, Lausche dem holden Munde der Nacht; Lausche in dich. Lausche geschlossenen Auges, höre, Höre dein Herz, das rauschende, höre, Höre dein Blut: es trägt meine Stimme, Trägt meine Liebe durch all dein Leben: Zu dir, um dich Tönt mein Rufen, Tönt meine sehnsuchtsvolle Seele, Die dich sucht. Über die Ferne hin, Berge hin, Täler hin, Durch alle Tage und Nächte hin Sing ich zu dir, o Geliebte, Singt meine Seele zu dir. 2. Wenn mein Herz auch müde ist, Müde von zu vielen Schmerzen, Ist dies müdeste der Herzen Doch zu dir in Glut entbrannt. Ach, daß du mir ferne bist. Doch mein Herz ist deiner Güte, Wie dem Himmelslicht die Blüte, Sonnenstrahlenzugewandt. Und so wird durch deine Strahlen Aller Schmerzen, aller Qualen Bald mein Herz entladen sein, Denn der Liebe Licht heilt schnelle. Sende, spende deine Helle, Du mein lieber Sonnenschein. Fröhliche Stille Ich will nun willig warten, Es kommt jetzt doch die Zeit, Da blühn in meinem Garten Die Blumen hold gereiht, Und geht in ihrer Mitte Die schönste Gärtnerin Mit leisem Pflegeschritte, Gelaßnem Schritte hin, Und blüht im Licht der Sonnen Ein neues Licht mich an, Macht mich in leisen Wonnen Zum fröhlich stillen Mann. Das grüne Blatt Vor meinem Fenster weht Ein Blatt; – der grüne Schein Soll meine Zuversicht Und liebe Ruhe sein. Vor meinem Fenster weht Ein Blatt. Wir leben so Im leisen Auf und Ab Und sind des Schwebens froh. Vor meinem Fenster weht Ein Blatt. Mir ist so gut. Komm an mein Herz, du Grün, Das solche Wunder tut. Ruhe Das Leben ist ein Glück. Wie tut das Atmen gut. Wie schlägt mein Herz getrost, Wie ruhig rollt mein Blut. In meinen Augen wohnt Die Welt, ein Blumenstrauß. Sie war wohl sehr verwirrt, Nun ruht sie sicher aus. Gute Stunde Gebt mir ein Blatt Papier. Die Feder läuft geschwind. Ich weiß, daß jetzt um mich Huldreiche Geister sind. Ihr Wort geht in mich ein, Ihr Wort geht aus mir aus, Drum schimmert mein Gedicht Gleich einem Blumenstrauß. Meine Frau unterm Ölbaum Der Ölbaum: ein zarter Strauß, ... Wie aus grauen Seidenspitzen, ... Wie Silberschmiedarbeit sieht er aus, Auf der schwarzblaue Edelsteine blitzen. Stehst du darunter in dem Blumenkleide Aus Indiens buddhabunter Seide, Dann ist der ganze Garten ein Geschmeide. Und, träume ich denn, was ich da seh? Wen seh ich dort in Signor Bardis Haus Vor seiner Staffelei im Türgevierte sitzen? – Frate Giovanni da Fiesole! Der weißen Kutte weite Ärmel sind Den mageren Arm hinaufgeschlagen, Und seine frommen braunen Augen fragen Just seine Farbentiegel, ob für dich, mein Kind, Sie auch genug der reinen Farben tragen. Steh still, steh still! Und blicke klar und froh, Gradaus, mich an! Aus deinen Augen lesen Soll ferne Zeit noch, wie du gut und klar, Wie schön und lauter du, wie treu und wahr Dein starkes, liebevolles Herz gewesen! Drum malt dich Fra Angelico. (Fiesole 1904.) (Im Garten der Villa Bardi.) Monologsatz Gerichtet an das Bildnis einer Rokokofürstin in Fulda O schöne Dame, deren Asche nun Wer weiß wie lang im Kupfersarge ruht (Groß ist gewiß die Trauerweide schon, Die drüber ihre Zweige fallen läßt, Schmalblättrige: wie ihre Hände schmal Und ebenso graziös im Hin und Her), – O schöne Dame, deren Brünnlein einst So lebhaft plapperte, wie – nun, wie jetzt Der schönen Damen Brünnlein plappern, und Die doch so stolz war, wie wir Heutigen Nur selten Stolz wahrnehmen bei der Frau (Weil, ach, so selten heute Adel ist), – O schöne Dame, deren Namen wohl Ins Grab versank, wie dieser Lippen Rot Und dieser Augenbrauen seidnes Schwarz: Du hattest mehr als einen Dichter einst, Gewiß ein Dutzend wohl, und Dutzende Von schwärmenden Verehrern voller Geist: Doch keinen, der dich jemals so verliebt Anschaute wie jetzt ich, denn, sieh, mir ist, Als säh ich meine Dame jetzt in dir, Von der ich nun seit Tagen ferne bin, Und der ich immer huldige, wo nur Mich edle Schönheit, stolze Güte grüßt. (Aus einem Reisebriefe von 1905.) Spruch Sei du nur still in dir Und laß den Pöbel schrein, Dann wirst du allem Lärm Taub und enthoben sein. Im Garten Gottes wird Der Lärm der Welt Gesang, Und Gottes Garten wird Ein Herz, das sich bezwang. Pandora Als ich heute früh im schönen Parke, Der voll lauter Birken steht, spazierte, Sah ich (nun, ihr brauchts ja nicht zu glauben) Eine nackte Dame auf mich zugehn. – Sag, wer bist du, sprach ich, nackte Dame? Reizend scheinst du mir und liebenswürdig, Eine auserlesne Augenweide. Selten sah ich noch so schöne Beine Und so wohlgefügte volle Brüste, Selten noch so schöne Haut: atlassen Glänzend und vom Blut des frohsten Lebens So von innen her erwärmt, durchleuchtet. O wie schön (laß mich dich nah betrachten!), O wie schön sind deiner weißen Brüste Blasse Rosen, holder Frühlingsgarten. Ach, und welch Entzücken darf ich fühlen, Sieht mein Aug den Glanz der blonden Haare, Wie sie von der Stirn im schönsten Bogen, Aber wellig, hintenüber fallen Und hinab den Rücken fließen bis zum Wohlig rundlichen Geschwisterpaare Zweier ganz vollkommnen Hemigloben. Diese Grübchenhände! Diese Füßchen! Jedes Glied ein tadellos Gebilde, Jedes Nägelchen ein Schild der Schönheit, Und der Mund: des Eros goldner Bogen. Denn aus Gold sind deine Lippen, – seltsam, Bernsteingoldig deine Augen, – seltsam, Und dein Nabel eine weiße Perle. Ei, was trägst du da in deinen Händen? Solch ein kostbar Kästchen sah ich niemals: Mattes Gold, durchsetzt mit Glutrubinen, Die, ein Rosenkranz von Licht und Farbe, Ringsherum wie trunkne Augen leuchten. Also sprach ich und sank in die Knie, Küßte ihrer Füße Lilienblätter Und ließ meine Lippen an den Füßen, Wünschend, daß ich ewig liegen dürfte In so selig klarer, voller Andacht. Da umflossen mich die gelben Haare Wie ein Strom von allen Wohlgerüchen: Rosen, Veilchen, Lilien und Narzissen, Alle eins geworden, alle Düfte Frühlings und des Sommers eins geworden: Höchsten Lebens Atem, stark und lieblich. Und die Schöne sprach zu meinen Häupten: Weil du gläubig bist und immer wieder Deine Hände, Adorant der Schönheit, Betend, hoffend hebst ins Licht der Sonne, Unbeirrt ein Jünger der Bejahung Und der Künste allertreuster Diener, Bin ich Nackte vor dich hingetreten, Ich: Pandora, des Hephaistos Bildwerk. Ich entstamme nicht der Kraft der Lenden, Mich erschuf die Kunst des Feuergottes; Nicht geboren ward ich: ward gedichtet. Darum sind von Golde meine Lippen Und von Bernstein meine großen Augen, Und es leuchtet mir an Nabels Stelle Eine Perle wie ein blindes Auge. Andern heiße ich nur Schein des Lebens, Spuk und Blendwerk, Spiel verzückter Sinne, Doch dem Künstler bin ich höchstes Leben. Ihm allein bin ich die Allbegabte, Ihm allein gehören die Geschenke Meines goldenen, verkleinodierten Schreines, der des Daseins holdste Gaben Alle in sich birgt. Willst du sie nehmen? Bebend griff ich nach dem goldnen Kästchen, Das mir nun die Wunderbare reichte, Und ich sprach, mit Schleiern vor den Blicken: Gib! Ich weiß, die Gaben der Pandora Heißen Übel, und die Weisen fliehn sie, Murmelnd, daß sie Gift und Wahnsinn seien, Nebelgüter, die das Licht der Wahrheit, Scheinbar hold, doch trügerisch verhängen. Ach, die Weisen mit den blinden Augen! Ach, die Weisen mit den Tranlaternchen! Mögen sie die graue Wahrheit suchen Und die Schönheit als ein Trugbild schelten: Ich will lieber deiner Hände Gaben Fromm empfangen, ob sie auch vergehen Und nur schöne Formen sind und Farben. Seiens Gifte, nebelnde Gespinste: Ich will lieber alle Gaben missen, Die die andern wahre Güter nennen, Und in ihrem Netze selig sterben. Sprach die Göttin: Schilt mir nicht die Weisen! Irre sind sie auf gewundnen Wegen, Wunderlich Beseßne, doch sie suchen Mich auf ihre Art. Der Götter Träume Sind unendlich vielgestalt; die Weisen Sind der Götterträume Nebelbilder, Und sie selber träumen Nebelhaftes. Denn ein jeder träumt nur, was er selber In der Götter Traum ist: Blumen – Blumen, Sterne – Sterne, Menschen – Menschen, und die Dichter Sind, weil sie wie Götter schaffend träumen, In der Götter Traum die hellsten Träume, Denn sie wissen einzig, daß sie Traum sind. Freue dich! Es gibt nicht höhre Gabe. Selig, wer es fühlt, daß er geträumt wird, Selig, wer ein guter, stiller Traum ist, Selig, wer so stark ist, so zu träumen, Daß Gestalten wie im Traum der Götter Aus ihm gehen: tiefsten Lebens Zeugnis. – Willst du, daß ich nun das Kästchen öffne? Es ist leer, dein Herz ist viel, viel reicher. Nur ein Klang ist in ihm. Lausche, Lieber, Und laß nie aus Ohr und Herz dir schwinden Dieses Klanges tiefe Offenbarung. Lauschend legte ich mein Ohr ans Kästchen, Und es schwoll wie von entfernten Harfen Ein Gesang ins Herz mir: diese Worte: Liebe ist des Traums der ewigen Götter Einziger Sinn, wer Liebe träumt, den lieben Sie als ihren schönsten Traum. O träume Liebe, Dichter, sei kein Alp der Götter! Leis verklang das Singen in dem Kästchen, Brausen regte sich im Birkenwäldchen, Lautlos schwand die Herrliche. Ich sah sie Eine Kußhand noch herübersenden Und ein Lächeln mit dem goldnen Munde. Weiße Wölkchen stiegen aus den Birken Und zerwehten schnell wie seidne Flocken Zart am blaßblau klaren Morgenhimmel. Harfen haben mich nach Haus begleitet, Harfen klingen durch mein ganzes Leben, Seit Pandoren ich gesehn. Die goldnen Lippen meiner Lieben Frau vom Traume Leuchten mir durch alle meine Tage. Eine Begegnung mit Herrn Ich oder die Stinktiere Als ich heut nacht beim schönsten Sonnenschein In meinem großen Traumpark promenierte, Den Lindenweg entlang, vorbei dem Haus, In dem ich Audienz zu geben pflege, Wenn meine Freundin mir, die Kaiserin Von Lubidinien, Ambassade schickt, Sah ich inmitten der Ranunkelwiese (Der grün und gelbe Glanz ist wunderbar) Gemächlich schreitend meinen Freund Herrn Ich. Durchaus in Weiß gekleidet – um den Bauch Den breiten schwarzen Seidengürtel – kam Mein alter Freund, wie seine Art so ist, Sehr langsam und zuweilen stehen bleibend, Grad auf mich zu, durchaus sich nicht beeilend. Sein breiter Strohsombrero fächelte Mit schwanken Krempen dem verehrten Haupt, Das für die Hitze nicht geschaffen ward, Erwünschte Kühlung um die vollen Backen. Doch trotzdem hielt mein alter Kamerad Noch einen roten seidnen Sonnenschirm (Türkisch gemustert, riesigsten Formats) Mit seiner Linken sorgsam über sich, Indes die Rechte den gewohnten Kodak, Den stets verzeichnenden, behutsam trug. Da ich bei Tage nie dem Freund begegne, Freu ich mich stets, ihn nachts im Park zu sehn, In dem zuweilen Sonn und Mond zugleich scheint, Sommer und Winter ist an einem Tag Und Zukunft und Vergangenheit sich eint Zu einem Heute von besonderem Glanz. Wir sprechen uns dann miteinander aus, Wie Freunde tun, die sonst entfernt sich sind (Doch immer nahe im Gefühl), und stets Erfahr ich Neues von ihm, das mich wundert. So ging ich denn mit schnellen Schritten ihm Die Hand ausstreckend, seine zu ergreifen, Entgegen, als, pfui Kuckuck, ein Gestank Höchst penetranter Art mich stehen hieß. Die Nase klemmend rief ich: »Lieber Freund, Was für ein scheußlicher Gestank ist das? Riechst du ihn nicht? Dann bist du arg verschnupft! Schindanger duften lieblicher; es scheint Von faulen Eiern und verwestem Fleisch Ein fürchterlich Gemisch. Bist du vielleicht In was getreten, das von Übel ist?« Da lachte schallend auf mein Freund, wie kaum Ein anderer lachen kann, denn darin hat Er Übung. Und er rief: »Du irrst, du irrst! Dies süße Düften hab ich mir gekauft Für schweres Geld in einer Menaschrie. Zwei holde Musteliden kauft ich mir, Stinktiere heißt der Laie sie, jedoch Der Zoologe Chinqua oder Skunk. Ich führe eben zur Dressur sie aus, Daß auf Kommando sie zu stinken lernen. Verzeih, ich sah dich nicht, sonst hätte ich Nicht eben grade jetzt: Stinkt! kommandiert. Denn, wenn ein guter Freund mir naht, solln sie Natürlich nicht die Afterdrüsen öffnen. Dies soll (und wird! verlaß dich drauf!) nur dann Mit Präzision geschehn, begegnet mir Ein Exemplar der bösen Spezies Homo calumnians, so ein Stück Vieh, Das aus dem ewig lügenfeuchten Maul Verleumdung stinkt, erlogne Schändlichkeit Ausdünstet und den guten Namen mir Mit niederträchtgem Klatsch besudelt, oder Ein falscher Freund, der, weil es ihm behagt, Als Alleswisser interessant zu sein, Freundschaftlich ihm Vertrautes ausstreut und Zugleich verhöhnt, in seinem flachen Sinn Gekitzelt, wenn der Hörer nur geruht, Beifall zu lächeln. Stinken solln sie auch, Wenn Neidische in meiner Nähe sind, Von deren bloßem Atem ringsumher Die Luft morastig müfft, Verkleinerer Und darum Lügner, immerfort bereit, Mit Wenns und Abers leiser Andeutung Verdacht zu säen. Kurz: Die Niedertracht Will ich vom Leib mir halten durch Gestank.« So sprach mein Freund und dünkte sich sehr klug. Ach Gott, so klug! – Der Gute tat mir leid. Und, weil ich nahe ihm verbunden bin Und es nicht gerne sehe, haut er so Mit voller Armauslage in die Leere (Wobei man, wie ein jeder Fechter weiß, Das Gleichgewicht sehr leicht verlieren kann Und auf die Nase fallen), sagte ich: »O welch ein Erzkamel du bist, mein Freund! Du legst dein Geld an, wie ein Idiot. Viel besser, wahrlich, hättest du getan, Hättst statt des Stinktierduos du ein Paar – Was weiß ich, Metzgerhunde dir gekauft. Weißt du denn nicht, daß eben der Gestank Das Lebenselement der Schufte ist, die du Damit nur anziehst, wie der Baldrian Die Katzen anzieht? Ist denn das Vernunft, Sich mit den Stänkern durch Gestank gemein Zu machen, sei es auch nicht eigenem?« Da schämte sich mein Freund und ging davon, Den Sonnenschirm geschultert. Seine Skunks Verwandelten sich in zwei Collies, die Mit edlem Anstand ihn begleiteten. Gebet Liebe Nacht! Auf Berg und Wiese Ruhst du, stille Trösterin. An dem Saume deines Mantels Leg ich all mein Wünschen hin. Liebe Nacht! An deinen Brüsten, Mutter aller Frömmigkeit, Ruhe meine Unrast, schlafe All mein Sehnen und mein Leid. Liebe Nacht! O wiege, wiege Dieses Herzens Drängen ein! Laß mich still wie du, gelassen, Und umfassend laß mich sein! Pfingsten Zwischen Tulpenflammen und Narzissen Springen unter schweren Fliederbüschen Kleine Mädchen losen Haars im Garten. Lerne, Herz! Die kleinen Mädchen wissen Mehr vom Glück, als du; mit ihrem Springen Loben sie den heiligen Geist der Pfingsten Zwischen Tulpenflammen und Narzissen. Denn der heilige Geist ist ausgegossen In den glutenbunten Tulpenflammen, Und er heißt: Seid fröhlich, Menschenkinder! Jede Blume, glorienumflossen, Ist, dem Haupt Mariens gleich, ein Abbild Milder, tiefer, süßer Gottesliebe ... Denn der heilige Geist ist ausgegossen. Der bekehrte Plinius Plinius der Jüngere spricht: Wenn die Narren tanzen wollen, Hindert sie der Weise nicht, Doch entflieht er ihrem Tollen In ein abgelegnes Haus, Zieht sich seine Toga aus Und verfertigt ein Gedicht, Das von jenen Pfaden handelt, Drauf der stille Denker wandelt, Hell umstrahlt vom eignen Licht. Ganz so unrecht hat er nicht, Dieser jüngre Plinius. Manchmal ist es kein Genuß, Dort zu sein, Wo das Bein Tanzt, bloß weil es tanzen muß. Zum Beispiel, wo der Leutenant Zum Regimentsmusikgetöse Die Taille der Frau Kommandöse Mit pflichtergebnem Arm umspannt; Oder wo, Bloß so so, Der Staatsanwaltschaftssubstitut Fröhlich tut, Weil der Anstand es erfordert, Da zum Tanzen er beordert, Und die saure Lippe man Dabei nicht verwenden kann; Oder auch, Wo der Bauch Des beleibten Handelsmanns Sich im Tanz Widerwillig dreht und schwenkt, Weil ihn die Erwägung lenkt, Daß von eines Kunden Gnaden Er zum Hausball ist geladen. Bei solcherlei Gelegenheit Bleibt der Weise lieber weit Weg vom Schuß nach Plinii Junioris Theorie; Denn beim Zeus, Es ist scheußlich und übel anzusehn, Wo sich so Mal apropos Tänzersohlen, Die befohlen, Auf dem Pflichtparkette drehn. Mühsal mahlt im Mühlentakte, Klipp und klapp, Das vertrackte Pensum ab; Selbst des Walzers holde Töne Werden schleppend zum Gestöhne, Das zum Himmel schluchzt und schreit: Welche Niederträchtigkeit! Aber nun, o Plinius, Hör, was ich dir sagen muß: Steig aus deiner Toga Falten, Schmücke dich mit Lack und Claque, Laß dich (Mut, Mann!) mißgestalten Durch den zwiegeschwänzten Frack! Triste scheint zwar die Montur, Doch das ist von außen nur. Und nun komm, ich will dich leiten, Wie den Dante einst Virgil, Aber nicht in Höllenbreiten, Sondern mitten ins Gewühl Ausgelaßner Lustbarkeiten, Wo das Leben sich im Spiel Tanzend einmal wirklich regt, Wie das Herz den Takt ihm schlägt. Denn gewöhnlich sind wir heute So in Ernst getunkte Leute, Daß des Lebens heitres Ziel Unserm düstren Blick entfiel. Aber ganz ists nicht versunken, Manchmal lassen wir der Unken Dumpf Geläute überschrein Von des Frohsinns Melodein. Und wir tanzen wie besessen Ins verlorne alte Land, Das wir beinah schon vergessen, Wie die Kinder Hand in Hand, Und im Aneinanderpressen Fühlen wir: gottlob, der Brand, Der schon im Verglimmen schien, Kann noch helle Flammen schlagen, Wenn der Freude Melodien Sturm in unsre Seelen tragen. Sieh, wie reg die Brüste gehn Unsrer Mädchen, unsrer Frauen, Sieh, wie ihre Augen glühen, Wie die schwarzen, braunen, blauen Helle, heiße Blitze sprühen! Hast du Schönres je gesehn? Gerne möchte was entgegnen Dieser alte Klassiker, Doch da springt mit höchst verwegnen Sprüngen eine Tänzrin her; Lange braune Ringelhaare Schweben ihr ums Angesicht, Dem zwei liebe braune klare Augen Leben sind und Licht; Rot und golden ist das Mieder, Rot und golden sind die Schuh, Aber um die schlanken Glieder Knistert gelbe Seide nieder Allerfeinsten Knöcheln zu, Wo Juponvolantgefieder Rüschenüppig raunt frou-frou. Und es faßt Herrn Plinium Diese holde Tänzrin um. Zwar er sagt: »Ich kann nicht tanzen«, Doch sie sagt: »Es wird schon gehn«, Und schon seh des Röckchens Fransen Ich um seine Schöße wehn. Marmelsteinern, Elfenbeinern Sieht man bald von ferne her Seiner Glatze Kugel leuchten, Wie des Seehunds runden feuchten Schädel aus bewegtem Meer. Und sie regt sich Und bewegt sich, Und sie rötet sich im Tanz. Jetzo hier und jetzo dorten, Wirft sie balde allerorten Ihren roten Vollmondglanz. Mittendrin im Walzerschwall, Plinius ist überall; Hier jetzt, da jetzt, Fern jetzt, nah jetzt, Schöße hoch und Beine reg, Plinius macht seinen Weg; Schleifer, Dreher, Hopser, Steher, Welche Schikanen Auf Walzerbahnen Je man ersann, Kann dieser Mann. Fast wird mir schwindlig bei dem Gedreh. »Heda, he, Plinie! Tun dir nicht endlich die Beine weh? Halte doch an!« – »Keine Idee! Noch eine Runde rum! Links herum, rechts herum!« – Schon ist er fern! Hat man seine Not mit den Klassikern! Endlich ist der Tanz vorbei, Und es setzen sich die zwei, Aber so: Der Domino Auf den Schoß dem Plinio. Und der alte Römer spricht: Wenn die Frohen tanzen wollen, Hält sich auch der Weise nicht Fern von ihrem schönen Tollen, Sondern geht mit in das Haus, Wo in Trubel und Gebraus Leben selbst wird zum Gedicht, Das von jenen Pfaden handelt, Drauf sich Lust in Weisheit wandelt Und die Düsternis in Licht. Der patriotische Holländer (Eine fast unglaubliche Geschichte, Herrn Franc Nohain nacherzählt) Man hatte sich mit allen guten Dingen So vollgestopft, wie man es muß, Wenn die Ernährung soll gelingen; Voll war man, voll bis zum Zerspringen, Nach Atem sah man schon die Kinder ringen, Da rief der Hausherr: »Nun der Magenschluß! Die Resi soll den Käse bringen!« Die Resi kam. Wie war sie blaß. Die Hausfrau rief: »Was ist denn das? Reicht man den Käse ohne Glocke?!« – »Ach gnädge Frau!« rief Resi, »ach! Es tat auf einmal einen Krach, Da war sie ...« – »Ungeschickte Docke!« Erwiderte die Hausfrau drauf, »So geh und kauf ne andre, aber, bitte, eine, Die nicht von selber springt!« – Die Beine Nimmt Resi untern Arm und rennt. Wär die Geschichte jetzt am End, So wär es keine. Doch, denken Sie! Nach einer Stunde Erscheint mit schreckenschiefem Munde Besagte Resi. Ihr Geschrei Verkündet: »Gnädge Frau! Entzwei Ist auch die zweite Glocke! Ich bin gewiß nicht schuld daran!« Die Gnädge sieht sie flammend an Und heißt sie mehr als eine Docke. »Du tust das, scheint mir, zum Pläsier! Schweig! sag ich ... Und das sag ich dir: Paß auf! Sonst! ... O! Ist es zu sagen?! An einem Tage zwei zerschlagen! Hol eine andre!« – Ihre Beine Nimmt Resi untern Arm und rennt. Wär die Geschichte hier am End, So war es immer noch wohl keine. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Das Abendessen ist serviert, Wie lieblich lockt die kalte Platte, Mit Petersilie schön garniert, Die schon dasselbe Amt beim Mittagsbraten hatte. Nur eines fehlt: der Käse ist nicht da. »Ich sagte doch, Veronika,« Bemerkt der Hausherr mit Verdruß, »Es soll und muß Stets Käse auf dem Tische sein! Muß man denn jeden Tag dasselbe sagen?« Die Gnädge klingelt, Resi wankt herein; Man sieht ihr an, wie ihre Pulse schlagen. Der Käse ist schon wieder glockenbar! Da sträubt der Gnädigen sich selbst das falsche Haar, Und ihr beredter Mund hat keine Worte. »Wie!?!« ruft sie endlich, »tust du mirs zum Torte? ! O die Verworfne! Drei an einem Tag! Das halte aus, wers kann und mag! Ich kann es nicht! Bei Gott, ich kann es nicht! « Und will der Unglückseligen ins Gesicht, So scheint es, höchst persönlich springen. Da hebt ein wunderliches Klingen Sich wie von Äolsharfen durch die Lüfte, Und unter süß diskretem Rahmgedüfte Der rot geschminkte Edamkäse spricht: »Entschuldgen Sie, wenn ich das Wort ergreife, Das meiner Art sonst nicht gegeben ist. Ich bin ein Käse von vollkommner Reife, Daher der Ruhe hold und feind dem Zwist, Ein Sohn des Landes, wo aus Ton die Pfeife Und jeder Mensch ein tadelloser Christ! Weshalb es mir unmöglich ist, zu schweigen, Wo Unschuld soll das Haupt der Strafe neigen, Drum, kurz und gut, Madam, ich war es, ich, Der die drei Glocken leider hat zerschlagen, Und zur Entschuldigung kann ich nur sagen, Ich tats als Patriot, nicht lästerlich. Loyalität war schuld, daß ich das Glas zerstieß: Ich sprang vor Freude auf, zertrümmernd mein Verließ; Der Patriot in mir wars, ders zu tun mich hieß. Ich wär nicht wert, daß diese Lampe mich beschiene, Spräng ich nicht heute hoch als edler Patriot« (Hier sprang er wiederum, gleich einer Ballerine, Was einen wirklich schönen Anblick bot; Bewundernd klirrten Maßkrug und Terrine), »Heut ist vor Freude meine Rinde rot: Heut ist der Hochzeitstag von ›unsrer Wilhelmine‹!« Fatales Abenteuer einer Dame, die einen neuen Hut aufhatte Nach Franc Nohain Eine schöne Dame ging, Trippeltripp, Spazieren. Ach, was für ein schöner Hut Tät das Haupt ihr zieren! War aus Nichts der Hut gemacht, War erdichtet, war erdacht, Ein seliger Traum, eine reine Idee. Aber ein jeder mußte sich sagen: O glücklich, die den Hut darf tragen; Er stammt aus einem guten Atelier! Sie möchten wissen, woraus er bestand, Und denken sicher an allerhand: Spitzen, Blumen, Samt, Mull, Stroh Oder so, Seide, Pelzwerk, Filz, Plüsch, Band, Und was immer sonst für Tand Künstlergeist und Künstlerhand Hold erfand, – Aber no: Dieser ganze Hut bestand Aus dem Vogel Tütrüo, Der im fernen Inderland Irgendwo Sich von süßen Früchten nährte, Bis das Glück es ihm bescherte, Daß auf einer Prachtfrisur Nicht mehr bloße Kreatur, Nein: zur reinen Kunst er werde, Blüte edelster Kultur. Seiner früheren Natur Wurde insoferne nur Etwas Rechnung noch getragen, Als vier Weinbeerln vor ihm lagen. Es wird Sie wohl nicht wundernehmen, Daß unsre Dame zufrieden war Mit diesem ebensowohl bequemen Wie geschmackvollen Schmuck auf ihrem Haar. Sie konnte sich selbst nicht satt dran sehen Und blieb, wo nur ein Spiegel war, Mit heitrem Antlitz selig stehen Und fand ihn wieder und immer wieder, Vorm Juwelier wie vorm Konditer, Einfach süß und wunderbar. Der schöne Vogel Tütrüo War aber nicht vollkommen so Wie seine Dame des Daseins froh: Er fand es vielmehr blöde Und öde, Ganz ohne Unterlage von Stroh Allein mit seinem Flügelpaar Einen Hut zu bilden auf bloßem Haar, Und zwar (Was ihm besonders peinlich war) Gratis und ohne Honorar. Drum nahm er die Gelegenheit wahr, Als seine Dame mit einem Herren konversierte, Der auf einem stattlichen Rotfuchs saß, Und fraß Eine der Weinbeerln, die ihn schon lange intrigierte; Wobei es ihn im mindesten nicht genierte, Daß sie aus Wachs war oder Glas. Im Gegenteil, sie schmeckte ihm sehr gut (Vielleicht in seiner Eigenschaft als Hut), Und so fraß er auch die zweite, die dritte, die vierte. Und, wie die Dame weiter kokettierte, Tat er, was jeder Vogel tut, Der sich an Früchten delektierte (Glas oder Wachs geht ebenso ins Blut), Das heißt: er lud Ein grünlich-weißes Häufchen ab und sang Kwitü – trüo! Kwitü – trüo! (Daher der Name Tütrüo!) Und schwang Sich in die heitre Bläue Ganz ohne Scheu und Treue Und Reue. O himmlische Gnade! O gütiger Gott! Die Dame war nun ohne Kapott. Hutlos, Mutlos, Schwere Not, Stand sie auf der Straße, Und, weil es November war, Fuhr der Wind ihr durch das Haar Wütend mit Geblase. Und das Haar war rot. Wie der Rotfuchs das erblickte, Drauf der Reiter saß, Blicke der Wehmut gen Himmel er schickte, Tränen er sechse im Auge zerdrückte, Aber das Haar er fraß. Denn sein Sohnesherz erkannte: Derer, die er Mutter nannte, Roter Schweif war dies, Eh der Menschen Eigennutz und Tücke, Kalt der andren Gottgeschöpfe Glücke, Unbarmherzig hin sie morden ließ, Daß des stolzen Schweifes Röte Als Perücke Jener Dame Hauptschmuck böte. Ja, er fraß es ganz und gar, Pietätvoll, wie er war, Dieses schöne rote Haar. Die Dame aber bekam einen Katarrh. Denn der November ist nicht zart Mit denen, welche unbehaart Und unbehutet sind. Da schadet schon der kleinste Wind. Sie fühlt sich auch heute noch gar nicht wohl, Trotz Antikatarrhin und Sozojodol. Winterlandschaft bei Gnesen Nach Franc Nohain Vierundzwanzig Tage Hat es schon geschneit. Das ist eine Plage! Ach: du liebe Zeit, Wohin ich seh, Überall Schnee, Schnee weit und breit. Aber besonders in der Näh Von Gnesen. Gleich großen gespenstischen Besen Recken sich Pappeln In die graue, leere Atmosphäre, Drauf sitzen elf kohlpechrabenschwarze Raben. Die haben Jeder zwei Flügel, mit denen sie rappeln. O! weh! Schwarze Raben im weißen Schnee! Wären sie Menschen, sagten sie oh! und ah! Aber es sind Raben, drum sagen sie krah! Das heißt bei ihnen sowohl ja, Als auch nein. Im übrigen kann es uns einerlei sein, Denn wir sind keine Raben. Aus einem kleinen Walde von links kommen acht Knaben Im Gänsemarsche durch den Schnee. Die haben Ihre Nasen erfroren, Desgleichen die Ohren, Und alle Heiterkeit verloren, Denn auch die Beine tun ihnen weh. Doch kann man es ihrem Sprechen anhören, Wie das bedauerlich häufig ist in diesen Landen. Außerdem ist ein Wolf vorhanden. Nach einer Weile fliegen die Raben Fort, Und auch die acht Knaben Sind nicht mehr hier, sondern dort. (Ich meine: an einem anderen Ort.) Der Schnee schmilzt, und der Wolf krepiert. Ich frage mich bloß, was das Sie interessiert. Der Stern von Bethlehem Es stand ein Stern ob einem Dach, Dem reisten Weise und Könige nach; Und war kein Schloß und kein Palast Dem seligen Sterne Lust und Rast: War nur ein Hüttlein und ein Stall. Und ging doch von ihm aus ein Schwall Von Licht und allerhellstem Schein. Denn in ihm lag ein Kindlein klein, Des Herz war aller Liebe Samen, Darum die Weisen und Könige kamen. Die Weisen und Könige boten dar, Was ihre Weisheit und Reichtum war; Die Weisen und Könige knieten hin Und fühlten des Lebens geheiligten Sinn; Die Weisen und Könige hatten das Glück Gesehn und gewonnen und reisten zurück. Das ist vor grauer Zeit geschehn. Kein Stern blieb seither stille stehn, Und Weise und Könige sind zumeist Anderen Sternen nachgereist. Doch immer, wenn das rollende Jahr Zum Tag kommt, da es geschehen war, Daß zu Bethlehem der heilige Christ Der wirren Welt geboren ist, Entzünden wir kleiner Sterne Schein Und kehren in uns selber ein, Und fühlen, daß sehr weise gewesen Die Wanderer aus Morgenland, Die sich dem Sterne zugewandt, Von dem wir in den Büchern lesen. Der amen Kinder Weihnachtslied Hört, schöne Herrn und Frauen, Die ihr im Lichte seid: Wir kommen aus dem Grauen, Dem Lande Not und Leid; Weh tun uns unsre Füße Und unsre Herzen weh, Doch kam uns eine süße Botschaft aus Eis und Schnee. Es ist ein Licht erglommen, Und uns auch gilt sein Schein. Wir habens wohl vernommen: Das Christkind ist gekommen Und soll auch uns gekommen sein. Drum gehn wir zu den Orten, Die hell erleuchtet sind, Und klopfen an die Pforten: Ist hier das Christuskind? Es hat wohl nicht gefunden Den Weg in unsre Nacht, Drum haben wir mit wunden Füßen uns aufgemacht, Daß wir ihm unsre frommen Herzen und Bitten weihn. Wir habens wohl vernommen: Das Christkind ist gekommen Und soll auch uns gekommen sein. So laßt es uns erschauen, Die ihr im Lichte seid! Wir kommen aus dem Grauen, Dem Lande Not und Leid; Wir kommen mit wunden Füßen, Doch sind wir trostgemut: Wenn wir das Christkind grüßen, Wird alles, alles gut. Der Stern, der heut erglommen, Gibt allen seinen Schein: Das Christkind ist gekommen! – Die ihr es aufgenommen, O, laßt auch uns zu Gaste sein! Frühlingsepistel Die Mücken spielen und die Bienen schwärmen, Der Himmel ist atlassen blau und klar; Das, dächt ich, ist kein Wetter, sich zu härmen, Vertrauter Freund! Denn es ist offenbar: Bald werden auch die muntren Stare lärmen, Und schließlich kommen Nachtigallen gar. Wirf weg den dummen Kram: den faulen Gram, Der wie der Spatz von unsres Staren Haus Besitz von deinem warmen Herzen nahm – Wirf ihn hinaus! Wirf ihn hinaus und greife frisch zum Besen! Zeig, lieber Freund, daß du noch immer bist Der tapfre Feger, der du stets gewesen, Wenn irgendwo sich häufte dicker Mist. Hinaus mit allem ohne Federlesen, Was muffig, ungesund und klebrig ist! Dein altes Herz muß wieder hell und rein, Von jedem Reste schweren Sinns befreit, Und zum Empfange wohlgerüstet sein Der Frühlingszeit. Der Frühlingszeit, die dir das alte Lachen, Den alten Glauben und den alten Schwung Bescheren wird mit ihren Siebensachen, Die selbst die alte Eiche wieder jung Vor deinem Haus und übermütig machen In frischen Knospentriebs Beseitgung. Was red ich viel! Hier hast du meine Hand. Kein Wort! Ich weiß: du wirst den Druck verstehn, Und nächstens wolln wir beide über Land Lustwandeln gehn. Freundesbrief an einen Melancholischen Du klagst, mein Freund, und jammerst sehr, Wie elend dieses Leben wär; Es sei nicht auszuhalten. – Was klagst du denn? Es ist dein Recht, Bist du ein müd und fauler Knecht, Dich gänzlich auszuschalten. Kauf dir, o Freund, ein Pistolet Und schieß dich tot, – hurra, juchhe! Dann bist du gleich gestorben. Doch macht des Pulvers Knallgetös Dich, weil nervös du bist, nervös, Brauchst du nicht zu verzagen. Ich weiß ein Mittel ohne Knall, Geräuschlos, prompt; für jeden Fall Will ich dirs hiermit sagen: O speise, Freundchen, Strychenin! Das wird dich in den Himmel ziehn. Dort geigst du mit den Engeln. Falls aber, weil du heikel bist, Strychnin dir unsympathisch ist (Es schmeckt ein bißchen fade), So brauchst du nicht gleich bös zu sein; Mir fällt schon etwas andres ein: Geh auf die Promenade Und hänge dich an einen Ast. Sobald du ausgezappelt hast, Hängst du für ewig stille. Wie? Kitzlig bist du an dem Hals? Wohl, mein Geliebter! Diesesfalls Gilts anderes Gebaren: Spring in den Fluß, stürz dich vom Turm, Laß dich gleich einem Regenwurm Elektrisch überfahren. Auch ist ein ziemlich sichrer Tod Der durch komplette Atemnot Infolge Ofengasen. Du schüttelst immer noch den Kopf? Ei, du verruchter Sauertopf, Geh hin, dich zu purgieren! Mach dir Bewegung, fauler Bauch, So wird die liebe Seele auch Vergnügt im Sein spazieren. Ein wackres Wort heißt: resolut! Hast du zum Sterben nicht den Mut, So lebe mit Courage! Leier und Rad Da es nun wieder Frühling geworden ist, Ziemts dem Poeten, die werte Leier, Die, gelehnt an das ungeölte Zweirad, gänzlich verstaubt hinter dem Kleiderschrank Lange mit Mißmut ruhte, hervorzuziehn. Wahrlich! (so ruft er und schlägt mit Macht, Pingtütüping, in die schnarrenden Saiten) Wahrlich! Diesmal verlohnt es sich, Frühlingslieder zu rupfen voll Inbrunst. Siehe, es schlagen nicht bloß die Bäume aus, Sondern auch Russen sowohl wie Japaner, und Möglichenfalls, ehe es Sommer wird, Gibts auch auf dem biederen Balkan Die mit Recht so beliebte Metzelsuppe. Ja, die Welt wird schöner mit jedem Tag! Einige Primeln schon fand ich an Waldes Rand, Und die Amsel mit gelbem Schnabel singt Angenehm im Birnbaumzweigicht. Frischer Schnittlauch, siehe, spitzt auch hervor, Und mir ahnt es, über ein kleines, bald, Bald entzupf ich dem lockeren Erdreich Schamhaft errötende Frühradieschen, Bis dann endlich der dreimal gepriesene Tag des andachtsvollen, ersten Spargelstechens ambrosisch herannaht. Wird, bis dies sich begibt, die Knute Oder der Bambusprügel den Sieg Im mandschurischen Schnee gewonnen haben? Diese Frage (das merkt jeder Erfahrene) Ist rhetorisch gemeint, und niemand Wartet auf Antwort darauf. – Der Dichter Stellt das Leiergestell behutsam Wieder hinter den Kleiderschrank. Aber mit prüfendem Ohre schiebt er (Weh, wie wimmerts und pfeifts in den Lagern!) Langsam das Zweirad hervor und läßt ihm Kundigen Sinns am entsprechenden Orte Sanft einschlüpfenden Öls genug In die vertrockneten Lager träufeln. Dies getan, ergreift er mit hurtiger Hand die zum Lenken bestimmte Stange, Setzt mit Mut und Anstand die linke Sohle auf den gekerbten Stift am Hinterrade und hupft mit dem rechten Beine gewaltig ein-, zwei-, dreimal, Bis er, gelobt sei der Geist der Balance, Sicheren Schwunges sich hebt in den Sattel Und mit dem Rhythmus, der Dichtern eigen, Ruhig hinauspedalt in die Landschaft. Zwei Künstlerinnen Die heilige Cäcilie versteht sich, wie man weiß, Sehr wohl auf das Harmonium Und spielt dem lieben Gott zum Preis Sehr schön darauf herum. Doch ist sie mehr des Zarten froh Und liebt das Pianissimo Und schmelzende Andante, Weil sie, wie jede Künstlerin, Mit feinem und erfahrnem Sinn Erkannte: Dies enchantiert mein Publikum, Engel und Anverwandte. Bellona hörte lange schon Der Hymnen und Choräle Ton Mit vielem Mißbehagen. Darum begann Sie dann und wann Die Pauke schon zu schlagen. Bald war sie dort, bald war sie da Mit ihrer groben Musika. Seis auf den Philippinen, Seis in Südafrika, Wo sie mit frohen Mienen Schon viele Hörer sah. Jedoch, das Rechte ward es nie. Bellona zog die Stirne kraus Und murmelte verdrießlich: So eine kleine Sinfonie Kann schließlich Auch Doktor Richard Strauß. Ich brauch noch viel mehr Blech und Krach, Bei dem Gewimmer wird mir schwach; Oh, hätt ich Massen, Massen, Mein ganzes Seelenungestüm In einem Fugenungetüm Gewaltig loszulassen. Indessen zog Cäcilia Mit Inbrunst die Harmonika Und fand (bei ausverkauftem Haus) Auf Himmel und Erden viel Applaus, Wobei der Zar Der allerbegeistertste Klatscher war. Das wurmte Bellonen, Es ist nicht zu sagen, Wie sehr. Sie schleppte Kanonen Und Pulverwagen Daher. Und prüfte die Zünder Und putzte die Schlünder Und fand: Es war das Orchester Der Monsterballester Im trefflichsten Stand. Und blies dem Zaren ins Ohr: Du Tor! Was sitzst du im Parkette Und lauschst den Säuselein Von Geigen und Schalmein Der himmlischen Motette! Dabei schläfst du noch ein, Und könntst doch selbst der Geister Lebendigster Töne-Meister: Der Welt-Kapellenmeister sein. Das ist das Amt des Zaren! Die ehmals der Tataren Blutge Bezwinger waren, Sind deine Ahnen, Zar! Du sollst, wie sie, dich strecken, Ostwärts die Pranken recken, Ganz Asien soll bedecken Mit seinem Flügelpaar Moskowiens Doppelaar. Es ist bei den Mongolen Noch viel für dich zu holen; Doch wird es dir gestohlen, Greifst du nicht hurtig zu, Von gelben Hundehorden, Die schon zu frech geworden, Weil du in Mollakkorden Versinkst zu fauler Ruh. Auf, auf! Es gilt à tout. Zar Nikolaus der Gute, Der hörte das nicht gern, Es wurde weh zumute Dem zartgemuten Herrn; Er dachte an den stillen Haag, Wo man mit delikaten Reden, von ihm geladen, Der Frage des ewigen Friedens pflag. Indessen, wenn er auch privat Dem Ideale huldigt, Es weiß der Zar, was er dem Staat Als Landesvater schuldigt. Man kann nicht immer, wie man mag. Sein Herz blieb freilich in dem Haag (Und wird dort ewig, ewig bleiben), Doch sein Verstand, Der hat erkannt, Wo jetzt der Hase im Pfeffer lag, Und daß durchaus es nötig sei (Hauptsächlich von wegen der Mandschurei), Die gelben Hunde zu Paaren zu treiben. Und lehnte mit gesenktem Schädel Den schönen Friedenspalmenwedel In eine stille Ecke, wo Baronin Suttner täglich ihn Einstäubt mit echtem Zacherlin In einem Futterale von dickem Kaliko. Bellona aber, toll vor Freude, fuhr Auf einem feurig roten Wolkenballen Zum Fluß Amur, Nahm einen Tannbaum in die Greifenkrallen, Taucht ihn in Blei und schrieb damit (in Dur Zumeist, wie sich versteht) auf eine Riesenfläche Von Schnee die neue große Partitur Der Sinfonie des Massenmords. Die Bleche Sind nicht darin gespart, und auch das Schlagwerk nicht. Kanonisch baut sich auf das furchtbare Gedicht In Tönen, die den Erdball beben machen Und selbst des Himmels Donner überkrachen, Geschweige denn Cäciliens Litanein. Die stellt das Spielen jetzt wohl eine Weile ein. Seeschlacht mit Mondschein Baßtief brüllen die Kanonen, Fistelnd zischen Torpedonen Durch des Meers bewegte Flut; Zu Bellonas Orgelweisen Muß ins harte Seegras beißen Manch ein Krieger hochgemut. Stahlgußbomben, Stahlgußplatten Sieht man tödlich sich begatten; (Was mit vielem Lärm geschieht, Weil bei diesem Kopulieren Als Trauzeugen assistieren Dynamit und Melinit.) Kessel platzen, Schiffe sinken, Niederträchtge Gase stinken, Pulverdampf bedeckt das Meer, Abgerißne Arm und Beine Schwimmen still im Mondenscheine Auf der salzgen Flut umher. Und der biedre Vollmond zwinkert, Daß es auf den Wellen blinkert, Und er spricht: »Das ist gewiß: In der hohen Kunst, zu morden, Sind geschickter sie geworden Seit der Schlacht bei Salamis. Seit in seinen Mußestunden Jener Mönch die Kraft erfunden, Die den Tod von weitem speit, Brachten sies, das muß man sagen, In der Kunst, sich totzuschlagen, Wirklich ganz erstaunlich weit. Selbst die Mongolomalaien Haben das Verderbenspeien Den Europäern abgeguckt, – Was gewiß durchaus kein kleines, Nein vielmehr ein ungemeines Zivilisationsprodukt. Sollte mans für möglich halten? Die in nichts für Meister galten, Als der Kunst geschliffenen Lacks, Machten schon, wie ungeschliffen! Aus armierten Russenschiffen Völlig desarmierte Wracks. Und sie schleudern Zuckerhüte Von nicht mindrer Kraft und Güte, Als der Russe schleudert; ja Im Torpedomanövrieren Scheinen sie zu exzellieren, Wie ich selbst es noch nicht sah. Intressant, muß ich gestehen, Ist es mir, das anzusehen, Der ich doch sonst sehr blasiert: Schließlich siegen die Japaner, Und das Reich der Wuttkianer Wird von Osten kultiviert. Welche hohe, weite, tiefe Wundersame Perspektive: Der Mikado schenkt am End Jenen knutenfrommen, biedern Und bescheidenen Moskowitern Das erträumte Parlament.« Also sprach der Mond. Da krachte, Bum, ein Schuß, und sachte, sachte Kroch er in den Wolkensack. Brummelte nur noch verdrießlich: »Komms, wies kommen mag; denn schließlich Ist mir wurscht das ganze Pack. Ob der Weiße, ob der Gelbe Siegt: es bleibt ja doch dasselbe, Wie es war und wie es ist: Daß, bei noch so schönen Reden, Von den Menschen jeder jeden, Wenn er Appetit hat, frißt. Wünsch gesegnete Verdauung Und heroische Erbauung, Wie es üblich, als Dessert!« – Donnern, Heulen, Zischen, Krachen, – Rot von riesigen Blutbreilachen Wird das aufgerührte Meer. Zwischen den Schlachten (Eine schleppversfüßige Betrachtung) Das Geschäft in Bomben und Torpedos geht Augenblicklich in Ostasien ziemlich stille. Seitdem die japanische Flotte nach Wladiwostock Für zweimalhunderttausend Rubel Stahlzylinder geschmissen hat, Ohne beträchtlichen Schaden anzurichten und, Infolgedessen, ohne der Weltgeschichte Ein neues Kapitel einzuverleiben, ist So gut wie noch weniger passiert, es sei denn, Daß ich die Äußerung jenes Adjutanten Des Generals Kuropatkin erwähne, der Sich heute schon einen alten Hut voll freut, indem er Sich vorstellt, wie er mit den übrigen Helden Des heiligen Rußland eine Spritztour durch Japan Macht und die niedlichen Geishas aus nächster Nähe Kennen lernt und statt Wuttki Sake säuft. Aus diesem Grunde scheint es angebracht, Betrachtungen Ganz allgemeiner Natur darüber anzustellen, Wohin sich nun wohl eigentlich unsre Sympathien zu wenden haben; denn Das Vergnügen an einem auswärtigen Kriege ist nur halb, Wenn man nicht ganz genau und sicher weiß: Welcher der beiden ist meiner Teilnahme würdig? Nun könnte man freilich sagen: »Dummes Zeug, sie sind Mir alle beide gleichermaßen pipe,« – aber Dann ist die Sache eben ohne jeden Reiz. – Nein: Ich möchte wirklich wissen: Wünsche ich Väterchen den Sieg oder dem Mikado? Väterchen ist mir wohlbekannt; er ist Mit dem Großherzoge von Hessen verwandt, und Jedes Jahr wohnt er ein paar Wochen in Darmstadt. Dort geht er spazieren wie ein gewöhnlicher Mensch, Hat ein kleines, weiches Hütchen auf und interessiert sich Für Professor Olbrichs Dreieckornamente. Manchmal unterhält er sich mit Ernst Ludwig Über die verflossene Künstlerkolonie und Über das Wetter: Daß es veränderlich ist, Wie Fürstenlaunen, und manchmal läßt er Eine Bemerkung darüber fallen, daß Seinem Geschmacke Darm-Athen besser behagt, als Berlin an der Spree, obwohl oder weil in dieser Stadt ... jedoch Das führt zu weit. – Vom japanischen Mikado weiß Ich weniger. Das Bild, das Sullivan Von ihm in Walzertakten entworfen hat, Scheint stark geschmeichelt zu sein; es heißt, Er sei nicht halb so amüsant in Wirklichkeit; doch Soll er einen Garten voll Chrysanthemen besitzen, in dem So viele Arten dieser Blume wachsen, wie Ein Europäer es sich durchaus nicht vorstellen kann. Demnach stünde der Zar mir zweifellos näher, und Ich habe auch wirklich einige Neigung, ihm Den Sieg zu wünschen, aber ich sage mir Dennoch manchmal: ein paar Hiebe Könnten den Russen auch nicht schaden, denn Schießt die Knute (das Bild ist kühn) zu sehr ins Kraut, Langt sie am Ende zu uns herüber, und Eigentlich haben wir selber schon genug Knutoïde Einrichtungen im Deutschen Reiche. Wendet sich aber mein Sinn sympathisch dann Hin zum Reiche der aufgehenden Sonne, so Wird mir doch gleich bange, denn schließlich: Was in aller Welt geht mich denn Japan an? Kawakami zwar hat in Erstaunen mich, Muß ich gestehen, heftiger gesetzt, als selbst Josef Kainz, denn sein Harakiri War eine angenehme Leistung, und seine reizende Frau, Sadda – Yakko, ist ein süßes Ding, das Nur mit immer neuer Rührung ich Lachen und weinen als Kesah sah. Aber, Selbst wenn ich Hokusai und Utamaro und Noch ein Dutzend schwer merkbarer Namen mir Ins Gedächtnis rufe und mit Dankbarkeit An Lackschatullen denke und Räuchergefäße Und seidene Kockemonos und die Dichterin sei Schonagon, – ich Kann mir nicht helfen, mir wird nicht warm dabei; Die gelben Äffchen bleiben mir ewig Hose wie Jacke. Was also tu ich mit meiner Sympathie? Zähl ich die Knöpfe an meinem Überrock ab, oder Rupf ich die Blättchen einem Chrysanthemümchen aus: Mikado – Väterchen, Mikado – Väterchen? Oder Wart ichs ergeben ab, was Bernhard Bülow in seiner Eigenschaft Als Kanzler des Deutschen Reiches für richtig finden wird? Oder gedulde ich mich so lange, bis der männermordende Gott der Schlachten mit sich ins reine gekommen ist, wem Von den beiden er seine Sympathie schenken soll? Nein, nichts von alledem gedenke ich zu tun: ich Lege mein nächstes Honorar (und wärens gleich zwanzig Mark) In Japan- oder Russen-Papieren an, je nachdem Mein Leibbankier die Konjunktur beurteilt, – und Von diesem Augenblicke an weiß ich bestimmt, wohin Die Nadel meiner Sympathie sich wenden muß. Europa an Japan Sei mir gegrüßt, o Japan, sei willkommen Im Ehrenkreise westlicher Kultur! Ich hab dich einst nicht ganz für voll genommen, Als ich von dir bloß Freundliches erfuhr: Schönheit und Grazie, bunte Pracht in frommen Werken der Kunst voll Stil und voll Natur: Hók'sai, Toyókuni et cetera, – Alles ganz gut und schön, gewiß – na ja: Du weißt erstaunlich kunstvoll zu lackieren, Dein Porzellan ist aller Ehren wert, An deinen Bronzewerken delektieren Sich alle Kenner, ja du hast belehrt Selbst meine Künstler in der Kunst, zu zieren, – Kurz, was aus Japan kam, war sehr begehrt; Jedoch im Grund erschienst du mir, pardon, Wirklich verwendbar nur beim Kotillon, – Ich meine: für die netten Nebensachen, Zum Beispiel Dichtung, Kunst, Philosophie, Die wohl auch mir manchmal Vergnügen machen (Doch nie soviel etwa wie Artillrie); Du schienst mir putzig, schienst ein Ding zum Lachen, Doch ernst, o Japan, ernst nahm ich dich nie. Im Grunde fand ich doch, das Ganze sei Heidnisch lackierte gelbe Barbarei. Jetzt aber, Japan, muß ich frei bekennen: Ich habe dich beträchtlich unterschätzt; Ich muß dich Freund, ich muß dich Bruder nennen, Komm an mein Herz, ich habe dich verletzt; Bewundrung fühle ich in mir entbrennen Und ebenbürtig heiße ich dich jetzt. Wer so wie du en gros mit Blut lackiert, Der ist Europen gleich zivilisiert. Es ist erreicht! darfst du mit Recht nun sagen, Es ist erreicht! Du darfst den Schnurrbart nun, Ein Held der Bildung, aufgezwirbelt tragen, Und fürder nicht mehr mit Mongolenschuhn, Nein mit Schaftstiefeln und im Stechschritt schlagen Darfst du das Erdreich, wie die Meinen tun. Und dann: zieh Hosen an! Dies fehlt dir nur Zum Zeichen ganz vollkommener Kultur. Zieh Hosen an und laß dich auch bekleiden (Es geht in einem) mit der Religion Der Liebe, die die Wollust sucht im Leiden (Hab keine Angst: das Leiden gibt sich schon), Denn schlecht steht, glaub mir, Japan, einem Heiden Des Westens holde Zivilisation. (Zu glauben brauchst du schließlich nicht daran; Es sieht sich nur die Sache besser an.) Dann aber, in des Westens Hosenröhren Gesteckt und in das Taufbuch registriert, Tritt in mein Exerzierhaus ein! Mit Chören Und Ehrensalven wirst du hoch fetiert; Daß zueinander wir von jetzt gehören, Steht außer Frage, seit du konstatiert, Daß du im regelrechten Massenmord Ruhmreich geschlagen jeglichen Rekord. Afrikanische Distichen »Wir auch wollen«, so sprach der pudelbegleitete Kanzler, »An der Sonne den Platz, der uns Deutschen gebührt.« Schön. Wir nahmen ihn ein. Es steckten die Assessoren, Steckten die Leutenants ihn ab mit schneidiger Hand. Schwarz im Gehrock und schwarz in der hochgeschloßnen Soutane Folgten des Christentums Boten der Staatsgewalt. Streng in zwei Lager geteilt, Konkurrenten auf Tod und Leben, Aber im übrigen ganz himmlicher Liebesbrunst voll. Ordnung herrschte fortan, Disziplin, Polizei und Gesittung, Wo der Wilde bisher Greuel auf Greuel gehäuft. Lieblich am Palmenstamm hing die kühn stilisierte Verordnung, Jede Giraffe erhielt Halsband und Mark und Korb. Aktenregale, vom Holz der Urwaldbäume gezimmert, Bogen sich bald von der Last emsig beschriebenen Papiers, Und es fungierte genau das löbliche Steuerkataster, Jeder Knopf ward gebucht, der einer Hose entsprang. Denn (das versteht sich von selbst) es wurde die ruchlose Blöße Jedes Wilden fortan von der Regierung behost, Und mit keuschem Kattun ward verhüllt, was das südliche Klima Leider den Weibern dort allzu üppig beschert. Emsig kauerte nun vorm Tintenfaße die Jugend, Lernte das Abc, lernte die Wacht am Rhein, Heil dir im Siegerkranz, Vater unser, du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib, kurz, was den Menschen erhebt. Aber, auf daß nicht bloß die Seele vom Guten erfüllt sei, Sondern der Körper auch wisse, was sich gehört, Drillte der Herr Sergeant mit vaterländischen Flüchen, Tritten in das Gesäß, oder woandershin, Streng nach dem Reglement die waffenfähige Menge In der adligen Kunst disziplinarischen Mords. Also geschah, was der Geist der Kultur wünscht, daß es geschehe, Wurde des Alkohols auch mitnichten gespart, Ebensowenig wie der trefflichen Nilpferdpeitsche, Die die Arbeit versüßt, wenn sie sonst sauer schmeckt. Kurz, es entwickelte sich die allerschönste Idylle, Tränen weinte der Lust Neger und Negerin, Tränen der Rührung aber benetzten die Brillengläser Manchem Geheimen Rat, der in Berlin residiert. Wie? Und jetzt? Was ist das? Das klingt ja wie Schüsse? Herr Lehmann, Riechen Sie nichts? Das riecht brenzlig, wie mich bedünkt? Aufruhr? Was ist denn los? Warum denn? Wieso denn? Weshalb denn? Wie? Ein Leutenant hat seinen Schwarzen gepfählt? Ja, und die Schufte schießen mit unseren Mausergewehren Jetzt auf uns. Ach ja! Das ist der Lauf der Welt. Undank! Haben wir drum sie im Christentum unterwiesen, Daß sie als Christen tun, was sie als Heiden getan? Sehen Sie, das ist der Lohn! Wir haben zu gut sie behandelt. – Aber das Pfählen? – Ach Gott, daran sind sie gewöhnt. Nein, das Pfählen ists nicht, auch die Peitsche nicht. Recht hat Herr Lehmann; Daran sind sie gewöhnt: Aber das Standesamt, Aber die Hosen, der Drill, die Verordnungen und die Gebete, Das macht sie so rabiat: preußisch wolln sie nicht sein. Was im Sande der Mark Assessorengenerationen Langsam nur fertig gebracht, geht doch in Afrika Nicht in einem Jahrzehnt; die schwarzen Halunken haben Allzulange sich nackt frei wie die Teufel gefühlt. Und nun sollen sie flugs vor jedem Amtsschimmel Ehrfurcht Haben, wie Piefke sie hat? Nein, Herr Assessor, das ist So unmöglich, als wie, daß Sie von heute auf morgen Lernten die Kunst, ein Mensch ohne Polizei zu sein. Eines schickt sich, sagt Goethe, für alle nicht. Bester Assessor, Entassessoren Sie sich, wenn Sie in Afrika sind, Bloß ein ganz klein wenig, und denken Sie dran, daß Neger Keine Piefkes sind. Dann wird es besser gehn. Unsern Platz an der Sonne, gewiß, den wollen wir suchen, Aber verdüstert ihn, bitte, nicht gleich mit euch. Neujahrspredigt Laßt uns, Freunde, ins neue Jahr Eingehn wie in ein schönes, gesichertes Haus, In dem die Liebe und der Friede wohnt Und Schönheit überall heimisch ist. Und laßt uns, Freunde, heiter gelassenen Sinns, Mit keinem Haß belastet, ohne Neid, Heil, liebe Freunde, im starken Herzen, laßt uns In dieses neue Haus einziehn, und lachend. Wir sind wohl keiner wundenlos, unversehrt, Und jeder spürte, daß Niederträchtigkeit Sehnenkräftige Bogen und giftige Pfeile hat, Und daß der Dummheit Kartaunen nicht bloß brüllen, Sondern auch vieles zerstören können, das Mit Mühe und Kunst errichtet ward, – und, ach, Des Schlimmsten wurden wir uns wohl auch bewußt, Daß Schwachheit unser Teil ist und irgendwo Jeder, wie fest er gefügt sich dünke, Locker und undicht ist im Baue. Das aber, Freunde, fechte uns nicht an! Wir wollen tapfer sein und, gilts Gefecht, Mit Lachen in den Feind gehn, da wir ja Als Edle kämpfen und dem Troß voran Als Wissende: Es ist die Kraft in uns, Allein zu stehn, gemeiner Art entrückt. Wenn aber Dumpfheit alles niederschlägt Und Kampf nicht lohnt und Widerwillen uns Erfassen will, so wollen wir, Freunde, nicht Mit Trübsal abziehn, sondern heiter Das Schwert der Scheide schenken und mit Gesang Den Schritt wegwenden in die Einsamkeit. Dies, liebe Freunde, ist nach meinem Sinn Vielleicht das Beste, das das Jahr bescheren mag: Verborgenheit und Ruhe in uns selbst. Wohl dem, der dies erfährt, doch selig der (Wie selig, weiß ich, der es nun erfuhr), Der nicht allein in dieses schöne Haus Gelassener Beschaulichkeit zu gehen braucht. In Einsamkeit vereint, das ist mein Spruch, Und dies mein Wunsch, daß jeder, der es wert, Voll aus, bis auf den Grund ausfühlen möge, welch ein Glück Dies Wort umschließt: In Einsamkeit vereint. Osterpredigt in Reimen Verehrter Mitmensch, höre und vernimm Freundwillig mit Hulden und ohne Grimm: Dieweil es nun Ostern geworden ist, Sollst du, von welcher Art du auch bist, Ob Heide, Jude, Moslem, Christ, Durchaus vergnügt im Herzen sein, Osterwürdig und osterrein. Mit einem Birkenreise kehre Aus deiner Seele den Geist der Schwere! Der Wenns und Abers und Achs und Os, Die hart und starr dein Herz umwindet, Daß der Geist der Leichte kaum Eingang findet, Mache dich hurtig und heiter los! Du brauchst nichts weiter dazuzutun, Als dich im Grünen auszuruhn. Da atmet sichs sehr wonnig ein, Was dir das Herz macht frei und rein: Der jungen Blumen frischer Hauch; Und die Augen haben der Wonne auch, Denn nichts ist lieblicher anzusehn, Als wie sie da hold beisammenstehn, Blau, weiß und rosa, klar und licht, Der Erde süßestes Ostergedicht. An ihnen dir ein Beispiel zu nehmen, Sollst du, ach Mensch, dich keineswegs schämen! Vergiß dein Gehirn eine Weile und sei Gedankenlos dem lieben Leben Blumeninnig hingegeben; Vergiß dein Begehren, vergiß dein Streben Und sei in seliger Einfalt frei Des Zwangs, der dich durchs Hirn regiert! Er hat dich freilich hoch geführt Und vieles dir zu wissen gegeben, Aber das allertiefste Leben Wird nicht gewußt, wird nur gespürt. Der Blumen zarte Wurzeln fühlen Im keimlebendigen, frühlingskühlen Erdboden mehr von ihm als du. Und bist doch auch ein Kind der Erde. Daß sie nicht sinnenfremd dir werde, Wende ihr heut die Sinne zu! Das ist der festlich tiefe Sinn Der Ostertage: Mit Entzücken Sollst du zum Mutterschoß dich bücken. Gib heut, o Mensch, dich innerst zu beglücken, Der Mutter Erde frühlingsfromm dich hin! Mai-Wunsch Wie lieblich hat sichs eingemait! Die Erde schwimmt in Blüten. Das ist die höchst willkommne Zeit, Die alles will begüten. Nun werden die härtesten Herzen gelinder, Wir laufen ins Grüne wie lachende Kinder, Nun werden wir töricht und werden gescheit. So geht es jedes liebe Jahr: Wird man im Winter trübe, So ists im Maimond wunderbar, Als ob sich alles hübe. Es fliehen die Wolken der Seele in Ballen, Es will uns das Leben nun wieder gefallen, Wir fühlen, wie töricht das Trübesein war. Drum singen wir dem ersten Mai Nach altem Brauch Willkommen. Er mache alle Herzen frei Und möge allen frommen. Insonderheit soll er verliebten Leuten Auch heuer die seligsten Stunden bedeuten. Das ist unser Mai-Wunsch. Amen! Es sei! Mai-Feier Der Mai ist voller Nücken Und hat es so an sich, Daß man einander drücken Muß ganz absonderlich; Einander liebzuhaben, Ists die gewisse Zeit Für Mädchen und für Knaben, – Einander liebzuhaben In großer Zärtlichkeit. Die Haut ist nie so samten Den Mädchen, wie im Mai; Und wenn sie mich verdammten, Die von der Klerisei, Ich muß es frei bekennen: Ich streichle gerne sie Und fühl ein hold Entbrennen, – Ich muß es frei bekennen: Mir wird, ich weiß nicht wie. Und ach, der Augen Funkeln! Hilf, heiliger Florian! Sie leuchten selbst im Dunkeln Und zünden alles an. Die kältesten Herzen brennen Wie Zunder lichterloh: Großfeuer ists zu nennen, – Die kältesten Herzen brennen Und sind des Brennens froh. Her mit dem feuchten Strohe Der Sorgen und des Wehs! Aufpraßles in der Lohe Des Mai-Autodafés! Die Liebe soll verzehren, Was uns der Schmerz beschert, Auf Nimmerwiederkehren! – Die Liebe soll verzehren, Was nicht der Liebe wert. Ostara Ostara, die gute Göttin, Die aus hellen Augen lacht, Daß von ihrem jungen Lichte Alles Schlafende erwacht, Ostara, die frühlingsfrische Jungfrau Göttin, deren Mund Duftet wie die ersten Veilchen, Mildgewürzig, herbgesund, Ostara, die Ungestüme, Liebevolle, die die Welt Wie ein Bund von Maienrosen An die vollen Brüste hält, Ostara, die Magd und Fürstin, Königlich und bäuerlich –: Wie die Zeiten sich auch wandeln, Immer offenbart sie sich. Ihre Opferherde sanken, Als das Kreuz sich steil erhob, Aber jedes Frühjahr rauschen Wald und Busch ihr Dank und Lob. Die in Wäldern grün sich kränzten, Ach, die Deutschen wurden grau, Aber hell geht durch das Grüne Noch die frühlingslichte Frau, Wenn die Urständ sich erneuern, Wenn das Leben auferwacht, Denn noch immer gibt es Herzen, Die der Frühling gläubig macht, Gläubig zu den alten Göttern, Die der deutsche Wald gebar, Als er noch ein Reich von freien, Heiter kühnen Männern war, Die in Kampf und Liebe lachten, Fest aufs Eigene gestellt, Drob in Einfalt und in Treue, Bildner einer eignen Welt Voller Märchen und voll Taten, Rätselvoll und voller Licht. Diese Welt ist hingesunken, Aber ihre Schönheit nicht. Was ein Volk aus seinem Herzen Sich zum Bild schuf und zur Lust, Feiert immer wieder Urständ Selbst in schwacher Enkel Brust. Und so sei in diesen Tagen Voller Glanz uns Ostara, Die die Väter uns gedichtet, Huldreich voller Gnaden nah. Ostara, die Ungestüme, Liebevolle, die die Welt Wie ein Bund von Maienrosen An die vollen Brüste hält. Tulpen-Predigt Fenster auf! Es hat der Frühling Endlich wieder seine Zeit. Alle Blumen müssen blühen, Alle Vögel müssen singen, Alle Mädchen müssen lieben, Alle Herzen werden weit. Mädchen mit den süßen Augen, Komm, setz dich auf meinen Schoß! Deine Hände muß ich küssen, Deine Augen muß ich küssen, Deine Lippen muß ich küssen, Denn die Freude ist zu groß. Sieh doch, Kind, die Tulpen haben Ihre Kelche aufgemacht: Rote, gelbe und gescheckte: Tiefe Kelche voller Gluten, Nichts als Schönheit, nichts als Liebe, Eine ungeheure Pracht. Kann denn irgendeiner traurig Unter diesen Flammen sein? Sieh: das kam aus schwarzer Erde! Denke: solche Flammen schlafen Winters unter unsern Füßen! Nur die Liebe schläft nie ein. Glaube, Mädchen, an die Erde, Weil sie voller Liebe ist, Sind wir doch aus ihr geboren, Wie die Blumen aus dem Beete. Schlechtes Kind, das seiner Mutter Wunderreichen Schoß vergißt. Laß die Blinden ihre Augen In das Himmlische verdrehn. Du bewußtes Kind der Erde, Reich wie sie an Saft und Kräften, Wohlgetane, Starke, Schöne, Du sollst in die Blumen sehn. Alles, was das reiche Leben Dir bestimmt hat, Mädchen, ruht Auch in diesen Glutenkelchen, Und es meints die Mutter Erde Mit den liebetreuen Kindern Immer, Mädchen, immer gut. Liebe ist das Wort der Worte, Liebe ist des Lebens Wort; Weißt du das in deinem Herzen, Weißt du das in deinen Sinnen, Dann kann nichts dich überwinden, Deine Mutter hilft dir fort. Lacht mein Mädchen? Lache, lache, Liebes Mädchen, lach mich aus! Weiser ist dein klares Lachen Als mein Predigen und Dichten, Schöner ist dein liebes Lachen Als ein ganzer Tulpenstrauß. Einen Kuß! Dann in den Garten, In die Flammen gelb und rot! Dankbar treue Erdenkinder Wollen wir den Tag genießen: Liebe unser einzger Glaube, Schönheit unser täglich Brot. An den Herbst Mit dankbarem Gemüte Hinnehm ich deine Güte, Herbsttag, du milder Gast, Der du mich reich beschenktest, Den Sinn ins Klare lenktest Und mich zum Abend fröhlich ausgerüstet hast. Nun ist in mir kein Drängen Und bin doch nicht im Engen, Bin ruhevoll bewegt. Was gilt es, mehr zu wollen, Als so im Friedevollen Teilhaftig sein des Ganzen, das mütterlich uns hegt. Eisblumen zu Weihnachten Das unfruchtbare Eis, kalt, panzerglatt, Verhärtet Leben, das dem Tode dient, Der sich, der Farblose, mit ihm umschient – Das Eis, das keine Seele hat, Das unbewegte, allen Lebens Bann: Das starre Eis selbst ist nicht tot. In ihm auch wirkt gestaltendes Gebot, Der Schönheit Triebkraft ward auch ihm: Es setzt geheimnisvolle Blüten an, Und Schwingenrispen, wie dem Seraphim Gefiederüppig sie aus Schulternrund, Gekraust, geschwungen, tausendförmig und In tausend Formen eine Form, entsprießen, Siehst du im Eis nach innerstem Gesetz, Ein wunderbares Bild, zusammenschießen. Die ärmste Scherbe trägt ein Wundernetz, Und alles gleißt von Wundersilberfliesen. Sieh, Mensch, mit Andacht diesem Wunder zu Und glaub ans Leben! Überall sind Triebe. Es ist kein Wahn: Im Tode selbst ist Liebe, Und neues Werden und bewegte Ruh. Zeitlied Die Träumer und Propheten, Die raten und die reden Viel von der Ewigkeit. Wohlan, wers kann, der fliege! Wir steigen auf der Stiege Bescheiden, stufenweise; so dienen wir der Zeit. Wir bleiben auf der Erden, Hier gilt es reif zu werden In Kraft und Fröhlichkeit. Das ist des Lebens Segen: Im Lichte sich zu regen; Wir messen unsre Kräfte am Kraftmaß unsrer Zeit. Sie gibt uns viel, wir geben Ihr unser ganzes Leben In Kindesdankbarkeit; Das Erbe gilts zu mehren, Daß wir mit ihr in Ehren Vor uns bestehen können, froh einer reichen Zeit. Schön soll sie sein, und Stärke Das Merkmal ihrer Werke; Der Kraft sei sie geweiht, Die Seele, Geist und Triebe Umfaßt mit gleicher Liebe, Daß wir mit Stolz bekennen: wir dienen dieser Zeit. Dir, Frau Fortuna mit der Distel, widme ich dies Buch [Maultrommel und Flöte] Du bist mein Glück: die nackte Bäuerin, Die kugeltanzen kann und Disteln trägt: Derb, doch gelenkig, deutsch von dazumal, Als Grazie mit der Schwere sich vertrug Und Lust mit Frömmigkeit. Ich liebe dich, Die stets mich schlug, wenn sie zu schenken kam, Und, wenn sie mich beraubte, streichelte. Die große Schwester mit dem Goldpokal, Die machtvoll prächtige Patrizierin, Die auf der Kugel durch die Lüfte schwebt Und sich nur niederläßt, wo Reichtum ihr Den schwergeschnitzten Thronstuhl unterschiebt, Ist mir zu üppig, massig, ungelenk. Langweilig wäre mir die Gegenwart Der Distellosen, die nicht schlägt, doch drückt. Auch sie raubt viel, doch ohne Zärtlichkeit. Sie fühlt sich Majestät und streichelt nie. Sie ist mir fremd wie Schminke auf der Haut Und Öl im Haar. Es ist die Sammlerin, Aus Überfülle unfruchtbar: Genuß Ist ihr armseliges Geschenk. Ich mag sie nicht. Du aber treibst, indem du gibst: und raubst, Damit ich selbst nicht müde werde, stets Auf neue Beutezüge auszuziehn, Ein Jäger, Räuber meines Glücks: ein Mann Des heftigen Begehrens bis zum Schluß. Lazarus als Prolog Schon hatten die Lemuren Das Grab mir tief gemacht, Und meine Arme fuhren Ins Leichenhemd der Nacht; Ich hörte schon Den Willkommenshohn: Des Zerberus Gebelle, Der jenes dunkle, niedere Tor bewacht. Da ward es plötzlich helle: Wie Rosen hat gelacht Das Licht auf jener Schwelle, Die jeden zögern macht. Die Nacht verschwand: An Deiner Hand Ging ich auf Rosenspuren Zurück ins Leben: Lazarus, erwacht. An Gemma zu meinem Geburtstage 1907 früh um 4 Uhr Noch hat der Mond sein silbernes Szepter nicht Der goldenen Tageskönigin überreicht, Doch tausend Vögel singen schon ihren Gruß Dankbarer Liebe dem Licht, das wieder kommt. Auch ich begrüße die himmlische Königin Bei ihrem Lever; dann komm ich zu dir ans Bett Und freue mich über dein Lächeln mehr noch, Als über alle Strahlen der Ewigkeit. So wollen wirs, hoff ich, lange noch halten und Bei Mond und Sonne immer gedenken, daß Tag wie Nacht dunkel und schaurig sind, Wenn unser Herz sie nicht helle und heiter macht. Flußfahrt im Frühling Welch ein Ziehen! Welch ein Gleiten! Zwischen Schilf und alten Weiden, Die sich beugen, die sich neigen, Fahren wir, – wohin? ... wohin? Laßt das Fragen! Laßt uns schweigen! Welle mag den Weg uns zeigen, Führerin und Trägerin. Wie im Leben, hingetrieben, Schwankend, schwebend fortgezogen, Wollen wir des Flusses Bogen Träumend folgen und ihn lieben, Der uns so ins Weite trägt. – Wird es helle sein am Ziele? Dunkel? – Wehe dem, der frägt! Fragen gibt es allzuviele, Antwort eine nur. – Es regt Hohl sich unter unserm Kiele. Laßt um unsere heißen Hände Diese kühlen Fluten streichen. Nixenseelchen, nehmts als Zeichen Unserer stillen Liebe an! – Ach, wen eure Liebe fände: Tiefstes wüßte wohl der Mann ... Doch er schwiege bis ans Ende. Aber wir ... nein! –: Laßt uns sagen, Was durch unsre Seele geht! Wind und Wasser sollens tragen, Daß es durch den Frühling weht: Frisches, fröhliches Behagen, Lust am Nachten und am Tagen, Leben, das in Blüten steht. Ludwig Thuille Ein Nachruf Eine Hand, Vogelfittichleicht, Ward schwer und sank Von den Tasten. Ein Mund, Weich und üppig, wie die Frucht des Südens, Und würziger Süße voll, Wie die Muskatbeere an den Hängen um Bozen, Ward starr und herb Und lächelt nun nicht mehr. Und zwei Augen sind erloschen, die leuchten konnten, Wie das Ja der Braut leuchtet durch Kirchendämmerung, Und der Ruf des Knaben leuchtet in der Frühe, Wenn die Gassen noch dunkel sind, Und wie das Wort des Mannes, der einen Freund tröstet. So, Ludwig Thuille, warst Du, daß wir nicht wissen, Dich abzuschildern. Wir rufen die leichten, gelenken Vögel an, Denken an süße Früchte, Sonne und Rebenland, Und alles schön und innig, frisch und tapfer gütig Tönende Klingt in uns wieder, ein Echo gnädiger Augenblicke, Denken wir an Dich, Ludwig, der du ein Mensch warst, dessen Gegenwart Heiter den Geist der Schwere vertrieb und die Herzen erwärmte. Daß Du von uns gegangen bist, Allzuschnell, Allzufrüh, Heute noch scheints uns ein häßlicher Traum, unglaubhaft. Denn so voll Leben warst Du, daß Du von Deiner Kraft Täglich verschenktest, wie nur die Reichsten tun, Die Unerschöpflichen, denen es Wollust ist, Herzugeben aus ihrer Fülle, und die lächeln, Während sie schenken. Denn sie fühlen: Wundervoll schwillts nach, wenn sie den Überfluß Wonniger Kräfte Liebevoll Ringsum strömen lassen. Du warst Reich und gütig, Warst der geborene Künstler. Ohne den Faltenwurf Billiger Feierlichkeit, Schlicht, Allem Erzwungenen feind, Bist Du natürlichen Gangs, Leicht und zuweilen mit spöttischem Lächeln Über berechnetes Gebärdenspiel und den Krampf Allzu heftigen Applausverlangens, Ruhig voran- und emporgeschritten, Sicher des Ziels, weil eine Treue Unverrückbar Halt Dir gab und Richtung: Treue zu Dir und Deiner eingeborenen Art und Kunst. Nicht nur gab Dir ein Gott Auszutönen, was Du empfandest. Er gab Dir auch Aller Künstlergaben die schönste: Sinn für Grenze und Maß Deiner Kraft, Sinn für Grenze und Maß Deiner Kunst. Nie, ein Weiser und Erkennender, Hast Du über Dich hinaus begehrt, und nie Hast Du der Selbstzucht vergessen. Aber Du warst auch nie Allzuschnell zufrieden; Kein leichter Richter warst Du Dir, Kein Tändler. Was Deinen Namen trägt, ist vollgewichtig Ausgeprägt und bis ins Letzte Zeugnis ernstesten Meistergewissens. Aber Dein Ernst, er war Nie schwer. Auch in den Tiefen der Innigkeit, Wenn Deine seelenvolle Kunst Schmerz aufklagen ließ und Sehnsucht Weit, weit her und weit hinauf, Hoch ins Unausdeutbare der Töne, Aufschwung ganz, Anrufung des Göttlichen: Immer auch dann Schwangen mit, Sangen mit Die Psychefittiche der Grazien. Was red ich viel: Dein ganzes Wesen war Musik. Dir klang die Welt. Und, was sie klang, war Schönheit. Die Lust, der Schmerz, das Leben und der Tod, Haß, Liebe, Dunkel, Helle, Nacht und Tag, Das sanfte Grünen, wenn der Frühling kommt, Die letzte Sonnennachglut auf den Bergen, Der Elemente Aufruhr und der Frieden Im eignen Hause und der eignen Brust: Du wußtest, Künstler, Dichter, Fühlender Und tief Begreifender, des Lebens Sinn: Bewegte Kraft, Rhythmus und Harmonie, In allem Widerstreite immer Gott, Gesetz und Schönheit. Nun ist Dein Geist im All, Das Unerforschliche, Die Heimat, hat Dich wieder. Wir wissen wohl: Das sind nur Worte, und Musik allein, Die große Ahnerin und Trösterin, Vermag es, mit geheimnisvollster Kraft, Uns mehr davon zu künden. Gläubig ist, Wie keine Kunst, Musik. Sie offenbart In Ahnungen das Göttliche. Ohn alles Wissen, Unkörperlich, ein Hauch, ganz nur Gefühl, Jedoch aus innerstem Gesetz entströmt, In Dissonanzen auch, dem Leben gleich, Harmonisch stets: des Unbewußten Botin, Tönt ahnungsvoll sie die Gewißheit aus Von dem All-Einen, in dem wir leben, In dem wir weben, Von dem ein Teil wir Untrennbar sind. Du auch, Freund, hast uns Diese Botschaft verkündet; In Deinen Werken Lebt diese Wahrheit. Dank schulden wir Dir, Treue und Freundschaft über das Grab hinaus, Aber nicht träge Trauer. Wir wollen Dir Treue halten, Ludwig, Treue einem treuen Diener der Schönheit, In der sich dem Menschen Gott offenbart hat, Und also Treue der heiligen Kunst. Ein Traum Das war wundervoll: Ich träumte: Es stand ein Haus dicht an der grünen See. Ihre Wellen, smaragden, rasten gegen seine Mauern: Tausende, tausende vorgereckte Hälse, Gebogene Nacken, gepeitschte Schweife, Eine wütende Meute heiseren Gebelles. Ich saß hinterm Fenster, das wie in einer Kirche hoch war, In einem Porphyrthrone, belegt mit gelben Kissen Aus rauhem chinesischen Brokat, vom Kaiser Kanghi Im Jahre sechzehnhundertundfünfundneunzig mir verliehen Für einen Hymnus auf den Sohn des Himmels im Stile Der purpurblauen Päonie. Ich sah hinaus, Gekleidet wie ein Amsterdamer Ratsherr zur Zeit Rembrandts. Drüben, hinter dem bellenden grünen Meere, Aus lauter Lapislazuli, aber Silber in den Klüften, Hob sich Gebirg. Der Himmel war aus Gold, Gehämmertem, ein Hintergrund für Heilige. Und eine Insel lag im grünen Meer Mit einem Tempel, – nein: mit einem Schlosse, – nein: Mit einem Haus der Venus. Silbergrau, Von Feuchte überronnen, war das Haus. Die Ecke, die es mir entgegenkehrte, War schön behauen. Eine nackte Frau Bog sich, aus gelbem rosaädrigen Gestein, Wie Marmor, aber rauher, poriger, Hervor und wog in ihren schmalen Händen Die vollen Brüste. Und sie lächelte. »Oh Theodora, Hure, Kaiserin!« rief da mein Ratsherrnmund, »Ich komme gleich!« Es war ein Traum. Drum ging ich übers Meer Wie über eine weiche grüne Wiese. Es war ein Traum. Drum sah ich ihren Schoß Als einen Lotoskelch. Es war ein Traum, Drum schlug man mich ans Kreuz. Die schöne Dame mit dem Lotoskelch, Es war ein Traum, sah mit Vergnügen zu, Wie man die Nägel mir durch Hand und Fuß Mit hölzernen Hämmern trieb. »Tuts gut, mi fili?« Rief Ihre Majestät und nahm Ein Pralinee aus ihrer Bonbonniere. Es war ein Traum. Drum war mein Schmerz Genuß. Es war ein Traum. Drum schoß der Kreuzesast, Von einem unsichtbaren Riesen wie ein Bogen Erdwärts gezerrt, mich einem Pfeile gleich Hinauf zum goldnen Himmel: wo ich nun, Es war ein Traum, als byzantinischer Hochheiliger Erzbischof in Mosaik Prachtvoll und majestätisch leuchtete. Vier Scheibensprüche Ich heiß: Das Glück. Soll es dir glücken, Daß du mich triffst, mußt dus verstehn, So, wie im Leben: scharf zu sehn Und doch – ein Auge zuzudrücken. Wer auf die Mitte hält, hält richtig. Der Satz ist auch fürs Leben wichtig, Wo mancher schon ins Leere lief, Hielt er sich nur ein bißchen schief: Zu rechts, zu links, zu hoch, zu tief. Ruhiges Blut, ruhige Hand, Ruhiger Blick, gradaus gewandt: Die drei guten Gaben Möge das deutsche Vaterland Nicht bloß hier am Schützenstand Immer in Fülle haben. Käms bloß aufs Knallen an, Träf jede Büchs. Viel redet mancher Mann Und sagt doch nix. Das vielgeliebte Weib (Aus dem Papageienbuche) Das Papageienbuch (Tuti-Name), das uns in zwei persischen Fassungen und einer türkischen Bearbeitung überliefert ist, geht auf in indisches Original zurück, das wir nicht mehr besitzen. Vielleicht sind auch nur die einzelnen Geschichten indischer Herkunft, und die Aneinanderreihung im Rahmen einer kleinen Fabel ist die glückliche Erfindung des älteren persischen Bearbeiters Nechschebi. Diese Fabel ist folgende: Ein junger reicher Kaufmann macht, nicht lange nach seiner Verheiratung, auf Anraten seines weisen Papageien eine Seereise. Kaum ist er fort, so verliebt sich seine junge Frau Chodscheste in einen schönen Fremdling, der sie zu sich einlädt. Da ihr aber ihr Mann geraten hat, nichts ohne das Einverständnis des weisen Papageien zu unternehmen, so eröffnet sie sich diesem und erbittet seine Zustimmung, ehe sie zu dem Geliebten geht. Der kluge Vogel sieht sofort ein, daß einfaches Abraten zu nichts führen würde, und so beschließt er, die Neugierde der jungen Frau gegen ihre Verliebtheit auszuspielen, indem er sie jedesmal, wenn sie seine Einwilligung erbittet, durch eine Erzählung fesselt, nach deren Beendigung dann immer die Nacht und somit die Zeit zu einem heimlichen Besuche herum ist. – Meine Nachdichtung, aus der ich hier einstweilen die fünfte Geschichte veröffentliche, lehnt sich nur ganz lose an die persischen und die türkische Vorlage an. Als sich zum fünften Male im Westen Die Sonne verbarg vor des Mondes Schein, Bedrückte wieder die Luft Chodschesten, Des schönen Fremdlings Lust zu sein. Und sprach mit Seufzern, tief entpreßten, Zu unserm klugen Papagein: Wie kannst du mich so bangen sehn! Grausamer Vogel, laß heute mich gehn! Der Papagei benetzte sich Die dicke Zung, tat einen Strich Mit seinem Schnabel am Gefieder, Hob müd die schweren Augenlider Und sprach, ein wenig schläferig: Geh, schöne Frau! Beeile dich! Denn, Herrin, sieh, es kann geschehn, Dein Gatte kehrt mit einmal wieder, Und, was du dir in Wünschen baust, In heißen Sinnen lebend schaust, Wirst plötzlich du verschwinden sehn, Wie jene Vier ihr Meisterstück. Verschwunden wars, kam nie zurück. Was denn? Was wars? Was ist verschwunden? Ein Meisterstück? Nie mehr gefunden? Wars wirklich so ein kostbar Ding? Ein Bild? Ein Lied? Ein Kleid? Ein Ring? Ach, liebes, gutes Papchen, sprich! Und Frau Chodscheste setzte sich. Der Vogel kraute sich am Schopfe Und wackelte mit seinem Kopfe Und tat das linke Auge zu Und sprach nach seiner Art, gemessen, Langsam, um ja nichts zu vergessen: So höre, du! Ein Goldschmied und ein Zimmermann, Die huben eine Reise an Und fanden, wie sie fürbaß schritten, Am Wege als willkommnen Dritten Einen alt ehrwürdigen Eremiten, Und, als sie weiter pilgerierten, Gleichfalls willkommen einen Vierten. Das war ein Schneider lobesan, Mit dem sie fleißig diskutierten. So kam denn bald die Nacht heran. Kein Baum, kein Strauch in weiter Runden: Die Wüste wars, in der sie stunden. »Ich mein, wir wolln uns schlafen legen!« Der Schneider sprach. Und »meinetwegen« Erwiderte der Zimmermann. Der Goldschmied war auch nicht dagegen, Und, weil man zu nachtschlafner Zeit Nichts Beßres tun, als schlafen kann, Gab auch Einsiedel seinen Segen. Jedoch gebot Fürsichtigkeit, Daß jeder einmal nach der Reih Zur Sicherheit der Kumpanei Gebotner Wache mußte pflegen. Den Zimmermann, als jüngsten, traf Die erste Wache. Tief in Schlaf Verfielen bald die andern Drei. Daß ihm nicht auch die Lider sänken, Begann im Kreise weit herum Der Zimmermann den Schritt zu lenken. Und, siehe da, er fand ein Trumm Von einem Lorbeerbaum am Wege. »Du kommst mir recht in mein Gehege«, Sprach allsogleich der Zimmermann Den schönen dicken Baumstamm an, Und nahm sein Beil und hieb ihn glatt Und rund und schön. Und, noch nicht satt Der lieben Arbeit, sachte, sachte Er ein Figürchen daraus machte, Schöngliederig und schlank und fein, So, wie er sich das Mädchen dachte, Das einmal möcht sein Weibchen sein. Drauf weckte er den Juwelier Und sprach: »Ich laß Gesellschaft dir, Und zwar zur Nacht die allerbeste!« (Hier lächelte vergnügt Chodscheste.) Der Goldschmied sah das Dingchen an Und dachte sich: »Da fehlt was dran. Ein Mädchen ohne Kett und Ring, Das ist fürwahr ein halbes Ding.« Und tät sogleich den zierlichen Gelenken An Fuß und Hand Goldreife schenken Und eine Perlschnur um den Hals. Brust, Stirn und Ohren ebenfalls Bedacht er kunstreich mit Geschmeiden. Dann tippte er den Schneidersmann Mit leisem Finger weckend an Und sprach: »Ich laß dir was zu kleiden!« »Was!?« rief der Schneider, »in der Nacht?! In dieser leeren Wüstenei?« Dann aber: »Himmel! Welche Pracht!« Und gleich begann die Schneiderei. Denn, was ein rechter Schneider heißt, Die Nacktheit nicht als höchstes preist, Und wenn sie zehnmal göttlich sei. Hat also Kleiderchen gemacht Dem Weibchen so aufs allerbeste, Daß es, obwohl aus Holze, lacht (Das gleiche tat Madam Chodscheste) Und selig in die Wüste schaut, Als wärs lebendig eine Braut. Der Schneider sehr zufrieden war. Zupfte Einsiedelmann am Haar Und sprach: »Hochwürden wollt geruhn, Einen frommen Blick dorthin zu tun, Wo uns Besuch geworden ist, Erbaulich für Moslem und Christ. Ich weiß, es wird Euch nicht verdrießen, Einer Huri Anblick zu genießen, Und sicher ist, wie müd Ihr seid: Vor Schlaf seid Ihr anjetzt gefeit!« Und also wars. Einsiedelmann (Dieweil ein Frommer sonst nichts kann) Hub allsogleich zu beten an Mit selig hochgezogenen Braun Zum Dank, daß ihm das Glück beschert, In Wüstennacht ein Weib zu schaun, An Schönheit des Propheten wert. »Nur«, sprach er zu sich selber dann, »Wie schade, daß das Ding nicht lebt, Der Busen sich nicht senkt und hebt, Der volle Arm ans Herz nicht drückt, Das dunkle Aug ins Herz nicht blickt!« Und warf sich nieder auf die Erden: »Bei Allah! Das muß anders werden! Allah ist groß! Allah vermag Aus Nacht zu machen hellen Tag; Drum wird er, wenn ein Frommer fleht (Wie ich), auf herzliches Gebet Gewiß, gewiß ein Wunder tun! Allah, nicht wahr, du wirst geruhn Und allsogleich befehlen nun, Daß Lebensodem in sie weht, Die viel zu schön ist, tot zu bleiben! O Allah, laß sie nicht bloß leiben! Laß sie auch leben! Und – laß sie lieben! Wir alle wären ja Staub geblieben, Hättest nicht du in unsre Nasen Deines Geistes einen Hauch geblasen.« Und sieh: Ein Wehn kam durch die Nacht Und hat lebendig das Holz gemacht, Das augenblicks mit seinem Munde Silberhell zu lachen begunnte, Daß Zimmermann, Schneider und Juwelier Aufwachten und rasten vor Liebe schier. Und, da den alten Eremiten Die Liebe gleichfalls hat geritten, So rasten gemeinsam alle Vier. Das Weiblein aber, was tat – Es? Je nun, – nichts weiter Besonderes. Setzte sich still auf den Bettelsack Des Eremiten in guter Ruh Und schaute dem Tanze der Viere zu, Die sich traktierten wie Lumpenpack. Mit viel Gefuchtel, Geschimpf, Geschrei Rief jeder, daß sie sein Eigen sei Und jeder andre ein Schubiak. »Wer machte sie?« rief der Schreiner stolz: »Ich, ich, ich, ich! Aus Lorbeerholz!« »Wer schmückte sie?« rief der Goldschmied aus: »Ich! Vorher sah sie nach gar nichts aus!« »Wer zog sie an?« der Schneider schrie: »Ich machte gesellschaftsfähig sie!« »Wer betete ihr das Leben an? Wer? Ich!« rief der Einsiedelmann. Indessen trat durch Ostens Tor Die Sonne königlich hervor Und tauchte in Gold mit ihrem Schein Die weite Wüste leuchtend ein. Und sieh: Es war in ihrem Strahle Die Wüste eine goldne Schale, Nur ein Gefäß für deren Pracht, Die in der wunderlichen Nacht Die Viere wie im Traum gemacht. Und auf die Kniee hin vor ihr, Der Lächelnden, die sich nicht rührte, Stürzten verzückt, berückt die Vier, Als ob nicht Allah das Gebet gebührte. So gottlos ist verliebter Lust Begier. Doch Strafe folgt der Sünde auf dem Fuß. Dies, Herrin, ist nicht eines Kakadus Private Meinung, sondern tief erwiesen. Ein süß Konfekt ist sündiges Genießen, Doch nachher kommt das bittre Myrrhenmus Verdienter Strafe. Niemand feiert Feste Verbotenen Rausches ohne Nachgeschmack! (Halt dich nicht auf! stirnrunzelte Chodscheste.) Wie du befiehlst! Also: Das Schnick und Schnack Der Viere, die verzückt auf ihren Knien lagen, Ward plötzlich unterbrochen. Hüh! und hoh! Erscholl und das Geknirsch von einem Reisewagen, Auf dem, im Sande nicht prestissimo, Ein reicher Mann herbeigefahren kam. Wie der das Weib sah auf dem Bettelsack, Gabs einen Ruck ihm, und er rief: »O scham-, Schamloseste von allen Frauen! Da, Auf diesem Bettelsacke sitzt sie, ha! Die ich verliebt zum Eheweibe nahm! Ein schönes Wiedersehn, fürwahr, Madam! Mit Vieren, Vieren! ist sie durchgegangen, Drum ist nicht ein-, nein viermal sie infam, Und diese Viere müssen schleunigst hangen! Auf! Bindet sie – und sie! Bei meinem Gram! Ich will mein Recht und ihren Tod erlangen!« Es schrie das Weib. Die vier Verliebten schrien. Es schrie der reiche Mann und seine Knechte. Es war, als ob ein Heer von Moslemin Für Allah schrie im heiligen Gefechte. Doch, als die Fünfe dann gebunden waren, Ist schweigend man zu einer nahen Feste, In ders an Galgen keineswegs gebrach, Durch tiefen Wüstensand langsam gefahren. (Hier schüttelte das schöne Haupt Chodscheste, Indessen sie im Ton der Neugier sprach: Und wie empfing der Kommandeur die Gäste?) Gleich, Herrin, gleich! Du weißt es ja: das Beste Kommt bei Geschichten immer hintennach. Denk dir! Der Kommandeur, kaum, daß ein Blick Aus seinem dunklen Aug das Weib gestreift, Ruft aus: »Dank, Allah, dir und dem Geschick! Da ist sie, sie, die scham- und treuelose, Die viel zu früh mein Jugendhaar bereift Mit schneeigem Schimmer hat, die meine Rose Verliebt ich hieß, und die ich jetzt, Da sie mein Herz zerrissen und zerfetzt, Den Dornbusch aller Schande nenne, Den Dornbusch, den ich, wenn Gerechtigkeit In unserm Land noch herrscht, bei meinem Eid, Samt dem Gestrüpp, das ihn umgibt, verbrenne! Zum Kadi! Auf zum Kadi augenblicks Mit ihr und jenen, die mir hinterrücks, Die frechen Hunde, sie, mein Weib, geraubt!« Der reiche Mann reibt sich die Augen, glaubt, Er träume, ringt nach Worten, stottert, stöhnt, – Es hilft ihm nichts, man läßt ihn nicht beginnen. Es wird die Hand, des Hanfschmucks nicht gewöhnt, Seilfest gefesselt, und er muß von hinnen. Und unsre Vier, natürlich, ebenfalls. »Zum Kadi! Wehe! Wehe unserm Hals!« Nur das Madamchen bleibt ganz still und laß; Sie hat sogar, obgleich auch sie gebunden Und an den Knöchelchen leicht aufgeschunden Von diesen dummen Stricken war, etwas Wie kitzelnde Genugtuung empfunden: Ob auch die Fessel ihr das Pülschen preßte, Sie fühlte sich wie Vögelchen im Neste Bei der sehr angenehmen Rechnung, daß Sechs Männer sich in sie verliebt in wenigen Stunden. (Sechs! träumte vor sich hin Chodscheste.) Und nun zum Kadi denn! Hoch zu Kamele Ritt schlanken Paßtrabs schnell der Kommandeur Voll Rachedurst voraus, und seiner Seele Hinströmender Erguß fand huldreiches Gehör. Der Kadi sprach: »Bei Gott! die Philomele, Die dich betrogen hat, singt bald nicht mehr! Denn Ehebruch heißt Kapitalverbrechen, Und nur der Tod kann den Gehörnten rächen!« Du siehst, der Kadi war ein strenger Mann. (Sind alle so? frug bang Chodscheste an.) Der unsere wars, d.h. – nun, du wirst sehn. Er war schon alt. Schwer wurde ihm das Gehn, Und reichlich fettbeladen war er auch. Nie sah die Welt so ungeheuren Bauch, Und niemals, glaub ich, sieht sie mehr An einem Menschen soviel Schmeer. Die Augen aber waren winzig, Der Blick war blöde, müde, blinzig, Die Haut war, ja, wie sag ich gleich, Nicht seiden- oder sammetweich: Mehr lederartig und dabei Nicht ganz von kleinen Flecken frei, Die ab und an ein wenig näßten. (Hier wurde nicht ganz wohl Chodschesten.) Kurz: reizend war er eben nicht. Doch, wer sucht Reize bei Gericht? Auch hatte er, das muß der Neid ihm lassen, Die Kunst der niederschmetternden Grimassen, Vor denen, wer mit Sündenlast In ihr Bereich tritt, jäh erblaßt. So saß er da mit fürchterlichen Mienen, Als unsere Vier vor ihm erschienen, Und, – na, was ist? um Gottes willen, Was ist denn los? –: der Kadi schreit Und reißt die kleinen Augen weit, Unglaublich weit auf: »Meine Brillen! So bringt mir doch die Brillen!« – Da, – Er setzt sie auf: – »Bei Allah! Ja! Sie ists! Sie ists! O welch Entzücken! Komm, laß an meine Brust dich drücken! Hab keine Angst, ich straf dich nicht, O du mein Mond- und Sonnenlicht! Was du auch tatst, es ist verziehn, Willst du nur nicht noch einmal fliehn! Mein Zuckerschötchen! Mein Perlenschneckchen! Mein Sammetfüßchen! Mein Honigweckchen! O komm, sei gut, o komm zu mir, Mein Seligkeitenelixier! Was du verlangst, ich will dir alles schenken, Und bloß die andern laß ich henken!« Bei diesen Worten des alten Kadi Standen bildsäulenähnlich da die Männlichen Personen dieser Geschichte. Doch auf des Weibes schönem Gesichte War immer das gleiche Lächeln zu sehn Und nicht ein steinerner Zug zu erspähn. Es schien, was alles auch passierte, Das holde Dämchen fand es bloß scharmant, Daß jeder Mann für sich sie reklamierte. Die ganze Welt schien ihr ein Zuckerkant, Den sie mit Lächeln schnabulierte, Im Süßigkeitenknabbern höchst gewandt. Sie tat, als wär sie zum Vergnügen hier. Sogar der Kadi machte ihr Pläsier. Die andern aber, als das starre Staunen Vorüber war, empörten sich gewaltig Und äußerten mit Worten mannigfaltig, Doch mehr mit Brüllen, als mit leisem Raunen, Sie seien nicht im mindesten gesonnen, Beim Fest der richterlichen Liebeswonnen Als Fahnenschmuck am Galgenstamm zu dienen. »Das Weib ist mein!« rief jeglicher von ihnen, »Und der Herr Kadi ist jetzt selbst Partei.« Es war ein Armefuchteln, ein Geschrei, Ein Fäusteballen, Hälserecken, Toben, Daß selbst die Seligen im Himmel oben Sich wolkennieder bückten, was denn sei; Und alles Volk, aus Küchen, Kellern, Koben, Wer sich nur regen konnte, kam herbei; Sogar die Koranschüler kriegten frei Und hatten einen Grund mehr, Gott zu loben. So groß war das Getrubel und Geschwärme, So ungeheuer war des Volks Gelärme, Daß selbst ein Dschogi, der nun schon ein Jahr, Andächtig, aller Weltgedanken bar, Verzückt auf einer hohen Säule Knauf Gleich einem Ölbaumstrunk gestanden war, Das Wesen merkte. Niemand sah hinauf Zu seiner frommen Pose. Selbst die Weiberschar, Die stets bewundernd ihm zu Füßen stand Und nie genug Bewunderungsworte fand, Des Heiligen Kraft und Wundertum zu preisen: Selbst sie war weg, war einfach durchgebrannt. Der Dschogi kam sich vor wie altes Eisen. »Das also ist der Welten Lauf!« So rief er aus: »Ich laß mir durch die Hand Das ganze liebe Jahr die Nägel wachsen, Und die Bewunderung hört mit einmal auf, Macht irgendwer, Gott weiß es was für Faxen, Die, darauf nehm ich Gift, gar nichts bedeuten. Schlimm ist die Welt, weiß Gott, die Zeit ist bös; Sogar die Weiber sind irreligiös, Und überhaupt, es ist nichts mit den Leuten.« Nach diesen Worten drehte er sich um Und hob die dünnen Hände (krumm, Weil wirklich sie durchwachsen waren Von seinen Nägeln) übers Augenpaar, Zu sehn, wohin das Volk in Scharen Denn eigentlich gelaufen war. »Natürlich! Ein Prozeß! Beim Kadi. Hum! Gewiß ein schöner Fall! Wie dumm, wie dumm, Daß just der göttlichste Jurist Vom Zuhörn ausgeschlossen ist!« (Der Dschogi nämlich, daß ihrs wißt, War früher, eh ihm klar geworden, Daß nichts vergleichbar sei im ganzen Staat An innerem Wert dem Bettelorden, Ein höchst berühmter Advokat.) »Ich, gerade ich! Beim Himmel: nein! Ich will und muß zugegen sein! Ein Fall, der alle interessiert, Wird würdig nur durch mich plädiert.« Und sieh, der Heilige, der sonst nichts kannte, Als tiefste Selbstversunkenheit, Der allem Leben Abgewandte In tiefster Seelentrunkenheit, Der alles Wollen aus sich bannte In dieser Welt Halunkenheit: Der Säulenheilige umspannte Mit seinem dürren Beinepaar Der Säule Schaft – und war viel eher unten, Als seinem Hinterteile dienlich war. Er hat nicht leicht das Gleichgewicht gefunden. Doch, als ers hatte, hei, wie rannte er! Sein Lendenschurz genierte ihn nicht sehr, Und, als er ihn verlor im heißen Lauf, Hielt unsern guten Dschogi gar nichts mehr, Als höchstens seine schwache Lunge auf. Mit Keuchen kam der heilige Mann In des Gerichts Getümmel an, Und alles schrie: »Paßt auf! Jetzt wird es Licht! Jetzt sitzt der Heilige zu Gericht!« Und als nun Seit an Seit das Paar, Der Dicke und der Dünne saß, Da sah das Publikum erst klar, Wie dick sein dicker Kadi war: Der Dünne war des Dicken Maß. Und zu gemeinem Gaudium Rief einer aus dem Publikum: »Seht, welch ein Spaß: Die Mutterzwiebel und das Zittergras!« (Für welchen Witz der Humorist, Der so des Ortes Würdigkeit vergaß, Gleich krumm geschlossen worden ist.) Und aller Blicke wandten sich Dem heiligen Manne zu, und: »Sprich! Sprich Recht, du Unbefleckter!« schrien Die Tausende und nannten ihn Bei tausend Heiligen- und Ehrennamen. Er aber sprang in seiner Nacktheit hoch Vom Sitz empor und drehte sich im Kreise, Indes den Leib er wie im Krampfe bog, Und schrie auf fürchterliche Weise: »Amen! Amen! Amen! Allah illallilah! Allah illallilah! Kniet nieder! Nieder! Nieder! Der Vogel des Paradieses kam wieder! Mein Glück ist wieder da! Und nun auf von den Knien! Allah illallilah! Tanzt, Moslemin! Allah illallilah! Tanzet um ihn, Tanzt um den Vogel mit goldnem Gefieder! Viel besser ists, um ihn sich drehn, Allah illallilah, Als auf dem Säulenknauf zu stehn, Allah illallilah, Und der Sonne ins goldne Gesicht zu sehn. Ich tu es niemals wieder, Seitdem Sie wieder da. Allah illallilah, Und nie soll sie wieder von mir gehn!« Du siehst, o Herrin, unser Dschogi war Seit Jahresfrist ein Heiliger zwar, Jedoch in puncto puncti just auch nicht der beste. (Das dünkt mich weiter nicht so wunderbar, Dieweil ein Mönch – ein Mann, erwiderte Chodscheste. Und wieder zeigt der alte Spruch sich wahr: Wie klein davon auch immer sein die Reste: Moschus und Liebe sind un-aus-treib-bar. Die Tugend kann ein jeder Mensch verhehlen, Vertreibbar ist Geruch selbst von Kamelen, Doch, wo nur Liebe je und Moschus war: Ein Rüchlein bleibt in Kästen oder Seelen.) Sehr richtig, Herrin! Und in diesem Falle Rochen den Braten auf der Stelle Alle. Und wie aus einem Munde schrie Das ganze Volk: »Schon wieder sie! Das Weibchen, scheints, hat eine gute Kralle! Wer soll hier richten, wenn ein Heiliger gar Bekennen muß verliebtestes Verfehlen? Sie kann wohl selbst nicht ihre Liebsten zählen, Und niemals wird ihr dunkler Rechtsstreit klar, Wolln wir zu Richtern nicht die Weiber wählen.« Der Punkt war kritisch. Denn die Weiber, jetzt Durch Eifersucht und – Tugend aufgehetzt, Begannen in der Tat, ein wenig Lust zu spüren, Dem Weibe, das (gewiß mit Hexerei) betört So viele Männer schon, was sich gehört Für eine brave Frau, scharf zu Gemüt zu führen. Schon rief, Xanthippen gleich, ein krasses Weib: »So setzt Ihr doch die Daumenschrauben an! Ich will doch sehn, ob nicht mit meinem Mann Sie auch das heilige Eherecht verletzt So wie mit jenen hat. Und dann: Ins Feuer, Feuer mit dem Höllenbraten Für seine schauderhaften Freveltaten, Daß er nicht weiter Unheil stiften kann!« So, Mann und Weib verschiedentlich bewegt, War unseres dicken Kadi Tribunal Dem Meere gleich, vom Nordwind überfegt. Nur sie, die den Spektakel hat erregt, Steht ruhig da, als wär es ihr egal, Woher, wohin die wilde Woge schlägt. Sie hüllt ihr Haupt in ihren seidnen Schal Und hat sich, unerhört! dem Eremiten, Als wollte schlafen sie, jetzt, hier, inmitten Des tollen Tobens, an die Brust gelegt. Und sieh, wie sie die Augen schloß, Da ward es still mit einemmal, Indes vom Himmel sich ein breiter Strahl Von Sonnenlicht durch Wolkenspalt ergoß. Und durch die Menge, die sich teilte, ritt, Man wußte, ahnte nicht woher, ein greiser, Doch schöner Mann, ein Herrscher oder Weiser, Gemächlich, lächelnd, ritt im Schritt Bis zu der Stelle, wo der Eremit Mit unserm Weibchen stand, das ruhig, tief, Mit vollen Kinderatemzügen schlief Und längst wer weiß in welchen Traums Bereichen Zufrieden und zu Hause war. Hier hielt der alte würdevolle Mann Sein Reittier an Und gab, so schien es, einer Dienerschar, Die, allem Volke unsichtbar, Ihn dienstbereit umgab, ein Zeichen. Drauf ward, von wem ist nicht zu sagen, Das Weib behutsam, daß es nicht erwachte, Von unsichtbaren Armen sachte, sachte Erhoben und in einer Sänfte, nein, Es war ja keine da, doch wars der Schein, Als lägs in einer Sänfte, still davongetragen. Und ruhig ritt der Alte hinterdrein. Lautlos, als wärs mit einmal stumm, Das eben noch so laute, auf Geheiß Allahs geworden, schritt das Publikum, Voran die immer noch verliebten Achte, Zum Zug geordnet gleichfalls hinterher, Als ob die Schwebende ein zaubrischer Magnet, Das ganze Tribunal ein Zauberkreis Und jeder einzelne ein Mensch nicht mehr, Nein, eine willenlose Puppe wär, Von unsichtbarer Hand bewegt, gedreht. Und, wunderlich, ein jeder sagte sich: Nicht jene Achte oder irgendwen: nein: mich Geht diese Sache an, – das Weib ist mein! Die Weiber aber trollten hinterdrein Und fühlten nicht den allermindsten Stich Von Eifersucht. Im Gegenteil, sie schienen Geschmeichelt und zufrieden wie noch nie. So ganz vollkommen war die Harmonie In allen Blicken, allen Mienen, Daß diese selig stille Prozession Ein Zug von Engeln schien und nicht von Leuten, Von denen doch ein jedes schon Gebrandmarkt war von Schmerzen und von Freuden. Bei Allah, ja! Es war kein Gehn: ein Wallen; Ein großer Heiligenschein stand über allen, So mancher Schuft auch unter ihnen war. Es schwebte wie durch Paradieseshallen Dem allgeliebten Weibe nach die Schar. Wie lang dies währte, weiß ich nicht zu künden. Es hielt die Zeit, so schiens, den Atem an. Vielleicht gabs überhaupt in diesen Gründen Das gar nicht mehr, was Zeit man nennen kann, Dies Stundenlaufen und Zusammenründen Von War und Ist und Einst und Nun und Dann. Jedoch, mit einem Male kam ein Punkt, Und alles war in tiefste Nacht getunkt. Nur Eines sah man grell als wie im Traum: Auf einem Hügel einen Lorbeerbaum, Uralt und hoch und bis hinauf gespalten, Wies sonst des Ölbaums Art, und neben ihm, Umleuchtet wie die ewigen Seraphim Von überirdisch mildem Glanz, den Alten, Vor dem das Weib, ein wenig dunkler, stand. Dunkler, obwohl kein Fäserchen Gewand Den wundervollen Leib umpreßte. (Vor allen Leuten? Pfui! Wie kann man nur! Ereiferte sich stark chokiert Chodscheste, Indem sie über Jäckchen, Höschen, Weste Mit schambeflissenen Fingern fuhr.) Es tut mir leid, daß ichs nicht leugnen kann: Sie hatte wirklich nicht das mindste an: Nackt war sie, nackt; nackt wie die liebe Sonne. Und niemand, sonderbar, nicht Weib noch Mann, Nahm irgendwie den kleinsten Anstoß dran, Erfüllt von andachtsvoller heiliger Wonne. Es war so ein erhabener Moment (Sie sind sehr selten unter Menschgebornen), Wo männiglich nichts weiter fühlt und kennt, Als tiefe Ahnung eines längst Verlornen; Und bei Empfindungen von solcher Stärke Denkt selbst ein Schneider nicht an Schneiders Werke. Wahrlich, ich sage dir: durch jede Brust, Ein Strom, ein Sturm, fuhr ungeheure Lust Des allertiefsten innigsten Begreifens, Des Lebensinnersten, des Urgebots, Des dunklen Werdens, stätig hellen Reifens, Des Zeugens und Gebärens und des Tods. All in die Knie nieder sanken sie, wie wenn Der Gottheit Odem über ihnen bliese, Die Stirn zur Erde nieder schlugen sie, wie wenn Der Gottheit Hand sie auf die Erde stieße, Und wieder hoch sodann die Köpfe all, wie wenn Der Gottheit Mund sie rief zum Paradiese. Und ihre Augen, siehe, sie ersahn Den Lorbeerbaum das nackte Weib umfahn. Es ist nicht leicht zu sagen, wie das war. Denn, war bisher schon manches wunderbar, Dies, Herrin, war noch wunder-wunderbarer. Er nahm sie in sich auf mit Haut und Haar Und schloß sich dann, gleich einem Schatzbewahrer; Verschwunden war sie in ihm ganz und gar. Der Alte aber, schien es, war der Paarer, Der Priester Gottes, der den Segen gibt, Wenn er vereint, was sich so innig liebt, Daß es allein nicht fürder leben mag. – Er hob die Hände, und – es wurde Tag. Zum Tage aber will kein Wunder taugen. Das Volk stand auf und wischte sich die Augen, Rieb sich die Kniee, kraute sich am Ohr Und kam sich eigentlich belämmert vor. »Herr Gott!« schrie auf ein Weib, »mein Mittagsessen! Ganz sicher, es ist angebrannt.« »Ich hab den Schlüssel abzuziehn vergessen Von meinem Geldschrank,« rief ein Bankier. »Gerechter Himmel! Ich muß ins Café!« Ein Müßiggänger. Ein Schmuckfabrikant Rang wild die Hände: »Meine neuen Tressen!« Ein Priester wimmerte: »O domine! Die Vesperlitanei! Die Seelenmessen!« Und ein Konditor, völlig wie besessen, Riß sich am Bart: »Verpappt ist mein Tragant!« Ein tausendstimmiges Herrjemineh Tät tausend Lippen kreischend sich entpressen, Und alles ist davongerannt. Nur jener Alte blieb am Baume stehn Und blickte lächelnd hinterher dem Volke, Von dem bald nichts als eine dicke Wolke Von aufgetriebenem Staube war zu sehn. Im Lorbeerzweigicht aber hob ein Wehn Als wie von Windesstimmen säuselnd an, Aus dem, o wie so süß, ein Zwiegesang, Adams und Evas Liebeslied, begann: Ein Sichdurchflechten, Miteinanderschweben, Ein Insichdringen, Durcheinanderweben, Ein Insichsterben, Insichwiederleben, Ein Durcheinanderblühn im Doppelklang. Der Alte kreuzte über seiner Brust Andachtdurchseligt seine schönen Hände Und murmelte: »Von Anfang bis zu Ende, Allüberall ist Gott, und Gott ist Lust. Gepriesen sei die Welt! Die Welt ist recht. Kein Strähnchen Irrtum geht durch das Geflecht Des Lebensteppichs, der die Tempelwände Des urvollkommnen Alls bespannt, Und wer es auch im Traume nur erkannt, Einmal im Traume nur und unbewußt: Er ist voll Gott und ewiglich gerecht. Was sahen sie, die jetzt davongerannt sind Und wieder nun ins Enge eingebannt sind? –: Ins Feuer sahn sie und ins Herz der Welt. Allahs Augapfel sahen sie: das Weib, Ein Püppchen erst, geschnitzt zum Zeitvertreib, Und dann der Sinn des Seins, der alles hält: Natur und Liebe, Weg zur Ewigkeit Aus eines Augenblicks Vergessenheit, – Ein Nichts und Alles, – wie es euch gefällt.« David im Schäferhute (Ein Gedicht auf Donatellos Bronzefigur im Bargello zu Florenz) Es rauscht der Wind. Lauf, laufe geschwind Zu mir, mein Kind, Knabe im Schäferhute! Nach deiner Schönheit ist mir heiß zumute. O laß mein Herz an deinen Wangen kühlen! Ich will, o Kind, Ich will, ich Wind, Ich will in deinen krausen Haaren wühlen. Mein Herz ist schwer. Lauf, laufe geschwind! In meinen Schoß komm her! Ich will deinen Frühling fühlen. In einem hellen Saal, Dame, sah ich dich einmal, Schön warst du, lauter Seide: Rauschen, Glänzen, Licht. Deine Augen, das lebendige Geschmeide, Schöner als alles, das je ich sah, Warben um einen Mann Mit goldenen Blicken wie schwärmende Bienen. Warum sahst du ihn so an? Mich sahst du nicht. Schön bist du mir, ach, und schändlich erschienen. Und ein Mann ward ich da, Nicht dir zu dienen. Lebenszwiegesang Über Hügel, sanft gebogen, Drauf der Sonne Lachen lag, Bin als Knabe ich gezogen, Froh gezogen, Singend in den hellen Tag. Singe, singe, singe die Sonne an! Siehe, siehe, wieviel sie kann. Berge nahm ich mir zum Ziele, Als ich Jüngling worden war, Und ich fand auf ihnen viele, Wunderviele Lieder, wie die Höhen klar. Stürme, stürme, stürme den Höhen zu! Oben, oben bist ruhig du. Doch ein See war, da ich ruhte, Ruhte als ein junger Mann. Dort nahm ich der Liebe gute, O ja, gute Gaben staunend dankbar an. Trinke, trinke, trinke den Becher leer! Balde, balde hast ihn nicht mehr. Und ich zog mit meinem Glase In die tiefste Einsamkeit. Fern dem Staube und der Straße, Fern der Straße Trank ich Glut der Sommerzeit. Liebe, liebe, liebe! Sauge das Sein! Morgen, morgen bist du allein. Und ich hab mein Glas verloren, Und ich kroch im Kreis herum, Ward verdrossen mit den Toren, Tristen Toren, Und so ward ich alt und stumm. Schaue, schaue, schaue den Weg zurück! Hinten, hinten glimmert das Glück. Wieder Hügel, wieder Berge, Wieder See und Einsamkeit. Särge, Särge, leere Särge! Leere Särge ... Greis, dein Weg ist nicht mehr weit. Schreite, schreite, schreite dem Dunkel zu! Unten, unten dämmert die Ruh. Erde, liebe Erde ... Wie eine Blüte im Mai Blättert sich auf der Tag, Zeigt seine nackende Schönheit der Sonne. Sehen, o zaubrisches Glück! Gottselige Wonne, Dies Atmen! Der Herzensschlag! Schmerzen und Lüste herbei! Ich will euch ans Herz nehmen, ans Herz drücken; Dornen und Dolche sollen mich entzücken: Alles was ist, ist schön und recht. Erde, liebe Erde, ich bin dein Knecht. Südtiroler Herbst Gelbleuchtend steht (wie Kapuzinerkresse) Der Latemar. Ein buntes Panterfell Liegt rot-gelb-braun der Mendel um die Flanken. Die Rebenbogen sind von Trauben leer. Aus Riesenbottichen trieft rote Maische, Von feisten Rindern langsam heimgeführt Zum kühlen Keller auf staubweißen Straßen, Vorbei an Kruzifixen, wunderlich geschmückt: Dort wo die Nägel durch die Heilandshände Kalt in das schwarze Marterholz sich bohren, Hängt, rechts und links dem vorgesenkten Haupte, Prall, Beer an Beere innig so gedrängt, Als sei es eine ungeheure Frucht: Je eine schwere Traube. Durch die Krone Von Dornen windet sich, Korallen gleich, Aus Vogelbeeren eine rote Kette, Und dunkelgelbe Kolben Türkenkorns Umrahmen samengolden diesen Gott Des liebehingegebenen Schmerzenglücks. Es ist, als wär es ein verstellter Pan. Erzählung Ein Mädchen besaß ich, fein wie ein Figürchen Auf Rokokotischen galanter Marquisen; Es war wohl auch wirklich verwandt mit diesen: Halb war es ein Nobelchen, halb ein Hürchen. Ich fand sie entzückend mit ihrem Geschwänzel, Getrippel, Geäugel, Gelächel, Geplapper. Ich war so ein junger mutwilliger Tapper, Mein Gehen war auch noch Gehüpf und Getänzel. Auch war ich ein Träumer und Wolkenbeschauer; Ich sah um die Dinge noch goldene Ränder. Der Mond war mein Krongut; in meinem Kalender Hatte der Frühling zwölf Monate Dauer. So waren wir also ein passendes Pärchen. Sie tanzte, ich dichtete, Gott blies die Flöte Und freute sich selber der purpurnen Röte Des Himmels, in dem wir das munterste Märchen Und aller Romane verliebtesten lebten: Von Träumen getragen, von Liedern belogen, In goldener Nußschale schwimmend auf Wogen Und Wolken, die rosig ins Nichts verschwebten. ... Ins Nichts verschwebten; verrannen; vergingen; Zerflossen, zerrissen, – ins Nichts, in die Leere ... Uns aber erfaßte die irdische Schwere Und zerrte uns nieder mit würgenden Schlingen. Da half uns kein Gott. Es verstummte die Flöte Des Märchenpapas und Idyllenrhapsoden. Wir fielen auf dornigen, steinigen Boden, Und zwischen uns saß eine zankende Kröte: Die kahle Enttäuschung. Es lehrte ihr Zanken Unlieblich uns beide einander erkennen. Es war wie ein Aneinanderverbrennen Bis tief auf den grundallerletzten Gedanken An jenes Schmarotzen im Märchengelände. – Wir haben die Hand uns zum Abschied gegeben Wie Fremde. Nie sah ich sie wieder im Leben. Und kännte sie nicht, auch wenn ich sie fände. Auszählvers Es war einmal ein Mann; Der hieß Pack-an; Pack-an hieß er, Aus den Händen ließ er Nichts, was er gepackt; Hat viel nach Haus gesackt. Und schloß sodann Der Herr Pack-an, Krach, hinter sich die Türe zu, Verzehrte seinen Raub in Ruh. Wer ist der Mann: Ich oder du? Nebel Durch dicken Nebel, der vom Berge fiel, Dröhnt sonderbar die Glocke des fernen Dorfs. Ruft sie um Hilfe in Erstickungsangst? Steigt dort vielleicht die Sintflut übers Dach Der alten Kirche bis zum Glockenstuhl? Es wird mit einem Male lastend Nacht. Vor meinem Fenster die Esche, sie ist nicht mehr. Ihr scharf gezacktes Blätterfiligran Zerflatterte, zerfloß ins feuchte Grau, Das immer dunkler, immer dichter wird: Leviathans Rachen hat sie mir verschluckt. So wird es sein, wenn einst die Stunde kommt, Die aus der Helle mich ins Dunkle schlingt. Seele! Singe, solange du Atem hast! Singe, solange du Seele bist! Einst, es naht sich der Würger schon, Ringst du ein letztes Mal nach Luft, Und deine Seele gehört Dir nicht mehr. Wer weiß Wem. Lyrikerasten Sahst du, o Freund, die holden Knaben, Die an der Kranzler-Ecke stehn, Aus Seide rote Schlipse haben Und lächelnd auf und nieder gehn? Sie spitzen die gefärbten Lippen Und äugeln sonderbar lasziv, Und, kommst du ihnen nah, so tippen Sie dich wohl an und legen schief Das Köpfchen mit gebrannten Haaren, Und ihre Blicke himmeln dich Sehnsüchtig an. Kurz, ihr Gebaren Ist immerhin absonderlich. Abscheulich, meinst du? Laß das Zanken! Es ist nicht schön; ich geb es zu; Wir wollen unserm Schöpfer danken, Daß wir nicht so sind, ich und du; Doch nicht uns besser dünken, meinen, Es müßten alle sein wie wir. Hat nun die Liebe mehr als Einen Ausweg – jenun: so gönn ihn ihr. Selbst das muß man mit Gleichmut tragen, Daß derlei Knaben (es ist bös) Auf ihre Art die Leier schlagen, So scheußlich süß, so syrupös, Und daß es Mode wird, zu schminken Die Lippen selbst der Poesie. Auch diese Mode wird versinken, Absurditäten dauern nie. Das Zeug schmeckt bald auch denen fade, Die jetzt dran schlecken: Zuckerkant, Lakritzensaft und Limonade Wird auf die Dauer degoutant. Theater-Reformer Welch ein Lärmen! Welch ein Schrein! –: Gebt uns Schläuche! Neue Schläuche! Seh ich hin, sinds arme Gäuche, Und sie haben keinen Wein. Pfui! rufen sie, Guckkasten! Welch ein Stall da! – Doch über diesem Stalle leuchtete der Stern Zu mancher göttlichen Geburt. – O, werte Herrn, Bedenkt den Spruch: Hic Rhodus est, hic salta! Das ist gewiß: Es wird ein schönes Haus, Sieht neu, geschmackvoll, festlich, heiter aus, Und, was der wohlerfahrene Architekt Erstrebt, es wird erreicht, nicht bloß bezweckt: Man kann von allen Sitzen alles hörn und sehn. In dies Theater werd ich gerne gehn, Sofern das Hörn und Sehn sich auch verlohnt Und man uns gnädiglich mit dem verschont, Was jetzt schon, fürcht ich, hier um Einlaß jammert, Inbrünstig sich an andre Künste klammert, Weil es allein nicht stehn und gehen kann. Denn Krüppel seh ich mir nicht gerne an, Sind sie auch prächtig, ja in Gold geschient. Mit Orthopädik ist uns nicht gedient. Ein schief gewachsenes Mädchen wird nicht grade, Gehts im Reform-Kostüm zur Promenade. Den Blick ins Abendrot Nun sieh wohl zu, mein Herz! Ein jeder Tag ist nun Kostbar und ein Geschenk und kann der letzte sein. Auch bist du reicher jetzt, und wenn du dich verlierst (Du weißt, worin du ehemals gern verloren gingst: Der dunkle Wald steht heute noch um dich; der See, Der laue, voller Algen, lockt noch heut, – gib acht!), Verlierst du mehr als früher und ersetzst es nie: Aus dir nicht und auch nicht aus dem, das um dich ist. Sieh wohl zu, Herz! Jedoch sei wie dies Abendrot: Nicht zaghaft, zögernd, weil es bald zu scheiden gilt, Nein: glüh gewaltig, glutenliebevoll ins All: Flamm auf, flamm hin, verlösch purpurn in Sonnenpracht! Wegweiser Folg dir in dich! Und wenn du auch erschrickst Vor den Gestalten, die du dort erblickst: Folg dir in dich! Hast du nur dich Und hältst du dich recht fest, So bist du stark, ob alles dich verläßt: Hast du nur dich! Ich ... war ... einmal Oft weiß ich ganz genau: Ich ... war ... einmal; Ich habe schon einmal all dies gesehn; Der Baum vor meinem Fenster rauschte mir Ganz so wie jetzt vor tausend Jahren schon; All dieser Schmerz, all diese Lust ist nur Ein Nochmals, Immerwieder, Spiegelung Durch Raum und Zeit. – Wie sonderbar das ist: Ein Fließen, Sinken, Untertauchen und Ein neu Empor im gleichen Strome: Ich Und immer wieder ich: Ich ... war ... einmal. Sowas! Heute nacht erschien ich mir Als ein sonderbares Tier. Hatte Krallen Aus Korallen, Hatte Hörner wie ein Stier. Doch sie waren, ich gab wohl acht, Waren aus Muschelkalk gemacht. An ihren Spitzen saßen, Geschliffen aus Topasen, Zwei Augen, die waren wie wolkichte Nacht. Wo sonst die Augen sitzen, Sah ich aus schmalen Ritzen Ein grünes Funkeln gehn; Da glaubte ich mein Leben Verfunkeln, verschweben, Verblitzen zu sehn. Ich hatte Lippen keine; Es lagen zwei Steine Malmend übereinander her, Die waren ganz glatt gerieben; Es stand darauf geschrieben All meine Schuld und Sünde; – gottlob, ich weiß es nicht mehr. Es hatte das Tier ein Fell, das war Aus grünem Grase, nicht aus Haar, Und war geblümt, – höchst wunderbar: Lauter Herbstzeitlosen. Statt eines Schweifes schwang es einen großen Fleischigen, dicken Lilienstengel Mit einer quittegelben Lilie dran. Das Ding bewegte sich gleich einem Glockenschwengel Und sah sich eigentlich lächerlich an. Ich kam überhaupt bald auf den Verdacht, Hier wird sich über dich lustig gemacht. Auch fragt ich mich: Wie? Ich wäre das Vieh? Das Vieh wäre ich? Ich bin doch weiß Gott nicht so wunderlich. Indes eben das War so über alle Maßen kraß: Es tanzte das Monstrum Nicht bloß so umsonst rum Zu meinem Pläsier. Nein ... ich ... war ... das .. Tier. Es läßt sich nicht sagen, wieso, – es war Mir einfach klar. Also gut! dacht ich mir: Wir sind eins: ich und – das; Aber ich wüßte nun wenigstens gerne: was, Bitte, was soll das bedeuten? Wie ich so dachte, hört ich ein Läuten, Oder vielmehr ein Glöckeln: gingging. Es war die gelbe Lilie, das komische Ding, Das auf seine Weise zu reden anfing: Gingging, gingging, nein so was, nein: Jetzt sieht der Kerl sich selber nicht ein! Gingging, gingging, welch ein Kamel! Er kennt nicht seine eigene Seel. Gingging, gingging, wie dumm, wie dumm! Er fragt: wieso, weshalb, warum? Gingging, gingging, man glaubt es kaum: Es denkt das Schaf sogar im Traum. Gingging, gingging, ich habe es dick: Der Kerl übt an sich selbst Kritik! Gingging, gingging ... Da gabs einen Krach: Weg war das Monstrum, und ich war wach. Wie seltsam kam – der Traum? Ach nein: Wie seltsam kam der Tag mir vor! Das da im Bett: – ich soll das sein? Mein ganzes Ich das? –: Kinderein! –: Ein Teil, der sich ins Licht verlor. Ein Glied von mir: Nichts weiter bin ich hier. In der heiligen Allnacht, im unendlichen Raum Streck ich mich, dehn ich mich tausendgestaltig, Bin Pflanze, Luft, Stein, Wasser, Tier: Leben in allen Formen, lächerlich und gewaltig. Gingging, es denkt das Schaf sogar im Traum. Heidelbeeren Als heut ich durch die Dresdner Haide fuhr, Stand meine Kindheit vor mir da: Ein Kind, Ein Bauernmädelchen im kurzen Rock, Das bunte Kopftuch über dem blonden Haar: Die »Guge«, die sich so hübsch an rote Backen schmiegt Und unterm Kinne zipfelig geschlungen ist. »Barbs« geht sie – barfuß: was für Wädelchen! Wie süß die zierlichen Zehen geschnitten sind (Ob auch ein wenig mit Staub gepudert) –, ach und sieh: Wie sich das Bäuchlein leise vorwärts wölbt (Grad nur, zu zeigen, daß es da ist), und Wie schelmhaft dieses Fräulein lächeln kann! Ein Fräulein von zwölf Jahren, ein Kind und doch Ein Frauchen: Allerliebst kokett bereits Und doch unschuldig, Duft noch ganz und Tau Des frischen Morgens. In den Händen hält Das Kindchen einen Korb, bis obenan Gefüllt mit Heidelbeeren. Und da seh ich nun, Warum die Lippen ihm ein bißchen »schnuddlich« sind: Gefärbt vom Blaurot unsrer Wäldlerin, Der drallen Blauen, die sich den Armen schenkt. Ja wohl, so wars: So sah meine Kindheit aus. Die Heidelbeere, nicht die Ananas, Seh ich als Sinnbild jener zagen Zeit. Die Heidelbeere, tief im Wald gesucht, Die wäßrig-säuerliche, die so süß doch war Dem unverwöhnt gesunden Kindesmund, Der damals schon beim Süße-Suchen sang: Heedelbeern, Heedelbeern, Such ich in der Haide. Heedelbeern, Heedelbeern Suchen macht mir Freide. Heedelbeern sin scheene, In den Kober kommt keene; Ich esse alle Heedelbeern, Heedelbeern alleene. Lied des sächsischen Schustergesellen Meine liebe Laura Sagte heit zu mir: »Komm doch heite abend Auf ä Schlickchen Bier; Und ä Sticke Schwartenmagen Wirschte auch wohl nich abschlagen.« Meine liebe Laura: Das versprech ich dir! Meine liebe Laura, Die is scheen gebaut. Mißt ich nich verreesen, Wär se meine Braut. Jeberallrum is se dicke, Weßterhole ä festes Sticke! Meine liebe Laura, Die is scheen gebaut. Meine liebe Laura Liebt mich mit Gefiehl. Meiner Mutter ihr Junge Bleibt dann auch nich kiehl. Solche Määchen sollen leben, Die uns was zum besten geben! Meine liebe Laura Liebt mich mit Gefiehl. Meine liebe Laura, Sei doch nicht so dumm! Dadrauf kannste Gift nähm, Daß ich wiederkumm. Schusterpech tut ewig kleben, Schustertreie gilt fors Leben! Meine liebe Laura, Sei doch nicht so dumm! Ede Petermann aus Rixdorf singt in der Verbannung Ick heeße Ede Petermann! In Rixdorf kennt mir jedermann In Kulickes Destille. Hier rees ick man inkognito, Als Meyer, Lehmann oder so, Denn Namens jibt et ville. Warum? Det jeht Sie jarnischt an! Halts Maul, sagt Ede Petermann, Nu sin Se, bitte, stille! Sonst werde ick am Ende roh, Wie dazumal im Falle wo, In Kulickes Destille. Der wunderscheene Nutten-Franz, Der is seitdem nich mehr janz janz, Det kommt vont ville Reden. Bloß schade, det ick fortjemußt! O Rixdorf, meine Mutterbrust, Wat machste ohne Eden? Im zweeten Jarderejiment Hab ickn Unteroffzier jekennt. Ick sage bloß: Noblesse! Denn ieberhaupt: Ick bin n Aas, Und wer mir Jauche jießt int Ilas, Den hau ick in die Fresse. Det kommt von meinem Handgelenk, Ick hab et so in der Lamenk. Sonst bin ick sanft wie Sahne. Jott! – Rieke! Schonsten wird mir schwach. Bloß: Keene Zicken! Sonst jibts Krach! Denn hau ck ins Porzellane! Ein Papagei vom Lügen (Aus der Vorrede zum Papageienbuche) Der Christ, der Muselman, der Jude und der Heide: Sie beugen sich dem Geist der Lüge, wie die Weide Dem Himmelswind sich beugt; es lügt das Kind, der Mann, Der Bänker, Bettler lügt; der Höfling, der Tyrann; Der Held; der Journalist; der Forscher; der Soldat; Es lügt das Parlament, sowie der Potentat; Auf seiner Kanzel lügt (und wie!) der Theolog; Der Sauhirt lügt dafür an seinem Schweinetrog; Und gar das Weib: o Gott! –: es lügt selbst, wenn es lacht (Und wenn es weint, erst recht); wenn sichs die Haare macht; Wenns kocht, wenns näht, wenns spinnt; wenns haßt, wenns liebt; wenns ruht; Es lügt, wenns schweigt, und wenns sich schwatzend gütlich tut; Und kurz und krumm: Ihr Volk, zweibeinig ungefiedert, Seid all dem Lügengott vervettert und verbiedert. Nur Dichter reden wahr, – denn allen ihren Lügen Vorsenden sie das Wort: Glaubt ja nichts: wir betrügen. Auf diese Art allein bringt man euch – Wahrheit bei. Gottlob, daß ich kein Mensch, nein, bloß ein Papagei ... Der Fromme (Aus »Tobias Wagenknecht«) Jesus, Licht der schwarzen Nächte, Scheine deinem stillen Knechte Tief ins dunkle Herz hinein! Sieh: ich kniee auf der Schwelle. Hier ists finster, dorten helle, Und ich will im Lichte sein. Sterbelied (»Ich sing mein Lied mir nun zum letzten Schlaf« Aus »Tobias Wagenknecht«) Komm, Liebe, Glück; ich warte: Komm, o Ruhe! Komm, Frau-und-Kind, gefühlt und nie gesehn! Leg deine Hand auf meine Stirn und tue Mir meine Augen zu mit deiner Locken Wehn! Gib mir die Hand, du innig Heitre, Milde! Ich will mit dir ins Land der Schatten gehn, Vergehn in dir: vergehn in deinem Bilde. Komm, Kind-und-Frau, gefühlt und nie gesehn. All meine Schuld versinkt ins Meer der Ruhe. Komm, Kind-und-Frau, gefühlt und nie gesehn: Küß mich ein erstes: letztes Mal und tue Mir deine Arme auf! – Es ist geschehn. Ehe-Gebet Gib mir deine Hand: ich küsse sie. Schenk mir deinen Blick: ich fühle ihn. Gib mir deine Wahrheit, Frau, die ganze, Bis zur letzten Nacktheit gib sie mir: ich heilige sie. Denn ich muß Göttliches in meinem Herzen haben und wieder einen Glauben, Ein Heiligtum muß ich haben und einen Altar, Kränze darauf zu legen, Weihrauch meiner Seele, Und mein Herz selber als Flamme, die sich gerne verzehrt. Unser Schloß Ich träumte mich in einen tiefen Wald ... Ich wanderte dem Lied der Vögel nach; Auf schmalen Wegen über Wurzeln weg Schritt ich und strauchelte doch nie; es war Im Gehn ein Schweben. – Eine Stimme sang Ganz leise in mir: Siehe, heute noch Bist du zu Hause ... Immer grüner ward Es rings um mich, und alles fiel von mir, Das mich bebürdet. Und der Welt Geräusch Verhallte hinter mir. Die Vögel selbst Verstummten. Nur das leise Wipfelwehn Umrauschte mich: dies süße Schlummerlied Der großen Stille, das die Träume ruft, Die samtenen Nachtfalter: braun und schwarz Mit goldenen Fühlern, die wie Palmen sind Aus seidenen Rispen, und mit blinden Augen, Die mehr erblicken, als jemals der Tag In seiner harten Grelle zeigt ... Da stand Ein kleines Schloß an einem Teich vor mir. Drei große schwarze Schwäne glitten sanft Auf seinem Spiegel, drauf der Abendschein Gelb lag gleich einem welken Rosenblatt. Das Schloß war ganz aus ametystnem Quarz, Violenblau, goldäderig, gebaut; Die Türen bronzen, grünlich-schwarz: als Schild Das Bild der Sonne drauf: Ihr Bild, die mich (Ich fühlt es nun) in diesen Zauber rief. –: Wo bist du? sagt ich leise vor mich hin. –: Lädst du mich ein in unser Glück, das wir, In unsrer Herzen Gleichklang wortelos Uns ganz verstehend, Tag für Tag Aufrecht im Glauben suchen: niemals ganz Verzagend, ob auch manches Mal Im Düster irrend: – hast du mir erbaut Dies Schloß aus hellem Gold und Veilchenblau? – Da taten sich die Bronzeflügel auf, Den Sonnenschild zerteilend, und Sie stand: Minerva mit dem Speere, im Geviert Des hohen Eingangs, aber lächelnd wie Die Liebesgöttin und die Mutter Gottes da: Und ihre Blicke überstrahlten mich Wie aller Menschenliebe Inbegriff. Schöner Herbst (Lermoos 1907) Klar, kräftig, edler Wonnen voll ist dieser Herbst: Ein stilles Fest für mich der späten Reifezeit. Leer ist das Kornfeld, und die weite Wiese trifft Der zweite Schnitt. Pan träumt nicht mehr im Rosenbusch. Auf keinem schwanken Blütenaste schaukelt sich Eros, der falterflügelige, leichte: still, Doch munter lächelnd sitzt er auf dem Apfelbaum Und reicht mir liebenswürdig Frucht auf Frucht. Ihm ist Sehr wohl in diesem Herbst. – Wie mir. – Jetzt ist Halkyone Die heitre Erde. Höher, blauer wölbt sich nun Der klare Himmel. Keine Schwüle mehr bewegt Die herbstlich fein gewordne Luft mit zitterndem Gewelle sommerlicher Glut, die jedem Ding Den scharfen Umriß raubte; klar, fest, rein Und ruhig konturiert sich nun die reife Welt. Doch bald, ich weiß es, füllt der Herbst mit Farben aus, Mit brünstig satteren, als sie der Sommer sah, Die klare Zeichnung dieses ruhesamen Glücks. Es kommen tragisch Flammen rot und gelb. Und braun Kommt heldisch großes Pathos. Tiefste Leidenschaft Kommt in das ruheschöne Bild: In Purpur geht Medea Sonne, geht das Leben in die Nacht. Die Reise ohne Fahrplan In diese rätselhafte Welt Sind wir alle als Rätsel gestellt; Bilden Charaden. Wer sucht den Sinn, wer findet Verstand In diesem wimmelnden Allerhand? Wer kann uns erraten? Wir selber? Kaum. Wir tauschen nichts als Zeichen, Andeutungen geheimnisvoller Art; Ziehn uns Signale auf und stellen Weichen, Daß keiner stören mag des andern Fahrt, Die ach auf sträflich unsoliden Speichen Uns an ein Loch führt, keinem noch erspart: An den bekannten Tunneleingang, der, Wenn wir es könnten, längst vermauert wär. Vielleicht studiert ein Gott das wirre Wesen, Wie ein Professor dies und das studiert: Bakterien, unters Mikroskop gelesen; Zahlenkolumnen, mächtig aufmarschiert; Vokabeln eines Dichters; welche Spesen, Im Haushalt der Natur die Kraft summiert. Wer weiß, was einen Gott dran interessiert, – Bis er, gelangweilt, mit dem Sturmesbesen Das rätselhafte Zeug beiseite wischt: Daß Laus wie Elefant zugleich verschwinden, Die ganze Weltgeschichte Kehricht ist, Napoleon nicht und Goethe mehr zu finden Im großen schwarzen Weltentintengischt, Durch das die Zeit sich ruhig weiter frißt. Doch kanns auch sein: Es kennt die Hieroglyphen Der Irgendwer, der diese Rätsel schrieb, Die nebenbei auch uns ins Leben riefen. Wer weiß, vielleicht sind wir ihm wirklich lieb, Und, was uns weh tut, jeder Schicksalshieb, Will uns, prost Mahlzeit, will uns bloß vertiefen. Es kann ja sein. Was kann nicht sein auf Erden? Wir können in der Tat noch alle Engel werden. Weiß Gott: Gott weiß es! Unser ist allein Die Pflicht, ihm ein gefüger Stoff zu sein, Auf daß uns selbst die wunderliche Erde Kein Nadelkissen oder Kantenstein, Sondern ein Garten voller Früchte werde. Und geht es dann ins Tunnelloch hinein, Soll wenigstens die Lebewohlgebärde Den weiter Rätselnden kein schlechter Anblick sein. Einer, die schwer weint Ja ... ja ... so ...! Ja ... ja ... so ...! Laß die Tränen laufen! Weinen macht den Wehen froh, Wie ein Kind. Weine nur! So ... So ... so ... so ...! Aus den Tränentraufen Tropft das Unreine, Das dich beschwert: Seelensatz, trübe Neige, ungeklärt. Weine, weine, Weine dich rein! In dir darf nichts Trübes sein. Prolog zur Jobsiade Wie der Verfasser der Jobsiade Lebte und meinte, und was er tate, Steht im Meyer und im Brockhaus Gründlich, ausführlich und durchaus. Auch ist vollkommen klein schon gespalten, Was man von seinem Humore muß halten, Und was von seiner Knittelei Quoad Ästhetik zu meinen sei. Darüber legten so Bartels wie Meyer Entzückend ovale kritische Eier, Und übrigens liebt das Publikum Hundert Jahre und länger Hieronimum. Bin also einigermaßen verlegen, Was ich noch soll für Eier legen. Bei allem Drücken und aller Qual Wird schließlich meins auch bloß oval. Seis drum: ich legs. Gleich andern wackern Kritischen Hennen kann ich auch gackern, Und, legt mein Ei man in Kortums Sol, Findt mans auch schließlich gesalzen wohl. Und so beginn ich denn unverweilen Das Allerwichtigste mitzuteilen: Karl Arnold Kortum, Doktor der Medizin war nebenbei bloß Poet. Denn er hielte nicht wenig auf seinen Magen Und meinte, das Hungertüchernagen Sei weder gesund, noch angenehm; Drum dichtete er bloß außerdem. Und legte sich fleißig aufs Krankekurieren, Oper-, Purg-, Ordin- und Medizinieren, Weshalb ihm die Ärzte in Bochum zuletzt Und nicht die Poeten ein Denkmal gesetzt. Doch ist es gewiß, daß von seinen Rezepten Ihn keine, doch Verse viel überlebten. Das Rezipe schuf den Bauch ihm breit, Der Pegasus wiehert Unsterblichkeit. Sonst ist nicht viel von ihm zu berichten. Was tat er denn Großes? Heilen und dichten. Er war kein Heiliger und kein Held, Hat nirgends nichts, krach, auf den Kopf gestellt. Lebte bloß so mit seinen Talenten, Medikamenten und Instrumenten Unscheinbar dahin zu Bochum der Stadt, Die jetzt mehr als damals Einwohner hat. Es gab da noch keine Metallgießereien, Doch hörte man zahlreiche Vierfüßler schreien; An Stelle der Gußstahlindustrie Prädominierte das nützliche Vieh. Das fand schon auf der Straße sein Futter, Revanchierte sich fleißig mit Milch und Butter Und gab am Ende, wenns leider tot, Das Material zum Boeuf à la mode. Doch war man wenig auf Fleisch versessen, Hat lieber Gemüse und Brot gegessen, Stand nur der Wippap in der Näh, Das ist der Kessel voll dünnem Kaffee. Aus diesem Grunde (meint Doktor Kortum) Ging selten gefährliche Kränke dort um. Item: man war nicht üppig bei Kost, Auch hatte das Städtchen keine fahrende Post. Auch das war dem Wohlsein kaum gegenteilig; Man wird nervös, hat man es eilig. Von Kortums Patienten klagte nie Ein einziger über Neurasthenie. Wie aber will bei solchen Umständen Ein geistreicher Arzt seine Zeit verwenden? Entweder: er säuft (und das ist gemein), Oder: es fallen ihm Verse ein. O Spiritus! Von allen Produkten Der Gärung von Lissabon bis Mukden Bist du das stärkste. Von Pol zu Pol Rühmen die Völker den Alkohol. Es tranken die Griechen, Römer, Hebräer, (Makkabä-, Mannichä-, Sadduzäer), Und auch beim Turmbau zu Babylon Tranken so Maurer wie Zimmerer schon. Am Euphrat, am Tigris, am Ganges, am Nile, In Mexiko, Mecklenburg, Lobenstein, Chile, Auf dem Himalaya, der Jungfrau, selbst auf dem Popo- Katepetl war immer des Trunkes man froh. Engländer und Russen, Sachs-, Preußen, Franzosen, Worin sind sie einig? In Spirituosen; Man bechert von Potschappel bis Paris Und denkt nicht an Rheuma und Nierengries. Doch Kortum war Arzt, und er wußte: die Schnäpse Haben zur Folge verschiedene Kolläpse, Und auch nach zu vielem Bier und Wein Stellt sich allzugern allerhand Kränkliches ein. Viel ungefährlicher ist das Skandieren; Man kann dabei höchstens den Verstand verlieren, Und das auch nur dann, wenn man sowieso Nicht ganz grundfest ist im Kapitolio. Im ganzen ist der Verkehr mit den Musen Vorzuziehen dem mit Spiritussen, Wenn man, wie sichs am Rand versteht, Dabei nicht gleich bis zum Laster geht. Das wußte Karl Arnold. Er trieb es mit Maßen Und scherzte blos mit den himmlischen Basen! Griff sie, wo sie weich sind, nahm sie aufs Knie, Aber Débauchen beging er nie. Doch eins, ja, das: Er hatte ne Neigung Zu nicht immer ganz sänftlicher Liebesbezeigung, Zerknüllte gerne Röckchen sowohl wie Frisur, – Kurz, er machte den Musen handgreiflich die Cour. Da rutschte manch Schleifchen, zerriß manche Spitze, Man sah auch manchmal dabei in der Hitze Ein nackigtes Stückchen an Stellen, wo Es weder damals noch heut comme il faut. Doch das war am Ende nicht weiter bedenklich, Die Madames waren damals recht leicht einhenklich, Denn mit der Moral stands leider bös. Das achtzehnte Jahrhundert war amourös. Dagegen war eins nicht à la mode In dieser mehr zierlichen Zeitperiode, Was Doktor Kortum gar sehr behagt: Er hat gerne alles graderaus gesagt. Er war nicht fürs Wortepomadisieren, Und, mochte Euterpchen sich noch so sehr zieren, Er brachte ihr ungeniert Ausdrücke bei, Als ob sie in Bochum geboren sei. »Komm, Phyllis, zu wallen im Lustparadiese!« Unsinn: Komm Grete, geh mit auf die Wiese. »O siehe, wie Luna die Lilien küßt!« Unsinn: Komm raus, weils Vollmond ist. Und, wie er kein Freund war vom Phrasenscherwenzeln, So liebte er wenig das zierliche Tänzeln In höfischen Formen, galant und kokett; Er war mehr fürn Hopser, als fürs Menuett. Nach Flöte und Geige gefällig zu schleifen War nicht seine Sache, die Dudelsackpfeifen Gaben seinem Gestampfe den holprigen Takt, Wenn er Fräulein Euterpen hat hüftlings gepackt. Doch das sind schließlich bloß Äußerlichkeiten. Den Pegasus kann man verschiedentlich reiten: Im spanischen Tritt und im Bauerngalopp, Der Sitz macht den Reiter, nicht Trab oder Hopp. Und das wird man Kortumen nachsagen müssen: Sein struppiger Gaul hat nicht ab ihn geschmissen, Wie sehr auch manchmal ausschlug das Beest, Doktor Kortum ist immer oben gewest. Ihm machten Vergnügen die wilden Kapriolen, Hat sich in Freiheit dressiert das Dichterfohlen Just grade auf Quersprung und Zuckeltrott. Gefolgt hats doch seinem Hüh und Hott. Mir scheint, als ob man nicht ganz nach Verdienste Schätzte des Jobsdoktors Reiterkünste. Sie sehen ja aus, als obs gar nichts wär, Und doch ist diese Art Zotteln schwer. Er glaubte Hans Sachsen nachzuspotten Mit seinem stolpernden, holpernden Trotten. Doch hat er dem nichts am Zeuge geflickt; Der Schuster ritt anders und sehr geschickt. Hansens Verse sind gar nicht komisch und holprig; Nur auf dem Papiere macht es sich stolprig; Gelesen sind sie schmiegsam wie Wachs. Respekt vor dem Versemeister Hans Sachs! Respekt aber auch vor dem Knitteler Kortum! Er führte herbei manchen Versabortum Und meinte, das wäre bloß Travestie. War aber mehr. War Harmonie Im Disharmonischen, war ein Treffer Im komischen Stile. Kein Nachäffer War unser Doktor, war originell. Drum saß im Ohre sein Ton so schnell. Weil ihm nicht weniger als Hans Sachsen Ein eigener Schnabel zum Singen war gewachsen, Weil er nicht sang, wie jedermann sung: Das brachte sein Lied so rasch in Schwung. Er war, um zu reden mit Liliencronen, Ein Neutöner in den sterilen Zonen Des deutschen komischen Heldengedichts, Schuf seine Manier sich aus dem Nichts. Sonst wäre trotz all seinem Geist und Humore Hieronimus Jobs nicht durch so viele Tore Jahrzehnt auf Jahrzehnt geschritten bis heut, Da die »Insel« ihn nagelneu alt herbeut. Mehr wüßte ich eigentlich nicht zu sagen, Denn reichlich unnütz scheint mir das Fragen, Ob niedrig, ob hoch die Gattung sei Dieser Art komischen Poesei. Ich behaupte getrost: der Jobs ist klassisch, Sei er bloß bochumsch oder parnassisch. Was sich unmariniert so lange frisch erhält, Sei, ob es auch klein, neben Großes gestellt. Doch eins noch, das: Es geht das Gerede, Die zwei Fortsetzungen, alle beede, Seien durchaus vom Überfluß; Tot hätte solln bleiben Hieronimus. Dann hätte das Kunstwerk seine Rundheit Bewahrt und streng ästhetische Gesundheit, Indessen jetzt Teil zwei und drei Nichts weiter als schädliche Wucherung sei. O Gott, ihr Herren vom kritischen Knaster, Laßt ihr nicht endlich mal ab von dem Laster, Immer nur Warzen und Auswuchs zu sehn, Wo die Triebe der Kraft etwas üppiger stehn? Ich dächte, wir haben uns nicht zu beklagen, Daß Hieronimus auferstand aus dem Schragen, Denn so der zweite wie dritte Teil Bereiten uns gar keine Langeweil. Ich möchte sie beide durchaus nicht missen Und bin sehr glücklich, aus ihnen zu wissen, Daß Doktor Kortum noch allerhand Außer dem scharfen Schinden verstand. Zum Beispiel: Ein Mädchen zu malen wie Esther. Ich wünschte, ich hätte so eine Schwester. Wobei ich gar nicht böse wär, Würde der Baron dann mein Schwageer. Auch muß ich gestehen: Wie der Nachtwächter, Gefällt mir der Pastor Jobs. Kein schlechter Zug scheint mir auch das zu sein, Daß er begraben sein will beim Amalein; Obwohl die, wie wir es deutlich lesen, Durchaus kein Tugendausbund gewesen. Fehlte das, käm mir des Doktors Humor Beträchtlich weniger süße vor. Ja, ich bekenne: die Fortsetzungen Haben mich immer erst ganz bezwungen, Weil ich daraus mit Freuden erfuhr: Karl Arnold hatte nicht Schärfe nur. Er war ein Poet auch aus dem Herzen, Er konnte auch ohne Höllenstein scherzen. Der rasse Wein wird mählich mild, Der schroffe Schnitt wird zum runden Bild. Und keiner kann sagen: die Sache wird soßig, Der Witz wird schal, der Humor wird klosig. Es geht nur, wie es im Leben geht: Der Gang wird ruhig, beschaulich, stät. Was der Dichter mit splitternden Hieben begonnen, Hat schließlich das Ansehn von Schnitzwerk gewonnen; Die harte Kontur kriegt weicheren Schwung. Beschere Gott jedem solche Fortsetzung! Schneelied zu Weihnachten Du trittst mich, singt der Schnee, Mir aber tuts nicht weh: Ich knirsche nicht, ich singe; Dein Fuß ist wie der Bogenstrich, Daß meine Seele klinge. Hör und verstehe mich –: Getreten singe ich, Und nichts als frohe Dinge. Denn, die getreten sind, Wissen, es kam ein Kind, Gar sehr geringe, In einem Stall zur Welt: Das hat sein Herz wie ein leuchtendes Licht In große Finsternis gestellt. Es wurde zerschlagen. Verloschen ists nicht. Egomet quidem Nierenkrank; nervös; herzleidend; Korpulent; libidinos; rhachitisch; Nikotinisiert; theeïnvergiftet; Ohne irgendwelches Bankguthaben; Religionslos; unbeamtet; ohne Titel; Unstät, hier bald, dort bald, nirgendwo zu Hause; Egomet quidem. Aber: Nieren, Nerven, Herz: den ganzen Kadaver, Alles Trübe, Giftige, Kummerträchtige, Alles Gemeine gerne und leicht vergessend, Angerührt vom Genius des Augenblickes: Stolz dann, frei dann, Grandseigneur und heiter, Dionysisch fromm mit allen Göttern Auf vertrautestem Fuße; allen Teufeln Kennermäßig tolerant leutselig Zugetan wie alten treuen Dienern Und verliebt in alles Menschliche: Egomet quidem. Pro domo Als ich jung war, wenn ich durch Wiesen ging: Ach, wie leicht ich damals bunte Verse fing! Und zur Muse ward mir jedes hübsche Ding. Denn ich bin rechtschaffen jung gewesen. Drum war der Jugend, was ich schrieb, Aus dem eignen Herzen geschrieben und lieb, Und das junge Volk hat mich gern gelesen. Nun aber heißt es: ich soll so bleiben, Immer mit grüner Tinte schreiben, Immer Halli und immer Hallo. Liebe Leute: Das geht nicht so. Man jagt mit vierzig Jahresringen Wohl nicht mehr gern nach Schmetterlingen, Denn manches hat man in reiferen Jahren Sowohl von Welt als Kunst erfahren, Das einen jetzt schöner und wichtiger deucht Als Buntes, das um Buntes fleucht. Mit ruhiger Seele das zu erfassen, In ruhiger Form das leuchten zu lassen, Dahin geht nun meiner Kunst Begehren, Davon wird mich niemand wegbekehren. Denn immer, was und wie ich sang: Ich folgte immer meinem Drang. Wär sonst auch lieber Schuster geworden, Als Bruder im Sankt Apollo-Orden! Und immer mehr erkenn ich dies Und immer mehr erkenn ich dies: das Leben Ist Eins; wir alle sind nur Glieder Gottes, Des Ungeheuren, so, wie Magen, Lung und Nieren Einander fremd, doch Glieder sind des Leibes. Wir kennen uns einander nicht und sind Doch Eines Wesens, sind uns fremd und gleich, Und aller Haß ist Torheit, alle Angst Ist Wahn, ja selbst der Schmerz ist nicht der Träne wert. Und Tod? Was ist der Tod? Es fällt ein Haar Vom Haupte Gottes, – weniger noch: ein Sämlein wirbelt Ins Nichts. Und gehts verloren? Nein. Wie könnt es denn? Wer weiß, wohin wir fallen! Sicherlich Aufs neu ins Göttliche. – Ach, laßt die Angst! Was gehn uns Gottes Sorgen an? Doch dies Ist wieder Torheit. Gott ist so wie wir Und kümmert sich gewiß nicht, sondern lebt, Lebt, lebt und stirbt in Größeres noch, Wenn seiner Kräfte Maß vergossen ist. Angelika, die röselrote Angelika, die röselrote, hängt Auf dunklem Efeu ruhend über die Terrasse Verlangend nieder zu dem Rosenbusch Mit seinen gelben Blüten, die im Winde Leis auf und nieder gehn, wie zärtliche Gedanken Im Herzen eines Mädchens, das halb träumt, Halb wacht. – Schwarz, wie ein Trotz aus alter Zeit, Wächst die Badia aus dem Silbergrau Des sanften Ölbaumhügels. Hinter mir Babbelt ein Bettler seinen leeren Spruch Vom Paradiese, Jesus, Seligkeit Und hält den alten Hut mir zitternd hin: Ein altes Kind, rotnasig: lächerlich Und rührend. Zehn Centesimi erhöhn Ihm seine Lebensfreude sichtbarlich. – Die Sonne brennt. Fräulein Angelika Sehnt sich noch immer nach den roten Rosen. Zwei Lodenröcke sächseln mir vorbei. Hier ist gut ausruhn. Hier vergißt sich schnell, Was, ach, im Norden überlästig wird Und klettenklammrig lange kleben bleibt: Der Geist der Schwere. Satanas, der Sorgen Schieläugiger König, mit dem Peitschenstiel In haariger Faust, entweicht, den Schwanz verklemmt, Und wird in San Domenico zum Vetturino, Der dich: »Signor, vuole? Due Lire Fin al Firenze!« bloß ein bißchen langweilt. Toskanisches Mädchenlied Rosmarin, Rosmarin, Blasser, blauer Rosmarin In meinem Garten steht, o seht, In meinem Garten steht. Leicht ist er zu schaun, Steht gleich am Zaun, Mit Blüten übersät, Daß, wenn mein Liebster vorübergeht, Der Busch für ihn ein Zeichen wär, Wie süß, wie sehr, Wie hold, wie schwer Für ihn, für ihn Mein Herz die liebe Liebe trägt, Gleichwie seine Blüten der Rosmarin. Mein Herz, das Nest aus lauter Lindigkeit, Das ihn allein behegt, Mein Herz, das Nest, in dem die Nachtigall Der Liebe lockend schlägt, Gebenedeit In Heimlichkeit Mit lautem Wonneschall, Und leisem Wehewiderhall, Wie gestern, so heut Und morgen und weit, Weit weg über Wochen und Jahre, Von Frühlings- bis zur Winterszeit, Amen, mein Herz, Amen, In alle Ewigkeit. Blätter aus Fiesole (Meiner Frau unters Kopfkissen gesteckt im Winter 1907/08) 1. Über die Zypressenwipfel wandert der Mond. Die Blätter des Ölbaums glänzen von seinem Lichte: Sanftes Silber. Dem Hauch der Nacht verschlossen sich die Rosen Und leuchten nun wie Kugeln alten Goldes Aus schwarzem Laube. An diesem Hange hütete die Ziegen Der Hirtenknabe Giotto einst. Ich höre Der reinsten Liebe: Der Liebe Mozarts süße, tiefe Weise: Daß ich mit Rosen kränze dein Haupt ..., Madonna Gemma. 2. Zypressenholz und Lorbeerzweige Verknistern im Kamine. Duft Von glimmenden Pinienäpfeln zieht in Hellblauen Streifen durch die Luft. Die offene Türe läßt vom Garten Den kühlen Hauch der Nacht herein. Es rascheln die Magnolienblätter Und blinken matt im Mondenschein. Mein Tisch ist gelb vom Licht der Lampe; Ihr gruner Seidenschleier hält Das Zimmer mir im halben Dunkel. Oh: wollustvoll ist meine Welt. 3. Vier adlige Freundinnen nenne ich mein, Obwohl ich selbst nicht adelig bin. Sie sind von edelster Abkunft, rein Durchaus von Geblüte, Voller Treue und Güte, Und gehen mit Grazie durchs Leben hin. Sie lieben die Jagd, sie lieben das Spiel Und sind zuweilen sehr verliebt. Von Arbeit halten sie nicht viel. Zumal es für Damen Aus edlem Samen Keine standesgemäße Arbeit gibt. Gefällts mir, zu wandern, gleich sind sie dabei, Und, allem Anschein nach, sehr gern. Doch legen sie Wert darauf, daß frei Ihr Promenieren, Daß kein Genieren Beim Wandern sie stört mit ihrem Herrn. Denn, sonderbar, wirklich, ich bin ihr Herr, Obwohl sie edler sind als ich, Viel schöner und wohlgeborener. So ist das Leben: Die Bessern geben Zuweilen den Schlechtern als Diener sich. Drei Schwestern sind es und ihre Mama. Die ist Respektsperson und so Vollkommen, wie ich keine sah. Ganz élégance, Stets contenance, Madame Wiwwi ist comme il faut. Den Fräuleins fehlt wohl die Würde noch Sie sind auch noch zu jung dazu. Die Luna kriecht in jedes Loch, Die schlanke Brille Hält niemals stille, Und Thisbe läßt keine Katze in Ruh. Was schadets, wenn man so schön ist wie sie, So liebenswürdig, lustig, fein. Ich weiß gewiß, ich treffe nie Nochmal so viere, Es mögen nun Tiere, Oder, salva venia, Menschen sein. 4. Zwölf Uhr: heilige Nacht. Wie ein Gesumme Von Bienen klingt das Läuten der hundert Glocken In meine Gartenstille aus Florenz herauf. Nun knien im ungeheuren Dome dort Die Betenden, und unter der Kuppel hebt Die ringgeschmückte Hand der Erzbischof Zum Weihnachtssegen. Gloria in excelsis! Und Pax vobiscum! Te laudamus, Domine! Mir hat der Himmel einen Weihnachtsbaum Aus ungezählten Sternen angezündet. Wo müßten heute die drei Könige hin, Wenn sie den Sternen folgen wollten! Wohl! Dies sei mir Omen: überall gebiert Die Liebe Geist und Kraft und Herrlichkeit. Den Frieden aber hab ich in mir selbst, Seitdem ich weiß, daß keine Liebe ihn: Daß ihn die Kraft verbürgt, die sich erkennt Und ohne Furcht den Weg zur Treue geht: Zum tätigen Selbst, das, wenn es sein muß, froh Das Schwert gebraucht. Nichts ist so friedestark, Als Selbstgefühl im Kampf. Friedlos ist nur, Wer Fratzen fürchtet und um Freundschaft buhlt, Wo Feindschaft vorbestimmt und Wonne ist. 5. Täglich fahr ich mit Pietro, Meinem wohlbeleibten Kutscher (Und mit seinem Pferdchen Palle, Welches auch nicht mager ist), Täglich nachmittags um dreie Fahr ich auf der alten Straße, Die sehr steil ist und sehr holprig, Erst nach San Domenico Und sodann, vorbei der Villa, Wo Herr Dante einst verliebt war, Zwischen hohen Gartenmauern Nach Florenz. Dort trink ich Tee. »Wie? Und der Palazzo Pitti? Accademia? Uffizien? Bibliotheca Laurenziana? Hast du nicht nach Schönheit Durst?« Oh ja. Aber für Museen Bin ich selten nur in Stimmung; Denn es sind Konservenbüchsen; Ihre Schönheit schmeckt nach Blech. »Wie? Die himmlische Tribuna? Alessandro Botticelli? Cimabue? Donatello?« Alle schmecken dort nach Blech. Lieber wandre ich durch dunkle Kirchen mit dem Operngucker Und verrenke Hals und Kopf mir Nach der dort verstecken Kunst. Da nur wirkt sie noch ins Leben, Thront sie noch auf ihrem Throne, Frei, gebietend, nicht gefangen: Atmet aus und atmet ein. Denn ein Kunstwerk braucht den Atem, Braucht die Luft des tätigen Lebens; Seine Schönheit wird zum Schemen, Sperrt man sie vom Leben ab. Stünde David noch im Freien, Dort, wohin ihn schuf sein Schöpfer, Wohl, er wäre nicht so glänzend Weiß wie jetzt und »fast wie neu«, Aber, grau vielleicht und rissig, Mitgenommen von Frost und Feuchte, Leidend, wie das Leben immer Leiden muß, um ganz zu sein: Stünd er heldenhaft lebendig, Sterbend stünd er noch lebendiger, Herrlicher, strahlender da, als jetzt im Abgemessenen Oberlicht. »Und verdürbe.« Freilich. Alles Leben muß einmal verderben. Aber leben soll es, leben: Wirklich leben, bis es stirbt. Denkt nicht immer an die Enkel! Denkt an euch, wie jene taten, Die ihr Leben sich verklärten, Bildner ihrer Gegenwart. Dann erst hättet ihr ein Recht, sie In die heiligen Leichenkammern Eurer Pietät zu stecken, Brauchtet ihr für Eignes Platz. Doch genug. Ich geh zu Gilli, Trinke Tee und esse Kuchen. Leider bin ich manchmal schwach und Lese Zeitungen dazu. Heiliger Marsyas! Noch immer, Simson Deutschland, sind Philister, Ach, und was für eine Sorte (Frech und bieder), über dir. Deine Delila heißt Wohlstand. Üppigst hast du zugenommen. Wohl bekommt dein Fett dem Bauche, Doch dem Hirn bekommt es schlecht. Und der Seele, ach, der edlen Deutschen Seele fehlts am Raume, Scheint es, in dem kolossalen Korpus, der ganz Masse ist. Bocke, bocke nicht, Trochäus! Jetzo mußt du Zahlen buckeln. Schwer fällt wohl dabei das Tanzen, Doch dein Kriechen kündet Ruhm: Seit dem Jahre achtzehnhundert- Achtzig stieg von einunddreißig Teilen unser Kohlenkonsum Bis auf hundert heut. Respekt! Der Verbrauch von Weizen hat sich In derselben Zeit verdoppelt. Apfelsinen ißt man ditto Doppelt mehr als dazumal. Und nun gar der Heckepfennig, Symbolum des höheren Lebens, Hat um zweiundachtzig Hundert- Teile löblich sich vermehrt. Simson! Simson! Wahr die Haare! Delilachen liebt die Glatzen! Selbst die Haare auf den Zähnen Küßt sie, fürcht ich, dir noch weg. Schon hast du das Byzantinern Allzurasch gelernt, schon zieht dein Bauch dich tiefer auf die Erde, Als es Ehrerbietung heischt. Treibe andere Gymnastik, Als nach vorn die Rückenbeuge! Steige, Simson, wie du stiegst, als Michel Deutsch noch mager war! Cameriere! Cameriere! »Subito!« – Pagare! – »Grazie!« So. Jetzt geh ich zum Lungarno, Schöne Damen anzusehn. Warum nicht? Ich kanns vergnüglich, Denn ich habe eine schönre. Treue ist für den kein Kunststück, Der bei jedem Tausch verliert. Ah, die Gräfin Montignoso! Na, so, so. Da: die Geliebte Des viel schönren Gabriele. (»Rübchen« heißt er eigentlich.) Nun, nicht übel: Rasse, Feuer, Gertenbiegsam, große Augen, Wie sie für die weite Bühnen- Perspektive nützlich sind. Dort: Amerika. Das ist nun Nicht mein Fall. Protzt Hygiene. Resultat der Speisekarte. Wenig Anmut, viel Effekt. England. Aoh! Noch immer schwärmt die Miß für »ihren« Botticelli. Engelhaft und englisch gibt ein Wunderliches Mischprodukt. Endlich kommt, der ich schon lange Aufgelauert habe, kommt die Große Modekurtisane, Die Bellezza von Florenz. La Signora Millelire Heißt man sie. Des zum Beweise Trägt sie eine Perlenkette, Die gewiß nicht billig ist. Sonst: Ich danke. Bloß Bellezza. Ansichtskarten-Schönheitstypus; Gut genug für jene Beutel, Die voll mille lire sind. Aber nun: Oh teure Heimat! Kommt da nicht das süße Gretchen, Das, weils seinen Hans gefunden, Schleunigst nach Florenz gemußt? Ja, sie kommt, und ja, sie lächelt, Ja, sie ist ganz hin vor Selig- Keit und großem Glücke, weil sie Wirklich in Italien ist. Spotte nicht, verruchter Knabe! Laß ihr auch das jugendstilig Künstlerich empfundne, aber Praktische Reformkostüm. Ist sie trotzdem nicht recht niedlich? Frage dich: wie viele solche Mündchen, Äugelchen und Näschen Haben ehmals dich entflammt? Außerdem: »Frühlings Erwachen« Hat auch diese tief begriffen, Und sie ist durchaus kein Gretchen Wie das alte Gretchen mehr. Neue Jugend! – »Jugend«! Präge Tief es dir in dein Gemüte: Von der alten »Gartenlaube« Sind wir absolut befreit. Auf, und greife in die Harfe! Unser Gretchen ist verwandelt, Unser Gretchen ist ästhetisch, Unser Gretchen ist modern. Sieh, sie geht in einen Laden, Wo man schöne Marmorsachen Billig kauft. Nun: was erstand sie? Ha! Ein nacktes Frauenbild! Schlag die Harfe! Schlag die Harfe! Denn Germania ist gerettet. Zwar: sie kaufte einen Kitsch, doch, Heil, es war ein nackter Kitsch! Vetturino! »Sissignore«. Nach Fiesole! – Die Gäulchen Brauchen Gott sei Dank zwei Stunden, Bis ich wieder oben bin. Denn es ist ein schönes Fahren, Langsam, langsam, bis zur Höhe. Unten liegt, wie eine Muschel, Rosafleischig überhaucht, Traumhaft, wesenlos, ein sanftes, Zages Blinken, liegt phantomisch Diese Stadt der alten, edlen Phrasenfeindlichen Kultur. 6. Die Löwenmaske aus schwarzem Granit, Die du mir heute geschenkt hast, Mißbrauch ich zum Tintenfaß. Ehemals spie sie, Es sind gewiß vier Jahrhunderte her (Weshalb Marzocco nicht mehr ganz komplett ist), Aus diesem rundgeöffneten Maule Wasser, wer weiß wo, in ein weißes Becken. Das stand gewiß in einem schönen Garten, Und manchmal kam Madonna Gemma Und hielt die weißen, heißen Hände unter Und summte sich ein Lied zum Zeitvertreib: ... Im Lorbeerbaum hat die Amsel ihr Nest, – Singe, Verliebte, singe – Ich weiß ein Herz, das mich nie verläßt ... Nun ist der schwarze Löwenkopf Voll schwarzer Tinte, und kein Lied Erfreut ihn mehr aus schönem Mund. Aber: Wenn er gut hinsieht mit seinen zwei schiefen, Dreieckigen Augen, kann er lesen, Was für untoskanische Verse ein Deutscher Für die allerschönste Toskanerin macht. 7. In Monte Cassino sagte mir einmal Ein feiner Benediktiner: Ihr Deutschen Hättet nie aufhören sollen, katholisch Zu sein. Ich machte die schönste meiner Verbeugungen und fragte: Warum? Mein Herr! entgegnete er, ihr Deutschen seid Romantiker, Schwärmer im Grunde des Herzens. Ich sah euern Kaiser. Ich sprach ihn. Dio mio! Niemals noch hörte ich so ritterlich reden Vom heiligen Benedikt und seiner Inbrunst In diesen Gewölben: vom Kreuz; vom Licht Des Glaubens und der Liebe; von der Wonne, Ein Christ zu sein. Das nennen Sie Romantik? fragte ich. Er lächelte Und sprach: Bei euch. Ihr sprecht von diesen großen Dingen, Die uns zwar heilig, doch gewissermaßen Gewöhnlich sind, so, wie die Dichter von Geliebten sprechen, Die sie verloren haben: Mit banger Zärtlichkeit, erinnerungsbeglückt, Scheu hoffend, kummervoll und träumerisch. Wie Männer von der ersten Liebe reden, Die sie verstoßen haben, redet ihr, Dem Anschein nach nicht glücklich in der Ehe, Die euch »Vernunft« gebot, von den Geheimnissen Des wahren Glaubens. Was schließen Sie daraus? war meine Frage nun. Er sprach: Was ich schon sagte: Euer deutsches Herz Ist grundkatholisch. Jener Wittenberger, Oh, daß er Papst geworden wäre! Glauben Sie Es einem, der den Doktor Martin kennt: Ein großer Papst ging, ach, mit ihm verloren. Ich war der Gast des heiligen Benedikt und schwieg. Doch revidiert ich in der Nacht mein deutsches Herz und fand Es zwar romantisch und voll Schwärmerei, Doch weder protestantisch noch katholisch. Christus war drin, doch Aphrodite auch. Ich fand den heiligen Franz, fand Luther, fand Sogar ein Stückchen Herrenhut: doch das Lag alles tief im Schatten. Hell stand, hoch, Gehämmertes Gold, der stolze Eremit Von Sils-Maria. 8. Glauben ist Kleben, Zweifeln ist Schweben, Schaffen ist Leben: Fest und bewegt. Glauben verzichtet, Zweifeln vernichtet, Schaffen errichtet Leben: erregt. 9. Hier ist das edelste Werk getan Allerlebendigster Kunst: hier ist Kunst und Natur ganz eins. Nichts verlor die Natur an die Kunst auf diesen Terrassen, Die sich ihr fügten, indem sie sie edel Faßten: Steine aus deinem Kern, Fels von Fiesole. Feld und Garten ist eins: es schlingt, Wachsend aus gleicher Furche mit ihm Zwischen den üppigsten Halmen des Korns, Wolluststark sich die Rebe empor, Keine Räuberin: Geliebte, Hoch in den Ölbaum. Alles umarmt sich hier: Rose den Lorbeerbaum, Efeu die Eiche, die Nie ihr Blatt verliert. Engelwurz flicht sich sanft, Liebevoll, Schmuck, ins Grün Steiler, schwarzer Zypressen. Es hängt, Gleich einem riesigen Bacchusgelock, Blau der Glyzine Blütentraube Schwer vom Säulengebälk der Villa. Iris und Tulpen säumen das Garten-Feld; Überall Sterne und Glocken im Gras, Seltsame, feurige: namenlos Nordischer Zunge. Nichts scheint wild hier; alles ist Zucht; Aber es ist die edelste Freiheit. Dienerin wurde Natur dem Geiste, Der aus ihrem Geist regiert. Hier erkannt ich die Kraft Und die herrliche Ewigkeit, Hellas und Rom, des Sinns Eurer Zeiten: hier Lebt noch die Herrscherin Kunst, die alles Bindet und hebt und verklärt und den Menschen Wirklich zum Herren der Erde macht. Mondmüde Der Mond, die große grelle Diebslaterne, Der silberne Totenschädel der Nacht: Der Mond, Ein abgewetzter Knopf am schwarzen Schlafrock Des lieben Gottes, dessen Kredit so sank, Daß er sich keinen neuen leisten kann: Der Mond, das lächerlichste aller Requisiten Im lyrischen Kasperletheater, scheint So niederträchtig hell heut, naseweis, Aufdringlich und fürwitzig, daß ich ihm Noch einen Schelmennamen geben muß: Ohrfeigengesicht des Himmels. – Dies getan, Schließ ich die Läden meines Fensters fest, So fest zu, daß auch nicht der kleinste Spritzer Von seinem Katzensilber mich erreicht. Und samtenes Schwarz, die heilige Unfarbe Der tiefsten Ruhe, senkt sich über mich Gleich mohnduftdumpfem Staub von Schmetterlingen Der ewigen Nirwana. – Welt, schlaf wohl! Bald schnarch ich wie ein alter Dudelsack Und träum von meinen Feinden, wie sie schwitzend Am Backherd stehn und Gallpasteten machen: Fünf Zehntel Neid, drei Zehntel Unverstand, Zwei Zehntel Bosheit – aber alles hübsch Mit Cochenille rot gefärbt: Charmant! – Mischt, färbt, backt, schwitzt nur, Liebliche – ich schenk euch Zum Lohn den Mond. Und ich bestimme: tragt Am Hals mir ihn gleich einer Hundemarke! Die Eulen schrein Die Eulen schrein. Es schmerzt wie Geierbiß Ratloser Reue dieser hohle Ton Der nächtgen Vögel dumpf und heiß im Hirn. Die leere Nacht stöhnt: stumm doch atemschwer. Mir ist, als atmete ihr Schlund den Rest Von Glück ein, den ein leerer Tag mir ließ. Diskret Bei Mädchen, die einen schlechten Lebenswandel führen Und sich dabei nicht einmal zieren, Bei Mädchen, die, wenn es dämmert, spazieren, Indem sie sich in den Hüften wiegen, Während sie sonst meistens im Bette liegen Oder Patience legen Oder einer Lektüre pflegen, Die man nicht anders als mißbilligen kann, Weil sie die Seele nicht hinan, Sondern hinunter führt in Sphären, Wo reine Seelen niemals verkehren, Bei Mädchen, sag ich, solcher Sorte, Daß, sie nach Gebühr zu charakterisieren, Die deutsche Sprache ermangelt der Worte, Weil sich sogar die ältesten Adjektive genieren, Bei solchen Mädchen, kurz und gut, Sieht man, legt man seinen Hut Auf der Kommode oder sonstwo nieder, Hergestellt durch Photographie Oft eine ganze Bildergalerie Von Männerantlitzen brav und bieder. Zumal die Armee und Reichsmarine Steuert dazu bei manche stolze Miene Von kriegerischer Entschlossenheit Und Schnurrbartesisterreichtigkeit. Aus allen Truppen treffen sich hier Korporal, Sergeant und Unteroffizier, Wobei natürlich der Kavallerist Immer bei weitem der schönste ist. Das Zivil ist nicht so stark vertreten, Und wenn, so sind es meist Athleten, Die auf dem Bizeps eingegraben Einen blauen Reichsadler haben Oder das Bildnis seiner Majestät Oder eine schöne Nudität Oder ein nützliches Gerät, Z.B. einen Anker oder eine Kanone. Zum Beweise aber, daß auch Gefühl in ihnen wohne, Sieht man auf ihrer Mannesbrust zumeist Ein Herz, aus dem eine Flamme schlägt, Was, gut und richtig ausgelegt, Auch bei Athleten soviel wie Liebe heißt. Trotzdem ist, wenn man den Mädchen glaubt, Der Gedanke an Liebe hier nicht erlaubt. Alle diese Gefreiten und Sergeanten Gehören zu Annas Anverwandten, Desgleichen ein jeder Kraftathlet Zu ihr in Verwandtschaftsbeziehungen steht (Woraus ein jeder ersehen mag: Sie ist von einem guten Schlag), Doch ist es besser, sie offenbart Ihre tüchtige Herkunft auf aktive Art, Denn, ohne ungalant zu sein, Möchte ich mir zu bemerken erlauben, Es ist diesen Mädchen nicht sehr zu glauben, Sie sind geübt in Schwindelein. Ein jeder weiß, daß jede erzählt, Sie sei die Tochter eines Pastoren Und zu was anderem geboren Und sei auch schon Gouvernante gewesen, Habe einer alten Gräfin vorgelesen Und was so mehr Geschichten sind, Bis zum bewußten ersten Kind Vom sittenlosen Sohn des Hauses, der Ihr plötzlich raubte ihre Ehr. In solchen Romanen haben sie Eine Ossip Schubinische Phantasie. Und also mag man den Lilienstengeln Auch in Hinsicht der vielen Cousängeln Mit einigem Mißtrauen entgegentreten: Es sind die Krieger und Athleten Nicht mehr mit ihr verwandt als wie Ein jeder andre Besucher und sie. Woher dann aber die Photographie? Das, wertes Publikum, ist die Magie Der Liebe, ist die Wahlverwandtschaft, Hier waltet mehr als flüchtge Bekanntschaft, Hier waltet tiefe Sympathie. Was hier auf lichtempfindlichen Papieren Gerahmt in Plüsch und Zelluloid Mit starrem Aug bezahltes Karressieren Allstündlich vor sich gehen sieht, Ist der Beweis, daß auch in Annas Seele Die Liebe lebt, die gratis sich ergibt. Die Schatulle des Grafen Thrümmel (Auf dem innern Deckel) Madam! Ich hoffe sehr, daß Sie mich überleben Und mir (wohl bald) einmal die letzte Ehre geben. Dort, hinterm Weizenfeld, das jetzt in Ähren steht, Seh ich den Schauplatz unsres letzten Tête-à-Tête. Ich liege dann im Sarg; ein letzter Veilchenstrauß Folgt mir aus Ihrer Hand, und dieses Spiel ist aus. Sie werden weinen. Ach, ich kenn Ihr gutes Herz, Echt, wie Ihr Lieben, ist gewiß Ihr Witwenschmerz, Und vielmals schreiten Sie zum schwärzlichen Oval Der Eibenbäume in Graf Thrümmels Schattental. Dann aber, bitt ich sehr, Madam, solln Sie nicht weinen. Die Sonne wird vergnügt der goldenen Lilie scheinen, Die unsre Tänzerin in ihren Händen hält, Die unserm Schlummerplatz zur Wächtrin ward bestellt Durch eines Meisters Hand, der gern das Leben schmückte Und dem sogar der Schmuck des Totenplatzes glückte. Wo sonst das Christenkreuz eckige Schatten legt, Hat eine Grazie er zum schönsten Tanz bewegt. Selbst über Gräbern tanzt das Leben, stets amön: Ein junges Mädchen ists, verliebt, gelenk und schön. Betrachten Sie es wohl, und denken Sie dabei, Wie angenehm die Ruh nach langem Tanze sei Für einen alten Mann, der manchen Pas gesprungen. Gern, glauben Sies, Madam, ließ er den Platz den Jungen. Nur daß er Sie, mein Herz, verlassen mußte, war Ihm bitter weh ... Mein Gott, nun wein ich selber gar. Ich liebe, liebe dich. Ich will nicht von dir gehn. Und, wenn des Himmels Tore vor mir offen stünden, Ich will, will nicht zu Gott. In allen meinen Sünden, Krank, alt und schwach will ich an deiner Seite stehn. Grau wird es um mich her, doch hab ich dich, mein Licht. Ich leide, ich bin müd. Doch sterben will ich nicht. Nun, nun, nicht so, mein Herz. Was sein muß, das muß sein. Die Tänzerin winkt und lädt zum letzten Tanz mich ein. Sie müssen mich, Madam, Sie müssen mich ihr lassen Und müssen sich ein Herz zum letzten Schmerze fassen, Der Ihnen von mir kommt, von mir, den nichts so quält, Als was er gegen Sie in Wirrheit hat gefehlt. Verzeih, verzeihe mir! Ich weiß, ich habe dir Unendlich weh getan. Doch weher tat ich mir. Du stirbst vielleicht in Gott. Ich fahre gottlos hin, Weil ich ein Sohn der Qual und ohne Zügel bin, Ein wildes Tier, vom Sporn des Teufels angehetzt, Gequält zu quälen, – ach, wie ist mein Herz zerfetzt Von Wut und Gier und Angst. Hätt ich nicht dich gehabt, Die immer wieder mich mit Licht und Trost begabt, Ich hätte längst mich selbst aus diesem Buch gestrichen, In dem ich immer nur als Unheilsmaske stand, Stand ich auch manchmal hoch. Erst als dein Herz ich fand, Sind jener Nebel schwerste grau von mir gewichen. Ich schäme mich. Par Dieu! So schreibt kein Mann von Adel. Gott, der Graf Thrümmel schuf, verdient drum keinen Tadel, Und, was ich selbst mit mir, vielleicht verkehrt, begann, Ich tats auf meinen Kopf und als ein Edelmann. Der Pöbel mag sich selbst ziehn an den langen Ohren, Ich respektiere mich und bleibe wohlgeboren. Bereuen ist gemein. Tugend fürs Publikum. Der Thrümmel Wappenwort heißt stolz: Dreh dich nicht um! Die Gräfin Wackebarth ist, wie ein jeder weiß, Schön, stolz und voller Witz, bei ihrer Augen Blitz Wird es den Pagen, wirds den Exzellenzen heiß. Geruht sie mit Gefühl zu reden, schmilzt das Herz Dem Horchenden dahin, umnebelt wird der Sinn, Und jedes Mannesknie sinkt schleunigst erdenwärts. Die Gräfin Wackebarth geruhte gestern nacht Huldreich zu mir zu sein. Nacht wars und wir allein. Und groß ist ihre hocherhabne Busenpracht. Sie trug aus schwerem Samt ein malvenfarbnes Kleid, Im Mondenlichte war der Schimmer wunderbar. Um Hals und Knöchel wand sich königlich Geschmeid. Die Gräfin Wackebarth nahm mich an ihre Hand Und führte mich geschwind, als wäre ich ein Kind, Zum Ende der Allee, wo eine Laube stand. Dort zeigte sie mir mehr, als ihres Busens Schnee. Ich aber sprach: Pardon, wo ist nur mein Lorgnon? Gestatten Sie, Madam, daß ich es suchen geh. Die Gräfin Wackebarth schlug wild mich ins Gesicht Und spuckte in den Sand, dann ist sie fortgerannt, Und heute sah ich sie, doch sie, sie sah mich nicht. Mich traf ihr Schlag, mich trifft Verachtung ganz mit Recht. Ist man ein Kavalier, so habe man Manier Auch contre cour. Und ich betrug mich wirklich schlecht. Madam, ich sag es frei: Zufrieden sei ein jeder Mann, Wenn er, und wers auch immer sei, Au point d'amour was fühlen kann. Bald ist die Zeit der Kraft vorbei, Und dann Sieht jede Blume ihn mit Vorwurfsaugen an, Sein Herz ist ein Gefäß voll eklem Sauerbrei Aus Reu und Mißgunst, keuchend im Gespann Des Alters schleppt er die verpaßten Gelegenheiten und wie ungeheure Lasten Durch ein erinnerungsleeres Einerlei. Wer aber nicht zu jenen Gottverhaßten Gehört, in denen Wasser rann Statt Blutes, wer sich Lust gewann, Genießt im Lebenswinter noch einmal den Mai Beglückter Kraft, wie einen goldgefaßten Demanten: als Erinnerung. So hält den Helden Lorbeer jung. Und erst der Tod schlägt jenen Spiegelstein entzwei. (Unter eine Statue der Melancholie) Wagt euch nicht her, Lärm und gemeine Lust, Geklimper und Geschrei! Hier träumt, umschleiert Angesicht und Brust, Melancholei. Sie will das Leben nur durch Schleier sehn Und weit von ihm entfernt; Sie kennt die süße Ruh: in sich zu gehn Und hat der Wehmut großes Glück gelernt. Ein Spiegel stand vor mir. Als ich darin mich sah: Wie ward mir wunderlich, wie ängstlich ward mir da. Du, fragt ich mich, um Gott, Fremdling, wer bist denn du? Was siehst du mich so an? Was nickst du mir so zu? Jetzt hältst du an den Mund den Zeigefinger dir. Still soll ich sein? Warum? Es ist ja niemand hier. Wir zwei sind hier allein. Es schweigt die stumme Nacht, Hört sie das Zwiegespräch der Zweie, die hier leise Sich sagen, wie verrucht ihr Leben sie verbracht, Zu lange töricht, ach, und viel zu späte weise. Der andre lächelte. Wie tat dies Lächeln weh! Ich sah es schon einmal: so, daß ichs immer seh. Es kam vom Galgen her, daran ein Mörder hing. Die Leiche lächelte, daß mir die Lust verging Zu lächeln wochenlang. Es war so grauenvoll, Daß Angst im Herzen mir wie eine Kröte schwoll. Und nun erblickte ich dasselbe Lächeln mir Im Spiegel vis-a-vis, bis sich der Mund zum Schreien Wild auseinanderriß. Ich möchte, schrie ich, dir, Elendes Hohngesicht, in deine Larve speien. Der andere schloß den Mund und starrte vor sich hin. Trotz lag auf seiner Stirn, Wollust auf seinem Kinn. Er schien mir nicht bereit, der Reue Kreuz zu tragen Und fürderhin der Lust der Welt Valet zu sagen. Doch war in seinem Blick ein Grauen: bald ists aus: Es sitzt und nagt und pocht der Moderwurm im Haus. Mein Spiegelkamerad verfiel und ward ein Greis. Sein Kinn sank auf die Brust, die Augen wurden blöde. Ich schlug ins Spiegelglas. Es splitterte wie Eis. Und mich umwinterte des Alters bange Öde. Gern les ich den Horazius, Das war ein Kavalier. An heutigen Karminibus Find ich nicht viel Pläsier. Nach Rüböl riechen sie, das ranzt, Und wenn die deutsche Muse tanzt, So wackelt das Quartier. Das ist gewiß, und wenn ichs nicht gestünde, Wärs gegen meines Blutes reinen Adel Sünde: Ich bin kein Heiliger, der sich für Gott verzehrt. Ich habe ihn auf meine Art verehrt, Als Gott der Liebe, der es selbst erfuhr, Daß Zeugen Wonne ist, und der voll Gnaden Darum jedwede kleine Kreatur Mit seiner Lust, zu zeugen, hat beladen. Mir scheint es gottlos, ohne Lust zu leben. Was so ein großer, guter Herr gegeben, Wirft nur ein schlechter Diener ekel hin. Ich laß mich gern von Blutes Wallen heben, Weil ich Gott treu und gern sein Diener bin. Wer Gott auf andre Weise dient, Ist ganz in Trotz und schief geschient. Pflücke die Stunden! Zum Kranze gewunden Hat sie die Macht, Die dich erschuf. Lust ist, o Sterblicher, Last nur den Toren, Die ihrer Sinne Kompaß verloren, Weisen ists wundervoll leichter Beruf. Carpe diem, – und sei es bei Nacht. Gestern nacht an meinem Bette Stand das grinsende Skelette Jenes Mannes mit der Hippe Und der Uhr. Langsam sprach er ohne Lippe, Ohne Gaumen, ohne Zunge, Ohne Wangen, ohne Lunge, Knochen, Knochen, Knochen nur: Lieber Graf, ich bin zur Stelle, Da die Stunde zum Appelle Vor dem Generalissimus naht. Wenig braucht es Vorbereitung, Denn er sieht nicht viel auf Kleidung Und er kennt nur einen Staat: Tugend, die ergötzlich helle, Engelreine Lichtmontur. Werter Herr, ich bin parat, Sagte ich, ein wenig leise, Während ich zur letzten Reise Ungern in den Schlafrock fuhr. Höflich stützt er mich beim Gehen, Seine dürren Knochenzehen Klapperten auf dem Parkett. Manchmal blieb mein Führer stehen, Sich ein Bildnis anzusehen, Kennerierte, Rezensierte: »Hm, nicht übel, hm, ganz nett.« Gerne hätt ich ihn gebeten, In die Galerie zu treten, Weil dort Meisterwerke viel Leuchtend zum Verweilen laden, Doch es drängten seine Gnaden Sehr bestimmt nach anderm Ziel. Schleppte mich zum Spiegelsaale, Wo wer weiß wie viele Male Zwei Chaisenträger, blau und rot und gold livriert, Die Zöpfe tadellos gepudert, doch beschmiert Gesicht und Hände ganz mit Kienruß: echte Mohren Aus Borgo San Lorenzo, haben gestern nacht Mich zum Palast des Herrn von Pratosan gebracht, Als Tor vergnügt zu sein auf einem Fest von Toren. Und Törinnen. Denn dies ist Pratosanos Ruhm: Er ist ein Junggesell, sein Haus ein Heiligtum Der Venus ohne Kleid, wie einst Athen sie sah, Die – Andere, vous savez, nicht Amathusia. Trotzdem ist Pratosan ein Mann von Frömmigkeit, Der oft zur Beichte geht, erweckend Reu und Leid In seinem Innern, auf daß er um so mehr Erfühle, was sich stets nachmeldet hinterher. Va ben! Mich schaukelte die Sänfte sanft im Takt. Maskiertes Volk ergoß gleich einem Katarakt Sich rechts und links vorbei, buntlappige Figuren: Chinesen spitzen Huts, pelzmützige Panduren, Sechs Monate im Land der Schönheit, die noch lebt, Obgleich sie älter ist, als jene graue Lehre, Die ewiges Leben predigt, – und nun eingeklebt Ins ewig Gleiche öder Residenzmisere. Ma foi, es ist nicht leicht, kommt man aus Rom, Florenz, Ein Kavalier zu sein in einer Residenz, Wo man französisch zwar mundangelernt parliert, Jedoch aufs deutscheste die Grazien ignoriert. Hier herrscht der Herr Pastor, obwohl sein feister Rücken Die Kunst versteht, sich bis zum Spucknapf tief zu bücken, Es herrscht sein Geist, pardon, Apoll, es herrscht sein Tran, Die Religion ward hier zum Tee aus Baldrian. Man schläft, selbst wenn man tanzt, und wenn man »liebt«, erst recht. Dies Volk ist wach und laut, nur wenns barbarisch zecht. Und wenn es klatscht. O Gott, begnade meine Ohren Mit Taubheit, denn ich bin für Worte nicht geboren, Die plump und ohne Witz im ewigen Einerlei Des Nachbars Ruf zerkaun zu einem eklen Brei. Noblesse, fürcht ich, gibts hierorten nur im Stall (Der Pöbel, entre nous, fühlt schließlich überall Anständiger, als wir, doch muß man das nicht sagen; Sonst wird er frech und nimmt uns an den goldnen Kragen). Ganz oben schon beginnt das völlig Ordinäre, Und widrig säh es aus, wenn nicht Allüre wäre. Eh bien, ich bin nach Haus in Barbarei verbannt Und habe Heimweh nach dem schönen fremden Land, Wo leicht das Leben fließt, der leichte Sinn regiert Und selbst der Theolog die Grazien adoriert. Ein Zelt der Venus sei das Bett der Frau. Spart nicht Gardinen! Laßt in weichen Wellen Mußlin und Seide fallen, bauschen, schwellen! Es sei aus Schleiern wie aus Traum ein Bau Ohn alle Schwere. Sei ein Duft, ein Hauch. Hell seis, doch sanfter Helle; alles Gleißen Ist Barbarei Ein altes armes Weib hat sich vor mir gebückt Und einen Kuß auf meines Mantels Saum gedrückt. Der Mantel, samten, war mit Gold bordiert, Das Weib in Lumpen. Ach, ihr Blick hat mich berührt Wie Angst, die aus mir selber tiefstens kam. Und ich empfand die bitterlichste Scham. Ich gab ihr Geld, mehr, als man Bettlern beut, Doch als ich abends meine Börse leerte, Hat michs wie fürchterliche Schuld gereut, Daß ich ihr nicht dazu ein gutes Wort bescherte. Und schnitt vom goldnen Saum an meinem Kleide Die Stelle ab, berührt vom Menschenleide, Und trag es nun als Band an meiner Uhr Und denke stündlich an den einzigen Kuß Von einem Weib, der Reue, Reue nur Mir schuf und daß ich immer denken muß: Wie sagen wir doch, wenn die Gläser klingen, Dem Nachbar ein Lebehoch zu bringen? –: Toujours l'amour! Ich bin in tiefen Nöten Und habe keinen Gott, Zu glauben und zu beten. Hilf mir, o gnädiger Spott! Hilf mir zu einem Lachen, Und wenns ein Grinsen sei! Sonst muß ich davon mich machen Aus dieser Wüstenei, In der selbst die Oasen Nichts weiter spenden, als Gelegenheit zum Grasen Und Schlafen allenfalls. O dunkle, dunkle Reise Ins Land Vergessenheit! Wär ich so stark wie weise, Ich nähm das Reisekleid: Das Hemd aus weißer Seide, Das ich als Bräutigam trug. Ich trug es mir zum Leide Und ihr zum Leid genug. Sehr schön. Mich dünkt, ich schreibe Mit reichlich viel Gefühl. Der Rest ist doch: ich bleibe Ganz gerne im Gewühl Von Lieben und von Hadern. Ein Narr ist, wer verzagt Und, Leben in den Adern, Des Lebens Trieb verklagt. Wer Atem hat, der preise Des Lebens Lustgeschenk Und sei der dunklen Reise Beflissen eingedenk. Und alle bittern Stunden Sein wie ein Nebelzug Ertragen und verwunden. Des Glückes blieb genug. Gepriesen sei das Leben! Willkommen sei der Tod, Wenn alles ausgegeben: Lust, Liebe, Gram und Not. Eher nicht eine Sekunde! Küsse mich, küsse mich, Leben, Küß mich mit lachendem Munde. Ma foi, je suis content. Es ist so still im Hause, Daß ich vernehmen kann, wie still es ist. Mein Herz Ist wohl das lautste hier. Sein Pulsen ist Gebrause Von immer noch viel Lust mit nur ein bißchen Schmerz. Das ist durchaus so gut. Wär nicht das bißchen Weinen, Gleich Regenrinnen leis am hellen Fensterglas, Die Stille würde mir wie schale Leere scheinen. Melancholie ist Glück, Schmerz ist des Glückes Maß. (Über ein Porträt Gottes) Heut sah ich le bon Dieu. Es war ein alter Mann, Man sah ihm ungefähr siebenzig Jahre an. Trug einen langen Bart und langes Ringelhaar, Mir schiens, daß er von Zeus ein Ururenkel war. Der Maler hatte nicht mit seiner Kunst gespart. Es war das Kolorit sehr klar, sehr fein, sehr zart, Die Wangen rosig, voll und kirschenrot der Mund, Lebhaft das blaue Aug, dem gut die Braue stund: Schön bogenhoch gewölbt und, sonderbar, nicht weiß, Als thronte Jugend dort. Jedoch: es war ein Greis. Und dies gefiel mir nicht. Ich dacht an Jupitern In Rom, der hatte nichts von einem alten Herrn. Zwar schien auch er bejahrt, doch konnte man wohl sehn: Das war der starke Freund von Ledan, Omphalen: Die Wolke und der Schwan, und auch Europens Stier, Ein Gott für Männer stand: ein Gott-Mann stand vor mir. Nun hat man ihn entthront, und nichts als Haar und Bart Hat man von ihm dem Gott von heute aufgespart, Und diese greisenweiß, daß schon das Bild bedeute: Dies ist der liebe Gott für pastorale Leute. Ich bin gewiß, er spricht durchaus wie ein Pastor, Und seine Welt kommt ihm wie jenem übel vor. Er kritisiert sich selbst, und er bereut wohl gar, Daß er einmal so stark die Welt zu schaffen war. Schüf er sie heute, oh, sie wäre ein Kristall, Glatt, mathematisch, kalt; zu keinem Sündenfall Gäb es Gelegenheit auf dieser Form aus Geiste, Die aus Berechnung müd ein Greis zusammeneiste. Gott Lob und Dank, die Welt stammt nicht von diesem her, Und stammt auch nicht von Zeus. Der große Gott ist mehr Als Greis, ist mehr als Mann. Ich sah auf Götzenbildern, Die Indien uns gesandt, die zeugende Natur, Das Eins von Mann und Weib, verworrne Urkraft schildern Und ahnte, dies ist mehr, als wilde Fratze nur. Das Volk im Osten ist der großen Wahrheit näher Als wir entgötterten und müden Europäer, Die das Urheilige beschmutzen: das Geschlecht. Europa hat am Stier sich tantenhaft gerächt. Als die Kerze verlosch Licht, lösch aus! Dunkel sei mein Haus. Dunkel um mich, Dunkel in mir; Still, Herz: Dich Kennt niemand hier. Niemand weiß um deine, Niemand weiß um meine Tiefe Dunkelheit. Wie sehr wir beide verdorben, Und daß wir schon gestorben: Wem ist es bewußt? Wem wär es leid? Aber wir leben ja! Leben Klarer als je! Das ist es eben: Das tut zum Sterben weh: Daß wir, zu träumen so wohlgeboren, Das Glück des Traumes ach, verloren Und nichts dafür gewonnen haben, Als die verfluchteste von allen Erdengaben: Zu sehen, daß wir nicht zu Haus hier sind. Wohl, Herz, wir waren nicht dem Leben blind, Nun aber sind wir sehend tot Und leiden bittre Heimwehnot Nach dem verlorenen Paradies, Das wohl den andern Wahnsinn hieß, Uns aber süße Heimat war; Ein Land in Dunkelheiten klar. Wolln wir nicht gehn, es wieder suchen? Sei stark, Herz, komm: laß uns selbstsüchtig sein! Nur Glück ist Wert. Jetzt ist nichts mein und dein Als ödes, widerliches Selbstverfluchen. Wir sind am Leben krank, Herz. Auf ins Leere Der holden Lüge, deren Meister wir Und Diener sind. Das Wahre ist das Schwere, Und wir, Herz, wir sind nicht zum Tragen hier. Wir wollen schweben, schweben, bis wir fallen Zum letzten Traum: dem seligsten von allen. Bei einem beinah alten Mann Bei einem beinah alten Mann Meldete sich klein Amor an (Ein Mädchen wars in einer Hosenrolle). Der Überraschte fragte, was er wolle. »Dich prüfen will ich,« sprach das liebe Ding (Halb Gassenbub, halb Schmetterling), »Ob du noch brennen kannst« und küßt ihn so, Daß augenblicks er Feuer fing. Darüber war der Mann natürlich froh. Denn allzulange war er wie ein Besen, Zwar dürr, doch ohne Glut gewesen. Wie aber dann der Kleine wieder ging, Da trat herein zur Türe groß Madam Vernunft, setzt schwer sich auf den Schoß Noch warm von Amors Hinterteilchen Und sprach: Herr Lichterloh, glaubt nicht dem Mädel, Das jetzt zu Euch in Amors Maske kam Und augenblicks Besitz von Euerm Schädel, Von Euerm Torenschädel nahm, Denn es vertrieb sich bloß ein Langeweilchen. Da bot der Mann Madam Vernunft den Arm Und führte sie zur Tür und sprach: Au revoir, Ihr sprecht wahrscheinlich wie gewöhnlich wahr, Doch allzukühle, und ich bin von Herzen Froh, daß mir endlich wieder einmal warm Zumute ist. Der Liebe helle Kerzen Lösch ich nicht aus. Wer weiß, wie bald ein Wind Sie niederweht und ich im Finstern träume Von hellen Kerzen, die erloschen sind. Reimkarussell Ich weiß nicht aus noch ein. Bin ich ein Sünder, bin Ich krank? Ein Held? Ein Schuft? Ein Tiger? Hund? Schaf? Schwein? Hat dieses Leben Sinn? Ist Seele Gärung? Luft? Ich weiß nicht aus noch ein. Ich weiß allein, Daß ich ein Sklave dunkler Mächte bin. Daß ich ein Sklave dunkler Mächte bin, Weiß ich durchaus. Ich weiß nicht ein noch aus: Bin ichs um ewigen Lohn, Bin ichs zum Spaß vielleicht Der Götter, die beim Schmaus Sich freuen meiner Fron? Hab ich mein Ziel erreicht, Wenn ich der Würmer faule Mahlzeit bin? Ich weiß nicht aus, noch ein, Ich weiß nicht ein, noch aus. Ich weiß allein Und weiß durchaus, Daß ich ein Sklave dunkler Mächte bin. Meines Vaters Uhr Meines Vaters Uhr Liegt auf meinem Tische, Vieles Unglück maß sie einem Braven zu. Sterbend ließ er sie Als mein einzig Erbe Arm, doch liebend, mir. Und nun tickt sie: du, Denk an ihn und sei Tapfer, treu und tätig So wie er, und gehe einmal gern zur Ruh. Fortuna heißt mein Schiff Fortuna heißt mein Schiff, die goldene Galeere; In ihrem Bauch sitzt meiner Feinde Schar Und rudert mich voll Wut hin über alle Meere Und flucht und keucht und hofft auf Sturm. Ich aber kehre Erfrischt nach Haus zurück aus jeglicher Gefahr. Fortuna winkt am Bug. Um ihre goldnen Brüste Klatscht Wogendrang und -Wut. Das ist ihr Spiel. Sie lächelt mir voran, Laterne meiner Lüste Und Sinnbild meiner Sehnsucht nach der letzten Küste, Dem steinern einsam ruhevollen Ziel. Zypressen ragen dort, die dunkelgrünen, steilen Flammen erstarrter Kraft, rings um ein schwarzes Haus. Gott Hypnos winkt am Tor: mit einem Traum zu heilen, Was mir das Leben schuf an Wunden mit den Pfeilen Der Lust: der Last. Er löscht die Flamme gütig aus.