Wahn und Wirklichkeit Als der Duft der ersten Veilchen Ueber meine Stirne flog, War es, daß ein wundersamer Traum in meine Seele zog. Und zwei Sterne sah ich leuchten, Stilles Blinken heilger Nacht; Und mein Auge mußte schauen Hingebannt nach solcher Macht. Wie das Angesicht der Göttin Sah der Mond herab so gut Und mein Herz wallt' ihm entgegen Wie die liebevolle Fluth. Eine Sonne sah ich glänzen, Schönres wurde nie mir kund Und ihr Glänzen war wie Lächeln Von melodischestem Mund. Und der Sonne warme Strahlen Spielten mir um meine Brust, Sorgsam so wie Mutterarme Hoben sie mich auf vom Dust. Trugen mich durch leichte Lüfte Nach dem Glanz, dem Himmelslicht An das heiße Herz der Sonne, Aber ich verbrannte nicht. Unzerstörbar meine Glieder, Unversiegbar heiß mein Blut, Ohne Leiden meine Seele, Unbesiegbar hehr mein Muth; Ohne Gränzen die Gedanken, Unverschleiert war die Welt, – Da hat eine böse Krähe, Mich aus allem Traum gegellt: »Thor, was närrst du deine Seele Mit dem nächtlich eitlen Trug? Tag ist's; gehe hin und schaffe, Denn zu schaffen giebt's genug!« Und ich schlich beschämt nach Hause, Hatte wahrlich wenig Lust, Denn noch spielten Veilchendüfte Mir um meine Stirn und Brust. Ach, was ist mit allem Mühen, Was mit aller Qual gethan! Und mein Traum erschien mir wirklich Und die Wirklichkeit ein Wahn.