Annette An Annetten Es nannten ihre Bücher Die Alten sonst nach Göttern, Nach Musen und nach Freunden, Doch keiner nach der Liebsten; Warum sollt ich, Annette, Die du mir Gottheit, Muse Und Freund mir bist und alles, Dies Buch nicht auch nach deinem Geliebten Namen nennen? Ziblis Eine Erzählung Mädchen, setzt euch zu mir nieder, Niemand stört hier unsre Ruh, Seht, es kommt der Frühling wieder, Weckt die Blumen und die Lieder, Ihn zu ehren, hört mir zu. Weise, strenge Mütter lehren: »Mädchen, flieht der Männer List!« Und doch laßt ihr euch betören! Hört, ihr sollt ein Beispiel hören, Wer am meisten furchtbar ist. Ziblis, jung und schön, zur Liebe, Zu der Zärtlichkeit gemacht, Floh aus rauhem, wilden Triebe, Nicht aus Tugend alle Liebe, Ihre Freude war die Jagd. Als sie einst tief im Gesträuche Sorglos froh ein Liedchen sang, Ward sie blaß wie eine Leiche, Da aus einer alten Eiche Ein gehörnter Waldgott sprang. Zärtlich lacht das Ungeheuer, Ziblis wendet ihr Gesicht, Läuft, doch der gehörnte Freier Springt ihr wie ein hüpfend Feuer Nach und ruft: »O flieh mich nicht!« Schrei'n kann niemals überwinden. Sie lief schneller, er ihr nach. Endlich kam sie zu den Gründen, Da, wo unter jungen Linden Emiren am Wasser lag. »Hilf mir!« rief sie. Er, voll Freude, Daß er so die Nymphe sah, Stand bewaffnet zu dem Streite Mit dem Ast der nächsten Weide, Als der Waldgott kam, schon da. Der trat näher, ihn zu höhnen, Und ging schnell den Zweikampf ein. Sie erbebt für Emirenen. Immer wird das Herz der Schönen Auf des Schönen Seite sein. Seinen Feind im Sand zu höhnen, Regt sich Fuß und Arm und Hand, Bald mit Stoßen, bald mit Dehnen. Liebe stärkt die Kraft der Sehnen, Beide waren gleich entbrannt. Endlich sinkt der Faun zur Erden, Denn ihn traf ein harter Streich. Gräßlich zerrt er die Gebärden; Emiren, ihn loszuwerden, Wirft ihn in den nächsten Teich. Ziblis lag mit matten Blicken, Da der Sieger kam, im Gras. Wird's ihm, ihr zu helfen, glücken? Leicht sind Mädchen zu erquicken, Oft ist ihre Krankheit Spaß. Sie erhebt sich. Neues Leben Gibt ein heißer Kuß ihr gleich. Doch, der einen schon gegeben, Sollte nicht nach mehrern streben? Das sieht einem Märchen gleich. Wartet nur. Es folgten Küsse Hundertweis; sie schmeckten ihr. Ja, die Mäulchen schmecken süße. Und bei Ziblis waren diese Gar die ersten. Glaubt es mir. Darum sog mit langen Zügen Sie begierig immer mehr. Endlich trunken von Vergnügen, Ward dem Emiren das Siegen, Wie ihr denken könnt, nicht schwer. Mädchen, fürchtet rauher Leute Buhlerische Wollust nie. Die im ehrfurchtsvollen Kleide Viel von unschuldsvoller Freude Reden, Mädchen, fürchtet die. Wacht, denn da ist nichts zu scherzen. Seid viel lieber klug als kalt. Zittert stets für eure Herzen. Hat man einmal diese Herzen, Ha, das andre hat man bald! Lyde Eine Erzählung Euer Beifall macht mich freier, Mädchen, hört ein neues Lied. Doch verzeiht, wenn meine Leier Nicht von jenem heil'gen Feuer Der geweihten Dichter glüht. Hört von mir, was wenig wissen, Hört's, und denket nach dabei: Daß, wenn zwei sich zärtlich küssen, Gern sich sehn und ungern missen, Es nicht stets aus Liebe sei. Lyde brannt von einem Blicke Für Aminen, er für sie; Doch ein widriges Geschicke Hinderte noch beider Glücke, Ihre Eltern schliefen nie. Wachsamkeit wird euch nichts taugen, Wenn die Töchter unser sind; Eltern, habet hundert Augen, Mädchen, wenn sie List gebrauchen, Machen hundert Augen blind. Listig hofft sie, eine Stunde Ihre Wächter los zu sein. Endlich kommt die Schäferstunde, Und von ihrem heißen Munde Saugt Amin die Wollust ein. So genoß, entfernt vom Neide, Er noch manchen süßen Kuß. Doch er ward so vieler Beute Überdrüssig. Jede Freude Endigt sich mit dem Genuß. Ist wohl bei des Blutes Wallen, Denkt er, immer Liebe da? Liebt sie mich denn wohl vor allen? Oder hab ich ihr gefallen, Weil sie mich am ersten sah? Einst spricht er, dies auszuspüren: »Ach, wie quält mein Vater mich! Fern soll ich die Herde führen – Himmel! Dich soll ich verlieren! Ha, das Leben eh'r als dich! Liebste, nein, ich komme wieder, Doch der beste Freund von mir« (Hier sah sie zur Erde nieder) »Singet angenehme Lieder, Diesen Freund, den laß ich dir.« Lyde denkt an keine Tücke, Weint und geht es weinend ein. Ungern flieht Amin sein Glücke, Listig bleibt der Freund zurücke, Oft ist er mit ihr allein. Viel singt er von Glut und Liebe, Sie wird feurig, er wird kühn. Sie empfindet neue Triebe, Und Gelegenheit macht Diebe. Endlich – Gute Nacht, Amin. Kinder, seht, da müßt ihr wachen, Euch vom Irrtum zu befrein. Glaubet nie den Schein der Sachen, Sucht euch ja gewiß zu machen, Eh ihr glaubt, geliebt zu sein. Kunst, die Spröden zu fangen Erste Erzählung Verzweifelt nicht, ihr Jünglinge, wenn eure Mädchen spröde sind. Niemals hat noch die Kälte der mütterlichen Lehren ein weibliches Herze so zu Eise gehärtet, daß es der alles erwärmende Hauch der Liebe nicht hätte zerschmelzen sollen. Hört, was mir mein Freund erzählte, dem ich sonst viel glaube: Ich liebte ein Mädchen recht feurig, recht zärtlich; aber sie floh die Jünglinge und die Liebe, weil ihr die Mutter die Jünglinge und die Liebe sehr fürchterlich gemalt hatte. Das schreckte mich nicht ab, es machte mich nur behutsam. Ich seh's, du kennst sie nicht, die Liebe, dacht ich, Denn wer sie kennt, der flieht sie nicht. Wie leicht wird's sein, dich zu entzünden, Da du so unerfahren bist? Die Liebe sollst du bald empfinden, Und sollst nicht wissen, daß sie's ist. Wenn ich sie im Haine antraf, redete ich sie ganz trocken an. Meine Kälte betrog sie, daß sie nicht floh und mit sich reden ließ. Ich sagte ihr viel von erhabnen Empfindungen, die ich Freundschaft nannte; leicht gewann ich da ihre Vertraulichkeit. Dem Mädchen ward nebst andern Gaben Viel feuriges Gefühl geschenkt, Da meint's, es denke gleich erhaben, Da es doch nichts als feurig denkt. Ich ward ihr Freund, sie meine Freundin. Mein Umgang fing an, ihr täglich weniger gleichgültig zu werden. Sie freuete sich, wenn ich kam, und betrübte sich, wenn ich ging. Was bei des Jünglings Blicken Ein jedes Mädchen fühlt, War das, was mit Entzücken Sie nur für Freundschaft hielt. Ich war oft mit ihr alleine gewesen, doch hatte ich es nicht wagen dürfen, die Lehren der Mutter mit Gewalt anzugreifen. Nach und nach suchte ich sie mit List zu untergraben. Seit einiger Zeit war ich ihr Lehrer geworden, hatte sie viel Gutes gelehrt; und dem Liebhaber glaubt ein Mädchen immer mehr als der Mutter. Da fing sie an zu zweifeln, ob auch die Mutter immer möchte wahr geredet haben. Das merkte ich, und wußte ihre Zweifel zu nähren. Einst saß sie, meinen Lehren Aufmerksam zuzuhören; Da sprach ich: »Du mußt wissen, Daß auch die Freunde küssen, Die Freunde so wie ich und du –« Ich wagt es – und sie ließ es zu. Da ich den ersten so leicht erhalten hatte, konnte ich noch eher auf den zweeten hoffen. Nie schmeckt ein Mädchen einen Kuß, Die sich nicht nach dem zweeten sehnte. Oft wiederholt ich meinen Kuß, Daß sie sich bald daran gewöhnte. Wenn ich sie sah und sie nicht küßte, Sprach gleich ihr Blick, daß sie etwas vermißte. Der glückliche Fortgang meiner Eroberungen machte mich stolz, und wer stolz ist, ist kühn. So schwer ist's nicht, wie ich geglaubt, Dem Mädchen eine Gunst zu rauben; Hat sie uns nur erst eins erlaubt, Das andre wird sie schon erlauben. Sobald ich sie wiedersah, redete ich feuriger, küßte ich sie feuriger als sonst. Ich sah, daß sie bewegt ward. Da wagt's mein Arm, sie zu umschließen. Sie ließ es zu. Da wagt's mein Mund, die weiße Brust zu küssen. Sie ließ es zu. Doch eilends sprang sie auf. »Dich werd ich fliehen müssen, Gefährlicher!« rief sie und ließ nichts weiter zu Und floh. Soweit gelang mir mein Bemühen. Ich folg ihr langsam, da sie flieht; Denn eher wird sie bei dem Fliehen Als ich bei dem Verfolgen müd. Kunst, die Spröden zu fangen Zwote Erzählung Es ist kein Mädchen so listig, so vorsichtig, das nicht von einem listigen Jünglinge könnte gefangen werden. Hört, wie es Charlotten erging. Charlotte, ein weises Mädchen, die wohl wußte, warum die Jünglinge zu fürchten waren, liebte mich recht zärtlich, aber mehr noch sich selbst. Drum war sie immer zurückhaltend, immer streng gegen mich, wie es meine Annette jetzt ist, wenn sie ihre Mutter beobachtet. Wäre sie ganz klug gewesen, so hätte sie mich ganz gemieden; doch sie war zu dieser Tat zu sehr Mädchen. Oft führt ich sie zum Haine Und war mit ihr alleine; O wie war ich erfreut! Ist je ein Paar alleine, Ist Amor niemals weit. Einst saßen wir unter dem Schatten einer überhangenden Myrte, ein Becher mit Weine und ein Körbchen mit Obst stand vor uns; wir redeten von Freundschaft. Schnell flog Amor aus einer jungen Rose heraus, die, halb aufgeblüht wie ein Mädchen von funfzehn Jahren, sich die Myrte hinaufgeschlungen hatte. Ich sah ihn, das Mädchen nicht. Wie freuete ich mich, da ich seinen Bogen gespannt und seinen Köcher gefüllt sah. Nun wird er mir helfen und einen Pfeil auf ihre Brust schicken; er wird nicht abspringen, der spitzige Pfeil! Du brauchst nicht scharf zu zielen, Die Brust ist ohnbewehrt. Ich hab ihr, wie im Spielen, Gar manches schon gelehrt, Was, ohne sich zu fühlen, Kein junges Mädchen hört. Aber er bleibt doch immer ein Kind, Amor. Kaum sah er die Trauben, als er schnell hinflog, eine Beere nach der andern mit einem Pfeile aufstach und aussog, wie die Bienen ihren Stachel in die Blumen stechen und Honig saugen. Da er sich satt gesogen hatte, ward er mutwillig, flog auf den Becher und schaukelte auf dem Rande. Aber einmal versah er's, der gute Amor, und fiel mit einem lauten Schrei in den Wein. Possierlich schwamm er auf dem goldnen Meere, plätscherte mit den Flügeln, ruderte mit Händen und Füßen und schrie immer. Da jammerte er mich, daß ich ihn heraushub. »Was machst du?« fragte das Mädchen. – »Eine Biene war in den Wein gefallen«, sagt ich. Freudig dankte mir Amor und hüpfte in den Sonnenschein, da schüttelte er seine Flügel und trocknete sich. Ich sah ihm zu und bemerkte, daß sein Köcher von Pfeilen leer war. Wo sind sie? dacht ich. – Indem fielen meine Blicke auf den Becher; da zogen sich Bläschen vom Boden herauf, wie sie der Wein aus dem Zucker zieht. Amor hatte die Pfeile im Schwimmen verloren, und nun sog der Wein das Gift aus den Spitzen. »Ich habe deiner Hülfe nicht mehr nötig, Amor!« jauchzete ich und reichte ihr den Becher und sah starr auf sie. Sie trank und sah mich an und trank mit starken Zügen. »Wie süße!« seufzete sie tief, da sie den Becher niedersetzte. Ich beobachtete sie genau; eine sanfte Mattigkeit schlich durch alle ihre Glieder. Und kraftlos sank ihr Haupt zurücke. Erst irrten unbestimmt die Blicke Umher, und fielen dann auf mich, Und eilten weg, und kamen wieder. Sie lächelte und schlug die Augen nieder, Ihr fühlbar Herz empörte sich Und schickte brennendes Verlangen In ihren Busen, auf die Wangen, Die Wangen glühten, und der Busen stieg. Da rief ich: »Sieg! Sieg, Amor, Sieg!« Und der kleine getrocknete Prahler, als wenn er noch so viel bei der Sache getan hätte, Rief, als er in die Lüfte stieg: »Sieg! Sieg!« Triumph der Tugend Erste Erzählung Von stiller Wollust eingeladen, Drang in den Tempel der Dryaden Mit seinem Mädchen Daphnis ein, Um zärtlich ohnbemerkt zu sein. Des Taxus Nacht umgab den Fuß der Eichen, Nur Vögel hüpften auf den Zweigen, Rings um sie her lag feierliches Schweigen, Als wären sie auf dieser Welt allein. Sie saßen tändelnd in dem Kühlen. Allein, dem Herzen nah, das uns so zärtlich liebt – Wem Amor solch ein Glücke gibt, Wird der nicht mehr als sonsten fühlen? Und unser Paar fing bald an, mehr zu fühlen. Des Mädchens zärtlich Herz lag ganz in ihrem Blicke, Halb lächelnd nennt sie ihn ihr bestes, größtes Glücke. Sein Herz, von heißem Blut erfüllt, Drückt sich an ihrs, läßt nach, drückt wieder; Und wenn das Blut einmal von Liebe schwillt, Reißt es gar leicht der Ehrfurcht Grenzen nieder. Konnt Daphnis wohl dem Reiz des Busens widerstehn? Bei jedem Kuß durchglüht' ihn neues Feuer, Bei jedem Kusse ward er freier, Und sie – und sie – ließ es geschehn. Der Schäfer fühlt ein taumelndes Entzücken, Und da sie schweigt, da jetzt in ihren Blicken Anstatt der Munterkeit ein sanfter Kummer liegt, Glaubt er sie auf dem Grad von feurigen Entzücken, Wo man die Mädchen leicht besiegt. Sie war an seine Brust gesunken, Und er zuletzt, von Wollust trunken, Erbat sich, Amor, Sieg von dir. Doch schnell entriß sie sich den Armen, Die sie umfaßten: »Aus Erbarmen«, Rief sie, »komm, eile weg von hier.« Bestürzt und zitternd folgt er ihr. Da sprach sie zärtlich: »Laß nicht mehr Dich die Gelegenheit verführen; O Freund, ich liebe dich zu sehr, Um dich unwürdig zu verlieren.« Triumph der Tugend Zwote Erzählung Ich fand mein Mädchen einst allein Am Abend so, wie ich sie selten finde. Entkleidet sah ich sie; dem guten Kinde Fiel es nicht ein, Daß ich so nahe bei ihr sein, Neugierig sie betrachten könnte. Was sie mir nie zu sehn vergönnte, Des Busens volle Blüten wies Sie dem verschwiegnen, kalten Spiegel, ließ Das Haar geteilt von ihrem Scheitel fallen, Wie Rosenzweig' um Knospen, um den Busen wallen. Ganz außer mir vom niegefundnen Glück Sprang ich hervor. Jedoch wie schmollte Sie, da ich sie umarmen wollte. Zorn sprach ihr furchtsam wilder Blick, Die eine Hand stieß mich zurück, Die andre deckte das, was ich nicht sehen sollte. »Geh!« rief sie, »soll ich deine Kühnheit dir Verzeihen; eile weg von hier.« Ich fliehn? Von heißer Glut durchdrungen – Ohnmöglich – Diese schöne Zeit Von sich zu stoßen! Die Gelegenheit Kömmt nicht so leicht zurück. Voll Zärtlichkeit Den Arm um ihren Hals gezwungen, stand Ich neben ihrem Sessel, meine warme Hand Auf ihrem heißen Busen, den zuvor Sie nie berühret. Hoch empor Stieg er und trug die Hand mit sich empor, Dann sank mit einem tiefen Atemzug er wieder Und zog die Hand mit sich hernieder. So stand Dianens Jäger mutig da, Triumph gen Himmel hauchend, als er sah, Was ungestraft kein Sterblicher noch sah. Mein Mädchen schwieg und sah mich an; ein Zeichen, Die Grausamkeit fing' an, sich zu erweichen, Geschmolzen durch die Fühlbarkeit. O Mädchen, soll mit list'gen Streichen Kein Jüngling seinen Zweck erreichen, So müßt ihr niemals ruhig schweigen, Wenn ihr mit ihm alleine seid. Mein Arm umschlang mit angestrengten Sehnen Die weiche Hüfte. Fast – fast – doch des Sieges Lauf Hielt schnell ein glühnder Strom von Tränen Unwiderstehlich auf. Sie stürzt' mir um den Hals, rief schluchsend: »Rette Mich Unglückselige, die niemand retten kann Als du, Geliebter. Gott! ach hätte Dir nie dies Herz gebrannt! Ich sah dich, da begann Mein Elend; bald, bald ist's vollendet. O Mutter, welchen Lohn Gab ich den treuen Lehren, die du mir verschwendet, Dies Herz zu bilden! Mußte sich dein Drohn So fürchterlich erfüllen: Würd ich eine Tat Vor dir verhüllen, Deinen Rat Verachten, selbst mich weise dünken, Würd ich versinken. Ich sinke schon; o rette mich! – Sei stark, mein Freund, o rette dich! Wir beide sind verloren – Freund, Erbarmen!« Noch hielt ich sie in meinen Armen. Sie sah voll Angst rings um sich her. Wie Wellen auf dem Meer, Des Grund erbebte, schlug die Brust, dem Munde Entrauscht' ein Sturm. Sie seufzte: »Unschuld – ach, wie klang Dies Wort so lieblich, wenn in mitternächt'ger Stunde An meinem Haupt es mir mein Engel sang. Jetzt rauscht's wie ein Gewitterton vorüber.« Sie rief's. Es ward ihr Auge trüber, Sah sternenan. Sie betet': »Sieh Aus deiner Unschuldswohnung, Herr, auf mich herüber, Erbarme dich! Entzieh Der reißenden Gefahr mich. Du Vermagst's allein; der ist zu schwach dazu, Der Mensch, zu dem ich vor dir betete.« Naht euch, Verführer, deren Wange nie Von heil'gem Graun errötete, Wenn eure Hand gefühllos, wie Die Schnitter Blumen, Unschuld tötete, Und euer Siegerfuß, darüber tretend, sie Durch Hohn zum zweiten Male tötete, Naht euch. Betrachtet hie Der Vielgeliebten Tränen rollen; Hört ihre Seufzer, hört die feuervollen Gebete. Wehe dem, der dann Noch einen Wunsch zu ihrem Elend wollen, Noch einen Schritt zum Raube wagen kann! Es sank mein Arm, aus ihm zur Erd sie nieder, Ich betet, weint und riß mich los und floh. Den nächsten Tag fand ich sie wieder Bei ihrer Mutter, als sie froh Der freudbetränten Mutter Unschuldslieder Mit Engelstimmen sang. O Gott, wie drang ein Wonnestrahl durchs Herz mir! Nieder Zur Erde blickend stand Ich da. Sie faßt' mich bei der Hand, Führt' mich vertraulich auf die Seite Und sprach: »Dank es dem harten Streite, Daß du zur Sonn unschuldig blickst, Beim Anblick jener Heil'gen nicht erschrickst, Mich nicht verachtend von dir schickst. Freund, dieses ist der Tugend Lohn; O wärst du gestern tränend nicht entflohn, Du sähst mich heute Und ewig nie mit Freude.« Elegie auf den Tod des Bruders meines Freundes Im düstern Wald, auf der gespaltnen Eiche, Die einst der Donner hingestreckt, Sing ich um deines Bruders Leiche, Die fern von uns ein fremdes Grab bedeckt. Nah schon dem Herbste seiner Jahre, Hofft' er getrost der Taten Lohn; Doch unaufhaltsam trug die Bahre Ihn schnell davon. Du weinest nicht? – Dir nahm ein langes Scheiden Die Hoffnung, ihn hier noch einmal zu sehn. Gott ließ vor dir ihn zu dem Himmel gehn; Du sahst's und konntest nichts als ihn beneiden. Doch horch – Welch eine Stimm voll Schmerz Tönt in mein Ohr von seinem Grabe? Ich eil, ich seh, sie ist's! Ihr Herz Liegt mit in seinem Grabe. Verlassen, ohne Trost liegt hie, Mit ängstlicher Gebärde Zu Gott gekehrt, als hoffte sie, Das schönste Mädchen an der Erde. Nie hat ein Herz so viel gelitten, Herr, sieh herab auf ihre Not, Und schenke gnädig ihren Bitten Sein Leben oder ihren Tod. O Gott, bestrafest du die Liebe, Du Wesen voller Lieb und Huld? Denn nichts als eine heil'ge Liebe War dieser Unglücksel'gen Schuld. Sie hofft' im hochzeitlichen Kleide Bald mit ihm zum Altar zu ziehn; Da riß sein Fürst von ihrer Seite Tyrannisch ihn. O Fürst, du kannst die Menschen zwingen, Für dich allein ihr Leben zuzubringen, Das wird man deinem Stolz verzeihn; Doch willst du ihre Seelen binden, Durch dich zu denken, zu empfinden, Das muß zu Gott um Rache schrein. Wie ward sein großes Herz durchstochen, Als er, der nie sein Wort gebrochen, Sein Wort zum ersten Male brach, Zum ersten Mal es der Geliebten brach, Der, eh es noch sein Mund versprach, Sein Herz ein ewig Band versprochen. »Als Bürger der bedrängten Erde«, Sprach er, »kann ich nie deine sein; Doch von der Furcht, daß ich dir untreu werde, Soll dich mein Tod befrein. Leb wohl, es wein bei meinem Grabe Jed' zärtlich Herz, gerührt von meiner Treu, Dann eil die stolze Tyrannei, Der ich schon längst vergeben habe, Daß sie des Grabes Ursach sei, Unwillig fühlend, schnell vorbei.« Ode an Herrn Professor Zachariä Schon wälzen schnelle Räder rasselnd sich und tragen Dich von dem unbedau'rten Ort, Und angekettet fest an deinem Wagen Die Freude mit dir fort. Du bist uns kaum entwichen, und schwermütig ziehen Aus dumpfen Höhlen (denn dahin Flohn sie bei deiner Ankunft, wie fürm Glühen Der Sonne Nebel fliehn) Verdruß und Langeweile. Wie die Stymphaliden Umschwärmen sie den Tisch und sprühn Von ihren Fittichen Gift unserm Frieden Auf alle Speisen hin. Wo ist, sie zu verscheuchen, unser güt'ger Retter, Der Venus vielgeliebter Sohn, Apollos Liebling, Liebling aller Götter? Bebt! Er ist uns entflohn. O gäb er mir die Stärke, seine mächt'ge Leier Zu schlagen, die Apoll ihm gab; Ich rührte sie, dann flöhn die Ungeheuer Erschröckt zur Höll hinab. O leih mir, Sohn der Maja, deiner Ferse Schwingen, Die du sonst Sterblichen geliehn; Sie reißen mich aus diesem Elend, bringen Mich nach der Ocker hin. Dann folg ich ohnerwartet einstens ihm am Flusse; Jedoch so wenig staunet er, Als ging' ihm, angeheftet seinem Fuße, Sein Schatten hinterher. Von ihm dann unzertrennlich wärmt den jungen Busen Der Glanz, der glorreich ihn umgibt. Er liebet mich, dann lieben mich die Musen, Weil mich ihr Liebling liebt. An den Schlaf Der du mit deinem Mohne Selbst Götteraugen zwingst Und Bettler oft zum Throne, Zum Mädchen Schäfer bringst, Vernimm: Kein Traumgespinste Verlang ich heut von dir. Den größten deiner Dienste, Geliebter, leiste mir. An meines Mädchens Seite Sitz ich, ihr Aug spricht Lust, Und unter neid'scher Seide Steigt fühlbar ihre Brust; Oft hatte meinen Küssen Sie Amor zugebracht, Dies Glück muß ich vermissen, Die strenge Mutter wacht. Am Abend triffst du wieder Mich dort, o tritt herein, Sprüh Mohn von dem Gefieder, Da schlaf die Mutter ein: Bei blassem Lichterscheinen, Von Lieb Annette warm Sink, wie Mama in deinen, In meinen gier'gen Arm. Pygmalion Eine Romanze Es war einmal ein Hagenstolz, Der hieß Pygmalion; Er machte manches Bild von Holz. Von Marmor und von Ton. Und dieses war sein Zeitvertreib Und alle seine Lust. Kein junges, schönes, sanftes Weib Erwärmte seine Brust. Denn er war klug und furchte sehr Der Hörner schwer Gewicht; Denn schon seit vielen Jahren her Traut man den Weibern nicht. Doch es sei einer noch so wild, Gern wird er Mädchen sehn. Drum macht' er sich gar manches Bild Von Mädchen jung und schön. Einst hatt er sich ein Bild gemacht, Es staunte, wer es sah; Es stand in aller Schönheit Pracht Ein junges Mädchen da. Sie schien belebt und weich und warm, War nur von kaltem Stein; Die hohe Brust, der weiße Arm Lud zur Umarmung ein. Das Auge war empor gewandt, Halb auf zum Kuß der Mund. Er sah das Werk von seiner Hand, Und Amor schoß ihn wund. Er war von Liebe ganz erfüllt, Und was die Liebe tut! Er geht, umarmt das kalte Bild, Umarmet es mit Glut. Da trat ein guter Freund herein Und sah dem Narren zu, Sprach: »Du umarmest harten Stein, O welch ein Tor bist du! Ich kauft ein schönes Mädchen mir, Willst du, ich geb dir sie? Und sie gefällt gewißlich dir Weit besser als wie die. Sag, ob du es zufrieden bist –« Er sah es nun wohl ein, Ein Mädchen, das lebendig ist, Sei besser als von Stein. Er spricht zu seinem Freunde: »Ja.« Der geht und holt sie her. Er glühte schon, eh er sie sah, Jetzt glüht er zweimal mehr. Er atmet tief, sein Herze schlug, Er eilt, und ohne Trau Nimmt er – man ist nicht immer klug –, Nimmt er sie sich, zur Frau. Flieht, Freunde, ja die Liebe nicht, Denn niemand flieht ihr Reich: Und wenn euch Amor einmal kriegt, Dann ist es aus mit euch. Wer wild ist, alle Mädchen flieht, Sich unempfindlich glaubt, Dem ist, wenn er ein Mädchen sieht, Das Herze gleich geraubt. Drum seht oft Mädchen, küsset sie, Und liebt sie auch wohl gar, Gewöhnt euch dran, und werdet nie Ein Tor, wie jener war. Nun, lieben Freunde, merkt euch dies Und folget mir genau; Sonst straft euch Amor ganz gewiß Und gibt euch eine Frau. Die Liebhaber Mein Mädchen im Schatten der Laube, Umhangen von purpurner Traube, Bekränzte mit Rebenlaub sich Und wartete schmachtend auf mich. Da wallte der Herrscher der Träume Durch zitternde Wipfel der Bäume, Erblickte das liebliche Kind, Sank nieder, umarmt' es geschwind. Sie schlummert', er küßte die Wangen, Sie glühten von heißem Verlangen, Erhitzet, o Gottheit, von dir, Nach sterblichen Küssen von mir. Da saugte mit atmenden Zügen Annette das größte Vergnügen Der Träume, die Mädchen erfreun, Vom Munde des Göttlichen ein. Schnell war sie von Leuten umgeben, Die schmachteten seufzend nach Leben Und harreten zitternd aufs Glück Von einem beseelenden Blick. Da lag nun auf Knien die Menge, Mein Mädchen erblickt' das Gedränge Und hörte der Bittenden Schrei'n Und dünkte sich Venus zu sein. Erst sah sie den schrecklichen Sieger, Da lag er gebückt, wie ein Krieger, Den stärkerer Streitenden Macht In schimpfliche Fesseln gebracht. So sprach er: »Die mächtigen Waffen, Den Ruhm zu erobern geschaffen, Erheben, erwählest du mich, Auf deine Befehle nur sich. Da fürcht ich nicht Wäll, nicht Kanonen, Nicht Tonnen, die Minen bewohnen, Nicht Feinde, die scharenweis ziehn, Du sprichst nur: ›Entflieht!‹ – sie entfliehn. Doch mußt du für Eisen nicht beben, Mein Arm, den jetzt Waffen umgeben, Schließt sich in entwaffneter Ruh Auch sanften Umarmungen zu.« Der Kaufmann mit Putzwerk und Stoffen, Was eitele Mädchen nur hoffen, Trat näher und beugte sein Knie, Verbreitet' es hoffend vor sie; »Erhöre mich, werde die meine«, So sprach er, »dies alles ist deine, Dich kleid ich in herrlicher Pracht Dann, wenn du mich glücklich gemacht.« Der Stutzer im scheckigen Kleide Von Samt und von Gold und von Seide Kam summend wie Käfer im Mai Mit künstlichen Sprüngen herbei: »Du glänzest bei Ball und Konzerten, Du herrschest beim Spiel und in Gärten, Mein Dressenrock schimmert auf dich, Geliebteste, wähle du mich.« Noch andere kamen. Geschwinde Wies da mich dem göttlichen Kinde Der Traumgott. Sie schaute mich kaum: »Den lieb ich!« so rief sie im Traum, »Komm, eile! o komm, mich zu küssen!« Ich eilte, sie fest zu umschließen; Denn ich war ihr wachend schon nah, Und küssend erwachte sie da. Kein Pinsel malt unser Entzücken, Da sank sie mit sterbenden Blicken, O welche unsterbliche Lust! An meine hochfliegende Brust. So lag einst Vertumn' und Pomone, Als er auf dem grünenden Throne Das sprödeste Mädchen bekehrt, Zuerst sie die Liebe gelehrt. Annette an ihren Geliebten Ich sah, wie Doris bei Damöten stand, Er nahm sie zärtlich bei der Hand; Lang sahen sie einander an, Und sahn sich um, ob nicht die Eltern wachen, Und da sie niemand sahn, Geschwind – Genug, sie machten's, wie wir's machen. An einen jungen Prahler Dir hat, wie du mir selbst erzählt, Es nie an Phillis' Gunst gefehlt. Du sprichst, dir hab sie viel erlaubt Und du ihr noch weit mehr geraubt. Doch jetzt kommt sie, es wird sehr viel davon gesprochen, In wenig Tagen in die Wochen. Was könnte nun vom Argwohn dich befrein, Der Vater dieses Kinds zu sein? Wärst du nicht gar zu klein! Madrigal Mein Mädchen sagte mir: »Wie schön Ist nicht Olind! ich hab ihn heut gesehn, Lang sah ich ihn bewundernd an; Wer hätt ihn nicht bewundern sollen? Geliebter, du wirst doch nicht schmollen, Daß ich's getan?« Ich sprach: »Mein Herz fühlt nichts vom Neide, Was auch dein Mund für Lob der Schönheit gibt; Denn liebtest du die schönen Leute, Sprich, hättest du mich je geliebt?« Das Schreien Nach dem Italienischen Jüngst schlich ich meinem Mädchen nach, Und ohne Hindernis Umfaßt ich sie im Hain; sie sprach: »Laß mich, ich schrei gewiß.« Da droht ich trotzig: »Ha, ich will Den töten, der uns stört.« »Still«, winkt sie lispelnd, »Liebster, still, Damit dich niemand hört.« Madrigal Aus dem Französischen Climene lebt in tausend Sorgen, Daß heut den Schatz ihr Hymen mächtig raubt, Den sie der Liebe lang verborgen. O hätte sie längst meinem Rat geglaubt; Sie hätte jetzt nichts mehr zu sorgen. Madrigal Aus dem Französischen des Herrn von Voltaire Auch in die allergröbste Lügen Mischt oft ein Schein von Wahrheit sich. Ich war im Traum zum Königsrang gestiegen Und liebte dich, Erklärt es kühn zu deinen Füßen. Doch mit dem Traum verließ nicht alles mich; Nichts als mein Reich ward mir entrissen. An meine Lieder Seid, geliebte kleine Lieder, Zeugen meiner Fröhlichkeit; Ach sie kömmt gewiß nicht wieder, Dieser Tage Frühlingszeit. Bald entflieht der Freund der Scherze, Er, dem ich euch sang, mein Freund. Ach, daß auch vielleicht dies Herze Bald um meine Liebste weint! Doch wenn nach der Trennung Leiden Einst auf euch ihr Auge blickt, Dann erinnert sie der Freuden, Die uns sonst vereint erquickt.