Sonette Der grüne König Wir, Johann, Amadeus Adelgreif, Fürst von Saprunt und beiderlei Smeraldis, Erzkaiser über allen Unterschleif Und Obersäckelmeister vom Schmalkaldis Erheben unsern grimmen Löwenschweif Und dekretieren vor den leeren Saldis: »Ihr Räuberhorden, eure Zeit ist reif. Die Hahnenfeder ab, Ihr Garibaldis! Man sammle alle Blätter unserer Wälder Und stanze Gold daraus, soviel man mag. Das ausgedehnte Land braucht neue Gelder. Und eine Hungersnot liegt klar am Tag. Sofort versehe man die Schatzbehälter Mit Blattgold aus dem nächsten Buchenschlag.« Die Erfindung Als ich zum ersten Male diesen Narren Mein neues Totenwäglein vorgeführt, War alle Welt im Leichenhaus gerührt Von ihren Selbstportraits und anderen Schmarren. Sie sagten mir: nun wohl, das sei ein Karren, Jedoch die Räder seien nicht geschmiert, Auch sei es innen nicht genug verziert Und schließlich wollten sie mich selbst verscharren. Sie haben von der Sache nichts begriffen, Als daß es wurmig zugeht im Geliege Und wenn ich mich vor Lachen jetzt noch biege, So ist es, weil sie drum herum gestanden, Die Pfeife rauchten und den Mut nicht fanden, Hineinzusteigen in die schwarze Wiege. Der Dorfdadaist In Schnabelschuhen und im Schnürkorsett Hat er den Winter überstanden, Als Schlangenmensch im Teufelskabinett Gastierte er bei Vorstadtdilletanten. Nun sich der Frühling wieder eingestellt Und Frau Natura kräftig promenierte, Hat ihn die Lappen- und Atrappenwelt Verdrossen erst und schließlich degoutieret. Er hat sich eine Laute aufgezimmert Aus Kistenholz und langen Schneckenschrauben, Die Saiten rasseln und die Stimme wimmert, Doch läßt er sich die Illusion nicht rauben. Er brüllt und johlt, als hinge er am Spieße. Er schwenkt juchelend seinen Brautzylinder. Als Schellenkönig tanzt er auf der Wiese Zum Purzelbaum der Narren und der Kinder. Der Schizophrene Ein Opfer der Zerstückung, ganz besessen Bin ich – wie nennt ihr's doch? – ein Schizophrene. Ihr wollt, daß ich verschwinde von der Szene, Um euren eigenen Anblick zu vergessen. Ich aber werde eure Worte pressen In des Sonettes dunkle Kantilene. Es haben meine ätzenden Arsene Das Blut euch bis zum Herzen schon durchmessen. Des Tages Licht und der Gewohnheit Dauer Behüten euch mit einer sichern Mauer Vor meinem Aberwitz und grellem Wahne. Doch plötzlich überfällt auch euch die Trauer. Es rüttelt euch ein unterirdischer Schauer Und Ihr zergeht im Schwunge meiner Fahne. Das Gespenst Gewöhnlich kommt es, wenn die Lichter brennen. Es poltert mit den Tellern und den Tassen. Auf roten Schuhen schlurrt es in den nassen Geschwenkten Nächten und man hört sein Flennen. Von Zeit zu Zeit scheint es umherzurennen Mit Trumpf, Atout und ausgespielten Assen. Auf Seil und Räder scheint es aufzupassen Und ist an seinem Lärmen zu erkennen. Es ist beschäftigt in der Gängelschwemme Und hochweis weht dann seine erzene Haube, Auf seinen Fingern zittern Hahnenkämme, Mit schrillen Glocken kugelt es im Staube. Dann reißen plötzlich alle wehen Dämme Und aus der Kuckucksuhr tritt eine Taube. Der Pasquillant Auch konnt es unserm Scharfsinn nicht entgehen, Daß ein Herr Geist uns zu bemäkeln pflegt, Indem er ein Pasquill zusammenträgt, Das ihm die Winde um die Ohren säen. Bald kritzelt er, bald hüpft er aufgeregt Um uns herum, dann bleibt er zuckend stehen Und reckt den Schwartenhals, um zu erspähen, Was sich in unserm Kabinett bewegt. Den Bleistiftstummel hat er ganz zerbissen, Die Drillichnaht ist hinten aufgeschlissen, Doch dünkt er sich ein Diplomatenjäger. De fakto dient bewußter Schlingenleger Dem Kastellan als Flur- und Straßenfeger Und hat das Recht die Kübel auszugießen. Der gefallene Cherub Er kreiste um die gläsernen Pilaster Und hob die Stimme, daß er gellend riefe. Es glänzte seines Fluges Hieroglyphe Im Tempelbau der großen Zoroaster. Da war's, als ob der Atem uns entschliefe. Es sank sein Haupt, wie eine Riesenaster, Umhüllt von schweren Schwingen seiner Laster Verschlang ihn eine bodenlose Tiefe. Wir sahens wohl und uns beschlich ein Sehnen Nach Untergang und gallgetränkten Tränen Zu schlürfen aller Trauermeere Flut. Vergiftet fühlten wir das eigene Wähnen Und ein Verlangen, uns dort anzulehnen, Wo der versunkenste der Engel ruht. Die Schlange Waga Wer kennt mich noch? Ich trug die Persermütze. Es spiegelte darin der Schlange Bild. Ihr grauer Blick, der mich gefangen hielt, Verwehrte mir des Paradieses Spitze. Die Lanze schwang ich bis zu ihrem Sitze. Die Schlange schnellte auf, sie ringelte sich wild. Es zischte ihres Kopfes schmaler Schild. Und ich verschwand in ihr gleich einem Blitze. Da war ich Vater, Mutter, Sohn zugleich, Und fand mich lächelnd nun in ihrem Leibe. Vor mir erhellte sich ein Lotosteich. Ich ward hinabgetaucht von einem Weibe. Und neugeboren trieb ich mit der Flut Als jüngstes Kind aus ihres Schoßes Hut. An lichtgewobener Kette An lichtgewobener Kette muß ich hängen Aus hohen Himmeln in das trübe Leben, Genötigt hin und her zu schweben, Weil sanfte Ätherwellen mich bedrängen. Man haucht mich an mit Worten und mit Klängen, Und schon will meine Flügelwaage beben. Um die Erschütterungen aufzuheben, Dreh ich mich in den ewigen Gesängen. So sieht man wohl in frommen Kemenaten Aus Watte und aus Werg an einem Faden Die Geistestaube schweben im Geviert. Sie lauschet unter Kerzen und Gebeten Den sieben Gaben und den scheuen Reden, Dieweil ein Krönlein ihre Haube ziert. Der Büßer Verdorrt der Mund und trocken die Gedärme So tanze ich um meinen eignen Schatten. Aus meinem Bette spiel ich mit den Ratten Und sauge aus den Fingern mir die Wärme. Damit ich mich nicht allzu bitter härme Ließ eine güt'ge Macht mein Herz ermatten. Die Sehnsucht starb. Nur meine nimmersatten Verflogenen Ohren hängen noch am Lärme. Da ich mich also in mir selbst verfangen Bin ich auch meinen Häschern nicht entgangen Und teile die Gemeinschaft schriller Käuze. Im Lappenkleide und bedeckt mit Schorfen Werd täglich ich den Wärtern vorgeworfen, Die striegeln mich mit einem Eisenkreuze.