Wilhelm Busch Schein und Sein Nachgelassene Gedichte Schein und Sein Mein Kind, es sind allhier die Dinge, Gleichviel, ob große, ob geringe, Im wesentlichen so verpackt, Daß man sie nicht wie Nüsse knackt. Wie wolltest du dich unterwinden, Kurzweg die Menschen zu ergründen. Du kennst sie nur von außenwärts. Du siehst die Weste, nicht das Herz. Woher, wohin? Wo sich Ewigkeiten dehnen, Hören die Gedanken auf, Nur der Herzen frommes Sehnen Ahnt, was ohne Zeitenlauf. Wo wir waren, wo wir bleiben, Sagt kein kluges Menschenwort; Doch die Grübelgeister schreiben: Bist du weg, so bleibe fort. Laß dich nicht aufs neu gelüsten. Was geschah, es wird geschehn. Ewig an des Lebens Küsten Wirst du scheiternd untergehn. Der Stern Hätt einer auch fast mehr Verstand, Als wie die drei Weisen aus Morgenland, Und ließe sich dünken, er wär wohl nie Dem Sternlein nachgereist wie sie; Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest Seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt, Fällt auch auf sein verständig Gesicht, Er mag es merken oder nicht, Ein freundlicher Strahl Des Wundersternes von dazumal. Leider! So ist's in alter Zeit gewesen, So ist es, fürcht ich, auch noch heut. Wer nicht besonders auserlesen, Dem macht die Tugend Schwierigkeit. Aufsteigend mußt du dich bemühen, Doch ohne Mühe sinkest du. Der liebe Gott muß immer ziehen, Dem Teufel fällt's von selber zu. Selbstgefällig Mein Büdelein Is noch so tlein, Is noch so dumm, Ein ames Wum, Muß tille liegen In seine Wiegen Und hat noch keine Hos'. Ätsch, ätsch! Und ich bin schon so goß. Zum Geburtstag im Juni Den Jahreszeiten allen Selbviert sei Preis und Ehr! Nur sag ich: Mir gefallen Sie minder oder mehr. Der Frühling wird ja immer Gerühmt, wie sich's gebührt, Weil er mit grünem Schimmer Die graue Welt verziert. Doch hat in unsrer Zone Er durch den Reif der Nacht Schon manche grüne Bohne Und Gurke umgebracht. Stets wird auch Ruhm erwerben Der Herbst, vorausgesetzt, Daß er mit vollen Körben Uns Aug und Mund ergötzt. Indes durch leises Tupfen Gemahnt er uns bereits: Bald, Kinder, kommt der Schnupfen Und 's Gripperl seinerseits. Der Winter kommt. Es blasen Die Winde scharf und kühl; Rot werden alle Nasen, Und Kohlen braucht man viel. Nein, mir gefällt am besten Das, was der Sommer bringt, Wenn auf belaubten Ästen Die Schar der Vöglein singt. Wenn Rosen, zahm und wilde, In vollster Blüte stehn, Wenn über Lustgefilde Zephire kosend wehn. Und wollt' mich einer fragen, Wann's mir im Sommer dann Besonders tät behagen, Den Juni gäb ich an. Und wieder dann darunter Den selben Tag gerad, Wo einst ein Kindlein munter Zuerst zutage trat. Drum flattert dies Gedichtchen Jetzt über Berg und Tal Und grüßt das liebe Nichtchen Vom Onkel tausendmal. Abschied 1 Die Bäume hören auf zu blühn, Mein Schatz will in die Fremde ziehn; Mein Schatz der sprach ein bittres Wort: Du bleibst nun hier, aber ich muß fort. Leb wohl, mein Schatz, ich bleib dir treu, Wo du auch bist, wo ich auch sei. Bei Regen und bei Sonnenschein, So lang ich lebe, gedenk ich dein. So lang ich lebe, lieb ich dich, Und wenn ich sterbe, bet für mich, Und wenn du kommst zu meinem Grab, So denk, daß ich dich geliebet hab. Fußnoten 1 Einst in München geschrieben als Ergänzung zu der letzten Strophe, die Freund Kremplsetzer, der das Ganze komponierte, aus dem Volksmunde behalten hatte. Unbeliebtes Wunder In Tours, zu Bischof Martins Zeit, Gab's Krüppel viel und Bettelleut. Darunter auch ein Ehepaar, Was glücklich und zufrieden war. Er, sonst gesund, war blind und stumm; Sie sehend, aber lahm und krumm An jedem Glied, bis auf die Zunge Und eine unverletzte Lunge. Das paßte schön. Sie reitet ihn Und, selbstverständlich, leitet ihn Als ein geduldig Satteltier, Sie obenauf, er unter ihr, Ganz einfach mit geringer Müh, Bloß durch die Worte Hott und Hüh, Bald so, bald so, vor allen Dingen Dahin, wo grad die Leute gingen. Fast jeder, der's noch nicht gesehn, Bleibt unwillkürlich stille stehn, Ruft: »Lieber Gott, was ist denn das?« Greift in den Sack, gibt ihnen was Und denkt noch lange gern und heiter An dieses Roß und diesen Reiter. So hätten denn gewiß die zwei Durch fortgesetzte Bettelei, Vereint in solcherlei Gestalt, Auch ferner ihren Unterhalt, Ja, ein Vermögen, sich erworben, Wär' Bischof Martin nicht gestorben. Als dieser nun gestorben war, Legt man ihn auf die Totenbahr Und tät' ihn unter Weheklagen Fein langsam nach dem Dome tragen Zu seiner wohlverdienten Ruh. Und sieh, ein Wunder trug sich zu. Da, wo der Zug vorüber kam, Wer irgend blind, wer irgend lahm, Der fühlte sich sogleich genesen, Als ob er niemals krank gewesen. Oh, wie erschrak die lahme Frau! Von weitem schon sah sie's genau, Weil sie hoch oben, wie gewohnt, Auf des Gemahles Rücken thront. »Lauf«, rief sie, »laufe schnell von hinnen, Damit wir noch beizeit entrinnen.« Er läuft, er stößt an einen Stein, Er fällt und bricht beinah ein Bein. Die Prozession ist auch schon da. Sie zieht vorbei. Der Blinde sah, Die Lahme, ebenfalls kuriert, Kann gehn, als wie mit Öl geschmiert, Und beide sind wie neu geboren Und kratzen sich verdutzt die Ohren. Jetzt fragt es sich: Was aber nun? Wer leben will, der muß was tun. Denn wer kein Geld sein eigen nennt Und hat zum Betteln kein Talent Und hält zum Stehlen sich zu fein Und mag auch nicht im Kloster sein, Der ist fürwahr nicht zu beneiden. Das überlegten sich die beiden. Sie, sehr begabt, wird eine fesche, Gesuchte Plätterin der Wäsche. Er, mehr beschränkt, nahm eine Axt Und spaltet Klötze, daß es knackst, Von morgens früh bis in die Nacht. Das hat Sankt Martin gut gemacht. Der Renommist In einem Winkel, genannt die Butze, Wo allerlei Kram, Der nichts mehr nutze, Zuammenkam; Bei alten Hüten, alten Vasen, Bei Töpfen, ohne Henkel und Nasen, Befand sich ein Reiterstiefel auch, Jetzt nur noch ein faltiger Lederschlauch. Großmächtig hat er das Wort geführt Und ganz gewaltiglich renommiert: »Ha, damals! Ich und mein Kamerad! Immer fein gewichst von hinten und vorn, Blitzblank der Sporn, Durch die Straßen geklirrt, Alle Herzen verwirrt, Es war ein Staat! Hurra, der Krieg, Maustot oder Sieg! Unser Herr Leutenant, Schneidig, Schwert in der Hand; Doch hätt ich nicht gespornt sein Pferd, Verloren wär die Schlacht von Wörth.« In dem Moment, zu aller Schrecke, Trat plötzlich hervor aus seiner Ecke Ein strammer Reiserbesen. »Hinaus!« rief er, »du alter Renommist! Was schert es uns, was du gewesen; Wir sehen, was du bist!« – Ein Schubbs. Ein Schwung. Der Stiefel liegt draußen auf dem Dung. Waldfrevel Ein hübsches Pärchen ging einmal Tief in des Waldes Gründe. Sie pflückte Beeren ohne Zahl, Er schnitt was in die Rinde. Der pflichtgetreue Förster sieht's. Was sind das für Geschichten? Er zieht sein Buch, er nimmt Notiz Und wird den Fall berichten. Doppelte Freude Ein Herr warf einem Bettelmann Fünf Groschen in den Felber. Das tat dem andern wohl, und dann Tat es auch wohl ihm selber. Der eine, weil er gar so gut, Kann sich von Herzen loben; Der andre trinkt sich frischen Mut Und fühlt sich auch gehoben. So und so Zur Schenke lenkt mit Wohlbehagen Er jeden Abend seinen Schritt Und bleibt, bis daß die Lerchen schlagen. Er singt die letzte Strophe mit. Dagegen ist es zu beklagen, Daß er die Kirche nie betritt. Hier, leider, kann man niemals sagen: Er singt die letzte Strophe mit. Greulich Er hatte, was sich nicht gehört, Drei Bräute an der Zahl Und nahm, nachdem er sie betört, 'ne vierte zum Gemahl. Allein, es war ein kurzes Glück. Kaum waren sie getraut, So hat der Hund auch diesen Strick Schon wieder abgekaut. Empfehlung Du bist nervös. Drum lies doch mal Das Buch, das man dir anempfahl. Es ist beinah, wie eine Reise Im alten, wohlbekannten Gleise. Der Weg ist grad und flach das Land, Rechts, links und unten nichts wie Sand. Kein Räderlärm verbittert dich, Kein harter Stoß erschüttert dich, Und bald umfängt dich sanft und kühl Ein Kaumvorhandenseinsgefühl. Du bist behaglich eingenickt. Dann, wenn du angenehm erquickt, Kehrst du beim »stillen Wirte« ein. Da gibt es weder Bier noch Wein. Du schlürfst ein wenig Äpfelmost, Ißt eine leichte Löffelkost Mit wenig Fett und vieler Grütze, Gehst früh zu Bett in spitzer Mütze Und trinkst zuletzt ein Gläschen Wasser. Schlaf wohl, und segne den Verfasser! Zum Geburtstag Der Juni kam. Lind weht die Luft. Geschoren ist der Rasen. Ein wonnevoller Rosenduft Dringt tief in alle Nasen. Manch angenehmes Vögelein Sitzt flötend auf den Bäumen, Indes die Jungen, zart und klein, Im warmen Neste träumen. Flugs kommt denn auch dahergerennt, Schon früh im Morgentaue, Mit seinem alten Instrument Der Musikant, der graue. Im Juni, wie er das gewohnt, Besucht er einen Garten, Um der Signora, die da thront, Mit Tönen aufzuwarten. Er räuspert sich, er macht sich lang, Er singt und streicht die Fiedel, Er singt, was er schon öfter sang; Du kennst das alte Liedel. Und wenn du gut geschlafen hast Und lächelst hold hernieder, Dann kommt der Kerl, ich fürchte fast, Zum nächsten Juni wieder. Modern Hinweg mit diesen alten Herrn, Sie sind zu nichts mehr nütz! So rufen sie und nähmen gern Das Erbe in Besitz. Wie andre Erben, die in Not, Vergeblich warten sie. Der alte reiche Hoffetot, Der stirbt bekanntlich nie. Der fremde Hund Was fällt da im Boskettgesträuch Dem fremden Hunde ein? Geht man vorbei, so bellt er gleich Und scheint wie toll zu sein. Der Gärtner holt die Flinte her. Es knallt im Augenblick. Der arme Hund, getroffen schwer, Wankt ins Gebüsch zurück. Vier kleine Hündchen liegen hier Nackt, blind und unbewußt. Sie saugen emsig alle vier An einer toten Brust. So war's Der Teetopf war so wunderschön, Sie liebt ihn, wie ihr Leben. Sie hat ihm leider aus Versehn Den Todesstoß gegeben. Was sie für Kummer da empfand, Nie wird sie es vergessen. Sie hielt die Scherben aneinand Und sprach: So hat's gesessen! Die Nachbarskinder Wer andern gar zu wenig traut, Hat Angst an allen Ecken; Wer gar zu viel auf andre baut, Erwacht mit Schrecken. Es trennt sie nur ein leichter Zaun, Die beiden Sorgengründer; Zu wenig und zu viel Vertraun Sind Nachbarskinder. Von selbst Spare deine guten Lehren Für den eigenen Genuß. Kaum auch wirst du wen bekehren, Zeigst du, wie man's machen muß. Laß ihn im Galoppe tollen, Reite ruhig deinen Trab. Ein zu ungestümes Wollen Wirft von selbst den Reiter ab. Beneidenswert Sahst du noch nie die ungemeine Und hohe Kunstgelenkigkeit, Sowohl der Flügel, wie der Beine, Im Tierbereich mit stillem Neid? Sieh nur, wie aus dem Feldgeklüfte Auf seinen Schwingen wunderbar Bis zu den Wolken durch die Lüfte In stolzen Kreisen schwebt der Aar. Sieh nur das Tierchen, das geringe, Das zu benennen sich nicht ziemt, Es ist durch seine Meistersprünge, Wenn nicht beliebt, so doch berühmt. Leicht zu erlegen diese beiden, Das schlag dir lieber aus dem Sinn. Wer es versucht, der wird bescheiden, Sei's Jäger oder Jägerin. Auch er Rührend schöne Herzgeschichten, Die ihm vor der Seele schweben, Weiß der Dichter zu berichten. Wovon aber soll er leben? Was er fein zusammenharkte, Sauber eingebundne Werklein, Führt er eben auch zum Markte, Wie der Bauer seine Ferklein. Die alte Sorge Er kriegte Geld. Die Sorge wich, Die ihn bisher beklommen. Er hat die Jungfer Fröhlich sich Zu seinem Schatz genommen. Sie tranken Wein, sie aßen fein, Sie sangen zum Klaviere; Doch wie sie sich so recht erfreun, Da klopft es an die Türe. Die alte Sorge war's, o weh, Die magerste der Sorgen. Sie setzte sich ins Kanapee Und wünschte guten Morgen. Wanderlust Die Zeit, sie orgelt emsig weiter, Sein Liedchen singt dir jeder Tag, Vermischt mit Tönen, die nicht heiter, Wo keiner was von hören mag. Sie klingen fort. Und mit den Jahren Wird draus ein voller Singverein. Es ist, um aus der Haut zu fahren. Du möchtest gern wo anders sein. Nun gut. Du mußt ja doch verreisen. So fülle denn den Wanderschlauch. Vielleicht vernimmst du neue Weisen, Und Hühneraugen kriegst du auch. Gedankenvoll Ich weiß ein stilles Fensterlein Liegt heimlich und versteckt, Das hat mit Laub der grüne Wein Und Ranken überdeckt. Im Laube spielt der Sommerwind, Die Rebe schwankt und nickt, Dahinter sitzt ein hübsches Kind Gedankenvoll und stickt. Im jugendklaren Angesicht Blüht wundersüß der Mund Als wie ein Rosenknösplein licht Früh in der Morgenstund. Im Netzgeflecht das blonde Haar Umfaßt ein braunes Band, Das liebe blaue Augenpaar Blickt sinnend auf die Hand. Und 's Köpfchen scheint so still zu sein. Ist doch ein Taubenschlag. Gedanken fliegen aus und ein Den lieben langen Tag. Sie fliegen über Wald und Flur Ins weite Land hinaus. Ach, käm ein einzig Täubchen nur Und flöge in mein Haus. Vielleicht Sage nie: Dann soll's geschehen! Öffne dir ein Hinterpförtchen Durch »Vielleicht«, das nette Wörtchen, Oder sag: Ich will mal sehen! Denk an des Geschickes Walten. Wie die Schiffer auf den Plänen Ihrer Fahrten stets erwähnen: Wind und Wetter vorbehalten! Niemals Wonach du sehnlich ausgeschaut, Es wurde dir beschieden. Du triumphierst und jubelst laut: Jetzt hab ich endlich Frieden! Ach, Freundchen, rede nicht so wild. Bezähme deine Zunge. Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, Kriegt augenblicklich Junge. Eitelkeit Ein Töpfchen stand im Dunkeln An stillverborgener Stelle. Ha, rief es, wie wollt ich funkeln, Käm ich nur mal ins Helle. Ihm geht es., wie vielen Narren. Säß einer auch hinten im Winkel, So hat er doch seinen Sparren Und seinen aparten Dünkel. Beruhigt Zwei mal zwei gleich vier ist Wahrheit. Schade, daß sie leicht und leer ist, Denn ich wollte lieber Klarheit Über das, was voll und schwer ist. Emsig sucht ich aufzufinden, Was im tiefsten Grunde wurzelt, Lief umher nach allen Winden Und bin oft dabei gepurzelt. Endlich baut ich eine Hütte. Still nun zwischen ihren Wänden Sitz ich in der Welten Mitte, Unbekümmert um die Enden. Fehlgeschossen Fritz war ein kecker Junge Und sehr geläufig mit der Zunge. Einstmals ist er beim Ährenlesen Draußen im Felde gewesen, Wo die Weizengarben, je zu zehn, Wie Häuslein in der Reihe stehn. Ein Wetter zog herauf. Da heißt es: Lauf! Und flink, wie ein Mäuslein Schlüpft er ins nächste Halmenhäuslein. Krach! – Potztausendnochmal! Dicht daneben zündet der Wetterstrahl. Ätsch! rief der Junge, der nicht bange, Und streckt die Zunge aus, die lange: Fehlgeschossen, Herr Blitz! Hier saß der Fritz! Unbillig Nahmst du in diesem großen Haus Nicht selbst Quartier? Mißfällt es dir, so zieh doch aus. Wer hält dich hier? Und schimpfe auf die Welt, mein Sohn, Nicht gar zu laut. Eh du geboren, hast du schon Mit dran gebaut. Er ist mal so Zwar mit seinem losen Mund Neigt er zum Krakeele. Dabei ist er doch im Grund Eine treue Seele. Die er seine Freunde nennt, Dulden seine Witze, Denn ein jeder, der ihn kennt, Kennt auch seine Mütze. Befriedigt Er g'hört, als eines von den Lichtern, Die höher stets und höher steigen, Bereits zu unsern besten Dichtern, Das läßt sich leider nicht verschweigen. Was weiß man von den Sittenrichtern? – Er lebt von seiner Frau geschieden, Hat Schulden, ist nicht immer nüchtern – Aha, jetzt sind wir schon zufrieden! Verzeihlich Er ist ein Dichter, also eitel. Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm, Zieht er aus seinem Lügenbeutel So allerlei Brimborium. Juwelen, Gold und stolze Namen, Ein hohes Schloß im Mondenschein Und schöne, höchstverliebte Damen, Dies alles nennt der Dichter sein. Indessen ist ein enges Stübchen Sein ungeheizter Aufenthalt. Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen, Und seine Füße werden kalt. Gestört Ich gedachte still zu sitzen, Doch sogleich begann das Treiben: Du mußt gehen, laufen, schwitzen, Um so forsch, wie wir, zu bleiben. Und sie wollten mir nach ihrer Mode keine Ruhe gönnen, Gleich wie Boten und Hausierer Sollt ich hin und wieder rennen. Ich besah mir diese Geister, Diese ungestümen Treiber. Oft sind solche weisen Meister Grad die ärgsten Klageweiber. Armer Haushalt Weh, wer ohne rechte Mittel Sich der Poesie vermählt. Täglich dünner wird der Kittel, Und die Milch im Hause fehlt. Ängstlich schwitzend muß er sitzen, Fort ist seine Seelenruh, Und vergeblich an den Zitzen Zupft er seine magre Kuh. Ärgerlich Aus der Mühle schaut der Müller, Der so gerne mahlen will. Stiller wird der Wind und stiller, Und die Mühle stehet still. So geht's immer, wie ich finde, Rief der Müller voller Zorn. Hat man Korn, so fehlt's am Winde, Hat man Wind, so fehlt das Korn. Gedrungen Schnell wachsende Keime Welken geschwinde; Zu lange Bäume Brechen im Winde. Schätz nach der Länge Nicht das Entsprungne; Fest im Gedränge Steht das Gedrungne. Im Sommer In Sommerbäder Reist jetzt ein jeder Und lebt famos. Der arme Dokter, Zu Hause hockt er Patientenlos. Von Winterszenen, Von schrecklich schönen, Träumt sein Gemüt, Wenn, Dank ihr Götter, Bei Hundewetter Sein Weizen blüht. Künftig O komm herbei, du goldne Zeit, Wenn alle, die jetzt bummeln, In schöner Unparteilichkeit Sich bei der Arbeit tummeln. Der Lärm, womit der Musikant Uns stört, wird dann geringer. Wer Dünger fuhr, wer Garben band, Dem krümmen sich die Finger. Vergeblich Schon recht. Du willst als Philosoph Die Wahrheit dir gewinnen; Du machst mit Worten ihr den Hof, Um so sie einzuspinnen. Nur sage nicht, daß zwischen dir Und ihr schon alles richtig. Sie ist und bleibt, das wissen wir, Jungfräulich, keusch und züchtig. Versäumt Zur Arbeit ist kein Bub geschaffen, Das Lernen findet er nicht schön; Er möchte träumen, möchte gaffen Und Vogelnester suchen gehn. Er liebt es, lang im Bett zu liegen. Und wie es halt im Leben geht: Grad zu den frühen Morgenzügen Kommt man am leichtesten zu spät. Wassermuhmen In dem See die Wassermuhmen Wollen ihr Vergnügen haben, Fangen Mädchen sich und Knaben, Machen Frösche draus und Blumen. Wie die Blümlein zierlich knicksen, Wie die Fröschlein zärtlich quaken, Wie sie flüstern, wie sie schnacken, So was freut die alten Nixen. Das Blut Wie ein Kranker, den das Fieber Heiß gemacht und aufgeregt, Sich herüber und hinüber Auf die andre Seite legt – So die Welt. Vor Haß und Hader Hat sie niemals noch geruht. Immerfort durch jede Ader Tobt das alte Sünderblut. So nicht Ums Paradies ging eine Mauer Hübsch hoch vom besten Marmelstein. Der Kain, als ein Bub ein schlauer, Denkt sich: »Ich komme doch hinein.« Er stieg hinauf zu diesem Zwecke An einer Leiter mäuschenstumm. Da schlich der Teufel um die Ecke Und stieß ihn samt der Leiter um. Der Vater Adam, der's gesehen, Sprach, während er ihn liegen ließ: »Du Schlingel! Dir ist recht geschehen. So kommt man nicht ins Paradies.« Bis auf weiters Das Messer blitzt, die Schweine schrein, Man muß sie halt benutzen, Denn jeder denkt: »Wozu das Schwein, Wenn wir es nicht verputzen?« Und jeder schmunzelt, jeder nagt Nach Art der Kannibalen, Bis man dereinst Pfui Teufel! sagt Zum Schinken aus Westfalen. Gründer Geschäftig sind die Menschenkinder, Die große Zunft von kleinen Meistern, Als Mitbegründer, Miterfinder Sich diese Welt zurechtzukleistern. Nur leider kann man sich nicht einen, Wie man das Ding am besten mache. Das Bauen mit belebten Steinen Ist eine höchst verzwickte Sache. Welch ein Gedrängel und Getriebe Von Lieb und Haß bei Nacht und Tage, Und unaufhörlich setzt es Hiebe, Und unaufhörlich tönt die Klage. Gottlob, es gibt auch stille Leute, Die meiden dies Gewühl und hassen's Und bauen auf der andern Seite Sich eine Welt des Unterlassens. Laß ihn Er ist verliebt, laß ihn gewähren, Bekümmre dich um dein Pläsier, Und kommst du gar, ihn zu bekehren, Wirft er dich sicher vor die Tür. Mit Gründen ist da nichts zu machen. Was einer mag, ist seine Sach, Denn kurz gesagt: In Herzenssachen Geht jeder seiner Nase nach. Entrüstet Zu gräßlich hatt' er mich geneckt. Wie weh war mir zu Sinn. Und tief gekränkt und aufgeschreckt Zum Kirchhof lief ich hin. Ich saß auf einem Leichenstein, Die Augen weint ich rot. Ach lieber Gott, erbarm dich mein Und mach mich endlich tot. Sieht er mich dann in meinem Sarg, So wird er lebenssatt Und stirbt vor Gram, weil er so arg Mein Herz behandelt hat. Kaum war's gesagt, so legten sich Zwei Arme um mich her, Und auf der Stelle fühlte ich, Wer das getan, war er. Wir kehrten Arm in Arm zurück. Ich sah ihn an bei Licht. Nein, solchen treuen Liebesblick Hat doch kein Bösewicht. Wiedergeburt Wer nicht will, wird nie zunichte, Kehrt beständig wieder heim. Frisch herauf zum alten Lichte Dringt der neue Lebenskeim. Keiner fürchte zu versinken, Der ins tiefe Dunkel fährt. Tausend Möglichkeiten winken Ihm, der gerne wiederkehrt. Dennoch seh ich dich erbeben, Eh du in die Urne langst. Weil dir bange vor dem Leben, Hast du vor dem Tode Angst. Frisch gewagt Es kamen mal zwei Knaben An einen breiten Graben. Der erste sprang hinüber, Schlankweg je eh'r je lieber. War das nicht keck? Der zweite, fein besonnen, Eh er das Werk begonnen, Sprang in den Dreck. Immerfort Das Sonnenstäubchen fern im Raume, Das Tröpfchen, das im Grase blinkt, Das dürre Blättchen, das vom Baume Im Hauch des Windes niedersinkt – Ein jedes wirkt an seinem Örtchen Still weiter, wie es muß und mag, Ja, selbst ein leises Flüsterwörtchen Klingt fort bis an den jüngsten Tag. Glückspilz Geboren ward er ohne Wehen Bei Leuten, die mit Geld versehen. Er schwänzt die Schule, lernt nicht viel, Hat Glück bei Weibern und im Spiel, Nimmt eine Frau sich, eine schöne, Erzeugt mit ihr zwei kluge Söhne, Hat Appetit, kriegt einen Bauch, Und einen Orden kriegt er auch, Und stirbt, nachdem er aufgespeichert Ein paar Milliönchen, hochbetagt; Obgleich ein jeder weiß und sagt: Er war mit Dummerjan geräuchert! Verfrüht Papa, nicht wahr, Im nächsten Jahr, Wenn ich erst groß Und lesen kann und schreiben kann, Dann krieg ich einen hübschen Mann Mit einer Ticktackuhr An einer goldnen Schnur. Der nimmt mich auf den Schoß Und sagt zu mir: Mein Engel, Und gibt mir Zuckerkrengel Und Kuchen und Pasteten. Nicht wahr, Papa? Der Vater brummt: Na, na, Was ist das für Gefabel. Die Vögel, die dann flöten, Die haben noch keinen Schnabel. Tröstlich Die Lehre von der Wiederkehr Ist zweifelhaften Sinns. Es fragt sich sehr, ob man nachher Noch sagen kann: Ich bin's. Allein was tut's, wenn mit der Zeit Sich ändert die Gestalt? Die Fähigkeit zu Lust und Leid Vergeht wohl nicht so bald. Vertraut Wie liegt die Welt so frisch und tauig Vor mir im Morgensonnenschein. Entzückt vom hohen Hügel schau ich Ins frühlingsgrüne Tal hinein. Mit allen Kreaturen bin ich In schönster Seelenharmonie. Wir sind verwandt, ich fühl es innig, Und eben darum lieb ich sie. Und wird auch mal der Himmel grauer; Wer voll Vertraun die Welt besieht, Den freut es, wenn ein Regenschauer Mit Sturm und Blitz vorüberzieht. Nörgeln Nörgeln ist das Allerschlimmste, Keiner ist davon erbaut; Keiner fährt, und wär's der Dümmste, Gern aus seiner werten Haut. Unfrei Ganz richtig, diese Welt ist nichtig. Auch du, der in Person erscheint, Bist ebenfalls nicht gar so wichtig, Wie deine Eitelkeit vermeint. Was hilft es dir, damit zu prahlen, Daß du ein freies Menschenkind? Mußt du nicht pünktlich Steuern zahlen, Obwohl sie dir zuwider sind? Wärst du vielleicht auch, sozusagen, Erhaben über Gut und Schlecht, Trotzdem behandelt dich dein Magen Als ganz gemeinen Futterknecht. Lang bleibst du überhaupt nicht munter. Das Alter kommt und zieht dich krumm Und stößt dich rücksichslos hinunter Ins dunkle Sammelsurium. Daselbst umfängt dich das Gewimmel Der Unsichtbaren, wie zuerst, Eh du erschienst, und nur der Himmel Weiß, ob und wann du wiederkehrst. Zwei Jungfern Zwei Jungfern gibt es in Dorf und Stadt, Sie leben beständig im Kriege, Die Wahrheit, die niemand gerne hat, Und die scharmante Lüge. Vor jener, weil sie stolz und prüd Und voll moralischer Nücken, Sucht jeder, der sie nur kommen sieht, Sich schleunigst wegzudrücken. Die andre, obwohl ihr nicht zu traun, Wird täglich beliebter und kecker, Und wenn wir sie von hinten beschaun, So hat sie einen Höcker. Bös und gut Wie kam ich nur aus jenem Frieden Ins Weltgetös? Was einst vereint, hat sich geschieden, Und das ist bös. Nun bin ich nicht geneigt zum Geben, Nun heißt es: Nimm! Ja, ich muß töten, um zu leben, Und das ist schlimm. Doch eine Sehnsucht blieb zurücke, Die niemals ruht. Sie zieht mich heim zum alten Glücke, Und das ist gut. Immerhin Mein Herz, sei nicht beklommen, Noch wird die Welt nicht alt. Der Frühling ist wiedergekommen, Frisch grünt der deutsche Wald. Seit Ururvätertagen Stehen die Eichen am See, Die Nachtigallen schlagen, Zur Tränke kommt das Reh. Die Sonne geht auf und unter Schon lange vieltausendmal, Noch immer eilen so munter Die Bächlein ins blühende Tal. Hier lieg ich im weichen Moose Unter dem rauschenden Baum, Die Zeit, die wesenlose, Verschwindet als wie ein Traum. Von kühlen Schatten umdämmert, Versink ich in selige Ruh; Ein Specht, der lustig hämmert, Nickt mir vertraulich zu. Mir ist, als ob er riefe: Heija, mein guter Gesell, Für ewig aus dunkler Tiefe Sprudelt der Lebensquell. Unbequem Ernst und dringend folgt mir eine Mahnung nach auf Schritt und Tritt: Sorge nicht nur für das Deine, Sondern für das andre mit. Demnach soll ich unterlassen, Was mir von Natur genehm, Um das Gute zu erfassen? Ei, das ist mal unbequem. Erbauliche Bescheidenheit Sehr schlecht befand sich Mutter Klöhn. Sie kann nicht gehn, Ist krumm und lahm Und liegt zu Bett und rührt sich nicht. Seit zwanzig Jahren hat sie schon die Gicht. Herr Küster Bötel, welcher häufig kam, Um gute Bessrung ihr zu wünschen, Erzählt ihr auch des weitern, Um sie ein wenig zu erheitern, Die Mordgeschichte, die man jüngst verbrochen. Ja, denken Sie nur mal, Der Präsident von Frankreich ist erstochen Von einem Strolch Mit einem Dolch. Ist das nicht ein Skandal? Oh, Lü und Kinners, rief sie voller Graun, Wat gift et doch vär Minschen. Sau wat könn eck doch nich e daun!! Herr Bötel sprach und sah sie freundlich an: Dies Wort von Ihnen mag ich leiden. Ein guter Mensch ist niemals unbescheiden Und tut nicht mehr als was er kann. Adieu, Frau Klöhn! Auf fröhlich Wiedersehn! Rechthaber Seine Meinung ist die rechte, Wenn er spricht, müßt ihr verstummen, Sonst erklärt er euch für Schlechte, Oder nennt euch gar die Dummen. Leider sind dergleichen Strolche Keine seltene Erscheinung. Wer nicht taub, der meidet solche Ritter von der eignen Meinung. Ich bin Papa Mitunter schwitzen muß der Schreiner, Er stößt auf manchen harten Ast. So geht es auch, wenn unsereiner Sich mit der Grübelei befaßt. Zum Glück hat meine gute Frau, Die liebevoll an alles denkt, Mir einen kleinen Fritz geschenkt, Denn oft erfreut mich dieser Knabe Durch seinen kindlichen Radau, Wenn ich so meine Schrullen habe. Heut mittag gab es wieder mal Mein Leibgericht, gespickten Aal, Und wie ich dann zur Körperpflege, Die Weste auf, die Augen zu, Die Hände friedlich auf dem Magen Im Polsterstuhl mich niederlege, Oh weh, ein Schwarm von dummen Fragen Verscheucht die heißersehnte Ruh. Ach, wird es mir denn niemals klar, Wo ich gewesen, eh ich war? Schwamm ich, verkrümelt in Atome, Gedankenlos im Wirbelstrome, Bis ich am Ende mich verdichtet Zu einer denkenden Person? Und jetzt, was hab ich ausgerichtet? Was war der Mühe karger Lohn? Das Geld ist rar, die Kurse sinken, Dagegen steigt der Preis der Schinken. Fast jeden Morgen klagt die Mutter: Ach Herr, wie teuer ist die Butter! Ja, selbst der Vater wird gerührt, Wenn er sein kleines Brötchen schmiert. Und doch, trotz dieser Seelenleiden, Will keiner gern von hinnen scheiden. Wer weiß? Ei sieh, wer kommt denn da? Hallo, der Fritz! Nun wird es heiter, Nun machen wir den Eselreiter. Flugs stell ich mich auf alle Viere, Indem ich auf und ab marschiere, Und rufe kräftig mein Ih – ah! Vor Wähligkeit und Übermut. Ih – ah! Die Welt ist nicht so übel. Wozu das närrische Gegrübel? Ich bin Papa, und damit gut. Gründliche Heilung Es saß der fromme Meister Mit Weib und Kind bei Tisch. Ach, seine Lebensgeister Sind nicht wie sonst so frisch. Er sitzt mit krummem Nacken Vor seinem Leibgericht, Er hält sich beide Backen, Worin es heftig sticht. Das brennt wie heiße Kohlen. Au, schreit er, au, verdammt! Der Teufel soll sie holen, Die Zähne allesamt! Doch gleich, wie es in Nöten Wohl öfter schon geschah, Begann er laut zu beten: Hilf, Apollonia! Kaum, daß aus voller Seele Er diesen Spruch getan, Fällt aus des Mundes Höhle Ihm plötzlich jeder Zahn. Und schmerzlos, Dank dem Himmel, Schmaust er, wie 's sonst der Brauch, Nur war es mehr Gemümmel, Und lispeln tät er auch. Pohsit! Wie klingt so niedlich Des Meisters Säuselton. Er trank, entschlummert friedlich, Und horch, da schnarcht er schon. Frühlingslied In der Laube von Syringen, Oh, wie ist der Abend fein. Brüder, laßt die Gläser klingen, Angefüllt mit Maienwein. Heija, der frische Mai Er bringt uns mancherlei. Das Schönste aber hier auf Erden Ist lieben und geliebt zu werden, Heija, im frischen Mai. Über uns die lieben Sterne Blinken hell und frohgemut, Denn sie sehen schon von ferne, Auch hier unten geht es gut. Wer sich jetzt bei trüber Kerzen Der Gelehrsamkeit befleißt, Diesem wünschen wir von Herzen, Daß er bald Professor heißt. Wer als Wein- und Weiberhasser Jedermann im Wege steht, Der genieße Brot und Wasser, Bis er endlich in sich geht. Wem vielleicht sein altes Hannchen Irgendwie abhanden kam, Nur getrost, es gab schon manchen, Der ein neues Hannchen nahm. Also, eh der Mai zu Ende, Aufgeschaut und umgeblickt, Keiner, der nicht eine fände, Die ihn an ihr Herze drückt. Jahre steigen auf und nieder; Aber, wenn der Lenz erblüht, Dann, ihr Brüder, immer wieder Töne unser Jubellied. Heija, der frische Mai, Er bringt uns mancherlei, Das Schönste aber hier auf Erden Ist lieben und geliebt zu werden, Heija, im frischen Mai. In trauter Verborgenheit Ade, ihr Sommertage, Wie seid ihr so schnell enteilt, Gar mancherlei Lust und Plage Habt ihr uns zugeteilt. Wohl war es ein Entzücken, Zu wandeln im Sonnenschein, Nur die verflixten Mücken Mischten sich immer darein. Und wenn wir auf Waldeswegen Dem Sange der Vögel gelauscht, Dann kam natürlich ein Regen Auf uns herniedergerauscht. Die lustigen Sänger haben Nach Süden sich aufgemacht, Bei Tage krächzen die Raben, Die Käuze schreien bei Nacht. Was ist das für Gesause! Es stürmt bereits und schneit. Da bleiben wir zwei zu Hause In trauter Verborgenheit. Kein Wetter kann uns verdrießen. Mein Liebchen, ich und du, Wir halten uns warm und schließen Hübsch feste die Türen zu. Was das Großmütterlein sang Surre, surre, surre! Mein gutes Rädchen schnurre! Für unser kleines Kätchen Dreh mir ein feines Fädchen, So lang von hier bis Köllen Wohl mehr als tausend Ellen. Wir wollen es winden Und Docken von binden, Meister Weber es geben, Soll Leinen uns weben, Das breiten wir beide Auf blumige Heide, Auf Anger und Wiesen Und wollen es sonnen, Benetzen und gießen Aus Bächen und Bronnen. Ach, komm du lieber Sonnenschein Und bleiche unser Leinen rein. Dann kriegt mein Herzenstäubchen Wohl manch ein feines Hemd Und Tüchlein oder Häubchen, Bis daß der Freier kömmt. Schön guten Tag, Herr Freiersmann! Was schaut er so mein Kätchen an? Das Kätchen geben wir nicht her, Und wenn's für tausend Taler wär. Ei, Mutter, nur nicht gleich geschmält! Den hübschen jungen Knaben, Den will und muß ich haben; Den Krauskopf, den Krauskopf Hab ich mir auserwählt. Und willst du denn ein Bräutchen sein, So geb ich meinen Segen drein. So manches Blümlein wachsen mag Von Ostern bis Michelistag, So manches Körnlein, als man sät, So mancher Halm in Ähren steht, So vielmal Gutes wünsch ich dir Aus meines Herzens Grund herfür. Und wenn die Pfeifen klingen, Dann tanzen wir und springen; Dann spring ich wohl und tanz ich Von Danzig bis nach Nanzig – Knipp, knapp! Da reißt mein Faden ab! Zu Neujahr Will das Glück nach seinem Sinn Dir was Gutes schenken, Sage Dank und nimm es hin Ohne viel Bedenken. Jede Gabe sei begrüßt, Doch vor allen Dingen: Das, warum du dich bemühst, Möge dir gelingen. Am Vorabend von Rosens Geburtstag Lauschend am Fenster sitzt der Poet. – Draußen die Blumen und Pflänzchen Halten ihr Abendkränzchen Auf dem Gartenbeet. Der Mond in Silberlivree, Leise geschäftig, Kredenzt den Tau, den Blütentee, Anregend und kräftig. Und von Kelch zu Kelche Geht ein Geflüster: Also morgen ist er! Ja, morgen feiert sie Ihren werten Entsprießungstag – Hä, was? Hä, welche? – – Drüben im Garten die schöne Frau Rose – – Ah! mit den zwei Knospen die! – – die tadel- und dornenlose – – Wer's glauben mag! – Von Duft und Glanz umwoben. Man weiß, man weiß! Die gute Frau Ehrenpreis Muß immer loben. Und doch hat unser Röschen, das feine, Allerlei kleine Grillen und Räupchen Unter dem zierlichen Häubchen. Oh, wie reizend! Bald steht sie da so mildiglich Und senkt die Blätter, Bald rüttelt, schüttelt und spreizt sie sich, Je nach dem Wetter. Oh, wie reizend! Ja, reizend, das wollt ich meinen! Drum sieht man auch häufig den Löwenzahn, Den Rittersporn und den Baldrian Dort wachsen und erscheinen. Oh, wie reizend! Ja, reizend, ganz recht! Und dann dieser Musenknecht, Dieser Dichter – Der Versetrichter – – mit den langen Locken – – mit dem Loch im Socken. Oh, wie reizend! Alltäglich kläglich mit Gefühl In ihrer Nähe Entlockt er seinem Saitenspiel Lieblich Getön Und singt so schön – – wie 'ne Mantelkrähe. Zum Beispiel, noch gestern – – Geliebte Schwestern! – Ihr Muster der Milde! Ihr Tugendgebilde! Wen sollte der festliche Tag nicht rühren! Ich denke doch – – Ja, ja, wir alle gratulieren!! Ein Schöngeist blüht in unsrer Mitte, Ein hochgeschickter – Fräulein Federnelke – Oh, bitte! Blaustrumpf, verrückter! – – Federnelke, die wundersame, So lautet ihr holder botanischer Name. Vielleicht läßt sie sich freundlich erweichen Und schreibt und dichtet ein Billett, Duftend, geistvoll und nett. Das möge dann die dienende Biene, Unsere süße, geflügelte Schleckerkathrine, Hinschwebend im frühesten Morgenwind, Dem hohen Geburtstagskind Ehrfurchtsvoll sumsend überreichen. Oh, wie reizend! »Veredelte Rose und Nachbarin! Nehmet dies Brieflein gnädig hin, Sintemalen dasselbe geschrieben Von allerlei Pflanzen, welche Euch lieben. Verleihe der Himmel Euer Gnaden Beständig ein sanftes Sonnenlicht Und frischen Tau und meinetwegen Auch hie und da ein wenig Regen, Nur Sturmwind nicht, Denn dieser tut der Schönheit schaden. Ergebenst mit Herz und Honigmund Das Blumenkränzchen: Tugendbund.« Oh, wie reizend! Ich denke, es macht sich so! Bravo bravissimo! Noch'n Täßchen Tee gefällig? Ich trank schon drei. Ich fünf. Ich acht. Mein Mieder kracht! Gute Nacht, gute Nacht! (Die Blumen nicken. Der Mond geht unter. Der Poet, nachdem er noch einen Blick in die Nacht hinausgebohrt, schließt leise das Fenster.) Peinlich berührt Im Dorfe wohnt ein Vetter, Der gut versichert war Vor Brand und Hagelwetter Nun schon im zehnten Jahr. Doch nie seit dazumalen Ist ein Malheur passiert, Und so für nichts zu zahlen, Hat peinlich ihn berührt. Jetzt, denkt er, überlasse Dem Glück ich Feld und Haus. Ich pfeife auf die Kasse. Und schleunig trat er aus. O weh, nach wenig Tagen Da hieß es: »Zapperment! Der Weizen ist zerschlagen Und Haus und Scheune brennt.« Ein Narr hat Glück in Masse, Wer klug, hat selten Schwein. Und schleunig in die Kasse Trat er halt wieder ein. Der Türmer Der Türmer steht auf hohem Söller Und raucht sein Pfeifchen echten Kneller, Wobei der alte Invalid Von oben her die Welt besieht. Es kommt der Sommer allgemach. Die Schwalben fliegen um das Dach, Derweil schon manche stillbeglückt Im Neste sitzt und fleißig drückt. Zugleich tritt aus dem Gotteshaus Ein neuvermähltes Paar heraus, Das darf sich nun in allen Ehren Getreulich lieben und vermehren. – Der Sommer kam, und allenthalben Schwebt ungezählt das Heer der Schwalben, Die, wenn sie flink vorüberflitzen, Des Türmers alten Hut beschmitzen. Vom Platze unten tönt Juchhei, Die Klosterschüler haben frei, Sie necken, schrecken, jagen sich, Sie schlagen und vertragen sich Und grüßen keck mit Hohngelächter Des Turmes hochgestellten Wächter. – Der Sommer ging, die Schwalben setzen Sich auf das Kirchendach und schwätzen. Sie warten, bis der Abend da, Dann flogen sie nach Afrika. Doch unten, wo die Fackeln scheinen, Begraben sie mal wieder einen Und singen ihm nach frommer Weise Ein Lebewohl zur letzten Reise. Bedenklich schaut der Türmer drein. Still geht er in sein Kämmerlein Zu seinem großen Deckelkrug, Und als die Glocke zehne schlug, Nahm er das Horn mit frischem Mut Und blies ein kräftiges Tuhuht. Das traurige Röslein Ein Röslein war gar nicht munter, Weil es im Topfe stand, Sah immer traurig hinunter Auf die Blumen im freien Land. Die Blumen nicken und winken. Wie ist es im Freien so schön Zu tanzen und Tau zu trinken Bei lustigem Windeswehn. Von bunten Schmetterlingen Umgaukelt, geschmeichelt, geküßt; Dazwischen der Vöglein Singen Anmutig zu hören ist. Wir preisen dich und loben Dich, fröhliche Sommerzeit; Ach, Röslein am Fenster droben, Du tust uns auch gar zu leid. Da ist ins Land gekommen Der Winter mit seiner Not. In Schnee und Frost verklommen Die Blumen sind alle tot. Ein Mägdlein hört es stürmen, Macht fest das Fenster zu. Jetzt will ich dich pflegen und schirmen, Du liebes Röslein du. Buch des Lebens Haß, als minus und vergebens Wird vom Leben abgeschrieben. Positiv im Buch des Lebens Steht verzeichnet nur das Lieben. Ob ein Minus oder Plus Uns verblieben, zeigt der Schluß. Notizen Kam in den 50 er Jahren nach München. – Zeichnete im Künstlerverein Jung-München viel persönliche Karikaturen. Von 1859? an beginne ich für die »Fliegenden« Texte zu illustrieren, die mir gegeben wurden. Bald aber hatte ich eigene Einfälle. Machte auch Gedichte für das Blatt, z.B. Lumpenlieder (von W. Diez illustriert), der harte Bleistift usw. Mein Monogramm (WB) setzte ich nicht immer dabei. Die Bilderbogen und größeren Bildergeschichten entstanden so, daß zuerst die Zeichnungen gemacht und nachträglich die Verse dazu geschrieben wurden, also umgekehrt wie beim Illustrieren. Max und Moritz, Schnurrdiburr usw. erschienen noch im Verlag von Braun & Schneider, nur gab ich inzwischen einen Bilderbogen ans »Daheim«; den Hans Huckebein, das Bad am Samstagabend an »Über Land und Meer« und die Bilderpossen (Sie gingen nicht) an den Verleger Richter. So arbeitete ich bis Ende der 60 er Jahre fast nur für Braun & Schneider. Ungefähr zur Zeit der Unfehlbarkeitserklärung kam der Heilige Antonius bei Schauenburg in Lahr heraus. (Wurde angeklagt, aber freigesprochen vom Schwurgericht in Offenburg-Baden.) Von nun an erschienen alle meine Sachen, Fromme Helene usw., in der Fr. Bassermannschen Verlagsbuchhandlung. (Ausgenommen etwa ein Bilderbogen für den Kladderadatsch und einige Zeichnungen in Kunst für Alle.) Einen Heiligen Antonius, alte Schrift, Zeichnungen etwas verändert und koloriert, Pergamenteinband, außerdem die Entwürfe zu Fromme Helene und Bilder zur Jobsiade schenkte ich an Frau Johanna Keßler in Frankfurt a/M., die auch zwei von mir modellierte Büsten in Gips, Silhouetten und einige Ölbilder von mir besitzt. Was ich ehedem sonst noch zu malen versuchte, ist im Besitz von Verwandten. – Alle Überreste aus Skizzenbüchern hab ich meiner Schwester Fanny geschenkt. – Manches ist verstreut, ich weiß nicht wohin. Wilhelm Busch Mechtshausen, Oktober 1906