William Shakespeare
Lucretia

[715]

Dem

Hochgeborenen Herrn Heinrich Wriothesley

Grafen von Southampton und Baron von Titchfield


Die Liebe, die ich Ew. Lordschaft darbringe, ist ohne Ende: und in ihrem Rahmen bildet diese Schrift ohne Anfang nur ein überflüssiges Teilchen. Nicht der Wert meiner ungelehrten Verse sondern die Gewißheit Ihrer gnädigen Gewogenheit bürgen mir für die Annahme. Was ich geleistet habe, gehört Ihnen, was ich noch leisten werde, gehört Ihnen, denn es bildet nur einen Teil von all dem, was Ihnen dargebracht ist. Wenn mein Wert größer wäre, würde auch meine Ergebenheit größer erscheinen; aber auch so, wie sie ist, bleibt sie Ew. Lordschaft, der ich ein langes, durch alles Glück noch verlängertes Leben wünsche.


Ew. Lordschaft ganz gehorsamster


William Shakespeare

[715]

Dem Römerheer vor Ardea entflieht
Tarquin, von Schwingen schnöder Lust getragen,
Die glühnden Drangs ihn nach Collatium zieht.
Dort eine holde Beute zu erjagen,
Läßt er ein Feuer aus der Asche schlagen,
Das, lange unterdrückt, nun glutenvoll
Lucretia's keuschen Leib umschlingen soll.

Dies »keusch«, dies holde Wort gerade wetzte
Zur höchsten Schärfe sein unhold Verlangen,
Da Collatin die Klugheit oft verletzte
Im Preise von Lucretia's feinen Wangen,
Und Augen, die wie Stern' am Himmel prangen
Des Glücks, das ihm, nur ihm beschieden war,
Durch Reize, makellos und wunderbar.

Denn nachts zuvor, im Zelte des Tarquin,
Enthüllt' er ihm den Schatz der Liebeswonnen,
Den unschätzbar die Götter ihm verliehn,
Da er solch' wunderholdes Weib gewonnen;
Und meinte stolz vor Glück und unbesonnen:
Daß Könige sich wohl größerm Ruhm vermählten,
Doch nie ein Weib, so schön wie seins, erwählten.

O Seligkeit, von wenigen nur genossen!
Und mitten im Genuß schon welk und schal!
Rasch wie des Frühtaus Silberglanz zerflossen,
Trifft glühend ihn der Sonne goldner Strahl,
Das Beste kommt und flieht fast allzumal.
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In dieser Harmwelt beut nur schwache Wehre
Des Eigners Arm der Schönheit und der Ehre.

Die Schönheit überzeugt durch sich allein,
Stets siegreich treffen ihrer Augen Strahlen,
Kein Anwalt braucht ihr seinen Mund zu leihn,
Das Höchste läßt sich nicht mit Worten malen.
Und durfte Collatinus damit prahlen?
Vor Diebesohren mußt' er klüglich schweigen
Vom unschätzbaren Kleinod, das sein eigen.

Ob nun dies Prahlen, das er angehört,
Die Glut des Königssohns zum Ausbruch brachte,
– Denn oft wird durch das Ohr das Herz betört –
Ob Neid um ein so einzig Gut erwachte
In ihm, und seinen Stolz zur Wut entfachte,
Daß ihm, dem Höhern, das Geschick versagte
Glück, des ein Niedrer sich zu rühmen wagte:

Genug, ein unheilvoller Einfall hetzte
Ihn jählings fort in unheilvoller Hast,
Und über Freundschaft, Pflicht und Ehre setzte
Er leicht hinweg und eilte ohne Rast
Die Glut zu löschen, die sein Herz erfaßt.
O falsche, falsche Glut! Du stirbst verfrüht
Im Eis der Reue, eh' dein Lenz geblüht.

Der Falsche, als er nach Collatium kam,
Ward freundlich von der Römerin empfangen,
In deren holdem Antlitz wundersam
Schönheit und Tugend um die Palme rangen.
Dringt Tugend vor, färbt ros'ge Scham die Wangen,
Doch Tugend will der ros'gen Scham nicht weichen
Und läßt die Röte lilienweiß erbleichen.

Doch Schönheit weiß von Venus' Taubenpaar
Auf dieses Weiß Ansprüche herzuleiten,
Und Tugend sagt: der Schönheit Röte war
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Einst mein, ich schenkte sie den goldnen Zeiten
Als Schild, auf Silberwangen Gold zu breiten;
Und diese Zier lehrt' ich als Wehre nützen
Im Kampf mit Schmach das Weiß durch Rot zu schützen.

So sah man in Lucretia's Angesicht
Das Schönheitsrot mit Tugendweiß sich streiten,
Und fürstlich stolz tut keines ganz Verzicht:
Jedwedes weiß sein Vorrecht herzuleiten,
Voll Ehrgeiz, aus dem Anbeginn der Zeiten,
Und bietet so dem andern kühn die Spitze,
Daß sie oft wechseln auf dem Herrschersitze.

Den stillen Krieg der Lilien und Rosen
Erblickt Tarquin im Feld der schönen Wangen,
Und als Verräter beider makellosen
Kriegsscharen, gibt in feigem Todesbangen,
Besiegt, sein Auge beiden sich gefangen;
Doch statt zu triumphieren über ihn,
Den Falschen, ließen beid' ihn lieber ziehn.

Nun scheint ihm, ihres Gatten seichter Zunge,
Als sie der Knicker so verschwendrisch pries,
Fehlt' es bei ihrer Schönheit Lob an Schwunge,
Denn mehr, weit mehr als Collatin verhieß,
Des Kunst im Schildern sich höchst schal erwies,
Fand er, in stummer Huldigung mit Blicken,
Die tief in ihre Schönheit sich verstricken.

Die Heilige, verehrt von diesem Teufel,
Hat keine Ahnung seiner falschen Glut;
Nicht leicht faßt reine Seelen böser Zweifel,
Nur Vögel, schon geleimt, sind auf der Hut.
Lucretia, in Unschuld frohgemut,
Begrüßt den hohen Gast mit Ehrerbieten,
Des innre Mängel äußre nicht verrieten.

Denn mit der hohen Würde, die ihn deckt,
Birgt er im Faltenwurf der Majestät
Den niedern Sinn, daß nichts Verdacht erweckt.
Bewundrung nur zu oft sein Aug' verrät,
Das, alles habend, doch nach mehr noch späht,
Im Reichtum arm, im Überfluß entbehrend,
Von Vielem satt, doch immer mehr begehrend.

Doch sie, die nie mit fremden Blicken stritt,
Versteht nicht, was aus seinen Augen spricht;
Nichts vom geheimen Sinn teilt sich ihr mit
Der Sündenschrift in seinem Angesicht;
Der Köder lockt, die Angel schreckt sie nicht,
Sie kann aus seinem Wollustblick nur schließen,
Daß seine Augen gern das Licht genießen.

Er füllt ihr Ohr mit ihres Gatten Ruhm,
Der weiter reichte, als Italiens Grenze,
Preist Collatinus' Würd' und Heldentum,
Wie er durch jede Mannestugend glänze,
An Beute reich, im Schmuck der Siegeskränze.
Sie blickt zum Himmel mit erhobnen Händen,
Stumm ihren Dank für solches Glück zu spenden.

Ein Vorwand seines Kommens fehlt ihm nicht,
Der weit abliegt von des Besuches Zwecken;
Kein Wölkchen läßt im heitern Angesicht
Den drohenden Gewittersturm entdecken,
Bis schwarze Nacht, die Mutter aller Schrecken,
Den Tag in ihres Kerkers Wölbung zwingt
Und Dunkel über Erd' und Himmel bringt.

Nun heuchelt schwere Müdigkeit Tarquin
Und wird zu seiner Lagerstatt gebracht,
Denn nach dem Abendessen hinzuziehn
Wußt' er die Plauderei bis in die Nacht.
Der blei'rne Schlaf bekämpft mit Übermacht
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Die Lebenskräfte, und wird ihrer Meister:
Nur Diebe wachen und des Unglücks Geister.

So liegt Tarquin jetzt, die Gefahr erwägend,
Die droht, wenn er vollführt, was er geplant,
Doch keinen Schritt vom Ziel zurückbewegend,
Ob schwache Hoffnung auch zum Rückzug mahnt.
Wo ein Verzweifelter den Weg sich bahnt
Zu Raubgewinn, ob auch der Tod ihm droht:
Er stürmt zum Ziel und denkt nicht an den Tod.

Wer viel begehrt, den läßt die Habsucht nimmer
Behaglich seines Eigentums sich freuen,
Denn stets auf Zuwachs hoffend, wird er immer,
Was er gewann, vermindern und verstreuen,
Und wenn sich bis zum Überfluß erneuen
Die Schätze, schaffen sie im Überdruß
Armut des Herzens bei Goldüberfluß.

Das Streben aller ist, in alten Tagen
Wohlhäbig, sorglos und geehrt zu leben;
Alles für eins und eins für alles wagen
Wir stets bei diesem oft gekreuzten Streben.
Um Ehre wird das Herzblut hingegeben
Im Kampf; um Reichtum Ehre, und so stirbt
In Schande, wer voll Gier um Schätze wirbt.

Wir hören auf, das was wir sind, zu sein
Bei schlechtem Spiel um ein erhofftes Glück,
Und unser Ehrgeiz schafft uns stete Pein,
Nur Mängel im Besitz zeigt er dem Blick;
Denn immer vorwärts sehn wir, nie zurück
Auf was wir haben – so den Sinn verkehrend
Und unser Etwas durch ein Nichts vermehrend.

Bei solchem Glücksspiel muß nun auch Tarquin
Die Ehre opfern seiner schnöden Lust,
Und für sich selber vor sich selber fliehn,
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Sich selbst betrügen, seiner Schmach bewußt.
Wer frech die Treue bricht in eigner Brust,
In Selbstvernichtung Lastern nachzujagen,
Der darf sich über andre nicht beklagen.

Schon kam die todesstille Zeit der Nacht,
Und Schlaf lag auf den Augen schwer wie Blei;
Am Himmel selbst kein Stern des Trostes wacht;
Kein Laut als Wolfsgeheul und Eulenschrei.
Nun für das Lamm schleicht die Gefahr herbei;
Wie reine Seelen ruht es still und stumm,
Nur blutiger Mord und Wollust geh'n jetzt um.

Nun auf von seinem Lager springt Tarquin,
Den Mantel wirft er hastig um den Arm,
Begierd' und Furcht wahnsinnig schütteln ihn,
Süß schmeichelt jene, diese droht mit Harm
Und warnt ihn redlich – aber süß und warm
Lockt Wollust; und die Furcht, die lang' sich sträubt,
Weicht endlich, von der Wollust hirnbetäubt.

An einen Stein schlägt er mit seinem Schwert
Und zündet eine Fackel dann am Licht
Des Strahls, der aus dem Feuersteine fährt,
Als Leitstern für sein lüsternes Gesicht,
Derweil er also zu der Flamme spricht:
»Wie ich aus kaltem Stein ließ Feuer springen,
Muß ich Lucretia mir zu Willen zwingen.«

Hier, bleich vor Furcht, vordenkend nun erwägt er
Die Fährnis seines schändlichen Beginnens,
Und schlimme Folgen ahnend überlegt er,
Mehr sei hier des Verlierens als Gewinnens.
Er schmäht die schwache Rüstung seines Minnens,
Der nicht zu traun, und die Gedankensünde
Bekämpft er so durch tugendliche Gründe:

»Erlisch, o Fackel! leihe nicht dein Licht,
Ein Licht zu trüben heller als das deine!
Befleckt, unheilige Gedanken, nicht
Mit eurem Sündenschmutz die göttlich Reine!
Bringt heiligen Weihrauch ihrem Heiligenschreine;
Beug' einer Tat vor, schöne Menschlichkeit,
Die reiner Liebe weiß Gewand entweiht.

O Schmach auf Rittertum und Wappenglanz,
Wenn ich der Ahnen heilig Grab entweih'!
Solch' Tun umschlösse alles Böse ganz;
Ein Krieger Sklav, der Liebesschwärmerei!
Der wahre Mut gibt nicht die Ehre frei,
Die Schande, mich so weit verirrt zu haben,
Blieb ewig meinem Antlitz eingegraben.

Ja, sterb' ich, wird die Schmach mich überleben
Als Dorn im Aug' den Wappen eingeprägt;
Ein Merkmal würde mir der Herold geben,
Zu zeigen, wie mich schnöde Lust bewegt,
Daß meine Kinderzorn- und schamerregt
Mich noch verfluchen, wenn ich schon begraben,
Und wünschen, solchen Vater nicht zu haben.

Was würde, find' ich, was ich suche, mein?
Ein Traum, ein Hauch, ein flüchtiger Lustgewinn.
Wer kauft Minutenlust um Wochenpein?
Wer gibt den Weinstock um die Traube hin?
Ein Tand für ewige Schmach hat keinen Sinn,
Und ließe, um der Krone Glanz zu tragen,
Ein Bettler d'rum vom Szepter sich erschlagen?

Wenn Collatin von meinem Vorsatz träumt,
Wird er nicht aus dem Schlaf in wilder Wut
Auffahren und hereilen ungesäumt,
Dem Sturm zu wehren auf sein höchstes Gut,
Und seine Ehr' an meinem Frevelmut
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Zu rächen, daß durch mich nicht Unschuld sterbe
So jung, und Gram das Alter nicht verderbe?

Was kann ich zur Entschuldigung erfinden,
Zeiht er mich solchen Frevels? Mein Gebein
Wird kläglich zittern und mein Aug' erblinden,
Das Herz wird bluten, stumm die Zunge sein.
Wie groß die Schuld, ist auch die Furcht nicht klein,
Und große Furcht wagt weder Kampf noch Flucht,
Bricht feig zusammen vor des Schreckens Wucht.

Hätt' er mir Vater oder Sohn erschlagen,
Oder mich meuchlings selbst bedroht am Leben,
Und wär' er nicht mein Freund, so könnt' ich sagen:
Vergeltung ließ nach seinem Weib mich streben;
Doch da er mir als treuer Freund ergeben
Und Blutsverwandtschaft mich mit ihm verbindet,
Bleibt's eine Schmach, die nie Entschuld'gung findet.

Ja, schmachvoll ist's! – doch, kann man's nicht verschweigen
Haßwürdig ist's! – doch Liebe kennt kein Hassen.
Ich fleh' um Liebe – die nicht mehr ihr eigen.
Das Schlimmste wär', dürft' ich sie nicht umfassen!
Längst hat mein Wille die Vernunft verlassen.
Wer Schwäche scheut aus lasterhaftem Einwand,
Dem wird selbst bange vor bemalter Leinwand.«

So läßt er seine Gluten ohne Schranken
Zu Rat mit eisigem Bewußtsein gehn,
Weist von sich alle besseren Gedanken,
Damit die schlechtern stets im Vorteil stehn,
Die jeden guten Vorsatz gleich verdrehn,
Und ihn selbst so verwirren, einen Schein
Von Tugend seinem schnöden Werk zu leihn.

Er sprach: »Sie nahm mich freundlich bei der Hand,
Als scharf sie in mein lüstern Auge sah,
Wie ängstlich forschend nach des Heeres Stand,
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Ob ihrem Collatinus nichts geschah.
Wie reizvoll färbte Furcht ihr Antlitz da!
Bald Rosen glich's, auf Linnen schneeweiß rein,
Bald glich es solchem Linnen ganz allein.

Wie sie mich, meine Hand ergreifend, zwang,
Bei ihrem treuen Beben mitzubeben!
Und, immer mehr erbebend, in mich drang,
Bis ich die beste Kunde ihr gegeben
Von ihm, um dann ein Lächeln zu erleben,
So hold ... hätt' es Narciß gesehn, gewiß:
Selbstliebe hätte nicht ertränkt Narciß.

Warum denn nach Entschuldigungen jagen?
Des Redners Kunst verstummt, wo Schönheit spricht;
Ein armer Tropf mag sich mit Skrupeln plagen,
Ein liebend Herz erbangt vor Schatten nicht.
Die Liebe ist mein Feldherr und mein Licht,
Läßt sie ihr reichgeschmücktes Banner wehn,
Wird selbst dem Feigling Mut zum Kampf erstehn.

Fort, kind'sche Furcht und banges Überlegen!
Vernunft und Rücksicht dient nur welken Greisen;
Dem Auge stellt das Herz sich nicht entgegen,
Bedächtig Zaudern ziemt betagten Weisen,
Doch Jugend will in eignen Bahnen kreisen.
Lust sei mein Feldherr, Schönheit meine Beute;
Wer, der bei solchem Ziel das Sinken scheute!«

Wie junge Saat dem Unkraut, also weicht
Bedächt'ge Furcht dem stürmischen Verlangen,
Wie er mit Lauscherohren vorwärts schleicht
Und freche Hoffnung mit verlegnem Bangen
(Das unterdrückt zwar, doch nicht ganz vergangen)
So in ihm stritt, daß immer noch ein Schwanken
Blieb zwischen Lustbegier und Furchtgedanken.

Ihm zeigt sein innres Aug' ihr himmlisch Bild,
Doch auch zugleich das Bild von Collatin;
Der Blick auf sie macht ihn ganz wirr und wild,
Allein der Himmelsblick, den sie auf ihn
Gerichtet, will ihn läuternd aufwärts ziehn,
Sein sündig Herz für bessre Regung werben.
Umsonst! Zu tief schon steckt er im Verderben.

Die bösen Lüste, dienend ihm verbunden,
Geschmeichelt von des Führers heiterm Schein,
Erfüllen ihn wie die Minuten Stunden,
Bestrebt, so munter wie er selbst zu sein,
Und mehr Tribut, als nötig, ihm zu weihn.
So tollkühn zu Lucretiens Bette schreitet
Der Herrscher Roms, von wilder Gier geleitet.

Die Türen zwischen ihrem Schlafgemach
Und seinem Willen tun, von ihm gesprengt,
Sich auf, doch rufen knarrend Vorsicht wach
In ihm, daß er bei jeder Schwelle denkt
Des Räuberziels, das seine Schritte lenkt;
Da kreischen Wiesel auf, die ihn entdecken,
Sie schrecken ihn, doch er besiegt den Schrecken.

Und wie die Pforten ihm den Weg erschweren,
Kämpft auch durch Mauerspalten mit dem Licht
Der Wind, und bläst, um seine Qual zu mehren,
Die Fackel aus, den Rauch ihm in's Gesicht,
Daß ihm zum Ziel die Führung nun gebricht;
Doch bleibt sein glühend Herz ihm treu verbündet,
Daß er die Fackel bald aufs neu entzündet.

Auf Binsenmatten sieht er bei dem Licht
Lucretiens Handschuh', die nah' vor ihm lagen;
Er greift danach, doch eine Nadel sticht
Ihn in die Hand, als wollte sie ihm sagen:
»Die Handschuh' können Tändeln nicht vertragen,
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Du hast's gefühlt; leg' rasch sie wieder hin,
Der Putz ist keusch wie die Gebieterin.«

Doch hemmt ihn kein so dürft'ges Warnungszeichen,
Er deutet sie im schlimmsten Sinne nur,
Ihm müssen Türen, Wind und Handschuh' weichen,
Er sieht in allem nur des Zufalls Spur,
Gleichsam Gewichte, die die Stundenuhr
Im Gang verzögernd hemmen, bis der Stunde
Die Schuld entrichtet jegliche Sekunde.

Er sprach: »Stets hemmt Verzug der Zeiten Schwingen,
Wie schwacher Nachtfrost oft dem Lenz noch dräut.
Damit die Knospen um so schöner springen,
Der Vögel Sang sich fröhlicher erneut,
Nur der gewinnt, wer die Gefahr nicht scheut;
Es dräu'n Piraten, Sturm und Fels zu stranden
Dem Kaufmann, eh' er reich daheim darf landen.«

Nun hat er schon des Zimmers Tür erreicht,
Die ihn vom Himmel seiner Wünsche trennt;
Nichts mehr als eine Klinke, die bald weicht,
Hält ihn zurück vom Schönsten, was er kennt
Und zu erlangen so gottlos entbrennt,
Daß er zum Himmel fleht um Hilf und Huld –
Gleichwie zum Hohn auf himmlische Geduld.

Doch während seine Bitten sich vergebens
Frech an die ew'gen Himmelsmächte wenden,
Daß er das holde Ziel unholden Strebens
Erreiche – fühlt er selber sein Verblenden,
Fährt plötzlich auf und spricht: »Ich muß sie schänden!
Der Himmel kann mir keine Hilfe leihn
Bei meiner Tat, die ihm ein Greu'l muß sein.

Nun sei'n mir Glück und Liebe Gott und Rat!
Den Willen unterstützt verwegner Mut;
Gedanken sind nur Träume bis zur Tat,
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Vergebung macht die schwerste Sünde gut,
Das Eis der Furcht schmilzt in der Liebe Glut.
Des Himmels Aug' erlosch, und finstre Nacht
Verhüllt die Scham, die nach der Lust erwacht.«

Nun hebt die Klinke seine Sünderhand,
Er öffnet mit dem Knie die Türe weit;
Fest schläft das Täubchen, das die Eule fand;
Verrat, eh' man Verräter sieht, gedeiht.
Sonst springt, wer eine Schlang' erblickt, beiseit';
Doch sie, der Schlange Näh' nicht ahnend, liegt
Ihr preisgegeben, süß in Schlaf gewiegt.

Mit weitem Räuberschritt schleicht er in's Zimmer,
Sieht das noch unentweihte Lager, dicht
Verhüllt vom Vorhang. Spähend gieriger immer
Rollt ihm das Aug' im glühenden Gesicht,
Bis es zur Hand, das Herz verratend, spricht:
Fort mit den neid'schen Wolken, die mir ganz
Verhüllen dieses Mondes Silberglanz!

Wie wenn in hellster Glut aus Wolkenwogen
Die Sonne steigt und blendet das Gesicht,
So wird, als er den Vorhang weggezogen,
Sein Aug' geblendet von noch schön'rem Licht.
Ob es Lucretiens holden Anblick nicht
Ertragen kann? Ob Scham es übergossen?
Genug, es schließt sich und es bleibt geschlossen.

O, wär' es tot in dunkler Hast geblieben,
Daß es nichts Schlimmres sähe, als es sah!
Dann ruhte, hochbeglückt durch treues Lieben,
Ihr Collatin noch bei Lucretia.
Doch als es aufging, war das Unglück da,
Das, um geweihte Bande unbekümmert,
Der beiden ganzes Lebensglück zertrümmert.

Die Lilienhand ruht an der Rosenwange,
Das Küssen so dem Kissen mit ihr wehrend,
Worüber dies, geteilt, in zorn'gem Drange
Hochaufschwillt, sich nach beiden Seiten kehrend,
Im Anblick ihres Hauptes sie verehrend.
So liegt sie da, ein Monument der Tugend,
Zur Augenweide lasterhafter Jugend.

Die andre Hand liegt auf der grünen Decke
Des Betts, und zeigt solch' makelloses Weiß,
Wie Blüten im April an Baum und Hecke,
Noch glänzend von des Frühtaus Perlenschweiß.
Ihr Augenpaar im dunkeln Doppelkreis
Gleicht Ringelblumen, bis es sich erschließt
Und auf den Tag ein hellres Licht ergießt.

Ihr Goldhaar, wie sie atmet, steigt und sinkt
In üpp'ger Zucht und zücht'ger Üppigkeit;
Im Bild des Tods Triumph des Lebens schwingt
Sein Banner, das den Tod zum Leben weiht
Und beiden solchen Schönheitsglanz verleiht,
Als ob kein Streit mehr zwischen ihnen schwebte,
Der Tod im Leben, dies im Tode lebte.

Die Brust, zwei Globen wie von Elfenbein,
Zwei nie von andern unterworfne Welten
Als von dem Auserkornen, dem allein
Sie sich im Treugelübde zugesellten,
Und die so hoch Tarquin's Gelüsten schwellten,
Daß er, verhöhnend Ehre, Treu und Glauben,
Kam, um des Herrschers Doppelthron zu rauben.

Was konnt' er sehn, das er nicht eifrig merkte?
Was eifrig merken, das er nicht begehrte?
Und jeder neue Augenreiz verstärkte
Nur die Begier. Nicht staunend bloß verehrte
Er so viel Reiz: sein Auge förmlich zehrte
[729]
Vom Grübchenkinn, den Lippen von Korallen,
Der feinen Haut und von den Reizen allen.

Wie sich des Raubs, der nicht mehr kann entfliehn,
Der Löwe freut, schon halb gesättigt schier,
So vor der Schlafenden steht nun Tarquin.
Beim Anschaun wird die wilde Lustbegier
Gedämpft, doch nicht gelöscht; denn wie er ihr
Zur Seite steht, bald wiederum befeuern
Die Augen ihn, den Aufruhr zu erneuern.

Die Adern – gleich kampflustigen Vasallen
Und Knechten, die nach Blut und Beute jagen,
In jeder wüsten Untat sich gefallen,
Nach Kinderschrei und Mutterweh nicht fragen –
Treibt nun der Stolz, das Äußerste zu wagen;
Des Herzens Schlag gibt laut das Angriffszeichen,
Im Sturme, was sie mögen, zu erreichen.

Das Aug' erfrischt sich an des Herzens Schlagen
Und überträgt die Führung seiner Hand,
Die, stolz auf solch' Vertraun, mit kühnem Wagen
Gleich auf dem nackten Busen ihren Stand
Nimmt, als dem Herzenspunkt vom ganzen Land,
Des Türmchen, durch die Hand erstürmt, erblassen,
Von ihrer Adern blauen Reihn verlassen.

Das Blut der Adern flüchtet in die Kammer
Zurück, wo seine teure Herrin liegt,
Und bringt die Meldung ihr voll Weh' und Jammer,
Daß sie belagert sei, schon halb besiegt.
Erschreckt fährt sie empor vom Schlaf, es fliegt
Ihr Blick in den Tumult, doch jählings wendet
Er sich zurück, vom Fackellicht geblendet.

Nun denkt euch eine Frau, in stiller Nacht
Aus wilden Träumen bebend aufgeschreckt,
Im Wahn, durch eines bösen Geistes Macht,
[730]
Der sie im Traum bedroht, sei sie geweckt;
Und die nun wachend Schlimmres noch entdeckt,
Da Wirklichkeit ihr grell vor Augen brachte,
Was jedes Glied im Traum erbeben machte.

Von tausend Ängsten hin und her gezerrt
Liegt sie, dem pfeilgetroffnen Vogel gleich;
Sie will nicht sehn, allein vergebens sperrt
Ihr Auge sich: wie aus dem Schattenreich
Erscheinen Bilder, fratzenhaft und bleich,
Die, zürnend, daß die Augen sich verschließen,
Als Schreckgebilde nachts vorüberschießen.

Die Hand, die er auf ihre Brust noch hält
(Als Sturmbock auf den Wall von Elfenbein)
Fühlt, wie ihr wundes Herz bald steigt, bald fällt,
Verzweifelnd ringend gegen Todespein,
Und zittert mit der Zitternden, – allein
Dies mehrt nur seine Glut, heißt Mitleid schweigen,
Die holde Burg im Sturme zu ersteigen.

Die Zunge, als Trompete, zum Beginn,
Ertönt dem Feinde, daß er sich ergebe;
Aus weißer Decke taucht ein weißres Kinn
Und fragt: warum solch' Lärm sich da erhebe!
Tarquin hält stumm die Antwort in der Schwebe.
Sie aber forscht laut flehend nach dem Grunde
Des schnöden Überfalls zu solcher Stunde.

Er spricht: »Dein holdes Antlitz ist der Grund,
Dem selbst die Lilie seine Weiße neidet,
Und das vor Scham der Rose schließt den Mund.
In deine Farben ist mein Recht gekleidet,
Dein Banner führt mich, das den Sieg entscheidet
Beim Sturm auf deine Burg; die Schuld ist deine,
Dein eignes Aug' verriet dich an das meine.

So zeig' ich, grollst du, dir die eigne Schuld,
Denn deine Schönheit fing dich diese Nacht,
Drin du dich mir mußt fügen mit Geduld,
Da du in mir die Gluten angefacht,
Die ich umsonst bekämpft mit ganzer Macht;
Durch mein Gewissen ward die Lust beschworen,
Durch deine Schönheit ward sie neu geboren.

Ich weiß, mein Angriff wird mir Unheil bringen,
Ich weiß, die Rose wird vom Dorn bewacht,
Und aus dem Honig seh' ich Stacheln dringen, –
Das hab' ich alles vorher wohl bedacht;
Doch Lust hat meinen Willen taub gemacht
Für guten Rat, – ganz von der Schönheit Licht
Bezaubert, hat er Sinn für andres nicht.

Erwogen hab' ich recht in tiefster Seele,
Welch' Unglück, Leid und Weh' der Tat entspringt;
Doch Leidenschaft gehorcht nicht dem Befehle
Der Klugheit, ob, was sie im Sturm erringt,
Auch nichts als Schmach und Reuetränen bringt,
Verachtung, Feindschaft, Lösung teurer Bande –
Doch streck' ich meinen Arm aus nach der Schande.«

So sprechend, schwingt er seine Römerklinge,
Die, wie der Falke, der zum Himmel steigt,
Den Vogel unterm Schatten seiner Schwinge
Festbannt, weil über ihm der Tod sich zeigt;
So unter seinem Schwerte zitternd neigt
Lucretia sich dem dräuenden Gesellen,
Dem Vogel gleich, hört er des Falken Schellen.

»Lucretia«, spricht er, »mein wirst du zur Nacht,
Und sträubst du dich, bricht die Gewalt mir Bahn,
Im Bett wirst du von mir dann umgebracht,
Und noch ein armer Sklav' wird abgetan
Und dir gesellt, und allen, die dir nahn,
[732]
Schwör' ich, damit du ehrlos wirst, ich hätte
Den niedern Buhlen dir erwürgt im Bette.

So wird in Schmach dein Mann dich überleben,
Ein Merkziel jedes offnen Auges sein,
Kein Blutsverwandter darf sein Haupt erheben,
Als Bastard schilt man jedes Kind, das dein,
Und als der Quell der Schmach giltst du allein;
In Liedern wird ein Nachhall deiner Schande
Durch alle Zeiten gehn und alle Lande.

Doch gibst du nach, so bleibt dein Freund verschwiegen,
Verschwiegne Schuld ist Schuld, die nicht getan,
Zu großem Zweck ein wenig seitwärts biegen,
Heißt noch nicht weichen von der rechten Bahn.
Die stärksten Gifte sind uns untertan;
Vermischt mit reinem Stoff und Gegengiften,
Vermögen sie kein Unheil anzustiften.

Um deines Gatten, deiner Kinder willen
Erhöre mich, daß sie nicht allzumal
Den Schandruf erben, den dann nichts zu stillen
Vermag! Ein Sklaven- und ein Muttermal
Ist nicht so schlimm als solcher Schande Qual.
Was kann der Mensch, der schwache Schwächenhehler,
Für die Natur und ihre eignen Fehler?«

Mit Basiliskenblicken tödlich lugend,
Reckt er sich stumm jetzt, zuckt die finstren Brauen, –
Und sie, das Bild der reinsten Frauentugend,
Wie eine weiße Hindin, die im Grauen
Der Wüste, wo kein Recht gilt, vor den Klauen
Des Greifen bebt, – fleht zu dem Menschentier,
Das kein Gesetz kennt als die wilde Gier.

Wenn vom Gebirg her dunkle Wolken dräuen,
Im Wettersturm das Tiefland zu ereilen,
Gelingt's oft sanftem Wind, sie zu zerstreuen
[733]
Und ihre schwarzen Dünste so zu teilen,
Daß sie unschädlich flatternd oben weilen.
So hemmt ihr Wort jetzt seinen stürm'schen Drang,
Wie Pluto nickt bei Orpheus' Zauberklang.

Doch grausam, wie die krallenscharfe Katze
Mit einer Maus, treibt er nur Scherz mit ihr;
Statt gleich zu schwelgen im ersehnten Schatze,
Nährt er durch ihre Tränen seine Gier,
Im Überfluß vor Hunger lechzend schier;
Sein hartes Herz kann Mitleid nicht bewegen,
Wird auch ein Stein erweicht durch langen Regen.

Ihr mitleidflehend Auge wehvoll ruht
Auf seinem mitleidslosen Angesicht,
Ihr sittsam Wort schwimmt wie auf Seufzerflut,
Voll Anmut rührend klingt so, was sie spricht.
Oft paßt des Satzes Schluß zum Anfang nicht,
Oft auf ein Wort muß sie vergeblich sinnen,
Einmal zu sprechen zweimal erst beginnen.

Beim hehren Zeus, bei ihres Gatten Liebe,
Bei allem, was ihr hoch und heilig schien,
Bei Ehr' und Freundschaft, jedem guten Triebe
Der Menschenbrust beschwört sie weinend ihn,
Den Treubruch und ihr Schlafgemach zu fliehn,
Als Gastfreund in sein Bett zurückzukehren
Und nicht mit ihr sich selber zu entehren.

»Vergilt nicht das Vertraun, das dir geschenkt,
Mit solcher Greueltat, wie du ersannst,
Die Quelle trübe nicht, die dich getränkt,
Beschäd'ge nicht, was du nicht heilen kannst,
Such' andres Ziel, eh' du den Bogen spannst;
Der ist ein schlechter Schütz, der nicht errötet,
Wenn er die Hindin statt des Hirsches tötet.

Als meines Gatten Freund verschone mich,
Du bist ja stark und mächtig, ich bin schwach;
Mißbrauche nicht zu Schand' und Hohne mich;
Du siehst nicht aus wie ein Betrüger – mach'
Dich nicht dazu! Aus meinem Schlafgemach
Blies ich mit Seufzersturm dich gern von hinnen –
O, laß nicht hilflos meine Tränen rinnen.

Die, ein empörtes Meer, an's Herz dir schlagen
Und flehn, mich nicht dem Untergang zu weihn,
Dein hartes Herz zu sänftigen durch mein Klagen –
Zu Wasser wird ja, löst man ihn, der Stein;
Und willst du härter noch als Kiesel sein?
Laß meine Tränen Mitleid in dir schüren –
Mitleid bahnt sich den Weg durch Eisentüren.

Ich nahm dich freundlich auf hier als Tarquin;
Kamst du, um Schmach ihm anzutun, hieher?
O all' ihr Götter! Wird die Schuld verziehn,
Zu schänden hoher Fürsten Nam' und Ehr'?
Du bist nicht, was du scheinst, und wenn es wär',
Scheinst du nicht, was du bist; denn Fürstenhoheit.
Ist göttergleich und meidet Schmach und Roheit

Welch' böse Saat wird dir dein Alter tragen,
Knospt deine Sünde so im Lenze schon!
Darfst du, in Hoffnung noch, das Schlimmste wagen,
Was wagst du erst, wenn auf dem Königsthron?
Bedenk', des bösen Leumunds Zungen drohn
Selbst den Vasallen, die gefrevelt haben:
Mit Königen wird nicht ihre Schmach begraben.

Aus Furcht nur liebt man dich nach solcher Tat,
Doch gute Fürsten fürchtet man aus Liebe,
Als Räuber dulden müßtest du im Staat,
Daß straflos der gemeinste Räuber bliebe;
Darum bekämpfe deine bösen Triebe,
[735]
Denn Fürsten sind für ihre Untertanen
Buch, Schul' und Spiegel, an das Recht zu mahnen.

Willst du denn Schule schnöder Wollust sein?
Das Buch, das der Verführung Lehren künde?
Der Spiegel, darin alle, Groß und Klein,
Das Recht zum Unrecht sehn, Gewähr für Sünde?
Willst du, daß jede Schande sich verbünde
Mit deinem Namen, so beutst du die Stirne
Dem guten Ruf, machst ihn zur feilen Dirne.

Hast du Gewalt? Durch den, der sie verlieh,
Bezwinge deinen Willen, den Rebellen!
Doch nicht dein Schwert zum Schutz des Lasters zieh',
Es ward dir, um die Lasterbrut zu fällen.
Wie wolltest du dein Fürstenamt bestellen,
Wenn jeder Frevler dich mit Recht gemahnte,
Daß du es warst, der ihm die Wege bahnte?

Bedenk', wie widrig würd' es für dich sein,
Die eigne Schuld in andern zu entdecken!
Der Mensch sieht selten seine Fehler ein
Und sucht sie gern parteiisch zu verstecken.
Dies würde selbst im Bruder dich erschrecken
Als todeswert. Wie tief doch die schon fielen,
Die bei der eignen Untat seitwärts schielen!

Zu dir erheb' ich flehend Herz und Hand,
Zu dir – gelöst von sündigem Unterfangen:
Ruf' heim die Majestät, die du verbannt,
Dann fällt von selbst der Trug, der dich umfangen,
Ihr Ansehn bändigt frevelndes Verlangen,
Die Nebel fliehn vor ihr, dein Blick wird reiner;
Erkenn' dich selbst und du erbarmst dich meiner!« –

»Genug!« rief er, »Flut, die so ungeheuer
Anschwoll wie meine, läßt sich nicht mehr halten;
Ein Licht erlischt im Wind, – ein großes Feuer
[736]
Wird mit dem Sturm nur mächtiger sich entfalten.
Das süße Wasser, das den Meeresgewalten
Täglich Tribut bringt aus den Binnenländern,
Nährt sie, ohn' ihren Salzgeschmack zu ändern.« –

»Du bist«, sprach sie, »ein König, bist ein Meer,
Und strebst, die ungezähmte Flut zu nähren
Durch Schmach und Wollust, Sünden schwarz und schwer,
Die deines Blutes Wellen ganz entehren
Und deine eigne Art dir so verkehren,
Daß du als Meer selbst wirst zur Pfütze sinken,
Und machst die kleinen aus der großen trinken.

So steigst vor Sklaven du vom Thron herab
Und kleidest sie in deine Majestät;
Du wirst ihr Leben und sie sind dein Grab,
In Unwert sie und du in Stolz geschmäht.
Kehr' um zu deiner Hoheit, eh's zu spät.
Die Zeder beugt sich nicht den niedren Knorren,
Die ihr zu Füßen welken und verdorren.

D'rum deine Sinne, die Vasallen, laß ...«
»Nichts mehr, beim Himmel!« ruft er, »will ich hören!
Gib meiner Liebe nach, sonst wird mein Haß,
Was Liebe sanft umfinge, rauh zerstören,
Und dann, des Leumunds Ohren zu betören,
Zum Lager eines Sklaven trag ich dich,
Vereint mit ihm fällst du, wie er, durch mich!«

Er spricht's, löscht mit dem Fuß die Fackel aus,
Denn Lust und Licht sind auf den Tod entzweit;
Hüllt Sünde sich in nächt'gen Dunkels Graus.
Wächst mit dem Dunkel ihre Grausamkeit.
Ein Raub des Wolfs das arme Lämmchen schreit,
Bis es zuletzt, vom eignen Vlies erdrückt,
Im Schmerz verstummend sich zusammenbückt.

Denn mit dem Nachtgewand verhüllt er dicht
Ihr Haupt, daß man am Schrei'n sie nicht entdeckt,
Und kühlt in ihren Tränen sein Gesicht,
Die aus der reinsten Keuschheit Gram erweckt.
O, daß das Laster so die Tugend schreckt!
Vertilgten Tränen solchen Fleck der Schmach,
Lucretia ließe nie mit Weinen nach.

Mehr als das Leben wert, hat sie verloren,
Und er verlöre gern, was er gewonnen.
Aus solchem Bund wird neuer Zwist geboren,
Endlose Qual für kurze, flücht'ge Wonnen.
In Abscheu ist die glühnde Lust zerronnen.
Die Keuschheit hat nun ihren Schatz nicht mehr,
Die Lust, der Dieb, ist ärmer als vorher.

Wie Falk' und Jagdhund, wenn sie, übersatt,
Zum Beizen und zum Spüren ungeschickt,
Die Beute lassen, oder doch nur matt
Und lässig treiben, was sie sonst entzückt,
So fühlt, erschlafft, sich jetzt Tarquin bedrückt;
Sein Wonnerausch, in Überdruß verkehrt,
Verzehrt den Willen, der von ihm gezehrt.

O Sünde, tiefer als es auszusprechen
Das Wort vermag und der Verstand ergründen!
Das Laster muß aus Ekel sich erbrechen,
Noch eh' es ganz erkannt hat seine Sünden.
Nichts hemmt ein Feuer, das Begierden zünden,
Bis es zuletzt in eigner Glut verglimmt,
Dem Gaul gleich, der im Lauf sich übernimmt.

Und dann mit fahlen, abgehärmten Wangen,
Trübäugig, stirngefaltet, matt von Schritten,
Beweint den Fall kleinmütig das Verlangen,
Wie ein Verarmter, der Bankrott erlitten.
Wenn Fleisch den Kampf mit Schönheit ausgestritten,
[738]
Erlischt die Glut mit dem Erlangten schnell:
Um Gnade fleht der schuldige Rebell.

So sollt' es nun dem Herrscher Roms auch gehn;
Als er erlangt, was glühend er begehrt,
Mußt' er, sich selber richtend, eingestehn:
Durch aller Zeiten Lauf sei er entehrt,
Der Seele schöner Tempel ganz verheert,
Und Sorgen ziehn in Scharen zu den Trümmern,
Durch Fragen die Entweihte zu bekümmern.

Sie spricht: der wilde Aufruhr der Vasallen
Hab' ihr geweihtes Heiligtum entweiht,
Durch tödliches Vergehn sei sie verfallen
Dem Sündenfluche der Unsterblichkeit,
Gequält nun von lebendigen Todes Leid,
Sie habe all' das klar vorausgesehen
Und dennoch nicht vermocht zu widerstehen.

So treibt's ihn, scheu im Dunkeln fortzueilen,
Als Sieger, der sich nur Verlust gewann,
Und Wunden, die durch keine Kunst zu heilen.
Und hinter sich in noch viel schlimmerm Bann
Läßt seine Beute der unsel'ge Mann;
Sie trägt die Bürde seiner schnöden Lust,
Er schweres Schuldbewußtsein in der Brust.

Er schleicht davon gleich einem diebischen Hunde,
Sie liegt, ein müdes Lamm, trostlos allein;
Er flucht sich selbst und seiner bösen Stunde,
Sie gräbt in's eigne Fleisch die Nägel ein.
Er flieht, gehetzt von wilder Angst und Pein,
Sie flucht der Nacht, d'rin sie ihr Heil verloren,
Und er der Lust, die Unheil ihm geboren.

Er hastet fort, schwer seine Schuld zu büßen,
Sie bleibt zurück in hoffnungslosen Weh'n;
Er seufzt danach, das Morgenrot zu grüßen,
[739]
Sie möchte nie das Tageslicht mehr sehn:
»Denn«, sprach sie, »es enthüllt der Nacht Vergehn,
Und fremd ist mir die Heuchelkunst der Dirne,
Schuld zu verhüllen unter heitrer Stirne.

Die selbsterkannte Schmach ist furchterfüllt,
Daß jedes Menschenauge sie erspähe,
Und darum bleibt sie gern in Nacht verhüllt,
Erbangend vor dem Licht und Menschennähe.
Sie möchte nicht, daß man die Tränen sähe,
Die auf die Wangen ihrer Schande Mal
Eingraben wie sich Wasser frißt in Stahl.«

Lucretia scheucht die Ruh' durch ihren Schmerz
Und wünscht den Augen ewiges Erblinden,
Schlägt an die Brust und hält so wach ihr Herz
Und möchte gern sich seiner ganz entwinden,
Ihm eine reinre Wohnstatt aufzufinden;
Und so vom Gram zur Raserei gebracht,
Schmäht sie die stille Heimlichkeit der Nacht:

»Trostlose Nacht, der Hölle bist du gleich,
Du Lasterbuch und Unheilpflegerin!
Du Trauerbühne, stets an Morden reich!
Du Sündenchaos, Kupplerhegerin
Und jeder Schmach verruchte Trägerin!
Du Todeshöhle, Wollustschülerin,
Zu jeder Missetat Verführerin!

Verhaßte, dunstige, nebelgiftige Nacht!
Da du verschuldet mein unheilbar Leid,
So zeig nun auch dem Tage deine Macht,
Bekämpfe den gemeßnen Lauf der Zeit!
Und magst du nicht der Sonne Herrlichkeit
Im Aufgehn hemmen: laß beim Niedergehn
Dein Giftgewölk' ihr goldnes Haupt umwehn.

Mit faulem Dunst entweih' den frischen Morgen,
Der Reinheit Urquell selbst, das Sonnenlicht,
Dein Gifthauch treffe, eh' es sich geborgen
Sieht in der Mittagsruh', sein Angesicht,
Mit Nebelschleiern hüll' es ein so dicht,
Daß, rauh erstickt, sein Licht schon untergehe
Zur Mittagszeit und ewige Nacht entstehe!

Wär' selbst die Nacht – nicht nur ihr Sohn – Tarquin,
Er brächte Luna's Silberglanz zu Schanden,
Und ihre Sterne würden schwarz durch ihn,
Entehrt in ihren schimmernden Gewanden;
Genossen wären meiner Qual erstanden,
Und wie Geplauder lange Wege mindert,
Würde durch Mitgefühl mein Leid gelindert.

Jetzt hab' ich niemand, mit mir zu erröten,
Gekreuzten Arms mit mir das Haupt zu senken,
Ich bin allein in meines Herzens Nöten,
Muß mit verhüllter Stirn der Schande denken,
Mit heller Tränenflut die Erde tränken;
Ein bald verschwindend Denkmal sind die Zähren,
Gesetzt den Leiden, welche ewig währen.

O Nacht, mit höllenschwarzem Rauchgewande,
Verhüll' dem neidischen Tage mein Gesicht,
Das unter deinem Mantel seine Schande
Verbirgt, ob's auch vor Qual zusammenbricht!
O, weich' von deinem finstren Platze nicht!
Die Sünden alle sein, die mich verloren,
In dir begraben, wie aus dir geboren!

O, gib mich preis nicht dem geschwätzigen Tage,
Denn lesen würde man in seinem Lichte
Das Schuldbewußtsein, das ich in mir trage;
Mit Tränen steht geschrieben im Gesichte
Der Keuchheit Fall, des Ehbruchs Schmachgeschichte;
[741]
Selbst wer sonst nie mit Schrift vertraut gewesen,
Wird meine Schuld aus meinen Augen lesen.

Die Amme wird von mir dem Kind erzählen,
Ihm drohen mit dem Namen des Tarquin;
Der Redner wird's zum Schmuck der Rede wählen:
Wie mich Tarquin betrog, ich Collatin,
Und wenn zum Festgelag' die Sänger ziehn,
Dann singen sie, die Hörer zu entflammen,
Die Schuld Tarquin's mit meiner Schmach zusammen.

Um meines Gatten teurer Liebe willen,
Laß meinen guten Namen unbefleckt!
Von gift'gen Mißtrauns Wehe, nie zu stillen,
Wird Collatin sonst selbst leicht angesteckt
Und so mit unverdienter Schmach bedeckt
Sein Ruf, der rein vom Schimpf, den ich erlitten,
Rein wie ich selbst bis da in meinen Sitten.

O Schimpf, unsichtbar dem nur, der ihn trägt!
O, vom Empfänger nicht gefühlte Wunde!
Auf Collatin's Gesicht ist Schmach geprägt
Und nur Tarquin versteht die Schrift, die Kunde
Gibt von Verrat und heimlich schnödem Bunde.
Ach! Viele müssen solche Narben tragen,
Die niemand kennt als der, der sie geschlagen.

Ich sollte tragen deiner Ehren Krone,
Mein Collatin! Geraubt ward sie zumal
Mit meinem Honig, und als arme Drohne
Verkomm' ich jetzt in unfruchtbarer Qual,
Da roher Zwang mir alles, alles stahl.
Die Wespe hat, die in den Stock gedrungen,
Der keuschen Biene Honig dir verschlungen.

Zwar trag' ich Schuld am Schiffbruch deiner Ehren,
Doch dir zu Ehren nur empfing ich ihn!
Du sandtest ihn; könnt' ich ihm Zutritt wehren?
[742]
Dies hätte dich entehrt, mein Collatin,
Da er vom Weg ganz übermüdet schien
Und nur von Tugend sprach. Wer fürchtet Leid
Vom Teufel, der erscheint im Tugendkleid?

Wie kommt's, daß Würmer zarte Knospen töten?
Wie kommt's, daß Spatzen Kuckuckseier brüten?
Wie kommt zum reinsten Quell das Gift der Kröten?
Wie in das edle Herz tyrannisch Wüten?
Wie, daß selbst Könige ihr Gesetz nicht hüten?
Ach! Nichts ist so vollkommen in der Welt,
Daß nichts Gemeines sich ihm zugesellt.

Der Greis häuft Schätze, die ihm nichts mehr taugen,
Denn Krämpfe plagen ihn und Gicht und Fluß,
Kaum sieht er noch sein Gold mit schwachen Augen
Und sitzt in Qual davor wie Tantalus,
Häuft seiner Klugheit Frucht mit Überdruß;
Er hat kein Glück als Leid, daß ganze Haufen
Von Gold ihm doch Gesundheit nicht erkaufen.

Er hat es erst, wenn ohne Nutz' und Freuden,
Und läßt es bald den Kindern zum Verwalten,
Die's rasch in stolzem Übermut vergeuden; –
Den Jungen fehlt das Maß, wie Kraft dem Alten,
Das fluchbeladne Gold lang zu erhalten.
So sehn wir das erwünschte Gut zerronnen
Fast schon im Augenblick, da wir's gewonnen.

Den holden Lenz durchtosen rauhe Stürme,
Wie Unkraut dicht bei duft'gen Blumen treibt;
Wo Vögel singen, zischt auch Giftgewürme,
Wie stets das Laster sich an Tugend reibt;
Es gibt kein Gut, das sicher unser bleibt,
Und dessen Leben oder Eigenart
Gelegenheit ganz vor Verderbnis wahrt.

Gelegenheit, ja, deine Schuld ist groß!
Denn du nur führst Verräter zum Verrat,
Du stellst dem Wolf das arme Lämmchen bloß,
Das sündige Gelüst machst du zur Tat,
Höhnst Recht, Gesetz, Vernunft und guten Rat;
Aus deiner Höhle, ungesehn, ergreift
Die Sünde jeden, der vorüberstreift.

Du, du allein brichst der Vestalin Eid,
Du schürst die Glut, und alle Scham schmilzt hin;
Du schändest Treue, mordest Redlichkeit,
Der Tugend Opfer wird dir zum Gewinn,
Du Sündensporn, ruchlose Kupplerin!
Durch dich wird Leid aus Lust, aus Honig Galle,
Das Schönste, Reinste kommt durch dich zum Falle.

Verstohlenem Genuß folgt laute Schmach
Und offenes Fasten stillen Festeszeiten,
Den Schmeichelworten folgt Beschimpfung nach,
Aus Süßem mußt du Bittres stets bereiten,
Vergänglich sind all' deine Eitelkeiten;
Wie kommt es denn, daß, statt dich zu verfluchen,
Gelegenheit, so viele stets dich suchen?

Wann wirst du hilfreich dich zum Armen wenden,
Gewährung seiner Bitten zu erlangen?
Wann suchen, lange Zwietracht kurz zu enden
Und zu befrein, wen Elend hält gefangen?
Wann kommst zu Trost und Heilung du gegangen?
Der Arme, Lahme, Blinde kriecht und schreit
Zu dir und trifft dich nie, Gelegenheit.

Der Kranke stirbt – der Arzt schläft in der Kammer;
Die Waise darbt – ihr Vormund nährt sich gut;
Gerechtigkeit schwelgt bei der Witwe Jammer,
Der lust'ge Rat hemmt nicht der Seuche Wut.
Vor allem Guten bist du auf der Hut,
[744]
Doch wo es Mord gibt, Raub, Verräterei
Und Unzucht, bist du hilfreich stets dabei.

Wenn Treu' und Tugend dich um Hilfe flehn,
So fehlt dir's, nicht zu helfen, nie an Gründen;
Sie kaufen dich, frei darf das Laster gehn,
Denn sportelfrei bei dir sind alle Sünden
Und du stets froh, dich ihnen zu verbünden;
Fern hieltst du meinen treuen Collatin
Und gabst mich preis dem tückischen Tarquin!

Du trägst die Schuld an Meineid, Mord und Lug,
An Raub, Verrat, Verführung und Zerstörung,
An jeder Schändlichkeit und jedem Trug;
Du treibst zur Unzucht durch des Bluts Empörung,
Und bist Gehilfin jeglicher Betörung
Und jeden Frevels in der Weltgeschichte
Vom Schöpfungstage bis zum Weltgerichte.

Und du, der Nacht Mitschuld'ge: Scheusal Zeit,
Vertilgerin der Jugend, Sorgenschwinge,
Treulose Botin schnöder Üppigkeit,
Packpferd der Sünde und der Tugend Schlinge,
Du aller Wieg' und Grab im Weltenringe:
Da du die Ehre mir zu rauben kamst,
Nimm auch mein Leben, dessen Schmuck du nahmst!

Durch deine Sklavin, die Gelegenheit,
Betrogst du mich um meines Schlafes Frieden,
Erlaubtest ihr, mit wilder Grausamkeit
Mich in ein endlos Leidensjoch zu schmieden.
Du hast dich ganz von deiner Pflicht geschieden!
Denn Zeit soll Irrtum klären, Zwietracht enden,
Doch nicht ein keusches Ehbett plündernd schänden.

Ihr Ruhm ist, Zwist der Könige beizulegen,
Den Trug entlarvend, Wahrheit aufzudecken;
Vergangner Zeit den Stempel aufzuprägen,
[745]
Die Nacht zu schützen und den Tag zu wecken,
Aus ihrer Schuld die Schuldigen aufzuschrecken,
Prachtbauten in Ruinen umzustürmen
Und Staub auf ihren goldnen Schmuck zu türmen.

Mit hehren Kunstgebilden Würmer füttern,
Vergessenheit mit dem Verfall der Dinge,
Den Inhalt alter Bücher zu zerknittern,
Den Kiel zu ziehn aus alter Raben Schwinge,
Zu sehn, daß Nachwuchs altem Stamm entspringe, –
Am harten Stahl des Altertums zu nagen,
Das Wirbelrad des Glückes umzuschlagen.

Großmütter laß den Blick auf Enkel richten,
Zum Kinde mach' den Mann, das Kind zum Manne,
Vernichte Tiger, lebend vom Vernichten,
Des Löwen und des Einhorns Wildheit banne,
Die List in ihre eigne Klemme spanne,
Zu reicher Ernte laß die Saat gedeihn
Und höhl' mit weichen Tropfen hart Gestein!

Warum nur wirkst du als Vertilgerin,
Statt heilend auch der Sühne dich zu weihn?
Ein Augenblick der Rückkehr, Pilgerin,
Erkaufte tausend Freunde dir, und rein
Von Schuld schnell würde mancher Schuldige sein.
Von dieser Unglücksnacht nur eine Stunde
Gib mir zurück, so ging' ich nicht zugrunde!

Laß, vielgeschäftige Hand der Ewigkeit,
Den flüchtigen Tarquin die ganze Wucht
Des Unheils fühlen! Schaff ihm Kreuz und Leid,
Daß er die nächt'ge Freveltat verflucht!
Von bleichen Schatten sei er heimgesucht, –
Erfüll' sein Schuldbewußtsein so mit Grauen,
In jedem Busch ein Schreckgespenst zu schauen!

Verstör' ihm ruhelos die Zeit der Ruhe,
Den Peiniger im Bett mit Schmerz zu peinigen;
Was du ihm Böses antun kannst, das tue,
Und laß kein Mitleid seiner Qual sich einigen;
Laß Herzen, härter noch wie Stahl, ihn steinigen,
Und sanfter Frauen angeborne Mildheit
Verkehre sich bei ihm in Tigerwildheit.

Vergönn' ihm Zeit, daß er sein Haar zerraufe,
Zeit, daß er mit Verachtung selbst sich schmähe,
Zeit, zu verzweifeln an der Zeit Verlaufe,
Zeit, daß er sich als niedren Sklaven sehe,
Zeit, daß von Bettlern er sein Brot erflehe,
Und Zeit, daß, die von Mitleid selber leben,
Verschmähn, verschmähte Brocken ihm zu geben!

Laß Zeit ihm, daß er Freund' als Feinde sehe
Und aller Narren Spott zu werden meine,
Und Zeit, zu sehn, wie langsam Zeit vergehe
Zur Zeit des Grams, – und wie so kurz erscheine
Die Zeit des Lasters und der Lust wie seine, –
Und ewig laß sein Schuldbewußtsein währen,
Den Gram des Mißbrauchs seiner Zeit zu nähren!

Zeit, Lehrerin des Guten und des Schlechten,
Lehr' mich auf deinen Sündenzögling fluchen!
Laß ihn mit seinem eignen Schatten fechten
Und sich allstündlich selbst zu töten suchen,
Um Selbstmord ihm als letzte Schuld zu buchen,
Denn wo lebt sonst ein Mensch, so feil und schlecht,
Ein Henker sein zu wollen diesem Knecht?

Am tiefsten sinkt, wer auf den Thron geboren,
Wenn er die hohe Hoffnung täuscht durch Schande
Und gibt sein Ehrenteil dem Haß verloren,
Denn Menschenruhm und Schmach wächst mit dem Stande,
Die Fürstenschuld ist höchste Schuld im Lande.
[747]
Den Mond vermißt man hinter Wolkendunkel,
Doch nicht der kleinen Sterne Glanzgefunkel.

Die schwarze Krähe mag im Schlamme baden
Und ohne Spur des Schmutzes weiter fliegen!
Dem weißen Schwane aber würd' es schaden,
Der Schmutz bleibt auf dem Silberflaume liegen.
Der König – Tag – wird Nacht, den Knecht, besiegen.
Dem Flug des Adlers folgen aller Blicke,
Doch niemand achtet auf den Flug der Mücke.

Schweigt, leere Worte! Diener hohler Narren,
Fort mit euch armen, tönenden Vermittlern!
Dient der pedant'schen Schulgelehrten Sparren,
Den Silbenklaubern und den Sinnzersplittrern,
Den feilen Richtern und verdrehten Krittlern!
Mir sind Beweise keinen Strohhalm wert,
Da meinen Fall kein Wort zum Beßren kehrt.

Vergebens fluch' ich der Gelegenheit,
Der Zeit, Tarquin und meiner Unglücksnacht,
Vergebens lieg' ich mit mir selbst im Streit;
Unwiderruflich ist die Schmach vollbracht,
Das Wort hat mich zu retten keine Macht,
Von allen Mitteln tut nur eins mir gut:
Selbst zu vergießen mein entehrtes Blut.

Wie, arme Hand, macht mein Entschluß dich beben?
Du ehrst dich, mich von Schande zu befrein,
In dir wird, sterb' ich, meine Ehre leben,
Doch leb' ich fort, ist meine Schande dein;
Da du nicht konntest Schutz der Herrin sein,
Zu feige warst, dem Tugendraub zu wehren,
So töte dich und sie für dies Entehren!« –

Und bei dem Wort, aus dem zerwühlten Bette
Springt sie und sucht nach einer Todeswaffe,
Doch beut kein Mordwerkzeug die Ruhestätte,
[748]
Nichts, was gewaltsam eine Öffnung schaffe,
Die weiter als das Tor der Lippen klaffe,
Um auszumünden ihren Lebenshauch
Wie Glut des Ätna, wie Kanonenrauch.

»Verfehlt«, rief sie, »hab' ich des Lebens Zweck
Und kann dies Unglücksleben doch nicht enden!
Beim Schwert Tarquin's ergriff mich Todesschreck,
Kann denn ein Messer jetzt mein Elend wenden?
Ich fürchtete, doch ohne mich zu schänden,
Blieb, was ich war und bin: ein treues Weib; –
Doch nein! Tarquin entweihte Seel' und Leib!

Hin ist des Lebens teuerstes Juwel,
Drum darf ich mich dem Tod nicht zeigen schwach,
Denn er allein bringt Sühne meinem Fehl
Und gibt, als Ehrenzeichen meiner Schmach,
Der Lebenden ein sterbend Leben nach.
Hilflose Hilfe, die zu helfen glaubt,
Zerstört sie das, woraus der Schatz geraubt!

Nie, teurer Collatin, sollst du erfahren,
Daß meine Lippen für dich nicht mehr rein,
Nie, treues Herz, werd' ich dir offenbaren,
Wie ich mir untreu rauben ließ, was dein!
Nein, nie soll dieses Bastardreis gedeihn,
Noch der es pflanzte, deinen Namen schändend,
Dich sehn, dem Bastard Vaterliebe spendend.

Nie soll er heimlich auch nur in Gedanken
Dich höhnen, noch in seiner Freunde Kreise.
Und du sollst wissen, daß kein Gold die Schranken
Der Keuschheit brach: nur wilde Räuberweise!
Doch, ich bin Herrin meiner Lebensreise
Und will mein Zwangsvergehn mir nicht vergeben,
Bis ich es ganz gesühnt mit Leib und Leben.

Ich will dich nicht mit meiner Schmach vergiften,
Noch sie beschönigen durch Entschuldigungen,
Nicht decken Sündenschwarz mit goldnen Schriften,
Wahrheit zu bergen, falscher Nacht entsprungen:
Frei sag' ich alles! – Wie durch Niederungen
Bergquellen fließen, sollen reine Zähren
Aus meinem Aug' die schmutzigen Worte klären.«

Und schon verstummt der klagende Gesang
Der Nachtigall von ihren nächt'gen Sorgen;
Die Nacht in feierlichem Trauergang
Zog höllenwärts; errötend naht der Morgen,
Um holden Augen holdes Licht zu borgen;
Lucretia nur mag sich vor Scham nicht sehn
Und möchte trauernd ganz in Nacht vergehn.

Durch alle Spalten späht das Tageslicht
Nach ihr allein und sieht sie weinend sitzen,
Die ihm entgegenseufzt: »O Weltenlicht,
Warum kommst du, in's Fenster mir zu blitzen?
Die Schläfer kitzle mit den Strahlenspitzen,
Das Brandmal dieser Nacht läßt mich nicht ruhn
Und Nacht hat mit dem Tage nichts zu tun.«

So hadert sie mit allem, was sie sieht,
Denn Gram ist eigensinnig wie ein Kind,
Dem, schmollt es einmal, nichts zu Dank geschieht.
Nur alter Schmerz, nicht neuer, trägt sich lind,
Denn jenen zähmt die Zeit, doch wildgesinnt
Treibt dieser, rastlos um sich zappelnd, immer
Zum Abgrund wie ein ungeschickter Schwimmer.

So tief in einem Meer von Sorgen sieht sie
Sich stets mit allem ringsumher in Streit,
Und alles Schlimme zur Vergleichung zieht sie
Mit sich heran und steigert so ihr Leid
Zum Äußersten – bald stumm vor Traurigkeit
[750]
Und bald im Schmerzensausdruck überschwenglich
An Worten, jedem Tröste unzugänglich.

Der Vögel froher Sang zur Morgenstunde
Treibt bis zu finstrem Wahnsinn ihre Klagen,
Denn Frohsinn wühlt den Gram auf bis zum Grunde,
Wer trübgemut, kann Heitres nicht ertragen,
Der Gram fühlt nur am Grame sein Behagen,
Wie tiefes Leid nur da Erleicht'rung findet,
Wo gleiches Leid sich tröstlich ihm verbindet.

Zwiefach stirbt, wer ertrinkt schon nah' dem Land,
Den Hunger steigert ein erblicktes Mahl,
Das Nahn der Salbe mehrt der Wunde Brand;
Was man zum Trost ihr tun will, nährt die Qual.
Das tiefe Leid gleicht stiller Flut im Tal,
Die, wenn gedämmt, weit überschwemmt das Land,
Scherzt man mit Gram, geht er aus Rand und Band.

»Begrabt, ihr Vögel, euren Spottgesang«,
Rief sie, »in eurer federweichen Brust;
Seid stumm und still, mein Ohr haßt muntren Klang!
Mir ruhelosen Grames pflichtbewußt,
Hab' ich, trübsel'ge Wirtin, keine Lust
An lustigen Gästen; ganz in Schmerz verloren,
Leih' ich nur Trauertönen meine Ohren.

Sing', Philomele, der Entehrung Sang,
Mach dir mein wirres Haar zum Trauerhain,
Und wie die Erde weint beim Schmerzenklang,
Soll feucht mein Aug' bei deinen Klagen sein,
Mein tiefes Seufzen dir den Grundton leihn;
Dumpftönend soll Tarquinens Nam' erklingen,
Wenn du, kunstreicher, wirst von Tereus singen.

Du drückst dich an den Dorn, daß er dich ritze,
Um deinen herben Gram stets neu zu wecken,
Ich drücke eines scharfen Messers Spitze
[751]
An's Herz mir, um mein Auge zu erschrecken,
Und blinzt es, soll ein Stoß mich niederstrecken.
Dies soll der Steg sein, welcher stimmverwandt
Die Klagesaiten unsrer Herzen spannt.

Und daß du, armer Vogel, schamhaft spröde
Das Tag'slicht fliehst, im Singen ungesehn,
Laß fern uns suchen eine dunkle Öde,
Wo wir vor Frost und Hitze nicht vergehn
Und dort den Tieren klagen unsre Weh'n,
Daß sie gerührt die wilde Art verwandeln,
Sanft werden, da die Menschen tierisch handeln.«

Wie aufgeschreckt ein Reh scheu um sich blickt,
Um auszuspüren, welchen Weg es flieh',
Wie, wer in einem Labyrinth verstrickt,
Nachsinnt, daß er dem Wirrwarr sich entzieh',
So mit sich selbst in Widerspruch ist sie,
Was wünschenswerter, Leben oder Tod,
Wo Schmach dem einen wie dem andern droht.

Sie sprach: »Mich töten, würde in Entehrung
Zugleich den Körper mit der Seele ziehn;
Wer halb verliert, trägt leichter die Entbehrung,
Als wenn sein alles schwindet im Ruin.
Der Mutter ist kein Mutterherz verliehn,
Die, wenn ihr von zwei Kindern eins erliegt,
Das andre tötet und nun keins mehr wiegt.

Leib oder Seele, was war mehr zu schätzen,
Als jener rein war, diese göttlich schien?
Was war in Liebe näher mir zu setzen,
Dem Himmel gleich geweiht und Collatin?
Die Rinde von der stolzen Pinie ziehn,
Macht, daß sie welke und ihr Saft verschwinde;
So geht's der Seele, nehm' ich ihr die Rinde.

Ihr Haus ward wüst, die Ruhe wich dem Leid,
Geplündert ward ihr Heim von roher Hand,
Beraubt ihr heiliger Tempel und entweiht,
Das höchste Kleinod frech daraus entwandt –
Drum werd' es nicht Gottlosigkeit genannt,
Wenn ich die schon erstürmte Burg zerschlage
Und fort die kummervolle Seele trage.

Doch sterben will ich nicht, bis Collatin
Erfuhr von meines frühen Todes Grunde,
Sein Schwert zur Rache gegen den zu ziehn,
Der Ursach' wurde meiner Todeswunde.
Mein Blut vermach' ich in der letzten Stunde
Tarquin, der es befleckt', um den es fließt,
Sein Erbteil sei's, daraus die Rache sprießt!

Und meine Ehre soll das Messer erben,
Das vom entehrten Körper mich befreit;
Zur Ehre wird's, ist man entehrt, zu sterben,
Der Ehre gibt der Tod Unsterblichkeit.
Aus meiner Schande Asche neu geweiht
Ersteht mein Ruf, – die lebend ich verloren,
Die Ehre, wird mir sterbend neugeboren.

Doch, teurer Ehgemahl, des Heiligtum
In mir beraubt ward, was vermach' ich dir?
Sieh', mein Entschluß zu sterben, sei dein Ruhm,
Das Vorbild deiner Rache find' in mir!
Wie an Tarquin zu handeln, lies es hier:
Ich sterbe, weil ich treulos dir geworden,
Ich morde mich, wie du Tarquin sollst morden!

So soll denn kurz mein letzter Wille sein:
Den Geist dem Himmel und den Leib der Erde
Will ich, doch dir, Gemahl, die Rache weihn,
Dem Stahl die Ehre, und dem Frevler werde
Die Schmach, mir angetan an deinem Herde,
[753]
Und meinen guten Nachruf will ich schenken.
All' denen, die in Ehren mein gedenken

Du, Collatin sollst der Vollstrecker sein
Des Testaments; verwünsch' mich nicht dabei!
Mein Blut wäscht mich von aller Schande rein,
Von böser Tat macht guter Ausgang frei.
Ermatte nicht, o Herz, sag' fest: es sei!
Ergib der Hand dich, der du mußt erliegen,
Du stirbst mit ihr, doch sterbt ihr beid' im Siegen.« –

Als sie den Tod beschlossen, lebenssatt,
Wischt sie die salz'gen Tränen vom Gesicht
Und ruft, mit einer Stimme tonlos, matt,
Die Dienerin, die mit beschwingter Pflicht
Herbeifliegt. Wie wenn Schnee im Sonnenlicht
Auf Winterwiesen eben angefangen
Zu schmelzen, schienen ihr Lucretia's Wangen.

Sie beut der Herrin sittsam guten Morgen,
Im sanften Tone der Bescheidenheit,
Sieht trüben Blickes ihre schweren Sorgen
An ihres Angesichtes Trauerkleid;
Doch wagt sie nicht zu fragen, welches Leid
Den Augensonnen so umwölkt das Licht
Und warum tränenfeucht ihr Angesicht.

Doch wie die Erde weint, neigt sich die Sonne,
Daß jede Blum' ein schmelzend Auge scheint,
Entquollen Tränen jetzt dem Augenbronne
Der Magd, die um die beiden Sonnen weint,
Die der Gebietrin himmlisch Antlitz eint.
In salziger Flut erlosch die lichte Pracht,
D'rum weint das Mädchen wie die tauige Nacht.

So hübsche Weile stand das hübsche Paar,
Zwei Brunnenbildern gleich von Elfenbein;
Die eine weint mit Recht, die andre war
[754]
In Tränen nur, Gesellschaft ihr zu leihn.
Gar leicht stellt sich bei Frau'n das Weinen ein,
Denn schnell sind sie erregt durch fremden Schmerz,
Und weinten sie dann nicht, so bräch' ihr Herz.

Wie Marmor ist der Mann, wie Wachs die Frau,
Dem harten Marmor muß das Wachs sich fügen;
Dem unterdrückten Weib prägt sich genau
Des Mannes Stempel auf in Form und Zügen.
Nicht das Metall, die Stempel nur betrügen;
Drum sind die Frau'n nicht selber anzuklagen,
Wenn sie Gepräge eines Teufels tragen.

Ihr sanft Gemüt, ein freundlich offnes Feld,
Läßt jedes Würmchen sehn, das darauf kriecht;
Im Mann ein rauh verwachs'nes Dickicht hält
Geheim die Bestie, die im Dunkeln liegt.
Wenn auf Kristall auch nur ein Staubkorn fliegt,
Wird er befleckt. Der Mann birgt leicht die Sünden,
Die Frau'ngesichter wie ein Buch verkünden.

Nicht die verwelkte Blume soll man schelten,
Vielmehr den Winter, der sie welk gemacht;
Nur dem Zerstörer darf der Tadel gelten,
Nicht dem Zerstörten. Wenn die rohe Macht
Des Mannes eine Frau zu Fall gebracht,
Sollt' er's allein sein, den die Schande trifft,
Sie ist das Buch nur seiner Sündenschrift.

Dies zeigt sich klärlich bei Lucretia;
Nachts aufgeschreckt, bestürmt in Angst und Not,
Hier Untergang und dort die Schande nah',
Die den Gemahl mitschändet, ist sie tot.
Wo so den Widerstand Gefahr bedroht,
Ist todesstarr die Frau im Machtbereiche
Des Mannes, willenlos wie eine Leiche.

Zu ihrer Dienerin, dem holden Bilde
Des eignen Grams, begann nun so zu sprechen
Lucretia mit teilnahmvoller Milde:
»Kind, flutet dein Gesicht von Tränenbächen
Um Leiden, welche mir das Herz zerbrechen?
Wenn Tränen hülfen, würd' ich durch die meinen
Allein genesen, doch mir hilft kein Weinen.

Doch sag' mir, Kind, wann ging (und hier versagt
Das Wort ihr und sie seufzt) Tarquin von hinnen?«
»Ach, als ich noch im Bett lag!« sprach die Magd;
»Schilt mich die trägste aller Dienerinnen!
Nur dies kann mir Entschuldigung gewinnen,
Daß ich schon auf war, eh' die Sonne schien,
Und lang vor Tagesanbruch ging Tarquin.

Doch, hohe Herrin, darf die Magd es wagen,
Zu forschen, was dich so bedrückt und quält?« –
»Ach!« rief Lucretia, »könnt ich's dir auch sagen,
Nicht leichter trüg' ich's, wenn ich's dir erzählt –
Es ist ein Weh, wofür das Wort uns fehlt,
Und Qual, für die wir keine Worte kennen,
Kann man wohl eine Höllenmarter nennen.

Geh', hol' mir Tinte, Feder und Papier –
Doch nein, es ist zur Hand – du kannst verweilen.
Was wollt' ich doch? – Laß einen Sklaven mir
Bereit sich halten, gleich mit ein'gen Zeilen
Zu meinem lieben, teuren Herrn zu eilen:
Sag', es eilt sehr; er halte sich gewärtig
Zum Aufbruch, ich bin gleich mit Schreiben fertig.«

Die Magd verschwand; und sie beginnt zu schreiben.
Erst flüchtig über's Blatt hin fährt der Kiel,
Einander unruhvoll bekämpfend, treiben
Verstand und Gram mit ihm ein traurig Spiel.
Es löscht der Wille, was dem Geist gefiel,
[756]
Und wie die Menschen im Gedräng' am Tor,
Drängt ein Gedanke sich dem andern vor.

Zuletzt beginnt sie so: »Dem würdigen Gatten
Wünscht die unwürdige Gattin Wohlergehn.
O wolle, Teurer, huldvoll mir gestatten
(Verlangt es Dich, Lucretia noch zu sehn),
Um eiligsten Besuch Dich anzuflehn. –
Aus unserm Trauerhause. – So empfehle
Ich kurz mich Dir mit kummervoller Seele.«

Sie schließt den Brief, der schwer geheimes Wehe
Nur leicht andeutungsweise offenbart,
Daß Collatin aus flücht'gem Wort ersehe
Ihr Leiden, aber nicht des Leidens Art.
Die volle Wahrheit bleibt ihm aufgespart,
Damit er nicht noch Schlimmeres vermute,
Bevor die Schuld gesühnt mit ihrem Blute.

Sie hält die Schmerzensglut in stummem Bann,
Bis selbst er kommt, um alles zu vernehmen,
Und sie mit Seufzern und mit Tränen dann
Das Ungeheure zierlich mag verbrämen,
Die Ehre lösen, den Verdacht beschämen.
Sie will den Brief mit Worten nicht beflecken,
Bis Taten sühnend diese Worte decken.

Mehr rührt ein Leidgesicht als Leidbericht;
Das Aug' erklärt dem Ohr das stumme Spiel
Des Leids, das wahrnehmbar nur dem Gesicht:
Wie schwer auf jeden Teil sein Anteil fiel.
Wer Schmerz bloß schildert, kommt nur halb zum Ziel.
Die seichte Furt rauscht lauter als die See
Und Worthauch ist wie Ebbewind dem Weh'.

Gesiegelt ist der Brief und überschrieben:
»Dem Herrn in Ardea, mit größter Schnelle.«
Der harrende Bote nimmt ihn, und getrieben
[757]
Zur Eile wird der mürrische Geselle
Wie Vögel von des Nordwinds luft'ger Welle.
In solcher Not erscheint der schnellste Flug
Der Ungeduldigen nicht schnell genug.

Der plumpe Bursch verneigt sich vor ihr tief,
Sieht sie, vor ihrem Blick errötend, an,
Sagt weder Ja noch Nein, empfängt den Brief,
Fort mit verschämter Unschuld eilt er dann.
Sie denkt: »Um mich errötet dieser Mann;
Denn wer sich schuldbewußt, lebt stets in Sorgen,
Daß jeder seh', was in der Brust verborgen.«

Dem Armen lag es fern, Verdacht zu schöpfen!
Blöd' war er, linkisch, aber treu und echt.
Bei so harmlos unschuldigen Geschöpfen
Zeigt nur ihr Handeln, was im Dienste recht;
Manch andrer redet gut und handelt schlecht,
Doch dieses Muster guter, alter Zeit,
Zeigt durch den Blick nur, wie es dienstbereit.

Sein Feuereifer weckt in ihr Verdacht,
Wie seine, glühn errötend ihre Wangen,
Sie wähnt, er wisse, was Tarquin vollbracht,
Und blickt ihn forschend an; er wird befangen,
Bis ganz in Glut sein Antlitz aufgegangen;
Sie wähnt, je mehr das Blut zu Kopf ihm zieht,
Er um so mehr von ihrer Schande sieht.

Kaum ist er fort, beginnt sie schon zu klagen,
Daß er noch nicht zurück mit dem Gemahl;
Sie weiß die trübe Zeit nicht totzuschlagen,
Das Weinen, Seufzen, Ächzen wird ihr schal,
Ihr Leid ist matt durch Leid, die Qual durch Qual;
Für eine Weile schweigt ihr banges Stöhnen,
Als suche sie nach neuen Trauertönen.

Da fällt ins Auge ihr ein kunstreich Bild
Von Troja, wie die Griechen es bedrohn
Um Helena. Ihr Heer im Kampfgefild'
Ist dargestellt im Sturm auf Ilion,
Das wolkenhohe, nah' dem Falle schon.
Der Maler ließ so hoch die Türme steigen;
Der Himmel schien, sie küssend, sich zu neigen.

Die Kunst schien die Natur zu überringen,
Den Trauerbildern Leben einzuhauchen;
Aus mancher Witwe Augen Tränen dringen,
Die in das Blut gefallner Helden tauchen,
Man sah das rote Blut noch förmlich rauchen;
Manch' sterbend Aug' in mattem Licht noch flimmert,
Wie's nachts von ausgeglühten Kohlen schimmert.

Schanzgräber sind hier rüstig auf den Beinen,
Von Schweiß und Schmutze triefend, schwarz wie Krähen;
Und von den Türmen Trojas wirklich scheinen
Aus Scharten Menschenaugen herzuspähen
Auf's Griechenheer, als ob sie traurig sähen.
Der Maler, mit beseelendem Geschick,
Gab Trauerausdruck selbst dem fernsten Blick.

Wie zeigt in Haltung sich und Angesicht
Der Führer Majestät! Und ihnen weichen
Die jüngern Krieger an Beherztheit nicht.
Doch auch Feiglinge sieht man, die mit bleichen,
Verstörten Zügen bebend vorwärts schleichen:
Sie gleichen Bauern, bangend für ihr Leben,
Man schwört, man seh' sie leibhaft vor sich beben!

Seht Ajax hier und dort Ulysses stehn,
Wie ausdrucksvoll, wie lebenswahr gemalt!
Im Antlitz offen ist das Herz zu sehn,
Das Innre ganz im Äußern abgestrahlt:
Der wilde Ajax, dessen Mut oft prahlt,
[759]
Ulysses, dessen kluges, mildes Auge
Zeigt, daß vor allen er zum Herrscher tauge.

Den greisen Nestor sieht man stehn, als feure
Er eben seine Griechen an zum Streit,
Mit ruhiger Handbewegung, scheint es, steure
Er nach begeistrungsvoller Achtsamkeit;
Sein Silberbart, den Worten zum Geleit',
Bewegt sich auf und ab; dem Mund entschweben
Hauchwölkchen, die sich kräuselnd dünn erheben.

Und um ihn wogt ein gaffendes Gedränge
Und scheint des Weisen Rede zu verschlingen.
Nicht zwei sind gleich in dieser Lauscher Menge,
Sie stehn, als hörten sie Sirenen singen
Und wollen alle gern nach vorne dringen.
Fern reckten Köpfe sich, die fast genauer
Sahn als die nächsten dieses Bilds Beschauer.

Der legt die Hand auf eines andern Haupt,
Des Nas' umschattet seines Nachbars Ohr;
Der wird ganz rotgequetscht und keucht und schnaubt,
Der flucht, daß sich ihm andre drängen vor;
Der ist nah' dem Ersticken – und so gor
Die Menge: lauschte sie nicht Nestors Wort,
Wär' es zu Kampf gekommen und zu Mord.

Anregend, geistbelebend wirkt durch's Ganze
Die Schönheit, die Natur mit Täuschung eint;
Man sieht Achilles nicht, nur seine Lanze,
Von stahlbewehrter Hand umfaßt – doch meint
Man ihn zu sehn, der nur dem Geist erscheint.
Oft sieht man nur Gesicht, Kopf, Bein, Hand, Fuß,
Statt der Gestalt, die man sich denken muß.

Und hoch von Trojas schwerbedrängten Zinnen
Sahn, als der kühne Hektor zog in's Feld
Mit ihren Söhnen, viel Trojanerinnen
[760]
Den Helden nach, die Augen freuderhellt;
Allein der frohen Hoffnung schon gesellt
In manchem Blick sich trübe Ahnung auch,
Wie plötzlich sich ein Spiegel trübt durch Hauch.

Und her vom Schlachtfeld, vom Dardanerstrande
Strömt bis zum roten Simois das Blut.
Der Fluß, die Schlacht nachahmend, im Gebrande
Treibt bis zur steilen Höhe seine Flut,
Dort bricht am Felsenufer sich die Wut
Der Wellen, die sich brausend übertürmen,
Um schäumend in den Fluß zurückzustürmen.

Auf diesem Bild nun sah Lucretia
Ein Antlitz, das sie ganz gefangen nahm;
Manch' gramdurchfurcht Gesicht trat ihr schon nah',
Doch keins so ganz erfüllt von Schmerz und Gram
Wie Hekuba's, da sie verzweifelnd kam,
Zu sehn, wie ihr geliebter Priamus
Besiegt verblutet unter Pyrrhus' Fuß.

Der Maler stellt hier bis in's kleinste dar
Der Schönheit Untergang durch Gram und Zeit.
Nichts ist geblieben, wie es weiland war:
Das Antlitz trägt ein welkes Faltenkleid,
Der Adern blaues Blut ward schwarz vor Leid,
Es zeigt, da längst sein Nahrungsquell versiegt,
Ein Leben nur, das schon im Leichnam liegt.

Lucretia formt nach diesem Gramgesicht
Ihr eignes Weh'; es soll ihr Antwort geben,
Das Schmerzensbild, doch sprechen kann es nicht,
Kann keinen Fluch auf seine Lippen heben:
Der Maler war kein Gott, es zu beleben
Mit Odem, – und Lucretia bitter klagt,
Daß er so großem Weh' das Wort versagt.

Sie sprach: »Du arme Laute ohne Klang,
Ich will mit Worthauch deinen Schmerz begaben,
Will Pyrrhus fluchen, der den Mordstahl schwang
Auf deinen Gatten, er soll Rache haben,
In Tränen will ich Trojas Blut begraben,
Und allen Griechen, deinen Feinden, dringe
In's tückische Auge meines Messers Klinge!

Die Dirne zeig' mir, die den Krieg verschuldet,
Von meinen Nägeln werd' ihr Reiz verheert;
Um dein Gelüsten, eitler Paris, duldet
Jetzt Ilion den Brand, der es verzehrt;
Dein Aug' entflammte Glut, die wild sich mehrt –
Um deiner Augen Schuld muß Troja sehn
Sohn, Vater, Mutter, Tochter untergehn.

Warum verderbend auf das Haupt so vieler
Soll fallen eines einzigen Sündenlust?
Die Strafe treffe nur den falschen Spieler,
Nicht jene, die sich keiner Schuld bewußt,
Frei bleibe von dem Fluch die reine Brust!
Des einen Schuld gestraft am Allgemeinen,
Will sich mit Recht und Billigkeit nicht einen.

Seht Hekuba hier weinen, Priam sterben,
Seht Troilus und Hektor dort verbluten,
Ein Freund reißt jäh den andern ins Verderben,
Ihn achtlos treffend ohne sein Vermuten –
Und alle das um eines Lüstlings Gluten! –
Hielt Priam seinen Sohn mehr in der Hand,
Von Ruhm dann strahlte Troja, nicht von Brand.«

Lucretia weint über Trojas Weh'n,
Denn Schmerzensausdruck pflegt, wie schwere Glocken,
Einmal im Schwunge – nicht leicht still zu stehn;
Nur schwachen Anstoß braucht es, wenn sie stocken,
Um neuen Trauerton hervorzulocken.
[762]
So borgt Lucretia nur vom Bild die Blicke
Und leiht ihr Wort gemaltem Mißgeschicke.

Und wie ihr Blick das ganze Bild umspannt,
Hat sie für jede Trauerszene Klagen.
Jetzt sah sie einen Wicht, der flehend stand
Vor Hirten, die in Fesseln ihn geschlagen,
Doch lauert im Gesicht ein still Behagen:
Wie schmerzlich ihn auch seine Fesseln schnüren,
Geduldig läßt er sich nach Troja führen.

In ihm hat es des Malers Kunst erreicht,
Betrug zu bergen, harmlos zu erscheinen;
Nicht eine Spur von Schmerz die Stime zeigt,
Doch scheint das ruhige Auge feucht von Weinen;
Die Wangen weder weiß noch rot: es einen
Sich so die Farben, daß sie Schuld nicht zeigen,
Noch bleiche Furcht, die falschen Herzen eigen.

Doch ein vollendet eingefleischter Teufel,
Zeigt er so ganz des Biedermannes Züge,
Verschanzt so stark sich gegen jeden Zweifel,
Daß selbst der Argwohn kein Bedenken trüge,
Es könne schleichender Betrug und Lüge
Unheilsgewölk solch' hellem Tag gesellen
Und Höllenschuld den Heiligenschein entstellen.

Das ist der Sinon, der den alten guten
Priam durch trügerische Mär' betörte,
Des Wort aufging in wilden Feuergluten
Und das erhabene Ilium zerstörte
Und selbst den Himmel so zu Zorn empörte,
Daß kleine Sterne von der Stelle wichen,
Die unter Trojas Feuerglanz erblichen.

Bedächtig prüft Lucretia die Gestalt,
Doch möchte sie die Kunst des Malers hassen,
Der es verstand, mit zwingender Gewalt
[763]
Das Böse in so edle Form zu fassen;
Sie kann den Blick nicht von dem Bilde lassen,
Bis Wahrheit ihr im offnen Blick so klar
Erscheint, daß sie das Bild nicht hält für wahr.

»Das soll der Blick geheimer Tücke sein?«
Rief sie – und will: »das ist unmöglich!« sagen –
Da plötzlich fällt Tarquin's Gestalt ihr ein,
Erst von der Zunge ihr das Wort zu schlagen
Und dann ganz andern Sinn hineinzutragen;
»Es ist unmöglich«, sagt sie, »wie ich's fasse,
Doch solch' Gesicht zu niederm Sinn nicht passe.«

»Denn wie der schlaue Sinon hier im Bilde
Voll stiller Trauer, kam zu mir Tarquin,
Solch' Ausdruck war von Müdigkeit und Milde
Als Maske seiner Bosheit ihm verliehn;
Sein Laster, das als Ehrbarkeit erschien,
Hat mich, wie Sinon Priamus, betört,
Und ach! auch mir mein Ilion zerstört.

O seht nur, auch aus Priam's Augen bricht
Es feucht hervor bei Sinon's falschen Zähren!
O, Priam, alt bist du, doch weise nicht!
Denn Troermord wird diese Flut gebären,
Als Feuer strömen und kein Wasser nähren,
Die Tränen, denen deine sich gesellen,
Zerstören deine Burg gleich Feuerbällen.

Aus einer lichtlos kalten Hölle holen
Die Teufel ihre Macht: denn Sinon bebt
Vor Kälte, während's in ihm glüht verstohlen:
Und gläubiges Vertraun erweckt und hebt
Der Widerspruch, der so in Eintracht lebt;
So kann er Priam in's Verderben flennen,
Sein Ilion mit Tränen ihm verbrennen.«

Lucretia greift zornig mit der weißen
Hand nach dem Bild, in unruhvoller Hast
Den schönen, falschen Sinon zu zerreißen.
Sie sieht in ihm nur ihren Unglücksgast,
Um dessenwillen sie sich selber haßt;
Doch schmerzlich lächelnd hält sie ein und spricht:
»O Törin! Diesen schmerzen Wunden nicht.«

So wechselt Flut und Ebbe ihrer Sorgen
Und Zeit ermüdet Zeit bei ihren Klagen,
Bald wünscht sie, daß es Nacht sei, und bald Morgen,
Und möchte eins um's andre von sich jagen.
Lang scheint auch kurze Zeit an Schmerzenstagen.
Sei Kummer noch so schwer, er schläft nicht leicht,
Und nur wer wacht, sieht wie die Stunde schleicht.

Versunken ganz im Anschaun jener Bilder,
Vergißt sie fast sich selbst die ganze Zeit
Und fühlt den eignen Kummer etwas milder,
Den Geist beschäftigend mit fremdem Leid.
So wird ein Kurzes wohl das Herz befreit –
Es lindert wohl, doch heilt nicht unsre Wunden,
Zu sehn, daß andre gleichen Schmerz empfunden.

Doch endlich ist der Bote wieder da,
Zugleich kommt mit Gefolge Collatin;
Im Trauerkleid sieht er Lucretia,
Und um ihr Aug', das feucht von Weinen schien,
Wie Regenbogen blaue Ringe ziehn,
Die zeigen in der trüben Atmosphäre,
Daß der vertobte Sturm sich neu gebäre.

So starrt ihr nun in's Antlitz Collatin
Und weiß, von Schmerz betroffen, nichts zu sagen;
Vom Weinen rot und wund ihr Auge schien,
Die Wange leblos; doch ihm fehlt zu fragen
Die Kraft, wie sich das alles zugetragen.
[765]
So stumm erstaunt, wie wenn in fremden Landen
Sich Freunde wiedersehn, die beiden standen.

Doch endlich faßt er ihre kalte Hand
Und spricht: »Mein süßes Lieb, welch' wildes Leid
Betraf dich, daß ich dich so bebend fand?
Was hat der Wangen Frische so entweiht
Und warum trägst du dieses Trauerkleid?
Enthülle, Teure, deinen Schmerz mir frei,
Daß ich erforsche, wie zu helfen sei.«

Dreimal tief seufzt sie, eh's einmal gelingt
Der Seufzenden, vor Gram zu Wort zu kommen;
Als endlich dann ihr von der Zunge springt
Das Wort, erzählt sie (was wir schon vernommen)
Vom Raub an ihrer Ehre. Schmerzbeklommen
Hört Collatin mit seinen Weggenossen
Lucretias geheimes Weh erschlossen.

Und wie der bleiche Schwan im feuchten Horte
Sein Trauerlied beginnt vor nahem Enden,
Spricht sie: »Der Schuld geziemen wenig Worte,
Entschuldigung kann keinen Fehltritt wenden;
Mehr Leid als Worte hab' ich noch zu spenden,
Und allzulang ist meines Jammers Sage,
Als daß sie eine müde Zunge klage.

Drum lasse sie dich nur dies eine wissen:
Ein Fremder hat dein Heiligtum geraubt
Aus deinem Bett, geruht auf diesem Kissen,
Wo du zu ruhen pflegst dein müdes Haupt;
Verwelkt ist meine Ehre und entlaubt,
Das Ärgste mußte deine Gattin dulden,
Doch nur durch Zwang, nicht eigenes Verschulden.

Im Graun der dunklen Mitternacht beschlich,
Von Fackellicht geführt, hier im Gemach
Mit blankem Schwert ein Ungeheuer mich
[766]
Und flüsterte: 'Auf, Römerin, erwach'!
Ergib dich mir, sonst häuf' ich ewige Schmach
Zur Nacht auf dich und alles, was dir teuer,
Willst du nicht löschen meiner Liebe Feuer.

Ich morde', rief er, 'deiner Sklaven einen,
Ergibst du dich nicht fügsam meinem Willen;
Dann werd' ich dich im Tode ihm vereinen
Und schwören: Beide traf ich euch im Stillen
Der Wollust an und tötet' um deswillen
Euch beide im unzüchtigen Umschlingen –
Das wird mir Ruhm, dir ewige Schande bringen.'

Entsetzt fuhr ich empor, fing an zu schrein,
Doch er, sein Schwert gezückt, droht' mir mit Mord
Und schwur, ergäb' ich mich nicht willig drein,
Gesprochen hätt' ich dann mein letztes Wort
Und nur mein Name lebte schimpflich fort,
Denn alle Römer würden von mir sagen,
Daß man bei einem Sklaven mich erschlagen.

Mein Feind war stark, ich schwach, und um so schwächer,
Als ich durch ihn all' meinen Mut verlor,
Stumm machte mich mein blut'ger Urteilssprecher,
Recht und Verteidigung ließ er gar nicht vor,
Der sein Gelüst zum Zeugen rief und schwor,
Daß meine Schönheit ihm das Herz geraubt,
Und Schuld und Strafe komme auf mein Haupt.

O, lehr' du mich Entschuldigungen finden,
Laß mindestens dies meine Zuflucht sein:
Konnt' ich mein Blut dem Unrecht nicht entwinden,
Blieb mein Gemüt doch makellos und rein
Und frei von Zwang in freier Liebe dein,
Es hat der Unschuld ungetrübte Helle
Bewahrt in seiner pestgeschwärzten Zelle.« –

Er, wie ein Kaufmann plötzlich durch Verlust
Verarmt, steht da, zu schwach, den Schmerz zu tragen,
Den Kopf gesenkt, die Arme auf der Brust,
Die Augen starr. Er möchte gerne klagen,
Was ihn bewegt, und kann's vor Schmerz nicht sagen;
Umsonst strebt er danach in stummer Pein:
Was er ausatmet, trinkt sein Atem ein.

Wie hoch die Flut durch einen Brückenbogen,
Dem Aug' enteilend, mächtig vorwärts drängt,
Um strudelnd gleich darauf zurückzuwogen
Zum engen Tor, durch das sie sich gezwängt,
Und so am Ausgang wieder sich verfängt,
So geht sein Schluchzen stets dieselben Wege,
Nur immer hin und her, gleich einer Säge.

Lucretia weckt aus des Bewußtseins Schlummer
Den Gatten, da sie sieht sein stummes Leid:
»Durch deinen Kummer mehrst du meinen Kummer«,
Sprach sie, »wie Flut sich mehrt bei Regenzeit;
Du brauchst den Ausdruck deiner Traurigkeit
Nicht meiner Schmerzensflut hinzuzufügen:
Ein Paar verweinter Augen mag genügen.

Um meinetwillen, die dir treu vereint
Als Gattin war, verzögre nicht die Rache
An meinem, deinem Feind, der selbst sich feind!
Ist auch nichts mehr zu ändern an der Sache,
Zu deren spätem Rächer ich dich mache,
Zu spät für mich – doch töte den Verräter,
Denn schonend Recht vermehrt die Missetäter.

Doch, edle Herrn, eh' nenn' ich ihn euch nicht
(So redet sie zu Collatin's Geleit'),
Bis ihr mir schwört bei eurer Ehrenpflicht,
Daß jeder von euch seinen Arm mir leiht
Zu meiner Sühne ehrenvollem Streit,
[768]
Denn dazu haben Edle ihre Waffen,
Wehrlosen Frau'n Gerechtigkeit zu schaffen.«

Voll edlen Eifers sind sie rasch bereit,
Ihr Beistand zu geloben nach Gewissen
Und Ritterpflicht in solchem Ehrenstreit;
Doch möchten sie des Feindes Namen wissen,
Den zu verbergen immer noch beflissen
Lucretia; sie spricht nur: »Sagt mir an,
Womit ich meinen Schandfleck löschen kann!

Worin besteht die Schuld der Sünderin,
Die der Gewalt nicht konnte widerstreben?
Erlöst mich von der Schmach mein reiner Sinn,
Die tiefgesunk'ne Ehre neu zu heben?
Darf ich befrei'nder Hoffnung mich ergeben?
Selbst klärt die Quelle sich, die man getrübt,
Warum wird gleiches nicht in mir geübt?« –

»Ja«, riefen alle, »was den Leib geschändet,
Wird durch die reine Seele weggefegt!« –
Doch sie mit freudelosem Lächeln wendet
Ihr Antlitz, das des Unglücks Spuren trägt,
Durch heiße Schmerzenstränen eingeprägt.
»Nein«, ruft sie, »ich darf Frau'n, die nach mir leben,
Kein Beispiel leicht gesühnter Sünde geben!«

Und seufzend tief, als wollt' ihr Herz nun brechen,
Stößt sie Tarquinens Namen aus: »Er! Er!«
Und nichts als »Er!« kann ihre Zunge sprechen;
Dann hält sie ein, seufzt wieder, atmet schwer
Und haucht noch matt die Worte hinterher:
»Er ist's, er, der mir schuf mein traurig Los
Und meine Hand jetzt führt zum Todesstoß.«

Bei diesem Wort durchbohrt der scharfe Stahl
Die reine Brust; empor die Seele schwebt,
Erlöst von des befleckten Kerkers Qual,
[769]
Worin sie atmend unruhvoll gelebt;
Der Geist, befreit von Erdenleiden, hebt
Zum Himmel sich, und aus der Wunde fährt,
Was, frei von Zeitgeschicken, ewig währt.

Und wie versteinert bei der Toten da
Stand mit den Freunden Collatin im Bunde,
Doch als ihr Blut Lucretiens Vater sah,
Warf er sich auf sie. Sie traf bis zum Grunde
Ihr Herz; den Stahl zog Brutus aus der Wunde;
Es kamen ihres Blutes Purpurwogen
Dem Stahl, wie Rache heischend, nachgezogen. –

So daß vom Busen ihr zwei Ströme gleiten,
Die so sich scheiden, daß das Purpurblut
Den Körper ganz umfließt von beiden Seiten,
Der mitten wie ein wüstes Eiland ruht,
Entvölkert, nackt in dieser Schreckensflut.
Ein Teil des Blutes rein und rot noch sprudelt;
Doch schwarz scheint andres, von Tarquin besudelt.

Und um das trauerstarre Antlitz scheint
Das schwarze Blut zum Wasserreif zu steigen,
Der um die Stätte der Entweihung weint.
Seitdem, um Mitleid diesem Leid zu zeigen,
Blieb schlechtem Blut solch Wasserzeichen eigen,
Und purpurrot blieb nur das unbefleckte,
Vor Scham errötend um das angesteckte.

»O Tochter, teure Tochter!« rief Lucrez,
»Mein eignes Leben hast du dir genommen;
Des Vaters Abbild lebt im Kinde stets,
Wie kann mir ohne dich zu leben frommen?
Nicht darum bist du mir als Kind gekommen!
Stirbt vor den Eltern hin das Kind, dann sind
Nachkommen diese und nicht mehr das Kind.

Zerbrochner Spiegel, o, wie oft erschien
Ich mir in deinem Bilde neu geboren!
Nun, statt der Schönheit, die du ließest fliehn,
Hast du das Bild des Tods heraufbeschworen,
Durch dich hat dein Gesicht mein Bild verloren.
In Scherben liegt mein Spiegel ganz und gar
Und nimmer seh' ich, was ich weiland war.

O Zeit, geh' selbst zur Ruh', hör' auf zu fliegen,
Mußt du im Flug, was leben soll, erschlagen;
Soll fauler Tod die blüh'nde Kraft besiegen
Und welke Schwäche nur das Leben tragen?
Stirb, alte Biene! laß sich junge plagen.
Erwache, süße Tochter, und sieh' mich,
Den Vater, sterben, nicht der Vater dich!«

Jetzt, wie aus einem Traum, fährt Collatin
Empor und fleht Lucrez an, daß er weiche,
Wirft in Lucretia's strömend Blut sich hin,
Drin badend sein Gesicht, das schmerzensbleiche;
Er liegt wie bei der Leiche eine Leiche,
Bis Mannesscham ihn wieder hebt und spricht:
»Steh' auf, zu leben deiner Rachepflicht!«

Der tiefe Schmerz, der seine Brust beklemmte,
Hielt seine Zunge lang in stummem Zwange,
Die, wütend, daß der Schmerz den Lauf ihr hemmte
Und ein befreiend Wort verbot so lange,
Nun plötzlich klang, doch in so wirrem Klange,
Daß, wieviel Klageworte sie auch fand,
Kein Ohr auch nur ein einzig Wort verstand.

Zuweilen war's, als hörte man den Namen
»Tarquin«, doch wie zerbissen von den Zähnen,
Der Wortsturm schien, bis Regenschauer kamen,
Nur um sie zu vermehren, sich zu dehnen,
Denn als er schwieg, in Strömen flossen Tränen,
[771]
Und Sohn und Vater weinten um die Wette,
Wer um Lucretia reichre Tränen hätte.

Der eine wie der andre nennt sie sein,
Doch keiner will des andern Anspruch tragen.
»Mein ist sie!« ruft der Vater, »mein, o mein! ...«
Der Gatte ruft: »Nur ich darf um sie klagen,
Kein andrer darf, mein Recht verkürzend, sagen,
Er traure um mein Weib, denn sie war mein
Und mir geziemt die Trauer ganz allein!«

»Ach!« rief Lucrez, »ich gab dies Leben ihr,
Das sie zu früh und doch zu spät zerstört.«
»Weh' mir!« seufzt Collatin, »Weib war sie mir,
Ermordet hat sie, was nur mir gehört.«
So streiten sie, von ihrem Schmerz betört.
»Mein Weib! mein Kind!« – von diesem Echo bebt
Die Luft, in der Lucretiens Geist verschwebt. –

Brutus, der aus der Wunde zog den Stahl,
Als er im Wehstreit Sohn und Vater sah,
Schien stolz verändert jetzt mit einemmal,
Der Torheit Schein starb mit Lucretia,
In hoher Würd' und Haltung stand er da!
Nicht länger will er röm'scher Hofnarr heißen
Und Fürsten zum Ergötzen Possen reißen.

Fort wirft er das entstellende Gewand,
Das er aus kluger Vorsicht trug bis jetzt,
Und scheucht mit lang verborgenem Verstand
Den Gram, der Collatinens Auge netzt:
»Auf«, spricht er, »edler Held, so schwer verletzt!
Laß jetzt des unbegriffnen Toren Rat
Dich Weisen führen zu der rechten Tat!

Wie, Collatin, kann Weh durch Weh gesunden?
Kann Schmerz dir helfen gegen ein Verbrechen?
Nennst du es Rache, selbst dich zu verwunden,
[772]
An dir das Blut des teuren Weibs zu rächen?
Dem Römer ziemen nicht solch' kindische Schwächen!
Willst du so fehlen, wie Lucretia fehlte,
Die, statt des Feinds, sich selbst zum Opfer wählte?

Nein, Römerheld, erweiche nicht dein Herz
Durch Tränentau und unfruchtbare Klagen;
Komm', laß uns knien und blicken himmelwärts,
Daß uns die Götter beistehn, wenn wir wagen,
Die Schande aus den Straßen Rom's zu jagen;
Wir wollen unsre Peiniger wieder peinigen
Und Rom von allem, was verderblich, reinigen.

Und nun beim hohen Kapitole schwört,
Beim Sonnenlicht, das Erdenreichtum nährt,
Und bei dem keuschen Leibe hier, zerstört,
Bei allen Rechten, die uns Rom gewährt,
Und bei Lucretiens Seele, schon verklärt,
Bei ihrem blutigen Stahl – laßt uns versprechen,
Des teuren Weibs unseligen Tod zu rächen.«

Er spricht's, die Hand fest auf die Brust gelegt,
Und küßt den Stahl als seines Eides Zeugen,
Und alle schwören mit ihm tiefbewegt
Und staunend ihre Zustimmung bezeugen,
Wie sie vereint mit ihm die Kniee beugen.
Zum andernmal sagt' ihnen Brutus vor
Den heil'gen Eid, und jeder mit ihm schwor.

Und als sie so gelobt das Strafgericht,
Beschlossen sie, Lucretia fortzutragen;
Die blutige Leiche soll dem Volksgesicht
In Rom Tarquin's verruchten Frevelklagen.
Schnell ward getan, was Brutus vorgeschlagen,
Und von dem ganzen Volk, in Wut entbrannt,
Tarquin auf ewig aus der Stadt verbannt.[773]

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