Stippstörchen für Aeuglein und Oerchen Stippstörchen für Aeuglein und Oerchen von Wilhelm Busch. Titelblatt der ersten Ausgabe (1880) [Rotkelchen] Rotkehlchen auf dem Zweige hupft, wipp wipp! hat sich ein Beerlein abgezupft, knipp knipp! läßt sich zum klaren Bach hernieder, tunkt's Schnäblein ein und hebt es wieder, stipp stipp nipp nipp! und schwingt sich wieder in den Flieder. Es singt und piepst ganz allerliebst, zipp zipp zipp zipp trili! sich seine Abendmelodie, steckt's Köpfchen dann ins Federkleid und schlummert bis zur Morgenzeit. Das brave Lenchen Auf einem Schlosse fern im Holz wohnt eine Frau gar reich und stolz. In einem Hüttchen arm und klein wohnt Lenchen und ihr Mütterlein. Das Mütterlein ist schwach und krank und ohne Geld und Speis und Trank. Da denkt das Lenchen: »Ach, ich lauf um Hilfe nach dem Schloß hinauf!« Es nimmt sich nichts wie einen Schnitt vom allerletzten Brote mit. Und wie es kommt bis an den Steg, sitzt da ein armer Hund am Weg. »Ach!« – ruft der Hund – »mein Herr ist tot; hätt' ich doch nur ein Stückchen Brot!« »Hier!« – spricht das Lenchen – »hast du was!« zieht's Brot hervor und gibt ihm das. Und wie es weiter fortgerannt, liegt da ein Fisch auf trocknem Sand. »Ach!« – ruft der Fisch und zappelt sehr – »wenn ich doch nur im Wasser wär!« Gleich bückt das Lenchen sich danach und trägt ihn wieder in den Bach. Dann ist es weiter fortgerannt, bis es die Frau im Schlosse fand. – »Ach, liebe Frau, erbarmt euch mein, ich hab ein krankes Mütterlein!« »Fort!« – schreit die Frau – »nichts gibt es hier!« und jagt das Lenchen vor die Tür. Das Lenchen sieht vor Tränen kaum und setzt sich stumm an einen Baum. Und horch, im hohlen Baum erklingt ein feines Stimmlein, welches singt: »Mach auf, mach auf, ich bitt gar schön, möcht gern die liebe Sonne sehn!« Im Baum da ist ein Löchlein rund, ist zugesteckt mit einem Spund. Den zieht das Lenchen aus und spricht: »So komm ans Licht, du armer Wicht!« Sieh da, und eine Schlange schmiegt sich aus dem Baum hervor und kriecht und schlingt und schlängelt mit Gezisch sich in das dichte Waldgebüsch, und raschelt da herum und kam und bracht ein Blümlein wundersam. O Krankentrost, du Blümlein rot, Herztulipan, hilf aus der Not! Das Lenchen nimmt das Blümlein an und eilt nach Haus so schnell es kann. Und wie es kommt bis über'n Steg, tritt ihm ein Räuber in den Weg. Dem armen Lenchen stockt das Blut, läßt's Blümlein fallen in die Flut. Da kommt der Hund und jagt zum Glück Den Räuber in den Wald zurück. Und unser Fisch ist auch nicht faul; er trägt die Blume in dem Maul. Jetzt läuft das Lenchen schnell hinein zum lieben kranken Mütterlein, legt's Blümlein ihr auf Herz und Mund, macht's Mütterlein sogleich gesund; heilt auch noch sonst viel kranke Leut und ist aus aller Not befreit. Der Räuber aber hat bei Nacht Die Frau im Schlosse totgemacht. Der Sack und die Mäuse Ein dicker Sack voll Weizen stand auf einem Speicher an der Wand. – Da kam das schlaue Volk der Mäuse und pfiff ihn an in dieser Weise: »O du da in der Ecke, großmächtigster der Säcke! Du bist ja der Gescheitste, der Dickste und der Breitste! Respekt und Reverenz vor Eurer Exzellenz!« Mit innigem Behagen hört der Sack, daß man ihn so verehrt. Ein Mäuslein hat ihm unterdessen ganz unbemerkt ein Loch gefressen. Es rinnt das Korn in leisem Lauf. Die Mäuse knuspern's emsig auf. Schon wird er faltig, krumm und matt. Die Mäuse werden fett und glatt. Zuletzt, man kennt ihn kaum noch mehr, ist er kaputt und hohl und leer. Jetzt ziehn sie ihn von seinem Thron; Ein jedes Mäuslein spricht ihm Hohn; und jedes, wie es geht, so spricht's: »Empfehle mich, Herr Habenichts!« Hänschen Däumeling Es lebt ein Schneider, leicht und dünn, mit seiner Frau gemütlich hin. Sie hatten auch ein Söhnchen schon, sehr klein und zierlich von Person. Er war nicht dicker wie die Pflaumen und grad so lang als wie mein Daumen. Drum, weil er so ein kleines Ding, nennt man ihn Hänschen Däumeling. Sein Mut jedoch ist ohne Tadel, sein Degen spitz wie eine Nadel; damit hat er an einer Wand drei Fliegen durch und durch gerannt. Drauf legt er sich im grünen Grase, um auszuruhn, auf Bauch und Nase. Ein Rabe, der spazierengeht, hat ihn mit einem Aug' erspäht. Er denkt: »Was ist das für ein Käfer?« Und rupft und zupft den kleinen Schläfer. Der dreht sich um und will den Frechen in seine dürren Waden stechen. »Kraha!« – lacht dieser – »wär nit übel! Gottlob! ich habe dicke Stiebel!« Grapps! packt er ihn, fliegt in die Höh und weit, weit über einen See. Die Eltern aber fragen bange: »Wo bleibt denn Hänschen nur so lange?« Sie suchen ihn in allen Taschen, in Stiefeln, Hauben, Büchsen, Flaschen. Sie rufen: »Herzchen!« rufen: »Liebchen!« Allein es kommt und kommt kein Bübchen. Der Rabe mit dem Hänschen flog auf einen Baum, erschrecklich hoch. Hier wünscht er ihm recht guten Morgen und läßt ihn für sich selber sorgen. Uhu! Im Astloch mit Geheule hockt eine alte Schleiereule. Und über ihm die dicke Spinne hat auch nichts Gut's mit ihm im Sinne. Schon sträubt die Eule sich und droht; das Hänschen sticht die Spinne tot. Schnell läßt er sich an ihrem Faden vom Baum herunter ohne Schaden. Juchhe! Hier unten in dem Moos Geht's lustig her und ist was los. Drei muntre Käfer trinken Met von allerbester Qualität. Da heißt es: Prost! und: Was wir lieben! Das Hänschen trinkt so viel wie sieben. Der Kopf wird schwer, die Beine knicken, bums! liegt das Hänschen auf dem Rücken. Das gibt'n Spaß! Die Käfer laufen mit ihm zu einem Ameishaufen. So was macht munter. O wie schnelle verläßt er diese Wimmelstelle! Er läuft und schlupft mit großer Freude in ein sehr enges Wohngebäude. »Nun ja!« – denkt sich der Jägersmann – »jetzt zieh ich meine Handschuh an!« Auweh! – Was war das für ein Stich!? Der Jägersmann schreit jämmerlich. Dem Hänschen wird's bedenklich doch; er möchte in ein Mäuseloch. »Ein Dieb, ein Dieb!« – so schreit die Maus und zieht ihn hinterwärts heraus. Und plötzlich geht's: Kraha Kraha!! Der böse Rab ist wieder da. Er faßt die Maus bei ihrem Schwänzchen und flattert weg mit Maus und Hänschen. »Die« – ruft der Jäger – »muß ich haben!« Bauz! – richtig trifft er Maus und Raben. Und Rabe, Maus und Hänselein plumbumsen in den See hinein. Sofort erscheint die kleine Sylphe Zephire, Königin im Schilfe, reicht ihm die Hand und lispelt fein: »Sprich, Prinz, willst du mein Liebster sein?« »Schön Dank!« – spricht er – »o Königin! Ich muß zu meinen Eltern hin!« »So geh ich mit dir!« – haucht Zephire – »mein Schifflein wartet vor der Türe!« Und wie sie so dahingefahren und mitten auf dem Wasser waren, da kommt ein dicker Hecht und: schwapp! schluckt er sie in den Bauch hinab. Ein Fischer, welcher grade fischt, hat aber gleich den Hecht erwischt. Er überbringt ihn Hänschens Mutter, die denkt: »Den braten wir in Butter!« Ratsch! wird der Bauch ihm aufgeschnitten, und sieh! wer kommt herausgeschritten? Ei! unser Hänschen, und galant führt er Zephiren an der Hand. Das wurde mal ein hübsches Paar! Sie lebten fröhlich manches Jahr. Und Hänschen ward ein Damenschneider und machte wunderschöne Kleider; und was er machte, saß. Er stieg auf eine Leiter und nahm genau das Maß. Das Häschen Das Häschen saß im Kohl und fraß und war ihm wohl. Nicht weit auf einem Rasen geht ganz gemütlich grasen ein Lämmlein weiß und schön. Da ist der böse Wolf gekommen Und hat das Lämmlein mitgenommen; Das Häslein hat's gesehn. Das Häschen sprang und lief zum Bauer hin und rief: »O weh o weh! He, Bauer, he! Grad ist der böse Wolf gekommen und hat dein Lämmlein mitgenommen!« Da nahm der Bauer Rüppel den dicken harten Knüppel, sprach: »Danke, lieber Hase!« und schlug ihn auf die Nase. Dann spricht er mit Gekicher: »Mein Kohl ist sicher!« Und wer noch fragt, was dies besagt, ist offenbar so klug als wie das Häschen war. Die beiden Schwestern Es waren mal zwei Schwestern, ich weiß es noch wie gestern. Die eine namens Adelheid war faul und voller Eitelkeit. Die andre die hieß Käthchen und war ein gutes Mädchen. Sie quält sich ab von früh bis spät, wenn Adelheid spazierengeht. Die Adelheid trank roten Wein, dem Käthchen schenkt sie Wasser ein. Einst war dem Käthchen anbefohlen, im Walde dürres Holz zu holen. Da saß an einem Wasser ein Frosch, ein grüner, nasser; der quackte ganz unsäglich, gottsjämmerlich und kläglich: »Erbarme dich, erbarme dich, ach, küsse und umarme mich!« Das Käthchen denkt: »Ich will's nur tun, sonst kann der arme Frosch nicht ruhn!« Der erste Kuß schmeckt recht abscheulich. Der gräsiggrüne Frosch wird bläulich. Der zweite schmeckt schon etwas besser; der Frosch wird bunt und immer größer. Beim dritten gibt es ein Getöse, als ob man die Kanonen löse. Ein hohes Schloß steigt aus dem Moor, ein schöner Prinz steht vor dem Tor. Er spricht: »Lieb Käthchen, du allein sollst meine Herzprinzessin sein!« Nun ist das Käthchen hochbeglückt, kriegt Kleider schön mit Gold gestickt und trinkt mit ihrem Prinzgemahl aus einem goldenen Pokal. Indessen ist die Adelheid in ihrem neusten Sonntagskleid herumspaziert an einem Weiher, da saß ein Knabe mit der Leier. Die Leier klang, der Knabe sang: »Ich liebe dich, bin treu gesinnt; komm, küsse mich, du hübsches Kind!« Kaum küßt sie ihn, so wird er grün, so wird er struppig, eiskalt und schuppig. Und ist, o Schreck! der alte, kalte Wasserneck. »Ha!« – lacht er – »diese hätten wir!!« Und fährt bis auf den Grund mit ihr. Da sitzt sie nun bei Wasserratzen, muß Wassernickels Glatze kratzen, trägt einen Rock von rauhen Binsen, kriegt jeden Mittag Wasserlinsen; und wenn sie etwas trinken muß, ist Wasser da im Überfluß. Der weise Schuhu Der Schuhu hörte stets mit Ruh, wenn zwei sich disputierten, zu. – Mal stritten sich der Storch und Rabe, was Gott der Herr zuerst erschaffen habe, ob erst den Vogel oder erst das Ei. »Den Vogel!« – schrie der Storch – »das ist so klar wie Brei!« Der Rabe krächzt: »Das Ei, wobei ich bleibe; wer's nicht begreift, hat kein Gehirn im Leibe!« Da fingen an zu quacken zwei Frösch in grünen Jacken. Der eine quackt: »Der Storch hat recht!« Der zweite quackt: »Der Rab hat recht!« »Was?« – schrien die beiden Disputaxe – »was ist das da für ein Gequackse??« – Der Streit erlosch. – Ein jeder nimmt sich seinen Frosch, der schmeckt ihm gar nicht schlecht. »Ja« – denkt der Schuhu – »so bin ich! Der Weise schweigt und räuspert sich!«